Leute, welche die Geschichte lieben, sich so wenig um die politischen
Begebenheiten bekümmern können, da diese doch die Geschichte des Tages
bilden. Weitläufige diplomatische Tiraden und Reden in Friedenszeiten,
mit denen die Zeitungen oft angefüllt sind, schrecken davon ab, bis
es zur Gewohnheit wird, sich um solche Dinge nicht zu bekümmern; und
geschieht dann eine wichtige That, so weiß der junge Mann im Anfange
sich nicht recht zu orientiren. Dies ist das Extrem von Dem, in das
viele Aeltere verfallen, die vor lauter Zeitungsstudiren oft nicht Zeit
haben, ein vernünftiges Wort zu lesen. Nun wußte ich zwar, daß Preußen
und Frankreich Krieg mit einander führten; daß aber Napoleon seine Heere
zwischen der Elster und Saale zusammenziehen, und so die vereinigten
Armeen von der Elbe abschneiden würde, wußten nicht einmal die deutschen
Generale, wie konnte es da ein junger dänischer Poet wissen. Besser
wäre es freilich gewesen, nach Wien zu reisen, aber Bröndsted und Koës,
die eifrige Zeitungsleser waren, versicherten mir, daß es keine Noth
habe. Ich fügte mich also, um mich nicht von den lieben Landsleuten zu
trennen, und um Göthe noch ein Mal zu sehen. Als wir nach Weimar kamen,
trafen wir ihn im Schauspielhause in seiner Loge. »Nun seid Ihr,« sagte
er, »wo Ihr billig nicht sein solltet; weil Ihr aber hier seid, so seid
willkommen!« Diesen Abend und den nächsten Mittag brachte ich noch in
der Annehmlichkeit des Friedens bei ihm zu. Wir fanden es nicht rathsam,
weiter zu reisen; wir beschlossen in Weimar zu bleiben, um den Ausfall
des Kampfes abzuwarten und sahen ihn denn auch bald in der Nähe.
* * * * *
[Sidenote: Die Schlacht bei Jena.]
Das preußische Hauptquartier kam nach Weimar; auch der König und die
Königin. An jedem Tage sahen wir die Straßen voll hübsch gewachsener
preußischer Officiere, die sehr Wichtiges mit einander verhandelten und
in Schriften hinein blickten. Es wurde an jedem Abend Theater gespielt.
Das Lager war außerhalb Weimar aufgeschlagen; ich durchwanderte es mit
Göthe und dachte an Wallensteins Lager in Schiller's Drama. Welch'
wunderbare, große bewegliche Stadt voll kleiner Hütten, woselbst die
wildesten Krieger doch täglich einige Stunden Frieden halten müssen,
während sie essen, trinken und schlafen. Die Marketenderinnen sind ein
eigenthümlicher Menschenschlag. Der Krieger bedarf noch der Pflege des
Weibes und ein Marketender ist Nichts gegen eine Marketenderin. Ich
dachte an die vortrefflich geschilderte in Wallensteins Lager, auch an
den leichtfertigen =Courage= in dem alten Roman von Simplicissimus;
und endlich an die cimbrischen Frauen, die sich verzweifelt an die
Roßschweife hingen, wenn ihre Männer aus der verlorenen Schlacht flohen.
Nun näherte sich der 14. October 1806. Bereits einige Tage im Voraus
hörten wir die Kanonen in weiter Ferne donnern. Jetzt kamen sie näher.
Man hatte im Anfange gar keine Idee, wo die Schlacht sein würde. Ich
lief vom Gasthofe zum Elephanten, wo ich wohnte, nach Göthe's Haus. Da
gab man mir den Trost, daß der Kampf sich von unserer Gegend weggezogen
habe; als ich aber nach Hause ging, stand der Satyriker =Falk= bleich
und unbeweglich, wie eine Bildsäule auf der Straße. Er versicherte
mir, daß Alles verloren sei! -- Kurz vorher hatten wir preußische
Reiter auf dem Markt eroberte französische Pferde verhandeln sehen, nun
flohen Preußen haufenweise aus der Schlacht mit verhängten Zügeln in
gestrecktem Galopp durch die Stadt. »Wo führt der Weg in die Berge?«
riefen sie, indem sie an uns vorübereilten. -- »Hier giebt es keine
Berge!« -- »Wo giebt es dann einen Weg, wo keine Franzosen sind?«
fragten sie und verschwanden wieder, ohne die Antwort abzuwarten, wie
ein Zugwind aus der Stadt.
* * * * *
Es wurde ein junger schlesischer verwundetet Officier in unsern Gasthof
gebracht. Eine Kanonenkugel hatte ihm ein Stück Fleisch aus dem Schenkel
gerissen und er war ausgeplündert. Bröndsted lieh ihm eine nicht
unbedeutende Summe Geldes. Ein Feldscherer, ein närrischer Gesell, der
uns in Friedenszeiten amüsirt haben würde, mißfiel uns nun im höchsten
Grade. Er lief in bloßen Hemdsärmeln, mit einem großen, dreieckigen
Hute umher, und kaum hatte er den armen Menschen verbunden, als er den
Verband wieder auflöste, um es besser, oder -- schlechter zu machen. Der
Verwundete starb ein paar Tage darauf; und es hätte wohl keine Hülfe für
ihn gegeben, selbst wenn er in bessere Hände gefallen wäre. Ein Jahr
darauf bekam Bröndsted sein Geld von Schlesien geschickt, mit großem
Dank von den Eltern, daß er ihren Sohn in der Todesstunde erquickt habe.
* * * * *
[Sidenote: Die neutralen Dänen in Weimar.]
Während der Schlacht las ich Smollet's Peregrine Pickle, der mich
unendlich langweilte; und ich begriff nicht, wie man poetisch so trivial
sein könnte, wenn es in der wirklichen Welt so feierlich zugeht. Nun
fingen die Franzosen an, mit Kanonen in die Stadt zu schießen. Bei dem
ersten Schuß, durch den das Haus zitterte, ging ich unwillkürlich hin,
und schloß das offenstehende Fenster. Ich mußte über meine Vorsicht
lachen, als ich ihrer bewußt wurde. Ich setzte mich auf die Treppe in
den Kellerhals um nicht verwundet zu werden, und als Bröndsted und Koës
sahen, daß ich Muth genug hatte, meine Furcht vor den Kanonenkugeln
einzugestehen, folgten sie meinem Beispiel.
Wir sahen voraus, daß, wenn die Preußen in die Stadt flüchteten, es
hier so gehen würde, wie in Lübeck. Dies war ein entsetzlicher Gedanke.
Ich fing auf der Kellertreppe auch an, einen kleinen Krieg gegen
meine Landsleute zu führen, und ihnen Vorwürfe zu machen, daß sie die
Zeitungen nicht besser gelesen hatten, da sie sich doch damit abgaben,
und da sie mich davon abgehalten hatten, auszuführen, wozu der gesunde
Verstand mir gerathen. Sie vertheidigten sich, so gut sie konnten;
wir fanden es bald rathsam, unter einander Frieden zu schließen und
trösteten uns damit, daß unsere dänische Neutralität uns beschützen
würde. Die Kanonenschüsse hörten nach und nach auf. Das Geld, von dem
wir alle drei den ganzen Winter in Paris leben sollten, hatten wir
gerade aus Leipzig in guten Napoleond'ors geholt. Wir theilten die Summe
in drei gleiche Theile und banden sie in unsere Halstücher, hinten im
Nacken, wo die Franzosen sie leicht gefunden haben würden, wenn wir
nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätten.
* * * * *
[Sidenote: Artige Franzosen.]
Plötzlich wurde es in Weimar still, wie in einem Grabe. Alle Läden
waren geschlossen, keinen Menschen sah man auf der Straße, und die
Octobersonne schien durch den Pulverdampf, der die Lust erfüllte,
wie ein bleicher Nachtmond. Nun ritten die Franzosen im Anfange ganz
ordentlich haufenweise in die Stadt und quartirten sich in den Häusern
ein. Unser Wirth war ganz verdreht im Kopf, umarmte einen kleinen
Jungen, der schiefe Beine hatte, und, rief: »Ach mein liebes Kind,
wenn sie Dir nur Nichts zu leide thun!« Ich dachte an den Apotheker
in Aladdin. Wir riethen dem Wirth, alle Schränke aufzumachen, und den
Husaren, die sich näherten, mit Herzensstärkungen entgegen zu kommen.
Acht hübsche, sonnenverbrannte Männer, ganz außer Athem und heiß
vom Kampfe, hielten an der Thür »_Bourgeois!_« riefen sie von ihren
Pferden, »_du vin! de l'eau de vie! du Kirswaser!_« Der Wirth kam
mit Flaschen heraus: sie setzten sie an den Mund und leerten sie mit
langen Zügen. Drauf stiegen sie ab und gingen ins Zimmer; größtentheils
Unterofficiere. Wir zeigten ihnen unsere Pässe und beriefen uns auf
unsere dänische Neutralität. Sie versicherten uns höflich, daß wir
Nichts zu fürchten hätten. Von den Preußen sagten sie: »_Ils se battent
bien, mais ils ne comprennent pas la guerre._« Der eine Unterofficier
wollte sich eine warme, wollene Nachtjacke kaufen. Wir ließen gleich
einen Krämer holen, der Kriegsmann bekam die Jacke und fragte nach dem
Preise. Wir zupften den Krämer am Rock; er verstand uns und versicherte,
daß er nicht einen Pfennig dafür nehmen würde. »_Ah, monsieur! vous êtes
très honnete!_« sagte der Franzose, und der Krämer eilte fort, um nicht
mehrere Jacken auf diese Art zu verkaufen.
Nun setzten die Franzosen sich zu Tisch, und trotz der außerordentlichen
Menge, die in die Stadt eingedrungen war, und alle Häuser füllte,
herrschte in den ersten Stunden doch die vollständigste Stille und Ruhe;
worüber man sich nicht wundern darf: sie kamen Alle aus der Schlacht und
waren müde, hungrig und durstig.
»Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war«
und als sie sich »im Wechselgespräch mit einander über die gewonnene
Schlacht erfreut hatten,« -- da gingen sie auf Abenteuer aus, um Beute
zu suchen, und da fing das Unglück an.
* * * * *
[Sidenote: Plünderung in Weimar.]
Glücklicherweise hatten wir sehr ordentliche Soldaten in unser Haus
bekommen, die uns halfen, das Thor gegen die Menge zu vertheidigen,
welche eindringen wollte. Ein abscheulicher Marodeur wollte sich gerade
zu uns hinschleichen, als unser braver Unterofficier ihn in den Nacken
faßte und mit den Worten in den Rinnstein hinauswarf: »_Brigand! je
t'écraserai la tête!_« Nun versperrten wir das Thor mit Steinen und
Balken. Draußen auf dem Platze bivouaquirten Soldaten, die in den
Häusern nicht Platz gefunden hatten, zu Hunderten. Ihre Gewehre standen
in Piramiden aufgestellt; sie selbst lagen in ihren Mänteln und es
brannte Feuer, an dem sie sich erwärmen konnten. Müde von der Spannung
und Angst des Tages, warfen Koës und Bröndsted sich auf das Bett und ich
mich auf das Sopha. Wir hatten im obersten Stockwerk ein paar kleine
Zimmer bekommen; die Franzosen schwelgten unten in der Stube und ließen
sich in ihrer Freude nicht durch den jungen schlesischen Officier
stören, der neben ihnen auf einer Bank mit dem Tode kämpfte. -- Ich war
endlich eingeschlummert, als mich ein Laut wieder weckte; es kam mir
vor, als ob ich Katzen miauen hörte. Ich schlage die Augen auf, es ist
ganz hell in der Stube; ich trete ans Fenster: die Stadt brennt! Ich
höre wieder das eigenthümliche Geschrei -- es sind heulende Frauen und
Kinder!
Einen gräßlicheren Augenblick habe ich nicht erlebt. »Gott!« rief ich
und rang meine Hände, »zu welchem Entsetzen sind wir hier leichtsinnig
hergeeilt.« Magdeburgs Zerstörung stand klar vor meiner Phantasie. --
Glücklicherweise wurde das Feuer gleich gedämpft, das einige Schurken
angezündet hatten, um dabei besser plündern zu können. Unser Haus
blieb verschont. Streng genommen wurde doch die Stadt geplündert;
außerdem geschahen keine Verbrechen. Der Vater unsres Wirthes hatte
aus seinem Keller eine eiserne Kiste verloren, in der er 600 Thlr.
hatte. Mochte es nun sein, weil wir in den Bodenkammern wohnten, oder
unsere dänische Neutralität, oder, wie gesagt, das reine Glück, das uns
beschützte, genug: wir verloren Nichts von dem in unsere Halstücher
eingebundenen Golde. Den Tag nach der Schlacht kamen die Generale
Augereau und Berthier in den »Elephanten«; sie nahmen freilich das
ganze Haus in Besitz mit Küche und Keller, ließen uns aber doch unsere
Bodenkammer. Nun mußten wir uns den ganzen Tag mit einer Brotrinde und
einem Glase Wein begnügen, während die französischen Officiere unten
prassten und schwelgten. Aber wir hatten den Trost, eine Schildwache als
_sauve-garde_ vor dem Hause zu sehen. Sobald Napoleon kam, hörte das
Plündern auf; leider aber zu spät. Es war nicht mehr viel zu nehmen. Die
Räuberei wurde streng verboten, und wir hörten täglich sieben, acht Mal
in Garten die Büchsen knallen, wo die Diebe gleich erschossen wurden.
Als der Kaiser kam, soll er der Herzogin, die ihn im Schloßportale
empfing, zugerufen haben: »_Eh bien! Vous avez voulu la guerre! La
voilà!_« Aber bald gewann sie ihn durch ihre Milde und ihren Verstand.
General Schmettau wurde ein paar Tage darauf von den Franzosen mit allen
militärischen Ehren begraben; es war den tief gebeugten Deutschen,
welche zugegen waren, als ob Deutschlands Freiheit und Selbstständigkeit
mit dem Gefallenen zugleich begraben würde.
[Sidenote: Napoleon in Weimar. -- Schmettau's Beerdigung.]
Ein junger, halberwachsener Mensch, Boie, von Voß's Bekanntschaft, war
lustig und guten Muths und da er etwas Französisch konnte, gebrauchte
man ihn als Dolmetscher. Wir gingen eines Tages mit ihm zum Hause
hinaus, wo die Schildwache stand. »_Qui êtes vous?_« fragte der Soldat
stolz. »_Je suis un espion!_« antwortete der Jüngling lustig. --
»_Comment!_« rief der erzürnte Franzose und fällte das Gewehr. Wir baten
ihn um Gotteswillen, die »_mauvaise plaisanterie_« des jungen Mannes
nicht übelzunehmen. Mit Mühe beruhigten wir den Kriegsmann, der den
Spion arretiren wollte; endlich glückte es uns doch, ihn zu befreien.
Wir verbaten uns solch' dreiste Späße für die Zukunft.
* * * * *
[Sidenote: Göthe's Verheirathung.]
Göthe machte während der Schlacht mit Fräulein Vulpius Hochzeit.
Er hatte wohl lange schon an diesen Schritt gedacht, um seinem Sohne
verheirathete Eltern zu geben; aber um dem Komischen zu entgehen,
das darin liegt, daß ein älteres Paar mit dem Anfange endigt (_le
commencement de la fin_, wie Talleyrand es nannte, als Napoleon zu
fallen begann), hatte er es wohl aufgeschoben, und um, wie Tell bei
Schiller, den Apfel vom Haupt des Sohnes abzuschießen, während Geßler
stritt, ging er mit einer alten Haushälterin in die Kirche, während
die Kanonen mit ihren entsetzlichen Glocken auf Jenas Fluren läuteten,
und kehrte mit ihr zurück, ohne daß es die geringste Veränderung in
Etwas machte, außer daß sie nun Frau Geheimräthin von Göthe hieß. Wenn
man sie sah, konnte man nicht begreifen, wie sie Göthe's Geliebte
geworden war. Sie glich weder Lotten, noch Klärchen, noch Gretchen,
weder den Leonoren, noch der Iphigenie; wenn sie überhaupt einer der
Göthe'schen Gestalten glich, so glich sie der Braut von Korinth, aber
in entgegengesetzter Bedeutung, denn nicht der Geist sondern der Körper
spukte. Für Poesie hatte sie durchaus keinen Sinn, und Göthe sagte
einmal selbst im Scherz: »Es ist doch wunderlich, die Kleine kann gar
kein Gedicht verstehen.« In ihrer Jugend war sie frisch gewesen, voll
und rothwangig war sie noch, aber ganz aus der niederländischen Schule;
obgleich, wie gesagt, durchaus kein Klärchen. Sie war eine Schwester
des berühmten Verfassers des Rinaldo Rinaldini und Rinaldo Rinaldini
hatte eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland gehabt, als
Wilhelm Meister. Die Neuvermählte erwies ihrem Manne stets Ehrerbietung
und nannte ihn immer »Herr Geheimrath.« Das thaten wir andern auch. Als
ich ihn im Anfange Excellenz nannte, sagte er gutmüthig: »Lassen Sie
es beim Geheimrath bewenden!« und dieser Titel klingt in Deutschland
sehr bürgerlich; Frau Göthe war von einer raschen beweglichen Natur
und hielt nicht viel von dem stillen Leben, das ihr Mann führte. »Der
Herr Geheimerath und ich« -- soll sie einmal gesagt haben -- »wir
sitzen immer und sehen einander an. Das wird am Ende langweilig.« Das
Schauspielerpersonal huldigte ihr übrigens mit vieler Aufmerksamkeit
und setzte so Eins oder das Andere durch. Göthe war nämlich Chef des
Theaters und das merkte man. Obgleich der Herzog nicht die Mittel hatte,
große Talente zu belohnen, so wußte Göthe doch meisterhaft zu benutzen,
was er hatte. Man sah nichts Schlechtes, nichts Geschmackloses; die
Affectation, die in Deutschland so oft verletzt, war hier verbannt; die
Provinzialdialecte verschmolzen zu einer gebildeten Sprache. Schiller's
Wallenstein's Lager und Wallenstein's Tod wurden edel aufgeführt, und
selbst das Lied von der Glocke, das Göthe wunderlicherweise auf die
Bühne brachte, wurde so natürlich, als es möglich ist, gegeben, wenn man
die subjectiven lyrischen Ergüsse eines Dichters als dramatische Scene
verschiedenen Menschen in den Mund legt. Als ein Beweis dafür, daß die
Achtung, in der Göthe stand, selbst stark genug war, um den Uebermuth
der jenensischen Studenten zu zügeln, mag Folgendes dienen: Kurz vorher
waren sie _en masse_ im Schauspielhause in Weimar gewesen und hatten
tüchtig gelärmt. Göthe erhob sich in seiner Loge und rief ihnen laut zu:
»Still! still! bedenkt, wo Ihr seid!« und es wurde still; nicht weil
der Minister sie daran erinnerte, daß sie in einem fürstlichen Theater
seien, sondern weil der große Dichter sie daran erinnerte, daß sie sich
im Tempel der Musen befänden. Man spielte Schiller's Räuber. Wenn auf
andern Theatern das Lied: »Ein freies Leben führen wir,« gesungen wurde,
pflegten die Studenten im Parterre oft mitzusingen. Nun aber sandten
sie zuerst sehr ehrerbietig eine Deputation an Göthe in seine Loge, und
baten um die Erlaubniß dazu, die sie auch erhielten. Aber Göthe mußte
immer lachen, wenn er sich später dieses Liedes erinnerte; denn imponirt
durch seine erste Ermahnung, hatten sie die Courage ganz verloren und
sangen »Ein freies Leben führen wir« so langsam und zahm, wie man beim
Begräbniß singt: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.«
[Sidenote: Göthe und die Jenenser Studenten.]
Ich sah zuweilen Falk bei Göthe. Eines Mittags hielt er uns eine
lange Vorlesung und ich wunderte mich über die Geduld, mit der ihn
Göthe angehört hatte. »Nun,« entgegnete Göthe, »wenn ein Mensch so mit
einer Tafel auf der Brust zu mir kommt, auf die er Alles geschrieben
hat, was in ihm wohnt, so kann ich mich wohl einmal darein finden, zu
lesen, was darauf steht.« -- Er war nicht immer so geduldig; es mußte
auch Etwas auf der Tafel stehen. Ein junger Baron kam ihm einmal mit
erschrecklich großen Lobreden entgegen, aber auch mit sehr eingebildeten
Erklärungen über Göthe's Genie, die kein Ende nahmen. Als er fertig
war, sagte Göthe: »Sie hören sich gerne selbst reden, Herr Baron!« und
kehrte ihm den Rücken zu. Göthe haßte die Affectation. Er saß einmal bei
einer Mittagstafel zwischen zwei Fräulein vom Lande. Das eine war sehr
ästhetisch, das andere geradezu und prosaisch. Das ästhetische hatte
ihn lange mit ihren närrischen Entzückungen und sublimen Affectationen
ermüdet. Als eine Ananas gegessen wurde, rief es: »Ach, ach, Herr
Geheimerath! so eine Ananas riecht doch ganz göttlich!« -- »Hm!« sagte
Göthe, »woher wissen Sie denn eigentlich, wie die Götter riechen?« Drauf
wandte er sich an das andere und fragte: »Wie viel Kühe hat Ihr Vater,
Fräulein?«
* * * * *
[Sidenote: Reise nach Gotha.]
Wir speisten noch einmal bei Göthe zu Tische und verließen darauf
Weimar, das aus einem Musensitze in ein Lazareth verwandelt war, und wo
das hübsche Theater, das so viele Jahre hindurch ein Tempel für Göthe's
und Schiller's Meisterstücke gewesen, nun ein Hospital für sterbende
Krieger und verwundete Krüppel bildete.
Wir reisten nach Gotha, sobald wir Pferde bekommen konnten. Oft fuhr
der Postillon uns über gepflügte Aecker, und wenn wir ihm das vorwarfen,
antwortete er: »Ha! 's ist Krieg!« Wir holten mehrere Colonnen
preußischer Kriegsgefangner ein, die nach Frankreich geschafft wurden.
Wir zeigten unsere Pässe und man erlaubte uns höflich, weiterzufahren.
Nur einmal wollte ein betrunkener Husarenunteroffizier von Darmstadt
es nicht erlauben; er ritt uns auf den Leib, schwang seinen Säbel und
drohte, uns die Köpfe zu spalten, wenn wir einen Schritt an der Colonne
vorüberführen. Andere Unterofficiere kamen hinzu und riefen: »Fahren
Sie nur! er ist betrunken, er thut Ihnen Nichts!« -- Aber gerade weil
er betrunken war, glaubten wir, daß er vielleicht erst recht Lust
bekommen könne, uns Etwas zu thun. Wir fuhren Schritt für Schritt
hinterher und so kamen wir endlich nach Gotha. Hier standen wir nun in
einem friedlichen Lande, denn der Herzog hatte keinen Theil am Kriege
genommen. Wir waren also in vollständiger Sicherheit und nicht mehr
der Willkür der Gewalt ausgesetzt. -- O, wie wohl that es mir, alte
Bücher aus einer Leihbibliothek zu holen, und mich bei dem vertraulichen
sichern Theetische mit meinen Freunden nach so vielen überstandenen
Mühseligkeiten und Gefahren in den idyllisch ruhigen Zustand meiner
Kindheit hinzuzaubern.
* * * * *
[Sidenote: Ankunft in Frankfurt.]
Nun rollte ich also mit meinen Landsleuten davon; wenn ich zuweilen
Heimweh fühlte, so tröstete ich mich damit, ihre lieben nordischen
Gesichter anzusehen. Sie waren sehr verschieden und doch wahre Freunde.
Koës, (der später in Griechenland starb) war ein geistvoller, lebhafter
Jüngling, obwohl bleich und mager; Bröndsted, der später durch sein
gelehrtes Werk über Griechenland berühmt wurde, war damals, was er
bis zu seinem Tode blieb, baumstark, geschmeidig, untersetzt, voller
Jovialität und Vertrauen, freundlich und theilnehmend. Koës war mehr
still, verschwiegen und zurückhaltend; man mußte ihn gut kennen, wenn er
sich aussprechen sollte. Sein mildes, sinniges Wesen war nicht weniger
angenehm.
In Göthe's Geburtsstadt, dem muntern Frankfurt, blieben wir einige Tage.
Den guten Rheinwein genossen wir sowohl in ungepreßtem Zustand als
Trauben sowie in gepreßtem, als vortrefflichen »Dreiundachtziger«; denn
»der Elfter« konnte von uns noch nicht genossen werden, da er erst fünf
Jahre später wuchs.
* * * * *
[Sidenote: P. A. Heiberg.]
In einer kleinen deutschen Grenzstadt mußten wir einige Stunden auf
frische Pferde warten; es war schwierig welche zu bekommen, denn
Talleyrand fuhr gerade durch die Stadt. Er sollte nach Berlin, um das
nördliche Deutschland in Ordnung zu bringen, da es jetzt wie eine
eroberte Provinz behandelt wurde. Ich sehe zum Fenster hinaus und sage
verwundert zu Bröndsted: »Entweder betrügen mich meine Augen, oder P.
A. =Heiberg= steht unten auf der Straße.« So war es. P. A. Heiberg
war im Gefolge Talleyrand's. Ich hatte große Lust, einmal mit diesem
talentvollen Manne zu sprechen; seine komisch dramatische Laune hatte
mich oft amüsirt; als politischen Schriftsteller kannte ich ihn wenig.
Ich ging ihm freundlich entgegen; aber er war kalt, und ich merkte
gleich, daß wir nicht sympathisirten. Er stand sowohl politisch, wie
auch ästhetisch ganz auf der französischen, ich auf der deutschen Seite
des Rheins. Zehn Jahre darauf sprach ich doch zuweilen mit ihm in
Paris. In der _revue encyclopédique_ hat er mich später oft getadelt.
In einer Vorrede zu seinen dänischen Schauspielern sagt er, daß ich
seine dramatischen Verdienste geringgeachtet haben solle, was nie der
Fall war. Ich habe im Gegentheil oft mit ihm selbst darüber disputirt,
daß er ein guter komischer Dichter sei, was er leugnete. Aber das muß
er vergessen haben. Besonders hat er es mir übelgenommen, daß ich in
einem Gedicht: »=Das Gypsbild=« in meiner Langelandsreise (gewiß zu
voltairisch übertrieben) Voltaire angetastet hatte. In einer spätern
Ausgabe wollte Herr Heiberg durchaus keine Veränderung sehen, obgleich
ich die Ausdrücke sehr gemildert hatte.
* * * * *
[Sidenote: Erster Eindruck von Paris.]
Wir kamen über den schönen Rhein, nach der unschönen Champagne, wo die
Natur, wie ich glaube, so viel mit dem lieblichen Wein zu thun hatte,
daß ihr nicht Zeit blieb, an andere Vollkommenheiten zu denken. Nach
=Chalons= kam ich noch an meinem Geburtstage, dem vierzehnten November;
und als die guten Genossen meine Gesundheit bei einer Flasche Champagner
von der besten Sorte getrunken hatten, hielten wir Dänen am nächsten
Tage unsern Einzug in Paris, wo die große steinerne _porte St. Martin_,
wie ein freistehender Triumphbogen, uns zu den schönen Boulevards
hinwinkte.
Als wir durch die Vorstadt kamen, wunderte ich mich fast darüber,
daß diese häßliche armselige Stadt Paris sein sollte; ich glaubte,
der Kutscher hätte sich im Wege geirrt und uns in eine verfallene
Provinzialstadt geführt. Wie verschieden ist der Eindruck von dem, den
viele andere Städte machen, wo schöne Alleen mit herrlichen Lusthäusern
und Gärten die Erwartung spannen und sie zuweilen überspannen, wenn man
die Schale besser findet, als den Kern. Hier geht es entgegengesetzt:
Paris liegt, wie eine Wallnuß in der großen äußern schmutzigen Schale,
die die Finger befleckt, wenn man sie angreift; aber kaum kamen wir
durch die harte Schale -- ich meine die Ehrenpforte, die Ludwig XIV.
sich selbst gebaut hat, so fanden wir den Kern angenehm. Es kam mir vor,
als wenn ich von allen Seiten den Chor aus meinem Sct.-Hans-Abendspiel
hörte: