Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten

jungen Männern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und deßhalb traf ich

auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wußten, wie eigentlich

ein Arm oder ein Bein aussehen müsse; die nie in ihrem Leben ein

menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau

von grün unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm über

alte Meisterstücke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten,

was während ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen

gewissen Zuschnitt hatte. -- Wenn ich von _pecus imitatorum_ rede,

so meine ich natürlich nicht die geistreichen Männer, die durch ihre

Schriften =Veranlassung= zu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben.

Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee,

selbst wenn sie übertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst,

die Welt mehr als früher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des

Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, daß die Gemälde jener

Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte.

Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, daß eine poetische

Composition schöner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes

frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst

das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken

kann? Welcher verständige Kenner verachtet nicht eine oberflächliche,

flüchtige, coquette Manier bei vielen neueren französischen und

italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler,

wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefühl oder

Phantasie die Fehler ersetzen.

Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hüten, dieses

Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitläufigen Gemäldebeurtheilungen

anzufüllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge für malerische und

plastische Gegenstände zu bilden, wie es sich für einen Dichter und

einen Lehrer in den schönen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die

Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, muß man selbst ausübender

Künstler sein. Winkelmann, Lessing und Göthe haben vortrefflich über

Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder

empfunden und schön darüber phantasirt; und ich habe gern und oft

diese Abhandlungen und Herzensergießungen gelesen. Auch =Fiorillo= und

=Fernow= habe ich gelesen.

[Sidenote: Die Dresdner Bildergalerie.]

O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd

denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in

seiner ersten Manier mir doch kräftiger und raphaelischer vorkamen, als

die berühmte =Nacht=. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende

Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem süßen

Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatönen aufzulösen

scheint. Ich sehe noch das schöne, klare Bild von Holbein, wo die fromme

Bürgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr

wohl der Gemälde von Raphael's herrlichen Schülern Francesco Penni,

Giulio Romano und Andräa del Sarto. Und nun all' die niederländischen

und flämischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaßten Natur,

deren wir viel ähnliche in Kopenhagen haben.

[Sidenote: Raphael's Madonna.]

Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin,

einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem Fräulein =Alberti=,

die aber im hohen Grade von der neuen Schwärmerei angesteckt war.

Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte über die

übernatürliche Schönheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich

meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und

sie mich in einem Bekehrungstone fragte: »Nun, Oehlenschläger, was sagen

Sie jetzt?« antwortete ich kalt: »»Es ist sehr hübsch!«« -- »Gott im

Himmel!« rief sie seufzend, »Sie nennen Raphael's Madonna =hübsch=?« --

»»Liebe Freundin,«« entgegnete ich, »»sagen Sie mir nur Eins: Glauben

Sie, daß Raphael im Stande gewesen wäre, solch ein Bild zu malen, wenn

er =so= dagestanden und geweint hätte?««

Ich trat später allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie

so viel jungfräuliche Geistesruhe, Schönheit und naive Kindlichkeit zu

Zerknirschung und wehmüthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte.

Daß Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben

schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige

Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dänisches Gedicht über

diesen Gegenstand, das ich später in meiner Novelle »die Mönchbrüder«

angebracht habe.

[Sidenote: Polemische Gedichte.]

Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfaßte ich in Dresden,

um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den

Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glühenden Ofen

und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so daß ihm die eine

Seite ganz heiß, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren

nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so

zuwider, wie eine kränkliche Schwärmerei.

=Künstlers Morgen- und Abendlied.=

O heiliger Gott, was Dir gehört

Tief in der menschlichen Brust,

Nicht die gesunde Freude stört,

Ist nicht Schmerz, ist Lust;

Aeußert in That sich und frischer Kraft,

In blühender Schönheit Schein,

Nicht die Blüthen weg es rafft,

Liebt nicht Grab und Gebein.

Christus verließ das düstre Grab,

Fuhr zur Hölle nur kurz hinab;

Jetzt des Vaters Rechte ziert,

Dort nun thätig mit ihm regiert.

Weg, Du trüber, papistischer Dunst!

Seufzen und weinen ist keine Kunst,

Wirken und weben,

Nehmen und geben,

Und tüchtig streben,

=Das= ist Leben!

So wollen wir leben

Und etwas leisten!

Mehr, als die Meisten!

Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,

Wieder bilden muß Gottes Bild.

Das wollen wir führen in unserm Schild'.

Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.

* * * * *

=Krittlers Litanei.=

(Am großen Bußtage zu singen)

Ach, lieber Herr Gott, laß mich nie

Urtheilen, wie ein hölzernes Vieh!

Laß' mich nicht in gemalten Personen

Nur sehn mathematische Dimensionen!

Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.

Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!

Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,

Es soll Dein Schade nicht sein.

Ich will Dich dafür in den Werken erkennen,

Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.

Amen! --

Aber wenn's nicht anders werden kann,

Ach, so hilf mir armen Mann,

Daß ich einsehe bald und ganz haarklein:

In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.

Laß' mich die thörichte Lust verlieren,

Treibe fort den eiteln Dunst;

Lehre mich, statt Werke der Kunst,

Tuch oder Leder zu penetriren.

Die Welt wird dadurch nichts verlieren,

Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.

Ich bitte darum auf allen Vieren.

Kyrieleison. Amen!

* * * * *

[Sidenote: Die Bedeutsamkeit der Kunst.]

Daß aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen

Ausbrüchen hinführten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich,

gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane

schrieb:

»Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir

von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen?

Es ist wie der erste süße Kuß der Geliebten. Wahrhaftig ich kam

in ein' Galerie

Voll Menschengluth und Geistes;

Mir ward es da, ich weiß nicht wie,

Mein ganzes Herz zerreißt es,

O Maler! Maler! rief ich laut,

Belohn' Dir Gott Dein Malen;

Und nur die allerschönste Braut

Kann Dir für uns bezahlen.«

Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schönste aller Mädchen, die

=Unsterblichkeit=, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit

ewigem Lorbeer bekränzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem

flüchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialität und des Fleißes

von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in

einer Offenbarung die Geschichte zurückgehen und sich vor uns zeigen

ließe. Und das thut er. Die großen Mirakel des Lebens äußern sich

durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die

Künstler. O, wie dankte ich Gott, daß ich auch ein Künstler bin, als ich

mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, daß auch ich

Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender

Geschlechter mit Freude und Andacht erfüllen würden, wenn die meinige

längst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume

gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt

hätte. Lebe wohl, meine beste Christiane!«

* * * * *

[Sidenote: Der Maler von Kügelgen.]

Ich machte die Bekanntschaft des Malers =von Kügelgen=, eines tüchtigen

Künstlers und vernünftigen Mannes, der nicht von der neuen Krankheit

angesteckt war. Er malte mein Bild, das wahrscheinlich noch in Dresden

vorhanden ist.

[Sidenote: Kügelgen's Ermordung.]

Er malte auch den Philosophen Adam Müller, dessen Vorlesungen

ich hörte, an denen ich mich aber nicht sonderlich erbaute. --

Merkwürdigerweise hatte Kügelgen, als ich seine Bekanntschaft machte,

ein großes Gemälde vollendet, welches den von einem Discus verwundeten

Hyacinth in Apollo's Armen sterbend vorstellte. War es eine Ahnung

von Deinem Schicksale, armer Kügelgen? Sein Leben war merkwürdig; als

Jüngling verliebte er sich in ein adeliges Fräulein; der Vater erklärte,

daß, wenn er sich ein so großes Vermögen erworben, daß er unabhängig

leben könne, und sich dann adeln lassen wollte, er sie bekommen sollte.

Kügelgen war mit diesem Vorschlage zufrieden, ging nach Rußland, wo

gerade Kaiser Alexander auf den Thron gekommen war und eine Menge

goldener Dosen mit seinem Bilde darauf verschenkte. All' diese Bilder

bekam Kügelgen zu malen, und er hatte sich eine so große Fertigkeit

darin erworben, den Kaiser zu treffen, daß er ihn aus dem Gedächtniß

malen konnte. Hierdurch erwarb er sich ein bedeutendes Vermögen, ließ

sich adeln, reiste nach Deutschland zurück, heirathete seine Braut und

war viele Jahre glücklich. Aber er hatte doch stets einen auffallend

melancholischen Zug in seinem Gesicht. Vor wenigen Jahren, als er sich

einen Weinberg in der Nähe von Dresden gekauft hatte, und den Herbst

und Winter seines Lebens so recht im Schoße seiner Familie genießen

wollte, wurde er eines Abends auf einem Wege, wo sonst nie Jemand

überfallen wurde, von einem Menschen gemordet, der sich nur seiner

Kleider bemächtigen wollte, um sie zu verkaufen. Am nächsten Tage fand

der unglückliche Sohn die Leiche seines Vaters nackt und auf ein abseits

gelegenes Feld hingeschleppt. Welch sonderbarer Uebergang vom Glück zum

Unglücke im Leben eines Menschen!

* * * * *

Während ich in Dresden war, wollten meine Landsleute Bröndsted, Koës und

Engelbreth eine Fußreise in die sächsische Schweiz machen; sie schnürten

ihre Bündel und wollten mich bestimmen mitzureisen. Aber es war mir zu

heiß mitten im Sommer. Ich wußte im Voraus, daß die Sonnenhitze und das

Erkälten mir einen starken Schnupfen verschaffen würde, der gleich das

Vergnügen störte, und ich sagte: »Nein, Kinder, zieht in Frieden dahin!

Ich bin keiner jener Liebenswürdigen, die, wie Nvmphe in Göthe's kleinem

Vorspiel »Was wir bringen« sagt, es sich so sauer werden lassen, überall

die holden Naturscenen aufzusuchen. Nun bin ich in Dresden und hier will

ich in Ruhe und Frieden meine Dresdner Freude genießen. Ich mag lieber

ein gutes einfaches Gericht, als viele kleine Gerichte, nach denen man

seinen Apetit berechnend eintheilen muß.«

[Sidenote: Zacharias Werner. -- Herr von Rumohr.]

Die Freunde stellten mir vor, daß diese Sophismen nur ein schlechter

Ersatz für die Schönheiten der riesigen Gebirge seien; ich aber sagte

ihnen Lebewohl und wünschte, daß =Rübezahl= ihnen nicht allzuviel

Hokuspokus auf dem Wege in die Berge machen möge, und sie gingen. Um

frische Luft zu schöpfen wanderte ich an einem Nachmittag zur Stadt

hinaus nach einem Theater, welches man scherzweise »die =Saloppe=«

nannte, und das nicht viel zu bedeuten hatte. Aber es war ein schöner

Spaziergang, wie von Kopenhagen nach Frederiksborg, und der Ort selbst

war angenehm. Im kühlen, grünen Schatten konnte man draußen sitzen und

Eis essen, wenn man die Komödie nicht sehen wollte. Hier traf ich einmal

=Zacharias Werner=, der sehr freundlich und holdselig gegen mich war,

aber gleich wieder wie eine Sternschnuppe verschwand; erst drei Jahre

darauf machte ich in Coppet seine eigentliche Bekanntschaft.

* * * * *

Ich ging auch an jedem Tage in die Gemäldegalerie, besah die Antiken und

die Mengs'schen Abgüsse. An den Antiken waren viele Theile so schlecht

restaurirt, daß sie wirklich Buddings oder Würsten aus irgend einer

Restauration der Stadt glichen.

[Sidenote: Neues Begegnen Ludwig Tieck's.]

Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzählte das Mädchen, daß ein

gewisser Herr =Ludwig Tieck= dagewesen sei, der mich besuchen wollte.

Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort

zu finden. Ich traf daselbst Herrn =von Rumohr=, seinen Reisegefährten,

der mich in die Bibliothek hinaufführte, wo Tieck über einem alten

Manuscript des Heldenbuches saß. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir

sprachen vertraulich mit einander, wie Brüder, die lange von einander

getrennt gewesen waren. -- Sein hübsches characteristisches Gesicht,

sein schönes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine

geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persönlich für ihn ein,

und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schöne Verhältniß zwischen

Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, in

seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren,

lebten wir auch ganz so wie jene Künstler miteinander. Ich las meinen

Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor.

Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, daß Novalis nicht

lebte, um das Evangelium hören zu können. Ich aß eines Mittags mit ihm

und Rumohr; Tieck und ich tranken Brüderschaft. Er las mir Holberg's

»Hexerei oder blinder Allarm« in der alten deutschen Uebersetzung vor;

ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, daß er den

Holberg etwas anders auffaßte, als wir Dänen gewöhnt sind; es klang

mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schönen, fremden Mädchens,

anmuthig, obgleich mit einem etwas ausländischen Accent. Wir disputirten

zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand

ihm, daß mir seine Liebe und Bewunderung für die altdeutsche Poesie

etwas übertrieben erscheine; daß die alte Zeit wohl sehr =poetisch=

geworden sei, aber keine großen =Poeten= hervorgebracht habe. Stoff zum

Dichten gäbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwürdig, hätten

schöne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, daß

man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und

nicht zu sehr auf Aufklärung schelten sollte. -- Tieck billigte übrigens

gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andächtige Wesen

ärgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerührt.

* * * * *

[Sidenote: Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.]

Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich ein =Herr von Zeschwitz=, dessen

Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen

Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne.

Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir

sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein großes

Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob

ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? »Ich habe meinen

eigenen Wagen,« sagte er, »wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollen,

mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen

doppelten Genuß bieten.« -- Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich:

»»Sehr gern, aber ich muß erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.««

-- »So lasse ich gleich anspannen,« rief er, »Sie fahren nach Dresden,

holen Ihre Sachen, kommen zurück, bleiben die Nacht bei mir und Morgen

begeben wir uns auf den Weg.« -- »»Mit Vergnügen!«« entgegnete ich. --

Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: »Das ist

etwas Anderes! So will ich die sächsische Schweiz gern sehen! War es nun

nicht gut, daß ich mich von den fußreisenden Landsleuten nicht verführen

ließ?«

Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schöne

=Tharand= gesehen, welches von doppeltem Interesse für mich war, weil

Steffens daselbst ein merkwürdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte.

-- Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach

Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Böhmen zu sehen. Wir kamen

an unzähligen großen Crucifixen und Heiligenbildern vorüber. In Teplitz

war ein hübscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute

Musik und ein gutes Wirthshaus. In =Außig= gingen wir in die Kirche.

Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit

mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der

Thür stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wußte noch nicht, was es

sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen

Händchen: Ein schönes Bild zwischen den Kirchenpfeilern während die

Sonne ihre Strahlen vom Fenster schräg durch die kühle Halle sandte. --

Wir segelten auf der Elbe nach =Schandau=, kamen aber _post festum_; es

waren nur etwa noch ein Dutzend Badegäste dort. Auf =Königstein=, einer

unüberwindlichen Bergveste von der großen Baumeisterin Natur aufgeführt,

erstaunten wir über den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch

den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen,

senkten die Leute erst einen Kranz mit angezündeten Lichtern hinab. Der

Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden;

aber plötzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war

der Widerschein auf der tiefen Wasserfläche des Brunnens; darauf wurde

ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse

eingegraben waren, überreichte man uns das demantklare Wasser, eine

Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde

ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich

zu meinem Reisegefährten und sagte: »Ich habe Nichts gehört, hörten Sie

Etwas?« -- »»Still!«« flüsterte er, und in demselben Augenblick fiel das

Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. -- In solchen Augenblicken redet

die ewige Naturkraft aus der Ferne mit großen Telegraphenbuchstaben zu

unserer Seele.

[Sidenote: Reise nach der sächsischen und böhmischen Schweiz.]

Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurück und wenn ich die drückende

Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen

die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.

Ich saß bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als

meine Landsleute von ihrer Fußreise zurückkehrten und sonnenverbrannt,

wie die Zigeuner, eintraten. -- »Ei,« rief ich, »seid Ihr endlich wieder

da? Allmächtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rübezahl hat Euch zu Mohren

verwandelt.« -- »»Aber dafür haben wir auch etwas gesehen!«« antwortete

Bröndsted mit stolzem Selbstbewußtsein. -- »Und wenn ich nun eben so

viel gesehen hätte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen

wieder an meiner Arbeit sitze?« Ich erzählte ihnen meine Abenteuer.

»»Je größer der Schelm, je größer das Glück!«« riefen sie Alle. --

Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dänemark, und ich, der ich zuerst

die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschloß,

über Weimar mit Koës und Bröndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer

Gesellschaft zu bleiben.

* * * * *

[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]

Ehe ich von Dresden fortreiste, erhielt ich einen Brief von meiner

Schwester:

-- -- »Seit meinem letzten Schreiben habe ich zwei Briefe für Dich

angefangen, aber ich war so unzufrieden damit, daß ich sie in Stücke

riß, was ich auch gern mit diesem thäte, denn ich bin nie mit Dem

zufrieden, was ich schreibe; es steht nie da, was stehen sollte -- und

kurz -- ich kann nur schlecht schreiben. -- In diesem Sommer haben wir

keine Zimmer auf Frederiksborg, aber der Vater hat mir dagegen eins von

den seinigen überlassen. Oersted kommt jeden Abend heraus und geht am

Morgen wieder zur Stadt zurück. Mir geht es so sehr gut; ich lebe gerade

so, als da ich zu Hause war; ich sitze in dem kleinen Garten und nähe,

gehe im Südfelde umher und komme nur zwei Mal in der Woche zur Stadt,

wenn ich Klavierunterricht habe. Jeden Sonntag Vormittag ist Anders bei

mir und liest mir aus dem Fichte vor. Wir sitzen dann gern im Garten,

um es recht ruhig um uns her zu haben; er erklärt mir, was ich nicht

verstehe, und ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, wenn ich

es fasse und begreife; dann ist mir so, als ob ich eine Offenbarung

hätte. Ich schrieb Dir das letzte Mal, daß ich Winkelmann las, und daß

das natürlich meine Sehnsucht, Kunstwerke zu sehen, verstärken müsse.

Ich habe eine schwache Copie von Raphael's atheniensischer Schule und

eine Menge Zeichnungen seiner herrlichen Köpfe bei dem Maler =Kabot=,

eine Copie von Christi Grablegung und eine kleine Madonna gesehen, von

der er behauptet, daß sie wirklich von Raphael sei. Bei einem Maler

Hansen, der vor Kurzem von Rom gekommen ist, habe ich eine Copie von

Correggio's schöner Magdalena gesehen, die er selbst gemalt hat[5].

Sie liegt in einem Walde und liest. Ich wurde ganz entzückt über das

bezaubernde Spiel von Licht und Schatten. All' das, lieber Adam, sind

Dinge von großem Werth für mich, aber nichts im Vergleich mit Dem, was

Du sehen kannst.

[5] Diese Copie kaufte die Gräfin Schimmelmann später von Hansen,

schenkte sie mir, und sie hängt -- 37 Jahre nachdem Sophie sie

gesehen hat, über meinem Schreibtisch.

Ich habe Dir noch nicht für Deinen Hakon Jarl gedankt. Wie kann ich

es? Ich habe im Stillen Gott gedankt, daß Du ihn geschrieben hast. Ich

spreche nur mit Einzelnen davon; denn ich meine, die Meisten sollten

sich nicht unterstehen, darüber zu schwatzen; ihr Lob scheint mir seiner

unwürdig; kurz -- ich meine, sie sollten schweigen. Ich habe ihn nun

vier Mal gehört und kann ihn so ziemlich auswendig. In diesem Sommer

habe ich zum ersten Male mehrere von Seelands schönen Gegenden kennen

gelernt. Wir sind in Helsingör, Fredensborg, Frederiksborg, Hirschholm

und Frederiksdal gewesen. Früher kannte ich ja nichts Anderes, als

Frederiksborg; und ob mir dies gleich ebenso schön scheint, wie irgend

ein anderer Ort, so hat die Verschiedenheit der Situationen mich doch

innig erfreut. Es ist wohl herrlich, von unserm Frederiksborg auf

alles Das hinabzuschauen, was uns umgiebt; aber es ist auch unendlich

schön, sich in dem ruhigen Fredensborg gleichsam von der ganzen Natur

umschlungen zu fühlen; und als Frederiksborg plötzlich aus dem Walde

hervortrat, fiel die Stelle mir ein:

»Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl,

Er sieht so hoch u. s. w.«

Ich habe nie so viel Lust und Lebenskraft gefühlt, wie auf dieser Reise;

ich war recht glücklich und dachte oft an Dich. Lebe ich, bis Du nach

Hause kommst, so wollen wir diese Tour zusammen machen. »Lebe wohl! Gott

segne Dich!«

In diesem Brief lag ein kleines Blättchen von meinem Vater in deutscher

Sprache, in der er seit vielen Jahren nicht geschrieben hatte. Es heißt

darin:

»Es freuet mich, daß es Dir so wohl geht, und daß Deutschlands =Apoll=

Dich so liebreich aufgenommen hat. Nun bist Du in Deinen männlichen,

kraftvollen Jahren; fliege mit Adlersflügeln, Deiner Kraft gemäß, damit

Du der Sonne so nahe kommst, wie die Natur der Dinge es erlaubt. Ich

sehe aus Christiane's Brief, daß Du jetzt ein ganzer Deutscher geworden

bist. Darum habe ich dieses Mal diese Sprache gewählt.«

[Sidenote: Paris in Weimar.]

Wie wir aber bereits in Weimar Paris trafen, das wird der Leser in dem

Folgenden erfahren.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 6 / 18 段