In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine

schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berühmt und vergöttert,

wie er es viele Jahre später wurde, obgleich er bereits ein Mann in

seinen besten Jahren war. Wir waren zusammen in Gesellschaft, wo ein

Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und

ich standen hinter dem Stuhle des Sängers; es wollte ihm nicht recht

gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefühl

unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknüpft werden mußte, war so

komisch, daß weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun

mußten wir noch höflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand,

den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen dürfen und dadurch nur

noch stärker dazu gereizt werden. Es amüsirte mich, mit dem tiefen

Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte

uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich

in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen täglich

mit einander um, er war lustig und gutmüthig, ich bewunderte seinen

Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich

kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch

mit ihm, weil er Göthe's Götz von Berlichingen durchaus nicht leiden

konnte.

[Sidenote: Eine Landpartie.]

Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck

bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzählte mir

auf dem Wege Viel aus Göthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir

waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns

einige Hände voll Kirschen und Johannisbeeren holte. »Was wagen Sie da?«

fragte ich lachend. »»Es ist freilich Diebstahl!«« antwortete er, den

Mund voll von Kirschen. »Ach,« -- sagte Hegel, »Schelfer ist Botaniker!

daraus folgt, daß alle Kräuter und Früchte der Gegend ihm unterthänig

sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so

braucht er nur zu sagen, daß er botanisirt und Alles ist in Ordnung.«

Auf dem Rückwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine

Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle

niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies muß eine sehr

malerische Gruppe abgegeben haben; aber sie war zugleich allegorisch: so

saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das

kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorüberfließenden Lebensquelle

ein, und vergessen nicht die schönen Augenblicke, wo sie es in

brüderlicher Eintracht mit einander thaten.

[Sidenote: Gedicht an Charlotte Schiller.]

Göthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur

auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor

ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche

Jamben. Frommann wollte den Verlag übernehmen, wenn das Manuscript

fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Göthe

hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern

zur Aufführung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit

ihm mein Landsmann, der Probst =Engelbreth=. Ich besuchte erst den

Superintendenten =Marezoll=, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern

gehört hatte; ich grüßte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und

Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau

Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum

Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafür folgendes Gedicht, welches an

der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.

=An Charlotte Schiller.=

Der Sänger geht am schmalen Stege,

Im Schatten blühender Natur;

Verschmäht die gar zu breiten Wege.

Gepflastert durch des Haufens Spur;

Da muß er Vieles überwinden,

Durch manchen Dorn er dringen muß;

Wo er gehofft, den Bach zu finden,

Trifft er den brausend wilden Fluß.

Doch kämpft er gern sich, unverdrossen,

Selbst durch den tiefsten Tannenwald;

Wird er mitunter rund umflossen --

Es muß sich ja doch enden bald!

Wo Dornen stechen, blühen Rosen;

Das Dickicht führt zu einer Au',

Es endigt sich der Wolke Tosen,

Sie flieht und läßt den Himmel blau.

Und steht er endlich dann im Haine,

Im dunkelgrünen Buchenhain,

Röthlich beglänzt im Abendscheine,

Dann ist er länger nicht allein.

Wie durch der Aeolsharfe Töne

Die Lüfte gaukeln, voller Lust,

So zittert auch durch ihn das Schöne,

Und klingt hinaus durch seine Brust.

Und durch die Bäume drängt sich leise

Zum breiten Heerweg der Gesang:

Da kommt das Rad aus seinem Gleise,

Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';

Zum grünen Tempel der Gesänge

Fühlt er zu lenken sich geneigt;

Besinnt sich aber, folgt der Menge,

Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.

Der Sänger wandert über Hügel.

Er steigt getrost, und kommt der Fluß,

Dann schwimmt er kühn; mit losem Zügel

Auf Abenteu'r er reiten muß.

Und Alles, was ihm so begegnet,

Dringt in sein Herz gewaltig ein;

Und ob es stürmet oder regnet,

Muß er doch wohl zufrieden sein.

Nichts Endliches kann ihn beglücken,

Nichts Endliches vernichtet ihn.

Und jede Kraft muß ihn entzücken

Und durch sein ganzes Wesen glühn;

Im Schauen muß er sich vertiefen,

Was ihn verhindert, merkt er kaum;

Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;

Selbst freut er sich im schönsten Traum.

Doch hat er lange so mit Wonne

Den schönen Weg zurückgelegt,

Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,

Und kalt sich jedes Blatt bewegt,

Dann ist er Mensch; und er begehret

Nach dem, was wieder ihn belebt;

Was ihm der Augenblick verwehret,

Weil er nicht klug danach gestrebt.

Doch kommen Bauern her im Walde,

Und speisen ihn mit Obst und Brot.

Er ißt, trinkt aus der Quell', und balde

Vergißt er die verschwundne Noth.

Und mit der frühen Morgenröthe

Erwacht er bei dem ersten Schall,

Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte,

Wetteifernd mit der Nachtigall.

Es kommen aber viele Tage,

Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;

Es tobt kein Sturm; in stummer Klage

Nur Gras und Blatt und Hügel weint;

Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen,

Ist lebenlose Trauer nur;

Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;

Sie ist so schlaff, wie die Natur.

Dann sehnt er sich wohl nach den Mauern

Und in den lichten Saal hinein,

Wo Gäste sitzen ohne Schauern,

Bei schönen Frauen, gutem Wein.

Dann denkt er auch, wenn fern er schauet

Ein schönes, reichbegabtes Haus:

Warum ist es nicht Dir erbauet?

Und warum schließt Dich Alles aus?

Und weil er fühlt im tiefsten Herzen,

Was auf die weiche Seele fällt,

Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzen

Die Stumpfheit, Blödigkeit der Welt,

Und die Verschmähung seiner Lieder,

Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,

Wenn die Natur nicht freundlich wieder

Das Unheil machte immer gut.

Am Wege, dort wo er gesungen,

Neugierig horchten sie, im Flug;

Kaum aber war das Lied verklungen,

So hatten sie daran genug!

Er sang von Ceres Aehrenhaufen,

Die in den goldnen Garben stehn.

Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;

Im Gelde nur das Gold sie sehn.

Jetzt singt er laut in ernsten Liedern

Von der verschwundnen Menschen Thun,

Erzählt von den verstorbnen Brüdern,

Die tief im moos'gen Grabe ruhn.

Er singt: Wie durch des Grabes Hügel

Sich hebet frisch der Rosmarin,

So hebt sich auf der Zeiten Flügel

Das Leben auch zum neuen Blühn.

Sie hören's nicht. Doch =Ein'ge= kommen,

Und sie verlassen ihren Weg;

Sie haben gern das Lied vernommen

Und folgen ihm auf seinem Steg.

Und hurtig wird der Bund geschlossen;

Die Seele kennt die Seele bald.

Und öfter folgen unverdrossen

Sie ihrem Freund durch seinen Wald.

Doch =Männer= sind zur That berufen,

Und That verhindert der Verein;

Sie müssen steigen ihre Stufen

Und mit sich selbst beschäftigt sein.

Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,

Ermuntert gehn sie wieder fort.

Sie danken ihm, weil er gegeben --

Und -- einsam steht er wieder dort.

Wer sitzet auf der Wolken Rande,

Den Lorbeerzweig in weißer Hand,

In himmelstrahlendem Gewande,

So fremd und doch so wohlbekannt?

Entfernet von dem Erdgetümmel,

Vernimmt sie doch das Lärmen gern;

Vergißt darüber selbst den Himmel;

Es klingt ihr wie ein Lied von fern.

Es ist die =Muse=. Freundlich schauet

Sie ihren vielgeliebten Sohn.

Ihr sanftes Auge sich bethauet;

Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn;

Sieht, wie nach ihrem Götterbilde

Er strebt so treu, bei Tag und Nacht;

Und -- eine Jungfrau -- schön und milde,

Begegnet sie ihm auf der Jagd.

Erröthend nähert sich die Schöne

Verschämt dem vielgeliebten Mann;

Und -- wie Telemachos Athene --

So staunet sie der Jüngling an.

Er =kannte= längst das holde Wesen,

=Sieht= sie doch jetzt zum ersten Mal.

Er kann in ihren Blicken lesen

Und fühlt der Göttin Liebestrahl.

Da singt sie: Jede schöne Blume

Hebt sich mit ihrer Blätterschaar

Vom Staub hinauf zum Heiligthume,

Und reichet Gott die Krone dar.

Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,

Worin der Lebenssaft sich regt;

Daß sie gedeih', daß sie gesunde,

Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.

Ich will die Gärtnerin im Garten

Dir werden, denn Du liebest mich!

Entwickle Blumen aller Arten!

Ich hege, Freund, ich pflege Dich.

Nie sollst Du Dich allein befinden;

Scheint nicht die Sonne länger warm,

Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,

Dann ruhe süß in meinem Arm. --

Er sieht der Mittlerin des Lebens

Entzückt in's lichte Augenpaar.

Er überredet sich vergebens,

Daß dieß ein irdisch Mädchen war!

Er fühlt sich neubegeistert wieder,

Der Weg ist länger nicht so hart.

Er singt sein Heil, -- und schöne Lieder

Verkünden ihre Gegenwart.

Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet,

Und durch ein wundersam Geschick

Sieht er sich plötzlich ausgesöhnet

Jetzt mit der Zeit, dem Augenblick.

Nun will er nichts von Trennung wissen!

Das Glück steht ihm nicht länger fern.

Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,

Vereinigt Liebe wieder gern.

Ein jeder Sänger, dessen Leier

In Waldes Einsamkeit ertönt,

Trifft seine Muse, die ihn, freier,

Bald mit der ganzen Welt versöhnt.

So schmücktest =Du= dem großen Sänger

Den Weg mit lichtem Lebensmai;

Du machtest ihm den Busen enger,

Und dadurch ward der Busen frei.

Du lindertest so hold sein Leiden,

Da war das Leben nicht vergällt;

Beglücktest ihn mit Vaterfreuden

Und zeigtest heiter ihm die Welt.

Da ward er ruhig und geduldig,

Er fühlte sich von Gott bestrahlt.

Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!

Doch Du hast ihm für uns gezahlt.

Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,

Das treu aus meinem Herzen bricht;

Wohin ich in der Welt auch wanke,

Vergeß' ich Deiner Milde nicht.

Ich seh' im heil'gen Abendschauer,

Wenn düster die Cypressen wehn,

Dich, eine Blum', in Liebestrauer

Am Grabe des Geliebten stehn!

[Sidenote: Antwort darauf.]

Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:

Weimar, den 14. Juli 1806.

»Ich fühle wohl, daß es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen,

was mein Herz bewegt, und doch möchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr

Gedicht ergriffen!

Ich danke Ihnen, daß Sie mich verstanden haben, daß es Ihnen klar wurde,

den Wunsch aufzulösen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke

Ihnen, daß Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.

Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein süßes Andenken

meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste

verweilen, dessen schöne Phantasie in so reichen Formen die Gefühle

meines Herzens ansprach.

So lange ein Herz fähig ist, sich vor den ungefälligen harten Eindrücken

einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes

Gemüth alles Große und Schöne, was Sie so tief zu fühlen vermögen, und

mit solcher Wärme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, daß der Genius

der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche

freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.

Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit

werden stets Gefühle für Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen

aufbewahre. Möge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz

erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glücklich!«

=Charlotte v. Schiller.=

* * * * *

[Sidenote: Reise nach Dresden.]

Am 12. Juni zogen wir im schönsten Wetter von Jena durch Lützen und

stiegen auf der Landstraße einen Augenblick ab, um den mit Pappeln

umringten Stein in der Nähe zu betrachten, wo der große Gustav Adolph

gefallen war. In Leipzig aßen wir Lerchen, besuchten die schönen

Spaziergänge und das Grab des guten Gellert.

Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andächtig beteten.

Wir kamen an einem Galgen vorüber; in Folge dessen äußerte der eine

Jude mit größter Bitterkeit seine Indignation über die übertriebene

Gerechtigkeit. »Sie sind froh« -- sagte er -- »wenn sie Einen zu hängen

kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.«

Wir übernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der

Stadt gegeben, weil er daselbst ein hübsches Mädchen gesehen hatte.

Durch Meißen kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach

Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie,

seitdem ich Dänemark verließ, nicht gesehen hatte; denn der Garten in

Weimar war wohl schön aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit

der seeländischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwüste.

[Sidenote: Paßverdrießlichkeit.]

In Dresden verlangte der Wirth meinen Paß. Ich hatte von Kopenhagen

meinen Rathhauspaß mitgenommen, weil ich damals noch nicht wußte, ob

ich das Reisestipendium bekommen würde. Als ich den Brief von der

Direction des Fonds _ad usus publicos_ erhielt, hätte ich gleich

einen ordentlichen Paß von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich

vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und

Jena gereist, ohne daß Jemand verlangt hätte, meine Legitimation zu

sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, daß ich nur einen dänischen

Rathhauspaß hätte, daß ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn

um ein paar Zeilen zur Aushülfe so lange bitten wolle, bis ich einen

französischen oder lateinischen Paß von Kopenhagen erhielte.

Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren,

sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der

Direction des Fonds _ad usus publicos_.

Der Minister von Bülow ließ mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit

den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: »Ich sehe, Sie

reisen auf Menschenkenntniß, und Sie haben keinen Paß? Wie soll ich das

verstehen?« Ich antwortete: »»Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine

Menschenkenntniß habe, reise ich, um sie zu erlangen.«« »Ja, mein Herr,«

entgegnete er, »das ist ganz schön! Sie schicken mir Ihre Papiere, um

mir Ihre Persönlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen!

lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer

findet sie, und giebt sich für Sie aus (wir haben vor Kurzem einen

solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich für Sie halten?« --

Ich entgegnete: »»Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, daß Sie an meiner

Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie können es mir auch nicht verdenken,

wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag

machen«« -- fuhr ich lustiger fort -- »»Sie hören doch, daß ich ein Däne

bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder,

Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darüber machen.

Es wäre doch wunderlich, wenn es sich so träfe, daß der unrechtmäßige

Finder der Briefe auch ein dänischer Dichter wäre. Doch ich weiß ein

besseres Mittel,«« sagte ich ernster, »»unten auf der Straße begegnete

ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der

Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen

bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Paß von Kopenhagen

kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben.«« Nun fragte der

Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es ließe sich wohl noch Alles

in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.

[Sidenote: Zusammentreffen mit Landsleuten.]

Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihliche

Vergeßlichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Körner einen

Brief von Göthe; meine Landsleute =Bröndsted= und =Koës= kamen kurz

darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald

traf auch Bischof =Münter= ein; und so wurde es mir leicht, meine

Persönlichkeit, und daß ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen.

Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern

nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich später zu

sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir

unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner

Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es nützte Nichts, daß die Andern mir

sagten: »Aber er kannte Dich ja nicht!« -- Mit jugendlichem Uebermuth

antwortete ich: »»Er hätte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben

müssen.«« -- Seine Töchter traf ich später zuweilen bei Körner's; sie

waren sehr liebenswürdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit

einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthür.

[Sidenote: Komische Scene mit Bischof Münter.]

Mit dem Bischof Münter traf in Dresden eine komische Szene ein, die

ich, so unschuldig sie auch war, während seines Lebens doch nicht

veröffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht

wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses

gelehrten gutherzigen Mannes erzählt wurden, deren doch viele erdichtet

sind, oder ihn nicht betrafen.

Er hatte gehört, daß ich meinen »Baldur den Guten« vollendet, und darin

Trimeter, Anapäste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte;

als ein großer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund

von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wünschte er nun,

das Stück zu hören. »Besuchen Sie mich morgen Nachmittag!« sagte er,

»und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten

Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber

ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen.« -- Ich kam zur bestimmten

Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf

umgeben, der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der

frischen Luft kam, so drückend auf die Brust fiel, daß mein erstes

Wort war: »Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwürden! wie können Sie das

aushalten?« worauf ich, ohne um Erlaubniß zu bitten, hineilte und beide

Fenster weit aufriß. -- »»Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht

hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt.«« -- Nun

entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken

mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tödtlichen

Qualm verbreiteten. »Das kommt vom Feuerbecken!« rief ich. -- »»Ja

wahrhaftig,«« sagte der Bischof, »»das glaube ich auch, da hat Johann

wieder (oder wie der Diener hieß) einen dummen Streich begangen. Johann!

Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du

Dich?«« -- Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte

und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich

sehr eifrig über den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darüber

vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, daß wir

ja guten Thee trinken wollten. »Das ist wahr!« rief er, »das hätte ich

beinahe vergessen.« Darauf warf er eine große Hand voll von dem guten

Thee (es war grüner Thee) in die Kanne, goß sie voll lauwarmen Wassers

(denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehört), und ohne einen

Augenblick zu zögern (da er sich darnach sehnte, das Stück zu hören),

schenkte er die Tassen voll. Die grünen zusammengerollten Blätter hatten

nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine große

Oeffnung hatte, kamen mehrere Blätter in demselben Zustande in die

Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich

also »guten Thee« zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China

selbst trinkt: mit den Blättern darin; aber wenn meine Dichterblätter

dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theeblätter mir, so

wäre es schlimm gewesen.

Das ließ ich mir damals nicht träumen, daß ich später zwölf Jahre

im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und daß er fast in meinen Armen

sterben würde.

* * * * *

[Sidenote: Theodor Körner.]

Körner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte

der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze

Familie hatte sehr viel Sinn für Poesie. =Theodor=, der spätere Held und

Tyrtäus war damals, als ich sie besuchte, ein hübscher vierzehnjähriger

Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhörte, wenn ich meine Gedichte

vorlas. Seine Schwester =Emma= malte schön; ein Fräulein =Kunze=,

welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale

Italiener =Paër=, den Napoleon später als Kapellmeister nach Paris

berief, kam häufig in Körners Haus und ich hörte ihn oft selbst mit den

Damen aus seinem Sargino singen. Fräulein =Stock=, eine vortreffliche

Pastellmalerin, Frau Körner's Schwester, war munter und witzig und

amüsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroßen Jugendlichkeit und

Vorliebe für das Blühende wegen zu necken.

* * * * *

[Sidenote: Ansichten über Kirchenmusik.]

Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hören, doch war

die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich,

zu lärmend. Ich vermißte die ernste würdige Erhebung, das treue

innige Gefühl; und obgleich ich über die starken Diskantstimmen der

Sänger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser

armen Menschen zu denken, und dies störte mein religiöses Gefühl

vollständig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in

Dresden niedergelassen hatte, über diese Sänger und äußerte ihm mein

Mißvergnügen. Er war ein sehr tüchtiger Kopf und selbst ein guter

Künstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. »Sind Sie auch

so ein nordischer Barbar, der der großen Kunst nicht einmal ein kleines

Opfer gönnt?« -- »»Man sollte solche Virtuosen, wie die Baßgeigen, in

Futterale hinstellen, wenn man sie gebraucht hat,«« entgegnete ich;

»»es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen

Halbmann zu sehen. Es widert mich an, daß ein armes Geschöpf, an dem

die Menschen sich versündigt haben, als Wortführer für die Menschen

auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krähen soll. Das kann weder

rühren, noch stärken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie

das nicht kann?«« -- Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte

wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand

ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Göthe, welches =Buri=

gemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo

er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.

»Welch ein Unterschied,« sagte ich, »auf diesen beiden Gesichtern!«

-- »»Ja gewiß,«« entgegnete der Andere: »»Hier ist ein Antlitz voller

Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes

Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet.«« -- »Flecken finden alle

Menschen in ihren Herzen,« antwortete ich. »Das Andere ist ein Ideal;

aber es erscheint mir trotz seiner Schönheit doch zu =weibisch= für

einen Christus.« So mußte ich mich größtentheils durchschlagen; denn ich

hörte oft übertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten

zu gedenken. Ich habe mich immer über jede =Mode= geärgert, die die

Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles

katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das

war vom Uebel. Ich fühlte einen Trieb in mir, mich der verschmähten

Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war

ich durch Göthe, der dies =Franz-Sternbaldisiren=, wie er es nannte,

auch nicht leiden konnte, bestärkt worden.

* * * * *

[Sidenote: Ansichten über die Malerkunst.]

Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzählt, daß

ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die

Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann, konnte natürlich einem mit

Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgültig sein. -- Aber das

war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes.

Mit dem religiösen Gefühle sollte man nun die Werke auffassen; nur so

könne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut!

Alles Poetische gründet sich ja zuletzt auf ein religiöses Gefühl; ich

kann auch fühlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial

und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mußte mit mystischen

Bildern ausgeschmückt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen

apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 5 / 18 段