oder der Hand selbst gespielt wird, sondern die Saiten nur geschnellt
werden.
_Tenuto._
Wenn der Vortrag des Tons gleichsam zäh wird, oder wie Harz an unsern
Fingern zu kleben scheint. Es ist die angenehme Nachlässigkeit eines
reitzenden Mädchens im Morgenputze, und trägt ungemein viel zum schönen
Vortrag bey.
_Adlibitum_
deutet Tactlosigkeit, wo der Spieler oder Sänger freye Gewalt hat, zu
thun was er für gut findet.
_Tastosolo._
Eine Figur für die Orgel, wo man mit dem Pedal liegen bleibt, und oben
mit den Händen modulirt.
_Dolce._
Bemerkung des süßen Vortrags.
_Furioso._
Wilder rascher Vortrag.
_Amoroso._
Zärtlicher, hinschmachtender Vortrag.
Es lassen sich noch viele Nüancen und feine Schattirungen der Tonkunst
bemerken, die aber nicht in die Sphäre des Scribenten, sondern in den
Lichtkreis des musikalischen Kopfs gehören. Das _Portamento_,
oder, der Träger, der _halbe_ oder _ganze Triller_, die
plötzlichen Unterbrechungen des Tonstücks, das _Tempo rubato_,
wo der Vortrag nicht fort will, und doch fort geht, -- dieß zärtliche
Zögern eines Liebhabers, der eben von seinem Mädchen gehen will;
und hundert andere Nebenzüge, sind nur unter der Faust des Meisters
wirksam.
Vom musikalischen Genie.
Kein Sprichwort ist so wahr, und der Natur der Sache so angemessen,
als dieß graue: _Dichter und Musiker werden geboren_. So gewiß es ist,
daß jeder Mensch einen musikalischen Keim mit auf die Welt bringt; so
gewiß ist es auch, daß die Werkzeuge des Ohrs, der Kehle, auch eine
ungünstige Structur der Hände; manche auch die Erziehung verhindern,
diesen musikalischen Keim zu entwickeln. Das musikalische Genie hat das
_Herz_ zur Basis, und empfängt seine Eindrücke durchs Ohr. »Er hat kein
Ohr, kein Gehör!« heißt also in der musikalischen Sprache so viel, als:
er ist kein musikalischer Kopf. Die Erfahrung lehrt, daß Menschen ohne
Tactgefühl auf die Welt kommen, und daß sie taub und unempfänglich für
die Schönheiten der Tonkunst sind. Hingegen kündiget sich der künftige
Virtuos schon in seiner Jugend an. Sein _Herz_ ist sein Hauptaccord,
und mit so zarten Saiten bespannt, daß sie von jeder harmonischen
Berührung zusammen klingen. Alle große musikalische Genies, sind mithin
Selbstgelehrte (αυτοδιδαγκτο); denn das Feuer, das sie beseelt, reißt
sie unaufhaltbar hin, eine eigene Flugbahn zu suchen. Die _Bache_, ein
_Galuppi_, _Jomelli_, _Gluk_ und _Mozart_, zeichneten sich schon in
der Kindheit durch die herrlichsten Producte ihres Geistes aus. Der
musikalische Wohlklang lag in ihrer Seele, und den Krückenstabautodi
αντοδιδαγκτο der Kunst warfen sie bald hinweg. Die Charakterzüge des
musikalischen Genies sind also unstreitig folgende:
1. _Begeisterung_, oder enthusiastisches Gefühl des musikalischen
Schönen und Großen.
2. Aeußerst zartes _Herzgefühl_, das mit allem sympathesirt,
was die Musik Edles und Schönes hervor bringt. Das _Herz_ ist
gleichsam der Resonanzboden des großen Tonkünstlers; taugt dieses
nichts, so wird er ewig nichts Großes schaffen können.
3. Ein höchst feines _Ohr_, das jeden Wohllaut verschlingt, und
jeden Mißton mit Widerwillen anhört. Wenn ein Kind ohne alle Anweisung
einen Accord auf dem Flügel heraus bringt; wenn ein Mädchen, oder Knabe
den Second zu einem Volksliede treffen kann; wenn sich bey Dissonanzen
des jungen Hörers Stirne kraußt, und bey Consonanzen glättet, wenn die
junge Kehle schon in der Jugend eigene Melodien trillert: dann ist
musikalisches Genie vorhanden.
4. Natürliches _Gefühl für den Rhythmus und Tact_. -- Man gebe
einem Kinde von sechs bis sieben Jahren einen Schlüssel in die Hand
und singe, oder spiele sodann ein Stück: trifft es den Tact von sich
selbst, auch wenn ich gerade und ungerade Tacte durch einander mische,
so ist sicher musikalischer Kopf da.
5. Unwiderstehliche _Liebe und Neigung zur Tonkunst_, die uns
so allgewaltig fortreißt, daß wir Musik allen übrigen Freuden des
Lebens vorziehen, ist ein sehr starkes Criterion von der Gegenwart
des musikalischen Geistes. Und doch ist dieß Kennzeichen mitunter
täuschend: denn es gibt Leute, die alle Tage fiedeln, klimpern und
leyern, und sich doch kaum über das Mittelmäßige erheben.
Mit einem Worte, der himmlische _Geniusstrahl_ ist so göttlicher
Natur, daß er sich unmöglich verbergen läßt. Er drückt, treibt, stößt
und brennt so lange, bis er als Flamme ausschlägt, und sich in seiner
olympischen Herrlichkeit verklärt. Der mechanische Musiker schläfert
ein; das _musikalische Genie_ aber weckt, und hebt himmelan. Es
hat Raum genug, auf seinen Cherubsschwingen auch den Hörer empor zu
tragen.
Indessen wird doch das musikalische Genie ohne Cultur und Uebung immer
sehr unvollkommen bleiben. Die Kunst muß vollenden und ausfüllen,
was die Natur roh niederwarf. Denn gäbe es Menschen, die in irgend
einer Kunst vollkommen geboren würden, so dürften leicht Fleiß und
Anstrengung in der Welt ersterben.
Die Geschichte der großen Künstler beweißt es, wie viel Schweiß bey
ihren Uebungen troff, wie viel Oehl ihre nächtliche Lampe verzehrte,
wie viel unvollkommene Versuche sie im Camin aufdampfen ließen; wie
tief in der Einsamkeit verborgen, sie Finger, Ohr und Herz übten,
bis sie endlich auftraten, und der Welt durch Meisterwerke ein
zujauchzendes Bravo abnöthigten.
Die größte Stärke des musikalischen Genies zeigt sich im Tonsatze,
und in der weisen Anführung eines großen Orchesters. Ein wahrer
Capellmeister und Musikdirector muß alle musikalischen Style kennen,
und wenigstens in einem derselben sich als Meister zu zeigen wissen.
Er muß den Contrapunct im engsten Verstande studiert haben; muß reich
an großen und interessanten melodischen Gängen seyn; muß das Herz der
Menschen tief studiert haben, um auf den Cordialnerven eben so sicher
spielen zu können, wie auf seinem Lieblingsinstrumente. Er muß endlich
Acustiker seyn, und hundert und mehrere Köpfe, mit Hauch und Strich
so in Eins zu lenken wissen, daß dadurch ein großes, allwirkendes
Ganzes gebildet wird. Wenn man auch nur nach _Mattheson_, oder
_Junker_, den vollkommenen Capellmeister studiert; so muß man über
den weiten Umfang seiner theoretischen und practischen Erfordernisse
staunen. --
Wehe dir, Zögling der Tonkunst! wenn du schon vom Capellmeister
schwindelst, ehe du noch die Eigenschaften des guten Ripienisten hast;
oder wie _Händel_ zu sagen pflegte: Wenn du Admiral seyn willst,
ohne Matrosenkenntnisse zu besitzen. Die halb ausgebildeten Musiker,
die reisenden Kraftmänner, die heut zu Tage wie Heuschreckenschwärme
die musikalische Welt verfinstern, mögen dich abschrecken, daß du dich
in dein Kämmerlein verschließest, dich in Melodie, Modulation und
Harmonik übest; -- und dann in der Glorie des cultivirten Genies unter
deinen Zeitgenossen treten könnest.
Vom musikalischen Ausdruck.
Der musikalische Ausdruck ist gleichsam die goldene Achse, um welche
sich die Aesthetik der Tonkunst dreht. Wir verstehen darunter den,
jedem individuellen Stücke, ja jedem einzelnen Gedanken _angemessenen
Vortrag_. Ueberhaupt besteht der musikalische Ausdruck aus drey
Stücken: _Richtigkeit_, _Deutlichkeit_ und _Schönheit_.
_Richtigkeit_ besteht im genauen Lesen, und in der strengsten
Beobachtung des Rhythmus.
Das _Lesen_ ist weit schwerer, als sich manche einbilden. Da
jeder musikalische Gedanke seinen bestimmten Vortrag in sich selbst
enthält; so kommt es nur darauf an, daß ich in die _Natur_ dieses
Gedanken eindringe, und ihn charakteristisch darstelle. Es verhält sich
in der Musik wie in der Beredtsamkeit: gründliches, tonvolles Lesen
muß der schönen Declamation vorangehen. Zu diesem Lesen wird lange
anhaltende Uebung erfordert. Man muß die Partituren großer Meister
vielmahls durchstudieren, die Faust durch den Vortrag schwerer Stellen
üben, und auch die simpelsten Sätze nicht vernachlässigen: denn es
gibt oft leichte Sätze, welche schwerer vorzutragen sind, als die
schwierigsten. Dieses Paradoxon löset sich dadurch auf, wenn man weiß,
daß leichte Sätze -- tiefes Gefühl des Schönen, die schweren, meist nur
Mechanismus erheischen. Ich habe große Sänger und Sängerinnen, auch
starke Clavierspieler gehört, die die schwersten Arien und Concerte mit
bewunderungswürdiger Fertigkeit vortrugen, und doch nicht fähig waren,
den einfachsten Choral, oder das simpelste Volkslied zu singen, oder zu
spielen. Durch fleißiges Solfeggiren, und Uebung in den Applicaturen,
kann der Sänger und Instrumentist leicht jene Fertigkeit im Lesen
erlangen.
Die _zweyte_ Eigenschaft des guten musikalischen Vortrags ist:
_Deutlichkeit_. Was man nicht versteht, das wirkt nicht auf's
Herz. Man muß also jedes musikalische Comma, ja jede einzelne Note
scharf conturiren; sich im Abstoßen der Töne üben, (denn nichts ist
deutlicher, als ein Staccatosatz;) nie murmeln, wenn man sprechen
soll; und sich sonderlich im Vortrage der _Rundung_ befleißigen.
Ganz vorzugsweise hat der Sänger diese Deutlichkeit vonnöthen: denn
leider, geht unter den Lippen und Zähnen der meisten, oft die schönste
Poesie verloren. Deßwegen ist auch der Effect nur einfach, da er doch
gedoppelt seyn sollte, nähmlich: Musik und Dichtkunst sollten zugleich
auf das Herz wirken. -- Mit ein Grund, warum in unsern Concerten so
wenig Aufmerksamkeit herrscht. Man singe nur ein gutes Volkslied
deutlich und verständlich; und sieh da! alle Augen werden sich weitern,
alle Ohren lauschen, alle Herzen sich öffnen. Jeder Sänger, und jede
Sängerinn lese mithin ihren Text sehr genau durch, dringe in die Kraft
jedes Wortes ein; gebe jedem Wort seine bestimmte Aussprache, und hüthe
sich besonders vor dem abscheulichen Dehnen und Zerren der Vocale,
wodurch der Vortrag am meisten unverständlich wird.
Die _dritte_ Eigenschaft des musikalischen Vortrags ist endlich
_Schönheit_.
Wer ein gefühlvolles Herz hat, wer den Dichter und Musiker nach zu
empfinden weiß, wen der Strom des Gesangs selbst mit fortwälzt; wer die
himmlische Schönheit in den Stunden der Weihe unverschleyert sah: der
bedarf nur Winke -- und er wird schön singen, wird jedes Stück schön
vorzutragen wissen.
Die _Schönheit_ besteht auch in der Tonkunst aus so vielen
unendlichen feinen Nüancen, daß es unmöglich ist, sie alle zu
bestimmen. Ein Mädchen voll Unschuld und Liebreitz ist schön, ohne daß
sie es oft selbst weiß, wenigstens weiß sie nicht ihren Teint, und
jeden Zug ihrer Schönheit aus einander zu setzen. Inzwischen lassen
sich doch hierüber sehr interessante Bemerkungen machen.
Verflößung der Töne; leichtes gefälliges Portamento, oder Hinschweben
von einem Tone in den andern; das Schwellen, Steigen, Fallen, Sterben
der Töne; die Naivetät, womit man kleine Verzierungen hintändelt; der
schöne Umriß, womit man jeden Satz markirt; die sanften Bebungen, das
Hinathmen des Sängers; das liebliche Trillo; der schmelzende Vorschlag,
und endlich die schöne Stellung des Musikers, und sein Herzausdruck im
Angesicht, -- machen zusammen den schönen musikalischen Vortrag aus.
Da jeder Gedanke seine eigene Farbe hat; da von der Feuerfarbe des
Pathos an, bis auf die Rosenfarbe der sanften Freude, ausnehmend viel
Schattirungen in der Mitte liegen; so ist es, wie schon erwähnt, eben
so unmöglich, alle diese Abstufungen zu bemerken, als jede Nüance des
Colorits bey einem _Titian_, _Correggio_ und _Mengs_ anzugeben.
Diese und noch mehrere Pflichten hat derjenige zu beobachten, welcher
bloß Dinge vorträgt, die ein anderer gesetzt hat. Unendlich wichtiger
aber ist der musikalische Ausdruck bey dem Tonsetzer selbst: denn der
muß alles wissen, was Dichter und Redner kennen sollen; und mit alle
dem noch die erhabenste Kenntniß der Tonkunst verbinden.
Z. B. _Kirchliches Pathos_, hat simpeln, großen, tiefsinnigen,
alldurchdringenden Ausdruck. Einige unserer Choräle wirken seit
Jahrhunderten auf alle Menschenherzen. Was ist der Grund dieser
langen Wirkung? -- Einfalt, Andachtsgefühl, Größe welche immer und
überall alle Herzen besiegen, und himmelan reissen. -- Zum Ausdruck
des Kirchenstyls gehört mithin viel Wärme für die Religion; Großsinn,
und das zarteste Herzgefühl, das der einfachsten Gebethsformel eine
musikalische Sprache leihen kann.
Der musikalische Ausdruck in den Kirchen ändert sich nach den
Gegenständen. Z. B. Der _Triumphstyl_ herrscht an Festtagen, wogt
und wälzt die Tonfluth, und trägt ihre freudigen Gefühle gen Himmel.
Wenn jemand die Worte:
»Gott fährt auf mit Jauchzen und Frohlocken.«
in Musik bringen wollte; so wäre die herrschende Idee die triumphirende
Auffahrt Christus, so wie sie _Klopstock_ geschildert hat.
Bey der Idee: »_Gott_« müßte der Tonsetzer weilen, sie öfters
invertiren, und durch eine Generalpause dem Zuhörer aufs Herz legen.
Die Idee: »_fährt auf_,« als die herrschende, müßte über die ganze
Composition hinausragen. Alle Töne müßten nach und nach steigen, und
den Helden gleichsam zum Himmel erheben.
»_mit Jauchzen und Frohlocken!_«
sind bloß Nebenideen. Es wäre sonach Thorheit, wenn sich der
Tonkünstler verleiten ließe sie durch sorgfältige Ausarbeitung
zum Hauptbegriffe seines Stücks zu machen. _Jauchzen_ und
_frohlocken_ darf das Stück wohl, allein der _auffahrende
Gott_ muß weit unter dem jubelnden Getümmel hervor blitzen.
Ein _Requiem_, oder eine Sterbemusik, muß ganz in die Farbe der
Schwermuth getaucht seyn. Die Worte:
»Requiem aeternam da nobis, Domine!« --
scheinen gleichsam nur _einen_ Ausdruck zu haben. In einem stark
colorirten Tone, wie in A _dur_, E _dur_, H _dur_, u. s. w. können
folglich diese Worte unmöglich gesetzt werden. C _dur_ und A _moll_,
sind zu licht für dieses Thema. Es bleiben also nur die mit B markirten
Töne übrig. Diese wiegen durch ihre Sanftheit nicht nur in Schlaf,
sondern deuten auch die Natur des Todes durch ihre hinsterbende
Dumpfheit an. Jeder Tonkünstler muß mithin zu diesem Thema S _dur_,
oder C _moll_; As _dur_, oder F _moll_, höchstens B _dur_, oder H
_moll_ wählen.
Da, um den musikalischen Ausdruck zu heben, außerordentlich viel darauf
ankommt, auch die Töne gut zu wählen; so steht folgende Charakteristik
hier an ihrem rechten Orte.
_Charakteristikstück der Töne._
Jeder Ton ist entweder gefärbt, oder nicht gefärbt.
Unschuld und Einfalt drückt man mit ungefärbten Tönen aus. Sanfte,
melancholische Gefühle, mit B Tönen; wilde und starke Leidenschaften,
mit Kreuztönen.
_C dur_, ist ganz rein. Sein Charakter heißt: _Unschuld_,
_Einfalt_, _Naivetät_, _Kindersprache_.
_A moll_, fromme _Weiblichkeit_ und _Weichheit_ des
Charakters.
_F dur_, _Gefälligkeit_ und _Ruhe_.
_D moll_, schwermüthige Weiblichkeit, die Spleen und Dünste brütet.
_B dur_, _heitere Liebe_, _gutes Gewissen_,
_Hoffnung_, _Hinsehnen_ nach einer bessern Welt.
_H moll_, _Mißvergnügen_, _Unbehaglichkeit_,
_Zerren_ an _einem verunglückten Plane_; _mißmuthiges
Nagen_ am Gebiß; mit einem Worte, _Groll und Unlust_.
_E S dur_, der Ton der _Liebe_, der _Andacht_, des
_traulichen Gesprächs_ mit _Gott_; durch seine drey _B_,
die heilige Trias ausdrückend.
_C moll_, _Liebeserklärung_, und zugleich _Klage der
unglücklichen Liebe_. -- Jedes Schmachten, Sehnen, Seufzen der
liebetrunknen Seele, liegt in diesem Tone.
_As dur_, der _Gräberton_. Tod, Grab, Verwesung, Gericht,
Ewigkeit liegen in seinem Umfange.
_F Moll_, _tiefe Schwermuth_, _Leichenklage_,
_Jammergeächz_, und _grabverlangende Sehnsucht_.
_Des dur_. Ein schielender Ton, ausartend in Leid und Wonne.
Lachen kann er nicht, aber _lächeln_; heulen kann er nicht, aber
wenigstens das _Weinen grimassiren_. -- Man kann sonach nur
seltene Charaktere und Empfindungen in diesen Ton verlegen.
_B moll._ Ein Sonderling, mehrentheils in das Gewand der Nacht
gekleidet. Er ist etwas _mürrisch_, und nimmt höchst selten eine
gefällige Miene an. Moquerien gegen Gott und die Welt; Mißvergnügen mit
sich und allem; Vorbereitung zum Selbstmord -- hallen in diesem Tone.
_Ges dur._ _Triumph_ in der _Schwierigkeit_, freyes
_Aufathmen_ auf überstiegenen Hügeln; Nachklang einer Seele, die
stark gerungen, und endlich gesiegt hat -- liegt in allen Applicaturen
dieses Tons.
_Es moll._ _Empfindungen der Bangigkeit des aller tiefsten
Seelendrangs; der hinbrütenden Verzweiflung; der schwärzesten
Schwermuth, der düstersten Seelenverfassung._ Jede Angst, jedes
Zagen des schaudernden Herzens, athmet aus dem gräßlichen _Es
moll_. Wenn Gespenster sprechen könnten; so sprächen sie ungefähr
aus diesem Tone.
_H dur._ Stark gefärbt, _wilde Leidenschaften ankündend_,
aus den grellsten Farben zusammen gesetzt. Zorn, Wuth, Eifersucht,
Raserey, Verzweifelung, und jeder Jast des Herzens liegt in seinem
Gebiethe.
_Gis moll_, _Griesgram_, _gepreßtes Herz bis zum
Ersticken_; _Jammerklage_, die im Doppelkreuz hinseufzt;
_schwerer Kampf_, mit einem Wort, alles was mühsam durchringt, ist
dieses Tons Farbe.
_E dur._ _Lautes Aufjauchzen_, _lachende Freude_, und
noch nicht ganzer, voller Genuß liegt in _E dur_.
_Cis moll._ _Bußklage_, _trauliche Unterredung mit
Gott_; dem _Freunde_; und der _Gespielinn des Lebens_;
Seufzer der unbefriedigten Freundschaft und Liebe liegen in seinem
Umkreis.
_A dur._ Dieser Ton enthält Erklärungen _unschuldiger
Liebe_, _Zufriedenheit_ über seinen Zustand; _Hoffnung des
Wiedersehens_ beym _Scheiden des Geliebten_; _jugendliche
Heiterkeit_, und _Gottesvertrauen_.
_Fis moll._ Ein finsterer Ton: er zerrt an der Leidenschaft, wie
der bissige Hund am Gewande. _Groll_ und _Mißvergnügen_ ist
seine Sprache. Es scheint ihm ordentlich in seiner Lage nicht wohl zu
seyn: daher schmachtet er immer nach der Ruhe von _A dur_, oder
nach der triumphirenden Seligkeit von _D dur_ hin.
_D dur._ Der Ton des _Triumphes_, des _Hallelujas_,
des _Kriegsgeschrey's_, des _Siegsjubels_. Daher setzt
man die einladenden Symphonien, die Märsche, Festtagsgesänge, und
himmelaufjauchzenden Chöre in diesen Ton.
_H moll._ Ist gleichsam der _Ton der Geduld_, der stillen
_Erwartung seines Schicksals_, und der _Ergebung in die
göttliche Fügung_. Darum ist seine Klage so sanft, ohne jemahls in
beleidigendes Murren, oder Wimmern auszubrechen. Die Applicatur dieses
Tons ist in allen Instrumenten ziemlich schwer; deßhalb findet man auch
so wenige Stücke, welche ausdrücklich in selbigen gesetzt sind.
_H dur._ Alles _Ländliche_, _Idyllen-_ und _Eklogenmäßige_, jede ruhige
und befriedigte _Leidenschaft_, jeder _zärtliche Dank_ für aufrichtige
_Freundschaft_ und _treue Liebe_; -- mit einem Worte, jede sanfte
und ruhige Bewegung des Herzens läßt sich trefflich in diesem Tone
ausdrücken. Schade! daß er wegen seiner anscheinenden Leichtigkeit,
heut zu Tage so sehr vernachlässiget wird. Man bedenkt nicht, daß
es im eigentlichen Verstande keinen schweren und leichten Ton gibt:
vom Tonsetzer allein hängen diese scheinbaren Schwierigkeiten und
Leichtigkeiten ab.
_E moll._ _Naive, weibliche unschuldige Liebeserklärung_,
_Klage ohne Murren_; _Seufzer_ von wenigen Thränen begleitet;
nahe _Hoffnung_ der reinsten in _C dur_ sich auflößenden
_Seligkeit_ spricht dieser Ton. Da er von Natur nur Eine Farbe
hat; so könnte man ihn mit einem Mädchen vergleichen, weiß gekleidet,
mit einer rosenrothen Schleife am Busen. Von diesem Tone tritt man mit
unaussprechlicher Anmuth wieder in den Grundton _C dur_ zurück, wo
Herz und Ohr die vollkommenste Befriedigung finden.
* * * * *
Wenn man gegen diese Charakteristik der Töne, wie in den
Literaturbriefen, einwenden wollte: daß wegen der mannigfaltigen
Ausweichungen kein Ton einen _bestimmten_ Charakter haben könne;
so muß man bedenken, daß es Pflicht für jeden Componisten sey, den
Charakter seiner Töne genau zu studieren, und nur die simpathetischen
in seinen Lichtkreis aufzunehmen. Ein guter Gesellschafter ladet
niemahls bizzarre Charaktere, die den Zirkel seiner Vertrauten
stören, zu sich; er wählt vielmehr homogene Menschen, welche das
Vergnügen der Gesellschaft erhöhen. Ein Freygeist, der sich durch
Liederlichkeit brandmarkt, gehört nicht in eine stille christliche
Charfreytagsversammlung, wenn er gleich da und dort an seinem rechten
Platze stehen mag. Eben so verhält es sich auch mit dem Musiker.
So bald er einmahl einen der herrschenden Empfindung anpassenden
Ton gewählt hat, so darf er nie in Töne ausgleiten, welche dieser
Empfindung widersprechen. Unausstehlich wäre es z. B. wenn eine Arie,
deren Grundton _C dur_ ist, im ersten Theil in _H dur_ endigte; oder
wenn man aus _F moll_ plötzlich in _Fis dur_ übergehen wollte. Kurz,
der _musikalische Ausdruck_ durch alle Töne, ist so genau bestimmt,
daß, ob es gleich philosophische Kritiker noch nicht genug geltend
gemacht haben, er es doch an Genauigkeit dem poetischen und pittoresken
Ausdrucke weit zuvor thut.
Andacht und Erhabenheit ist der Charakter des _kirchlichen_
Ausdrucks; das Wunderbare, Heroische, Majestätische, Tieferschütternde,
Traurige und Frohe ist der Charakter des _dramatischen_ Ausdrucks.
Vertrauliche Unterhaltung dagegen, Geselligkeit, Anschmiegung an jeden
Charakter; musikalisches All in Eins zusammen gedrängt, bezeichnen den
Ausdruck der Kammermusik.
Auch die _populäre_ Musik ist ohne _Naturausdruck_ ein Aas,
das mit Recht auf dem Anger begraben wird.
Berichtigungen.