»Allons, Allons, Courage!

Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.«

[Sidenote: Deutsches Studium in Paris.]

Paris ist so oft und so gut beschrieben, daß es eine Thorheit wäre,

es von Neuem zu thun. Es giebt Reisende, die aus keinem andern Grunde

reisen, als nur um zu beschreiben. Viele, die bequem sind und sich nicht

rühren mögen, setzen sich gleich, wenn sie nach einem so merkwürdigen

Orte kommen, mit allen Büchern, die sie erwischen können hin und

schreiben nun einen Auszug Dessen, was sie gelesen haben; was ungefähr

so ist, wie die Ragouts, die man in sparsamen Haushaltungen am Sonnabend

von den Ueberresten der ganzen Woche bekommt. Andere -- und besonders

die Engländer -- laufen wie toll mit der Zunge zum Halse heraus, um

Alles zu sehen; nicht, um es zu genießen, zu fühlen, sondern um mit

beruhigtem Gewissen sagen zu können: »Wir haben es selbst gesehen!« was

doch eine Lüge ist; denn was wie ein Blitz vorübereilt, sieht man nicht

mit dem Auge der Seele! -- Ich fing es hier auf eine ganz andere Art an.

Ich hatte beschlossen, eine geraume Zeit in Paris zu bleiben. Zwei Dinge

wollte ich ordentlich lernen: erstens Französisch zu verstehen; denn ich

verstand nicht ein Wort, wenn man rasch sprach, und hatte nicht viel

mehr gelernt, als was Herr Horslund mir in der Schule für die Nachwelt

einprügelte, nämlich: _Fenelon's Telemaque, Marmontel's contes moreaux_

und das schwierigste aller Zeitwörter: _s'en aller_, fortgehen. Nun war

ich fortgegangen und hoffte, daß das Andere Alles von selbst kommen

würde. Darauf wollte ich es dahin bringen, gut Deutsch zu schreiben, d.

h. -- in dieser Sprache auf eine Weise dichten, die sich der der Besten

nähern konnte. Dies schien mir viel leichter. Ich hielt es für leichter,

Deutsch, wie ein eingeborner deutscher Dichter zu schreiben, als soviel

Französisch zu lernen, daß ich mich, sowie viele tausend Fremde, in der

gewöhnlichen Conversation mit Leichtigkeit ausdrücken könne. Meine erste

und wichtigste Beschäftigung in Paris war also, Deutsch zu dichten. Es

gab Deutsche genug dort, mit denen ich täglich umgehen und mich üben

konnte. Ich hatte den Aladdin bereits in Weimar und Jena übersetzt;

hatte das Manuscript an Frommann in Jena verkauft und hatte es bei Dr.

Riemer, Göthe's allersecretestem Secretair (d. h. der nach dem Dictat

alle Werke Göthe's schrieb) zurückgelassen. Aber ich erhielt den Aladdin

mit einem sehr freundlichen und hübschen Briefe wieder, in dem ungefähr

stand: »Als Du uns den Aladdin vom Blatte übersetztest, wußtest Du mit

einer gewissen naiven, schelmischen Laune selbst den Sprachfehlern etwas

Poetisches, Angenehmes zu geben, das sowohl Göthe, wie mich bestach;

nun aber, da die todten Buchstaben vor uns liegen und wir die Worte

corrigiren sollen, sehen wir, daß es eine Unmöglichkeit ist. Es wäre

Sünde, wenn dieses Werk nicht all' die Vollendung in der Sprache haben

sollte, die möglich ist; und die kann ihm Keiner geben, als Du selbst.

Du hast nun größere Fertigkeiten erlangt, und mußt Deinen Aladdin von

vorn bis hinten ganz umarbeiten.« Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen.

Kaum war ich etwas heimisch in Paris, als ich mit größter Lust und mit

Fleiß von vorn wieder anfing; und ein paar Monate darauf hatte ich

Aladdin wieder fertig, so wie er bei Brockhaus in Amsterdam erschien.

Dr. Koreff half mir freundschaftlich dabei, die Sprachfehler zu

corrigiren, und erst nachdem er und andere geschmackvolle Deutsche mich

versichert hatten, daß Aladdin im »Genius der Sprache« gedichtet sei,

sandte ich das Manuscript zum Druck fort.

Ich ließ Bröndsted und Koës für alle weltlichen Dinge sorgen, was unsere

Haushaltung betraf. Wir waren in das _Hôtel de Strassbourg_, _rue de la

loi_, wie die _rue Richelieu_ damals hieß, gekommen, aber wir merkten

bald daß es zu theuer sei, und zogen deshalb in das _Hôtel de Hollande_,

_rue des bons enfans_, wo es auch zu viel billigerem Preise sehr gut war

und wo wir neben einander wohnten.

[Sidenote: Eine Pariserin.]

Während wir uns in den ersten Tagen noch im _Hôtel de Strassbourg_

aufhielten, ereignete sich eine komische Begebenheit, die ich als

Beweis für meine Unwissenheit im Französischen, so wie für Koës' und

Bröndsted's Unerfahrenheit, wenn auch nicht gerade in der Sprache, so

doch in der Lebensweise, erzählen will. Wir bekamen ein Billet von

einer Dame, welche uns gegenüber in einem Hôtel wohnte, ob wir ihr

die Ehre erweisen wollten, sie zu besuchen, sie hätte mit uns über

einige Bekannte, die uns nahe ständen, Etwas zu sprechen. Wir glaubten

Nachrichten von der Heimath oder aus Deutschland zu erhalten, gingen

also gleich hinüber und kamen in hübsche Zimmer, wo eine ältere Dame,

die aber noch recht hübsch und außerordentlich elegant gekleidet

war, uns mit einer Grazie empfing, die der Pariserin eigen ist, und

uns bat, am Kamine Platz zu nehmen, und mit Bröndsted und Koës ein

Gespräch begann, da sie gleich bemerkte, daß ich nur als stumme Person

mitgekommen sei. Was sie sagte, konnte ich gar nicht verstehen, da sie

sehr rasch sprach; nur machte es mir Vergnügen, ihre liebenswürdige

Virtuosität im Vortrage zu bewundern. Nachdem sie fertig war, erhoben

sich Bröndsted und Koës, -- der Letztere mit einem Lächeln, das

characteristisch für ihn war, wenn Etwas vorfiel, was ihm nicht gefiel,

wo er sich aber aus Höflichkeit doch nicht weiter einlassen wollte.

-- Sie begleitete uns sehr anmuthig bis zur Thür; ich verbeugte mich

mehrere Male ehrerbietig vor ihr auf der Treppe -- und erst als wir auf

die Straße gekommen waren, sagte mir das Lachen der Andern, was ich

gleich hätte begreifen und verstehen sollen, wenn ich nicht so unwissend

und unerfahren im Französischen gewesen wäre.

Kaum hatten wir uns häuslich wie gute Kinder im _Hôtel des bons enfans_

eingerichtet, als Jeder sich in seinem Winkel fleißig an die Arbeit

setzte; Bröndsted und Koës bereiteten sich auf ihre griechische Reise

vor, jener besonders, indem er Villoison's Papiere studirte. Ich schrieb

bald Deutsch, bald dichtete ich Dänisch und bald las ich Französisch.

Mittags aßen wir größtentheils bei Grignon, und am Abend war ich im

Theater; Koës kam auch oft dahin, aber Bröndsted seltener; er liebte es

mehr, in den Abendstunden bei einer Pfeife Tabak zu musiciren.

[Sidenote: Französische Lehrstunden.]

Ich hatte einen sehr guten Lehrer im Französischen, =Depping=,

bekommen, später durch sein Werk über die Normannen, seine interessante

Lebensbeschreibung und viele andere Schriften bekannt. In dieser

Lebensbeschreibung, in der er meiner übrigens sehr freundschaftlich

und schmeichelhaft erwähnt, scherzt er darüber, daß ich nur langsam

Fortschritte im Französischen machte; daß wir die Stunden oft mit

Gesprächen zubrachten, in denen er mehr von mir, als ich von ihm

lernte; daß ich das Französische nicht als eine richtige Sprache gelten

lassen wollte &c., und darauf ruft er scherzend aus: »_diem et oleum

perdidi!_« -- Aber auf demselben Blatte erzählte er auch, daß ich Frau

Staël's Improvisation der Corinna in deutsche Verse übertrug, daß ich

ganze Scenen des Corneille parodirte &c., welches doch nicht hätte

geschehen können, wenn ich nicht in seiner Stunde einige Fortschritte im

Französischen gemacht hätte.

* * * * *

[Sidenote: Umgang mit dem dänischen Minister Dreyer.]

Wir besuchten oft unsern Minister =Dreyer=, einen freundlichen alten

Mann, groß, gut gewachsen, gesund und frisch, einen klugen, muntern

Kopf mit vieler Menschenkenntniß. Napoleon achtete ihn höher und konnte

ihn besser leiden, als viele andere Minister. Er lud uns oft zu Tisch,

war nicht kleinlich eitel, und schämte sich durchaus nicht seiner

bürgerlichen Herkunft; im Gegentheil amüsirte es ihn, mit uns von seiner

Jugend, den damaligen Sitten und davon zu sprechen, auf welche Weise er

unter Struensee sein Glück gemacht hatte. In meiner Jugend hatte ich

zuweilen mit meinen Eltern einen Kupferschmied, einen Vetter von ihm,

besucht, und deshalb, glaube ich, konnte mich der Minister noch besser

leiden; er nannte mich: »Unsern dänischen Voltaire.« Wir waren oft bei

ihm. Ein Mal nahm er uns mit zur Stadt hinaus und tractirte uns da. --

Es traf sich gerade, daß ich ihn Excellenz nannte, während der Aufwärter

zugegen war; »Ei,« flüsterte er mir munter ins Ohr, »lassen Sie die

Excellenz hier aus dem Spiele, sonst müssen wir mehr bezahlen.«

Das erste Mal, wo wir ihn besuchten, fragte er uns sehr gutmüthig:

»Weshalb sind sie denn eigentlich nach Paris gekommen? um sich zu

amüsiren, nicht wahr?« Bröndsted und Koës fingen an, die gelehrten

Gesichter etwas zu verziehen und schienen Einwendungen machen zu

wollen, aber ich ergriff das Wort, ehe sie anfingen, und rief sehr

eifrig: »»Ja, Ew. Excellenz! ganz richtig! nur um uns zu amüsiren. Ich

wenigstens komme hauptsächlich deshalb.«« Ich hielt es nämlich immer

für meine Dichterpflicht, das =Vergnügen= zu vertheidigen und es zu

Ehre und Würde zu bringen, so wie es meine Pflicht war, es durch Kunst

zu veredeln. Eine Periode, die in meine Jugendzeit fiel, laborirte an

dem =Aberglauben des Nutzens=. Genie, Kunst, Schönheit, Phantasie,

Gefühl wurden verachtet und einem guten, gewöhnlichen, hausbackenen

Verstande untergeordnet; tägliches Arbeiten wurde mehr gelohnt, als eine

ausgezeichnete That. Sclaventhum war etwas Reelles, Heldenthat etwas

Phantastisches. Sonderbar genug, daß ein =Krieg= oder die =Folgen= eines

Krieges die Veranlassung zu diesem Aberglauben im Norden gaben; denn im

Süden konnte Liebe und Achtung vor der Kunst und vor dem Schönen nie

so vollständig verdrängt werden, wenn daselbst auch lange keine Genies

entstanden. Ich nenne es sonderbar; denn sonst stehen Held und Dichter

ja in naher Sympathie. Mars kann nicht den Apoll, Thor nicht den Bragi

entbehren; Olaf der Heilige mußte alle seine Skjalden im innern Kreise

der Schlacht haben, um zu verewigen, was sonst gleich dem Donner im

Fluge der Wolken in ewiges Vergessen sinken würde. -- Auch Napoleon

achtete die Dichtkunst und sagte: »Wenn Corneille lebte, würde ich ihn

zum Herzoge machen.«

[Sidenote: Der Aberglaube des Nutzens.]

Also: jener prosaische -- nicht Krieg, denn der war poetisch und

schön -- aber die prosaische Folge jenes Krieges war, wenn ich es so

nennen darf, die nordamerikanische Denkungsweise, die großen Eingang in

Europa fand. Als die guten Bürger sich eine freie Existenz geschafft

hatten, mußten sie daran denken, die Wälder zu lichten, die Sümpfe

auszutrocknen, ihre Häuser und Schiffe zu bauen, Mühlen und Schleusen

anzulegen, kurz sich ökonomisch einzurichten. Ein großes Genie und ein

großer Mann in dieser Richtung, der Sokrates der neueren Zeit, Franklin,

gab den Ton an, und sein Wort und Beispiel hatten einen segensreichen

Einfluß auf den Wohlstand der Nordamerikaner. Es war auch ganz gut, daß

andere Nationen sich in vieler Beziehung in dieser Richtung bildeten

-- aber dadurch erhielt das Zeitalter auch ein ganz ökonomisches

Gepräge, das Genie und Kunst verachtete. Andere vorhergehende Kriege

hatten bereits den Grund gelegt. Nachdem der dreißigjährige Krieg wie

ein Scirocco fast jedes poetische Hälmchen ausgedürrt und verbrannt

hatte -- so daß das ganze geistige Norddeutschland der lüneburger

Haide gleich -- vollendete der siebenjährige Krieg das Werk, in

welchem Werberei, militärischer Despotismus, die Fuchtel, Spießruthen,

das Unterofficierwesen dem Asathor den Helm vollständig abriß, den

dreieckigen Filzhut tief in die Augen drückte, und ihm den Haselstock

in die Hand gab. Statt daß Held und Dichter früher Bruder und Freund

gewesen waren, kämpfte nun Jakob von Thybo lächerlicherweise mit

Stygotius; und wir konnten Holberg's satyrischer Geißel danken, daß

jene Tollheit früher bei uns als an vielen anderen Orten, namentlich

in Deutschland, aufhörte, das immer entsetzlich lange Zeit braucht,

um aus seinen alten Falten zu kommen. So wild, toll und grausam die

französische Revolution auch wurde, war sie in ihrem Anfange doch

edel und poetisch. Nun hatte ein mächtiger Genius die verwirrten

Massen zusammengezwungen, Ordnung in die Ausschweifungen gebracht,

die Kräfte zu mächtiger Wirkung gesammelt; es konnte doch trotz der

ungeheuren jährlichen Menschenopfer, (die zuletzt auch den Opferpriester

trafen) Etwas gedeihen und blühen. Diese letzten Kriege, in denen

Landesvertheidigung und Eroberungslust gegen einander ankämpften, waren

poetische Kriege, und der Sturm vertrieb den Nebel des Sumpfes. Ich

war in eine Stadt gekommen, die der Sammelplatz für Alles war, was es

Wichtiges und Großes in Europa gab, wo der Alexander oder Caesar der

Gegenwart Hof hielt. Karl der Große lebte wieder in Paris. Paris fühlte

seine Macht, sein Uebergewicht. Die Vergnügungen, die hier stets geblüht

hatten, erhielten einen mehr poetischen Character; -- und war es also

ein Wunder, wenn der junge Dichter hauptsächlich hingekommen war, um

sich zu =vergnügen=?

[Sidenote: Apologie des Vergnügens.]

Aber auch zum Arbeiten war ich hingekommen; die eine Kunst bedarf

der andern. Wenn der Baumeister mit seinem Palast fertig ist, muß der

Bildhauer Statuen in die Halle setzen und der Maler Decken und Wände

schmücken. Diese Kunstwerke geben dem Palaste höhern Werth; das edle

Gebäude, in dem diese Werke sich befinden, verleiht ihnen wiederum

Werth. -- Die dramatische Poesie bedarf der Malerei, der Musik, des

Tanzes, der Mechanik und besonders der Schauspielkunst! War es nun ein

Wunder, daß diese schöne, in Paris stets zur höchsten Vollkommenheit

gestiegene Kunst, sich die Bewunderung des jungen dramatischen Dichters

zuzog? Wenn ich also dem alten Minister sagte, daß ich hauptsächlich

nach Paris gekommen war, um mich zu amüsiren, so meinte ich, daß ich

jeden Abend ins Schauspiel gehen wolle, damit meinte ich wieder, daß

ich meine Kunst studiren, und mein Vergnügen mit einer ernsten Arbeit

vereinigen wollte, ohne welche es kein Vergnügen giebt, da jedes

Vergnügen ohne Arbeit bald eine matte, ermüdende Langeweile wird.

[Sidenote: Künstlerische Befähigung der Franzosen.]

Die Franzosen sind stets viel vortrefflichere Schauspieler als

Dichter gewesen. Zu einem großen Dichter gehört eine ruhige, einsam

wirkende Kraft. Die geschmeidige Empfänglichkeit, Aufmerksamkeit,

Leichtbeweglichkeit, das rasch aufflackernde Feuer, die witzige

Munterkeit und Grazie des Franzosen machen ihn sehr geeignet zur

Schauspielkunst, die zwar auch selbstständig ist, aber doch nicht so

wie die andern Künste; die wohl auch Erfindungsgabe fordert, aber doch

mehr um die gegebenen Zeichnungen zu Gemälden auszuführen, als von

Anfang an zu zeichnen und selbst zu erfinden. Die schnell aufflammende

Begeisterung des Franzosen, die dem Feuerwerke gleicht, das leicht

kommt und verschwindet, macht ihn auch wohl zum tragischen Schauspieler

geeignet, um in einzelnen Scenen darzustellen, was der Dichter in

längerer Zeit ruhig gedacht, gefühlt und ausgeführt hat. -- Bereits der

Roscius der Römer war ein Gallier, der Garrick der Britten (Garrique)

war von französischer Familie, und nun stand Talma -- als der große

Schauspieler und -- als Napoleon's Freund da.

[Sidenote: Napoleon und Talma.]

»Als Napoleons Freund?« fragt mancher vornehme Herr und rümpft die

Nase. »Sie glauben wohl auch das lächerliche Märchen, daß Napoleon

von einem Komödianten lernte, wie er stehen und gehen solle? &c.« Ich

zweifle durchaus nicht daran, und es war in Paris ein allgemeines

Gerücht. Napoleon hatte Talma gekannt, als der Unterschied zwischen

ihnen nicht groß, als er selbst Artillerielieutenant war. Napoleon hatte

als Held Sinn und Liebe für das Tragische. Es war nicht Affectation von

ihm, daß er den Ossian liebte. Er liebte auch Talma auf die Weise, wie

Napoleon Menschen lieben konnte. Er bewunderte sein Genie, erblickte die

Helden der Vergangenheit, denen er glich und zum Theil nachahmte, durch

Talma's Kunst; und als die Umstände es mit sich geführt hatten, daß

Napoleon repräsentiren sollte, als Aller Augen nicht allein auf seine

Handlungen und Befehle, sondern auch auf seine Persönlichkeit gerichtet

waren, hat dieser reelle klare Mann gewiß nichts gegen eine bescheidene

Anweisung seines alten, bescheidenen Freundes in Betreff einer edlen

Körperstellung gehabt. Er brauchte ja nur Talma oft im Theater zu

sehen, um Etwas von ihm zu lernen. Aber Talma besuchte ihn außerdem

häufig beim Frühstück. Merkwürdig ist es, daß Napoleon, dem es sonst

nicht an Muth fehlte, nicht Courage genug hatte, um das schmachvolle

dumme Vorurtheil zu vernichten, das auf den Schauspielern lastete. Das

beweist neben vielem Andern, daß er, was die Kunst betrifft, nur in ihre

Vorhallen eingetreten war; -- und wie konnte auch eine so egoistische,

herrschsüchtige Natur wahres Gefühl für das Schöne, für das tugendhaft

Große haben? Aber einen bedeutenden Theil das ästhetisch Großen faßte

Napoleon, soweit es sich mit seinem Wesen verband; so erfaßte er auch

Talma. -- Es wäre diesem gewiß eine leichte Sache gewesen, auf eine

glänzendere Weise sein Glück zu machen, wenn er das Theater verlassen

hätte. Aber Talma liebte seine Kunst mehr, als eitle Ehre; deßhalb

blieb er Komödiant, während viele Andere Herzöge und Grafen wurden. Ja

selbst in seiner Todesstunde verleugnete er seinen Stand nicht, sondern

ließ den Erzbischof drei Mal vergebens zu ihm schicken, als dieser ihn

auf dem Krankenbette bekehren wollte, um ihm ein ehrenvolles Begräbniß

gestatten zu können, welches das Volk ihm bestimmt hatte, und das, wie

der Bischof wohl fühlte, Talma verdiente. Aber selbst in der Todesstunde

erkannte der Künstler das Lächerliche und Schmähliche, die schöne

Wirksamkeit seines ganzen Lebens reuemüthig für eine Sünde und Verirrung

zu erklären, nur damit man -- ohne gegen die religiöse Etiquette zu

verstoßen -- ihn dafür ehren könne. Talma lebte und starb als Komödiant;

aber sein Name wird stets in der Geschichte Napoleon's mit unsterblicher

Ehre dastehen, wenn viele Herzöge und Grafen vergessen sein werden.

* * * * *

[Sidenote: Ueber das Wesen der Tragödie.]

Meine meiste Zeit in Paris war also dazwischen getheilt, Schauspiele

zu sehen, und selbst welche zu schreiben. Ich vermuthe, daß meine

Leser, denen die Entwickelung meines innern Lebens eben so großer

Aufmerksamkeit werth sein muß, wie die Erzählung meiner Erlebnisse, hier

gern die Grundsätze und Ansichten hören werden, nach denen ich dichtete.

Ich hatte mit großer Aufmerksamkeit mehre Male des Aristoteles Fragmente

über die Poetik und den Sophokles gelesen. Ich fand, daß der Erstere mit

klarem Verstande das Wesen und den Character der Tragödie seiner Nation

erfaßt; daß er ihre Begriffe in deutlichen Bedingungen hingestellt

habe. Nicht das Geringste von Einbildung, von Machtsprüchen fand ich

beim Aristoteles. Er meint nicht: »So habe ich ausspeculirt, daß man

es machen muß, um ein tragischer Dichter zu werden;« er meint: »So

haben große Tragiker gedichtet, dadurch haben sie gewirkt; das muß wohl

also die Natur der Kunst sein,« die er dann geistreich beobachtet und

deutlich mittheilt.

Seine wichtigsten Ansichten sind: daß die Tragödie hauptsächlich durch

=Handlungen= und =Charactere= wirken müsse. Doch hält er die Handlung

für das Wesentlichste, weil eine Tragödie selbst ohne Characterzeichnung

durch die einfache Fabel wirken kann, aber nicht entgegengesetzt.

Gerade das, wodurch eine solche Dichtung die Herzen gewinnt, liegt in

der Fabel. Die Fabel, sagt er, gleicht der Zeichnung, der Character dem

Colorit in einem Gemälde; selbst die einfache Kreidezeichnung kann schön

sein, nicht aber die Farbe ohne Umriß. Aber nach der Fabel sind die

Charactere das Wichtigste und Aristoteles tadelt einige neuere Dichter,

weil sie characterlose Tragödien geschrieben haben. Die Handlung, meint

er weiter, muß ganz und vollständig sein, muß eine gewisse =Größe=

besitzen; denn es giebt auch ein Ganzes ohne Größe. Ein Ganzes muß

Anfang, Mitte und Ende haben. Der Anfang ist Das, was nicht nothwendig

auf etwas Vorhergehendes folgt, sondern auf das nothwendig Etwas folgen

muß; die Mitte folgt auf Etwas und hat Etwas zur Folge; der Schluß folgt

auf Etwas ohne Folge.

Hier ist das Feld für die Composition liberal und frei geöffnet,

indem der Denker doch zugleich zeigt, daß man sich nicht der Willkür

überlassen darf, sondern daß eine natürliche Selbstständigkeit des

Stoffes, ein Zusammenhang und die Steigerung des Interesses nöthig sei.

Nachdem er bemerkt hat, daß die Größe auch nicht zu groß,

=unüberschaulich= sein dürfe, macht er darauf aufmerksam, daß es nicht

so sehr des Dichters Aufgabe sei, solche Begebenheiten darzustellen,

die geschehen sind, als solche, die, der Wahrscheinlichkeit

und Nothwendigkeit nach, geschehen sein =könnten= oder möglich

wären; daß nicht bloße =Metrik= den Dichter ausmache und ihn vom

Geschichtsschreiber trenne; sondern, daß dieser eine wirklich geschehene

Begebenheit erzählt, jener eine =mögliche= darstellt; und daß deshalb

die Poesie mehr ein Werk des Genies und des Studiums, als die Geschichte

sei.

Von allen Fabeln erklärt Aristoteles die =episodische= für die

schlechteste. Aber hier ist er oft mißverstanden und seine Autorität

gemißbraucht worden; denn er fügt ausdrücklich hinzu: »Wenn die Episoden

weder der Wahrscheinlichkeit, noch der Nothwendigkeit nach mit einander

verbunden sind.« Seine Ansicht ist also nicht, daß in einer guten

Tragödie gar keine Episoden sein dürften; einige der besten griechischen

Stücke (z. B. Antigone und Ajax) endigen sogar großartig und feierlich

mit Episoden. Und der Glaube, daß eine Tragödie nothwendig mit dem

Culminationspunkte der Handlung endigen müsse, ist ganz schief und

falsch. Eine Tragödie ist kein Epigramm, das mit einer Pointe abknallen

muß; oft ist die =Folge= einer Handlung höchst rührend, interessant,

erhebend, belehrend, ja sogar das Poetischeste. Das Wesen der Tragödie

ist nicht allein, zu spannen, zu überraschen; sondern den Geist durch

eine vollständig schöne Darstellung des menschlich Großen zu befriedigen.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 8 / 18 段