Den berühmten Historiker Johannes Müller sah ich auch mehrere Male.

Reichardt sagte: »er gleiche einer Nachteule.« Die Eule ist der Vogel

der Minerva; in den Gesprächen mit dem großen Manne vergaß ich den Vogel

ganz über die Minerva. Er schlug mir vor, eine Tragödie über einen

gewissen historischen Gegenstand zu schreiben, den ich leider vergessen

habe.

* * * * *

[Sidenote: Abreise nach Weimar.]

Beim Anbruch des Frühjahrs sehnte ich mich sehr darnach, nach Weimar zu

reisen, um Göthe zu besuchen. Ich fuhr mit Steffens und Schleiermacher

von Berlin nach Halle, wo ich drei Tage bei diesen Freunden blieb.

Ich befand mich nun wieder ganz allein in der weiten Welt auf einem

Post- oder eigentlich Frachtwagen, auf dem ich in der Nacht in dem

feuchten, kalten Aprilwetter auf einem Brett ohne Rückenlehne fahren

mußte. Der Schlaf auf einer Bank in einer Bauernschenke stärkte mich

für ein paar Stunden, und so kam ich nach =Naumburg=, wo ich bis zum

nächsten Tage bleiben mußte.

Es war ein trauriger Frühlingstag und ich selbst war betrübt. Alle guten

Freunde in Halle, Giebichenstein und Berlin hatte ich -- vielleicht auf

ewig -- verlassen. Nun sollte ich neue Bekanntschaften schließen, um das

Band bald wieder zu zerreißen, wenn es geknüpft war. Der Frankenau'sche

Vers fiel mir ein:

»Die Freude gleichet dem flüchtigen Freund,

Den leicht wohl auf Reisen man findet;

Und der, indeß er vorüberzieht,

Uns zärtlich küßt -- und verschwindet.«

Ich sah die merkwürdige Domkirche; aber das vermehrte nur meine

melancholische Stimmung. Sie besteht eigentlich aus vier Kirchen, und

eine davon ist unterirdisch. Eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah,

führte mich umher. Mit einem kleinen angezündeten Lichtchen in der Hand,

stieg sie hinunter und führte mich vor den eisernen Kasten, in dem Tezel

sein Ablaßgeld gesammelt und dabei gesungen hatte:

»Sobald das Geld im Kasten klingt,

Sobald die Seel' gen Himmel springt.«

Sie zeigte mir auch die Wand, wo eine Nonne früher eingemauert worden

war, und wo sie Messe hören konnte, bis sie verhungerte. Dies Alles

machte mich nicht munterer. Unglücklicherweise erzählte sie mir auch

von den Hussiten vor Naumburg, da fiel mit das affectirte Kotzebue'sche

Stück ein; ich sah nun Alles Grau in Grau, ging nach Hause und tröstete

mich dadurch, daß ich einen Brief nach Kopenhagen schrieb.

Am nächsten Tage reiste ich nach Weimar; die Luft klärte sich auf, und

der Himmel war blau. =Göthe= empfing mich sehr freundlich, und ich

brachte drittehalb Monate in der fast täglichen Gesellschaft dieses

großen Meisters zu.

[Sidenote: Wieland, Herder, Frau Schiller.]

Wie freute es mich, den klassischen Boden zu betreten, auf dem so viel

große Geister gewirkt hatten. Der einzige, Göthe, stand dort noch,

wenn auch nicht mehr jung, in seiner vollen Kraft. =Wieland= war alt,

doch erquickte es mich, den Geist dieses freundlichen Greises, wie

die Schneeblumen in dem Wintergarten zu finden, wo er so viele Sommer

hindurch als Rose geblüht hatte. Ich hatte mit großem Vergnügen seinen

=Oberon= gelesen. In seinem =Geron der Adlige= hat er gezeigt, daß er

auch ernst und herzlich dichten konnte. In vielen muntern Erzählungen

hat dieser deutsche Ariost Humor und schalkhafte Grazie an den Tag

gelegt. Als Kritiker und Gelehrter haben seine Schriften großen Einfluß

auf den Geschmack in Deutschland ausgeübt. Ich besuchte ihn mit

Ehrfurcht, obgleich es damals nicht Mode war, Wieland zu achten; er war

sehr mittheilend und lobte die dänische Regierung, daß sie den Dichter

ins Ausland reisen ließe. In mein Stammbuch schrieb er:

_Fuimus Troes._

=Herder= war nicht mehr; dieses große =denkende Herz=! das mit

tugendkräftiger Menschenliebe und poetischer Begeisterung die

ganze Erde umfaßte. Seine spätern polemischen Schriften, in denen

Gereiztheit ihn unbillig machte, kannte ich nicht und habe sie später

nicht kennen lernen wollen. Aber wie herrlich sind nicht seine

Abhandlungen über die hebräische Dichtkunst, seine Ideen zur Geschichte

des Menschengeschlechts, seine Sammlungen und Uebersetzungen von

Volksliedern und Legenden, sein Cid und seine Predigten.

Auch =Schiller= fand ich nicht mehr. Aber ich fand seine Frau und Kinder

und die hübsche kleine Wohnung in der Allée dicht beim Schauspielhause,

wo er die unsterblichen Tragödien gedichtet hatte. Ich war dort bald zu

Hause, und es freute mich, daß Frau Schiller fand, ich gleiche ihrem

Mann etwas; nicht im Aeußern, sondern im Wesen und gewissen Bewegungen.

Nicht ohne inniges Mitleid konnte ich auf die lieben Kinder sehen, die

so früh den großen, seltenen Vater verloren hatten. Wie gern hätte er

noch mit ihnen gelebt! Wie wehmüthig betrachtete er die Züge der armen

Kleinen zum letzten Male, als er fühlte, daß sein Herz brechen würde;

dieses himmlische Herz, das hohe Begeisterung mit durchdringendem

Verstande vereinigte.

[Sidenote: Göthe über meine Danismen.]

Auch Göthe war, obgleich er allzu oft Gefallen an einem gewissen

hochmüthigen, zurückhaltenden Wesen fand, im Grunde gut, und wirkt in

seinen vortrefflichen Werken durch die Phantasie hauptsächlich auf das

Herz; in seinen Liedern, in Werthers Schwärmerei, in Götz' Edelmuth,

Faust's Tiefsinn, Gretchen's und Klärchen's Liebe, in Tasso's Feinheit,

in Iphigenie's Seelenadel, in den muntern Naivetäten, in Mignon, im

Harfenspieler; und ganz besonders in Hermann und Dorothea, worin er der

Humanität des achtzehnten Jahrhunderts das schönste Denkmal errichtete.

Deßhalb freute es mich auch, wenn Schleiermacher von ihm sagte: »Der

Göthe ist doch im Grunde eine gute Haut!«

Er empfing mich väterlich, ich war oft zu Mittag bei ihm und mußte ihm

meinen ganzen Aladdin und Hakon Jarl aus dem Dänischen deutsch vorlesen.

Da machte ich mich nun vieler Danismen schuldig; aber er verwarf sie

nicht alle; er meinte, daß beide verwandten Sprachen, einer Wurzel

entsprungen, einander geschwisterliche Geschenke machen dürften. »Hm!

das ist hübsch!« sagte er zuweilen, wenn ich einen gewagten fremden

Ausdruck gebrauchte. »»Sagt man das auf Deutsch?«« fragte ich. --

»Nein,« entgegnete er, »man sagt es nicht, aber man könnte es sagen.«

-- »»Soll ich es wieder ausstreichen?«« -- »Nein, keineswegs.« --

Reichardt, der nach Weimar kam, wurde von Göthe gefragt: »Kennen Sie

Etwas von Oehlenschläger's Gedichten?« -- »»Nein,«« entgegnete dieser,

»»aufrichtig gesprochen, es amüsirt mich nicht, die deutsche Sprache

radebrechen zu hören.«« -- »Und mich,« antwortete Göthe mit imposantem

Feuer, »amüsirt es sehr, die deutsche Sprache in einem poetischen Geiste

entstehen zu sehen.«

[Sidenote: Verkehrte Urtheile über Göthe.]

Doch was rede ich von Göthe's Meinungen über die Sprache? Es giebt ja

Leute, welche glauben, daß er auch nicht Deutsch schreiben könne! Es

gab ja Landsleute von mir, und giebt derer wohl noch, welche behaupten,

daß ich nicht richtig Dänisch zu schreiben verstünde. Aber ich entsinne

mich auch der Anecdote von einem Franzosen, der seinen Landsmann

fragte: »_Les allemands, est ce qu'ils ont une langue?_« -- »»_Non_,««

entgegnete dieser, »_ils parles seulement un =patois=_; _mais ils se

comprennent =entre eux=._«

Die letzte Zuflucht, die eine feindliche Spitzfindigkeit annimmt,

besteht darin, die Sprache eines Verfassers zu tadeln. Man braucht

nur eine Periode aus ihrer Verbindung herauszureißen, um sie zu einem

Gallimathias zu machen. So behandelte Baggesen mich stets mehrere Jahre

darauf in seinen Kritiken. Und Menschen, die nicht halb so gut Deutsch

verstehen, wie Göthe, geschweige denn gleich ihm in der Sprache denken

und fühlen können, haben es gewagt, ihn eingebildet zu tadeln, weil

er -- der echte Dichter -- der die reichen Schätze der Volkssprache

in die Rede der gebildeten Welt hinüber führte, zuweilen aus Laune

oder Eigensinn Ausdrücke gebrauchte, die nicht gang und gäbe im Munde

der feinen Welt waren; oft wohl sogar polemisch, um einer kleinlichen

Aengstlichkeit zu trotzen, und sie zu strafen, die nur Pedanterie

zeigte, indem sie sich den Schein der Correctheit gab. So giebt es

Leute, die in ihrer Thorheit z. B. die Sprache in Sophie's Reise von

Memel nach Sachsen über die Sprache in Werther und Wilhelm Meister

stellen! Aber Göthe ging stets seinen eigenen Weg; und das muß jedes

originelle Genie thun.

Zuweilen können selbst tiefe und schöne Geister einander mißverstehen

und verkennen; und deshalb bleibt für die kräftig Wirkenden nichts

Anderes übrig, als sich mit allem Vermögen nach den Besten zu bilden

und dann selbstständig zu handeln. Jede ungewöhnliche That ist eine

Usurpation, eine Eigenmächtigkeit, die ihre Vertheidigung in ihrer

Wirkung finden muß; und wollte sowohl ein Dichter, wie ein Feldherr

stets zweifelnd erst Andere um Rath fragen, was er im entscheidenden

Augenblicke thun soll; so würde kein Dichterwerk vollendet und keine

Schlacht gewonnen werden. Darum darf man es auch nicht Einbildung

oder übertriebene Eigenliebe nennen, wenn ein tüchtiger Künstler mit

Rücksicht auf sein Werk, das meiste Zutrauen auf seine eigene Meinung

hat. Wie sollte er sonst jemals Meister werden? Und wie sollte er sich

sonst in dem Wirrwarr der literarischen Welt zurecht finden, wo die

Ansichten sich jeden Augenblick auf das Lächerlichste widersprechen?

Als ich meinen Aladdin zu schreiben anfing, und meiner Schwester

und einigen andern guten Freunden die ersten Scenen vorlas, fand er

keinen Beifall. Ich ging mit meinem Manuscript in der Tasche betrübt

nach Hause; und hätte meine eigene Ueberzeugung, daß er gut sei, nicht

gesiegt, so wäre Aladdin nie erschienen und ich hätte nicht den Triumph

gehabt, mit der Zeit selbst bei Denen Beifall zu ernten, die im Anfang

die Arbeit verschmähten. -- So ging es mir auch hier bei Göthe mit dem

Hakon Jarl. Aladdin hatten wir in kleinen Portionen zusammengelesen, und

er hatte ihn aufmerksam gehört und aufgefaßt; Hakon Jarl las ich ihm

auf ein Mal nach Tisch vor. Er verlor den Faden, der Gang des Stückes

verwirrte ihn; und er äußerte nach beendigter Lectüre, daß Einiges

in der Composition des Stückes geändert werden müsse. Ich wurde ganz

niedergeschlagen und wanderte in meinen finstern Gedanken in dem schönen

herzoglichen Lustgarten umher. »Wenn =der=,« dachte ich, »verfehlt ist,

so weiß ich nicht, wie ich richtig dichten soll.« In diesem Gedanken

stand ich vor einem Sculpturwerke im Garten, wo eine Schlange in einen

Knäuel beißt. Ich habe die allegorische Bedeutung desselben vergessen;

aber es schien mir in jenem Momente, als ob es das Unglück sei, das in

mein Herz biß. Da hörte ich in demselben Augenblick Etwas in meiner Nähe

rieseln. Ich ging dahin, von wo der Laut herkam; es war eine Quelle, die

sehr anmuthig aus der Felswand in den Fluß hinabstürzte, und in einem

Steine eingegraben stand der schöne Vers von Göthe:

»Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen!

Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!

Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,

Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!

Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:

Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.«

[Sidenote: Göthe über Hakon Jarl.]

Die schöne Natur, der herrliche Tag und das humane milde Gedicht gaben

mit wieder Muth und ich dachte: »Der Verfasser dieser Strophen kann

Hakon Jarl nicht verwerfen.« -- Göthe hatte mich gebeten, ihm den kurzen

Inhalt des ganzen Stückes aufzuschreiben. Ich brachte ihm das Verlangte,

und nachdem er es gelesen hatte, billigte er durchaus den Gang des

Stückes und fand nichts daran auszusetzen.

[Sidenote: Die Bühne Weimars.]

Ich erzähle dies damit man sehen soll, wie selbst Aladdin und Hakon Jarl

augenblicklich von ausgezeichneten poetischen Männern verkannt wurden.

Die Erinnerung an dieses Verkennen hat mich seitdem oft getröstet, wenn

spätere Werke wieder auf Kosten jener verkannt wurden; und ich habe oft

die Freude gehabt, solche Nebel verschwinden zu sehen. Göthe munterte

mich selbst dazu auf, das Stück schriftlich zu übersetzen (denn ich

hatte es bei ihm nur mündlich übersetzt), damit es in Weimar gespielt

werden könne, was doch nicht geschah, da der Krieg dies verhinderte.

Es erfreute mich oft, das Schauspielhaus zu besuchen, und die

Schauspieler zu sehen, wo und durch welche Göthe und Schiller so viel

gewirkt hatten. Ich lernte das Künstlerpaar =Wolf= kennen und schätzen.

Ich sah eine würdige Vorstellung von Göthe's Egmont; =Becker=, der

den Parasiten in Lauchstädt gespielt hatte, war hier ein vorzüglicher

=Vansen=. Die Transparentscene im letzten Acte wurde jetzt wieder

gegeben. Während Schiller lebte, hatte Göthe gutmüthig sich darein

gefunden, daß sie wegblieb, weil Schiller sie nicht leiden konnte.

Nun ließ er das Stück wieder wie in alten Tagen aufführen und es war

von guter Wirkung. Die Musik und das Bild wirken, nach dem langen

Gespräch zwischen Egmont und Ferdinand, belebend und angenehm auf

die Phantasie ein; und es erfreut den Zuschauer, sich die holde

Clara glücklich, selig als einen Engel, als den Genius der Freiheit

in Egmont's Traum vorzustellen. Doctor Riemer, Göthe's Freund und

Secretair, und Joh. Heinr. Voß, der Jüngere, waren mein täglicher

Umgang in Weimar und wurden mit mir innig vertraut. Göthe konnte den

jungen Voß gut leiden und dieser war sein großer Bewunderer. Voß

erzählte mir einen characteristischen Zug von Göthe. Dieser hatte ihm

einmal, als Hermann und Dorothea in neuer Auflage erscheinen sollte,

das Gedicht zur Durchsicht gegeben; denn alle Voß's hatten es vom

Vater gelernt, Hexameter correct zu schreiben, und selbst »die alte

verständige Hausfrau« hatte ein Mal Göthe in sehr classischen Spondeen

und Dactylen eingeladen, Stahlpunsch bei ihr zu trinken. Göthe schrieb

schönere, leichtere, naivere, kernigere Hexameter, als Voß; aber er

war nicht immer correct und deshalb ließ er sich gern bescheidene

Bemerkungen gefallen. Aber ein Mal kam der gute Heinrich Voß mit einem

gar zu vergnügten Gesicht und sagte mit triumphirender Demuth: »Herr

Geheimerath! da habe ich einen Hexameter mit =sieben= Füßen gefunden.«

-- Göthe betrachtete die Zeile aufmerksamer und rief: »Ja, weiß Gott!«

und Voß wollte ihm bereits den Bleistift reichen, als der Dichter ruhig

das Buch zurückgab und sagte: »Die Bestie soll stehen bleiben!«

[Sidenote: Eigenthümlichkeiten Göthe's.]

Das Niebelungenlied war kurz vorher erschienen, und Göthe las uns einige

Gesänge daraus vor. Da nun das Altdeutsche sehr verwandt mit unserm

Altdänischen ist, so kannte ich viele Worte, die die Andern nicht gleich

verstanden. -- »Sieh' mal,« rief dann Göthe lustig, »da haben wir den

verfluchten Dänen wieder!« -- »Nein, Däne,« sagte er einmal in demselben

Ton, »hier kommt Etwas, was Du doch nicht verstehen kannst:

»Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang,

Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,«

Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang!« wiederholte er

erstaunt, indem er die Worte stark in seinem Frankfurter Dialekte

betonte: »das ist capital!«

Ein Mal bei Tisch sprach er so eifrig und mit so viel Achtung und Kraft

für Bürgerrecht und Bürgerehre, einem kalten Herrn gegenüber, der die

Handlungsweise eines wackern Mannes verdrehen und verspotten wollte,

daß ich's nicht lassen konnte, als der Fremde fortgegangen war, ihm um

den Hals zu fallen und ihn zu küssen, was er herzlich erwiderte, indem

er mit Wärme sagte: »Ja, ja, lieber Däne! Ihr meint's auch treu und

gut in der Welt.« -- Er sagte gern »Ihr« in vertrauter Rede zu Leuten,

die er lieb hatte. Joh. Heinr. Voß (der Jüngere) erzählte mir, daß

Göthe, als einmal die Rede auf mich kam, mit ungewöhnlicher Wärme und

Freundlichkeit gesagt habe: »O, das ist mir ein herzlieber Junge!« --

Ich hätte kaum geglaubt, daß er nach der Trennung so bald sein Herz von

mir wenden würde.

[Sidenote: Die weimarische Fürstenfamilie.]

Die alte Herzogin Amalie erwies mir die Ehre, mich zur Tafel zu laden;

Reichardt war nach Weimar gekommen und wir fuhren zusammen nach

Tieffurt. Sie war sehr gnädig, geistreich und trotz ihres Alters lebhaft

und munter. Ich traf daselbst außerdem Wieland, Herrn v. =Knebel=,

Göthe's Jugendfreund, und ihren Marschall, Herrn v. =Einsiedel=, der

eine Uebersetzung des Terenz herausgegeben hat. Göthe hatte eins dieser

römischen Lustspiele, ganz in alter Manier mit Masken, auf die Bühne

gebracht; aber es blieb bei dieser einen Vorstellung, denn die Leute

in Weimar wollten sich nicht um 2000 Jahre in der Zeit zurückversetzen

lassen. -- Nach der Mahlzeit bei der Herzogin ging Wieland in den

Garten hinab und hielt unter einem großen, schattigen Baum sein

Mittagsschläfchen. »Das thut er hier gewöhnlich im Sommer, wenn er bei

mir speist!« sagte die gute Fürstin. Wir gingen im Garten spazieren.

Zur Theezeit kamen der Herzog, der Erbprinz, die Großfürstin und die

Prinzessin von Weimar. Reichardt spielte ihnen vor, und ich mußte der

Aufforderung zufolge einige alte dänische Kämpeweisen singen, die ihnen

gefielen. -- Sie waren Alle sehr freundlich, und Frau Schiller erzählte

mir einige Tage darauf, daß die schöne, edle Großfürstin mit großer

Gewogenheit von mir gesprochen habe. So hatte ich da die Freude, die

Fürstenfamilie zu sehen und mit ihr zu sprechen, die so viele schöne

Talente geehrt und belohnt, und zur Entwickelung der deutschen Literatur

beigetragen hatte.

Frau v. =Wollzogen=, Frau Schiller's Schwester, die Verfasserin des

geistreichen Romanes Agnes v. Lilien, und Frau v. =Schardt=, geb.

=Bernstorf=, erwiesen mir auch viel Freundlichkeit.

Als ich fortreiste schrieb ich dem jungen Göthe meine dänische

Uebersetzung von Göthe's Erlkönig in das Stammbuch und fügte zum Schluß

die deutschen Verse hinzu:

Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied,

Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,

Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,

Und Elf und Schauder zu Hause sind.

In Weimar weht es schon mehr gelind;

Gott segne den Vater mit seinem Kind.

[Sidenote: Denkblätter für mein Stammbuch.]

»Ja, ja,« sagte Göthe, als er es gelesen hatte, indem er mir freundlich

ins Auge sah, und die Hand auf meine Schulter legte: »Ihr seid ein

Poete!« In mein Stammbuch schrieb er:

»Zum Andenken guter Stunden, dem Verfasser des Aladdin.«

Frau Schiller schrieb:

»=Der Sänger.=

Er breitet es lustig und glänzend aus,

Das zusammengefaltete Leben;

Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,

Ihm hat es die Muse gegeben.

Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,

Er führt einen Himmel voll Götter hinein.«

Frau Wollzogen schrieb: (auch nach Schiller)

»Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde,

Was der eine verspricht, leistet die andere gewiß.«

Riemer schrieb die Göthe'schen Zeilen:

»Danke, daß die Gunst der Musen

Unvergängliches verheißt;

Den Gehalt in Deinem Busen,

Und die Form in Deinem Geist.«

Ich komme später in dieser Lebensbeschreibung darauf, von Herrn Riemer

zu sprechen.

Nun verließ ich das deutsche Athen, wo ich so viele Freuden genossen,

und ahnte nicht, daß ich diese Stadt nach wenigen Monaten als den

unglücklichsten Schauplatz des traurigsten Krieges wiedersehen würde.

[Sidenote: Jena. -- Frommann. -- Göthe.]

Um Göthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genießen, ging ich nach

Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewöhnliche Sommerreise

nach Carlsbad machte. Es war ein schwüler Tag, als ich von Weimar nach

Jena wanderte; ich war warm und löschte meinen Durst rasch an einer

vorüberfließenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fühlte ich

eine Engbrüstigkeit, die mich im Anfang ängstigte und ich dachte:

»Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt

warst, geschadet haben?« -- Ich war mit Göthe bei dem Buchhändler

Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darüber freuen, weil mir

so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. -- Da sah ich zum Fenster

hinaus und entdeckte einen großen strahlenden Regenbogen, in dem

hauptsächlich der grüne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete.

Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf

athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt

Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefühl jenes Tages und das Bild des

Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den

fünften Act von Correggio dichtete.

Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Göthe's

Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er

täglich bei ihnen, das heißt am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit

Riemer einige alte, kühle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse.

Hier saß der Poet in Ruhe und ließ indessen den Minister in Weimar

zurück.

Dieses öde Schloß war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort

zum Dichten und Schreiben; auch mußte es ja wohl schön sein, einen

gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber das =Dictiren=,

das Göthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es

giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein

sein muß, ebenso wie im =Gebete=, und der Augenblick des Dichtens ist

ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer

etwas seine Gefühle zu äußern und sein Herz zu öffnen. Und kann man es

nicht an Göthe's Schriften aus der spätern Periode sehen, daß er solch'

einen Aufpasser im Augenblick der Empfängniß gehabt hat? Die ruhige,

klare Darstellungsweise, Besonnenheit und Billigkeit haben vielleicht

dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, kräftiges Gefühl, aufrichtige,

herzliche Mittheilung? -- Und soll wirklich der Dichter darnach streben,

bei seiner Kunst =kalt= zu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr,

daß seine Individualität sich in der Allgemeinheit verliert? In der

Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach das =Subjective= doch

die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er

gewiß auch; desto mehr verschiedene =Objecte= kann er durchdringen und

darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schönen Empfangen

und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz

besonders =seinen= Geist. Wenn wir den Straßburger Münster sehen, oder

das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mährchen vom Faust

lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir

Göthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Deßhalb muß der Dichter,

meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte

zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten;

er darf auch nicht suchen durch Kunst die =Eigenheit= seines Wesens

(Originalität) in =Allgemeinheit= zu verwandeln. Er ist und bleibt

doch eine schöne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hüten, ein

=Sonderling= zu werden. -- Daß der große Göthe, obgleich er in späteren

Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schönes schenkte,

das danken wir seinem mächtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden

Genius. Aber ich bin überzeugt, er würde bis ans Grab noch mehr von

seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schönen Leidenschaft eines

gefühlvollen Herzens ohne Nachtheil für seine Kunst bewahrt haben, wenn

er nicht dictirt hätte. Man brauchte ihn ja nur =reden= zu hören, um

sich hiervon zu überzeugen.

[Sidenote: Bekanntschaft mit Hegel.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 4 / 18 段