hinreichend gelobt; ich will nur sagen; ich habe sie in ihrer schönsten
Blüthe gesehen. So sah ich auch =Eliviou=, einen eben so großen Sänger,
als Schauspieler voller Feinheit und Gefühl im Theater Feydeau. Nie
werde ich den =Deserteur= von =Sédaine= und =Monsigny= vergessen, der
mir bereits aus meiner frühesten Kindheit bekannt war, wo mein Vater
Stücke daraus auf dem Klavier spielte. Auf dem dänischen Theater, wo
sich Alles nach der Mode richtet, war dieses herrliche Stück bereits
lange bei Seite gelegt worden; aber in Paris, wo man noch nicht die
Thorheit über ein Meisterstück hörte, »=daß es blos ein altes Stück
sei=«, sah ich Eliviou, Gavaudan und Madame Gavaudan dies und mehrere
gute, alte französische Singspiele bis zur Vollkommenheit gut und zur
größten Zufriedenheit des Publikums darstellen.
[Sidenote: Französische Schauspieler. -- Eliviou.]
Eliviou war ein schöner Mann, groß, schlank und blond. Er hatte eine
reiche Partie in Toulon gemacht. Ein Landsmann von mir, der ihn kannte,
erzählte folgende amüsante und characteristische Anekdote über ihn: In
seiner schönsten Blüthezeit reiste er mit einem andern Schauspieler nach
Toulon, um dort Gastrollen zu geben. Als sie die Stadt in der Ferne
sahen, sagte Eliviou: »Sieh, da liegt nun die fremde Stadt mit all'
ihren jungen schönen Mädchen. Und ich will wetten, daß nicht Eine unter
ihnen ist, die ich nicht verliebt in mich mache, wenn ich es will.« Der
Freund wollte eine Wette mit ihm eingehen, daß sich dies doch nicht mit
allen thun ließe, und Eliviou verpflichtete sich, die Wette der jungen
Dame gegenüber durchzuführen, die sein Freund selbst wählen würde. Am
ersten Abend sahen sie ein sehr schönes Mädchen, die Tochter eines
reichen Mannes, im Schauspielhause. »»Wenn Du sie gewinnen kannst,««
sagte der Freund, »»so hast Du gewonnen.«« Und Eliviou gewann; denn
wenige Wochen darauf war das schöne reiche Mädchen seine Braut. -- Und
da er nun reich war, drohte er oft damit, das Theater zu verlassen, wenn
ihm Eins oder das Andere nicht gefiel. Aber man erzählte, daß Napoleon,
der ihn nicht verlieren wollte, ihm wieder drohte und sagte: »Wenn er
nicht Sänger beim Theater Feydeau sein wollte, so könne er die Muskete
über die Schulter nehmen und nach Spanien gehen.« Eliviou zog vor,
für's Erste zu bleiben, wo er war. Später hat er viele Jahre lang als
ein bemittelter Privatmann im südlichen Frankreich gelebt. Im Richard
Löwenherz sang er vorzüglich die eine Zeitlang bei den Franzosen so sehr
beliebte Arie: »_O Richard, o mon roi!_« vortrefflich. Man weiß, daß
diese Napoleon's Lieblingslied war, und er trällerte es noch oft nach
seinem Falle auf St. Helena.
[Sidenote: Berühmte französische Schauspieler.]
Auch =Chenard=, ein guter Schauspieler und Bassist, gefiel mir
sehr; besonders in =Felix=, wo er den Vater spielte und einen mir
unvergeßlichen Blick, voll seliger Zufriedenheit, zum Himmel sandte, als
er seine Pflicht gethan und ein Geheimniß entdeckt hatte, das vielleicht
ihn und seine ganze Familie an den Bettelstab bringen konnte. Dieser
=Blick= wurde dreimal von dem gefühlvollen und feinen Pariser Publikum
applaudirt.
Auch von Chenard, einem großen, schönen und starken Manne, der aber
älter als Eliviou war, hörte ich eine characteristische Anecdote. In der
Revolutionszeit beschuldigte man ihn ein Mal, Aristokrat zu sein. Kaum
hörte Chenard dies, als er mit der rothen Mütze auf dem Kopfe in den
Jakobinerclub eilte, auf die Tribüne hinaufstürzte und rief: »Mitbürger!
Man hat mich beschuldigt, Aristokrat zu sein! Ja, es ist wahr, ich =bin=
Aristokrat!« Hier schwieg er einen Augenblick, während Aller Augen
mit Verwunderung das sichere Schlachtopfer bewachten, das zu sagen
gewagt hatte, was weder vor- noch nachher von der Tribüne der Jakobiner
ertönte, -- aber ehe man sich vor Verwunderung gefaßt hatte, fuhr er in
einem dreisten, muntern und launigen Tone fort: »Ich bin Aristokrat! ich
bin Demokrat! ich bin König, Papst, Bettler, ich bin dumm, klug, ich bin
Alles, was Ihr wollt, -- ich bin =Comödiant=!« »»_Ah, le brave Chenard!
ah le franc coquin!_«« ertönte es von allen Seiten. Im Triumph wurde er
von seinen wärmsten Bewunderern auf den Schultern hinausgetragen, und
sein Leben war gerettet.
Der talentvolle Potier, der es verstand, einer gewissen unbeholfenen
Narrheit soviel feine Züge abzulocken, wie unser Winslöw; der
monotonere, aber bei alle Dem doch originelle =Brunet=, der Rosenkilde
der Franzosen, der die Dummköpfe stets so witzig und naiv spielte, daß
man ihrer nicht müde werden konnte, erfreuten mich sehr im _théâtre
des variétés_ ebenso Madame Hervay, in dem eigentlichen Vaudeville.
Im _théâtre français_ hatte ich das Glück, Dacincourt, Dugazon,
Mademoiselle Contat und die beiden Baptiste in den besten Stücken
Molière's und anderer guten Dichter zu sehen.
[Sidenote: Napoleon's Mangel an Kunstsinn.]
Die Werke zweier großen Meister, die ich wiederholt hörte und sah,
wirkten vielleicht mehr auf mich ein und ich lernte mehr von ihnen, als
von manchem Dichter. Dies waren =Mozart= und =Raphael=. Die meisten von
Raphael's Bildern hingen in der großen Rumpelkammer, wohin man den Raub
aus so verschiedenen Ländern geschleppt hatte. Dieses Zusammenhäufen
machte einen widrigen Eindruck auf mich, und obgleich ich stets geneigt
war, Napoleon's Größe gegen kleinliche Angriffe zu vertheidigen, so
fand ich doch hier wie überall, daß er ungeachtet seines ungeheuren
Verstandes ebenso wenig Kunstsinn, wie Sinn für Völkerrecht hatte;
ein wirklich humaner Held führt niemals Krieg gegen die Künste und
Wissenschaften; es paßt nur für morgenländische Despoten, sich gleich
der Krähe mit fremden Federn zu schmücken, um groß zu erscheinen.
Die meisten dieser Bilder hingen hier in einem schlechten Licht und
hatten die Hälfte ihrer Wirkung dadurch verloren, daß sie von dem
ihnen bestimmten, für sie passenden Platze weggenommen waren. Welch
ein Unterschied! Solch ein Bild vor dem Altar einer schönen Kirche, --
oder hier im Schatten oder Schlaglichte in einem Winkel unter vielem
Unbedeutenden zu finden!
* * * * *
[Sidenote: Bekanntschaft mit Malthe Bruun.]
Ich darf nicht vergessen von meiner Bekanntschaft in Paris mit meinem
berühmten Landsmanne »Malte-Brun« (Malthe Conrad Bruun) zu sprechen.
Er hatte während meines Knabenalters eine politische Rolle in meinem
Vaterlande gespielt und ich wunderte mich, daß er nicht älter sei;
das kam aber daher, weil er selbst nicht vielmehr als ein Junge --
etwas über zwanzig Jahr, -- war, als er die Rolle spielte. Die ganze
Schreckensperiode zu Hause, in der glücklicherweise mehr Tinte, als Blut
floß, hatte keinen Einfluß auf mich gehabt, weil ich zu jung war. Als
ich zu einiger Selbstständigkeit gelangte, waren in Dreyer's Club nur
noch schwache Bewegungen von der französischen Revolution. Ich habe mein
ganzes Leben hindurch ein starkes Gefühl für Menschenrechte gehabt. Das
hochmüthige Wesen war mir stets verhaßt -- (selbst als kleiner Bursche
den Pagen gegenüber). Ich kam bald zu der Ueberzeugung, daß der Adel
eine Ueberlieferung des Mittelalters sei und eigentlich keine Bedeutung
mehr habe. Er schien mir nicht wie eine ehrwürdige Domkirche in einer
anmuthig blühenden Landschaft dazustehen, sondern wie ein alter Schrank,
der in einem Zimmer mehr Raum wegnimmt, als neue zweckmäßige Möbel.
Der König war mir stets heilig; ich fühlte früh schon das Herrliche,
Schöne, Wohlthuende in dieser Form, die die Natur selbst, bis auf wenige
Ausnahmen, Jahrtausende hindurch überall angenommen und festgestellt
hat. Die Mißbräuche berühren die Natur nicht. Ein Dichter, ein Künstler
kann nicht anders, als das Königthum lieben. Es ist dies das Recht des
Herzens, der kalten, langsamen Spitzfindigkeit gegenüber, die nur der
äußern Form huldigend, gar keine Ausnahme macht, selbst wo die Natur
sie verlangt; das Königthum ist seiner Natur nach nicht mißgünstig
und parteiisch, und muß jedes Verdienst gelten lassen, weil es über
ihnen Allen steht. Der Dichter und der Künstler müssen das Königthum
lieben; denn die Pracht kann zur Schönheit geadelt werden und bedarf
des Schönen, aber das Genie wird leicht durch den kalten, ehrgeizigen
Verstand der Menge, die nur den täglichen Hausbedarf achtet, beneidet
und unterdrückt. Der Künstler muß wohl die edle billige Freiheit lieben;
denn frei muß alles Große und Schöne und Gute sich bewegen; aber er
muß die Anbetung der =Gleichheit= haßen. Das Ausgezeichnete findet
sich nur als Ausnahme, und wo Alles gleich gut ist, ist Alles gleich
schlecht, und das Triviale herrscht. -- In Dreyer's Club brüllte ich
in meinen ersten Jünglingsjahren gleich den Andern, wenn die große
Bowle uns begeistert hatte: »Wer vorwärts will, der bücke sich!« und:
»Daß Schurken zu Ehre und Würde erhoben &c.,« ohne mich weiter um die
Anwendbarkeit dieser Gedanken auf die Gegenwart zu bekümmern; ich hielt
es abstract für satyrische Einfälle über die ganze Menschheit, und
so betrachtet, wird es gewiß, wenn auch blindlings hinausgeschossen,
immer treffen. In meinen frühern Jahren hatte ich einige gute Einfälle
von Malthe Bruun gehört; in seinem Gedicht »die Schlacht bei Tripolis«
hatte ich mehr als gewöhnlichen Dichtergeist gefunden. Ich entsinne
mich nicht, wo ich ihn zum ersten Male in Paris sah; vielleicht war es
bei Bröndsted. Aufgesucht hätte ich ihn wohl kaum. Der alte Heiberg
schreckte mich ab, in dem ich bei einem zufälligen Zusammentreffen in
Deutschland einen vollständigen Antipoden fand. Aber Malthe Bruun war
ganz anders und so verschieden von P. A. Heiberg, daß sie einander gar
nicht leiden konnten. Ich wunderte mich, einen jungen, blonden Mann,
mit einem schüchternen Mädchengesicht und einem langen Zopf im Nacken
zu sehen. Wir wurden bald gute Freunde, unsere Gespräche waren mehr
ästhetisch, als politisch, und Malthe Bruun erkannte die Fortschritte,
die die spätere poetische Revolution in Deutschland und Dänemark
hervorgerufen hatte. Er las meine Gedichte mit Vergnügen und freute
sich über den Gebrauch all' der fremden Versarten, der altnordischen,
griechischen und italienischen, die ich angewandt hatte. Unter Anderm
entsinne ich mich, daß er sagte: »Ich habe auch einmal Petrarca's
Gedicht _Vaucluse_ übersetzt, aber es fiel mir nicht ein, daß es möglich
sei, es in derselben italienischen Canzonenform zu übersetzen, obgleich
ich eine Ahnung davon hatte.« Es war mir natürlich lieb, einen so
geistvollen Landsmann getroffen zu haben. In vielen Beziehungen machte
er den Dänen Ehre. Die Franzosen, die sonst den Fremden nicht gern
die Fertigkeit zugestehen, daß sie französisch ebenso gut, wie ihre
Muttersprache schreiben, gestanden es doch ihm zu. An dem _journal de
l'empire_, einer der gelesensten und geachtetsten Zeitschriften, die
die Meinungen beherrschte, war er ein bedeutender Mitarbeiter. Seine
vortreffliche Geographie schrieb er in einem Lande, wo die Geographie
bis dahin so vernachlässigt war, daß die Meisten Dänemark nicht von
Spitzbergen zu unterscheiden vermochten, und glaubten, daß Hamburg nicht
weit von Wien, und mehrere Meilen von Altona läge. -- Vereinigt man nun
dies Alles mit einem angenehmen bescheidenen Wesen -- etwas wie gesagt
Mädchenhaftem -- das dem ausgezeichneten Schriftsteller gut stand -- so
mußte dies Alles für Malthe Bruun einnehmen. Unglücklicherweise fehlte
ihm durchaus ein fester Character und es war nicht die Wahrheit und
die Gerechtigkeit, die ihn begeisterte. Es ging ihm, wie es so vielen
politischen Schriftstellern mit Kopf und Kenntnissen geht, -- sie wollen
eine Rolle spielen und halten es mit der Partie, welche oben ist, oder
durch die sie glauben, sich einen Weg zur Berühmtheit, zum Einfluß oder
einen Vortheil verschaffen zu können.
Ich disputirte eifrig mit Malthe Bruun über Napoleon, dessen Handlungen
er alle unbedingt in die Wolken erhob. »Napoleon,« sagte ich einmal in
der Hitze des Streites, »Napoleon verirrt sich, weil er auf dem einen
Ohre taub ist.« »»Was will das heißen?«« fragte Malthe Bruun. »Das will
heißen: er kann nicht Deutsch; er versteht die Völker auf der andern
Seite des Rheines nicht. Er will die Welt reformiren, und hat nicht
das letzte Kapitel in der Geschichte der Menschenbildung gelesen. Er
schilt alle geistig wirkenden Deutschen Ideologen und Schwärmer. Diese
Unwissenheit und Verachtung wird ihm vielleicht zu größern Schaden
gereichen als er glaubt.«
Wenn ich nun mit aufgebrachten Deutschen in Gesellschaft war, die
Napoleon auf eine höhnische Weise herunterrissen, so wendete sich mein
Eifer gegen sie in einer entgegengesetzten Richtung. »Ihr entehrt Euch
selbst, wenn Ihr einen Mann klein zu machen sucht, der Euch jeden
Augenblick so gewaltige Ohrfeigen giebt. Wenn Napoleon Nichts ist, was
seid Ihr denn? Weniger als Nichts kann man doch nicht sein?«
Zuletzt blieb Malthe Bruun von mir fort. Bröndsted und Koës fragten ihn
um den Grund und er antwortete: »Ich käme gern zu Oehlenschläger; aber
wenn ich bei ihm gewesen bin und mit ihm gesprochen habe, so brauche ich
vierzehn Tage, um mich wieder in meine vorige Stimmung zu versetzen.«
Dies fand ich sehr schmeichelhaft, sah aber auch zugleich ein, daß wir
beide nicht mit einander umgehen konnten. In der kurzen Zeit unserer
Bekanntschaft bewog ich ihn doch, sich den Zopf abzuschneiden; aber
Napoleon behielt ihn dennoch beim Zopfe, bis dieser Napoleon selbst
abgeschnitten wurde; es ging Malthe Bruun so wie Talleyrand und Sct.
Christoph, sie hielten es alle Drei mit dem Stärksten; aber nur
Christoph hielt so fest an diesem Prinzipe, daß es ihn zuletzt auf den
rechten Weg zu Jesus Christus brachte.
Uebrigens hüteten ich und meine Freunde uns wohl, unsere Ansichten
Fremden gegenüber auszusprechen. Wir wußten, daß wir von Spionen umgeben
waren, in deren Nähe man in gewisser Beziehung ein Stein sein mußte,
indem man sagen konnte, wie Nille in Erasmus Montanus: »Ich weiß nicht
ob er denken kann, aber reden kann er nicht.«
* * * * *
[Sidenote: Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel.]
War ich nun zu altmodisch, zu fromm, zu frei, zu deutsch für Malthe
Bruun und Consorten, so gab es wieder Andere, denen ich nicht deutsch,
nicht frei, fromm und altmodisch genug war. In einer Restauration bei
Grignon lernte ich =Friedrich Schlegel= kennen. Er sah gar nicht so aus,
wie ich ihn mir vorgestellt hatte; ich erwartete einen magern Kritikus,
und es glänzte mir ein ironisch fettes Gesicht sanguinisch entgegen.
Wir mochten uns recht gern; aber Schlegel war es nicht recht, daß ich
nicht mehr zu seiner Schule gehörte. Doch sagte er mir nie ein beißendes
Wort; im Gegentheil er scherzte mit mir, wie mit einem jungen Tollkopf,
aus dem Etwas werden könnte, oder aus dem wenigstens Etwas hätte werden
können, wenn er den rechten Weg gewählt: d. h., wenn er blind zur Fahne
der neuen Schule geschworen hätte. Zu einem Doctor Klinger aus Wien
sagte er einmal, als er etwas ärgerlich über mich gewesen war: »Grüßen
Sie Oehlenschläger und bitten Sie ihn, nicht böse zu sein, wenn ich mich
gestern vielleicht zu sehr des traurigen Vorrechtes des Alters bedient
habe.« Schlegel war ein Mann von großen Talenten. Viele Abhandlungen in
der Zeitschrift Europa, in den Characteristiken in seinem »Geist aus
Lessing's Schriften« zeigen den starken Kopf, den tiefen Denker, und
er hatte viel mehr Gemüth als sein Bruder. In seinem Athenäum beweisen
viele, wenn auch übertriebene Paradoxen Originalität, Keckheit und
Humor. Aber seine =Lucinde= war mir doch stets zuwider; und ebenso der
Geist, der im =Alarcos= herrscht, obwohl ich den kräftigen Ton des
Stückes wohl gern hatte.
[Sidenote: Deutsche Epigramme auf beide Schlegel.]
Ich hatte ein paar deutsche Epigramme auf beide Schlegel's in der Zeit
meines Abfalles geschrieben. Sie sind nie gedruckt worden; ich theile
sie hier als characteristische Züge mit, die zu jener Zeit meines Lebens
gehören. Schlegel's haben sie niemals weder gelesen noch gehört.
* * * * *
1.
=Alte und neue Zeit.=
Verschied'ne Zeit, verschied'ne Richtung,
So Alles, so die deutsche Dichtung.
Lessing's Aesthethik wollte Wahrheit,
Natur in kräft'ger schöner Klarheit.
Die beiden Schlegel wollen Wehmuth
In mönchischer und stolzer Demuth.
Man liebte alles Schöne weiland,
Jetzt ruft man affectirt den Heiland.
Aus Wildniß stieg ein edles Bildniß;
Das Bild verfliegt, wird wieder Wildniß.
Ach hätten wir statt Schlegeln Lessing!
Nur ein Stück Gold für zwei Stück Messing.
* * * * *
2.
=Unterschied zwischen den beiden Schlegels.=
Der August sagt: »Mein Bruder und ich!«
»Ich und mein Bruder!« sagt Friederich.
In mein Stammbuch schrieb Friedrich:
»Nur der Sehnsucht fließt der Sehnsucht Quell,
Nur der Demuth scheint die Wahrheit hell.«
Auf diese Weise wäre der gute Friedrich niemals zur Erkenntniß der
Wahrheit gekommen; denn Demuth drückte ihn, wie bekannt, nicht sehr.
* * * * *
Frau Staël-Holstein wohnte in der Nähe von Paris in _Auberge en ville_;
denn Napoleon wollte ihr nicht gestatten, näher zu treten. Ich besuchte
sie dort und fand A. W. Schlegel und Benjamin Constant de Rebecque
dort, der später eine so wichtige politische Rolle gespielt hat. Die
geistreiche Dichterin empfing mich sehr freundlich, obgleich ich nur
mittelmäßig Französisch sprach, und bat mich, sie in Coppet zu besuchen,
wenn ich nach der Schweiz käme. Ich werde später mehr von diesen
merkwürdigen Menschen sprechen.
* * * * *
[Sidenote: Ueber Rousseau's Heloise.]
Ich legte mich nun mit Eifer auf das Französische und las zum ersten
Male Rousseau's Heloise. Dieses Buch rührte mich eben so sehr, wie
Werther's Leiden, flößte mir aber bei Weitem nicht die Achtung vor dem
Verfasser ein. Die Beredtheit ist darin eben so groß; die Leidenschaften
und die Scenen sind eben so kräftig und schön geschildert; aber der
neckende Eigensinn, die Jagd nach Paradoxen und etwas Unwürdiges (um
nicht zu sagen Niederträchtiges) in dem Character des Verfassers, das
zuweilen auf seine Personen übergeht, ärgerte mich oft so, daß ich
das Buch auf die Erde warf und mit den Füßen darauf trat. Aber dann
konnten wieder ein herrlicher Gedankenreichthum, ein reines edles
Gefühl, und echte poetische Schilderungen des menschlichen Herzens, der
Natur, des Unglücks und der Wehmuth mich innig rühren und hinreißen.
-- Wahrlich, Rousseau war ein Genie und ein höchst merkwürdiger Mann.
Als ich kurz darauf seine =Bekenntnisse= las, wurde mir Vieles klar,
was ich in der Heloise nicht verstanden hatte. Er hatte keine Erziehung
gehabt und seine Gesundheit in der Jugend geschwächt. Sein stolzer
Eigensinn kämpfte unaufhörlich mit seinem guten Herzen; und seine allzu
krankhafte Empfindlichkeit verhinderte ihn trotz seines Verstandes, sich
über die Verhältnisse zu erheben, und sie mit Ruhe und Besonnenheit
zu überschauen. Die stete Gewohnheit, gegen so viel Schlechtes und
Schiefes zu opponiren, verleitete ihn auch oft, dem Guten und Wahren
zu widersprechen. Und so verstand man erst, wie dieser geniale Kopf
zuletzt in Fehler und Tollheiten verfallen konnte, vor denen die größten
Dummköpfe sich mit Leichtigkeit hätten schützen können.
* * * * *
[Sidenote: Skandinavischer Umgang in Paris.]
Ich ging viel mit zwei jungen Malern, =Olivier= aus Dessau, guten,
freundlichen Menschen um; der eine malte mich. Dasselbe that auch ein
norwegischer Maler, Lieutenant =Munk=, der damals in Paris war. Der
geniale Musiker =Kienlen= gehörte auch zu meinem täglichen Umgange; er
schrieb schöne Melodien zu Aladdin, und soll später in Berlin eine sehr
hübsche Musik zu Göthe's Claudine von Villa bella geschrieben haben.
Besonders erfreute es uns Dänen, mit der norwegischen, liebenswürdigen
Familie =Knudtzon=, die nach Paris gekommen war, zusammen zu leben.
Bröndsted, Koës und ich aßen oft bei ihnen, und wenn wir so zusammen
saßen, bildeten wir uns ein, in Dänemark oder Norwegen zu sein. Ich
werde diese lieben Menschen nie vergessen; den braven =Johansen= und
seine treue =Sara=; die liebenswürdige Frau =Labouchère= und ihre
Schwester, die holde =Benedicte=. Mein Umgang mit ihnen trug viel dazu
bei »=Axel= und =Valborg=,« das ich damals gerade schrieb, das frische,
nordische Colorit zu verleihen, das sonst durch den langen Aufenthalt im
Auslande leicht hätte geschwächt werden können.
[Sidenote: Die Alterthumsforscher Arndt und Millin.]
Der wunderliche Alterthumsforscher =Arndt=, von dem ich bereits früher
gesprochen, und den ich viele Jahre darauf als =Strauß= in meinem Drama:
»Die italienischen Räuber« auftreten ließ, kam auch nach Paris. Die
Franzosen wunderten sich über diesen Menschen, der fast wie ein Bettler
gekleidet war, aber die Taschen voll gelehrter Manuscripte hatte. Er
wäre früher gekommen, aber gerade als er an der Barrière von Paris
angekommen, fiel es ihm ein, daß er ein Manuscript in einem Steinhaufen,
eine Viertelmeile von Lübeck vergessen habe. Er wanderte deßhalb zurück,
um es zu holen, und dies raubte ihm einige Zeit. =Millin=, Professor
der Archäologie und Vorsteher des Antiken- und Medaillencabinets, war
sehr höflich gegen ihn und er sehr grob gegen Millin. Er warf ihm
Unwissenheit vor. Man kann sich nicht zwei größere Contraste denken!
Jener reich, vornehm, Bewohner eines schönen Hotels, in dem alle
Gelehrten gewisse Stunden der Woche Zutritt hatten, und in prächtigen
Zimmern alle neuen Bücher und Journale lesen konnten; -- und Arndt in
einem groben blauen Flaus, die langen Haare unter dem Kragen, und alle
Taschen dick voll Papiere. --
Zuletzt wurde ich des Herrn Arndt doch überdrüssig. Als ich ihm eines
Morgens einen alten Frack, etwas Linnen und ein Paar Stiefeln geschenkt
und mein Frühstück mit ihm getheilt hatte, fing er an, indem er den
Milchtopf mit einer Brotrinde auswischte, unverschämt von dem dänischen
Könige zu reden. Ich bat ihn, sich zu recommandiren, wenn ich ihn nicht
die Treppen hinunterwerfen sollte. Er ging, und seit dieser Zeit habe
ich nie wieder mit ihm gesprochen.
[Sidenote: Im siebenten Stockwerk.]
Freilich wäre er tief gefallen; denn ich wohnte im _Hôtel de
Quinze-Vingt_ im =siebenten= Stockwerk.
* * * * *
Das Ungewitter fing an, sich auf dem nordischen Himmel zusammenzuziehen;
und während wir in Paris Zeugen des Friedensfestes in Notredame waren,
und Napoleon, wie Heinrich IV. gekleidet, unter einem Thronhimmel sahen,
von allen seinen Staatsräthen und hohen Beamten begleitet; während das
versammelte Volk am Abend in dem Tuileriengarten, wo er auf dem Balkon
saß, sang: »_Ou peut on être mieux, qu'au sein de sa famille_« und die
ganze Stadt illuminirt war, schlugen unsere dänischen Herzen in banger
Erwartung und der Ahnung einer schlimmern Illumination in Kopenhagen.
* * * * *
Ich hatte zuerst eine der ersten Etagen im _Hôtel de Quinze-Vingt_
bewohnt; als ich aber keinen Brief mehr von Kopenhagen erhielt und das
Geld ausblieb, wollte ich in einen gewöhnlichen Gasthof ziehen, wo ich
billig wohnen konnte. Aber meine wackere Wirthin, Madame =Gautier=
(eine Predigerwitwe, ich glaube von Genf), wollte es nicht erlauben.
»Monsieur Oehsleng!« sagte sie -- denn weder sie noch irgend ein anderer
Franzose konnte meinen Namen richtig aussprechen, -- »wenn Sie auch
zwei Jahre bei mir bleiben und ich keinen Sou von Ihnen bekomme, so
lasse ich Sie doch nicht ziehen. Ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht
betrügen wollen; bleiben Sie hier! aber wollen Sie mir eine Gefälligkeit
erweisen, so ziehen Sie in meine oberste Etage hinauf! Da sollen Sie
Alles bekommen: Mittag, Frühstück und Aufwartung, Alles gut und den
vierten Theil billiger.«
Dieses edelmüthige Anerbieten kam mir wie vom Himmel. Ich zog in das
siebente Stockwerk, gegenüber dem Carousselplatz, den Tuilerieen und
der Ehrenpforte, wo die metallnen Pferde standen, die von Berlin nach
Paris gewandert, und nun wieder auf dem Brandenburger Thor stehen. Auf
dem Carousselplatze sah ich Napoleon oft mit seinen Garden beschäftigt,
während ich da oben den Hakon Jarl übersetzte.
* * * * *
[Sidenote: Nachricht vom Bombardement Kopenhagens.]
Eines Tages, als ich ganz munter mit Bröndsted plauderte, tritt
Koës blaß wie eine Leiche ins Zimmer und sagt: »Kopenhagen ist von
den Engländern genommen!« Wir wurden wie vom Blitze getroffen. Es
circulirten mehrere falsche Gerüchte: daß das Friedrichsberger Schloß
abgebrannt sei, daß alle Studenten bei einem Ausfall aus Kopenhagen
umgekommen wären.