Die Tragödie -- sagt Aristoteles sehr richtig -- wirke besonders,

wenn die Handlung uns durch =Schrecken oder Mitleid= rührt. -- Er hat

gewiß Recht darin, daß diese Gefühle die Springfedern und Triebräder

des Ganzen sind; sie sind nichts Anderes, als starke Wirkungen des

Interesses für die Menschen, die auf uns selbst als ihres Gleichen

zurückwirken: Schreck oder Furcht für ihr Schicksal, =bevor= es sie

getroffen; und Mitleiden, wenn sie unterliegen. Denn der Stoff der

Tragödie ist =Kampf mit dem Unglücke=, ein kräftiger Kampf; und der

eigentliche =Trost= besteht darin, daß das Ewige siegt, wenn auch das

Irdische zu Grunde geht. Deshalb ist auch die Grundlage für die wahre

Tragödie eine höhere, gesunde =Heiterkeit=. Melancholie und Hypochondrie

haben, wie alles Krankhafte, durchaus Nichts mit der Kunst zu thun, und

der, welcher sich durch eine gute Tragödie =niedergeschlagen= fühlt, ist

gar nicht im Stande, sie oder ihre Schönheiten zu fassen; denn gerade

im Gegentheile, sie stärkt den Geist und erhebt die Seele. Deshalb wird

sie auch besonders von der Jugend geliebt. Je mehr sich dagegen der

Aeltere selbst dem Grabe nähert, destoweniger Lust und Muth hat er, sich

mit der Bildung des Todes zu beschäftigen, ihm in die Augen zu schauen;

er bedarf der Zerstreuung und will von dem =Komischen= aufgeheitert

werden. Doch kommt auch hier die erweiterte Menschenkenntniß, der

ruhigere Sinn für die feinen Mischungen des Characteristischen in allen

Verhältnissen des Lebens, die dem reifern Alter folgen, mit ins Spiel;

während sich die Jugend im Allgemeinen nur an dem Leidenschaftlichen

erfreut. -- Aristoteles sagt vom tragischen Helden, daß er nicht ganz

unschuldig sein dürfe -- denn dann zürnen wir über sein grausames,

ungerechtes Schicksal -- er dürfe auch kein vollständiger Bösewicht sein

-- denn dann haben wir kein Mitleiden mit ihm; -- sondern ein Mensch

von vermischten Eigenschaften, der sich durch Fehler sein Schicksal

zugezogen hat, ohne es ganz zu verdienen. Dies ist recht geistreich;

nur müssen wir die Bemerkung machen, daß wir es jetzt, als =Christen=,

ertragen können, auch das Unglück eines ganz =Unschuldigen= zu sehen, da

wir nicht mehr an einem ewigen seligen Leben, an einer strafenden und

belohnenden Gerechtigkeit jenseits des Grabes zweifeln. Und selbst bei

dem Griechen Sophokles ist z. B. Antigone ganz unschuldig und weicht

keiner Christin an Seelenadel.

Aristoteles sagt von der Katastrophe, daß sie sich nach Nothwendigkeit

oder Wahrscheinlichkeit aus der Composition entwickeln, daß die Tragödie

eine Verwickelung und eine Auflösung haben müsse. Nur solche Handlungen

geben einen Stoff für Tragödien, wo Feindlichkeiten und Verbrechen aus

vorhergegangenen freundlichen Verhältnissen entspringen, denn daß der

erklärte Feind seinen Feind verfolgt, hat nichts Merkwürdiges oder

Rührendes. Die Charactere, sagt er weiter, müssen =edel geschildert=

sein, deshalb muß man es machen, wie die guten Maler, die trotzdem

sie nach der Aehnlichkeit des Originales streben, doch unbeschadet

dieser Aehnlichkeit das Bild veredeln. So soll auch der Dichter, wenn

er wilde, aufgebrachte Menschen schildert, sich mehr dem moralischen

Muster, als der Rohheit nähern. Er muß sich so viel, als möglich die

Handlung vergegenwärtigen, um das Eigenthümliche zu wählen, das Unnütze

zu verwerfen; er muß sich selbst in die Handlung versetzen; denn der

natürlichen Sympathie zufolge rührt der am meisten, der die Leidenschaft

selbst zuerst empfindet.

Dies drückt Horaz hübsch in seiner _ars poëtica_ so aus:

»_Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia sunto

et quocumque volent, animum auditoris agunto.«

-- -- »Si vis me flere, dolendum est

primum ipsi tibi._«

Und Claudius in seinem Epigramm über Voltaire und Shakespeare, drückt

es eben so hübsch auf seine launige Weise aus, wenn er sagt:

»Der Meister Arouet =schreibt=: er weine, --

Und Shakespeare =weint=!«

Ich lernte bald, die Worte des Aristoteles, daß das tragische Unglück

sich aus Fehlern entwickeln müsse, denen Personen von hohem Range und

blühendem Glücke unterworfen seien, nicht buchstäblich zu nehmen,

sondern sie nur mit Beschränkung zu verstehen, wie Lessing, wenn er in

seiner Hamburger Dramaturgie bemerkt:

»Die Namen der Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät

geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück Derjenigen,

deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise

am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleid

haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit

Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so

macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker

darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzelnen

Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstracter Begriff für unsere

Empfindungen.«

In gleichem Tone spricht A. W. Schlegel in seinem später (1809)

erschienenen Buche über dramatische Kunst und Literatur so:

»Die griechischen Tragiker schildern uns die Zerrüttung der Königshäuser

wahrlich nicht in ihrem Bezuge auf den Zustand der Völker; sie zeigen

uns im Könige den Menschen, und weit entfernt, zwischen uns und ihren

Helden den Purpurmantel als eine Scheidewand vorzubreiten, lassen sie

uns durch dessen eiteln Glanz hindurch in einen von Leidenschaften

zerrissenen Busen schauen.«

Das Obenangeführte ist ungefähr der Hauptinhalt der Aristotelischen

Abhandlung über die Tragödie. Ich bemühte mich stets, mir diesen

Katechismus des gesunden Menschenverstandes gut ins Gedächtniß

einzuprägen; denn so geradezu er auch ist, enthält er doch die

wichtigsten Ideen über die Natur des tragischen Gedichtes.

[Sidenote: Vergleiche mit andern Dichtern.]

Wenn ich nun diese Grundsätze mit andern verband, welche ich bei

Lessing, Herder, Schiller, Göthe, den beiden Schlegel's, Jean Paul,

Hugh Blair, Home &c. fand, so bildete sich nach und nach eine sichere,

klare Theorie in meinem Kopfe, die ich später durch eigene Gedanken und

Erfahrungen zu bereichern strebte.

Mit den großen Dichtern wurde ich immer vertrauter, bewunderte ihre

Schönheiten, bildete mich aber nicht sclavisch nach ihren Eigenheiten.

Ich wußte: Jeder Mensch, selbst der größere, hat seine Fehler und

Mängel, die der geringere Nachfolger leicht entdecken kann aber nicht

nachahmen darf. Für das Mangelhafte in seinen Werken wird die sparsame

Natur schon selbst sorgen. Sophokles entzückte mich durch seine einfache

Größe, durch seine Plastik; aber ich fand, daß die Weitläufigkeit der

Redner und die zu künstliche Einmischung der Chöre seinem Zeitalter

angehörten und nicht nachgeahmt werden dürften. Bei Shakespeare fand ich

die tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens, die vielfältigen, kräftigen

Characterschilderungen, den poetischen Ausdruck der Leidenschaft und

des Gefühls, die Weltkenntniß, das blühende Colorit des Schmerzes und

der Freude, die naive Natürlichkeit -- göttlich und unvergleichlich.

Aber ich fand, daß er in der Composition seiner meisten Stücke nicht als

Muster dienen könne, wenn auch die Franzosen in unzähligen Vorwürfen

Unrecht hatten, weil sie stets das Conventionelle für das Natürliche

ansahen. Selbst bei Shakespeare, wie bei jedem andern Dichter, findet

man etwas Conventionelles, das der Zeit angehört und damals Mode war:

in den Wortspielen, den Plumpheiten, der allzukunstlosen, häufigen

Einmischung weitläuftiger Episoden. Seine Eigenthümlichkeiten als Mensch

und Engländer waren mir lieb; aber es konnte mir nicht einfallen, seinen

Humor nachzuahmen, der sich so gern witzig dem Wahnwitzigen nähert

und tragisch damit spielt. -- Ich fand, daß Schlegel und Gries sich

verdient um die Literatur gemacht hatten, indem sie einen Theil von

=Calderon= übersetzten. Mitten in einer Menge ungeheurer Blumengebüsche,

deren Luxus mir nicht gefiel, und deren Duft mich fast betäubte,

standen Calderon's höchst poetische Figuren in schönen, richtigen

Situationen da. Ein Theil Leser und Nachahmer vergaßen diese schönen

Menschenbilder über den Blumengebüschen. Eine Menge Galanteriebuden

wurden aufgerichtet, wo man die natürlichen spanischen Rosen aus

deutschem Nesseltuche nachmachte. Als ich den =standhaften Prinzen= las,

schätzte ich auch den Menschen, den Denker Calderon recht; und obgleich

ich nicht dieselbe Liberalität und Geistesfreiheit bei dem katholischen

Adelsmanne, wie bei dem Protestanten und Bürger Shakespeare fand, so sah

ich doch ein, daß sein schönes Genie, sein gesunder Menschenverstand

ihm all' die Billigkeit geschenkt hatten, die man von einem beliebten

Dichter aus der Zeit der _Auto da fé's_ erwarten konnte. -- Ich wagte es

später auch mit Sparsamkeit einige von Calderon's schönen Versformen in

meinen Stücken anzuwenden.

Ueber Göthe habe ich bereits meine Ansicht ausgesprochen. Seine milde

Ironie, seine echt poetischen frischen Darstellungen konnten nicht

besser sein; nur ist in seinen ersten Werken zu viel, in seinen spätern

zu wenig Stoff für die Bühne; auch fehlt es seinen Dramen im Ganzen

an der Leidenschaft und Kühnheit, die dazu gehören, wenn man große

Wirkungen hervorbringen will. Diese besitzt Schiller im hohen Grade.

Kein Dichter war mehr als er, Herr des hohen Gefühles, der edlen

Begeisterung; aber man muß sich davor hüten, in Schiller's allzulange,

rhetorisch-philosophische Reflexionen zu verfallen.

Ich fühlte: in jeder Poesie setzt stets ein edles Herz dem Genie

die Krone auf. Kalter Verstand und ein kühnes Phantasiespiel mit den

Gaukelbildern des Lebens genügt nicht; das Genie kann sich auch mit

Hochmuth, Härte, Ausschweifung, Spott, selbst mit Grausamkeit verbinden.

Aber dieser Lucifer ist ein gefallener Engel. Er imponirt. Viele gute

Köpfe und verderbte Herzen ziehen ihn vor, finden in dem kräftigen

geistvollen =Trotz= einen Versteck für ihre Sünden, und nennen die

weniger pikante Besonnenheit und Herzlichkeit vielleicht gar widerlich

und matt. So schilt ein verderbter Saufbruder die idyllische Milch und

das gesunde Brot weichlich, obgleich es Riesen nährt, und der Spiritus

ihm selbst zuletzt das _Delirium tremens_ verschafft.

[Sidenote: Das Aesthetische und das Ethische.]

Wie viel Humanität athmet nicht in dem Pathos des Aeschylos? Wie rührend

ist Sophokles! Sein unglücklicher Oedipus, der endlich in Kolonos Ruhe

findet; die hohe Antigone, die aus schwesterlicher Liebe in den Tod

geht; Elektra, die rächende Schwester, die, wenngleich Weib, doch einen

Hamlet beschämt; Philoktet auf seiner Insel mit seinem Bogen; der starke

Ajax, ein guter Sohn, Vater, Bruder, Mann, von der Rachbegier aber zur

Raserei und aus gekränkter Ehre zum Selbstmord getrieben. -- Und nun Du

Shakespeare! Dein Lear, durch die Undankbarkeit der Kinder zum Wahnsinn

gebracht; dein ehrlicher, tapferer Othello, der aus unglücklicher

Eifersucht sein Weib und sein Glück mordet. Dein sentimentaler Hamlet,

der, wie Jean Paul so schön sagt, ein Vater für alle Werther ist; Dein

Romeo und Deine Julie, voll von süßer unglücklicher Liebesschwärmerei;

Dein Macbeth, den Sünde und Gewissensqual in den Abgrund stürzen! --

Bei Schiller haben diese Gefühle stets das Uebergewicht, und selbst bei

Göthe ist dies oft der Fall; denn wo er gewisse Schwächen und Verstöße

gegen die Sitten vertheidigt, denken wir immer an Magdalena, die von den

Pharisäern und Sadducäern vor Christus hingeführt wird, der da sagte:

»Wer unter Euch rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie!«

So überzeugte ich mich also, daß das =Aesthetische= nicht des

=Ethischen= entbehren könne, weil das Product des vernünftigen Willens

Tugend und Sitte ist. Alle menschlichen Handlungen gehen darauf aus,

entweder die Ordnung in dem gesellschaftlichen Leben zu befördern oder

zu zerstören: da nun das Drama die ideelle Darstellung menschlicher

Handlungen ist, so bilden die moralischen Verhältnisse einen großen

Theil des Ganzen. Der Dichter muß für die geistige Ordnung begeistert

sein. Er darf nicht indifferent mit einer parteilos matten Ironie

spielen; er darf die Bilder nicht nur heraufbeschwören, um sie wieder

verschwinden zu lassen; er darf nicht allein erschüttern und spannen;

denn in der bloßen Lust an dem Entsetzen Erregenden ohne ein edles

Gefühl liegt der Keim zu aller Grausamkeit.

Diese Theorie war nun keineswegs das poetische Glaubensbekenntniß jener

Zeit, wie es das der Gegenwart ist. Es wurde wieder der Spitzfindigkeit

gehuldigt. Große Verbrechen verwechselte man mit großen Verbrechern

und achtete sie mehr als eine einfältige Tugend. Die Wollust wurde

sogar metaphysisch vertheidigt; und die mechanische Fertigkeit und

Zierlichkeit der Versmacherei drohte das natürliche freie Gefühl vom

Parnaß wegzutreiben.

Ich sah wohl ein, daß ich, wenn ich nicht in den herrschenden Ton

einstimmte, viele Gegner, Tadler und endlich Verächter finden würde;

aber die Lust zu gefallen konnte meine Liebe für das Gute und Wahre,

oder meine Ueberzeugung nicht umstoßen.

Welche Heldenzeit konnte ich nun besser wählen, als die meines eignen

Vaterlandes, die eigentlich noch nicht dichterisch dargestellt war und

doch so viel herrlichen Stoff für die Dichtung darbot? Auch für Fremde

mußte dies Interesse haben. Jede poetische Darstellung eines Volkes

erfreut das andere. Wir machen ja gern Reisen, um andere Nationen kennen

zu lernen; wir freuen uns über die Dampfschiffe, die so schnell Nationen

mit Nationen verbinden. Aber eine noch raschere Beförderung, die weniger

Zeit und weniger Geld kostet, ist das Dichterschiff. Walter Scott

hat auf eine höchst angenehme Weise das gebildete Europa mit seinen

wilden Landsleuten, einem von Bergen eingeschlossenen Volke, die nie

ihr Land verlassen, bekannt gemacht. Aber weit mehr, als die Schotten

verdienen die alten Skandinaven bekannt zu werden, die einst das ganze

Europa überschwemmten, und von denen die großen südlichen Nationen zum

Theil ihre Geschichte und ihre Heimath haben. Zwar ist die Aufgabe der

Tragödie sehr verschieden von der des Romans; es ist mir nie eingefallen

genau gezeichnete =Portraits= unserer Vorfahren zu geben; nur die großen

Thaten, die großen Characterzüge habe ich mit dem allgemein Menschlichen

verbunden.

Ich habe bereits davon gesprochen, daß Schiller in der Braut von Messina

den griechischen Chor wieder zu benutzen versuchte. Man fand, daß er

ungeachtet unzähliger Schönheiten zwei widerstrebende Elemente vereinigt

habe: Griechische Demokratie und das Feudalwesen des Mittelalters. In

=Baldur dem Guten= gebrauchte ich alle griechischen Formen, und es

schien, als ob der antike Rhythmus sich recht natürlich mit den alten

nordischen Mythen und Heldensagen vereinige. Dieses Stück dichtete ich

auf meiner Reise in Weimar und Dresden.

[Sidenote: Ueber meine eigenen Tragödien.]

In Paris verschaffte mir Bröndsted Suhm's Geschichte von Dänemark aus

der großen Bibliothek. Nachdem ich im vorigen Jahre eine norwegische

Tragödie geschrieben hatte, Hakon Jarl, wollte ich nun eine dänische

schreiben. In Palnatoke fand ich einen guten Stoff, und ich wählte ihn

um so lieber, da er sich einem Zeitalter anschloß, das ich in Halle

ziemlich gründlich studirt hatte. Damals war man in hohem Grade für das

Nationale, das Heroische, das Ernste in meinem Vaterlande empfänglich.

Wenn es gestattet ist das Geringe mit dem Hohen zu vergleichen so hatte

die Schlacht auf der Rhede am 2. April 1801 die Dänen für die Poesie

begeistert -- ebenso wie die Schlacht bei Salamis und Marathon die

Griechen, und die Vernichtung der spanischen Armada die Britten unter

der Königin Elisabeth. Es gehört eine vorhergehende Kraftanstrengung

dazu, das Spießbürgerliche, das Spitzfindige, das Kleinliche zu verjagen

-- und eine Nation für das Große, das Schöne zu stimmen. In der

glücklichen Ruhe die auf eine solche Unruhe folgt, gedeiht die Poesie am

besten. Mein Hakon hatte, obwohl die Hauptrolle von Frydendahl gespielt

wurde, großes Glück gemacht. Dieser war als Komiker vortrefflich, aber

durchaus kein Tragiker. Ich pflege sonst selten an die Schauspieler

zu denken, wenn ich meine Dramen schreibe. Es scheint mir, als ob die

Originalität, nach der ein Dichter in seinen Characterzeichnungen

streben soll, ganz verschwinden muß, wenn ein Schauspieler als Modell

dasteht. Von der eigenen Subjectivität des Dichters kann er, =soll= er

sich nie ganz losreißen. Die subjective Anschauung und die Begeisterung

des Dichters ist der Stoff für das Ideale in seinen Werken, sowie das

Object ihm das Characteristische und die Handlung giebt. Aber dieses

Object darf er nicht in einzelnen stets wiederkehrenden Persönlichkeiten

suchen. Wenn er nur für den Augenblick wirken will, so gewinnt er, wenn

er solche Persönlichkeiten benutzt. Oft wird sonst sein Werk ein todtes

Kapital, bis der Mann kommt, der das Kapital gebrauchen kann. So dauerte

es einige Jahre, ehe der geniale Ryge als Hakon Jarl auftrat. Aber ich

hatte doch an einen andern herrlichen Hakon gedacht, als ich meine

Tragödie dichtete. Dies war nämlich der Norweger Rosing, ganz für diese

Rolle geschaffen, nun aber -- gelähmt, für mich, für die Kunst, für die

Welt verloren.

Im Hakon Jarl hatte ich den Streit zwischen dem Heidenthum und dem

Christenthum, mit dem Uebergewichte der tugendhaften Kraft auf der

Seite des Christenthums geschildert; weshalb jenes trotz seines größern

poetischen und politischen Lebens untergehen mußte. In Palnatoke wollte

ich einen Gegensatz schildern. Hier ist Pflicht und Tugend auf der

Seite des Heiden Palnatoke, im Kampf mit dem falschen Mönchswesen, dem

verbrecherischen Mönchskönig. Deshalb siegt das Heidenthum und blüht

noch einmal in dem kräftigen Jomsburger Bunde auf.

Obwohl ich Schillers Wilhelm Tell sehr liebte und bewunderte, so

befürchtete ich doch nicht, daß die ähnliche Scene in beiden Stücken mit

dem Apfel auf dem Haupte des Knaben zu meinem Nachtheil mißverstanden

werden würde. Diese Scene ist weder Johann-Ballhornerei noch Nachahmung.

Sie zeigt, wie so Vieles, daß oft Dasselbe in der Welt, jedoch

höchst verschieden je nach der Denkungsweise und den Characteren der

verschiedenen Zeitalter geschehen kann. Was in Schiller's Tragödie

rührend, zur Wehmuth stimmend ist, wird in Palnatoke fast wie ein

lustiger Auftritt zwischen den an Blut und Tod täglich gewöhnten Heiden

behandelt; doch handelt das =Vaterherz= in beiden Scenen und die

Barbarei ist in Palnatoke geadelt. Ohne Edelmuth und Hoheit würde eine

solche Verwegenheit -- wovon man selbst unter tollen Knaben oft Proben

gehabt hat -- nur empörende Frechheit ohne Poesie sein. Thorvald habe

ich in Palnatoke etwas zu weich und modern behandelt. Hätte ich Thorvald

Bidförle's Sage in Paris gehabt, so würde ich diesem Character mehr von

dem Colorit seines Zeitalters gegeben haben.

Etwas Komisches traf ein, als ich das Stück dichtete. Ich arbeitete

eines Abends spät (gegen die Gewohnheit, denn ich dichte gewöhnlich am

Morgen), und da fiel mit die Idee von Harald Blauzahn ein, daß er in

den Leichenkleidern eintritt und sagt: »Hier stehe ich in meiner wahren

Tracht,« u. s. w. Dieses Bild stand mir in seinem ersten Ursprunge so

lebhaft vor der Seele, daß ich selbst erschrak, zu Bröndsted hineinlief,

nicht allein sein wollte, und ihn bat, mir etwas Lustiges auf dem

Fortepiano vorzuspielen.

Palnatoke wurde im Vaterlande sehr gelobt und viel gelesen; aber es

glückte dem in so vielen andern Rollen vortrefflichen Schwarz nicht,

den Palnatoke besser zu spielen, als Frydendahl im Jahre vorher den

Hakon spielte. Beide Rollen bekamen einige Jahre später erst ihren

meisterhaften Darsteller in Ryge.

Da es in Palnatoke keiner Frauen bedurfte, so ließ ich sie auch nicht

darin auftreten. Im nächsten Winter schrieb ich =Axel= und =Walborg=,

worin die Liebe die Hauptsache ist; eigentlich die =Treue der Liebe=,

sowie ich ein paar Jahre darauf in =Hagbart und Signe= die Leidenschaft

des ersten Ausbruchs der Liebe zu schildern suchte; jene zwischen ein

paar jungen Christen, diese zwischen zwei Heiden; aber beide heroisch

und mit nordischem Gefühl. Mit der sinnlich glühenden südlichen

Liebe in Romeo und Julie wollte ich nicht wetteifern; aber der milde

Septembermond über dem nordischen Buchenhaine kann auch seine Wirkung

thun, obgleich er sehr verschieden von der italienischen Sommernacht ist.

Ich habe bereits erzählt, daß ich den Aladdin wieder von Neuem

übersetzte, weil die erste Uebersetzung zu fehlerhaft war. Kein Wunder!

Wenn man bedenkt, daß ich zwei Jahre vorher nicht ein deutsches Wort

geschrieben und eigentlich erst ein Jahr vorher begonnen hatte,

Deutsch zu dichten. Ich übersetzte auch den Hakon Jarl wieder; darauf

übersetzte ich noch den Palnatoke, Jesus in der Natur und noch mehrere

andere Stücke, und schrieb einige Gedichte Deutsch, unter denen: der

=irrende Ritter=. Ein polemisch didactisches Idyll ist eigentlich

keins, doch habe ich es später gekürzt in meine deutsche Sammlung der

poetischen Stellen wegen aufgenommen, deren es nach dem Urtheil von

Sachverständigen nicht entbehrt.

* * * * *

Ich habe erzählt, wie sehr ich Talma in der Tragödie bewunderte;

obgleich ich der französischen Tragödie nicht Geschmack abgewinnen

konnte, weil ich sie zu monoton, character- und stofflos und zu vornehm

conventionell fand, zwang er mich doch, viel große Schönheiten darin

zu erkennen. Etwas war jedoch bei Talma, das mir nie gefiel. Wenn er

nämlich eine Scene vortrefflich gespielt hatte, erhob er zum Schluß bei

den großen Ausgangsrepliken die Stimme auf eine affectirte, übertriebene

Weise, streckte die Hände in die Luft, zitterte mit ihnen und bekam dann

einen furchtbaren Applaus. In einem Gespräch mit einem meiner Bekannten,

der Talma auch kannte, sagte ich: »Wenn ich mit Talma spräche, würde ich

es ihm rein heraus sagen.« -- »»Das brauchen Sie nicht«« -- entgegnete

der Andere -- »»denn Talma weiß es selbst sehr gut.«« -- »Und was

sagt er darüber?« »»Er sagt: das ist ein Fehler; aber ich habe meine

Landsleute bereits an so viel Natur gewöhnt; in =Etwas= muß ich mich

nach ihren Gebräuchen und Vorurtheilen richten, sonst verliere ich ihre

Hingebung und Begeisterung und ohne die kann ich meine Kunst nicht

ausüben.««

[Sidenote: Die Kunst und die Mode.]

Es ist rührend und hart, wenn ein großer Künstler sich so nach dem

Modegeschmack der Menge richten muß. Etwas Aehnliches hörte ich später

von Spontini, als er seinen »Ferdinand Cortez« componirt hatte, und ein

guter Freund, der ihn außerordentlich lobte, zugleich die bescheidene

Frage that, ob der Componist nicht finde, das etwas viel =Lärm= in

dieser sonst so herrlichen Musik sei? »Ja gewiß,« soll Spontini

geantwortet haben; »aber nicht wahr, sie ist doch hübsch, obgleich sie

lärmt? Zu dem Letztern war ich gezwungen, um den Beifall des Publikums

zu gewinnen.«

Ich habe selbst einen jungen, ausgezeichneten Virtuosen auf dem

Pianoforte gehört, der mir erzählte: »Am Sonntag komme ich mit einigen

meiner musikalischen Freunde und Künstler zusammen; dann spielen wir

Werke von Mozart, Haydn und anderen alten Meistern zu unserm eigenen

Vergnügen; denn in Concerten und Assemblée'n will man jetzt nicht mehr

schöne Musik hören, sondern nur =sehen=, wie die Finger mit Leichtigkeit

die größten Schwierigkeiten überwinden.«

Nachdem ich mir etwas Uebung in der französischen Sprache erworben

hatte, disputirte ich oft mit einem oder dem andern Pariser über die

Unnatur und Monotonie der französischen Tragödie; denn ich lernte es

viel früher, mich erträglich in einem wissenschaftlichen Gespräche

über die Kunst auszudrücken, als richtig Französisch von all' den

vorkommenden Kleinigkeiten des täglichen Lebens zu sprechen. Diese

Ansichten waren damals etwas ganz Neues; Frau Staël-Holstein hatte

damals noch nicht ihr Buch über die deutsche Literatur herausgegeben.

Man sah mich an, wie die Hofleute in Gallatracht auf Franklin blickten,

wie er als Gesandter von Nordamerika nach Versailles mit seinen eigenen

ungepuderten Haaren und einem runden Hute kam. Indessen that das Gesagte

doch zuweilen seine Wirkung, und ich hatte ein Mal die Genugthuung, daß

ein Franzose mir sagte: »Mein Herr, Sie reden gut, aber Sie überzeugen

mich nicht!«

[Sidenote: Die neuen französischen und deutschen Dramatiker.]

Später haben Victor Hugo und Alexander Dumas sie nur allzusehr

überzeugt. Man stürzt leichter aus der Scylla in die Charybdis, als man

sein Schiff durch Sandbänke hinsteuert, ohne auf den Grund zu laufen.

Man kann ein Gericht zu wässrig und ungewürzt zubereiten, und man kann

auf der andern Seite wieder zu viel Cayennepfeffer und Salz hineinthun.

Man verdirbt sich den Magen, wenn man nur süße Limonade und wenn man nur

Branntwein trinkt. Das _juste-milieu_ ist hier wieder das Beste; aber

der Zeitgeist verachtet diese Mäßigung und gebraucht die Bezeichnung als

ein Scheltwort. Jenseits des Rheines kann man übrigens den Franzosen

jetzt nichts zu hören geben; im Gegentheil: es ist mehr Poesie in Victor

Hugo und Consorten, als in dem ganzen jungen Deutschland mit all' seiner

pedantischen verschrobenen Begriffsästhetik.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 9 / 18 段