Auch mein lieber, höchst poetischer Steffens theilte damals noch die

Vorurtheile der poetischen Schule gegen Schiller, was mir sehr leid

that; besonders als er einmal anfing Wilhelm Tell in der Gegenwart eines

jungen Schweizers, eines seiner Zuhörer, vorzulesen, das Buch aber

mitten während der Vorlesung, so daß es auf den Boden hinfiel, mit den

Worten fortwarf: »Das kann ich nicht länger aushalten.« Ich konnte es

auch nicht länger aushalten und ging auf mein Zimmer. Steffens folgte

mir auf dem Fuße. Sein Zorn gegen Schiller galt eigentlich mir, weil

er wußte, daß ich großen Werth auf Wilhelm Tell legte, und da er sich

noch nicht von der alten Gewohnheit losreißen konnte, meinen Geschmack

beherrschen zu wollen, so betrachtete er meine stumme Mißbilligung als

einen vermessenen Aufruhr und verfolgte mich. Ich hatte vorausgesehen,

daß dieß geschehen würde, und um eine heftige Scene zu verhüten, schloß

ich die Thüre ab; aber unglücklicherweise war es eine Glasthür. Als er

nicht gleich herein kommen konnte, schlug er die Scheiben ein, öffnete

die Thür von innen und fragte mich nun erbittert, ob ich ihn aus seinem

eigenen Hause ausschließen wollte? Dies war der Culminationspunkt des

Zornes; denn kaum hatte ich ihm einige freundliche Worte gesagt und

ihn daran erinnert, er möge sich hüten, seine Frau zu erschrecken, die

hochschwanger war, so umarmte er mich brüderlich, schwamm in Thränen und

küßte mich. Eine so wunderbare, leichtbewegliche Natur war Steffens,

aber höchst liebenswürdig, poetisch, gedankenreich, originell. Ich habe

keine ähnliche Natur gekannt. In Manchem glichen wir uns; ich war auch

hitzig, hatte aber doch mehr von dem, was die Franzosen _gros bon-sens_

nennen. Die augenblickliche Inspiration strömte stets über seine Lippen,

ich verschloß meine Begeisterung mehr für meine Werke; in muntern

Einfällen und poetischen Phantasieen begegneten wir uns unablässig, und

dies gab unserm Zusammenleben einen großen Genuß und eine sehr angenehme

Erquickung. Aber in seine Einseitigkeit konnte ich mich nicht länger

finden. Auch Lessing's Nathan und Voß' Louise vertheidigte ich aufs

Neue mit vielem Eifer, Lessing hatte ich niemals aufgegeben und gegen

den Tadel der romantischen Schule, daß man ihn zu kalt verständig fand,

hatte ich bereits in meiner Langelands Reise Etwas an Lessing mit den

Worten geschrieben:

»Sag' wer lehrte Dich selbst den Verstand romantisch zu machen?«

Bei diesem Verhältniß war es um so merkwürdiger, daß Steffens nicht

verstimmt gegen mich wurde und mich etwa durch Lauheit gegen meinen

Hakon Jarl bestrafte. Im Gegentheil, er legte großen Werth darauf und

dies war ein Zug seines guten Herzens; denn ein Anderer von seiner

Klugheit, ohne sein Herz, würde genug zu tadeln gefunden haben, wenn er

einmal Den tadeln =wollte=, der ihm oft genug schroff widersprach.

* * * * *

[Sidenote: Aufnahme Hakon Jarl's.]

Ehe ich weiter reise wird es meine Leser vielleicht interessiren,

Etwas über die Wirkung, welche Hakon Jarl in der Heimath hervorbrachte,

und über die Annahme des Stückes zu hören. Ich war im hohen Grade

gespannt, ehe ich Etwas von dem Schicksal des Stückes wußte und

fürchtete, daß es ebenso, wie Freia's Altar verworfen werden würde.

Schleiermacher tröstete mich an dem Abend, wo Steffens uns das Stück

vorlas und sagte, daß er, obgleich er sich nicht große Begriffe von der

Theaterdirection mache, doch 4 Groschen gegen 10 Louisd'or wetten wolle,

daß das Stück angenommen werde. Dies war mir um so wichtiger, als mein

Reisestipendium, 500 Thaler, forderte, daß ich mir durchaus Etwas dazu

verdienen müsse, wenn es genügen sollte. Ich hatte durch H. C. Oersted

zwei Exemplare an die Gräfin Schimmelmann geschickt und hoffte, daß sie

es für mich einreichen würde; die Gräfin aber, welche wahrscheinlich

fühlte, wie komisch es sei, wenn Hakon Jarl einer Dame seine Einführung

auf der Bühne verdanke, sandte Oersted das eine Exemplar zurück; er ließ

es mich wissen und ich schrieb nun gleich einen Brief an die Direction.

Hierauf erhielt ich die Antwort, daß sie das Stück zur Aufführung

angenommen habe, selbst wenn der Verfasser dieselbe unbedingt ohne

Veränderung fordere; da das Stück aber viel zu lang sei, so wolle sie

mir sagen, was sie weggelassen wünsche, ohne, wie sie glaube, dadurch

dem Ganzen zu schaden. Hierunter war nun: »Die Scene, in der Grib König

spielt«, die Nichts mit der Haupthandlung zu thun habe, und eines so

langen Zwischenraumes bedürfe es nicht, damit Bergthor seine Tochter

einschließen könne. Eine Scene mit Karker brauche auch nicht so lang zu

sein, »um Karker's Dummheit zu schildern, die ja so schon deutlich genug

sei.« »Einar's und Hakon's Scene würde Schwierigkeit bei der Aufführung

finden, wenn der sichere Schuß gesehen werden solle, wo nicht, so

würde die Scene ohne Effekt auf der Bühne sein.« Auden's Offenbarung

wünschte man auch weggelassen, die große Masse der Zuschauer würde sie

uninteressant finden. Es würde dem Theater auch höchlich conveniren,

und das Interesse des Publikums für den Helden nicht verringern, wenn

Thora's letzte sentimentale Scene fortbliebe. Endlich ließ man mich

wissen, daß vor Hakon Jarl ein anderes Originalstück (Die Danen-Frauen,

von Möller) eingeliefert sei, welches gleich diesem einen Theil Unkosten

erfordere; daher müsse die Aufführung des Hakon Jarl ausgesetzt bleiben,

bis die Theatercasse im Stande sei, so viele Ausgaben zu machen.

So kam ich doch noch ziemlich gnädig davon. Der Geist, -- wenn ich

mich dieses Ausdrucks bedienen soll -- in diesem Schreiben der

Theaterdirection war Prof. Kierulf, ein sehr braver, gelehrter, in

vielen bürgerlichen Dingen vernünftiger Mann, aber kein Schöngeist. Er

konnte es wohl nicht vergessen, daß ich vor 10 Jahren als Knabe auf der

Schulbank saß, wo er mich in der Geschichte examinirte. Daß er damals

sehr zufrieden mit mir war, hatte er dagegen wahrscheinlich über den

tollen Verfasser des tollen Freia's Altar vergessen. Ich fand es sehr

natürlich, und habe in viel spätern Jahren ähnliche Schulmeistereien

und Zurechtsetzungen von einem jüngern ähnlichen Kritiker geduldet, der

später =selbst= zugestand, daß meine Schriften viel zu seiner Bildung

beigetragen hätten.

Daß Hakon Jarl in meinem Familien- und Freundeskreise Freude und

Begeisterung hervorrief, kann man sich denken. Christiane schrieb mir:

»Donnerstag kamen alle Deine Herrlichkeiten an; am Abend war ich bei

Oersted, um Sophie Deinen Brief zu zeigen. Wir beschlossen gleich,

daß Hakon Jarl am Sonntag Abend vorgelesen werden solle. Ich übernahm

es sofort, nach dem Hügelhause hinauszuschreiben, um zu hören, ob es

Rahbek Recht sei, und bekam die Antwort, die ich längst geahnt hatte:

daß Rahbek auf eine so lange Reihe von Abenden keine Zeit habe, daß

wir uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen müßten, das Stück von ihm

lesen zu hören. Karl schwor Stein und Bein, daß er es nicht lesen

könne; aber nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er, daß er es

verteufelt gern möchte. Ich bereitete ihn darauf vor, daß Vater mit

zu Oersteds kommen wolle; da erschrak er sehr und meinte, daß Vater

sagen würde, er lese jämmerlich vor; da aber Karen Margrete und ich ihn

trösteten, so faßte er Muth. Er ging gleich zu Doctor Oersted hin, um

das Stück durchzusehen um so bekannt damit zu werden, daß er wenigstens

die Handschrift ohne Stockung lesen könne; Du kannst Dir aber leicht

denken, daß, je mehr er las, ihm umsomehr angst und bange wurde, und er

an demselben Abende ganz den Muth verlor. Von dem Augenblicke an, wo er

versprochen, es uns vorzulesen, hatte er nichts Anderes im Kopfe, als

die schwere Arbeit, die er übernommen hatte. Jeden Augenblick schlug er

einen andern Menschen vor, von dem er schwur, daß er das Stück tausend

Mal besser lesen könne als er selbst. Rosing lag ihm immer im Kopfe.«

Hier will ich Carl Heger's eigenen Brief mittheilen:

»In einem beständig steigenden Freudenrausch über Alles, was ich nun

seit drei Tagen über Dich und von Dir gehört habe, Du herrlicher Junge!

habe ich gelebt, und lebe ich, so zu sagen, noch jetzt. In solcher

Verfassung kannst Du Dir leicht meine Unfähigkeit vorstellen, Dir Etwas

mitzutheilen und zu schreiben, in dem Verstand wäre. Einen kleinen

Anfang aber, um mich Dir ein Wenig zu zeigen, will ich diesmal doch mit

Karen Margrete's Brief folgen lassen. Sie bittet mich auch so dringend

darum. Und wenn es Dir lieb ist, daß ich zuweilen fortfahre, so soll es

geschehen. Gott weiß, wie gern ich es thue.

[Sidenote: Hakon Jarl.]

Dein »Hakon Jarl« wurde uns also, wie Du nun schon weißt, von

Rosing vorgelesen. Ich glaube es wird Dich unterhalten, wenn ich Dir

erzähle wie es zuging, und wie liebenswürdig und zuweilen komisch er

sich bei der ganzen Geschichte benahm. Zugleich erfährst Du, was mir

zur Entschuldigung dienen muß, wenn Du, was mich sehr schmerzen würde,

unzufrieden damit sein solltest. Da wir es nicht aufschieben konnten

bis Rahbek Zeit hatte, so hattest Du mich ja in Ermangelung seiner zum

Vorlesen ausersehen. Du kannst Dir selbst denken, wie lieb mir das

war. Aber, liebster Oehlenschläger! Du dachtest natürlich nicht daran,

daß ein Fremder in dem Kreise sein könne, in dem es vorgelesen werden

sollte, und Deine Freundlichkeit und gute Meinung über mich, die besser

ist, als ich sie verdiene, täuschen Dich, so daß Du glauben konntest,

ich sei im Stande, einer solchen Aufgabe auch nur einigermaßen zu

genügen. Es wurde indessen bestimmt, daß ich es lesen sollte. Aber je

länger ich darüber nachdachte, desto schwerer wurde mir die Aufgabe. Die

erste Nacht schlief ich nicht. Ich habe mich nie profaner gefühlt. Den

Abend vorher fand ich mich bei Hans Christian ein, um erst das Stück für

mich selbst durchzulesen. Ich las ihm den ersten Act vor, überzeugte

mich aber nun, daß ich meine Aufgabe ganz bestialisch lösen würde, wenn

aus keinem andern Grunde, so doch, weil meine Furcht unüberwindlich

sein würde. Auf dem Heimwege beschloß ich, den nächsten Morgen früh zu

Rosing hinauf zu gehen und ihn zu bitten, daß er mich erlösen möchte.

Er und seine Frau hatten mir vor langer Zeit eine Artigkeit erwiesen,

für die ich versprochen hatte, mich mündlich zu bedanken, was aber doch

vielleicht nie geschehen wäre, wenn mich dieses nicht veranlaßt hätte,

obgleich ich ihm seit langer Zeit nicht das Geringste mehr nachtrug.

Ich wußte, welch' einen enthusiastischen Freund und Bewunderer Du in

ihm hast, und daß Du ihm »Freia's Altar« vorgelesen hattest, ehe es

eingereicht wurde; ich war überzeugt, daß Du ihm auch »Hakon Jarl«

vorgelesen haben würdest, wenn Du hier gewesen wärest; ich kannte

ihn als einen Mann, der Geheimnisse zu bewahren weiß; kurz und gut,

ich fand nicht die geringste Bedenklichkeit. Ich kam hinauf, und im

Augenblick war die alte Bekanntschaft erneuert. Er war ganz so, wie ich

es wünschte, und mir war gleich so zu Muthe, als ob ich den Tag vorher

dort gewesen wäre. Ich benahm ihm gleich den einzigen Vorwand, den er

hätte benutzen können, wenn er aus gleicher Furcht, wie ich, mir eine

abschlägige Antwort geben wollte, indem ich nämlich innig seine stete

Unpäßlichkeit beklagte, worauf er mir natürlich versicherte, daß er

sich an diesem Tage sehr wohl befände. Ich rückte nun gleich mit meiner

eigentlichen Bitte vor, und ersuchte ihn um ein Gespräch unter vier

Augen. »Geht hinaus Kinder! und Du auch, Mutter!« Nun fing ich an, und

war eine Zeitlang sehr beredt. Als ich fertig war, strömte er von Deinem

Lobe über und sagte zuletzt: »Ich bin so froh, so froh, Dich bei mir

zu sehen, mein guter, guter Carl, daß ich wahrhaftig nicht weiß, was

ich Dir abschlagen könnte, wenn Du mich darum bätest.« Doch wünschte

er einen Aufschub; da ich ihm aber versicherte, daß es unmöglich sei,

ließ er seinen Schülern absagen und wir setzten uns gleich hin, um es

zu lesen, wobei sie zuhören durfte. Als der erste Act gelesen war, rief

er aus: »Das ist ein vortreffliches Stück! o, das ist ein göttliches

Stück!!« -- »»Wird's angenommen?«« fragte ich. -- »Ja, freilich wird's

angenommen.« Wir lasen weiter, aber als er mit Olaf näher bekannt wurde,

brach bisweilen, wenn wir unterbrochen wurden, in den Pausen, eine etwas

stürmische Aufregung los, er bekam nämlich Lust, den Olaf zu spielen.

Wo Grib sagt: »Er segelt auf Elivaga's Wogen nach Niffelheim«, rief er

aus: »Gott, welche Verse! Nein, die sind zu schön! Ich sehe ihn, weiß

Gott, segeln!!« Von Auden sagte er: »O, was ist das für eine schwierige

Rolle.« Einmal sagte ich ihm vom Hakon: »Das ist ein nordischer Heide,

Rosing!« -- »Ja, ein schrecklicher -- entsetzlicher Götzendiener!«

-- Glaube nicht, guter Oehlenschläger, daß ich, der oft zur Unzeit

scherzt, dies Alles schreibe, über das Du auch lachen wirst, etwa weil

das Komische, das während der Lectüre vorfiel, mein Inneres jetzt mehr

erfüllt, als Dein Stück. Nein: ich habe nichts Anderes im Kopfe und

werde wahrscheinlich lange an nichts Anderes denken, als an Dein Stück.

Welchen Eindruck die Scene in der Höhle, der sublime Epilog, kurz jeder

einzelne Theil und das Ganze auf uns machte, als wir fertig waren -- das

kann ich Dir unmöglich ausdrücken. Was er gesagt hat, als wir den ersten

Act gelesen hatten, wiederholte er mit noch erhöhterer Extase, als er

das ganze Stück beendigt hatte. Sie war nicht weniger davon entzückt

als er. Wie froh wir uns Alle am Nachmittage bei Oersteds versammelten,

wie wir überhaupt Dein Fest begingen, dass muß Karen Margrete und

Christiane Dir sagen und haben es Dir bereits gesagt. Ich will jetzt

nur noch hinzufügen, daß er meinem Urtheile nach das Stück im Ganzen

gut, und Hakon und vieles Andere, was Du Dir selbst sagen kannst, ganz

vortrefflich gelesen hat. Ich wollte wünschen, Du hättest ihn sagen

hören: »Goldharald, Graufell! -- Was wollt Ihr, Mädchen! u. s. w.« Ich

sagte endlich zu ihm: »Nun Rosing! wird ein anderer Sterblicher als Sie,

den Hakon spielen?« -- »»Nein,«« sagte er, »»ich glaub's bei Gott

nicht!««

Und nun guter, theurer Oehlenschläger! ich war der Unbedeutendste

von allen Denen, die Deinen Hakon hörten, aber doch weiß ich, daß Du

meinen Dank nicht verschmähst. Habe also tausend Dank! Ich war der

Unbedeutendste, und doch schien es mir bei der Lektüre, als ob ich viel

besser geworden wäre. Ich weiß nicht, welche Talente, oder, wie viel

ich besitzen könnte, und nicht bereitwillig eilen würde, Dir den Kranz

um die Schläfe zu winden. Ich muß doch wohl auch etwas Kunstsinn haben,

ob ich gleich, wenn ich mich auszudrücken versuche, gewöhnlich etwas

Ungeschicktes sage.

Karen Margrete treibt mich an, ich muß also schließen. Habe Dank für

die schönen Verse, in dem Briefe an meine Schwester, für das Lebewohl

an Giebichenstein! Lebewohl! Habe Dank, daß Du meiner so liebevoll

gedenkst, und behalte mich immer lieb, wie vorher!

Dein

C. =Heger=.«

Es war sehr hübsch von ihm, daß er Rosing veranlaßt hatte, den Hakon

Jarl zu lesen. So konnte dieser große Künstler, an den ich, als ich das

Stück dichtete, gedacht, und ihm die Rolle bestimmt hatte, den Hakon

Jarl doch wenigstens im Kreise meiner Freunde vorlesen, wenn gleich

Krankheit und darauf folgende Schwäche ihn verhinderten, jemals in

dieser Rolle vor dem Publikum aufzutreten. Ein alter Zwiespalt, der zehn

Jahre lang Carl Heger von Rosing getrennt hatte, mit dem er in seiner

Jugend in innigster Freundschaft lebte, hörte bei dieser Gelegenheit

auch auf.

Christiane setzt ihren Brief fort:

»Solch' einen Abend habe ich nie gehabt, mein guter Oehlenschläger; so

ist mir noch nie zu Muthe gewesen! Rosing bat uns, Nachsicht mit ihm

zu haben, da ihm Deine Handschrift ganz fremd sei. Er wurde zwischen

Carl und mich placirt, damit wir ihm im Nothfalle helfen konnten, was

doch selten nöthig war. Er las uns den Hakon Jarl meisterhaft, mit

unglaublichem Enthusiasmus vor; jedes Wort that seine Wirkung; und ich

mußte ihn küssen und umarmen, da ich Dich nicht hatte. Als ich allein

war, äußerten sich meine Freude und mein Erstaunen in Thränen!«

[Sidenote: Brief von Frau Rahbek.]

Ich bekam auch einen Brief von Frau Rahbek, in dem sie schrieb:

Ehe ich weiter gehe, muß ich Ihnen doch sagen, wie sehr die schönen

Verse, in denen Sie der Heimath gedenken, mich gerührt haben. Wie freut

es mich, daß ich Sie gekannt habe, als -- um Polekums (meines Vaters)

Worte zu gebrauchen -- »Ihre Geisteskraft sich noch nicht losgerissen

hatte, sondern noch durch Ihr Alter und mehr dergleichen gefesselt

war.« Es hat mich dies unendlich bei jedem Riesenschritte erfreut, den

ich Sie auf Ihrer Bahn machen sah, und wenn es mir noch eine Zeitlang

vergönnt ist, zu leben, um mich über Sie zu freuen, über Alles was Sie

sind und noch ferner werden, so wird mir dies gewiß Grund zu vieler

Freude geben. Es ist unbestreitbar viel interessanter, etwas Großes

und Bedeutendes =entstehen= zu sehen, als es zu sehen, wenn es bereits

ist. Sie werden mich nicht mißverstehen, guter Oehlenschläger, und

mich etwa für eine Schmeichlerin halten; ich sage, was mir einfällt,

ohne meine Worte abzuwägen, und ich weiß, Sie rechnen es mir nicht so

genau an, wenn ich zuweilen etwas Dummes sage. Ich habe Hufe beredet,

Ihnen zu schreiben, da ich überzeugt bin, daß sein Besuch bei Rosings

Sie amüsiren wird. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, daß Rosing

das Stück so gut vorlesen würde, wie er es that; ich halte es viel

leichter, eine Rolle, die man auswendig gelernt hat, auf der Bühne

zu spielen, als im Zimmer Etwas vorzulesen, das man gar nicht kennt.

Aber Alles, was dies betrifft überlasse ich Hufe und Christiane, und

will nur hinzufügen, daß Polekum froher und stolzer war, als er hätte

sein können, wenn er selbst der Verfasser gewesen wäre, was Rahbek

sehr geistreich so erklärt hat, daß er sich als der =Verfasser des

Verfassers= fühlte. Für den Fall, daß Hufe es vergessen sollte, will ich

Ihnen doch sagen, daß Polekum's Rührung über Ihren Hakon Jarl gestern

damit endigte, daß er wollte, Sie sollten, sobald Sie nach Hause kämen,

gleich wieder als Legationssecretair fortgehen. _A propos_, wenn Sie

mich ein andermal bitten, Ihnen Etwas sorgfältig aufzubewahren, so

vergessen Sie doch nicht den kleinen Umstand, mir Das zu schicken, was

ich Ihnen aufbewahren soll. -- Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß

Sie so gut zeichnen könnten, wie es der Fall ist. Ich habe E*** niemals

gesehen, aber Alle sagen, daß das Portrait vortrefflich ähnlich sei

und jedenfalls ist es gut gezeichnet, wenn es auch nicht im Geringsten

ähnlich wäre. Ihr Vater hätte zu Ihnen hinreisen, und sich malen lassen

sollen, Sie würden es gewiß besser gemacht haben, als der Kerl, der ihn

vor Kurzem so schmählich zugerichtet hat. Können Sie auch begreifen, wie

es Polekum einfallen konnte, sich von H*** einen Miniaturmaler empfehlen

zu lassen. Jetzt ist er das schlechte Machwerk losgeworden und hat sein

Geld wiederbekommen. Polekum war im Anfange unschuldig genug, das Bild

für gute Waare zu nehmen, und wenn Hufe und ich ihm versicherten, daß es

nicht im Geringsten gleiche, sagte er vom Maler: »Er sagt doch, daß es

ähnlich sei!«

[Sidenote: Kritik über Hakon Jarl.]

Obgleich nun Hakon Jarl viel Glück machte, so fehlte ihm doch

ebensowenig, wie jedem meiner andern Werke, eine tadelnde Kritik. Einer

meiner Freunde, ein tüchtiger Kopf, der viel Geistesbildung besaß, und

mir sehr ergeben war, schrieb mir unter Anderem Folgendes:

»Eine Scene, von der ich bemerken konnte, daß sie großes Interesse für

die Andern habe: Olaf's Zusammentreffen mit Hakon in der Bauernhütte,

hatte es nicht für mich; sie macht Hakon so klein und er ist doch

wirklich so groß. Er ist ebenso tapfer wie Olaf und gottesfürchtiger.«

-- In einem spätern Briefe als Antwort auf einen, welchen ich gesandt

hatte, fährt derselbe Correspondent fort: »Du hast Recht, Hakon ist

auch groß; aber so groß, daß ich Lust haben könnte, Olaf, der über den

unglücklichen Hakon triumphiren will, mit all' seiner Moral zur Thüre

hinauszuwerfen u. s. w.« In einer folgenden Antwort hatte ich meinen

Freund wahrscheinlich darauf aufmerksam gemacht, wie natürlich es sei,

wenn Olaf darüber zürne, daß Hakon ihm vor Kurzem meuchelmörderisch

tödten lassen wollte, und daß es doch edel von ihm sei, sich in diesem

Augenblicke nicht seiner Jugendkraft dem alten Hakon gegenüber zu

bedienen, sondern seinen Vortheil aufzugeben und ihm wieder auf offenem

Felde zu begegnen. -- Ein anderer meiner Jugendfreunde, auch ein

vortrefflicher Kopf und ein gebildeter Mann, der später etwas philiströs

und böse auf mich geworden war, weil die neue romantische Schule

mich begeistert hatte, hatte auch, wie verschiedene Andere später,

Freia's Altar schlecht gefunden (ich rechne es noch zu meinen besten

Stücken); von Aladdin und Vaulundur hatte er Nichts gesprochen, aber

über den Hakon Jarl sagte er: »Ich nahm es mit der festen Ueberzeugung

in die Hand, daß ich nicht eine Seite lesen würde, ohne auf eine von

Oehlenschlägers gewöhnlichen Lapsereien zu stoßen; aber ich gestehe, daß

ich's bis zu Ende las, ohne eine einzige zu treffen!« -- Ein großes Lob

für Hakon Jarl. Später wurde dieser Mann wieder mein wahrer Freund, ich

liebte ihn, denn er war ein vortrefflicher Mensch. Aber -- so sind die

Menschen, selbst die besten! auf diese Weise werden die Werke der Kunst

immer beurtheilt; die wahre kräftige Stimme dringt aber selbst durch.

Wehe dem wahren Künstler, der nicht Festigkeit genug hat, sich nicht

erschüttern, sich von Dem nicht ablenken zu lassen, was seine Muse ihm

in den besten Augenblicken lehrt; ohne dieses Selbstvertrauen, daß auch

von Vielen für einen großen Fehler angesehen wird, wäre er verloren.

Auch Göthe hat dies gefühlt, wo er sagt:

»Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,

Zeihet der Pöbel mich, Pöbel nur steht er in mir.

Ja sogar der Bessere selbst, gutmüthig und bieder,

Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.«

[Sidenote: Brief von Sophie Oehlenschläger.]

Einen Tag bevor Hakon Jarl bei A. S. Oersted vorgelesen wurde, schrieb

meine Schwester mir, der ich freundliche Vorwürfe gemacht hatte, weil

sie mir noch die Antwort auf einen Brief schuldig war, Folgendes:

Kopenhagen, den 8. März 1806.

»Gott segne Dich, lieber Adam, daß Du so gut gegen mich bist. Ja

Du hast Recht, Du sammelst glühende Kohlen auf mein Haupt; aber Du

hast Unrecht, wenn Du sagst, daß ich Dir aus Gleichgültigkeit nicht

geschrieben hätte; nun sollte ich Dir eigentlich beweisen, daß es nicht

Gleichgültigkeit gewesen ist; aber das thue ich nicht. Du hast das doch

wohl nie von mir geglaubt, nicht wahr? O nein, Du glaubtest nur, es

zu glauben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich Dir schreiben

wollte, wie oft ich angefangen habe, aber dann immer meinte, es sei

doch zu elend, was ich geschrieben hatte, so daß ich stets hoffte, daß

mir etwas Neues, um nicht zu sagen Amüsantes begegnen würde; aber es

blieb doch immer beim Alten. Wir haben, seitdem Du fort gereist bist,

so so gelebt, Anders ist nie recht gesund, er arbeitet und leidet mit

der ihm eignen milden Geduld. Gott im Himmel gebe ihm bessere Tage, er

verdient sie gewiß. Ich war in der letzten Zeit ziemlich wohl und soll

wie in meinen gesunden Tagen aussehen. Ich habe angefangen Clavier zu

spielen. Es geht langsam, aber ich verliere den Muth nicht; denn meine

Lust dazu ist zu groß; ich bedarf der Musik so sehr, sie thut mir so

wohl. Mein guter Oersted wußte auch meine Lust zu erhöhen, er hat mir

ein herrliches Pianoforte geschenkt. Etatsrath Heger war so gut es zu

kaufen, und wenn ich Dir sage, daß er es ausgezeichnet gut findet, so

kannst Du es gewiß glauben. Du hast keinen Begriff davon wie gut Heger

gegen mich ist; er interessirt sich so sehr für mein Spiel, bringt mir

seine Musik, schreibt Choräle für mich aus, stimmt mein Instrument und

erzählt mit viel Nützliches, kurz wir sind die besten Freunde und ich

habe den alten Mann recht lieb. Wenn er spielt, singe ich zuweilen

mit; seitdem Du fortreistest, habe ich nicht viel gesungen; es war so

wunderlich mit mir, ich fing so oft an, hörte aber stets mitten im

Stücke auf, ohne es selbst zu bemerken; aber nun geht's besser, doch

recht gut wird es nicht gehen, ehe Du wieder nach Hause kommst, und

ich wieder singen kann: »Kennst Du das Land«, und Du sagen kannst: »Ja

Sophie, ich kenne es«, und dann von dem schönen Lande erzählst. Wenn

Gott mich so lange leben läßt, werde ich recht viele Freude haben. Ich

habe im Winter meine Zeit auf eine herrliche Weise ausgefüllt; wir lesen

Winkelmann's Geschichte der Kunst. Christian und Gierlew haben Beide

gesucht, mir all' den Kunstgenuß zu verschaffen, den man hier haben

kann. Ich habe die Sammlungen gesehen, die hier zu sehen sind. Das ist

nun nichts gegen Das, was Du siehst; aber ich danke Gott dafür ebenso

wie die Finnen für ihre Tannenbäume, wenn die Sonne sie bescheint; ist

es doch ein freundliches Grün, das das suchende Auge stärkt und das

sehnende Herz mit Hoffnung tröstet. Gierlew brachte mir einen Gruß von

Dir. Du kannst nicht glauben, wie es mich freute, mit einem Menschen

zu sprechen, der Dich gesehen und mit Dir gesprochen hatte; ich hatte

ihn so viel zu fragen, ich hätte beinahe gefragt was für einen Rock Du

anhattest, als er Dich sahe.«

»Mein kleiner lieber Schwager lehrt mich im Winter Astronomie. Es

geht ihm gut; es ist ein Trost, den Menschen zu sehen, er ist mit der

Gegenwart zufrieden, freut sich auf die Zukunft, ist stets in Activität

und die schönste Harmonie, die man sich wünschen kann, herrscht in

seiner Seele. Oft, wenn ich traurig war, hat es mich gestärkt, ihn

anzuschauen; noch häufiger, wenn ich betrübt war, wußte er mir Kraft und

Hoffnung einzuflößen.«

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 2 / 18 段