Meine Lebens-Erinnerungen.
Ein Nachlaß von Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Zweiter Band.
Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.
* * * * *
[Sidenote: Fahrt nach Kiel.]
Hamburg, den 12. August 1805.
Endlich, liebe Christiane! sitze ich nun im römischen Kaiser in der
Stadt Hamburg, und ergreife die Feder, um rasch zu erzählen, was
ich langsam ausgestanden habe. Montag vor acht Tagen bestieg ich
das Packetboot, das mich ans feste Land bringen sollte. Wir mußten
den ganzen Tag still liegen, da nur ungünstige Winde wehten. Meine
Reisegesellschaft bestand aus einem jungen Kaufmanne aus Amsterdam,
einem Officier aus Schlesien, einem alten Branntweinbrenner, einem
jungen zukünftigen dito von 20 Jahren mit einem Gemüth von 70, und dem
lustigen Sohne des lustigen Kanalinspektors Schjott, der nicht den
Mund aufmachen konnte, ohne etwas Lustiges zu sagen. Die französischen
Schauspieler Theodor und Caleis und Theodor's kleiner, wilder,
verzogener, zwölfjähriger Sohn, der schwedisch reden konnte, und kleine
Figuren aus Papier mit Geschmack und Fertigkeit ausschnitt, deren er
mir eine zum Souvenir gab, waren auch dabei. Außerdem war noch ein
fader Hamburger Commis da, ein Engländer, ein Pole und eine kranke
verdrießliche Madame. Da hast Du die Bewohner der Cajüte. Außerdem
war das Deck voll von jüdischen und christlichen Landstreichern; im
Ganzen mochten wir Summa Summarum etwa 70 Seelen sein. Den nächsten
Tag hatten wir auch keinen Wind, sondern mußten langsam kreuzen. Nun
zeigte sich bereits Mangel an Proviant und der Schiffer mußte die
Nothflagge aufziehen, worauf zwei Boote von Kastrup auf Amager kamen,
die einen Theil unserer Passagiere ans Land brachten. Die Kähne hatten
volle Ladung und ein großer Theil der Passagiere nicht minder. --
Erst Sonnabend Vormittag erreichten wir Kiel, nachdem wir 5-1/2 Tage
unterwegs gewesen waren. Das Wetter war schön; der Mond schien in der
stillen Sommernacht über die große Wasserfläche dahin, während ich
auf dem Verdecke mit den Franzosen Lieder sang. Am Tage unterhielten
wir uns, spielten Karten und dann las ich in Peder Paars. In Kiel
verabredete ich mit meiner Reisegesellschaft, eine Tour nach dem
neugegrabenen Kanal zu machen. Aber ich verspätete mich; die Andern
waren fort, als ich kam. Ich ließ mich nach Dorfgarten übersetzen,
wo ich Thee trank und Herrn German traf, der mit den beiden jungen
Grafen Ahlefeld, welche mir sehr freundlich alle Spaziergänge der Stadt
zeigten, die Universität bezogen hatte. Von meinem kleinen Theodor
nahm ich in Kiel Abschied und schenkte ihm eine kleine Brieftasche zum
Souvenir. Nun reiste ich durch den schönen Theil von Holstein und kam
an ein hübsches Städtchen. Als ich den Wirth nach dem Namen fragte,
sagte er: »Unser Fleckchen wird Preetz genannt,« also der Geburtsort der
lieben Tante Drewsen, eben so freundlich und lieb, wie sie selbst ist.
Sonntag Vormittag kamen wir nach Lübeck, frühstückten etwas und reisten
gleich weiter, um noch vor Abend in Hamburg zu sein.
[Sidenote: Brief aus Halle.]
Halle, den 17. September 1805.
Beste Christiane!
Der Augenblick ist gekommen, wo ich Dir mittheilen muß, was ich bisher
verschweigen zu müssen glaubte. Wozu ein langes Präludium zwischen uns,
die wir uns kennen und verstehen? Gutes Mädchen! bei aller Liebe und
allem Eifer für meine Kunst hat mein Herz doch niemals vergessen, was es
Dir schuldet. Den Dichter aufzugeben, um Ehemann zu werden -- keiner von
uns wollte, daß ich das thäte; Beides zu vereinen betrachteten sowohl
Freunde wie Feinde als einen schönen Traum, aber zuweilen steckt doch
Etwas in den Träumen. Ich weiß nun mit Bestimmtheit, daß die Regierung
Etwas für mich, als Dichter, thun will. Ich hatte meine poetischen
Schriften dem Kronprinzen dedicirt, hatte einen vortheilhaften Eindruck
auf Schimmelmann gemacht; nun mußte das Eisen geschmiedet werden, so
lange es warm war. Aber was war zu thun? um eine Stelle anzuhalten?
welche? Ich wollte ja unterstützt, als Dichter belohnt sein, und dieses
konnte nur auf =eine= Art geschehen, indem ich um ein Reisestipendium
nachsuchte. Das that ich denn auch; aber beim Abschiede konnte ich es
Dir nicht sagen, weil ich fürchtete, es würde einen zu heftigen Eindruck
auf Dich machen. Dazu kam, daß ich ja nicht wußte, ob meine Bitte
erfüllt werden würde. Geschah es nicht, wozu Dir dann einen doppelten
Kummer bereiten; erst durch den Abschied, dann wegen eines verunglückten
Plans? Alle unsere Freunde und Freundinnen wußten es, nur Du nicht,
nun weißt Du es. Vor einigen Tagen erhielt ich folgenden Brief von der
Direction des Fonds _ad usus publicos_:
»Se. Königl. Hoheit der Kronprinz, dessen Aufmerksamkeit Nichts von
einiger Bedeutung entgeht, das in einer oder der andern Beziehung zur
Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes und seiner Literatur beiträgt,
hat sich durch das Schreiben, mit welchem Sie Höchstdemselben ein
Exemplar der Gedichte zustellten, mit denen Sie vor Kurzem unsere
poetische Literatur bereichert haben, veranlaßt gefunden, der Direction
aufzutragen, sie möge Sie auffordern, daß Sie ihr eine bestimmtere
Angabe der Reise einsenden, die Sie nach fremden Ländern zu unternehmen
wünschen. Eine solche Reise ist für das wahre poetische Genie, welches
das wichtige Studium des Menschen, der Natur und der schönen Kunst nicht
aus den Augen verliert, von nicht geringerer Bedeutung als für den
Gelehrten im Allgemeinen, und man darf hoffen, daß Herr Oehlenschläger
daraus wahren Vortheil für die Literatur des Vaterlandes zu schöpfen
wissen wird.
_Schimmelmann. Reventlow._«
Ich kenne Deine uneigennützige und reine Liebe, meine gute Christiane,
so genau, daß ich überzeugt bin, dieser Brief wird Dich freuen, obgleich
der Gedanke an eine längere Abwesenheit Deinen Augen Thränen entlocken
wird.
Springforbi[1], den 13. September 1805.
Vor Allem, was ich Dir zu sagen habe, liegt mir Nichts so sehr auf dem
Herzen, als Dir zu versichern, wie unendlich lieb mir die Nachricht war:
»Oehlenschläger hat ein Reisestipendium bekommen.« Ehe ich weiter gehe,
muß ich Dir recht innig für die Vorsicht danken, mit der Du die längere
Reise vor mir geheim gehalten hast, bis ich den ersten Kummer überwunden
hatte. Alle Deine Freunde haben Dir hierin auch treu beigestanden,
außer ***, welcher fürchtet, daß Du Dir unterwegs den Hals brechen
werdest, was, wie er meint, auf solchen Reisen leicht möglich ist. Du
weißt, er liebt es oft, an verkehrte traurige Möglichkeiten zu denken.
Die Ueberzeugung, daß Deine Reise Dir ebenso angenehm wie nützlich
sein wird, und die Hoffnung, daß sie Deine Gesinnung gegen Deine
Christiane nicht ändern werde, soll mich während Deiner Abwesenheit
aufrecht erhalten und trösten. Gesegnet sei der Augenblick, wo Du Deinen
Entschluß faßtest, gesegnet sei Jeder, der zu dessen Ausführung
beitrug. -- --
=Deine Christiane.=
[1] Ein Gut zwei Meilen nördlich von Kopenhagen am Oeresund.
[Sidenote: Braunschweig.]
Auf dem Wege von Hamburg nach Halle wohnte ich in =Braunschweig=
einigen Akten von Cherubini's herrlichem »=Wasserträger=« bei, welcher
daselbst französisch aufgeführt wurde. In =Halberstadt= sah ich zum
ersten Mal in meinem Leben ein katholisches Kloster. Ein freundlicher
Mönch führte mich umher und meine lebendige Theilnahme erfreute ihn. Das
Interesse, welches die katholischen Kirchen durch die Werke der neuern
Schule für mich bekommen hatten, fand hier reichlich Nahrung. Ich hatte
mich bisher damit begnügen müssen, mich in dem Roeskilder Dome in eine
längst verschwundene Zeit zu versetzen; hier lebte diese Zeit noch.
Ich vergaß den Postwagen vollständig. Glücklicherweise hörte ich das
Posthorn vor der Kirche schallen und mußte die kühlen Hallen verlassen,
die hübschen Bilder und den freundlichen Mönch, um wieder in der heißen
Sonnengluth auf der staubigen Landstraße dahinzufahren.
[Sidenote: Ein Universalgenie.]
Ein Reisegefährte in der Diligence amüsirte mich. Seiner eigenen
Versicherung nach hatte der tausend Vollkommenheiten. Er war Officier
gewesen, hatte Reisen nach Smyrna und Sibirien gemacht; er war Poet,
und hatte Göthe, Schiller und Wieland zu Lehrmeistern gehabt. Göthe
hatte seine Romanze in Wilhelm Meister »der Sänger« gedichtet, als
er ihn einmal auf der Mandoline spielen gehört hatte. Er war auch
Philosoph und lieferte Recensionen in mehrere Journale. Aber sein
eigentliches Fach war die Philologie, doch componirte er auch. Jetzt
war er im Begriff seine Familie zu besuchen, die er seit vielen Jahren
nicht gesehen hatte. Dies Letztere schien wahr zu sein; und je näher er
seinem Geburtsorte kam, destomehr verdrängten Wahrheit und natürliches
Gefühl alle eingebildeten Vollkommenheiten. Als er endlich zur Stadt
hineinfuhr, war er ein ganz bescheidener, gemüthlicher Mensch. Ich
reiste nach =Quedlinburg= mit einer ganzen Familie, Vater, Mutter
und einigen reizenden Kindern. Ich glaube der Mann war Postmeister
dort in der Stadt. Keins der Kinder war noch bisher da gewesen, wo
sie nun ihre Wohnung aufschlagen sollten. Sie hatten vor Kurzem den
Heerd verlassen, wo sie geboren waren und die ersten Tage der Kindheit
verlebt hatten. Wo aber eine glückliche Familie auf Zufriedenheit und
ein hinlängliches Auskommen innerhalb ihrer vier Wände hoffen darf, da
fühlt sie sich bald zu Hause. Es schien, als ob der Vater bei dieser
Beförderung sehr gewonnen habe, und Alle waren munter und zufrieden.
Es war ein schöner Abend. »Sieh Vater,« rief der kleine Junge, als wir
uns der Stadt näherten, »das sind die Thürme von Quedlinburg!« Für
mich, der ich die häuslichen Freuden liebe, der ich wie ein armer Vogel
mein Nest verlassen hatte und auf fremdem Zweige saß, war es natürlich
sehr angenehm, ein liebliches Stilllebenidyll auf dem Postwagen mitten
auf der staubigen Landstraße zu finden. Es wird es mir also Keiner
verdenken, daß ich in Quedlinburg, mit der Freude Anderer beschäftigt,
nicht nur meinen eigenen Kummer, sondern auch meinen eigenen Koffer
vergaß; welchen Verlust ich erst am nächsten Sonntag Morgen in Halle
entdeckte.
[Sidenote: Giebichenstein.]
[Sidenote: Stillleben bei Reichardt's.]
Ein alter Diener sagte mir, daß Steffens und seine Frau in
Giebichenstein bei Reichardts seien, und daß man mich daselbst erwarte.
Ich schrieb gleich einen Brief nach Quedlinburg, um meinen Koffer
wiederzuerhalten. Der Diener lieh mir ein reines Halstuch, und so mußte
ich in den Reisekleidern, in denen ich Tag und Nacht im Postwagen
gesessen hatte, meinen Einzug bei Reichardts halten.
Sie empfingen mich Alle sehr freundlich. Nach Giebichenstein, das
von Halle ungefähr so weit liegt, wie Friedrichsberg von Kopenhagen,
kamen Steffens und seine Frau an jedem Sonntage. Mit =Schleiermacher=
machte ich hier auch Bekanntschaft. Reichardt selbst war etwas kalt
und zurückhaltend, aber sehr höflich; seine Töchter kamen mir ebenso
wie Hanne mit schwesterlicher Freundschaft entgegen. Frau Reichardt
war still und sanft; sie schien sehr hübsch in ihrer Jugend gewesen zu
sein. Ich fühlte mich in dem schönen Giebichenstein bald heimisch, wo
Reichardt mit Geschmack einen hübschen Garten angelegt und ein nettes
Gartenhaus gebaut hatte. Hier gab ich bald den Mädchen Gelegenheit
mich auszulachen. Denn mitten in der besten Unterhaltung schlug ich
mit der Hand nach Etwas: »Was ist das,« fragte die Eine. »Ach --«
antwortete ich, -- das ist eine =Gemse=, die mich stechen will.« --
Ich wollte sagen: »Bremse!« -- Später neckten sie mich oft damit,
indem sie sagten: »Oehlenschläger! wehren Sie sich, da ist wieder eine
=Gemse=!« Ich sprach noch sehr schlecht deutsch; sagte oft zu den Damen:
»will Sie« statt: »wollen Sie«, und machte Peer's Worte in Jakob von
Tyboe wahr, daß der Teufel in dem =Der, Die, Das= stecke; das konnte
man fast in vierzehn Tagen nicht lernen. Reichardt führte mich selbst
in seinem großen Garten umher; er hatte seinen Kutscher und seinen
Diener aus dem Waldhorn blasen lehren lassen und Abends bliesen sie
oft im Gebüsch einige seiner Compositionen. Besonders gefiel mir die
schöne einfache Melodie zu Göthe's: »Im Felde schleich ich still und
wild.« Oft musicirte der Vater am Pianoforte mit seinen Töchtern. Dann
wurden mehrere Gesänge von Göthe mit Reichardt's Compositionen, und
alte italienische Kirchengesänge von Lenardo Leo gesungen. Louise, die
älteste Tochter, war wehmüthig und schwärmerisch; ihr Bräutigam, ein
talentvoller, junger Maler, war in Rom gestorben; Alles was sie noch von
ihm besaß, war eine kleine Copie von Raphael's Transfiguration; diese
hing über dem Pianoforte, und sie ließ oft ihre großen braunen Augen
(das einzige Schöne, das ihr neben einer schönen Gestalt die Pocken
gelassen hatten) darauf ruhen, wenn sie mit schöner Stimme die alten
katholischen Messen sang. Ihre Schwester Friederike, ein Mädchen mit
Rosenwangen, blonden Haaren und blauen Augen, wurde während ich da war,
mit Karl von Raumer, dem Bruder des Historikers, verlobt, und dieser
kenntnißreiche, feurige Jüngling wurde bald mein Freund. Sophie war noch
immer ein kleines, schelmisches Kind und der kleine vierjährige Fritz,
der auf seinem Steckenpferd nach Lauchstädt ritt, war eigentlich der
freundliche Hausgeist des Ortes.
Nach Lauchstädt fuhr ich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Halle mit
Steffens und hatte die Freude, zum ersten Male hier die Schauspieler von
Weimar zu sehen. Ich merkte bald, daß Göthe's und Schillers Geister über
ihnen schwebten. Sie spielten Picard's Parasit, von Schiller übersetzt,
und der vortreffliche Becker gab diesen Character bis zur Vollkommenheit
gut.
[Sidenote: Erstes Zusammentreffen mit Göthe.]
Wir besuchten an einem frühen Vormittage Göthe, der sich einige Tage
in Lauchstädt aufhielt. Sein schönes, kräftiges Gesicht erfreute mich
und flößte mir Ehrerbietung ein. Die braunen Augen erquickten mich, in
denen ich zu gleicher Zeit Werther's Gefühl, Götz's gutherzige Kraft,
Faust's Tiefsinn, Iphigenia's Seelenadel und Reinecke's Schalkhaftigkeit
zu lesen glaubte. Er kannte Etwas von meinem Aladdin. Wilhelmine Wolf,
eine Tochter des großen Philologen, hatte von dem nun verstorbenen
Etatsrath Gjerlew, als er in Halle war, dänisch gelernt; sie hatte
Göthe Noureddin's ersten Monolog übersetzt. »Wenn ich einen Dichter
rasch kennen lernen will,« sagte er zu mir, »so lese ich einen seiner
Monologe, darin spricht sich sein Geist sogleich aus.« Er lobte das
Motiv des Noureddin, welchen Aladdin als einen Lotteriejungen gebrauchen
will, der ihm mit verbundenen Augen das große Loos ziehen soll. Wie
gern hätte ich länger mit diesem großen Manne gesprochen, aber die
Höflichkeit gebot uns abzubrechen; er bat mich, ihn in Weimar zu
besuchen.
Als wir zur Thür hinaustraten und wieder in der freien Luft standen,
waren Steffens' und meine Gefühle sehr verschieden. Ich war entzückt,
Göthe zum ersten Male gesehen zu haben, darüber, daß er mich als Dichter
gelobt hatte; Steffens aber war entrüstet, daß er uns nicht zu Mittag
eingeladen hatte, da wir doch nur seinetwegen nach Lauchstädt gekommen
waren. Ich leugnete nicht, daß mir dies eine unendliche Freude bereitet
haben würde; aber gerade weil sie so groß gewesen wäre, fand ich mich
mit der Geduld in mein Schicksal, mit der wir Sterbliche uns allmälig
daran gewöhnen, der irdischen Glückseligkeit zu entbehren. Aber Steffens
schalt auf Göthe's Vornehmthuerei und Egoisterei. Ich leugnete nicht,
daß trotz all' des Einnehmenden, das ich bei ihm gefunden hatte, etwas
Stolzes, Abgemessenes und Kaltes da war -- das nicht der Dichternatur
anzugehören schien. Es versteht sich von selbst, daß das Gefühl
der Gastfreundschaft etwas abgestumpft werden muß, wenn ein großer
Mann an einem Orte lebt, an dem er häufig von Fremden heimgesucht
wird. Die Bequemlichkeit verlangt -- und die Oekonomie gebietet oft
Einschränkung, aber Steffens war ein ausgezeichneter Mann, Göthe hatte
selbst den jungen Dichter gelobt, den er zum ersten Male sah, und der
aus einem fremden und unbekannten Lande kam; -- er brachte seinen Tag in
Lauchstädt ganz allein zu, stand sich gut, und konnte wohl den einen Tag
zwei geistig Verwandte speisen, die sich nur nach dem Mannabrote seines
Mundes sehnten. Nun mußten wir uns mit einer kurzen Ministeraudienz
begnügen und wieder gehen. Glücklicherweise hatte er mich gebeten, ihn
in Weimar zu besuchen. Dieß tröstete mich, aber die Höflichkeit kam
nicht Steffens zu gut. -- Merkwürdig ist es übrigens als ein Zug in der
Göthe'schen Characteristik, daß er mir einige Monate darauf, als ich das
Glück hatte, ihn auf eine kurze Zeit zu gewinnen und ihm zu gefallen,
gestand, er hätte uns damals gern eingeladen -- und er wisse selbst
nicht, warum er es nicht gethan habe; aber ich weiß es jetzt: es war
eine Art =Geiz=, nicht auf Geld, sondern auf Freundlichkeit; es war eine
geistige Knauserei in der geheimen Furcht: daß zu Viel drauf gehen und
daß ich zu Viel von -- dem großen Göthe auf einmal bekommen würde.
* * * * *
[Sidenote: »Jesus in der Natur.«]
Während meines Aufenthaltes in Halle ging ich täglich an den Ufern
der Saale entlang. Es ist eine wunderliche Natur in der Gegend; keine
eigentlich steilen Berge, außer einigen jenseits des Flusses; aber der
Boden selbst ist lauter Stein, so daß man auf einer Granitebene geht,
während man sich auf hügelichem Felde zu befinden glaubt. Die alte Ruine
jenseits des Flusses auf dem Berge versetzte mich in das Mittelalter
zurück; man zeigte mir das Loch hoch oben auf der Mauer, von dem aus
Ludwig der Springer mit außerordentlicher Kühnheit sein Leben gerettet
haben soll. Auf diesen einsamen Wanderungen dachte ich oft mit Wehmuth
an mein Vaterland und meine Freunde und schrieb mein =Heimweh=.
Meine »poetischen Schriften« wurden ziemlich stark gelesen, obgleich
ich von meinem Freunde H. C. Oersted, der es übernommen hatte mein
Commissionär zu sein, hörte, daß sie nicht so stark gekauft wurden.
Aladdin machte viel Glück; das allegorische Gedicht: »Jesus in der
Natur«, brachte verschiedenartige Wirkungen auf die Gemüther hervor.
Christiane schrieb mir:
Den 4. October 1805.
Karen Margrete (Rahbek) hat eine Einweihungsrede von Balle (damals
Bischof in Seeland) in die Hände bekommen, in der sich ein
achselzuckender Ausfall gegen Dich befindet. Ich will Dir die Stelle
abschreiben:
»Aber man will wissen, daß die Geschichte Jesu zur Malerei über
die verschiedenen Aenderungen der Natur bestimmt sei. Sie soll nur
abbilden aber nicht erzählen: eine Goldgrube für Dichter, aber keine
Quelle, um die Begriffe über wahre Religion aufzulösen. O Gott! welche
Verwirrungen! Mit gleichem Rechte verwende ich jede andere Erzählung,
sowohl aus den Begebenheiten des Alterthums, wie den Ereignissen der
Gegenwart und all' unser Wissen verschwindet gleich dem Rauch und Dampf
am sternlosen Lufthimmel.«
In einem: »Zuschauer« mit einem Lobgedicht an Dich von Jens Müller, der,
wie Du Dich entsinnen wirst, zugleich mit Dir eine Abhandlung über die
nordische und griechische Mythologie schrieb, hat Rahbek in einer Note
»einem der eifrigsten Freunde des Christenthums« versichert, daß er den
Dichter auf das Vollständigste mißdeute, wenn er glaube, daß dieser in
der Geschichte Jesu nur eine Goldgrube für die Poesie finde, und daß es
Dich tief schmerzen würde, Dich von einem Manne verkannt zu wissen, vor
dessen Eifer für das Christenthum Du eine bis an Enthusiasmus grenzende
Hochachtung habest.
In dem erwähnten Zuschauer hat Rahbek Beschuldigungen zurückgewiesen,
die man ihm über das Schweigen machte, mit dem er vorher an
Deinen Gedichten vorübergegangen ist; daß dies nämlich nicht für
Gleichgültigkeit und Furcht, seine Meinung zu sagen oder dergleichen
Aehnliches angesehen werden müsse. Er hat sich lange bei Aladdin, den er
sehr hoch zu stellen scheint, aufgehalten, und viele Stellen abgedruckt;
doch größtentheils um Deine Fertigkeit zu zeigen, mit der Du die Sprache
nach Deinem Willen zwingst, und hat für ein anderes Mal mehr versprochen.
* * * * *
Hatte »Jesus in der Natur« dem damaligen Bischof Seelands mißfallen, so
fand er einen kräftigen Fürsprecher in dem zukünftigen Bischof J. P.
Mynster. Dieser hatte mir versprochen, meine »poetischen Schriften« zu
recensiren; in einem Briefe von ihm, den 19. Juli 1805 schreibt er:
Habe Dank für Deine Gedichte, die mich sehr erfreuten. Daß Etwas
darin nicht ganz nach meinem Sinne ist, wird Dich nicht wundern; wie
mir aber sehr viel darin zusagt, wirst Du, so Gott will, erfahren, wenn
ich darüber Etwas schreiben sollte. Das ist nicht so leicht und rasch
gethan; denn die erste Begeisterung die ein Gedicht erweckt, ist nicht
kritischer Natur, und es ist nicht so leicht zu sagen, warum das Gute
gut ist. Besonders wird es mir schwer werden, gute und verständige Worte
über das Gedicht »Jesus« zu sagen, da ich hierzu nicht die Philosophie
des Christenthums, ja kaum Fragmente derselben liefern kann. -- Was
Du über unsere Pflicht, nicht zu schweigen sagst, ist gerade dieselbe
Stimme, die in meinem Innern spricht. Ich habe daher auch die Absicht,
so Gott will, meinen Mund aufzuthun, und zwar auf verschiedene Arten,
aber erst zu versuchen, welch' ein Echo meiner Stimme antworten wird;
aber ganz vergebens soll es doch nicht sein; denn ich weiß, daß ich zu
den Berufenen gehöre, und ich strebe Tag und Nacht unter Wachen und
Gebet, auf daß ich auch einer der Auserwählten werde. Gott zum Gruß! --
Aus dieser Recension wurde nun freilich nichts. Mein edler Freund fühlte
sich später mehr gestimmt, das, was er von meinen Werken, namentlich von
»Jesus in der Natur« hielt, in einem Gedicht auszusprechen, worin sein
Geist sich von dem Dichter zu dem Himmlischen emporschwingt.
* * * * *
[Sidenote: Guter Humor meiner Umgebungen.]
An der Munterkeit und Ausgelassenheit, mit der ich im Gespräch und
in den Briefen mit meinen Lieben gern den ernsten Ton unterbrach,
nahmen sie auch oft Theil. Frau Rahbek hatte einen natürlichen Hang
zu Dergleichen und selbst unser lieber Prediger würzte das tägliche
Gespräch mit satyrischer Schelmerei. In einem Briefe von Frau Rahbek,
den ich in Halle bekam, schildert sie mir eine Reise, die sie und ihr
Bruder zu Mynster nach Spiellrup vorhaben. Ihren Bruder Carl Heger
nennt sie »Hufe« nach Hufeland, dessen Buch über die Verlängerung des
menschlichen Lebens, Carl Heger, der immer eingebildet krank war, sehr
gründlich studirt hatte. Er fürchtete stets von all' den Krankheiten
angesteckt zu werden, die ihm nahe kamen. Wir neckten ihn damit, daß
er einmal geglaubt habe, er habe das Kindbettfieber, als es grassirte.
Dr. Professor Mynster, der Bruder des Predigers, war der innige Freund
dieses herrlichen Menschen und hatte sehr viel Nachsicht und Geduld
mit Carl's Wunderlichkeiten, denen er doch selbst gewöhnlich einen so
komischen Anstrich gab, daß sie durchaus nicht ermüdend waren. Einmal
sagte er zum Professor Mynster: »Ich befinde mich wirklich nicht wohl;
willst Du mir nicht Etwas aufschreiben.« »»Ja«« -- sagte Mynster und
schrieb ihm ein Recept. Carl sah es an und sagte mit saurer Miene
und etwas bedenklich: »Ja, ist das nun aber auch gut?« -- »»Ja«« --
entgegnete Mynster, mit dem ihm eigenen süffisanten Humor -- »»das ist
das =Beste=; willst Du lieber das Nächstbeste haben, so kann ich Dir das
auch aufschreiben.««
[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]
Frau Rahbek schrieb mir im October nach Halle:
»Ich kann mir denken, wie angenehm Sie leben, und muß es daher um so
liebenswürdiger von Ihnen finden, daß Sie trotzdem Heimweh fühlen,
und besonders gefällt es mir, daß Sie uns das in so schönen Versen
gesagt haben. Aber da wir gerade vom Reisen sprechen, kann ich Ihnen
erzählen, daß Hufe und ich einen großen Reiseplan im Kopfe haben. Hier
steht nämlich ein kleines Pferd und ein kleiner Wagen, die einem guten
Freunde gehören, und da wir Erlaubniß haben, diese Equipage zu benutzen,
so beabsichtigen wir, in 14 Tagen zu Job[2] hinauszureisen. Aber nun
ist der kleine Umstand dabei, daß nur zwei Menschen auf dem Wagen
sitzen können, und daß also einer von uns kutschiren muß. Das wird nun
natürlich Hufe thun; aber er hat früher nie kutschirt, und obgleich er
sich in diesen Tagen sehr darin übt, indem er an einem Bindfaden zieht,
den er an ein Fenster gebunden hat, und der den Zügel vorstellen soll,
so glaube ich doch, daß er ein kleines Schreckfieber bekommen wird, wenn
es im Ernst ans Fahren geht. Wir wollen nicht weiter, als bis nach Kiöge
fahren; dort werden wir Postpferde nehmen, und unser Rößlein stehen
lassen, bis wir zurückkommen. Hier glaubt Keiner daran, daß wir zwei
Cujone so Etwas unternehmen werden, und ich kann nicht leugnen, daß
selbst ich es etwas gewagt finde; doch ist mir vor mir selbst nicht so
bange, wie vor ihm. Wenn wir nach Spielderup kommen, so haben wir die
Absicht, uns als zwei Schlächter zu melden, die von Kopenhagen gereist
sind, um sich Rindvieh anzusehen. Könnte man so leicht nach Halle
kommen, so sollte es gewiß nicht lange dauern, ehe ich da wäre.«
[2] Job, d. h. Jakob Mynster, damals Prediger im seeländischen Dorfe
Spielderup.
* * * * *
Von meinem Vater erhielt ich kurz bevor ich von Halle abreiste, als
Antwort auf einen Brief, den ich ihm lange schuldig gewesen war,
folgende Zeilen:
Liebster, bester Sohn!
Als ich Deinen lieben Brief bekam, erwachte der böse Gedanke in mir,
Dich eben so lange warten zu lassen, wie ich hatte warten müssen; aber
leider trat das Vaterherz gleich dazwischen, und so schwand auch dieser
Vorsatz. Wie unendlich es mich freut, daß es Dir gut geht, brauche
ich Dir wohl nicht zu versichern. Wenn Du nur ebenso zufrieden mit
Deinem Stipendium sein könntest; aber guter Adam! Du weißt ja wohl,
daß viele der hohen Herren Vorsteher in dieser Gemeinde wollen, daß
die Natur sich mit Wenigem begnügen soll, und sie mögen ihre triftigen
Gründe haben; denn, wo Nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.
Von mir sollst Du bekommen, was ich Dir versprochen habe, nämlich 100
Thaler jährlich. Ich wollte, ich könnte mehr thun, aber in diesen
theuren Zeiten, wo ich doch auch eine Haushaltung führen muß, ist es
mir ohne einen Glückszufall, der mich doch noch nie betroffen hat,
unmöglich[3]. Uebrigens mußt Du, bester Junge! zuweilen an Deiner Lampe
reiben, und, wie ich höre, hast Du es bereits gethan. Wenn nur nicht
die Theaterdirection hinten ausschlägt, und Du einen Schlag vor die
Stirn bekommst, wie weit Du auch entfernt sein magst. Daß Du Dich nach
Deiner Heimath sehnst, ist natürlich, und, guter Adam! das natürliche
Liebesband zerreißt erst im Tode. Wenn ich zuweilen allein dasitze, zum
Fenster hinausschaue und des Morgens die Sonne aus dem Meere aufsteigen
sehe, da bete ich mit gerührtem Herzen zu dem Allgütigen, und danke
ihm, daß ich noch Dich und Sophie habe; und dann rollt oft eine Thräne
der Liebe für Euch über meine Wangen, und besonders für Dich, Du Armer!
der so allein, fern von mir dahin ziehen muß. -- Gleich nachdem ich
Deinen Brief erhielt war ich bei dem guten alten Etatsrath Heger und
der kleinen Christiane und las ihnen denselben vor, was große Freude
verursachte. Als ich fortging, liebkoste sie mich; ich drückte sie an
mich, und sie sagte: »Du bist jetzt der einzige Oehlenschläger, den ich
noch habe.« -- Das liebe Mädchen! aber Du, mein guter Sohn, darfst nicht
eifersüchtig werden; das würde Dir Nichts helfen. Karen Margrete ist
noch immer der Schelm, der sie stets war; wir kommen zusammen und machen
uns gegenseitig zum Narren. -- Ich lebe hier, wie ein altes Uhrwerk,
einen Tag wie den andern, außer wenn die verwünschten Bêtes im l'Hombre
bei alten Freunden des Abends etwas lange dauern. Daß ich viel zärtliche
Grüße für Dich von Deinem leiblichen Vater, Deiner Schwester und allen
Verwandten und Freunden habe, kannst Du Dir wohl denken. Aber vor allen
Dingen sage Professor Steffens und seiner Frau meinen Dank für ihre
Güte gegen Dich und sage Ihnen, daß ich wünschte, ihrem Sohne, wenn er
herkommt, dieselbe Freundschaft bezeugen zu können; was nicht unmöglich
ist, da ich noch zwanzig Jahre zu leben hoffe[4]. Na, guter Adam! habe
ich nun nicht genug mit Dir geplaudert? Aber ich höre Dich sagen: man
spricht gern mit alten Freunden; und darin hast Du Recht; denn wir Zwei
kennen uns doch am längsten. Lebe wohl, guter Junge! Der Allmächtige
bewahre und erhalte Dich, das wünscht Dein Vater
J. C. =Oehlenschläger=.
[3] Er war damals noch nicht Schloßverwalter, sondern nur
Bevollmächtigter.
[4] Er lebte noch zweiundzwanzig Jahre.
* * * * *
[Sidenote: Achim von Arnim.]
=Achim von Arnim= besuchte Reichardts auch in diesem Herbst. Er
hatte kurz vorher mit =Brentano= sein =Wunderhorn= herausgegeben, aus
welcher Sammlung Reichardt uns Abends oft Etwas vorlas. Er las gut,
besonders trug er die Fischpredigt des heiligen Antonius vortrefflich
vor. Achim's edle Gestalt und sein schönes Gesicht, seine Liebe zum
Mittelalter und sein Vertrautsein mit demselben machten ihn mir lieb,
obgleich seine eigenen Arbeiten mir nicht schmecken wollten; sie waren
mir noch zu inhaltlos. In seinem reifern Alter hat er in mehreren
Erzählungen ein schönes Talent an den Tag gelegt. Ich entsinne mich
noch eines herrlichen Herbstabends, wo wir in Giebichenstein zusammen
auf den Kirchhof gingen und die alten Grabsteine betrachteten, und als
wir zum Thee nach Hause kamen, Reichhardt mich erfreute, indem er mir
Klopstocks: »Willkommen, o silberner Mond!« zu dem er eine seiner besten
Melodien geschrieben hatte, vorsang.
Nun sing ich aber auch wieder an, mehr in der gegenwärtigen und in der
jüngstvergangenen Zeit zu leben. Ich sah nicht ein, warum die Phantasie
nur bei dem Mittelalter weilen sollte. Jetzt liebte ich auch wieder
die Lessing'sche Verstandes- und die darauf folgende Gefühlsperiode.
Denn hatte man damals auch viele verknöcherte Vorurtheile Verstand, und
später viel Fades Gefühl genannt, so lebten wir nun wieder in einer
Zeit, in der jede elende Phantasterei, wenn sie nur einen Rittermantel
über die schwachen Schultern warf, für Poesie gelten wollte, und in
der man, ziemlich barbarisch, jedes weiche Gefühl als eine moderne
Affectation auszuschelten und zu verachten begann.
* * * * *
[Sidenote: Lafontaine.]
Eines Tages war ich mit Steffens bei einem andern Professor, ich weiß
nicht mehr, welchem, in Gesellschaft. Dort war ein dicker, lustiger
Mann, der eigentlich den Mittelpunkt für die gesellschaftliche
Unterhaltung bildete; er erzählte viele Anecdoten sehr gut (doch
nicht so gut, wie Rahbek), war überhaupt sehr gesprächig und fidel
mit den Meisten der Gesellschaft. Aber Steffens verhielt sich
ziemlich schweigend, obgleich er zuweilen lachte, wenn dieser Mann
etwas Schnurriges sagte. Ich konnte es demselben auch ansehen, daß
er sich vor Steffens verlegen fühlte, daß dieser ihm nicht behagte
und er sich deshalb auch nicht an mich als Steffens' Freund wandte.
Ich nahm Steffens bei Seite und fragte: »Wer ist der Mann?« »Das ist
=Lafontaine=«, war die Antwort. Lafontaine! der Romandichter, der mir
in meiner frühesten Jugend so viele Thränen gekostet hatte! in dessen
Erzählungen ich in jenem Alter ebenso verliebt war, wie viele Jahre
darauf in Walter Scott's! der meine sentimentalen, erotischen Gefühle
entwickelt, gepflegt, genährt und übertrieben hatte! -- Dieser Mann,
den ich vergöttert -- und später nach echter Jünglingsart verachtet
hatte, als ich einen andern poetischen Glauben annahm und zur Fahne
der romantischen Schule schwor! dieser Mann saß hier als ein lustiger,
lauter Gesellschaftsbruder, aß gut, trank gut, ohne daß man die
leiseste Spur jener Geistesrichtung fand, die in seinen Erzählungen
so monoton hervortritt! -- Aber wie sollte sie auch hervortreten? für
wen sollte der altmodische, dicke, rothwangige Prediger seufzen, in
wen verliebt sein, mitten in einer Herrengesellschaft? Doch machte er
keinen vortheilhaften Eindruck auf mich, obgleich ich, wie bereits
bemerkt, kein so eifriger Romantiker und Anhänger der neuen Schule war,
wie einige Jahre vorher. Dieses Doppelwesen gefiel mir nicht, und die
Unmöglichkeit, im wirklichen Leben den Ton fortzusetzen, der in seinen
Schriften so vorherrschend war, zeigte handgreiflich, wie unnatürlich
und überspannt er sei. Denn wenn gleich das Ideale und das wirkliche
Leben sehr verschieden von einander sind, so braucht sich ein schöner
und großer Geist doch niemals in der Gesellschaft der Menschen so zu
verleugnen und zu verwandeln, wenn das Ideale, was er sucht, nicht aus
der Luft geholt ist.
In spätern Jahren habe ich es wieder versucht, einige von Lafontaine's
Romanen zu lesen, aber sie waren mir zu sehr Milch und Wasser. Nicht
das Gefühlvolle darin mißfiel mir, sondern gerade das Laue, Schlaffe,
das Alltägliche im Gefühl. Es ist ein prosaisch knabenhaftes, kein
poetisch männliches Gefühl. Später habe ich seine Lebensbeschreibung
gelesen und diese schien mir eben so matt und schlecht erzählt wie die
Iffland's. Ich besuchte ihn also nicht, obwohl sein hübsches Haus recht
anmuthig auf einer Höhe vor Halle lag. Aber oft ging ich hinaus und
setzte mich in Hölty's Stuhl, einen Steinsitz im Felsen an der Saale
und dachte an die schönen Lieder: »Wer wollte sich mit Grillen plagen«
und »Ihr Freunde hängt, wenn ich gestorben bin, die kleine Harfe hinter
dem Altare auf,« in denen sich tiefe Wehmuth mit einem liebenswürdigen
Streben nach Munterkeit und einer schönen Seelentiefe vereinigt.
Halle selbst war mir nur ein schwacher Ersatz für Kopenhagen. Die
schmalen, schlecht gepflasterten Straßen, die vielen Braunkohlen gaben
dem Ganzen ein trauriges, finsteres Colorit, und ich konnte das blaue
Meer und die seeländischen Buchenhaine nicht vergessen.
Oft betrachtete ich im Vorübergehen dass große Rolandsbild aus Carl's
des Großen Zeit, das auf dem Markte wie ein steinernes Gespenst aus dem
dunklen Alterthume dastand und menschlicher Größe spottete. Hätte ich
damals daran gedacht, daß der unglückliche Struensee in Halle geboren
und erzogen war, so würde auch dies seine Wirkung gethan haben.
* * * * *
[Sidenote: Schleiermacher.]
Zuweilen machte ich lange Wanderungen. Mit Steffens, Schleiermacher und
den beiden Raumers ging ich an einem heißen Sommertage auf den =hohen
Petersberg=. Als wir uns der Ruine oben näherten, wunderte ich mich über
einen seltsamen Laut; es war mir, als hörte ich viele Menschen einen
Kirchenpsalm in der Burgruine singen. Und es war wirklich so. Mitten in
der Ruine stand eine Kirche, die voll von Menschen war, da es gerade
Sonntag war und Gottesdienst abgehalten wurde. Ich hörte einen mir aus
meiner Kindheit wohlbekannten Psalm, den sie über die alten Marmorsärge
der entschlummerten Landgrafen dahin sangen; und diese Verbindung
der Vergangenheit und Gegenwart rührte mich außerordentlich. Mit dem
verständigen =Schleiermacher= verlebte ich angenehme Tage. Er bekam Lust
Etwas von meinen dänischen Gedichten kennen und Dänisch zu lernen. Ich
fing an, ihm Vaulundurs Sage und Freia's Altar zu übersetzen und er war
der Erste, der mich aufmunterte, ein deutscher Dichter zu werden. Er
wiederum las etwas Griechisch mit mir; er las mir den ganzen Oedipus in
Kolonos vor, um mich mit dem characteristischen Wohlklang der Sprache
vertraut zu machen; er übersetzte mir das Stück Wort für Wort und lehrte
mich das griechische Silbenmaß recht kennen und verstehen; wovon ich
später, als ich Solger's Sophokles fleißig studirt hatte, in meinem:
Balder der Gute, Gebrauch machte.
Diese Strenge der Uebersetzung in der Form, die oft an Pedanterie
streift, welche dem gewöhnlichen Leser mißfällt, nützt gerade dem
Dichter, der der griechischen Sprache nicht mächtig ist, und doch gern
so viel als möglich ihren Klang, Tact und ihre Formen kennen lernen
will. Für den wahren Dichter ist es leicht, sich alles dieses in einer
lebhafteren und schöneren Natürlichkeit zu denken. Solger war gewiß ein
besserer Philolog als Philosoph. Seinen Erwin, in dem er der Ironie als
dem Höchsten der Poesie huldigt, habe ich nie verstehen können, und ich
sehe nun aus Hegel's Aesthetik, daß dieser ihn angreift und tadelt.
Ich hörte in Halle Steffens' Vorlesungen über Naturphilosophie,
Schleiermacher über Ethik und den berühmten Wolff über Archäologie. Mit
Schleiermacher ging ich oft spazieren.
Es amüsirte ihn zuweilen, meinen allzukühnen Behauptungen mit
schelmischer Ironie zu begegnen; er übersetzte gerade damals an seinem
Plato. Er war mein Sokrates und ich beschuldigte ihn im Scherz, er wolle
mich zu seinem Alcibiades machen; obgleich ich diesem weder in dem
Heroischen noch in dem Schlechten glich. Schleiermacher war ein kleiner,
hagerer Mann. Ein jugendliches Wesen fand man bei ihm nicht; aber er
war edel. Als er mir auf seinem alten Klaviere einmal den Herrenhuter
Psalm vorspielte: »Mach' uns unschuldig, wie die kleinen Blumen in des
Frühlings Heiligthum«, gewann er mein Herz und behielt es seitdem immer.
Die Tochter des gelehrten Professors Wolff, Wilhelmine, eine schöne,
große, blühende Blondine, hatte ein freundliches Wesen; sie konnte, wie
gesagt, etwas Dänisch, und da sie eine Freundin der Frau Steffens war,
sah ich sie oft im Hause bei uns. Mit ihrem Vater entsinne ich mich
nur einziges Mal gesprochen zu haben. Merkwürdig ist's, daß er, der
große Philolog, der es so weit in fremden Sprachen gebracht hatte, der
einzige war, der mir davon abrieth, Deutsch zu schreiben; er meinte, man
könne nur in =einer= Sprache Dichter sein. Abstract genommen, werden
die Meisten ihm gewiß Recht geben, und Wolff, bei dem doch eigentlich
das Griechische und Lateinische stets im Gegensatze zu seiner deutschen
Muttersprache war, und der vom Dänischen gar nichts verstand, mochte
sich wohl zu einer solchen Meinung befugt fühlen. Er wußte, daß er mit
all' seiner Gelehrsamkeit und seinem philosophischen Genie doch niemals
Grieche oder Römer werden könne. Er wußte, daß ein großer Unterschied
zwischen einem Deutschen aus dem 19. Jahrhundert und einem Griechen aus
Perikles', einem Römer aus Augustus' Zeit stattfand. Aber er vergaß,
daß der Däne und Deutsche Germanen, sie beide Brüder eines Hauptstammes
sind, mit fast gleichen Characteren, Neigungen, Gefühlen und Ansichten,
daß sie in demselben Zeitalter, einander nahe und in steter, geistiger
Verbindung leben.
[Sidenote: Erwachende Lust Deutsch zu dichten.]
Noch hatte ich außer einigen Kleinigkeiten nichts Deutsches geschrieben;
aber ich fühlte doch bald, daß es nicht lange dauern würde, bis ich in
den Besitz einer Sprache käme, die meinen Leserkreis auf 40 Millionen
Menschen mehr ausdehnte und mir die Freude bereitete, ausgezeichneten
Männern wieder Etwas von den Producten meines Geistes mitzutheilen,
um einigermaßen all' das Herrliche zu vergelten, das ich von ihnen
empfangen hatte. Ja, ich fühlte mich bald so begeistert, auch Deutsch,
das zwar nicht meine Muttersprache, aber doch meiner Mutter Sprache und
die meiner Väter war, zu schreiben, -- daß ich zwei Jahre darauf meinen
Aladdin übersetzte.
* * * * *
[Sidenote: Hakon Jarl.]
Darüber vergaß ich aber doch nicht das Vaterländische. Der stille
Herbst und der Anfang des Winters in dem einsamen Halle trieb mich im
Gegentheil mit dem Gefühle, welches ich in meinem Heimweh ausgesprochen
hatte, wieder nach dem Norden hoch hinauf. Glücklicherweise fand ich
in der Universitätsbibliothek von Halle ein Exemplar von Schiönning's
Folio-Ausgabe von Snorro Sturleson's Heimskringla! Ich fing gleich
an, sie mit so großem Eifer zu lesen, wie man aufbewahrte Briefe von
einem lieben Jugendfreunde, den man verlassen hat, liest; und kaum war
ich etwas über Harald Schönhaar's Geschichte gekommen (an der ich ein
paar Jahre früher hängen geblieben war), so fand ich in Hakon Jarl's
Sage einen Stoff, der sich mir vortrefflich zur Bearbeitung zu eignen
schien. Ich hatte diesen Stoff bereits einmal als Romanze behandelt,
aber es schien mir als verdiene er mehr. Steffens und ich saßen in einem
Zimmer bei einem Ofen. Er arbeitete in dem einen Winkel bei seinem
Schreibtische an einem philosophischen Werke, -- ich hatte mir einen
kleinen Tisch ans Fenster hingeschoben, wo ich schrieb. Jedes Mal wenn
wir, er einen Paragraphen seiner Abhandlung, und ich eine Scene fertig
hatten, lasen wir uns das Ausgearbeitete gegenseitig vor. Auf diese
Weise wurde Hakon Jarl in sechs Wochen gedichtet. Er gefiel Steffens
sehr.
[Sidenote: Schiller's Jungfrau von Orleans.]
[Sidenote: Schiller's Braut von Messina.]
Ich hatte zum Theil gefürchtet, daß Steffens nicht mit meiner
Tragödie zufrieden sein würde, da er damals Schiller verwarf. Als
tragischer Verfasser war es mir Pflicht, Nothwendigkeit, Bedürfniß
geworden, diesen großen Tragiker von Neuem zu studiren. Die eine
Zeitlang stark glänzende Autorität der neuern Schule hatte mich -- gegen
die Stimme meines Herzens -- dahin gebracht, Schiller zu verlassen.
Es ist bekannt, daß weder Tieck, Novalis, noch beide Schlegel ihn für
einen wahren großen Dichter gelten ließen, -- obgleich er -- als Göthe's
und Wilhelm von Humboldt's Freund und als Schriftsteller von so großer
Popularität -- stets mit einer gewissen Achtung behandelt wurde, die
doch hauptsächlich darin bestand, daß man ihn nicht tadelte, sondern
größtentheils ganz still von ihm schwieg, während man jeden Augenblick
Göthe vergötterte und Tieck lobte. Zum Theil war wohl Schiller selbst
Schuld daran, indem er sich zu sehr von den Neueren entfernte. Und
doch, obgleich er die romantische Richtung in der Poesie verwarf,
hatte diese, ohne daß er es merkte, Einfluß auf ihn; er schrieb eine
Tragödie, die er selbst romantisch nannte: »Die Jungfrau von Orleans«,
und noch mehr -- er brachte in seiner »Maria Stuart« im Mortimer eine
mißglückte Copie von Tieck's Golo in der Genovefa. Das Romantische
konnte Schiller nicht glücken. Die Mischung von Naivetät, Schwärmerei,
Ausgelassenheit, Sinnlichkeit, in der das Erotische und die Phantasie
das Triebrad ist -- lag außerhalb seines Wesens. Große Charactere konnte
er schildern, tiefen Ernst, hohes Gefühl vermochte er darzustellen,
originale Situationen und dramatische Handlungen zu erfinden, herrliche
Gedanken entstanden in seinem Kopfe und sein edles Menschenherz konnte
sie mit hinreißender Begeisterung ausdrücken; ruhiger, männlicher
Tiefsinn erfüllte seine Werke; aber -- es ging ihm eben so wie Michel
Angelo im Verhältniß zu Correggio -- in den romantischen Farbentopf
konnte er seinen Pinsel nicht tauchen. Wollte er sich auf diese Weise
bewegen, so war es als ob der Ritter im Harnisch Jäger werden, vom
Pferde springen und mit schweren Stiefeln auf Abenteuer durch den Wald
streifen wollte. Das Lustige, das eigentlich Erotische, Geschmeidige
fehlte Schiller. Die Tragödie, die Jungfrau von Orleans ist nicht
romantisch; daß sie auch keinen Anstrich von französischem Colorit
hat, mußte die Folge davon sein, daß ein Deutscher mit Schiller's
tief-ernstem Character den Gegenstand behandelte. Und doch wurde sie von
allen geistvollen, poetischen Lesern und Zuschauern -- die nicht durch
die Vorurtheile einer Schule verblendet waren -- für ein Meisterstück
erklärt und ist auch ein solches. Die Jungfrau von Orleans selbst,
Jeanne d'Arc, ist mit ihrer idyllischen Umgebung in ihrer prächtigen
Heldennatur unvergleichlich gezeichnet. Schiller hat die Ehre der edlen
Jungfrau gerettet, hat dem Bilde in der Geschichte den Geistesadel
wieder gegeben, den Voltaire -- einem frechen Satyr gleich -- sich
nicht entblödete, in seinem hohen Alter mit leichtfertigem Spotte zu
besudeln. Und doch schämte A. W. Schlegel sich auch nicht, Shakespeare's
Schilderungen der pucelle in Heinrich VI., wo er den schmählichen Lügen
englischer Chronikenschreiber blind folgt, über Schiller's Raphael'sche
Heldenmadonna zu stellen. -- Die neuere Schule nannte also die Jungfrau
von Orleans einen mißglückten romantischen Versuch, ohne die großen
Schönheiten zu achten, die weder Tieck, Novalis, noch selbst Göthe
im Stande gewesen wären hervorzubringen. Wahrscheinlich durch dieses
Verkennen zu einer entgegengesetzten Richtung geführt, schrieb Schiller
später eine Tragödie in theils griechischen Formen: »Die Braut von
Messina«, wobei er sich in eine schiefe Theorie verirrte, wie der
Dichter stets thut, wenn er die Reflexionen und den kalten Begriff über
dem Genie und dem natürlichen Gefühle herrschen läßt. Hätte er einen
Heldenstoff aus dem germanischen Alterthume auf diese Weise behandelt,
so würden der griechische Chor und die einfache Anordnung in der
Handlung ihre Wirkung gethan haben; es wäre natürlich erschienen; denn
die alten griechischen, germanischen und skandinavischen Heldenzeiten
gleichen einander. Aber hier verband jene Form sich mit einer modernen
Intrigue; es wurde eine unnatürliche Vermischung von Alterthum und
Gegenwart (sowie in der Jungfrau von Orleans der Aberglaube des
Mittelalters sich mit dem Verstandselement der Gegenwart auch nicht
recht amalgamirte) -- und dies genügte der herrschenden Schule, dieses
Werk als verunglückt zu verwerfen, -- obgleich es in der Nation seine
Wirkung durch unvergleichliche Characterschilderung und einen Dialog
hervorbrachte, der dem Dichter den Rang eines großen Dichters gegeben
haben würde, wenn er nie etwas Anderes als die Braut von Messina
geschrieben hätte. Glücklicherweise schrieb Schiller vor seinem Tode
sein Meisterstück: »Wilhelm Tell«, in dem weder das Romantische noch
das Antike ihn verlockte -- sondern wo er einen =vaterländischen= Stoff
auf die historisch gründliche und doch poetische Weise behandelte,
mit der er in seinem Wallenstein begonnen hatte. Daß auch Wilhelm
Tell von Vielen getadelt wurde, weil man meinte, der fünfte Akt sei
ein _hors d'oeuvre_, da er nicht die Handlung fortsetzte, sondern
(was hier gerade von höchster Wichtigkeit war) den Gegensatz zwischen
einem verbrecherischen Meuchelmörder (Parricida) und Einem, der einen
Todtschlag aus edlem Beweggrunde begeht, (Tell) -- in einem herrlichen
dramatischen Verhältniß zu einander zeigte -- das war ganz in der
Ordnung, und gehörte mit zur Tadelsucht der damaligen Zeit gegen so
vieles Schöne, die einer Periode folgte, in der man so vieles Unschöne
bewundert hatte.
[Sidenote: Steffens als Gegner Schiller's.]