geworden, nun erholt sich die Frau aber von Tag zu Tag. Sie hat immer
sehr eifrig nach Dir gefragt; als ich ihr vor Kurzem erzählte, daß wir
seit langer Zeit Nichts von Dir gehört hätten, sagte sie: Oellensläger
ist meiner Seele ein rechtschaffener Mensch; daß er nicht schreibt, kann
man ihm nicht anrechnen; er hat jetzt nur so viel damit zu thun, all'
Das aufzuschreiben, was er sieht, um es später zu gebrauchen. Ja er ist
wahrhaftig ein fleißiger Mensch, das weiß ich; als er in meinem Hause
war, schrieb er oft halbe Nächte. Ja, ich kenne ihn, er hat fünf Jahre
hindurch in meinem Hause gegessen und getrunken (die gehörigen Knixe und
Complimente kannst Du Dir selbst hinzudenken).«
»Mir ist doch, als ob ich Dir etwas Neues von den Leuten erzählen
sollte. Nun habe ich Etwas. Siehst Du, man sprach im Winter davon, daß
Don Juan hier gegeben werden solle; aber es wurde aus einem prächtigen
Grunde Nichts daraus. Kierulf fand, daß es dem Publikum schaden, und den
Glauben an Gespenster befördern könne, wenn sich ein Geist sehen ließe,
ihn aber ganz zu beseitigen, ginge auch nicht, meinte er; er schlug
deßhalb vor es so einzurichten, daß einer von Don Juan's Freunden,
um ihn zu erschrecken, den Geist spielen solle, doch so, daß es dem
Publikum ein Geheimniß wäre. Kuntzen sagte zu der Veränderung geradezu
nein; das Stück wurde aber auch nicht gegeben; denn Kierulf blieb bei
seiner Behauptung, daß Alles, worin Geist sei, dem Publikum schade.«
* * * * *
[Sidenote: Abschied von Halle.]
Noch hatte ich mein Reisestipendium nicht bekommen; der Winter war vor
der Thür und Frau Steffens erwartete ihre Niederkunft. Endlich kam das
Geld. Die letzten vierzehn Tage in Halle wohnte ich im Gasthof zum
Kronprinzen. Dort blieb ich so lange, bis die kleine Clara geboren war.
Den letzten Abend waren Steffens und Schleiermacher bei mir. Steffens
las meinen dänischen Hakon Jarl vor und Schleiermacher verstand fast
jedes Wort davon. Es verursachte mir Schmerz, mich von diesen lieben
Freunden zu trennen; doch hatte ich Hoffnung, Steffens bald in Berlin
wiederzusehen. Schleiermacher schrieb zum Abschied die hübschen Zeilen
von Novalis in mein Stammbuch:
Was paßt, das muß sich ründen,
Was sich versteht, sich finden,
Was gut ist, sich verbinden,
Was liebt, zusammen sein;
Was krumm ist, muß sich gleichen,
Was hindert, muß entweichen,
Was fern ist, sich erreichen,
Was keimt, das muß gedeihn.
* * * * *
[Sidenote: Berlin. Der dänische Minister.]
Als ich nach Berlin gekommen war, ging ich am ersten Abend in die
Redoute, wo ich zum ersten und letzten Male die holde Königin Louise
-- merkwürdig genug -- als Psyche, mit Schmetterlingsflügeln an den
Schultern, sah. War es eine Vorahnung, daß die edle Seele bald dem
Irdischen enteilen würde?
Reichardt war vorher mit Arnim nach Berlin gekommen. Er schlug mir vor,
ein Zimmer neben dem seinigen in der Leipziger Straße zu miethen, und
erwies mir viel Artigkeit; denn drei Wochen lang war ich fast immer mit
ihm zu Mittag und Abend in großen Gesellschaften. Wie er es gemacht hat,
weiß ich nicht. Ich hatte nichts Anderes zu thun, als mich anzukleiden
und ihm zu folgen; ich kannte die Leute nicht zu denen ich kam und
wußte selten ihre rechten Namen; als ein junger, verlegener Mann sprach
ich auch nur wenig mit ihnen. Reichardt präsentirte mich als einen
=dänischen Dichter=; und so kam ich =an= den Tisch wie die Kartoffeln,
als sie zum ersten oder zweiten Male nach Europa kamen, =auf= den Tisch:
als eine Naturseltenheit! Denn mit Ausnahme von Baggesen hatten die
brillanten deutschen Gesellschaften damals noch keinen dänischen Dichter
gesehen; später hat die Race sich bedeutend vermehrt.
Ich war bereits vierzehn Tage in Berlin gewesen, als Reichardt mich
eines Morgens fragte: »Sind Sie bei Ihrem Minister gewesen?« -- »»Mein
Minister?«« -- »Nun ja, den dänischen Minister meine ich.« -- »»Nein,
ich kenne ihn nicht, habe auch keinen Brief an ihn. Soll ich zu ihm
gehen?«« -- »Ja das versteht sich. Sie sehen ihn heut Abend beim
Minister Schröter und müssen ihm nothwendig vorher Ihre Aufwartung
gemacht haben.« -- »»Nun, dann werde ich sie machen.«« -- Ich ging hin,
Graf Baudissin kam mir in seinem Zimmer mit den Worten entgegen: »Womit
kann ich Ihnen dienen?« -- Ich antwortete: »»Damit, daß Ew. Excellenz
mir erlauben, Ihnen als reisender Däne meine Aufwartung zu machen!««
-- Unser Gespräch war bald beendigt, und ich sprach mit ihm erst vier
Jahre später, als ich nach meiner Rückkehr eines Abends beim Grafen
Schimmelmann Correggio vorlas.
So sehr ich nun auch Reichardt verpflichtet war, daß er mich mit der
großen berlinischen Welt bekannt machte, so amüsirte es mich meiner
Natur nach doch nicht lange, eine Art geistigen Pumpernickels oder
nordischen Schwarzbrotes in ihren Theezirkeln zu sein. Ich pflegte
hauptsächlich die Bekanntschaften, wo ich eine Heimath wiederfand,
die mir stets unentbehrlich war. In den Häusern von Reichardt's
Schwiegersöhnen, den Geheimräthen Alberti und Pistor, bei Herrn von
Schock, mit Pistor's Schwester verheirathet, bei Buchhändler Reimer und
Professor Spalding war ich bald wie zu Hause. Diese braven Leute gingen
mit mir, wie mit einem Bruder um und erwiesen mir eine Güte, die ich nie
vergessen werde. Ich brachte fast jeden Abend bei einem von ihnen zu,
und las ihnen oft Holberg's Komödien in der alten deutschen Uebersetzung
zu ihrer Zufriedenheit vor, was eine große Ehre für mich war, da sie
gewohnt waren, Tieck den Holberg bei ihnen vorlesen zu hören, der, wie
bekannt, ein sehr großes Talent dazu hatte. Nun fand man, daß auch ich
es recht gut machen könne, wenn gleich auf eine andere Art. Ich besuchte
die geistreiche Hofräthin Herz; bei ihr nun in mehreren Gesellschaften
las ich meinen Aladdin aus dem dänischen Buche Deutsch vor, freilich
mit vielen Sprachfehlern, aber doch rasch und fließend. Ich ging mit
dem verständigen, treuen Alberti spazieren, bewunderte die mechanischen
Fertigkeiten des lebhaften Pistor; mit ihren Frauen sprach ich von
Giebichenstein und Kopenhagen; und ein hübsches, kleines Kind war auch
da, mit dem ich spielen konnte.
* * * * *
[Sidenote: Die Hofräthin Herz. Fichte.]
Ich besuchte =Fichte=. Er war erst etwas abstoßend gegen mich, aber
wir wurden bald gute Freunde. Ich mußte mich an seinen docirenden Ton
gewöhnen; er pflegte vorauszusetzen, daß man ihn nicht verstand und
nicht begriff. Aber als er merkte, daß ich auf meine Weise menschlich
denken könne, wurde er mir gewogen und sagte: »Oehlenschläger ist
ein wackerer Mann! Er muß meine Wissenschaftslehre studiren.«
Dies schmeichelte mir; denn ich wußte, daß es das größte Lob war,
welches er einem Menschen gab, wenn er ihn befähigt glaubte, seine
Wissenschaftslehre zu verstehen. Bei unsern ersten Gesprächen kamen wir
etwas in Reibung; Pastor =Metger= berief mich zu ihm. Wir sprachen von
Iffland; Rabbek hatte mir einen Brief an Iffland mitgegeben, und, obwohl
dieser eigentlich nichts weiter mit mir, als einem Anhänger der neuen
Schule zu thun haben wollte, so gab er mir doch ein Freibillet fürs
Theater. Dies war mir sehr lieb und verschaffte mit die Gelegenheit, oft
sein großes Talent, besonders für das Komische zu bewundern; denn für
das Tragische hatte die Natur ihm eigentlich keine Anlage gegeben; Alles
war nur Studium und Routine, und deßhalb war er auch, meiner Ansicht
nach, in ernsten, hohen Rollen affectirt und kalt. Dagegen besaß er in
hohem Grade einfache Natürlichkeit und eine schalkhafte Ironie bei der
Darstellung des Lächerlichen und Bizarren; in solchen Rollen war er
unbezahlbar.
[Sidenote: Fichte über Iffland.]
Also -- ich spreche von Iffland und lobe seine Kunst. »Ja,« antwortete
Fichte mit starker, verächtlicher Betonung, »er versteht die
Erbärmlichkeit gar wohl darzustellen.« Ich fühlte mich durch diese Worte
und ganz besonders durch den Ton in dem sie gesagt wurden, gekränkt. Wer
die Erbärmlichkeit bewundert ist selbst erbärmlich. Ich wagte ihm zu
widersprechen und sagte: »Ich glaube, Iffland stellt nicht allein das
Erbärmliche gut dar, sondern Alles, was komisch ist.« -- »»Was stellen
Sie mir da auf?«« rief Fichte hitzig; und nun fing er an, weitläufig
Etwas zu demonstriren, dessen Inhalt sein sollte, daß alles Komische
erbärmlich oder jämmerlich sei. Ich fühlte, daß in seiner Beweisführung
etwas Schiefes sei, konnte es aber nicht gleich herausfinden; ich
wollte mich nicht in einen philosophischen Streit mit ihm einlassen, in
dem ich gewiß zu kurz gekommen wäre, besonders wenn ich =seine= Worte
und Ausdrücke gebrauchen sollte; und ich sagte: »Verzeihen Sie Herr
Professor! im täglichen Gespräche wägt man seine Worte nicht so genau
ab.« -- »»O mein Herr,«« rief er heftig, »»vor unnöthigem Geschwätz
habe ich allen möglichen Respect! Ich überlasse Sie dem Herrn Pastor
Metger!«« -- Ich antwortete stolz: »Wenn zwei vernünftige Männer, wie
Sie und ich, Herr Professor, mit einander reden, so schwatzen sie
nicht, weil der Eine sich nicht der Redeweise des Andern bedient. Wie
in aller Welt,« fuhr ich milder und betrübt fort, weil ich nicht gern
in Feindschaft von diesem ausgezeichneten Manne scheiden wollte --
»können Sie verlangen, daß ich, ein junger Dichter, reden soll, wie Sie,
ein alter Philosoph?« -- »»Darin hat er Recht!«« rief er gutmüthig und
versöhnt zum Prediger, indem er mir die Hand reichte. -- Von der Zeit an
waren wir Freunde.
[Sidenote: Umgang mit Fichte.]
Fichte kam mir bei dieser Gelegenheit, wie ein gewisser alter
General vor, der seine jungen Officiere bei erster Bekanntschaft
stets beleidigte, nur um zu prüfen, ob sie Muth genug hätten, ihn
herauszufordern. Er verehrte mir ein Entreebillet zu seinen »Anweisungen
zum ewigen Leben«. Ich hörte ihn, kann aber nicht gerade sagen, daß es
einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hätte. Er suchte mit vieler
Umständlichkeit den Begriff von =Sein= und =Dasein= populär zu machen.
Sein Gesicht war stolz und verdrießlich, gleichsam aus Mißvergnügen
darüber, daß seine Rede nicht genug bewundert wurde. Eines Abends beim
Geheimrath Hufeland sprach ich die ganze Zeit über mit Fichte. Ich bat
ihn stets, zu bedenken, daß ich Dichter und nicht Philosoph sei, daß
ich aber, da ich glaubte, der Dichter müsse von Allem Etwas kennen, auf
der Landkarte der Philosophie doch nicht ganz unwissend in Betreff der
Gegenden und Städte sei, die zunächst an das Reich der Poesie grenzten.
Von Steffens sprach ich gar nicht, da ich wußte, daß sie sich nicht
leiden konnten. Wir sprachen von Voß und Jean Paul. Um ihm klar zu
machen, was ich von ihnen hielte, bediente ich mich einiger mir eigenen
Ausdrücke. »Es ist vortrefflich, was Sie da sagen,« rief er aus, »es ist
besser, als was Voß und Jean Paul je in ihrem Leben gesagt haben!« --
»»Ach Herr Professor,«« antwortete ich, »»ich bitte!«« -- »Oh« fuhr er
mit der ihm eigenen Süffisance fort, »ich werde es Ihnen auch eben so
gerade heraus sagen, wenn Etwas kommt, was nicht gut ist.«
Ich las ihm einige Abende darauf meinen dänischen Hakon Jarl Deutsch
vor, und er war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Im fünften Act, wo Olaf
zu Hakon sagt:
»Mit seinem Blut muß er die Sünde büßen!
-- So lang der Heide lebt,
Kann nicht des Christenthumes Rose blühen;«
wurde Fichte aufgebracht und rief in seiner gewöhnlichen verdrießlichen
Art: »Was Teufel, geht ihn das an?« -- Ich schwieg und las weiter. Als
ich fertig war und er das Stück sehr lobte, sagte ich: »Herr Professor,
Sie wurden bei einer Stelle böse, wo Olaf über den Hakon spricht; finden
Sie da vielleicht einen Fehler?« »»Nein,«« entgegnete er ruhig, »»das
galt nicht Ihnen. Als Dichter hatten Sie es ganz recht gemacht; aber der
Kerl der Olaf hatte doch Unrecht!««
[Sidenote: Fichte als Philosoph und Mensch.]
Und doch wollte sein Freund Pastor Metger nicht zugestehen, daß er naiv
sei, als wir später über Naivetät sprachen und Fichte behauptete, er sei
im Besitze dieser Eigenschaft. »Nein, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Herr
Professor,« sagte der milde, bescheidene, aber auch wahrheitsliebende
characterfeste Mann, »naiv sind Sie nicht!« -- »»Was,«« rief Fichte,
»»ich wäre nicht naiv? Was sagen Sie dazu, Oehlenschläger?«« -- Ich
antwortete: »Wenn Naivetät darin besteht, eine gewisse kindliche Natur
ohne Reflexion, ohne Rücksicht auf Convenienz zu zeigen, so kann man
Ihnen gewiß nicht die Naivetät absprechen. Ich meine, jedes Genie,
selbst ein philosophisches muß etwas Kindliches, Unbewußtes haben, sonst
würde ihm ja die Grazie fehlen.« -- Hiergegen hatte der große Philosoph
Nichts einzuwenden.
Zu gleicher Zeit, wo ich seine Vorlesungen über die Anweisung zum
ewigen Leben hörte, las ich auch einige seiner populären Schriften.
In Allem bewunderte ich den tiefen Denker, den Helden für Wahrheit
und Tugend, den begeisterten Redner, den kräftigen Menschen. Fichte
hatte meiner Ansicht nach nur einen Fehler: er glaubte, daß seine
Denkungsweise die einzigwahre, die absolute sei. Aber es wäre gewiß
schlimm um das menschliche Denken bestellt, wenn die Wahrheit
sich nur auf eine Weise erkennen ließe. Was hätten denn zukünftige
Geschlechter und deren große Männer anders zu thun, als das bereits
Gesagte und Gedachte zu wiederholen? Es giebt nur Eine ewige Wahrheit,
wie Eine ewige Schönheit; aber die Gesichtspunkte für das Wahre können
ebenso verschieden sein, wie für das Schöne und eine ebenso große
Mannigfaltigkeit gestatten. Wir stehen als Lehrlinge um das ewige Ideal
der Wahrheit und Schönheit; Jeder macht von seinem Standpunkte aus seine
Basreliefs; jedes wird anders -- oft fehlerhaft -- und doch können sie
alle wahr und schön sein.
Fichte war ein tugendhafter, ehrlicher, kräftiger, guter Mann, aber
auch stolz auf seine Vorzüge. Selbst in der Poesie hatte er Versuche
gemacht und gezeigt, daß er Talent und Stärke in dem lyrischen Ausdrucke
besaß. Wir sprachen von einigen lateinischen Hymnen, die A. W. Schlegel
übersetzt hat. »Ich habe sie auch übersetzt,« sagte Fichte, »aber ich
will sie nicht drucken lassen; A. W. Schlegel ist mein guter Freund.« --
Zu einem andern guten Freunde hörte ich ihn sagen, als dieser meinte,
daß es kein Verdienst für ihn sei, so geisteskräftig zu sein, da er
auch körperlich stark wäre: »Meint Ihr, ich würde diese Waden und diese
Schultern haben, wenn ich mir nicht jene Maximen angeschnallt hätte?«
[Sidenote: Fichte's Aufenthalt in Kopenhagen.]
Wie sehr freute es mich, als ich einige Zeit darauf hörte, daß Fichte
in Kopenhagen gewesen sei, und daß der edle A. S. Oersted, der ihn
als Jüngling so fleißig studirt hatte, ihn als Mann persönlich kennen
lernte. Meine Schwester schrieb mir mit vieler Freude, daß sie mit
Fichte im Südfelde spazieren gegangen sei, daß er einen Tannenzweig bei
dem norwegischen Hause abgebrochen und ihr gegeben habe »damit sie davon
ihrem Bruder einen Kranz flechten solle.«
Fichte schlief eine Nacht auf dem Friedrichsberger Schloß bei
meinem Vater, und hier zeigte sich wieder ein Zug seiner Naivetät,
indem er sich einen ganzen Abend mit dem Alten, der einen gesunden
Menschenverstand hatte, aber nichts weniger als Philosoph war, über die
verschiedenen philosophischen Ansichten und seine Streitigkeiten mit
Schelling einließ. Er lieh auch meinem Vater eins seiner Bücher zum
Durchlesen. Mit diesem Buche saß er gerade in der Hand, als Frau Rahbek
ihn Tags darauf besuchte. »Was für ein Buch liest Du da?« fragte sie ihn
in ihrem gewöhnlichen scherzenden Ton; und er antwortete in demselben
Ton, aber mit einem gewissen Stolz: »»Laß liegen Kind! es ist Fichte. Er
war gestern Abend bei mir; wir sprachen bis in die späte Nacht zusammen;
Du kannst glauben, da ging's auf die Systeme los!««
* * * * *
[Sidenote: Erste Ereignisse in Berlin.]
Aber ich kehre wieder nach Berlin zurück. Reichardt reiste im März
nach Giebichenstein, und ich wohnte allein. Mein Wirth war ein alter
Friseur, der mir gleich bei meiner Ankunft einen schlechten Streich
gespielt hatte. Meine Haare mußten nämlich geschnitten werden, da sie
seit einem halben Jahre keine Scheere berührt hatte; ich fragte ihn, ob
er das Haar nach Berliner Mode schneiden könne? -- »Das versteht sich,«
sagte er, »lassen Sie mich nur machen.« Nun fing er an zu schneiden;
aber da er ein alter Perückenmacher war, der nur mit todten Haaren
zu thun gehabt hatte, so verstand er sich gar nicht darauf, mit den
lebendigen umzugehen. Er machte einen Fehler nach dem andern, die er
alle damit gut machen wollte, daß er noch mehr wegnahm; und so schor
er mich ganz entsetzlich, so daß ich zuletzt nur einen kleinen Schopf
auf der Stirn hatte. Mit dieser Coiffüre mußte ich alle meine Besuche
mit Reichardt in der großen Welt, als dänischer Dichter machen. Die
Leute glaubten vielleicht, daß das Mode in Kopenhagen sei und das
verdroß mein patriotisches Gefühl. Indessen versöhnte ich mich doch
bald mit dem armen Perückenmacher. Sein Sohn, der ein wirklich guter
Friseur und Reichardts Diener war, wurde kurze Zeit nach Reichardt's
Abreise krank und starb. Eines Abends, als ich spät nach Zwölf nach
hause kam, sagte der Vater, indem er mir die Treppe hinaufleuchtete:
»Sie haben wohl Nichts dagegen, daß ich nur für heute Nacht die Leiche
meines Sohnes in das Zimmer des Herrn Kapellmeisters gestellt habe?« --
»»O nein,«« antwortete ich langsam. Er setzte das Licht auf den Tisch
und ging. Reichardt's Zimmer grenzte dicht an das meinige. Ich fing
an, mich auszukleiden und wollte so thun, als wenn Nichts geschehen
wäre. Seit langer Zeit hatte ich, in dem bunten Treiben bei den vielen
Gesellschaften, keine melancholischen Gedanken gehabt. Nun sollte ich
Thür an Thür mit einer Leiche schlafen; das hatte ich nie gethan; nach
dieser Nachbarschaft sehnte ich mich durchaus nicht.
[Sidenote: Eine unruhige Nacht.]
Die alten halbvergessenen Gespenstergeschichten erwachten wieder in
meiner Erinnerung; und obgleich Hoffmann noch Nichts der Art gedichtet
hatte, so begannen die berliner Theezirkel doch in meinem Gehirne sich
mit dem Uebernatürlichen und Grausigen zu vermischen. Endlich konnte
ich es nicht länger aushalten, kleidete mich wieder an, nahm meinen
Hut, ging zu dem Vater des Verstorbenen hinunter und sagte: »Obgleich
ich nicht abergläubisch sei, müsse ich mich doch davor hüten, meine
Phantasie zu sehr aufzuregen, es sei mir zuwider bei einer Leiche zu
schlafen, daher wolle ich in den goldenen Adler gehen und da bis morgen
bleiben.« Als ich aber dahin kam, war es zu spät und ich konnte kein
Zimmer mehr bekommen. Ich versuchte es noch an ein paar andern Orten,
immer später und vergebens. -- Die Märznacht war sehr kalt. Ich lief
die Straßen auf und ab, bis ich vor Müdigkeit und Schläfrigkeit nicht
länger konnte. Es blieb mir nun nichts Anderes übrig, als wieder nach
dem Leichenhause zurückzukehren. Ich that es, klingelte und der Alte,
der nicht zu Bett gegangen war, leuchtete mir unverdrossen wieder die
Treppe hinauf. Nun war das Gaukelspiel der Phantasie vorüber, wie auf
einer Bühne, wenn die Lichter gelöscht worden sind. Ich sah nur den
alten niedergeschlagenen Vater und ärgerte mich über meine vorherige
egoistische Schwärmerei, die ein leerer Traum im Vergleich zu der
wirklichen Trauer des alten Mannes war. Ich legte mich rasch zu Bett und
schlief gleich ein.
* * * * *
[Sidenote: Bekanntschaft mit Himmel.]
Einige Tage darauf traf ich an der _table d'hôte_ den Kapellmeister
=Himmel=. Wir saßen zufälliger Weise neben einander. Er ließ sich in
ein Gespräch mit mir ein und an einigen Aeußerungen merkte ich, daß er
mich kenne. »Habe ich die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?« fragte ich.
»»Ja,«« entgegnete er, »»ich weiß, daß Sie ein guter, junger dänischer
Dichter sind; und ich würde bereits früher ihre Bekanntschaft gemacht
haben, wenn Sie nicht stets in der Gesellschaft eines Mannes gewesen
wären, den ich für den Tod nicht leiden kann.«« -- »Nun,« antwortete
ich, »da ich mit ihm umgehe, so zeigt das, daß ich ihn gut leiden kann.«
»»Nun, so wollen wir nicht mehr von ihm sprechen,«« sagte Himmel, indem
er mein Glas füllte! -- Er war sehr aufgeräumt und gesprächig, erzählte
mir von seinen Reisen, und als wir gegessen hatten, fragte er, ob ich
ihn nicht nach Hause begleiten wolle, er wohne gerade in der Nähe.
-- Da ich nun wußte, daß er kurz vorher eine Oper »=Die Sylphiden=«
componirt hatte, von der ich gern etwas hören wollte, so ließ ich mich
nicht zwei Mal bitten. Er wohnte sehr hübsch und in seinem Zimmer
waren elegante Möbel; aber Alles lag in größter Unordnung drüber und
drunter. Die mediceische Venus stand mitten in der Stube. Rund umher
lagen Guitarren, Bücher, Pomadenbüchsen, Eaudecologneflaschen, Stiefel
u. s. w. Kaum traten wir ins Zimmer, so rief er: »Peter, Champagner!«
-- Mit unglaublicher Schnelligkeit kam der Diener mit Wein und Gläsern
auf einem Präsentirteller und öffnete die Flaschen, so daß der
Champagnerschaum der Venus gerade ins Gesicht sprützte. »Herr Gott, Herr
Kapellmeister, wie können wir jetzt trinken,« fragte ich, »wir kommen
ja eben vom Tisch?« -- »»Champagner kann man immer trinken, das ist ein
unschuldiger Saft; thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie
noch ein Glas mit mir!«« -- »Wohlan!« entgegnete ich, »aber dann müssen
Sie mir auch einen Gefallen thun und mir etwas aus Ihren Sylphiden
vorspielen.« »»Sehr gern!«« »»aber erst muß ich etwas still sitzen und
wieder in Ordnung kommen; jetzt kann ich unmöglich spielen. Wollen Sie
einmal sehen!«« -- Er ging ans Pianoforte und seine außerordentliche
Dicke verhinderte ihn wirklich daran die Tasten zu berühren; denn
sein Leib ragte fast weiter hervor, als seine Arme reichen konnten.
»»Das giebt sich Alles,«« sagte er, »»wenn wir nur einen Augenblick
Geduld haben.«« Und kaum war eine Viertelstunde verlaufen, so hatte er
wirklich so viel Raum gewonnen, daß er das Klavier mit den Fingerspitzen
erreichen konnte. Welche Fertigkeit! welcher Vortrag! welche Grazie!
So wie der Elephant seine ganze Geschmeidigkeit im Rüssel hat, so
hatte Himmel sie in seinen Fingerspitzen. Alles, was er spielte, war
schön, melodienreich und originell. Ich hatte bereits früher seine
=Fanchon= gehört, in der sein Character sich treu abgespiegelt: keine
Tiefe, kein wahrer Ernst; aber schöne Sinnlichkeit, anmuthige Liebe,
und behagliches, munteres Wohlleben. Er konnte es doch nicht lassen,
auf Reichardt zu sticheln, den er den Herrn »Salzdirector« nannte,
weil Reichardt die Aufsicht über die halle'schen Salinen hatte. Himmel
meinte (mit Unrecht) daß er hiezu mehr Genie, als zur Musik habe; denn
war Reichardt auch kein eigentlich dramatischer Componist mit kühner
Einbildungskraft und Feuer, so hat er doch in andern Compositionen,
besonders in den herrlichen Melodieen zu Göthe's Gedichten ein schönes
Gefühl, einen feinen Geschmack und Sinn für Poesie gezeigt. Himmel's
Bildung schien nur musikalisch zu sein; doch hatten die Welt und sein
munteres sanguinisches Temperament ihm eine Politur als angenehmer
Gesellschafter gegeben.
* * * * *
[Sidenote: Alexander von Humboldt.]
Mein höchster Genuß in Berlin waren Mozart's Meisterwerke, Figaro
und Don Juan, die ich jetzt erst kennen lernte. Indem ich diese
unvergleichliche Musik hörte, öffnete sich mir eine neue und doch so
bekannte Welt. Ich hörte Sophokles, Shakespeare und Göthe in Tönen, wie
ich sie später bei Raphael in Farben sah.
Steffens kam auch nach Berlin, und ich sah ihn oft bei Alberti's.
Ich sprach zuweilen mit Alexander von Humboldt und hörte ihn oft
in Gesellschaften von seinen Reisen erzählen. In der Akademie der
Wissenschaften las er ein Mal, als ich zugegen war, eine Abhandlung über
die üppigen Vegetationen der Natur vor. Er schloß mit der Bemerkung, daß
dasselbe mannigfache Leben, das physisch in den wärmeren Himmelsgegenden
blüht, sich moralisch und psychisch im Norden in der Phantasie und in
den Werken der Dichter wiederhole.
[Sidenote: Johannes Müller.]