lebten noch und Friedrichsberg hatte nichts gelitten; aber Kopenhagen
war bombardirt und unter der Menge von Gebäuden, die in Asche gelegt
waren, befand sich auch das große, schöne Haus meines zukünftigen
Schwiegervaters auf der Norderstraße.
[Sidenote: Brief an Christiane Heger.]
Ein Brief, den ich meiner Christiane sandte, wird hier am besten zeigen,
was ich erlebt hatte und was ich fühlte.
Paris, den 25. October 1807.
Liebste Christiane!
Unser Freund Koës reist übermorgen von Paris nach Dänemark; er hofft,
daß die Engländer Kopenhagen werden verlassen haben, ehe er kommt,
so daß die Fahrt über den Belt ihm offen steht. Gebe Gott, daß seine
Hoffnung gegründet sei. Ich eile bei dieser Gelegenheit mein Herz vor
Dir auszugießen, mein gutes Mädchen, und hoffe auch Briefe für unsere
Schwestern fertig zu machen. Du hast lange nichts von mir gehört. Mein
Schweigen in der letzteren Zeit verlangt keine Entschuldigung; daß
ich so lange zwischen »der irrende Ritter« und »Palnatoke« schwieg,
war Palnatoke's Schuld; ich arbeitete daran, lebte ein friedliches,
glückliches Alltagsleben einen Tag wie den andern. Die eignen Gedanken
und Ideen, die in meiner Seele erwachten, drückte ich in meinem Gedichte
aus, und ich hatte Dir übrigens im strengsten Sinne des Wortes nichts
zu sagen, als von meiner Liebe, die Du kennst. Ein kleiner Nebenumstand
war vielleicht Ursache daran, daß Du mit dem Palnatoke keine Briefe
erhieltest. Dein guter Vater hatte mich vor einiger Zeit durch einen
Brief erfreut; er hatte darin ein venetianisches Lexikon und etwas über
Flintglas zu hören verlangt. Ich gestehe mein Unrecht; ich schob es
von Tag zu Tag auf, und nun wollte ich Dir nicht schreiben, bevor ich
nicht ihm auch schreiben könnte. Ich habe später in der Kaiserlichen
Bibliothek verschiedene Notizen über Lexika bekommen, aber in diesem
Augenblicke, wo sein Haus verbrannt und sein Eigenthum zerstört ist, hat
der arme Mann wohl an andere Dinge zu denken.
Liebes Mädchen! Freilich war ich nicht in Kopenhagen, die Gefahren und
Schrecken mit Euch zu theilen, aber meine Qual und mein Unglück sind
darum nicht geringer gewesen. In langsamen, bitteren Zügen habe ich
den Kelch getrunken, den Ihr auf einmal geleert. Während noch Alles
ruhig in Dänemark war, hatten wir hier in Paris die wahrscheinlichste
Furcht vor dem, was da geschehen würde. Die dunklen Wolken fingen an vor
unsern Augen über unser Vaterland aufzuziehen, während man hier in Paris
ununterbrochen Friedensfeste feierte. Denke Dir die raffinirte Qual,
in einem Theater zu sitzen, muntere Freudenstücke aufführen zu sehen,
ein glückliches, siegendes Volk jubeln zu hören, überall Luxus und
Ueberfluß; und nun mit dem Auge der Seele durch die Theaterwände nach
dem dunklen Horizont gen Norden zu blicken, die englische Flotte auf
den Wogen, die französische Armee auf dem Lande zu sehen. Kronburg, als
ein Unglücksprophet seinen Scheitel über den Oeresund erhebend -- und
das arme Kopenhagen! Und Eure gräßliche Ruhe! Grade beim Friedensfeste
hier in Paris, als ich in Notredame gewesen war, das _Tedeum_ gehört,
die ganze französische Pracht und Herrlichkeit gesehen, Napoleon zum
ersten Male in meinem Leben in Rittertracht unter einem Thronhimmel, den
Senat und alle Rathspersonen in ihren Staatsuniformen, eine wimmelnde
Menge des Pariser Publikums, Bravoruf und Freudengeschrei gehört, meinen
poetischen Geist in die Zeit Karl's des Großen hingezaubert -- darauf
einen Sprung nach Norden, dem =alten= Norden und seiner =verschwundenen=
Macht gethan hatte -- kam ich müde und wehmüthig nach Hause und fand
dort den letzten Brief von Rahbek, Karen Margrete und Job. Lauter
Freude! Landpartien! Lust und Scherz! Rahbek nennt mich in diesem Briefe
einen =glücklichen= Dichter! Ja wohl ein glücklicher Dichter! glücklich
wie der arme Camoëns, der seine Luciade fertig hatte, gerade als sein
Vaterland zu Grunde ging. Lebte Camoëns jetzt, so könnte er =wirklich=
glücklich werden; er hätte dann Stoff zu einer schöneren Luciade als die
erste -- aber ich armer Däne!
Daß ich nun gerade Palnatoke schreiben sollte! gerade die =nordische
politische Macht= zum Stoff meines Gedichtes wenige Minuten vor diesem
Augenblicke wählen mußte! That es das Geschick zum Hohn? oder war es um
mich zu trösten, indem es mein Auge darauf hinlenkte, was auch =wir=
gewesen waren, und um es mir frisch im Gedächtniß zu erhalten: Jede
Blume hat ihre Zeit, aber in der Kunst blüht ein ewiger Frühling? O, wie
spielen die Nornen mit dem armen Menschenherzen Ball. Bald fällt, bald
steigt es. Daß die Engländer kommen würden, hatten wir voraus gesehen.
Die Tüchtigkeit, der Muth und die Vorsichtsmaßregeln, von denen die
Zeitungen immer aus Dänemark sprachen, fingen an uns zu trösten und
zu stärken. Castenskiold's Heer! die Bürgerschaft in Kopenhagen! die
tiefe Verachtung gegen die Engländer! die gute Sache! die Erinnerung an
Dänemarks alte Ehre! die Versicherung des Ueberflusses an Lebensmitteln!
Die =kecken= Maßregeln, die man (in den =Zeitungen=) genommen hatte,
indem man die Vorstädte und Friedrichsberg abbrannte. Und mit glühenden
Schmerzensthränen sah ich die Westerbrücke und das Schloß brennen. Der
Ort, an dem meine Wiege stand, ging zu Grunde, jedes Monument, das die
Erinnerungen aus meinem Leben in meinem Herzen auffrischte. Aber ich
opferte mit Freude meine Glückseligkeit dem Vaterlande. Am 29. und 30.
sollte ein Heldenausfall stattgefunden haben. Die Zeitungen erzählten
uns, daß die Studenten an der Spitze gestanden, Granaten auf das Schloß
geworfen hätten und fast alle auf dem Wahlplatz geblieben seien. Da
weinte ich. Ich sah Rahbek, Oersted und Carl in ihrem Blute schwimmend,
meinen alten Vater in der äußersten Lebensgefahr. Aber ich fühlte mich
als ein Spartaner, und klagte das Schicksal an, welches mir nicht auch
erlaubte, mit meinen Brüdern bei Thermopylä zu fallen. Nach Verlauf
einiger Tage kam mir die Nachricht, daß nicht alle Vorstädte abgebrannt
seien, nur etwas von der Westerbrücke und daß das Friedrichsberger
Schloß noch stehe. Daß das Schloß stand, freute mich unsäglich; wir
erfuhren auch, daß die Niederlage der Studenten nicht so groß gewesen
sei, wie das Gerücht ging. Ich fing an für mein persönliches Glück zu
hoffen, ohne für das Ganze zu fürchten. Fortwährende Nachrichten über
den dänischen Widerstand und die englische Eingebildetheit klangen in
unsern Ohren. Ich dichtete ein Lied, welches von der Landsmannschaft
bei dem Minister Dreyer gesungen wurde, wo wir Dänemarks Wohl im Blute
des Feindes (Englisches Bier) tranken. So ging es fort; wir hörten nun
nichts von Kopenhagen, aber wir fürchteten nichts. Eines Morgens saß
Bröndsted bei mir, wir lachten und scherzten; in demselben Augenblick
kommt Koës bleich wie eine Leiche herein und sagt: »Kopenhagen ist
genommen!« Du hast Phantasie und Gefühl genug, um Dir vorzustellen,
welche Wirkung das auf uns hervorbrachte. Von der Hoffnung und
Munterkeit stürzte es uns plötzlich in die bitterste Verzweiflung hinab.
Wir waren zu einem Dr. =Klinger= im _jardin des plantes_ eingeladen,
um das Naturaliencabinet zu sehen. Wir setzten uns in einen Wagen und
fuhren hinaus. Bei Klinger kam ich in die tollste Laune, lachte aus
vollem Halse und sagte lauter Narrheiten. Er freute sich darüber,
mich so munter zu finden. Ich sagte: »Ist es ein Wunder, daß ich
ausgelassen bin? Kopenhagen ist eingenommen, meine Familie getödtet,
verwundet oder zu Grunde gerichtet, die Hälfte der Stadt verbrannt und
Dänemark zum Teufel gegangen.« Darauf fing ich wieder zu lachen an.
Es war dies das Lachen, vor dem ich früher bei Dir so große Furcht
hatte, das ein Vorbote Deines Krampfes war. Indessen bekam ich keinen
Krampf. Der liebe Gott hat mich aus einem stärkeren Teige geknetet.
Wir gingen in's Naturalienkabinet, sahen große Elephantenskelette,
Versteinerungen von Thieren aus Asien in Kalkstücken vom Montmartre &c.
Bessern Trost hätte ich nicht bekommen können. Die großen Umwälzungen
der Natur standen mir lebhaft vor den Blicken, und mein eignes und
Dänemarks Schicksal erschienen mir wie die Bewegungen eines Stäubchens
in dem unermeßlichen Raum. Ich sah Kinder in Spiritus, deren Herzen
weder im Kummer, noch in der Freude geschlagen hatten, und ich dankte
der Vorsehung für das meinige, das beides empfunden und zugleich den
Ewigen selbst erfaßt hatte. Meine verzweifelte Stimmung verschwand, ich
blickte die Verwandlungen der Natur mit von Thränen geblendeten Augen
an, meine Seele erhob sich kühn im Unglücke. Das Unglück macht groß:
Ich fühlte meine Unsterblichkeit, die religiöse Hoffnung stand wie ein
grüner unvergänglicher, gigantischer Smaragd-Anker vor meiner Seele.
Meine Liebe zu den Meinigen wuchs, um so mehr, als ich nicht wußte,
ob wir diesseits oder jenseits des Grabes sympathisirten, aber dieses
Grab erschien mir nun ein unbedeutender Graben zu sein, der leicht zu
überspringen war. So kam ich mit einem frommen Herzen nach Hause und
betete innig zu Gott. Von diesem Augenblick an war ich ruhiger. Aber
von Zeit zu Zeit stand doch das Unglück des Vaterlandes mir vor der
Seele. In der Nacht dachte ich an Euch und wünschte innig, daß Ihr leben
möchtet. An einem schönen Herbsttage, als ich hier spazieren gegangen
war und mich so leicht ums Herz fühlte, ahnte mir etwas Gutes. Als ich
nach Hause kam, fand ich einen Brief von H. C. Oersted. =Ihr lebtet
Alle!!= O wie dankte ich Gott; wie freute ich mich! Selbst daß Euer
Haus abgebrannt, konnte meine Freude nicht stören. Kurz darauf bekam
ich Deinen Brief. O schreibe mir bald mehr. Detaillire mir Alles, liebe
Christiane! ich schließe hier nicht. Ich beginne jetzt den Brief an
meine Schwester (denn ich bin zwischen Euch getheilt); daraus wirst Du
meinen übrigen Zustand erfahren.
Dein
=Oehlenschläger=.
* * * * *
[Sidenote: Ein Brief von Baggesen.]
Kurz darauf kam Baggesen nach Paris; er hatte fast ein ganzes Jahr in
dem Hause meines Schwagers, A. S. Oersted gelebt; seinen halberwachsenen
Sohn August hatte mein Vater zu sich genommen, und ein Paar Jahre wie
sein eignes Kind gepflegt; Ursachen genug für Baggesen, günstig gegen
Sophien's Bruder, gegen den Sohn des alten Oehlenschläger und gegen den
jungen Dichter gestimmt zu sein, der kurz vorher zu seiner Ehre ein Fest
veranstaltet und ein Lied geschrieben hatte. Aber ich sehnte mich doch
nicht nach ihm. Er hatte mir vorher einen gedruckten Reimbrief nach
Paris gesandt, dem voran geschrieben stand:
»In dem Zimmer meiner besten, verehrten und inniggeliebten dänischen
Freundin, Deiner göttlichen Schwester -- nachdem ich mit ihr, ihrem
Manne, Schwager Christian und Tine Deinen Geburtstag gefeiert hatte.«
Und am Schlusse:
»Ich würde zuviel zu erzählen haben, mein Oehlenschläger, wenn ich davon
sprechen sollte, wo und wie ich die drei letzten Monate zugebracht habe.
Davon muß Alles oder gar nichts erzählt werden. Ich erspare es mir auf
eine Reihe mündlicher Unterhaltungen.
Wunderbar genug sind unsere wirklichen Ereignisse, nachdem sie
lange, fast ins Unendliche hinaus auseinander gegangen waren,
zusammengetroffen. Ich weiß nicht weshalb; aber ich habe die
eigenthümliche, innere Ueberzeugung, daß nicht allein ich zu dem
sympathetischen Punkt zurückgekehrt bin, von dem wir Beide ausgingen.
Ich beabsichtige von hier am 1. December fortzureisen und vor Neujahr in
Paris zu sein.
Meine Sehnsucht nach meiner Fanny und meinem Paul und meinem und
Sophien's Bruder ist unbeschreiblich. Ich habe viel Angst und Unruhe
in dieser Zeit ausgestanden, weil ich nicht reisen konnte. Du wirst
vielleicht meiner Frau die bisherige Unmöglichkeit erklären können;
selbst mein Leben und nicht nur meine Freiheit war in Gefahr.
Ich bitte Dich innig, meine Frau in Marly zu besuchen (_Marly la
machine_ -- _le village sur la hauteur_ -- _près St. Germain_). Erzähle
ihr das Entsetzen, das wir hier ausgestanden haben, meinen heftigen
Rückfall und Deutschlands Zerstörung. Küsse und drücke ihre Hand für
mich, und sage ihr, wie ungeduldig ich mich darnach sehne, an Deiner
Stelle zu sein. Sage ihr, daß ich es nie wagen durfte, ihr die reine
Wahrheit in meinem Briefe zu schreiben.
Warum bin ich nicht bereits in Paris, um Dir den raschesten Genuß alles
Dessen zu erleichtern, was daselbst Deines Geistes und Deines Herzens
werth ist!
Schreibe mit ein Paar Zeilen nach Amsterdam, adressirt: An Herrn
Brockhaus, Warmoesstraat Nr. 1-2.
Ewig Dein
=Baggesen=.«
* * * * *
[Sidenote: Auszug aus einem Reimbrief von Baggesen.]
Einen Auszug aus dem Reimbriefe theile ich hier mit:
»Du fand'st sie Adam, sie, nach der ich strebte
Im tiefen Ernste grübelnd alle Zeit,
Mit ruhelosem Fleiß in Einsamkeit,
Vom Sonnenaufgang bis die Sonne schwand,
Wo ich in blut'ger Spur nur Dornen fand,
In Schweißes Strömen bei der Stirne Brand,
Indeß das Hinderniß den Fleiß belebte.
Du fandest sie, nach der ich strebte
Vom Abendschimmer bis zur Tagesnähe,
Im Schooß des Abgrunds, auf des Felsens Höhe,
Mit eis'gem Hirne u. s. w.
Was ich gesucht, ja, ja! Du hast's gefunden, --
Indessen mir, dem Armen, war gebunden
Die Hand.
Mit Freuden hab' ich Deinen Fund erkannt;
Zwar sucht'st Du nicht, doch fand'st Du dennoch Vieles --
Das Aug' des Glückes deckt ein blendend Band --;
Dich lockt, indeß ich grub, der Reiz des Spieles,
Du stehst, ein Kind noch, wo ich erst Dich fand,
Bei unterird'schen, diamantnen Bäumen,
Dem Untergange nah, der Dich umwand, --
Die mächt'ge Himmelslampe in der Hand,
Doch deren Geist Du nicht gleich mir erkannt; --
Noch bist Du von dem bunten Rausch umhüllt,
Du letzest Dich an Tieck'schen Blumenträumen,
Und an der Schlegelbirnen reichen Saaten.
Du hast Dir alle Taschen voll gefüllt
Mit Göthe's unterirdischen Granaten,
Indessen Calderon's Theaterpracht
Den runden Hut zum Viereck Dir gemacht; --
Allein -- Du hast sie -- hast den Geist gebannt,
Dein ist sie, Adam; und Dein Freund, der lebte
Vergebens, sie zu suchen; als Du spieltest, strebte,
Reicht Dir mit Wollust seine Hand -- u. s. w.
Steig' auf, steig' auf,
Hoch auf den Berg im raschen Lauf,
Da setz' Dich, Glücklicher, an meine Seite.
Und ich -- der nicht die Lampe hat, doch weiß
Den Geist zu bannen durch ein streng Geheiß,
Ich bin Dir nah', daß ich die Hand Dir leite.
Du hört'st mich nicht tief in der Höhle Mitt';
Du gingst, belastet durch die schweren Steine,
In Tausend Einer Nacht den Gang alleine.
Doch wuchs mein Hoffen schon bei jedem Schritt,
Als Du Dich hobst. Und -- Wunder über Wunder --
Nicht mehr der Knabe, weiß und roth, mit glattem Kinn,
Der nach den Früchten griff, mit kind'schem Sinn,
Ich sah als bärt'gen Mann Dich im Vaulunder;
Und hoch und herrlich stand'st, mit einem Satz,
Als =Hakon Jarl= Du auf dem höchsten Platz. --
Empfang' mit diesem Bruderkuß die Hand!
Vergiß die Stöße, die wir uns gegeben,
Dieweil wir unsern Geist verkannt,
Vom Teufel kurze Zeit gebannt,
Der Zwistigkeiten liebt für's Leben,
Und gern sie sä't, wo Witz und Witz sich heben.
Wir lieben uns, trotz ihm und seiner Brut,
Und sind uns, Castor gleich und Pollux, gut.
Ich wechselweis im Himmel erst mit Dir,
Du wechselweis dann in der Höll' mit mir.
Ich froh des Jünglings, Du des Mannes froh.
Und all' die Irrwisch', die so tief im Sumpf
Da hüpfen, und sich drücken, Rumpf an Rumpf,
Seh'n hoch hinauf, und spitzen ihre Ohren,
Seh'n hier des Friedens herrlichen Triumph,
Daß sich Aladdin und Noureddin fanden,
Daß alle früher'n Uebel rasch verschwanden,
Und Mancher hat d'rob den Verstand verloren!«
[Sidenote: Antwort auf Baggesen's Reimbrief.]
Hierauf antwortete ich auch mit einem Gedichte, in welchem Folgendes
stand:
Was also Aladdin betrifft, so denk' ich nun,
Wir lassen seine Wunderlampe brennen still,
Und putzen nicht den Docht gar all' zu nah; denn leicht
Könnt' sie auf diese Weis' erlöschen gar. Auch ist
Der Lamp' Gedicht kein Kinderwerk, im Schlaf gemacht,
Mit offnem Auge blickt es in der Welt umher.
Vaulunder wurde =vor= der Lampe schon gedichtet; Illusion
Ist also, was Du glaubtest von dem ältern Mann.
Der Wilde tritt als Aladdin rasirt hervor,
So steht es. Das hat sicher Dich verwirrt gemacht!
Im Schweiße mag der Bürger gehen seinen Weg!
Wohl heilig ist sein Streben; doch der Musen Sohn
Kennt nicht den Schweiß. Vulkan auf seinem Ambos hat
Geschmiedet =Deine= Lieder nicht! Ein Silberbach,
So rannen sie melodisch durch das Thal dahin,
Und eigne Quellen trieben sie.
Was Du gesagt
Von meinem Schlaf, sei Dir verzieh'n; der Dichter doch
Hat eines Vogels Schlaf; er lauschet munter stets
Den schönen Melodien der Welt auf seinem Zweig;
Und selbst sein Schlummer ist ein Traum, ein Mährchen ihm.
Was ihm die Muse eingiebt, singt getreulich er,
Ob farbig bunt, ob tief in Trauerschleier eingehüllt;
So that ich stets, so will ich thun auch bis zum Tod.
Gefällt allein die Hälfte meines Wesens Dir,
So nimm', was Dir gefällt, allein verschone mich
Mit Deinem Warnungslied! Zu Freundessympathie
Bedarf es, daß der Freund den Freund durchschaue ganz. u. s. w.
Nun zürn' mir nicht, daß ich mit Ernst und strenger Ruh'
Dem muntern Scherz begegnet. Mich betraf Dein Wort.
Gereiftheit, Männlichkeit zu zeigen in dem Werk
Der Dichter hoffte. =Also= singt kein schläfrig Kind!
Doch fest, auf beiden Füßen sicher, ganz wie Du
Und Einer, meinem Ziel zu nahen, ist mein Trost,
Mein Stolz und was allein mir anzurechnen ist.
Und damit Gott befohlen, Hand an's Werk gelegt.
So antwortete ich ihm, unter vielem Anderen, das ich hier weglasse,
ernst und bescheiden auf eine Epistel, die eine seltsame Mischung von
Selbstlob, Vorurtheil und Erkennen meines Talentes war. Diese Epistel
würde mich doch mehr gerührt haben, als sie wirklich that, wenn ich
nicht gewußt hätte, daß ich meinem Familienkreise in Kopenhagen den
größten Theil des Weihrauchs verdankte, den Baggesen damals mir
ausstreute, denn er ließ sich stets von seiner Umgebung und deren
Meinung beherrschen. --
* * * * *
[Sidenote: Belege zur Characteristik Baggesen's.]
Aus dieser Zeit habe ich mehrere Briefe aus meinen nächsten Kreisen
in Kopenhagen, wovon ich hier Bruchstücke mittheilen will. Zuerst von
Christiane:
»Ich war zwei Abende mit Baggesen bei Rahbek zusammen und hörte ihn das
Scheerenschleiferlied singen. An einem Abend begleitete er mich nach
Hause und machte mich etwas verlegen, indem er sagte, daß das Stück
»Corsoer« in der Langelandsreise ihm nahe gegangen sei. Deine Schwester,
erzählte er mir, sei eine Deiner würdige Schwester, voll von Geist
und Witz, aber ganz unwissend. Er ist oft zu Oersted's gekommen, und
Sophie war mit ihm in »Corsoer«, was ihr gewiß sehr unangenehm gewesen
ist. Du bist ein prächtiger Junge, das muß ich Dir sagen, weil Du mir
so liebevoll das Mißverhältniß in Familien oder zwischen Freunden
erklärtest. Ich will nur bemerken, daß Abwesenheit ein herrliches Ding
ist, da urtheilt man oft milder, als wenn man anwesend ist.«
* * * * *
»Deinen Baldur habe ich mehrere Male mit immer größerer Freude gelesen.
Ich war etwas krank, als ich das Manuscript erhielt; aber eine bessere
Medicin hätte ich nicht bekommen können; der Enthusiasmus, in den ich
versetzt wurde, brachte das Blut in eine Circulation, die mich curirte.
Baggesen habe ich nur einmal über den Baldur sprechen hören; aber ich
verstand seine Rede eben so schlecht, wie die Noureddin's zu Aladdin. Er
ist einer der Menschen, deren man bald überdrüssig wird; mich langweilt
sein Geschwätz vielfach.«
* * * * *
Von H. C. Oersted folgende Bruchstücke:
»Baggesen ist hier. Er kommt viel in das Haus meines Bruders. Er hält
viel von Deinen Gedichten, besonders von dem St. Hans Abendspiel und
Aladdin. Vom Altnordischen ist er kein Freund. Er kann die vielen alten
Worte nicht leiden, die Du aufnimmst, und will noch weniger etwas von
den alten Formen wissen; kurz man kann über Vieles mit ihm streiten,
aber der Wille scheint gut zu sein. Er will Die eine poetische Epistel
schreiben; Deine Schwester arbeitet nicht ganz ohne Glück daran, ihn
zu Göthe zu bekehren. Er fühlt bereits, daß Vieles in seinem Urtheil
über den großen Dichter aus persönlichen Verhältnissen entsprungen sei.
Jedenfalls muß man gestehen, daß Baggesen im Umgange sehr interessant
ist, wenn man ihn nur nicht dahin bringt, über die neuere Philosophie
und Poesie zu urtheilen. In dieser Hinsicht ist er wirklich schwach, so
daß er oft gegen Etwas eifert, nur weil es von ihm verhaßten Personen
herrührt; obgleich er bei andern Gelegenheiten ganz Demselben seinen
Beifall zollt, wenn es nicht von einem solchen Namen begleitet ist.«
* * * * *
»Dein Brief an Baggesen hat sich so ungetheilten Beifall erworben, wie
wohl selten ein literarisches Produkt der Art. Deine Freunde haben sich
außerordentlich darüber gefreut; selbst diejenigen, welche Deine Gegner,
oder nicht ganz freundlich gegen Dich gesonnen waren, legen großen Werth
darauf. Soldin hatte bereits Besuche des kaufenden Publikums, ehe der
Brief zum Verkauf angezeigt war. Die Leute konnten ihn nicht rasch genug
bekommen; man ging ganz geduldig nach der Pistolsgasse, zu Soldin's
Buchbinder, um den Brief zu holen, ehe Soldin Exemplare desselben
erhielt. In Dreyer's Club hat Bornemann ihn mit vielem Pathos vorgelesen
und Alle lobten ihn. Was nun Baggesen betrifft, so las ich ihn ihm
gleich im Manuscripte vor. Im Anfange fand er ihn voller Bitterkeit,
aber als er ihn ein paar Mal gelesen, und ich ihn darauf aufmerksam
gemacht hatte, daß nicht Alles, was Du in Deinem Glaubensbekenntnisse
aussprichst, auf ihn zu beziehen sei, begnügte er sich, auszusprechen,
daß Du ihn mißverstanden hättest, und nicht wüßtest, wie er jetzt
sei. Meine Ansicht von Baggesen ist, daß er ein schwacher eitler
Mensch sei, der nicht meinte, was er schrieb. Ich habe viele Debatten
mit ihm, und kann es nicht unterlassen, ihm Blößen zu geben, wenn er
prahlt, schmeichelt und täglich seine Meinung verändert. Baldur hat
mit unendlich gefallen. Ich hörte Baggesen ihn erst bei meinem Bruder
vorlesen; aber er las ihn mit einer so künstlichen Schläfrigkeit, daß er
im günstigsten Falle keinen Genuß bereiten konnte. Ich habe ihn später
selbst vor Andern und stets mit Beifall gelesen.«
* * * * *
In einem schärferen Tone wird Baggesen in einem Briefe von einem andern
meiner Freunde besprochen.
»Ich habe den ersten Theil seiner Reimbriefe gelesen, und leugne nicht,
daß mir Eins und das Andere gefallen hat; aber ich habe mich über sein
ewiges Reden von sich selbst geärgert, das sich durch das ganze Buch
zieht, dessen Inhalt ist, daß er ein schwacher Mensch sei, der nirgends
hinpaßt, der nirgens nützt. Der Brief an Adam scheint mir Pavels' alte
Recension, in einer Cantate umgesetzt zu sein. Kopenhagens Einwohner
werden sich allerdings über die Gutmüthigkeit wundern, daß er einen
Vergleich anbietet; ich bewundere sie durchaus nicht; denn da bei
ihm Alles zufällig ist, so beruht seine ganze Gutmüthigkeit auf dem
Zufalle, daß er zu Oersteds kam; wäre er zu K***s gekommen, so würde das
Gegentheil geschehen sein.
Ich wundere mich, daß dieser Herr vom Klappern zu sprechen wagt, da
er doch in der letzten Zeit kein anderes Instrument hantirt, als die
Klapper.«
* * * * *
Auch H. C. Oersted sprach strenger über Baggesen, je länger er mit
ihm umging. In den letzten Briefen, die ich von Oersted über Baggesen
erhielt, heißt es: