Ich war einige Wochen in Coppet gewesen, als eines Tages Zacharias

Werner mit einer großen Schnupftabaksdose in der engen Westentasche,

die Nase voller Tabak und mit tiefen Verbeugungen in die Halle trat. Er

sprach auch schlecht Französisch, aber dies genirte ihn nicht. In seinem

Patois theilte er täglich über Tisch der Gesellschaft in einer Art von

Vorlesungen seine mystische Aesthetik mit. Man hörte ihm sehr andächtig

zu, und es fehlte nicht wenig, so hätte er Proselyten gemacht. Denn

obgleich die Franzosen oft für fremde Natur taub sind, so leihen sie der

fremden Unnatur doch gern das Ohr: was Cagliostro, Mesmer, Frau Krüdener

u. A. bezeugen können. Selbst Frau von Staël hörte bewundernd Werner

zu, und schalt mich, weil ich mir seine Ansichten nicht aufmerksamer

zu Herzen nahm. -- Es that mir leid, diese Verwandlung bei Werner zu

entdecken. Mit Vergnügen hatte ich seine =Söhne des Thals= und seine

=Weihe der Kraft= gelesen; obgleich bereits in diesen Werken der Keim

zu seinem spätern krankhaften Wesen liegt. Aber nun ging es auf eine

»=Weihe der Unkraft=« los, in die ich mich durchaus nicht finden konnte.

Er las uns seinen =Attila= vor, in dem schöne Scenen sind, obgleich

hier die Schwärmerei deutlich hervortritt und mit der hierauffolgenden

Katastrophe droht. Besonders graute mir vor der Replik: »Umarme mich

Jüngling! Jetzt lasse man ihn von Pferden zerreißen.«

Frau von Staël bewunderte dies Alles enthusiastisch; ich konnte hierin

nicht mit ihr sympathisiren. Sie hielt das vielleicht für Mangel an

Verstand oder Geist, oder Gott weiß was. Noch kannte sie Nichts von

meinen Schriften; denn diese waren noch nicht nach Coppet gekommen.

Werner's Persönlichkeit mochte ich gern, er war ein freundlicher Mann;

offen, theilnehmend; mit einem gewissen Humor verstand er, über sich

selbst auf eine liebenswürdige Weise zu scherzen; ich unterhielt mich

gern mit ihm, wenn wir allein waren. Er hatte viel in der Welt erfahren

und erlebt; selbst die sinnlich leichtfertige Weise, auf die er zu

seiner frommen Erhebung gekommen war, hatte, psychologisch genommen,

etwas Interessantes. Er war auch nicht arrogant, und wurde nicht böse,

wenn man anderer Meinung war, als er.

[Sidenote: Eine kleine Mißhelligkeit.]

Eines Tages gingen wir auf der Landstraße zwischen Coppet und Genf

spazieren. Ich hatte meinen Correggio im Kopfe und theilte ihm den Plan

mit. Ich hatte gehört, daß auch er an einem neuen Stücke schreibe, und

bat ihn, mir den Inhalt zu sagen. Wir waren unterdessen nach Hause

gekommen. »Nein, verzeihen Sie mir, lieber Freund!« sagte er, indem er

eine Prise nahm, »das kann ich nicht! Ich habe bereits so oft Andern

meine Pläne erzählt; aber das kommt in Wochenblätter und Journale, und

hat mir vielen Verlust bereitet.« -- Ich hatte mich bereits so sehr an

sein wunderliches Wesen gewöhnt, und er sagte mir das so gutmüthig und

naiv, daß ich ihm nicht darüber zürnen konnte; ich scherzte über seine

Weigerung und wiederholte mein Verlangen.

In demselben Augenblicke trat Frau von Staël in das Zimmer und fragte,

wovon die Rede sei. Ich antwortete lachend: »Ich schelte Werner! Ich

habe ihm =meinen= Plan zu einer neuen Tragödie mitgetheilt, und nun

will er mir nicht den des Stückes mittheilen, das er zu schreiben

beabsichtigt. Ist das nicht unrecht?« »»Ah!«« antwortete sie ganz ernst

und in zurechtweisendem Tone, -- »_c'est une autre chose! Vous êtes

encore jeune; vous avez besoin de vous former!_« Ohne zu antworten,

wandte ich ihr den Rücken und verließ das Zimmer. Sie wartete, daß ich

wieder kommen würde; endlich sandte sie mir einen Diener nach, der

erzählte, daß ich einpacke, um abzureisen. -- Nun suchte sie mich sehr

freundlich auf, bat mich zu bleiben und nicht böse zu sein. »»Ich wüßte

ja, wie sehr sie mich achte; Werner habe sie seiner Gedichte wegen

lieb, für mich aber fühle sie persönliche Freundlichkeit.«« -- Ich

antwortete, »daß ihre Freundschaft mich ehre und freue, und wenn ich

noch Nichts weiter sei, als ein hoffnungsvoller Jüngling, so müsse dies

mir genügen; aber ich hätte bereits ebenso lange und ebenso viel, wie

Werner gedichtet; ich glaubte nicht, von ihm Etwas lernen zu können;

er habe Genie und ein gutes Herz, aber keinen gesunden Geschmack;

und wenn das so fortginge, so würde er zuletzt auch den gesunden

Menschenverstand verlieren. Ich könne nicht verlangen, daß sie mich als

Dichter schätzen solle, da sie noch nichts von mir kenne, nur möge sie

auch deshalb ihr Urtheil über meine dichterische Berechtigung bis auf

Weiteres aufschieben.« -- Sie gab mir Recht; und so wurde der Frieden

geschlossen. -- Kurz darauf las sie Aladdin und Hakon Jarl und fand nun

selbst, daß ich nicht nöthig hätte, bei Werner in die Schule zu gehen.

[Sidenote: Gedenkblatt von Zacharias Werner.]

Werner fühlte wahrscheinlich dasselbe, und in meinem Stammbuch gab er

mir (nun seiner Ansicht nach ebenbürtig) folgende Satisfaction:

»Wir Söhne von dem fernen Norden

Sind hoher Lust gewürdigt worden,

Zu schaffen vor der Menschen Schaar,

Was lebend, dauernd, schön und wahr.

Gesellt durch gleichen Ruf und Meister,

Zieh'n gleichen Theils theilhafte Geister,

Wir, ob getrennt der Pfad auch scheint,

Zu gleichem Ziel, das uns vereint.«

Das schreibt mit redlichem Gemüthe der sich Ihrer,

als eines gleichgesinnten, mit schöner Kraft

ausgerüsteten Mitarbeiters erfreut, zur Erinnerung

und Befestigung unseres Vereins. _Quod Deus bene

vertat!!!_

Der Winter näherte sich, und Frau von Staël stellte mir vor, wie unklug

es sein würde jetzt nach Italien zu reisen. Ich sollte den Winter über

bei ihr bleiben, mir einen italienischen Sprachlehrer nehmen, und erst

zum Frühjahre über die Alpen geben. -- Ich blieb.

Ich übersetzte in diesem Winter =Axel und Walborg=, und Werner half mir

brüderlich dabei, das Stück der Sprache wegen durchzusehen. Er lobte es

sogar auf seine eigenen Kosten.

»Wenn ich nun so ein Stück geschrieben hätte,« sagte er lächelnd, --

»so würde ich einzelne Partieen brillanter ausgearbeitet haben, um die

sogenannten =schönen Stellen= hervorzuheben. Der Erzbischof würde mehr

zu sagen bekommen haben. Sie haben auf das Ganze gesehen, ohne Vorliebe

für das Einzelne, und daran thaten Sie recht.«

[Sidenote: Der Bildhauer Tieck.]

Auch einen andern Mann von Talent lernte ich in Coppet kennen, den

Bildhauer Tieck, den Bruder des Dichters, der uns Göthe's schöne Büste

geschenkt hat. Während er in Coppet war, vollendete er auch die Büsten

der Frau von Staël und Schlegel's.

Im strengsten Winter reisten wir alle nach Genf; und hier schaffte Frau

von Staël Denen von uns Zimmer in der Stadt, welche in dem Hause, in dem

sie wohnte, nicht Platz finden konnten.

Eines Abends überraschte es mich, Schulz's herrliche Musik zu den

Gesängen in Racine's Athalia bei ihr zu hören. Ich begriff nicht, wie

diese nordischen Herzenstöne so weit nach dem Süden hinabgekommen

seien. Später hörte ich, daß meine Landsmännin, die Dichterin Friderike

=Brun=, Schulz's große Freundin, die Musik einige Jahre vorher nach

Genf gebracht hatte. Frau Brun war sehr beliebt hier, besonders

von Bonstetten und Frau von Staël; ihr Aufenthalt in Genf mit der

liebenswürdigen =Ida= stand noch in frischem Andenken.

[Sidenote: Der Frau von Staël Haus in Genf.]

In Frau von Staël's Hause war, wie gesagt, ewige Lustigkeit, wenn auch

nicht eben immer Freude. Fast jeden Tag waren da prächtige Diners und am

Abend Soupers. Ich habe kein Haus gekannt, in dem es so flott zuging.

Sie war ungeheuer reich, bekam außerdem ein außerordentlich großes

Honorar für ihre Schriften, liebte selbst das gute Leben, und fühlte

sich sehr wohl am Ende des Tisches, mit dem Mandelzweige Aaron's in

der Hand, der sich am besten dazu eignete, die Tafeln des Testamentes

zu schreiben; das war das Katheder, auf dem sie Vorlesungen hielt,

und ihre politischen und ästhetischen Verordnungen für eine Schaar

ausgezeichneter Männer ausgab, welche -- wenn auch nicht immer schwiegen

und zugaben -- doch wenigstens schwiegen und einnahmen.

Ich konnte jedoch dieses Leben nicht aushalten. Mittags ließ ich es

gelten; aber an dem Nachspiele am Abend in die Nacht hinein mochte ich

nicht mehr Theil nehmen; ich sehnte mich darnach, allein zu sein, zu

lesen. (Des Morgens früh schrieb und dichtete ich, oder ging spazieren.)

Ich blieb also in meinem Logis zu Hause, obgleich mir angesagt wurde,

mich in den Soirée'n einzufinden. Aber mein eigenes Local war nun

natürlich sehr verschieden von den brillanten Salons der Baronesse. Ihr

Haushofmeister hatte es mir in größter Eile ohne weitere Rücksicht auf

meine Bequemlichkeit verschafft, als wir in die Stadt zogen. Es war ein

großes, zugiges Zimmer mit einem Kamin und einem offenen Alkoven. Die

Winter können in dem kalten Genf, wo der Wind beständig von den Bergen

weht, sehr kalt sein, und dieser Winter war besonders hart. So viel

ich auch in den ungeheuren Kamin hineinfeuerte, es half doch Nichts.

Endlich fiel es mir ein, mir eine große spanische Wand anzuschaffen. Mit

dieser hegte ich einen kleinen Platz vor dem Kamin ein, so wie Robinson

Crusoë eine hohe Hecke vor seiner Höhle machte; und wenn ich so fast

mit den Füßen und dem halben Körper im Kamin bei dem großen Feuer saß,

konnte ich es aushalten. Ich hatte bereits einen Theil des Plutarch,

und die ganze Jung-Stilling'sche Gespenstertheorie mit belegenden

Spukgeschichten gelesen, ehe ich die Folgen dieser meiner Situation

erkannte. Aber als ich am Morgen die Strümpfe anziehen wollte und meine

beiden Schienbeine ansah, waren sie voll großer brauner Flecke, und ich

hatte die Haut, ohne es zu merken, am Kamin verbrannt. Ich kann also in

Wahrheit sagen, daß ich gebraten wurde, ohne warm zu werden.

[Sidenote: Das gesellschaftliche Leben in Genf.]

Wie ich mir später half, weiß ich nicht mehr; dagegen entsinne ich mich,

einer andern schnurrigen Begebenheit, die mir in diesem Orte begegnete.

Ich war auf einem Ball gewesen, wo Genfs ganze -- wahrscheinlich

=vornehme= Jugend versammelt war. Wenn auch gleich Genf eine Bürgerstadt

ist, so giebt es doch wohl wenige Städte, in denen das hochmüthige

Kastenwesen lange Zeit hindurch mit größerer Pedanterie beobachtet

wurde, als hier. Als Fremder, als Dichter, als ein Freund der Frau von

Staël wurde ich natürlich überall eingeladen. Aber es ging mir hier

so, wie in Berlin mit Reichardt; ich begleitete die Baronesse Staël

und bekümmerte mich nicht weiter darum, zu wem ich kam. Ich machte

keine Visiten, und außer dem Namen =Pictet= habe ich alle die übrigen

vergessen. Auf diesem Balle wunderten die jungen Damen sich darüber, daß

ich nicht tanze, und wollten mir gar nicht glauben, als ich versicherte,

ich könne nicht tanzen. Es wurde sehr rasch gewalzt. Dieser Tanz schien

mir leicht zu erlernen zu sein; ein Bekannter versicherte mir, daß

Nichts leichter sei, und versprach mir einen vortrefflichen Tanzmeister

zu senden, der mir in wenigen Stunden die nöthigen Pas beibringen würde,

so daß ich bei dem nächsten Balle an dem allgemeinen Vergnügen Theil

nehmen könne.

[Sidenote: Der Tanzmeister.]

Der Tanzmeister kam am nächsten Morgen. Hoffmann hatte damals

noch nicht seine berühmten Berliner-Thee-Pumpernicker-satanischen

Gespenstergeschichten geschrieben; aber man hätte glauben sollen, daß

dieser kleine, magere, braune, spitznäsige, leichtfüßige Piemonteser

bei dem Urtypus Modell gestanden hätte, der sich als Triebrad in

Hoffmann's Schriften bewegt. Mit der Violine unterm Arm, machte er

mir die bekannten dämonischen, ironischen Verbeugungen und forderte

mich gleich auf, den Walzer anzufangen, nachdem er mir die Pas gezeigt

hatte. Kaum hatte ich angefangen, als ich zu meinem Schreck, indem

ich über die Straße hinüberblickte, eine Menge Mädchenköpfe in den

Fenstern des gegenüberliegenden Hauses entdeckte. Daselbst war nämlich

ein Mädcheninstitut, und nun eilten diese lieben Kinder natürlich, um

das Wunder, den nordischen Bären, oder Dichter, was er war, in seinem

dreißigsten Jahre tanzen lernen zu sehen. Ich kann darauf schwören, daß

es dunkel vor meinen Augen wurde. Das Erste was ich that, als ich wieder

zur Besinnung kam, war, daß ich den großen Schirm vornahm, und dadurch

mit Hülfe des Tanzmeisters die Fenster verschanzte. Hierdurch entstand

ein künstliches Halbdunkel, in dem der Hofmann'sche Dämon mit der

Violine am Kinn und der grinsenden Miene sich noch diabolischer ausnahm.

Kaum hatte ich ein paar Wendungen gemacht, so wurde mir schwindlich (ich

kann es durchaus nicht vertragen, mich so zu drehen). Die Angst, mich

vor den Mädchen drüben lächerlich zu machen, trug gewiß auch ihr Theil

dazu bei, -- und da dies Alles nun noch von dem maliciösen Bogenstrich

meines Paganini begleitet wurde, so prallte ich gegen die Kante des

Kamines an, und hätte mir beinahe die Hirnschale eingeschlagen. -- Kaum

war ich gerettet und wieder zu mir selbst gekommen, so griff ich in die

Tasche und nahm den Louisd'or heraus, um den wir für den Unterricht

eines Monats einig geworden waren, reichte ihn ihm, dankte für gütige

Unterweisung, und versicherte auf das Bestimmteste, das hiermit unsere

Lehrstunden vorüber seien. Ohne die geringsten Einwendungen zu machen,

nahm der Kobold das Goldstück mit seinen schwärzlichen magern Fingern,

verbeugte sich tief und verschwand.

* * * * *

[Sidenote: Gedenkblätter von der Staël, Sismondi und Constant.]

Als der Frühling kam, und die Vögel wieder umherflatterten, breitete

auch ich meine Fittige aus, um über die Alpen zu fliegen. Die Jungfrau,

jenseits des Genfersee's, hatte bereits, gleich einer schönen, kalten

Blondine, lange mit mir aus der Ferne coquettirt, und trotz ihres

geheimen Pflegmas, Oel ins Feuer gegossen; denn wenn ich sie liebevoll

ansah, war es mir immer, als ob sie ebenso auf mich blickte. Ich nahm

Abschied von Frau von Staël-Holstein, und sie schrieb in mein Stammbuch:

»_I'introduis pour la première fois le français dans ce livre; mais

bien que Goethe l'ait appellé une langue perfide, j'espére, mon cher

Oehlenschläger, que vous croirez à mon amitié pour vous, et à ma vive

estime pour l'auteur d'Axel et Valborg._«

Sismondi schrieb hinein:

»_Vas, Poète! voir l'Italie;

C'est la terre des souvenirs,

Des arts la brillante patrie,

Le trône enchanté des plaisirs.

Mais aussi au rives de Tibre

Pense, qu'un peuple, grand et libre,

Fonda l'éternelle cité.

Vois ses murailles entrouvertes,

Ses palais, ses places désertes.

Tout meurt avec la liberté._«

Benjamin Constant schrieb:

»_Un sublime essor te ramène

A la cour des soeurs d'Apollon;

Et bientôt avec Melpomène

Tu vas d'un nouveau Phénomène

Enrichir le sacré vallon._

Zum Andenken der freudigen, mit einander

genossenen Tage.«

Darauf reiste ich am 1. Mai 1809 auf der Diligence durch =Anecy= nach

=Chamouny=. Hier schlief ich in einem schlechten Zimmer, in einem Bett,

wo, wie man mir erzählte, ein junger Reisender kurz zuvor geschlafen

hatte, und später auf dem Wege von Räubern ermordet wurde. Ich legte

mich doch ohne Furcht zur Ruh, und dachte: »Wo die Räuber vor Kurzem

gewesen sind, kommen sie nicht bald wieder.«

Am nächsten Morgen früh um zwei Uhr fuhr ich weiter, konnte

nicht sehen, wer im Wagen bei mir saß und setzte den Schlaf

ununterbrochen fort. -- Als ich erwachte, wunderte ich mich über

meine Reisegesellschaft. Mir gegenüber saß Aladdin mit seiner Mutter

Morgiane. Aber Aladdin aus der ersten Periode, ein kleiner, dicker,

fetter, rundwangiger Junge, der all' die Aepfel und Zwiebacke aß,

welche die Mutter in der Tasche hatte, und beständig lustig und unartig

war, während sie mit einem traurigen Gesichte da saß, in dem dünnen

Kattunmantel fror, und ängstlich daran dachte, wo das Brot herkommen

solle, wenn das gegessen sei, woran der Knabe noch mit vollen Backen

kaute, während er versicherte, daß es sehr gut schmecke.

[Sidenote: Reise durch Savoyen.]

Wir kamen durch =Savoyen=, einem langen, schmalen, von schwarzen

Felsenwänden eingeschlossenen Schornstein, wo die Jungen sich darin

üben, horizontal zu klettern, bevor sie es in Paris perpendiculär

versuchen. Ich hatte gerade kurz vorher in Genf Dalayrac's Singspiel,

die zwei kleinen Savoyarden gesehen, und in vielen hübschen Jungen

glaubte ich meine Freunde Pietro und Joseph wiederzuerkennen. Eine

große, gekräuselte Wolke flog hoch in der Luft über das Thal hin;

sie schien mir der herrliche Held Prinz Eugen mit dem Federhut, der

Allongenperücke und dem gezogenen Schwerte zu sein.

Lange Zeit begegneten wir nichts Anderm, als unter ihrer Bürde

seufzenden Eseln und Eseltreibern; endlich galloppirte ein

französischer, stolzer Kriegsmann, mit sonnenverbranntem Angesicht an

uns vorüber. Ich fing an, Betrachtungen über den Unterschied zwischen

diesen Menschen anzustellen, als ein Eseltreiber sich der Diligence

näherte und mit klagender Stimme bat, dem Franzosen um Gotteswillen zu

Hülfe zu kommen; denn er sei vom Pferde gestürzt und habe sich den Kopf

gefährlich verletzt. Der Mann lag wirklich unfern davon ohne Bewußtsein

da. Als er endlich wieder zu sich selbst gekommen war, fing er an

bitterlich zu weinen, und beklagte seine junge Frau, die ihn so früh

verlieren solle. -- Bald entdeckte ich, daß er betrunken, daß Das, was

ich für Sonnenverbranntheit gehalten, Branntweinsröthe sei, und daß ihn

mehr der Rausch, als seine Wunde incommodirte. Wir nahmen ihn mit in

den Wagen, und brachten ihn zu seiner Frau in die Stadt. Sie wunderte

sich nicht sehr über diesen Zufall und ist wahrscheinlich daran gewöhnt

gewesen, ihren Mann oft mit Beulen und Wunden nach Hause kommen zu sehen.

[Sidenote: Eindruck der savoyischen Alpen.]

Wie erstaunt war ich, als ich am nächsten Morgen früh, da ich die Augen

aufschlug, mich mitten im Winter unter Eis und Schnee sah. Ich hatte

bereits schöne Frühlingstage in Genf erlebt; hier auf dem =Mont Cénis=

war es wieder Januar.

Nichts von Allem, was ich auf meiner Reise gesehen habe, machte einen

so tiefen Eindruck auf mich, wie die Alpen: sonst hatte die Phantasie

mir stets im Voraus schon ein Bild des Gegenstandes entworfen, das

stets übertrieben war; und deshalb mußte mich erst eine genaue

Bekanntschaft mit dem Gegenstande dahin führen, die schöne Wirklichkeit

den nebelhaften, grenzenlosen Träumen vorzuziehen. Aber hier hatte die

Phantasie nicht übertreiben können; denn die Natur war gewaltiger und

wilder, als die Geburt der unbändigsten Phantasie; und die ungeheure

Kraft der Wirklichkeit ließ alle Nebel, wie die schwachen Schatten

vor dem Lichte verschwinden. Die Granitphantasieen des Schöpfers

machten mich in heiliger Ehrfurcht beben. Mein eigener Körper erschien

mir, von all' diesen festen Felsenblöcken umgeben, so locker und los

zusammenzuhängen, daß ich fast nicht wagte, meine Glieder zu bewegen,

aus Furcht, daß sie wie wurmstichiges Holz auseinanderfallen würden.

Hier war keine Spur der Geschichte; seit Jahrtausenden war Nichts

verändert. Nur der herrliche, bequeme Weg, der Italien mit Frankreich

verbindet, schlängelte sich die Klippen entlang, bald wie eine Terasse

am Abgrunde aufgeführt, bald als Höhle durch den Fels gebohrt;

Napoleon's merkwürdigstes Denkmal, unvergänglich, wie die Pyramiden des

Nils, und eben so nützlich, wie diese eitel und unnütz.

Aber ich dachte auch an andere Helden, während ich die fernen, dunkeln

Flecke auf der Steinwand betrachtete, die wie Moos aussahen, aber

ungeheure Tannenwälder waren. Auch meiner Voreltern, der Cimbern,

Teutonen, Longobarden, Gothen gedachte ich; auch des tapfern Hannibal.

Alle klommen diese Alpen hinauf und glitten dann an ihren Schilden

hinab, ohne einen andern Weg zu haben; aber Viele blieben auch liegen.

[Sidenote: Auf italienischem Boden.]

Unser Schlitten glitt schnell von dannen, und ich machte in Gedanken die

ganze Reise mit dem Grafen Benjowsky und seinem Verfasser Kotzebue nach

Sibirien mit. Aber ich lachte mir doch ins Fäustchen; denn ich wußte,

daß mein Sibirien Italien, mein Tobolsk und Kamtschatka, Florenz und Rom

sei. Hoch oben auf der Bergstraße steht ein Haus, wo der Commandant die

Pässe durchsieht, und fromme Mönche Punsch und Kaffee den Reisenden ohne

Bezahlung darbieten. Es ist schön, in der ungastfreien Natur solch eine

menschliche Gastfreiheit zu finden, gewöhnlich ist's umgekehrt. Doch

genoß ich diese Gastfreiheit nicht; ich zog es vor, sitzen zu bleiben

und in meinem warmen Pelz zu schlafen. Später ging es rasch bergab.

Der Schnee hörte nach und nach auf. Der Abend war außerordentlich

schön, die nackten Steinmassen wichen zurück; die Vegetation begann

mit doppeltem Blühen, und der Gedanke: »Nun bist Du in Italien, wo die

Citronen blühen, und die Goldorangen glühen,« setzte Allem die Krone

auf. Es schien mir, nachdem diese gewaltige Scene überstanden war, als

ob sich nach und nach eine neugeschaffene Erde aus dem öden Chaos erhob.

Dort landete Noah in der Arche auf dem Ararat; bei jener Höhle saßen

Deucalion und Pyrrha unter dem Baume. Hier spielten Baldur und Vidar

mit den im Grase gefundenen Würfeln, und der frühere Kummer und die

Beschwerden des Lebens schienen ihnen, wie ein verschwundener Traum.

[Sidenote: Eine prosaische Ansicht. Turin.]

Ein altmodischer, französischer Kaufmann saß bei mir im Wagen. »Welch

ein Werk!« rief er aus, »welch' ein Meisterstück!« Ich glaubte, er meine

die Natur und Schöpfung, er aber meinte nur den Weg. Er war ärgerlich

über die Italiener und konnte nichts Italienisches leiden. Stets schwieg

er, wenn ich begeistert bewunderte, bis wir ins Thal kamen und einigen

Kühen mit großen Hörnern begegneten. »Seh'n Sie mal, mein Herr!« rief

er, »wie monströs Alles in diesem verfluchten Lande! wie übertrieben!

-- Die Leute haben hier gar keinen Geschmack.« -- »»Aber was wollen

Sie denn in Italien, mein Herr?«« -- Er zuckte mit den Achseln und

seufzte: »Geschäfte!« -- »»Freilich,«« dachte ich, »»dann muß man

zuweilen mit Geschmacklosigkeit und großen Hörnern vorlieb nehmen. --

Sollten Sie wohl glauben,«« sagte ich nach einigem Schweigen, »»daß

es einmal Menschen gab, die diese Berge überstiegen, als noch gar

kein Weg vorhanden war?«« »Das sind dann wohl einzelne Wagehälse und

Engländer gewesen.« -- »»Nein, ganze Nationen!«« -- »Das muß dann in den

fabelhaften Zeiten geschehen sein!« sagte er mißtrauisch.

In Turin hätte ich mich beinahe verirrt, weil alle Häuser und Straßen

da einander gleichen; es ist Alles sehr prächtig, aber monoton und

menschenleer. Ich ging ins Theater; das hatte nicht viel zu bedeuten. Am

nächsten Tage besah ich das große Opernhaus zum Ersatz, weil keine Oper

gegeben wurde. Ich guckte in den finstern ungeheuren Raum hinein. Um

mich etwas zu amüsiren, zeigte man mir die Maschinerie. Das half nicht

viel. Mein einziger Trost war eine große Trommel, auf der ich einige

Donnerschläge und Kanonenschüsse, wie ein zweiter Jupiter oder Napoleon,

anbrachte. -- Draußen regnete es. Hier fand ich zwar die Sonne wieder;

aber unecht vergoldet, in einen Winkel hingeworfen und ihre zerrissenen

Pappstrahlen mit Staub bedeckt. -- Darauf zeigte man mir ein Druckwerk,

durch das man wirklich nicht blos poetisches Wasser auf die Bühne

bringen konnte. Man konnte auch den Hintergrund öffnen und die Zuschauer

in die wirkliche Welt hinausblicken lassen, wenn der allzulange

Aufenthalt im Reich der Phantasie ihnen Heimweh nach Dem geweckt hatte,

was sie »besser und bequemer zu Hause« hatten. Denn es geht dem großen

Haufen, wie den Seehunden: sie können sich wohl einige Stunden lang

auf den Steinen sonnen, die am Strande der Poesie liegen, aber sie

müssen bald wieder in das (nicht salzige, sondern süße) Wasser der

Prosa. Am stolzesten war der Vorzeiger des Pferdestalls, von wo aus die

vierbeinigen Komödianten (eigentlich Tragiker, denn sie spielen nur in

der _Opera-Seria_) auf die Bretter hinauskommen und in den musikalischen

Haupt- und Staatsactionen agiren. In Berlin und andern Orten hat man

auch Theaterpferde; es war mir nichts Neues.

In Turin besuchte ich Herrn =Bonzanigo=, einen _Sculpteur en bois_, wie

er sich nannte; aber er schnitt auch sehr hübsche Sachen in Elfenbein

aus. Er hatte wahres Talent und viel Erfindungsgabe, ein artiger alter

Mann. -- »Man muß Genie haben, um solche Dinge hervorzubringen,« sagte

ich zu ihm. »»Ja gewiß,«« entgegnete er ernst und freundlich, »»viel

Genie.«« -- Es lag durchaus keine Arroganz, keine Prahlerei in seinem

Tone. Er betrachtete das Genie als eine nothwendige Bedingung für

Kunstwerke. Derjenige, der keines hätte, meinte er wohl, müßte es lieber

unterlassen, und darin hatte der alte Mann Recht.

[Sidenote: Die Reisegesellschaft nach Mailand.]

Ich reiste mit einem Vetturin nach =Mailand=. Im Wagen traf ich

wieder meinen französischen Kaufmann, und ein ganz wohlgekleidetes

Frauenzimmer, eigentlich ein Dienstmädchen, die nach Mailand reiste,

um -- wie wir später erfuhren -- Kindermädchen zu werden. Sie erzählte

uns, daß sie in einer kleinen französischen Stadt geboren sei, die ihren

Namen nach einem wilden Mann führe, welcher in alten Tagen ganz nackt im

Walde gefunden worden sei.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 14 / 18 段