»Nun wollen wir laufen,« fuhr ich fort, »damit ich nicht das Fieber

bekomme.« Darauf lief ich, was ich konnte, zum Wirthshaus hinauf, und

die Andern folgten schweigend. Christel hatte mich hinuntergleiten

sehen, das Antlitz fortgewandt, und ausgerufen: »Ich sehe ihn nie

wieder.« Als ich ins Wirthshaus hinauf kam und mich ausgekleidet hatte,

gaben sie mir Jacke und Pantalons von Flanell, welche mir gute Dienste

thaten. Nun gingen die Anderen, froh darüber, daß ich gerettet war, zu

Tisch, aber ich konnte Nichts essen. Ich legte mich in einem Nebenzimmer

aufs Bett, und als ich von dort den entsetzlichen Wasserfall in der

Tiefe brausen hörte, faltete ich meine Hände, und dankte Gott für meine

Rettung.

[Sidenote: Ein Unglückstag.]

Am Nachmittag, als wir durch die Stadt gingen, zeigten die Leute mit

Fingern auf mich und sagten: »Dort geht der Herr, der in die Cascade

gefallen ist, ohne zu ertrinken!« Es war dies ein unerhörter Zufall und

manche Leichtsinnige waren bereits von der Tiefe verschlungen worden.

Aber ich war an demselben Nachmittage wieder in Lebensgefahr; denn als

wir auf Eseln den Fels hinaufritten, hätte mich einer der Andern mit

seinem Esel beinahe in den Abgrund hinabgestürzt, indem er jubelnd von

meiner Rettung beim Wasserfalle sprach. »Laß mich nach Hause!« rief ich,

»es ist heute ein gefährlicher Tag für mich.« Aber der Abend war schön

und ruhig, und als ich in dem alten Garten, der dem Hause Este gehört

hatte, unter den großen Cypressen stand, und die Sonne in all' ihrer

Herrlichkeit untergehen sah, fühlte ich mich tief ergriffen. Ein Jahr

darauf suchte ich das Andenken in einem Gedichte »Rückblick auf Rom,«

auszudrücken, wo ich jene Begebenheit beschrieben habe.

* * * * *

[Sidenote: _Grotta ferrata._]

In der heißesten Jahreszeit zog ich mit Koës, den beiden Riepenhausen,

Kestner und Schlosser nach _Grotta ferrata_ hinaus, wo wir alle

Bequemlichkeiten entbehrten; wir hatten nur ein großes, verfallenes

Haus zu unserer Benutzung (eine frühere Villa), Kühle und frische

Luft. Obgleich wir auf dem Lande waren, konnten wir doch weder Milch

noch Sahne bekommen, sondern mußten Eier zum Morgenkaffee genießen.

Die Wirthin, eine Bauerfrau, besorgte unsere Wäsche; aber als wir sie

geglättet haben wollten, lächelte sie wie über Etwas, das sie nie gehört

hatte, und wir mußten mit ungerolltem und ungeglättetem Leinenzeuge

gehen. Ein altes Billard stand in der Halle mit einigen fünf- und

sechseckigen Kugeln. Ueberall war es, die Kunstwerke ausgenommen, eine

Seltenheit im Kirchenstaate, etwas Neuverfertigtes zu finden. Alles

war da wenigstens ein paar hundert Jahre alt; es schien, als ob die

Italiener seit der Zeit im Schlummer gelegen hätten, als ob sie nun

Somnambülen wären. Ich war so wenig daran gewöhnt, neue Gegenstände in

Italien zu sehen, daß es ordentlich mein Auge erquickte, als ich zum

ersten Male in der Schweiz wieder ein hübsches, neues, weißangestrichnes

Stacket vor einem gutgepflegten Garten erblickte. Aber wer hielte sich

doch nicht gern in einer solch verzauberten Stadt wie Rom auf, wo

schöne Feenschlösser mit herrlichen Kunstwerken und kühlen, wenn auch

altmodischen Gärten und Hecken sich dem Wanderer öffneten; wo man stets

schöne Frauen unter einem blauen Himmel findet; obgleich die Männer im

Ganzen genommen etwas müßig und faul dahinschlendern, und das Gras in

der Sonne fast überall verdorrt.

Mit der grünen Frische der nordischen Eichen- und Buchenwälder kann das

Buschwerk in Italien sich nicht vergleichen. Wir unternahmen einmal eine

Fahrt durch die Campagna, wo die Heuschrecken so dicht wie Schnee das

Feld bedeckten. Sie spritzten wie Wasser zu beiden Seiten der Radspur in

die Höhe, und das Geleise selbst war naß von zerquetschten Heuschrecken.

Später wurde ein Priester hinausgesandt, der sie förmlich in die Hölle

hinabbeschwören sollte; ob es half, will ich ungesagt sein lassen.

[Sidenote: Römischer Sommer. -- Der Maler Müller.]

Den angenehmen Schatten der Bäume im Sommer, können die Italiener nicht

genießen; sie fliehen die Bäume in der starken Hitze, weil sie durch

ihre Dünste ungesund sind; die Damen können den Blumengeruch nicht

vertragen; denn er ist ihnen zu stark; von den herrlichen Früchten darf

man nur wenig, und sie nur immer mit Brot essen, um nicht das Fieber

zu bekommen. Der Scirocco kommt häufig von den afrikanischen Wüsten

herüber; das Mittelmeer war nicht im Stande gewesen, ihn abzukühlen, und

er schlug mich mit Lähmung in allen meinen Gliedern, so lange er währte.

Von der _aria cattiva_ litt man in Rom sehr viel. Große, schöne Straßen

stehen fast menschenleer, weil Niemand dort wohnen darf; und auf vielen

Stellen brennen sie Stroh des Abends, um die ungesunde Luft zu reinigen.

* * * * *

Ich besuchte den berühmten Deutschen, _Müller_, der zum Dichter geboren

war, aber durchaus Maler werden wollte. Ein kräftiger, feuriger Mann,

von 60 Jahren, der nicht viel über 40 zu sein schien. Er schrieb eine

=heilige Genoveva= lange vor Tieck. Er wohnte gut und zu sehr billigem

Preise hier in Rom. Als ich mich darüber wunderte, sagte er: »Das kommt

daher, weil in dieser Straße _aria cattiva_ ist; aber darum kümmere ich

mich nicht.« Ich hatte die Freude, das Herz dieses kräftigen Mannes ganz

zu gewinnen und er war ein eifriger Freund meiner Muse.

* * * * *

[Sidenote: Das römische Volk.]

Damit man doch nicht glauben solle, daß ich, wie ein =Archenholz=,

nur Italiens Schattenseite gesehen habe, will ich gern gestehen,

daß das römische Volk mir im Ganzen genommen gut gefallen hat, das

heißt, nicht die Vornehmen; denn diese sind verblüht (obgleich die

Frauen noch körperlich schön blühen), sondern das Volk, in dem noch

Kraft, Munterkeit, Naivetät und eine glückliche Anlage, Alles leicht

aufzufassen, wohnt. Der gewöhnliche Mann ist lustig, gutmüthig und

durchaus nicht falsch. Viele kalte Ultramontanen sind bedeutend

falscher. Aber rachsüchtig ist der Italiener, größtentheils aus

eifersüchtiger Liebe; und da kann er sogar böse und heimtückisch werden,

wie ein toller Hund, der im gesunden Zustande treu und freundlich

ist. Der Zorn brennt heftiger in dem warmen Blute dort, als bei uns.

In =Marino= sah ich in einem Kruge zwei junge Bauerburschen im Kampf

mit einander. Sie waren beim Weine uneins geworden, sprangen von den

Bänken auf, zogen ihre Jacken ab, wickelten sie wie ein Schild um den

linken Arm, und nun suchten sie, mit langen Messern bewaffnet, einander

zu verwunden. Der Eine wurde in die Hand gestochen und blutete. Ein

Bildhauer oder Maler würde in diesen schönen, zornigen Antlitzen, in

diesen edlen Bewegungen schöne Motive zu einer Composition gefunden

haben. Endlich sollte Frieden gestiftet werden. Man reichte ihnen

gefüllte Gläser. Mit zitternden Händen und todtenbleich stießen sie an.

Ein Italiener, der neben mir stand, flüsterte: »Das geht nie gut aus.

Einer von Diesen macht den Andern kalt, ehe das Jahr um ist.«

Diese Blutrache ist ein häßlicher Zug den die Italiener mit den

schottischen Hochländern gemein haben; aber um wieviel munterer,

gutmüthiger, angenehmer sind doch jene, wenn sie nicht gereizt werden.

* * * * *

Frau Brun erzeigte mir viele Gastfreundschaft; in ihrem Hause lernte

ich die beiden Barone =Rennenkampf= kennen. Ich verdankte meiner

Landsmännin noch die Bekanntschaft der Frau v. =Humboldt=. Wie gern

hätte ich auch den Minister, ihren Mann, einen der tüchtigsten

Aesthetiker Deutschlands kennen gelernt.

[Sidenote: Der fünfte Act meines Correggio.]

In Rom und in _Grotta ferrata_ dichtete ich meinen =Correggio=. Ich war

bis zum fünften Acte gekommen, als ich in den Wasserfall bei Tivoli

stürzte. Wäre ich dort liegen geblieben, so hätte ich den Wienern nicht

die Mühe gemacht, diesen Act bei der Aufführung wegzustreichen. Die

Erinnerung an diesen Fall gab mir den Stoff zu Lauretta's Liede.

* * * * *

Als der Sommer nicht mehr so heiß, der Himmel kühl und klar geworden

war, so daß ich wieder frei athmen konnte, genoß ich auch die

Schönheiten Roms und der Umgegend. Acht Tage lang war ich bei Frau Brun

in =Albano=; dort ritten wir am Abend auf Eseln und machten kleine

Wallfahrten. Unter Anderm entsinne ich mich eines Besuchs bei den alten

Mönchen im Kloster auf dem Berge. Als wir nach Hause ritten und mein

Esel ziemlich rasch den Berg hinab lief, hörte ich meine Freundin hart

hinter mir hergallopiren; sie rief: »Oehlenschläger! reiten Sie um

Gotteswillen nicht so rasch!« -- »»Weßhalb?«« fragte ich -- »Wenn Sie

rasch reiten, muß ich es auch; denn mein Esel folgt dem ihrigen immer

auf den Fersen.« Ich versuchte nun langsam zu reiten; aber wenn ich und

mein Esel in Gedanken verfielen, trabten wir wieder rasch den steilen

Bergweg hinab, bis der Ruf der Dichterin oder das Lachen der reizenden

Ida uns in der Fahrt anhielten.

Von welch wunderbarem Gefühle wird man erfüllt, wenn man die Gegend

dort unten überschaut! An einem kleinen See lag =Alba longa=. Weiter

hin landete =Aeneas=, ein abenteuerlicher Schiffer, mit einer handvoll

trojanischer Matrosen, auf einer fremden Küste, wo sie eine unbedeutende

Colonie anlegten. Und aus diesem Funken entstand die große Weltenflamme.

* * * * *

Man fragte mich immer, ob ich nicht nach =Neapel= hinunter wolle;

aber ich war nun 4-1/2 Jahr von Braut, Familie und Vaterland entfernt

gewesen; ich sehnte mich nach Hause und hatte keine Lust, weiter

zu reisen. Hätte der Vesuv Feuer ausgeworfen, so wäre ich doch

hinuntergegangen. Aber einen beschwerlichen Weg in der heißesten

Jahreszeit zweimal durch die pontinischen Sümpfe zu machen, blos um mich

einige Tage in Neapel aufzuhalten, -- und dann direct nach Kopenhagen

zu jagen, dazu hatte ich keine Lust. Auf der Rückreise wünschte ich nur

noch einige Besuche zu machen, und ich mußte mich so einrichten, daß ich

nicht zur späten Winterszeit in Dänemark ankam. Auch wollte ich gern der

ersten Vorstellung von Axel und Walborg beiwohnen.

[Sidenote: Gedenkblatt von Christel Riepenhausen.]

Hierüber mußte ich nun viele Neckereien, halb im Scherz, halb im

Ernst anhören, daß ein nordischer Barbar keinen Sinn für südliche

Naturschönheiten habe; besonders von Christel Riepenhausen, der ein sehr

witziges und hübsches Stück in mein Stammbuch zeichnete, wo ich zwischen

all' den Schrecken stehe, die er in einer Parodie von Göthe's: »Kennst

Du das Land«, folgendermaßen in dem Verse anbrachte, der mit dem Bilde

folgte:

»Wo Schlangen dräuen, wo gift'ge Blumen blüh'n,

Aus Erd und Himmel schlagend, Flammen glüh'n,

Scirocco heiß vom bleichen Himmel weht,

Und im Gebüsch der gier'ge Mörder steht, --

Kennst Du das Land?«

Wenn Sie in einem schöneren Lande glücklich sind,

denken Sie neben allen diesen Gefahren an Ihre

Freunde, die Sie herzlich lieben.

* * * * *

[Sidenote: Ultramontane in Rom.]

In dem ersten Monate, den ich in Rom verlebte, machte es mir Freude,

täglich mit jungen, deutschen Künstlern umzugehen; aber ich rathe einem

jeden Reisenden, lieber die Bekanntschaft der Eingebornen des Landes

aufzusuchen. Dadurch lernt man besser das nationale Element kennen,

und deßhalb reis't man doch eigentlich. Die Ultramontanen bringen

ihre Sitten und Gewohnheiten mit; da muß man in der Mittagshitze mit

ihnen laufen, und in die Nacht hinein wachen, was kein Römer thut. Mit

jugendlicher Unwissenheit und Einseitigkeit beloben sie das Halbbekannte

mit einem außerordentlichen wenn auch nicht erquickenden Enthusiasmus,

und setzen das Vaterländische, das sie oft noch weniger kennen, herab.

Auch herrscht gewöhnlich ein roher Ton unter ihnen. In unserm Zirkel,

der aus talentvollen, älteren und mehr Gebildeteren bestand, wo

Thorwaldsen präsidirte, war es natürlich viel besser. Ich habe manche

schönen Abende in diesem Kreise zugebracht, wo wir uns den _Acciuto_,

unsern _Orvietto_ und den Speckschinken selbst mitgebracht hatten, oder

uns für ein paar Bajocchi's in einer oder der andern Osterie zu gute

thaten.

Auch kam ich zuweilen in brillante Abendgesellschaften, wo man schöne

Musik hörte, schöne Damen sah und dann kaltes Wasser und Eis bekam, um

sich wieder abzukühlen. Einen herrlichen Abend brachte ich mit Brun bei

dem Prinzen Colonna in seiner schönen Villa zu, wo die Marmorüberreste

der ältesten Zeit von Myrthen und Lorbeer bewachsen im Grase liegen.

* * * * *

[Sidenote: Abschied von Rom.]

Als ich Rom verlassen sollte, besuchte ich wehmüthig und einsam zum

letzten Male die Kirchen, den Vatican, das Campo vaccino, mit all' den

merkwürdigen Ueberresten, Titus' Ehrenpforte, wo man noch in einem

fast verwischten Basrelief den siebenarmigen Leuchter sieht. Durch

diese Pforte gehen die Juden nicht, sondern um sie herum, auf einem

Fußwege. Ich besuchte noch einmal die Villa Borghese, wo ich so oft

umhergewandelt war, und wo ich, als ich Correggio dichtete, die Idee

zur Scene mit Cölestine erhielt. Denn als ich an einem kühlen Abende da

umher ging und dachte, wie ich Correggio auf eine würdige Weise über

die Beleidigung erheben sollte, die Octavio ihm zufügte, hielt mich ein

Zweig der Lorbeerhecke freundlich am Knopfloche meines Rockes zurück;

und der Gedanke fiel mir plötzlich ein »ein schönes, edles Mädchen soll

ihm den Lorbeer winden.«

Es that mit recht leid, mich von meinem Sprachlehrer, einem sehr

gebildeten und geistreichen Römer zu trennen, dessen Namen ich

vergessen, und mit dem ich das Meiste aus Dante's Hölle gelesen habe.

Auch von =Confidati=, meinem vortrefflichen Gesanglehrer, schied ich

ungern. Ich hatte mir eine sehr gute Guitarre gekauft, da ich die

Absicht hatte, auf diesem Instrumente spielen zu lernen. Aber die Zeit

war zu kurz und ich verehrte sie Franz Riepenhausen. Er und sein Bruder

zeichneten mich wieder mit schwarzer Kreide sehr ähnlich, und gaben mir

das Bild mit. Nach diesem Bilde ist der Kupferstich in Nyerup's Almanach

gemacht.

Zwei junge, italienische Mädchen, Kinder der Leute, in deren Hause

Riepenhausen's wohnten, spielten mir zum Abschiede eine Pantomime vor,

die die Trennung zwischen zwei Geliebten vorstellen sollte. Die jüngste

war der Geliebte, die älteste die Liebhaberin. Als diese nun verzweifelt

auf einen Stuhl sinken sollte, und nicht leidenschaftlich und betrübt

genug war, rief die Jüngste erbittert: »_Fatte le smanie, Bestia!_«

Den letzten Abend war bei Thorwaldsen Gesellschaft; unter Anderen

befand sich mein Landsmann und Vetter, Historienmaler Lund dort, der

meine Schwester als Kind Zeichnen gelehrt hatte, als er als Jüngling

meine Eltern auf Friedrichsberg besuchte. Wir waren Alle lustig und

munter. Einige sangen, und ich sang unter Anderm »Göthe's Musen und

Grazien in der Mark,« nach einer alten, pathetischen Freimaurermelodie

mir Rouladen und Trillern, welche dazu beitrugen, die Ironie des

Gedichtes zu verstärken. Ich hatte Göthe selbst dieses Lied vorgesungen,

und es hatte ihn sehr amüsirt und machte ihm besonders Spaß, wenn ich

zuletzt das deutsche harte B und das weiche T gebrauchte und sang:

»Wir sind pieder und nadierlich.« Er wiederholte es lachend und rief

laut: »»Pieder und nadierlich, der verfluchte Däne!«« -- Hier gefiel

das Lied auch, nur nicht dem Christel Riepenhausen, der sich kalt zu

seinem Nachbar wandte indem er sagte: »Mir scheint die Melodie nicht

passend. Was meinst Du dazu?« -- Dieß verstimmte mich natürlich. --

Ich hatte nicht gesungen, um Beifall einzuernten, sondern um mein

Scherflein zu der allgemeinen Munterkeit beizutragen. -- Bald sollte

ich fortreisen und diesen Kreis vielleicht nie wiedersehen, doch vergab

ich ihm gern, als er am nächsten Morgen bei Tagesanbruch mich mit den

übrigen Freunden, unter denen Thorwaldsen war, ein Stück Wegs zur

Stadt hinaus begleitete. Koës reiste mit mir. -- Wir wollten Beide den

dänischen Minister Schubart in Livorno auf Montenero besuchen. Der Weg

führte durch schöne Berggegenden: Wir sahen den malerischen Wasserfall

in =Terni=, kamen durch Perugia, Pietro Vanucci's (Raphael's Lehrers)

Geburtsort, und sahen sein Portrait, welches die Einwohner nicht um eine

ungeheure Summe hatten verkaufen wollen, so stolz waren sie auf ihren

Künstler; d. h. als er todt war. Darauf kamen wir von =Cortona= und

=Arezzo= (Petrarca's Geburtsort) wieder nach Italiens =Blumenstadt=,

meinem Lieblings-Aufenthalte jenseits der Alpen.

Sowohl jetzt, als das erste Mal, als ich in Florenz war, bekam ich ein

Sonett von einem bettelnden Dichter, in welchem stand, daß die Nymphen

des Arnoflusses sich über meine Ankunft freuten. Ein solches Sonett,

und wahrscheinlich dasselbe, bekommt jeder Reisende und vergilt die

Höflichkeit mit dem Honorare einiger Schillinge.

* * * * *

[Sidenote: Ein Unzufriedener.]

Hatte ich nun auf meiner Hinreise nach Rom einen =französischen=

Kaufmann zum Reisegefährten, der unzufrieden mit dem italienischen

Wesen war, und mich oft durch seine üble Laune gestört hatte, so traf

ich auf meiner Reise nach Florenz einen =deutschen Dito=, der viel

amüsanter war. Er schimpfte Italien noch heftiger aus als der Franzose,

und brauchte noch viel beleidigendere Redensarten; aber mit viel mehr

Berechtigung; es geschah nicht aus Nationalhaß, sondern, weil er kein

Wort italienisch wußte, nicht das Geringste von den schönen Künsten

verstand, und noch weniger als ich die Hitze ertragen konnte. Als

reicher Gourmand fand er natürlich alle Wirthshäuser auf dem Wege

abscheulich. Uebrigens war es ein außerordentlich freundlicher Mann, der

blos um einem mitreisenden, gelehrten Freunde zu dienen, sich darein

gefunden hatte, Wien zu verlassen, wo er wie im Paradiese lebte, von

lauter gebackenen Hähndeln und delicaten Mehlspeisen umgeben. Nun zog er

über die Alpen und schwärmte allerdings wie eine Fliege, die unversehens

in eine leere Flasche gekommen ist. -- Wir trafen ihn stets in den

Wirthshäusern scheltend und fluchend, indem er mit dem Taschentuche das

glänzende Antlitz abwischte; denn er war sehr corpulent. Er hatte es

sich allmälig bequemer gemacht; zuletzt kam er in einer dünnen, weißen

Piqué-Nachtjacke und leinenen Hosen. Es würde mich gar nicht gewundert

haben, wenn wir ihn die letzten Male im bloßen Hemde oder später nackt

gesehen hätten. Es ging ihm, wie einem schiffbrüchigen Manne, der nach

und nach Alles, und doch vergeblich über Bord wirft. Jedesmal, wo er

mich in einem Wirthshause traf, fragte er mich: »was er in Italien

solle?« und stets blieb ich ihm die Antwort schuldig. Man sollte nun

glauben, daß, da er unaufhörlich schimpfte und fluchte, die Leute des

Hauses auf ihn böse geworden wären: aber glücklicherweise geschah dies

auf deutsch; sie verstanden ihn nicht und lachten über sein Benehmen,

da die Italiener sehr viel Sinn für das Burleske haben. Selbst wenn

er rief: »_Cattive gente!_« das einzige Italienisch, dessen er sich

bediente, schlugen sie ein lautes Gelächter auf. Einige glaubten, er

sei verrückt und hatten inniges Mitleid mit ihm. In Allem, worüber er

sonst mit uns sprach, wenn es ihn interessirte, zeigte er einen guten

natürlichen Verstand, und er war gewiß ein tüchtiger, einsichtsvoller

Kaufmann. Aber er fragte immer wieder: »was soll ich in dem verdammten

Lande? etwa die alten Steinbilder sehen, die da gegen allen Anstand,

ohne die geringste Bekleidung stehen? in die katholische Kirche gehen,

während ich doch ein guter Lutheraner bin, um ihr Lirumlarum mit

anzuhören? mich von den Wirthen betrügen, von ihrem Ungeziefer beißen

lassen, und ihr Gift essen?« Der gelehrte Freund suchte ihn zwar zu

beruhigen und hielt ihm kleine, populäre Vorlesungen; aber das half

Nichts. Erst als wir in Florenz bei =Schneider's= waren, kam er in guten

Humor, lud uns zu einer prächtigen Mahlzeit ein, und zeigte sich nun in

seiner ganzen Gutmüthigkeit.

* * * * *

[Sidenote: Pisa und Livorno. -- Das Meer.]

Als wir ein paar Tage in Florenz gewesen waren, reiste ich mit Koës

durch =Pisa= nach =Livorno=. In dem Augenblicke, wo ich hier das Meer

zum ersten Male wiedersah, brach ich in Thränen aus und fühlte ganz, was

der Schweizer empfindet, wenn er seine Berge wiedersieht. In Montenero

feierten wir den Geburtstag der Baronesse Schubart; dieser hatte das

Merkwürdige für mich, daß er auf den 10. September, also gleichzeitig

mit dem meiner Mutter fiel. Meine dadurch veranlaßten Gefühle theilte

ich der Baronin in einem kleinen Gedicht mit. Baron Schubart begleitete

uns nach =Pisa=, wo er den Winter wohnte. Hier bewirthete er uns zum

Abschiede in seinem eigenen Hause. In Pisa sah ich den =schiefen Thurm=

und das _Campo santo_. Die vornehmsten Aristokraten des Mittelalters

liegen hier in heiliger Erde, die auf Schiffen von Jerusalem geholt

ist; und nun sind sie Würmer, gleich den Bauern, die in einfacher,

italienischer Erde zu Staub werden. In den Straßen wächst hohes

Gras zwischen den breiten Fließen vor den verlassenen Palästen, und

die ungeheure eiserne Kette, die früher ihren Hafen sperren sollte,

wurde von den Florentinern gesprengt und rostet nun beim Battisterio

in Florenz. Dagegen blühen noch an den Wänden des _Campo santo_ die

Bilder der ältesten italienischen Maler in jugendlicher Frische. -- Die

geistige That hat doch auch Etwas zu bedeuten und überlebt die That

menschlicher Gewalt, wenn sie auch für den Augenblick dieser dienen muß,

und Fichte sagte wohl mit Recht von dem geistig Wirkenden: »Wir sind

auch eine Macht und zwar keine geringe.«

* * * * *

[Sidenote: In Florenz: Arndt, Bröndsted, Koës.]

Als wir nach Florenz zurück kamen, trafen Koës und ich unvermuthet

unsern lieben Bröndsted. Wir wußten wohl, daß er nach Italien kommen

wollte; aber er überraschte uns hier, und das verdoppelte unsere Freude.

Nachdem wir zusammen Mittag gegessen hatten, gingen wir in dem schönen

Wetter Arm in Arm durch die Stadt spazieren. An einer Straßenecke stand

ein schlecht gekleideter, kleiner Mann mit angeschwellten Taschen und

streckte den Kopf mit der spitzen Nase (wie ein Huhn, wenn es trinkt) in

die Höhe, um ein Placat zu lesen, das ziemlich hoch angeschlagen war. --

»Da steht =Arndt=!« flüsterte ich leise zu den Andern, indem wir dicht

an ihm vorüber gingen. -- Er bemerkte uns nicht, wir eilten von dannen

und sahen ihn nie mehr wieder. Er lebte noch einige Jahre, ging oft noch

von Süd nach Nord, von Nord nach Süd, und zuletzt fand man ihn in einem

Graben, -- ich weiß nicht, ob es in der Nähe von Torneå, Marseille,

Moskau oder Venedig war, -- vom Schlage getroffen, todt, die Taschen

voll von Manuscripten, die man zu Nichts gebrauchen konnte.

Ebenso froh wie ich geworden war, Bröndsted in Florenz zu treffen,

ebenso betrübt war ich, als ich mich kurze Zeit darauf von ihm und

meinem treuen Koës trennen mußte, den ich erst bei Gott wiedersehe, im

Leben aber nie vergesse. Der wackere Mensch, dessen Geist nach Wahrheit

und Schönheit strebte, starb in Griechenland. Wilder Lorbeer und Myrthe

bedecken sein Grab. Er war nicht Zeuge des Jammers und der Zerstörungen

des Landes, das er so innig liebte; aber er ahnte die bessere Zukunft,

für die die Hellenen so wacker gestritten haben, und die ihnen alle

dankbaren Musensöhne von Herzen wünschen.

* * * * *

[Sidenote: In Mailand. -- Peter Saabye.]

Ganz allein stand ich wieder in der weiten Welt, doch mit jugendlicher

Munterkeit und mit Muth, und eilte so rasch dem Norden zu, wie die

Vetturinräder mich fortschaffen konnten und kam endlich nach Mailand,

ging in die große Oper, wo sie eine langweilige Seria ausführten, gähnte

-- und schlief ein.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 17 / 18 段