äußerlich mit ihm in Frieden lebe. Es schmerzt mich oft in meinem
Innern, daß es einem Manne, der mit so vielen Talenten geboren ist, so
vollständig an Character und Zusammenhang fehlt, wie ihm. Kaum ein Tag
vergeht, wo er nicht Ansichten und Gesinnung änderte. Diese Fluidität
macht, daß er sich leicht in alle Formen schmiegt; daß er aber nie durch
eine lange Arbeit hindurch eine feste und klare Form beibehalten kann.
Steffens war einige Tage hier. Man wollte ihn anstellen, da man aber
forderte, daß er keine Vorlesungen halten dürfe, so gab er die übrigens
nicht unvortheilhaften Bedingungen, die ihm gestellt waren, auf.
Baggesen hat ihn erwischt und gesagt, er fürchte, Du hättest Steffens
gegen ihn eingenommen; aber Steffens antwortete ganz aufrichtig, daß
gerade das Gegentheil der Fall sei. Baggesen fuhr fort, Steffens
Complimente zu machen; er will sich mit aller Gewalt zur neuern Poesie
bekehren, und hat auch bereits in seinem »Gespenst« verschiedentliche
neue Götter vorgeschlagen.«
* * * * *
»Baggesen besitzt gewiß alle die Talente, die zu einem ausgezeichneten
Dichter erforderlich sind; aber es fehlt ihm die innere Einheit,
die viele Talente zu einem Genie macht. Deßhalb sieht man auch, wie
sich alle Dichterelemente in seinen Arbeiten jagen, Alles in einer
unaufhörlichen Bewegung, einem poetischen Chaos, dem der verbindende
Geist fehlt, so daß es nie zu einer wahren Organisation gelangt. Wenn
der Zusammenstoß der Atome hie und da in dem großen Meere, seinen
Gedichten, es zu einer kleinen, schwachen Organisation gebracht hat, so
weiß er doch stets durch Verbesserung in einer neuen Ausgabe sie wieder
aufzulösen, daß daraus die Einheit wieder herausgebracht wird. Dies
hat er z. B. in dem kleinen Gedichte, =der Trost=, gemacht, das in der
ersten Ausgabe damit anfängt, in der ganzen Natur ein Symbol des Todes
und des Grabes zu sehen; darauf steigt er in das Grab selbst hinab,
und schließt mit Himmel, Seligkeit, Ewigkeit. In der zweiten Ausgabe
verschwindet der feine Faden, der Alles verband, und der ganze kleine
wehmüthige Erguß wird -- Wasser. Es ist meine volle Ueberzeugung, daß
die Natur Keinem Genie verleiht; sie rüstet den Menschen mit mehreren
oder wenigeren Talenten aus; aber selbst die größten werden nur Talente,
wenn nicht künstlerisches Rechtsgefühl, wahre Liebe für Kunst und
Wissenschaft hinzutritt, so daß man ohne Rücksicht der Vortheile und
Verbindungen, oder etwas noch Niedrigeres, stets in seiner Kunst und
Wissenschaft lebt. --
Ich muß Dir erzählen, daß Baggesen einen Sohn hat, der ein
vortrefflicher Knabe ist und so viel Character und Verstand besitzt,
daß der Vater oft von Herzen wünschen müßte, zu haben, was er hat. Er
gleicht ihm indessen sehr, doch ist es wohl die Schweizernatur der
Mutter, die ihm die Kraft verliehen hat. Er ist ganz entschlossen
Krieger zu werden, und ich habe ihn mit bewundernswürdigem Verstande
auf die Einwendungen antworten hören, die man ihm gegen die Wahl dieses
Standes machte.«
* * * * *
So wurde Baggesen beurtheilt, nicht allein im Kreise meiner Freunde
(der aus einigen der ausgezeichnetsten Männer der dänischen Literatur
bestand), sondern von den meisten geistvollen, gebildeten Menschen.
Indessen hatte er doch meine Schwester zu gewinnen gewußt. Und war
dies ein Wunder? Er gewann ja kurz darauf in Paris, trotz Dem, was ich
von ihm wußte, auch mich. Es war fast nicht möglich, kalt gegen ihn zu
bleiben, wenn er es recht darauf anlegte, einen Menschen zu gewinnen,
so liebenswürdig konnte er sein. War es daher nicht natürlich, daß er
auch sie gewann, die er bis in die Wolken erhob und in deren Umgang er
damals seine größte Glückseligkeit fand? Als ein Frauenzimmer, obgleich
sehr gebildet und geistvoll, war sie -- nicht (wie Baggesen selbst zu
Christiane sagte) »sehr unwissend,« aber wohl unwissend im Betreff der
literarischen Verhältnisse und der Rolle, die Baggesen selbst darin
spielte. Wenn sie ihn nun auch oft sehr tadeln hörte und selbst zuweilen
seine Schwächen entdeckte, so gefiel und schmeichelte es ihr wohl auf
der andern Seite, daß sie so großen Einfluß auf einen so berühmten und
talentvollen Mann mit einem so großen Namen hatte, der sich darein fand,
oft ganz kindlich und gehorsam bei ihr in die Schule zu gehen, und
geduldig ihren Tadel und ihre Winke entgegennahm, und für die Zukunft
Besserung versprach. Es währte nicht lange, so öffneten sich auch
Sophien die Augen, damals aber ging sie noch, was Baggesen betraf, im
Traum, und es gefiel ihr, ihm Geschmack für das Bessere in einer Kunst
beibringen zu können, in welcher er sich einen berühmten Namen erworben
hatte, ehe sie geboren wurde.
* * * * *
[Sidenote: Zusammenleben mit Baggesen in Paris.]
Als Baggesen nach Paris kam, hatte ich mir vorgenommen kalt und
zurückhaltend gegen ihn zu sein, aber daraus wurde nichts. Als er zu mir
ins Zimmer trat und ich sagte: »Guten Tag, Herr Professor Baggesen!«
rief er weinend: »Nicht so! Du, Du!« Damit drückte er mich in seine Arme
und netzte mein Gesicht mit seinen Thränen indem er mich wiederholt
küßte. Es ging mir, wie so vielen Andern; dies schöne augenblickliche
Gefühl rührte mich; er hatte mich wiedergewonnen. Wir gingen in Paris
fast täglich mit einander um, und der Eine sagte dem Andern nicht
ein unangenehmes Wort. Baggesen war ein Chamäleon, das seine Farbe
von seiner Umgebung nahm. Er merkte hier bald in unserem Zirkel, daß
Einbildung und eine halb französische halb Wieland'sche Aesthetik
nichts nützte. -- Er wurde also bescheiden, fühlte wohl auch -- für den
Augenblick, daß ich mich auf Tragödien und Schauspiele besser verstehe,
wie er und äußerte selbst einmal: »Ich schäme mich nicht, von Dir zu
lernen, obgleich ich der Aeltere bin.« -- Als ich ihm meinen Palnatoke
vorlas, warf er sich entzückt vor mir auf die Knie. »Pfui Baggesen!«
sagte ich, »solche Uebertreibung kann ich nicht leiden! Laß das Feuer
ruhig, aber stetig brennen.« -- Ein Jahr darauf, als er mich fast
wahnsinnig, wie einen Elenden, angriff, der nichts Ordentliches wisse
oder könne, hieß es: er sei in Paris vor mir auf die Knie gefallen, um
mich zu überreden, die Fehler des Stückes abzuändern.
Da es ihm nun damals darum zu thun war, mich zu gewinnen, so gewann
er mich auch, denn ich habe keinen Menschen gekannt, der sich so
einzuschmeicheln wußte, wobei ihm sein augenblicklich leichtes Gefühl,
sein Witz und seine Beredtsamkeit gut zu statten kamen. Et hatte damals
auch noch nicht so stark gesündigt; und wer sähe nicht gern vielen
kleinen Schwächen durch die Finger, um einen solchen Gesellschafter zu
haben?
Baggesen war eigentlich ein Improvisator; Alles war bei ihm das
Kind des Augenblickes und auf die augenblickliche Wirkung berechnet.
Ich fühlte selbst, um wieviel unterhaltender er in Gesellschaften
sein müsse als ich, der ich nicht mittheilend und laut bin, sondern
verlegen schweige, und nur leise mit meinem Nachbar spreche. Erst unter
Freunden, eigentlich nur zu Zweien werde ich begeistert und beredt; oder
auch als Lehrer vom Katheder, wenn auch noch so Viele zugegen sind.
Baggesen war also ein Improvisator, und als solchem durfte man es ihm
nicht übelnehmen, daß er einen Haufen =Dichtung= in seine geselligen
historischen Erzählungen einmischte; denn der Gesellschaftssaal war,
wie gesagt, größtentheils sein poetisches Arbeitszimmer, wo er häufig
die Horazische Regel geltend machte: _veris falsa_, oder eigentlich:
_vera falsis remiscet_. Hierdurch erlangten seine Erzählungen freilich
an Interesse, das wir Andern, die sich an die nüchterne Wirklichkeit
hielten, ihnen nicht geben konnten. Was er Schönes und Gutes gedichtet
hat, sind, wenn nicht geistvolle Gelegenheitsgedichte, so doch
gewöhnlich die Geburten einer kurzen, glücklichen Stimmung. Zu größeren
Werken, die Anstrengung und eine anhaltende Begeisterung erforderten,
hatte er weder Kraft, noch Fleiß oder Lust. Deshalb sind die meisten
derselben nur Fragmente geblieben. In seinen größeren Arbeiten können
wir freilich viele einzelne Schönheiten bewundern; wo er aber ernst ohne
Humor sein will, ist er größtentheils schwülstig und affectirt.
Eines Abends spät war er bei mir und erzählte mir von seinen
Schuljahren, wie er einmal, seiner Versicherung nach ganz unschuldig,
eine harte Strafe hatte erdulden müssen. Dies schilderte er so lebendig
und mit so rührenden Zügen, das ich zuletzt höchst erbittert ausrief:
»Ich wollte wünschen, ich hätte den alten grausamen Rector hier, ich
wollte ihm _mores_ lehren!« -- Indessen wurde es spät. -- »Baggesen!«
sagte ich, »willst Du die Nacht über hierbleiben, so werde ich Dir ein
Zimmer verschaffen, denn mein Bett ist für zwei zu klein.« -- »»Nein,
das ist unmöglich,«« sagte er, »»ich muß durchaus noch heute Abend nach
Marly.«« Darauf fuhr er wieder zu erzählen fort, bis es so spät ward,
daß er nothwendig bei mir bleiben mußte. Wir stopften uns in das schmale
Bett, wie Anchiovis in einem Fäßchen; und da wir nicht schlafen konnten,
lagen wir die halbe Nacht und sprachen in Reimen mit einander bis wir
endlich von Müdigkeit und Mattigkeit mehr betäubt wurden, als daß wir
einschliefen. Früh am Morgen erwachte ich wieder und wunderte mich über
das große, fahle, pockennarbige aber doch höchst interessante Gesicht,
das neben mir war. Als er erwachte, war er wieder eben so munter. Wir
tranken unsern Kaffee zusammen und sprachen lustig und freundlich mit
einander.
Eines Tages fand er Holberg's dänische Geschichte bei mir und nahm sie
nach Marly mit. Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er: »Nun habe
ich auch ein Sujet zu einer nordischen Tragödie gefunden.« -- »»Na, das
ist recht,«« antwortete ich. -- »Eigentlich werden es =drei= Tragödien!«
-- »Und ich habe auch ein Sujet gefunden und will =eine= Tragödie
schreiben!« (Axel und Valborg). -- »Hm!« -- sagte er, launig lächelnd,
indem er eine starke Prise Tabak nahm, und sich selbst zum besten hatte,
was er oft mit vieler Grazie that. -- »Mir ist bange, daß Du mit Deiner
einen Tragödie früher fertig wirst, als ich mit allen Dreien!« -- Ich
lud Baggesen ein, zu Mittag bei mir zu essen, er nahm die Einladung an
und wir gingen zu meiner Wirthin, Madame Gautier, hinunter, die eine
sehr gute _table d'hôte_ hat. Obgleich etwa zwanzig französische Gäste
da waren, so genirte uns dies doch nicht, da wir beide Dänisch zusammen
sprachen, was kein anderer verstand.
Als wir ein Paar Glas Wein getrunken hatten, sagte ich: »Höre Baggesen,
nun sollst Du mir den Plan zu Deinen drei Tragödien mittheilen.« --
»»Ja,«« entgegnete er, »»es liegt mir noch zu konfus im Kopf; ich muß
es erst ordnen.«« -- »Etwas davon mußt Du doch erzählen können,« fuhr
ich fort. -- »»Das erste Stück soll Schiffer Clement heißen,«« sagte
er, »»aber damit bin ich noch am Allerwenigsten im Reinen.«« -- »Dann
wollen wir mit dem Ende anfangen,« sagte ich, »und gleich zu Christian
II. kommen.« -- »»Ja,«« sagte er nach einigem Weigern verlegen, »»ich
will Dir eine Hauptsituation erzählen. Christian II. geht in den Rath.
Dort stehen zwei Becher auf dem Tisch, der eine mit Blut, der andere mit
Milch. Es ist bekannt, daß er bald gut, bald böse war. Nun fingire ich,
daß er zuweilen, wenn er Milch trank, gut wurde, daß er aber zuweilen
von dem Blute trank und dann böse ward. Er ergreift die Mich und alle
rufen froh: »Der Gute!« -- Aber er wirft sie verächtlich fort, trinkt
von dem Blute und ruft mit finsterm Grimme: »Der Böse!«« --
»Ja,« sagte ich lachend, »das wird eine treffliche Wirkung thun,
besonders wenn die Milch am Boden dahin fließt. Aber höre, mein guter
Baggesen«, fuhr ich ernster fort, »was soll denn das sein? ich kann
doch nicht voraussetzen, daß Du diese Geschichte erfunden hast, um Dich
über den Dichter des Hakon und Palnatoke, der Dich freundlich zu Gast
geladen hat, zum Narren zu machen; ich muß also annehmen, daß es eine
Phantasterei ist, die Dir einfällt, da Du in Verlegenheit geräthst einen
Plan zu erzählen, an den Du nie vorher gedacht hast.« -- »»Ja,«« sagte
er verlegen, »»ich gestehe, daß ich nicht viel darüber nachgedacht
habe«« -- »das Komischste ist,« fuhr ich fort, »daß Du, der mich in
unsern Gesprächen so oft wegen der Einmischung des Uebernatürlichen
in ein Mährchen wie Aladdin getadelt hast, es nun selbst in ein ganz
historisches Thema hinein bringst, so daß die Sünde des menschlichen
freien Willens -- dessen Schilderung gerade hier das Poetische sein
sollte -- zu einer lächerlichen Marionette des übernatürlichen Zwanges
wird.«
Er suchte nun so gut er konnte los zu kommen und ich machte ihm
die Flucht leicht. Ich zweifle nicht daran, daß es Vergötterer von
Baggesen giebt, die in dieser Scene eine hohe Ironie finden werden,
welche meine Einfalt nicht zu begreifen im Stande war. Aber ähnliche
Geschmacklosigkeit und Unvernunft findet man oft in Baggesen's
dramatischen Arbeiten: »Holger Danske« und »Erik der Gute.« Ich habe
keine dieser Werke bei der Hand, will aber nur zwei Stellen aus dem
letzten Stücke unter vielen andern anführen:
Thora wird während der Belagerung Jomsburg's von Thorald in eine Höhle
hingewiesen, wo er ihr zu ihrer Beruhigung sagt:
»Du findest alles =Nöth'ge= hier,«
worauf sie seufzend antwortet:
»Doch meinen Erik nicht!«
Ich habe bereits früher der Stelle erwähnt, wo die Jomsburgerinnen sich
vor Erik verbeugen, der die Stadt eingenommen hat und indem sie ihn
bekränzen, singen:
»Keine Ketten uns umschlingen!
=Kühl' den Haß im Blute!=
Selbst im Tode noch wir singen:
=Erik hoch! Der Gute!=«
Ich möchte es so gern unterlassen, Baggesen's Schwächen und Sünden
nach seinem Tode aufzudecken; da man aber später in seinen Werken
Schmähschriften gegen mich aufgenommen hat, die dem ewigen Vergessen
hätten übergeben werden müssen, so muß ich der Wahrheit ihr volles Recht
lassen, damit eine unparteiische Zukunft die Verhältnisse beurtheilen
könne. Man spricht davon, daß er für ein =Princip= gewirkt habe!! Guter
Gott! Kein Mensch in der Welt hat weniger für oder nach Principien
gehandelt, als Jens Immanuel Baggesen! In Fichte's, Jakobi's, Reinhold's
Schriften hat er etwas gelesen, hierzu veranlaßt durch die persönliche
Bekanntschaft mit diesen Philosophen, aber seine eigne Kunst, die Poesie
hat er nie =studirt=. Und sein Geschmack? Meine Schwester und ich haben
ihn von Wieland zu Göthe bekehrt. Er warf mir ja vor, »daß ich mir
die Taschen zu voll mit Göthe's unterirdischen Granaten gestopft und
meinen schönen runden Hut durch ein Calderonsches Theater viereckig
gemacht hätte.« Solche Principien waren es, die er damals und später,
erst mit schlechten Witzen, später mit Unwahrheiten, Verdrehungen und
Schmähworten geltend machen wollte.
[Sidenote: Mittheilungen aus der Heimath.]
Er schickte mir von Marly aus einen Brief, in dem er einen andern Brief,
den er von meiner Schwester empfangen, abgeschrieben hatte. Ich theile
hier beide mit.
Den 30. September 1807.
»Obwohl ich fast überzeugt bin, daß Du, Bröndsted und Koës mit der
letzten und einzigen Post von Kopenhagen Nachricht erhalten habt, so
eile ich doch, bester Adam, Dir die meinige mitzutheilen, die ich Dir
mündlich bringen wollte, sie aber wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit,
welche mich verhindert zur Stadt zu fahren, jetzt nur schriftlich geben
kann.
Wenn Du Hans Christian's Brief nicht bekommen hast, wird es Dich
erfreuen, zu erfahren, daß die Deinigen alle wohl, Dein Vater aus
Friedrichsberg und Oersteds in Christianshafen sind. Mein Brief ist vom
12. von Christianshafen datirt, ist erbrochen gewesen und mir mit dem
Siegel des Königs aus dem Hauptquartier in Kiel zugesandt worden. Er ist
von Sophie und enthält auf einer einzigen in Schnelligkeit geschriebenen
Octavseite nur -- doch ich werde ihn Dir Wort für Wort abschreiben.« --
Christianshafen, den 12. September 1807.
»Wir sind alle glücklich gerettet und befinden uns recht wohl. Die
erste Nacht, als Kopenhagen bombardirt wurde, brachten wir in der
Weststraße auf unsern Zimmern in der größten Lebensgefahr zu. Es regnete
Bomben und rund umher schlugen sie ein; es brannten mehrere Häuser in
der Nähe unserer Wohnungen ab, aber der gute Gott beschützte uns. Den
Tag darauf verließen wir das Haus und zogen nach Christianshafen her. In
der darauf folgenden Nacht war der Angriff noch stärker und währte bis
zum Mittag des folgenden Tages. Da schlugen denn auch Bomben in unsere
Wohnung in der Weststraße ein, und in dem Zimmer, wo wir uns aufgehalten
und das wir dadurch zu schützen gesucht hatten, daß wir auf dem Boden
eine Elle hoch Pferdedünger (ein Mann würde Pferdemist schreiben)
aufwerfen ließen, wurden die Decken zertrümmert und die Fenster
eingeschlagen; wären wir da geblieben, so würden wir verwundet oder
getödtet worden sein. In der dritten Nacht war das Bombardement noch
viel stärker und größer und da brannte die Frauenkirche, der Zimmerplatz
und ein großer Theil der Stadt. Nun hieß es, daß man auf Christianshafen
nicht mehr sicher sei, und wir flohen, wie wir waren, nach Amager
hinaus; denn nun wollte der Feind nach den Kirchen und dem Laboratorium
auf Christianshafen zielen; auf Amager brachten wir eine entsetzliche
Nacht zu und harrten des kommenden Morgens mit ängstlicher Erwartung --
er kam und mit ihm der verzweifelte Frieden. O du guter Gott! Das ist
und bleibt doch ein ewiger Jammer!
Meinem Vater geht es gut mitten unter dem Feinde, der eine Art
Hauptquartier auf dem Friedrichsberger Schloß hat. Ich sah ihn gestern
zum ersten Male seit dem 16. August, wo ich ihn in größter Eile
verlassen und nach Kopenhagen fliehen mußte. Das Südfeld ist zerstört.
Grüße meinen geliebten Bruder; ich wollte ihm schreiben; da ihm aber
Professor Oersted heute schreibt, so ist es überflüssig; aber grüße ihn
tausend Mal; meine Freude darüber, daß Ihr einig seid, kann ich nicht
beschreiben, Gott segne und behüte Euch!«
»Das Entsetzliche in diesem Briefe für mich unglücklichen Vater ist,
daß Sophie kein einziges Wort über meinen Sohn berichtet. Ich bin fest
überzeugt, daß ihm ein Unglück begegnet ist, größer als der Verlust
des Lebens, das ja ungefähr das Geringste ist, was man in dieser Zeit
verlieren kann.
Ich schäme mich nicht, Dir zu gestehen, liebster Adam, daß ich
unbeschreiblich unglücklich im Gefühle meines eigenen Unterganges und
des Dänemarks bin. Die Hoffnung, daß wir mit England fertig werden,
nachdem wir unsere Flotte und die Hälfte alles Dessen verloren haben,
was wir besaßen, kann ich mit Keinem theilen. Wir werden von jetzt ab
wie die Katzen gebraucht werden, um ihnen die gebratenen Kastanien aus
dem Feuer herauszuholen. Wenn wir auf diese Weise die Krallen verloren
haben, speist man den Rumpf aus Mangel an ordentlichem Hasenbraten, auf
französische Weise zubereitet. Ueberzeuge mich von dem Gegentheil, und
Keiner wird froher sein, als ich. Aber Jeder schließt nach seinen Daten
-- die meinigen sind leider jämmerlich. Ich halte es für die Pflicht des
Menschen, seine Ansicht mitzutheilen, wenn er sie begründet glaubt; denn
nur so wird zuletzt die Menschheit doch aufgeklärt.
Gott weiß, wie lange wir nun auf's Neue ohne Nachricht von Seeland
bleiben werden, da die Communication wieder aufgehoben ist. Mein Herz
wird zerrissen, indem es sich die Möglichkeit eines Krieges zwischen
Dänemark und Dänemark denkt.
Ich sehne mich innig danach, Dich und Bröndsted wieder zu sehen. Ihr
kommt mir wie die Zwillingsreiche _en miniature_ vor. Wenn wir alle
drei zusammen sind, so ist mir's, als ob Dänemark noch existire. Auch
schmachte ich sehr nach Euern Nachrichten.
Ich hoffe es wird mir in ein paar Tagen so wohl sein, daß ich mich nach
Paris wagen kann. Meine Frau grüßt Euch.«
* * * * *
[Sidenote: Abreise von Paris. Aufenthalt in Straßburg.]
Ich war achtzehn Monate in Paris gewesen; mit dem Geld, das ich endlich
von Kopenhagen bekam, konnte ich meine Schuld bezahlen, aber dann hatte
ich nichts zum Weiterreisen. Ich lieh mir eine kleine Summe von einem
guten Freunde, packte meine Sachen und meine Manuscripte ein und fuhr
darauf zu Cotta. Das Honorar, welches ich von ihm für meine Schriften
zu erhalten hoffte, sollte mir eine Reise nach Italien möglich machen.
Koës war nach Dänemark zurückgegangen, um seine Geldangelegenheiten nach
dem Bombardement in Ordnung zu bringen. Wir hofften einander in Italien
wieder zu sehen. Bröndsted blieb noch in Paris. Unser guter Minister
Dreyer gab mir einen Paß, in der Eile hatte er aber vergessen, ihn mit
der Unterschrift des Polizeiministers Fouché versehen zu lassen. Mein
guter Freund, der Legationssecretair Guillaumau versicherte mir zwar,
daß es nicht nothwendig sei; als ich aber nach Straßburg kam, mußte
ich mich daselbst acht Tage aufhalten, während mein Paß nach Paris
gesandt wurde und mit Fouché's Unterschrift zurückkam. Dieser Aufenthalt
war mir glücklicherweise gar nicht unangenehm. Ich miethete mir ein
kleines Zimmer und schaffte mir Bücher an; unter Anderm las ich hier
wieder Cagliostro's Leben, Göthe's Großkophta und seine Erzählung über
Cagliostro's Familie. Ich ging täglich auf den Münster hinauf. Einmal
kletterte ich so hoch hinauf, wie ich kommen konnte. Draußen auf dem
Steintritt, wo man nur auf einem Fuße stehen kann und sich an der
Eisenstange halten muß, hätte ich beinahe meinen Hut verloren; aber ich
wagte es, mit der einen Hand die Eisenstange loszulassen und den Hut in
die Stirn zu drücken. Ob die Polizei mich in den acht Tagen, wo ich in
Straßburg war, bewachte, weiß ich nicht. Ein Israelit, =Parmazenser=,
machte meine Bekanntschaft und besuchte mich täglich. Er war ein
gebildeter, poetischer Mensch, gewann mich lieb und schrieb mir beim
Abschiede in mein Stammbuch:
»Du schmückst des Nordens Heldenkraft
Mit Blumen aus den warmen Zonen;
Dank Deinem Geist, der neu erschafft
Ein Bruderband für zwei Nationen.«
* * * * *
[Sidenote: Mein Aufenthalt in Stuttgart.]
Endlich kam der Paß und ich reiste über Carlsruhe und Rastatt nach
=Stuttgart= weiter.
Rasch ging es durch die unfruchtbare Champagne, die, wenn sie nicht
von Weinreben bedeckt ist, wie ein großes Stück Kreide aussieht und
wo nur die großen Hohlwege merkwürdig sind, wo die Franzosen im
Revolutionskriege die Deutschen schlugen und sie daran verhinderten,
weiter vorzudringen. Auch bereits zu Chlodwig's Zeit soll hier eine
merkwürdige Schlacht geschlagen worden sein. Sehr angenehm war die
Veränderung bei der Fahrt über den Rhein zwischen der bleichen,
steinigen Champagne und dem saftgrünen, laubreichen Baden. In
dieser Nacht hatte ich in einem Wirthshause unter schwäbischen
Bauern Gelegenheit, Betrachtungen über den Unterschied zwischen dem
französischen und deutschen Nationalcharacter anzustellen.
* * * * *
Der Aufenthalt von acht Tagen in Straßburg hatte meine Ausgaben vermehrt
und meine Börse geleert. Als ich nach Stuttgart kam und meine Reise
bezahlte, besaß ich keinen Pfennig. Mein Koffer, den ich durch eine
andere Gelegenheit voraus gesandt hatte, war noch nicht angekommen. Ich
eilte zu Cotta -- meine einzige Hoffnung! O Schreck! Er war nicht zu
Hause. Man sagte mir, daß er nach Baden gereist sei und erst in drei
Wochen wieder komme.
Deshalb ließ ich den Muth doch nicht sinken. Ich ging in den Gasthof zum
»König von England« zurück und sagte zum Wirth: Ich hätte Geschäfte mit
Herrn Dr. Cotta abzumachen und wolle im Wirthshaus bleiben, bis derselbe
käme. Der Wirth dankte verbindlichst. -- So hatte ich also keine Noth,
der Koffer kam glücklicherweise auch und ich setzte mich froh zu Tisch.
Dort traf ich einen hübschen muntern Mann, der sich in ein Gespräch
mit mir einließ und mir Vieles erzählte. Beim Abschied wünschte er mich
bald wiederzusehen. »Mich« sagte er »werden Sie ohne Zweifel oft sehen,
wenn Sie in Stuttgart bleiben.« -- »»Wie so?«« fragte ich. -- »Ich bin
Schauspieler« sagte er »und heiße =Vinzenz=.« -- Später sah ich ihn oft;
er war ein sehr guter Komiker. Der verstorbene König von Württemberg
mochte ihn gern; und er wagte es sogar einmal ohne Gefahr, den König
Holofernes im Herodes von Bethlehem, mit der Krone von Goldpapier
auf dem Kopfe, schwarzen wollenen Strümpfen an den Beinen und mit
dem Reichsapfel in der Hand, der sehr sinnreich als Schnupftabakdose
eingerichtet war, zu spielen.
[Sidenote: Schauspielerbekanntschaften.]