Herrn =Lembert=. Eines Tages kam er zu mir und sagte: »Sie könnten mir
eine Gefälligkeit erweisen.« -- »»Gern! Welche?«« -- »Der König ist
krank gewesen und hat sich wieder erholt, ich möchte ihm deshalb gern
ein Gedicht überreichen, das ihm gefallen und mir nützen soll.« --
»»Wünschen Sie, daß ich es für Sie mache? Mit Vergnügen!«« Ich machte
ihm das Gedicht, aber das Beste mußte ich wieder ausstreichen. Es war
eine poetische Erklärung des Wortes =Württemberg= nach der Legende von
dem alten Ritter, der in den frühesten Zeiten so gastfrei gewesen sein
sollte, daß man ihn in der Umgegend nannte: »=Der Wirth am Berge=«.
Lembert brachte dem König das Gedicht und bekam eine nicht unbedeutende
Summe von Dukaten, die er wohl mehr seinen Talenten als meiner
kleinen Romanze zu danken hatte. Indessen mochte diese doch wohl dazu
beigetragen haben.
* * * * *
Bei dem Hofrath =Vellnagel= machte ich die Bekanntschaft der Frau
Haendel. Ich hatte sie drei Jahre vorher in Berlin die Jungfrau von
Orleans spielen sehen. Bekanntlich zeichnete sie sich durch eine neue
Kunst ans. So wie Lady Hamilton in Italien früher schöne Statuen
nachgeahmt hatte, so ahmte jetzt Frau Haendel italienische und deutsche
Gemälde nach. Da sie eine gute Schauspielerin war, ein hübsches Gesicht
hatte, und sich besonders gut auf's Drapiren verstand, so waren diese
Darstellungen auch unterhaltend und verdienten Lob, soweit jede
sinnreiche Erfindung achtungswerth ist. Indessen würde die Fortsetzung
dieser Kunst kaum anzuempfehlen sein. --
Solche Nachahmungen der Nachahmungen der Natur würden zuletzt schädlich
werden. Die geniale Frau Haendel machte es wirklich so gut, als man
verlangen konnte; aber -- selbst =gut= dargestellt, mag ich doch nicht
eine Mutter Gottes sehen, die kurz vorher Thee mit mir getrunken
hat, lustig gewesen ist, und dann sich wieder lustig mit uns an den
Abendtisch setzt. Dieses Spiel mit dem Heiligen, kann wohl Geist und
Geschmack im Kostüm verrathen, aber den Geist nicht zu ernsten Gefühlen
erheben. Dergleichen läßt sich besser mit weltlichen Dingen machen; und
Frau Haendel stellte auch besser Scenen aus der niederländischen, als
aus der italienischen Schule dar.
Es frappirte mich, da ich es zum ersten Male sah; und ich schrieb ein
Gedicht darüber, das Frau Haendel-Schütz später in ihrem Stammbuche hat
drucken lassen. -- Ich machte in Gesellschaft mit dieser interessanten
Frau, dem Hofrath Vellnagel und Andern eine Lustfahrt nach dem Walde,
wo einige Schauspieler ganz vortrefflich mehrere alte deutsche Farcen
im Grünen improvisirten. Auf dem Wege begegneten wir gleich Vinzenz als
Prologus auf einem Esel reitend.
[Sidenote: Zusammentreffen mit Carl Maria v. Weber.]
Bei Vellnagel's sah ich zum ersten Male =Carl Maria v. Weber=. Ich
wußte von ihm nur, daß er ein junger, vielversprechender Musiker, ein
beliebter Schüler von Vogler sei. Es ahnte damals Keiner, daß er der
große Componist Preciosa's, Oberon's und des Freischütz' werden würde.
* * * * *
[Sidenote: Der Dichter Uhland. Schaffhausen, der Rheinfall.]
Kurz darauf traf Cotta ein, und ich besuchte ihn in Tübingen. Er
empfing mich freundlich und gastfrei; seine Tüchtigkeit, sein Verstand
und sein offenes Wesen gefielen mir; auch er konnte mich gut leiden. Er
bezahlte mir meinen Hakon Jarl, Palnatoke und die Gedichte reichlich.
Und nun beschloß ich, nach der Schweiz und Italien zu reisen. Aber erst
machte ich die Bekanntschaft des wackern =Uhland=. Er war damals noch
ein junger Mensch und schrieb »des Knaben Berglied« in mein Stammbuch.
Auch den alten, rührigen Professor Conz, der Mehreres vom Aristophanes
übersetzt hat, lernte ich kennen.
Er schrieb mir folgende Verse aus dem Faust zum Andenken auf:
»Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen,
Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt;
Erquickung hast Du voll gewonnen,
Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.«
In dem schönsten Septemberwetter reiste ich nach =Schaffhausen=. Gleich
hier an der Grenze von Deutschland führt die Natur ein feierliches
Schauspiel auf, um den Wanderer für das Abenteuerliche und Kühne zu
stimmen, wenn er aus dem idyllisch anmuthigen Schwaben heraustritt, und
sich den ungeheuren Eisbergen nähert. Der ehrwürdige Vater =Rhein=, der
sonst majestätisch und ruhig durch Germanien hinströmt, bis er sich mit
dem Meere vermählt, wird hier plötzlich wild und übermüthig, lärmt wie
ein Kobold, schlägt Räder, steht auf dem Kopfe, bricht seinen blauen
Spiegel in tausend Stücken, und in dem ungeheuren Lilienbett, wo die
Blumen jeden Augenblick kommen und verschwinden, strahlt im Wasserstaube
und im Sonnenscheine ein ewiger Regenbogen.
Ganz allein besuchte ich mit einem von Shakespeare's Lustspielen in der
Tasche dieses große Lustspiel der Natur; hörte erst das dumpfe Sausen
in der Ferne, darauf in der Nähe den entsetzlichen Fall, und legte mich
an einem lieblichen Orte in passender Entfernung zur Ruhe, nachdem
ich vorher den ertrunkenen Engländern einen Seufzer geweiht hatte.
Sie wollen immer da hinüber, wo das Wasser am gefährlichsten ist, und
fliegen gewöhnlich, wie die Mücken, in's Licht. -- Da lag ich nun und
las, lauschte zuweilen und blickte nach dem Wasserfall hinüber, indem
ich mich über Shakespeare und die große Natur freute; d. h. über Ein und
Dasselbe in verschiedenen Formen.
* * * * *
[Sidenote: Der Gastwirth Peter. -- Frau von Harmes.]
In =Zürich= traf ich fast den besten Gasthof an, den ich noch gesehen
hatte: »zum Schwerte«, an dem herrlichen See; und in Herrn =Peter=
fanden wir den vortrefflichsten Wirth. Alles war bei ihm gut: die
Aussicht, Zimmer, Essen, Trinken, Bedienung, Musik, Gäste. Herr Peter
hatte schöne Böte und bequeme Wagen. Man konnte Lustfahrten zu Wasser
und zu Lande und für einen billigen Preis unternehmen. Ich machte hier
die Bekanntschaft zweier Kaufmannsfamilien, die eine aus Hamburg,
=Knoop=, die andere aus Wien, =Breuß=. Sie fragten mich, ob ich mit
ihnen umherreisen wolle? Ich nahm das Anerbieten gern an, da ich auf
diese Weise freie Beförderung und eine angenehme Gesellschaft hatte. Ein
reicher Baron =Mannteufel= wohnte im Schwerte; er tractirte alle Welt
und gab Herrn Peter viel zu verdienen. Aus Dankbarkeit hatte deßhalb
dieser, am Abend vor der Abreise des Barons, ein Transparent mit dem
Namenszuge des Gastes und zwei Posaunenengel auf der Brücke angebracht.
Ich übergab dem Dr. =Römer=, einem ausgezeichneten Botaniker und echten
Schweizer, einen Brief. Er hatte große Aehnlichkeit mit einem biedern
Norweger und wir wurden deßhalb Freunde. Er führte mich zur Dichterin
=Frau v. Harmes=, geb. =Berlepsch=. Wir disputirten mit einander über
das Göthe'sche Gedicht: »=Miedings= Tod«; sie fand den Gegenstand zu
unbedeutend (Mieding war Maschinenmeister gewesen) ich fand ihn gerade
ganz vortrefflich.
Vor unserer Abreise von Zürich überraschte der Wirth uns auf eine
angenehme Weise. Die Flügelthüren des Speisesaales öffneten sich, und
im Kabinette nebenan gab uns Herr Peter, als Hirt gekleidet, noch zum
Abschied ein Ballet oder Entrée, wie man es nennen will. Ich konnte mich
nicht genug über die Gewandtheit wundern, mit der der Mann seine Beine
gebrauchte. Ich hatte ihn immer nur im gelben Stolpenstiefeln, mit einem
grauen Rock über den breiten Schultern und um den runden Leib, dem es
nicht an Fülle fehlte, gesehen. Nun machte er in Rosa und Seladon-Tafft
mit dem Strohhut auf dem Kopfe die vortrefflichsten _Entrechats_,
während der Champagner zum Abschied sprudelte; ich glaubte mich in ein
Feenschloß hinverzaubert!
[Sidenote: Gute Reisegesellschaft.]
Wir rollten in vortrefflichen Wagen bei herrlichem Wetter unter
unzähligen Wallnußbäumen so voll reifer Früchte, wie die wilden
Kastanien bei uns, dahin. Wir machten uns deshalb auch kein Gewissen
daraus, zuweilen Nüsse von den herabhängenden Zweigen abzureißen und
einander während des Fahrens damit zu bombardiren. -- Wo wir in ein
Wirthshaus eintraten, rief mein Hamburger gleich: »Was haben Sie uns
zu geben? Bringen Sie das Beste!« Das bekamen wir denn auch; aber die
Rechnung wurde auch darnach. Als bezahlt werden sollte, legte ich mein
Scherflein mit auf den Tisch. -- Der Kaufmann sah mich verlegen an,
schwieg und nahm es. Aber als ich am nächsten Tage ein Gleiches thun
wollte, schob er mir das Geld wieder zurück und sagte: »Nehmen Sie es
uns nicht übel; aber wir können unmöglich Ihr Geld annehmen! Sie sehen
ja, daß wir nicht ökonomisch reisen und doch sparen wir mehr dabei, als
wenn wir zu Hause bleiben. Sie sollen unsertwegen nicht überflüssige
Ausgaben haben. Sie könnten billiger und ebenso gut reisen; nun erfreuen
Sie uns durch Ihre Gesellschaft, und darunter sollen Sie nicht leiden.
Bilden Sie sich ein, wir wären in Hamburg oder Wien, und Sie besuchten
uns dort als Gast! Dann brauchen wir uns auch nicht Ihretwegen mit den
Ausgaben zu geniren.« Dies war sehr artig und vernünftig gesprochen;
ich zierte mich auch nicht lange, sondern nahm das Anerbieten ohne
Einwendungen an. Als ich an dem Abend zu Bett ging und meine kleine
Geldbörse unter das Kopfkissen legte, freute ich mich recht kindlich
darüber, daß die Geldbörse eine Zeitlang verschont bleiben sollte.
Am nächsten Morgen, als ich mit den Kaufleuten am Theetisch saß, trat
das Hausmädchen herein und brachte mir -- meine Börse, die ich im Bett
vergessen hatte! Die Kaufleute schwiegen, sahen aber einander an und
lächelten. Ich dachte: »Verdammte Zerstreutheit! ganz kann man Dich
doch nicht los werden. Das ist mir auf meiner ganzen Reise zum ersten
Male passirt; sollen diese Geschäftsleute nun gleich glauben, daß Du
ein Genie in der schlechten Bedeutung des Wortes bist? Und ich bin
doch gewiß ganz ordentlich und mir ist nichts Aehnliches passirt; wenn
ich den Paß in Dresden, -- und den Koffer in Quedlinburg, -- und die
Verspätung in Halberstadt, -- und den Paß in Straßburg, -- und den
Koffer in Stuttgart ausnehme! --«
[Sidenote: Besteigung des Righi.]
Wir reisten über den =Albisberg= nach =Zug=, wo ich den =Roßberg= sah,
der zwei Jahre vorher zwei Städte in seinem Falle begraben hatte. Ueber
den Zugersee kamen wir nach =Arth=, und bestiegen den =Righi=, einen der
schönsten und am leichtesten ersteigbaren Berge. -- Ich hatte noch immer
den Straßburger Münster im Kopfe, und als ich ganz oben war, fragte
ich einen Schweizer: »Ist Das nun viel höher, als der Münsterthurm in
Straßburg?« »»Ach, gehen Sie weg, mit Ihrem Münsterthurm!«« rief der
Schweizer, »»von so einer Ameise kann hier gar nicht die Rede sein.««
Man kann sich leicht in Bezug auf eine Höhe täuschen, wenn man sie nur
nach dem Augenmaß und dem sinnlichen Eindrucke beurtheilt. Nur die
schroffe Tiefe wirkt auf die Phantasie ein, und das langsame Steigen
einer Berggegend merkt man nicht gleich.
Wir blieben die Nacht über auf dem Righi; die Schweizermädchen sangen
uns alte Lieder vor. Eines darunter gefiel mir besonders gut. Der
Refrain war:
»Durch keine Adelshand,
Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot,
Ward's gerettet, Vatterland!«
Am nächsten Morgen stiegen wir höher hinauf, um eine recht freie
Aussicht zu haben. Der Nebel erlaubte uns aber nicht, eine Hand weit
vor uns zu sehen. Ich schrieb in das Buch, welches dort lag, und in das
viele Reisende schöne Sentenzen hineingeschrieben haben:
»Ich kam hinauf -- und sah -- und sah --
Gar Nichts! -- der Nebel war schon da --.«
[Sidenote: Tell's Kapelle.]
Weiter am Tage, als wir wieder hinabstiegen, klärte sich der Himmel auf.
Wir hörten das Geläute der Heerden. In einer Kluft, ganz von Felswänden
umgeben, stand eine Kapelle bei einer Quelle. Bauern von Freiburg kamen
dorthin, um das Wasser zu trinken, welches Taubheit heilen sollte. Die
Abendsonne ging herrlich unter; die Heerdenglocken klangen in Terzen und
Quarten; Freiburger Mädchen sangen Psalmen und kehrten von der heiligen
Quelle zurück. Das Gras auf den Höhen war frisch und grün. Ueber den See
hin kamen wir nach Tell's Kapelle, wo geschrieben steht: »Hier schlug
Thäll Gieselers Huochmuot.«
Man zeigte mir einen Baumstumpf; die guten Leute glaubten, es seien
noch Ueberreste jenes Baumes, hinter dem Tell gestanden, als er Geßler
seinen Todespfeil sandte. Es war mir, als ob ich =Schiller's= Geist mit
einer Harfe im Arme über die Berge dahinschweben sah. Die seltsamen
Physiognomien der fernen Gebirgsketten brachten mir =Lavater= ins
Gedächtniß; und in dem saftgrünen schattigen Thale war mir's, als ob ich
=Geßner= unter einem Baume sitzen und die Landschaft malen sähe, während
er Idyllen sang.
* * * * *
Mit meiner Reisegesellschaft zog ich an =Küßnacht= vorbei über
den Vierwaldstädtersee nach =Luzern=, und von da über =Reith= und
=Morgenthal= nach =Bern=. Hier blieben wir ein paar Tage in der
Gesellschaft der liebenswürdigen Frau =Haller=. In =Lausanne= trennte
ich mich von meiner Reisegesellschaft; ich stand wieder allein und fuhr
auf einem Retourwagen nach =Coppet=, um die Baronesse Staël-Holstein zu
besuchen, was ich ihr in _Auberge en ville_ versprochen hatte.
[Sidenote: Aufnahme bei Frau v. Staël-Holstein.]
Ich stieg in einem dunkeln Gasthof ab, trat in ein kaltes, feuchtes
Zimmer, und ließ mir einige Bündel trockenen Reisig's im Kamin anzünden,
um das feuchte Herbstzimmer zu erwärmen und behaglich zu machen. Sonst,
wenn ich allein nach einem so ländlichen Wirthshause kam, pflegte ich
gewöhnlich die =Küche= zu meinem Aufenthalte zu wählen. War es kalt, so
konnte man sich dort gleich ans Feuer setzen, wo das Ende eines ganzen
Baumstammes brannte, den man nach und nach hineinschob. Der Braten, der
gegessen werden sollte, drehte sich dabei lustig an seinem Spieße herum.
Ich unterhielt mich mit den Leuten; Mädchen und Burschen kamen und
setzten sich an einen entfernteren Tisch; eine Treppe führte gewöhnlich
zu einer Galerie hinauf, nach der alle Thüren des zweiten Stockwerkes
führten. Ein solcher Versammlungsort, halb Küche, halb Zimmer, bildet
oft die Scene in den alten französischen Singspielen. Bei Walter Scott
ist er auch oft der Schauplatz. Er ist der Gegenstand vieler hübschen
Bilder der niederländischen Schule gewesen. -- Aber heute in Coppet
hatte ich nicht Lust in dieser Gesellschaft zu verweilen; ich wollte
eine Stunde mit mir allein sein, ehe ich wieder in einen großen, fremden
Kreis eintrat. Ich hatte A. W. Schlegel wissen lassen, daß ich in Coppet
sei, und dort der Baronesse meine Aufwartung zu machen wünsche; nun saß
ich da und blickte ins Kaminfeuer und dachte an alle verschwundenen
Freuden.
[Sidenote: Das Haus der Frau v. Staël-Holstein.]
Es währte nicht lange, so kam ein Diener mit einer Einladung von Frau
von Staël, und mein Koffer wurde gleich auf's Schloß getragen. Dort
war Alles munter und elegant, die witzige Dichterin kam mir freundlich
lächelnd entgegen, lud mich ein, einige Wochen bei ihr zu bleiben, und
neckte mich, weil ich noch nicht besser Französisch sprach. Mit ihr
konnte ich übrigens nicht in Betreff der Sprache in Verlegenheit kommen,
denn sie verstand vortrefflich Deutsch. Ihre Kinder, der vor Kurzem
verstorbene, wackere =August= und ihre Tochter, die jetzige Herzogin
von =Broglie=, damals ein halb erwachsenes Mädchen, sprachen auch gut
Deutsch, ebenso wie Herr =Benjamin Constant=, den ich hier wieder
traf. August Wilhelm Schlegel konnte fast alle Sprachen gleich gut;
und der alte Baron =Voigt= von Altona, ein Altersgenosse von Lessing
und Schröder, der auch zum Besuche hier war, las gerade »Nathan den
Weisen« vor. So konnte man sagen, daß die Deutschen auf eine kurze Zeit
die französische Schweiz erobert hatten. Auch der alte liebenswürdige
=Bonstetten= sprach ebenso gut Deutsch wie Französisch. Wie gut Benjamin
Constant Deutsch verstand, merkte ich späterhin einmal an einem Abend,
wo er uns eine französisch-racinisirte Bearbeitung von Schiller's
Wallenstein zur Vergeltung dafür vorlas, daß Göthe den Mahomed und
Tancred göthisirt und Schiller die Phädra schillerisirt hatte. Noch
befand sich hier der berühmte Historiker =Simondi de Sismondi=, der
auch Deutsch verstand, aber nicht sprechen konnte; und ein Herr
=Comte de Sabran=, der kein Wort Deutsch konnte, aber französische
Epigramme machte. -- Da ich nun in den französischen Gesprächen bei
Tisch für gewöhnlich schwieg, sagte Sismondi einmal der Frau Staël von
mir: »_C'est un arbre, sur lequel il croît des tragédies._« Schlegel
war höflich, aber kalt gegen mich. Ich achtete seine Gelehrsamkeit,
seinen Scharfsinn, seinen Witz und sein außerordentliches Sprachtalent
hoch. Ich kenne keine besseren Uebersetzungen, als die seinigen von
Shakespeare und Calderon. Vielleicht ist sein Shakespeare hier und
da doch ein Bischen zu geleckt. Er hat viel Vortreffliches über
Poesie und Kunst gesagt; aber er war nicht frei von Einseitigkeit und
Parteilichkeit. Gleich seinem Bruder und der ganzen neuern Schule war er
ein zu großer Freund der Aristokratie und Hierarchie und zog Calderon
dem Shakespeare vor; Luther und Herder tadelte er bitter; kurz sein
ganzes Wesen hatte Etwas, das mir nicht gefiel, etwas Pedantisches
und Hochmüthiges. Als er ein Mal bei Tisch von Luther mit Verachtung
sprach, fuhr ich auf und schleuderte den Tadel so heftig auf ihn selbst
zurück, daß alle Franzosen glaubten, wir würden handgreiflich werden.
Doch wurde bald Frieden geschlossen; aber seine Zuneigung für mich ward
dadurch natürlich nicht größer. Er ging meinen Palnatoke mit mir durch
und half mir viele Sprachfehler verbessern. Nie lobte er Etwas von
mir. Zehn Jahre später, als ich wieder mit Frau Staël in Paris sprach,
erzählte sie mir, daß er meinen Correggio sehr liebe. Als ich von Genf
fortreiste, schrieb er höflich in mein Stammbuch:
»Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein!
Willkommen gern im deutschen Dichterhain!
Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen,
Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.«
[Sidenote: Gedenkblatt von A. W. Schlegel.]
Man sieht, daß Alles im Futurum steht; obgleich Einiges bereits im
Präsens ja wohl selbst im Perfectum betrachtet werden konnte. Schlegel
ritt jeden Tag ein zahmes Pferd, um sich einige Bewegung zu machen.
Einmal hatte man ihm ein unbändigeres Roß gegeben, und er weigerte
sich, es zu reiten. Frau Staël neckte ihn, und Benjamin Constant erbot
sich, das Pferd zu besteigen, um Schlegel zu zeigen, daß keine Gefahr
dabei wäre. Wir gingen Alle mit hinunter, um Zeugen dieses Auftrittes
zu sein; der große rothhaarige Constant schwang sich wie ein Ritter in
den Sattel und galloppirte von dannen; aber kaum war er ein Stück Wegs
dahin gekommen, so warf das Pferd ihn in den tiefen sumpfigen Graben.
Ich vergesse niemals das =Mitleid=, das Schlegel mit ihm hatte, als er
hinkend wieder zurück kam. »Ja, sagte ich es Ihnen nicht,« rief Schlegel
mit unterdrücktem Lachen, »es ist ein verteufelt stetiges Vieh!«
Einen Zug jugendlicher Eitelkeit darf ich hier nicht vergessen. Als
ich eines Tages neben der Frau von Staël ging, welche langsam ritt, und
als wir über einen kleinen Bach kamen, trat ich mit Schuhen und seidnen
Strümpfen in denselben und durchwatete ihn, anstatt über ein Brett zu
gehen, das über demselben lag. Sie machte mich auf meine Zerstreutheit
aufmerksam. Ich antwortete, es sei keine Zerstreutheit, sondern ich
wollte die Unterhaltung mit ihr nicht unterbrechen; denn das Pferd
durchwatete natürlich den Bach. Wahrscheinlich amüsirte es mich, weil
ich kurz vorher ihre Corinna gelesen hatte, eine Art Lord Nelvil ihr
gegenüber zu spielen, der ihrer Weiblichkeit durch seine männliche
Verwegenheit imponiren wollte. Es war für mich auch fast ebenso
gefährlich, mich ins Wasser zu stürzen, wie für ihn ins Feuer; aber er
schuf doch Nutzen dadurch: ich dagegen konnte mir eine Krankheit durch
diesen Narrenstreich zuziehen.
[Sidenote: Die Persönlichkeit der Frau von Staël-Holstein.]
Wie geistvoll, witzig und liebenswürdig Frau von Staël war, weiß die
ganze Welt. Ich habe kein Weib mit so vielem Genie, wie sie gekannt.
Deshalb aber hatte sie auch etwas Männliches in ihrem Wesen, war
ziemlich vierschrötig und hatte ein markirtes Gesicht. Schön war
sie nicht; aber ihre brillanten, braunen Augen hatten doch etwas
Anziehendes, und das weibliche Talent, Männer der verschiedensten
Charactere zu gewinnen, mit Feinheit zu beherrschen und in der
Gesellschaft zu vereinen, besaß sie in hohem Grade. Ihr Genie,
ihr Gesicht, ja fast selbst ihre Stimme waren männlich; aber die
Empfänglichkeit ihres Herzens war in hohem Grade weiblich: das hat sie
in der Delphine und der Corinna bewiesen. Rousseau hat die Liebe nicht
mit größerm Feuer geschildert.
Sie schrieb gerade damals ihr Buch über die deutsche Literatur und las
täglich einen Band Deutsch. Man hat sie beschuldigt, die Bücher nicht
selbst gelesen, sondern ihr Urtheil darüber von Schlegel erhalten zu
haben; dies ist durchaus unwahr. Sie las selbst Deutsch mit größter
Leichtigkeit; nur die Aussprache fiel ihr schwer: und deshalb übersetzte
sie, wenn sie mir etwas aus einem deutschen Buche vorlesen wollte, es
lieber gleich ins Französische. Schlegel hat gewiß sehr vielen Einfluß
auf ihr Urtheil gehabt, sie lernte durch ihn zuerst die deutsche
Literatur kennen, aber ihre Ansichten wichen doch in manchen Dingen
durchaus von den seinigen ab. Sie konnte selbst denken; sie stritt
häufig mit ihm und neckte ihn oft, wenn er ihr zu parteiisch war. »_Vous
êtes une tête lente,_« sagte sie einmal über Tisch zu ihm: »_moi, je
suis une tête vite._« In ihrem Urtheile über die französische Tragödie
wich sie vollständig von Schlegel ab.
Frau von Staël hat das Verdienst, die Erste zu sein, welche die
französische Nation auf die Schönheiten der deutschen Poesie aufmerksam
machte. Wenn nun gleich Vieles in ihren Aeußerungen flüchtig und schief
ist, so muß man es ihr, einer Dame, einer französischen Dame, einer
vornehmen und reichen Dame verzeihen, der täglich eine unendliche Menge
Gäste nach dem Munde schwatzte. Vieles Geistreiche und Schöne hat sie
über deutsche Verfasser geschrieben. Freilich fehlte ihr der tiefe,
stillere, ernste Sinn, um eigentlich das Wesen der germanischen und
nordischen Poesie zu erfassen. Es hat auch etwas Verletzendes, wenn man
alle großen Männer die Revüe vor dieser poetischen Semiramis passiren
sieht; doch behandelt sie die ausgezeichneten Schriftsteller mit
genügender Achtung und geizt bei ihnen nicht mit Ehrenbezeugungen.
Ihr größtes Talent bestand darin, etwas Treffendes und Witziges über
Das zu sagen, was sich ihre Aufmerksamkeit zuzog. Dieses Talent machte
sie in Gesellschaften äußerst unterhaltend. Wohin sie kam, zog sie
(trotz der Gegenwart der schönen jungen Damen) alle Männer von Kopf
und Kenntnissen in ihre Nähe. Bedenkt man nun, daß sie außerordentlich
reich und gastfrei war und fast jeden Tag prächtige Gesellschaften
gab, so wundert sich gewiß Keiner darüber, daß sie, einer Königin oder
Fee gleich, die Männer in ihr Zauberschloß lockte und sie zum Theil
beherrschte. Man hätte fast glauben können, daß sie, um diese Herrschaft
an den Tag zu legen, während der Mahlzeit immer mit einem kleinen Zweige
in der Hand spielte. Der Diener mußte ihr einen solchen täglich neben
ihren Teller hinlegen, denn er war ihr ebenso unentbehrlich, wie Messer,
Löffel und Gabel.
[Sidenote: Zacharias Werner.]