Die _Figuralmusik_ sollte nie vom Gesang der Gemeinde getrennt

werden, sondern vielmehr mit selbigem in einen großen Punct

zusammenfließen. _Klopstock_ fragt mit vollem Rechte: Ist denn

die Musik nur für die Oper so vollständig geworden? Da aber nicht jede

Gemeinde Musik halten kann, so sollten wenigstens Männer und Weiber,

Junge und Alte, Orgel und Gemeinde, miteinander abwechseln, um dadurch

dem Gesange Mannigfaltigkeit zu geben.

_Reichardt_ hat sich über diesen Gegenstand mit tiefer Einsicht

ausgebreitet, nur Schade! daß man dergleichen große Vorschläge, die

die Erbauung im höchsten Grade fördern würden, zwar anhört, aber nicht

befolgt. So lang indessen nicht bessere Singanstalten in einem Lande

gemacht werden, so lang man nicht Schulmeister-Seminarien anlegt, worin

man diese Leute auch für den guten Gesang bildet, so lang sich die

Fürsten und Obrigkeiten nicht kräftiger für die Religion interessiren;

so lange bleiben solche Vorschläge mehr nicht als idealische Phantome.

Unter der Figuralmusik hat man sich angewöhnt, ausgeführte Singstücke

von Instrumenten begleitet zu verstehen. Doch gibt es auch ausgeführte

Singstücke für die Kirche nur von einem Positive, oder auch von

gar keinem Instrumente begleitet. Die katholische Kirche hat noch

immer Meisterstücke dieser Art aufzuweisen, die sich durch Satz

und Ausführung jedem Menschenherzen insinnuiren. Die Motetten der

Protestanten sind zwar meist gut aufgesetzt, aber die Ausführung will

nicht viel sagen; denn was ist unser Gesang gegen der Katholiken ihren?

Wir brüllen, kreischen, rasen, und toben; sie aber _singen_.

Messen, Kyrien, Te Deums, Vespern, Psalmen, Glorias, und dergleichen

Stücke werden von den Katholiken mit solcher gewissenhaften

Regelmäßigkeit, und durchgreifenden Wirkung aufgeführt, daß wir mit

unsern Kirchenmusiken eine gar erbärmliche Figur gegen sie spielen.

Ich weiß nicht, welch ein Geist der Verwirrung einmahl ausgegangen

seyn muß: der den Protestanten den lahmen Gedanken eingab, so genannte

_Cantaten_ in die Kirche zu verpflanzen. Diese Art von Stücken besteht

erstlich aus einem Chore, Recitativen, Arien, Duetten, Chorälen und

dergleichen; wer sieht aber nicht schon aus der Beschreibung, daß dieß

eine musikalische Harlekinsjacke sey, die man nie an den heiligen

Wänden des Tempels aufhängen sollte? _Telemann_, die _Bachs_, _Benda_,

und andere Meister, haben uns zwar herrliche Stücke dieser Art

geliefert, aber ihre profane Miene, ihr dem Theater entwendetes Kleid,

die künstlichen Verzerrungen des Textes, und die frechen Manieren,

haben den Cantaten in der Kirche fast allen Eindruck geraubt[17].

Keine Gemeinde interessirt sich für sie. Wird die Musik nach der

Predigt gemacht, wie z. B. in Ulm, und andern Städten, so geht die

Gemeinde davon, und läßt das Musikchor durch einander kreischen und

dudeln. Nur durch die Nachahmung der Katholiken in ihren Antifonen,

und Messen; wo gar keine Recitative vorkommen, sondern alles im

eigentlichsten Kirchenstyle gesetzt ist, kann man die Gemeinde mit dem

Figuralgesang aussöhnen.

Zum Kirchenstyle gehört tiefe Kenntniß des Contrapuncts,

genaues Studium der Menschenstimme, und sonderlich die größte

Unterscheidungskraft, um das Heilige vom Unheiligen zu sondern.

_Der dramatische Styl_

überhaupt, theilt sich in die höhere Oper, und in die _Opera buffa_,

ins _Intermezzo_, und in die _Pantomime_ ein. Da die Oper eine

Erfindung der üppigsten Phantasie ist; da sich Pracht, Heroismus,

Leidenschaft, Wunderbares, Imaginationsgeburten, und Ideale, aus

Ariosts Welten, oder aus Ovids Verwandlungen, die leichtfertigsten, und

schauervollsten Scenen, mit ihr vereinigen lassen; so hat der Tonsetzer

hier ein ungeheures Feld vor sich. Was die Seele packt, erschüttert,

und mit sich fortreißt; was die Schwingkraft der Imagination befeuert;

was das Herz rührt und bewegt; ja selbst was Schrecken und Entsetzen

hervorbringt, liegt im Gebiethe der Oper. Der Opernsetzer muß also

Genie seyn; muß Gesang und Instrumente genau verstehen; die Wirkungen

des Schalls oder die Acustik die wirksamste Stellung des Orchesters,

und die Kunst der Begleitung auf das strengste studiert haben; sonst

geben ihm drey Musen, Thalia, Melpomene, und Polihymnia zürnende

Blicke, und sein kraftloses Saitenspiel muß vor ihnen verstummen.

Zur tragischen Oper, oder zum heroischen Sangdrama gehört also

unstreitig ein großer Geist, der nie zum Komischen herabzusinken fähig

ist. Wer alles können will, glitscht nur an der Schale der Dinge ab,

und saugt nie das Oehl des Kerns. Wer Hermanns Schlacht, die erste

Oper der Welt, vollkommen in Musik setzen wollte; müßte nicht nur der

vollkommenste Musiker, sondern auch der Anlage nach ein vortrefflicher

Dichter seyn: sonst würde er ewig die Kraft dieses Meisterwerks

verfehlen. _Gluk_ hat einige Chöre dieser Oper gut getroffen, bey

einigen aber den Sinn bey weitem nicht erreicht. Wie groß muß der

Tonsetzer seyn, der dem Feuerfluge Klopstocks folgt, womit er die

Deutschen den heissen Fluch auf die Römer hinabstürmen läßt!

Die Opera buffa, oder die komische Oper, ist zwar in neuern Zeiten sehr

verschrieen worden, und wenn man den entsetzlichen Mißbrauch derselben

von den Franzosen, und Sachsen betrachtet, mit vollem Rechte. Da aber

die Musik so allumfassender Natur ist; so wäre es indiscret, wenn man

ihr Gebieth auf irgend eine Art verengen wollte. Die Menschen neigen

sich im Durchschnitt betrachtet, mehr zum Komischen als zum Tragischen,

und Gott hat es aus Liebe zum Menschengeschlechte so geordnet, daß wir

uns durch freudige Melodien, und durch helle Gesangweisen, über das

menschliche Elend trösten sollten. Große heroische Opern spannen und

ermüden die Seele. Laßt uns also immer die komische Oper beybehalten,

um die müde Menschheit aufzuheitern, und die schweißbeträufte Stirne

des Mannes von Geschäften, vom Theater herab kühlen.

Auch hat die komische Oper den edlen Endzweck, daß sie die Menschheit

auch in ihren niedrigen Scenen darstellen darf, welches der höhern

ganz und gar verbothen ist. Dadurch wird der populäre Gesang, und mit

ihm Freude und Heiterkeit, unter den niedrigsten Ständen des Lebens

verbreitet. _Hiller_ hat durch seine treffliche komische Opern dem

schönen Gesange in Deutschland mächtig aufgeholfen. Er drang so tief in

den Geist unsrer Nation ein, daß seine Gesänge jetzt überall, selbst

von den gemeinsten Menschengattungen nachgetrillert werden. Man lasse

also immer die komische Oper in ihrem Werthe; nur würdige man sie nie

zur gemeinen Straßenvettel herab.

_Pantominischer Styl._

Dieser ist eigentlich der Dollmetscher, oder wenn der Tonsetzer

sehr stark ist, der Ausleger der Mimik. Er ist theils dramatisch,

theils aber auch gesellschaftlich. _Cahusac_ und _Noverre_, haben

den Tanz, nach Art der großen alten Mimiker, wieder ganz dramatisch

behandelt, und an _Rudolph_, _Dellern_ und _Sterzern_, die erhabensten

Dollmetscher ihrer Mimik gefunden. Der Tanzcomponist muß beynahe alle

große Eigenschaften des großen Operncomponisten haben. Sogar das

Erhabene, Schauerliche, Shakespearsche, liegt in seiner Sphäre. Zwar

darf er die großen Leidenschaften nicht so ausführlich vortragen,

aber zusammendrängen muß er sie; muß jedes Zucken der Fußsohle, jede

Bewegung der Hände, jedes Mienenspiel, jede Leibesstellung, treu

dollmetschen. Er muß dem Komischen so gut gewachsen seyn wie dem

Tragischen. Seine Melodien müssen leicht seyn, reeltändelnd, so paradox

dieser Gedanke scheint, und alle Muskeln so packen, daß sie wie Salz,

die Schenkeln des todten Frosches noch zum Hüpfen bewegen.

Sonst theilt sich die Tanzmusik, wie die Opernmusik, in verschiedene

Parthien. Nur kommt hier die _Chacone_ in Betracht, die im Capitel von

den besondern musikalischen Stücken, näher detaillirt werden soll. Was

den _gesellschaftlichen Tanz_ betrifft, so vertheilt er sich, nach der

Verschiedenheit des Nationalgeschmacks, in verschiedene Zweige.

Die Menuette, oder der französische Tanz, ist nach dem Geiste der

französischen Nation, ein zierliches, in Kunst gekleidetes Compliment,

und hat immer dreyviertel Tact. Solche Tänze werden sehr leicht

verfertigt. Man macht sie mit, und ohne Trios, mit sechzehn und

mehreren Tacten. Schwere Ausweichungen sind für diesen Tanz zu hart.

Doch ist es heut zu Tage Mode geworden, um der Abwechselung willen,

die Trios oft in sehr grelle Töne zu setzen, allein ohne Wirkung.

Simplicität thut auch hier Wunder.

_Der englische Tanz._ Sein Charakter ist ungemein gesellschaftlich.

Er hat viel choreographische, und lieblich in einander gewundene

Schönheiten. Er liebt immer den zweyviertel Tact, und eine leichte

gefällige Erhebung. Auch diese Tänze macht man mit und ohne Trios. Sie

sind durch ganz Europa gemein.

_Der holländische Tanz_ scheint von den Matrosen erfunden zu seyn. Er

wimmelt durcheinander wie Spritzwasser; die Tacte wechseln in langsamer

oder schneller Bewegung ab, und die Melodien sind ungemein lieblich zu

hören. Diese Tänze sind weit schwerer zu setzen, als die erstgedachten,

man hat daher sehr wenig gute.

_Der pohlnische Tanz_, dessen Charakter Gravität und eleganter

körperlicher Umriß ist, und der vielleicht seines Gleichen nicht hat,

(denn die von Forster und Gluk so hoch angerühmten pantomimischen Tänze

sind unter uns noch zu unbekannt) liebt den zweyviertel, meisten Theils

aber dreyviertel Tact in der möglichst langsamen Bewegung. Diejenigen

pohlnischen Tänze, so im Lande selbst verfertiget werden, übertreffen

die übrigen weit.

_Der ungarsche Tanz_ hat einige ganz originelle Wendungen, und die

Heidemacken haben sogar Originalmelodien, die sich den Tänzen der

Zigeuner ziemlich nähern. Der Tact ist immer zweyviertel, die Bewegung

mehr langsam als schnell, und in der Ausweichung ganz bizarr; z. B. sie

beginnen vier Tacte in _G_, und hören sodann in _C_ auf; und so haben

sie noch manche barocke Wendungen. Dieser Tanz verdient sehr auf das

Theater gebracht zu werden.

_Der deutsche Tanz_, oder der Walzer; von den Alten Schleifer,

jetzt auch Ländler genannt; theilt sich ein in den engen, und weiten.

Der enge Schleifer; ein sehr scandalöser, und dem deutschen Ernst

zur Schande gereichender Tanz, hat immer zweyviertel Tact; der weite

Schleifer ein stürmender, in weiten Kreisen sich herumwalzender Tanz,

welcher Solo oder Tutti allein oder gesellschaftlich getanzt werden

kann, wird in dreyachtel oder dreyviertel gesetzt, mit oder ohne Trios.

In keinem Tanze muß die Elevation stärker seyn, als beym deutschen.

Jeder Tact muß auf das strengste markirt werden, und die Bewegung nie

zu rasend, auch nie zu langsam seyn. Im ersten Falle wirbelt er das

Hirn durch einander; im zweyten artet er von seiner Natur ab.

Die Deutschen haben noch einige ganz originelle, Tänze, wovon der

_Kieser-_ oder _Büttnertanz_, vom ersten Balletmeister studiert zu

werden verdient[18].

Die so genannten sieben Sprünge sind ebenfalls eine uralte Erfindung

der Deutschen. Es ist eigentlich ein Solotanz; und die Melodie dazu ist

nur eine einzige, kaum läßt sich mehr eine zweyte erfinden.

Vom Kammerstyl.

Er wird in öffentlichen und Privatconcerten gebraucht. Einzelne

Virtuosen so wohl lassen sich hier auf verschiedenen Instrumenten

hören, oder es strömt das ganze Concert zusammen. Alle Gattungen von

Concerten, einfache und doppelte: Simphonien, Sonaten, Terzetten,

Quartetten, auch Duos gehören in die Sphäre des Kammerstyls. Die

Eindrücke desselben können groß werden, je nachdem das Orchester

zusammenstimmt, oder große und mittelmäßige Virtuosen auftreten.

Manigfaltigkeit thut hier große Wirkung. Ein Capellmeister thut mithin

sehr wohl, wenn er nicht aus Prädilection für seine eignen Sätze immer

sich selbst producirt, sondern auch andern erlaubt, ihre Compositionen

aufzulegen.

Man könnte noch den _populären Styl_ hinzusetzen, worunter sich die

gesellschaftlichen Gesänge, und _Volkslieder_ begreifen ließen. Es

ist in der That ungemein schwer, ein gutes Volkslied zu setzen. Hier

gelten keine Nachäffungen, sondern ich muß die Nationalkorden so

sicher zu berühren wissen, daß sie alle das gesetzte Lied wiedertönen.

Der Handwerksbursche, der Bauer, das gemeine Mädchen finden keinen

Geschmack am verzierten Gesange, sie wollen _Naturlaute_ hören. Man

studiere also unsere herrlichen Volksmelodien, deren Wirkungen sich

schon über mehr als ein Jahrhundert verbreitet haben; dann erst wird

man ein Lied setzen, das unser Volk aufnimmt.

Von den musikalischen Kunstwörtern.

_Concert_

hat seinen Nahmen von dem Streite, Kampf und Wetteifer der Instrumente

unter einander. Es gibt einfache, doppelte und mehrfache Concerte für

alle Instrumente. Zwar muß die _Kunst_ in Concerten merklich

hervorragen, und die schwersten Sätze sind darin erlaubt; doch sind

die anmuthigen Gänge, die Grazien des musikalischen Styls nicht davon

ausgeschlossen.

_Chor._

Zusammenstimmung des Gesangs, oder Zusammenfluß vieler Töne zu einem

Zweck. Es gibt Chöre von 4, 8, 16, ja von 30, 50 und mehreren Stimmen.

Das Pathos ist ganz eigentlich für den Chor gemacht. Es gibt geistliche

und profane Chöre; beyde aber erfordern einen gründlichen Tonsetzer.

Wechselchöre, sind solche wo zwey Chöre gegen einander singen. Messen,

Antifonen, Credos, Agnus Dei, Miserere, Requiem, und dergleichen Stücke

sind ganz für die Kirche bestimmt, und erfordern einen Tonsetzer,

dessen Herz von Andacht durchglüht ist. Psalmen, Hymne, Choral,

Kirchenlied sind geistliche Gesänge im höhern Tone der Begeisterung,

oder im sanften Ergusse des Herzens gesetzt. Sie gehören eigentlich für

ganze Gemeinden.

_Fuge_,

hat ihren Nahmen von der raschen, durch einander jagenden Bewegung

dieses Tonstücks. Eine Fuge ist äußerst schwer zu setzen, nur der tiefe

Kenner des Contrapuncts macht sie fehlerlos. Man setzt sie mehr im

Kirchenstyl als im profanen; denn die Nachahmungen, so darin vorkommen;

ihr lautes Aufjauchzen, die Ligaturen, und andere Eigenthümlichkeiten

derselben, machen sie zum kirchlichen Pathos äußerst geschickt. Bey

jeder Fuge wird ein Thema festgesetzt, welches in verschiedenen Tönen

immer wieder vorkommt, invertirt und verdoppelt wird. Auch sind in den

Fugen die kühnsten Modulationen erlaubt. Bey einer Kirchenfuge muß man

sich sehr hüthen, daß das Thema nie in Frechheit ausartet. Man theilt

sie in die einfache und doppelte Fuge ein.

_Allabreve._

Unterscheidet sich von der Fuge nur durch ein geflügelteres Thema,

durch eine bestimmtere Tactbewegung, und dadurch, daß das Allabreve

für die Kirche, und den Profanstyl gleich geschickt ist. Dieß Tonstück

ist etwas leichter zu verfertigen als die Fuge, weil darin nicht so

intricate Verwickelungen vorkommen.

_Arie._

Ein künstliches Singstück, welches aus zwey Sätzen besteht, einem

Vorder- und Nachsatz. Der Vordersatz wird weitläufig ausgeführt: hier

sind Umkehrungen, Coloraturen, Fermen, Cadenzen und alles erlaubt,

wodurch sich der Sänger heben kann. Der Nachsatz aber zeichnet sich

gemeiniglich durch simple Gänge ohne Wiederhohlungen und durch

künstliche Modulationen aus. Er ist viel kürzer als der Vordersatz.

Jede Arie muß ein bestimmtes insinuantes Motiv haben, und aus diesem

Motiv durch Inversionen andere Sätze herleiten. Wenn sich in einer Arie

ein Sänger in seiner vollen Kunst zeigt und zeigen kann, so heißt man

es eine Bravour-Arie.

_Cavatine_

ist ein Zweig von der Arie. Es dürfen darin keine Coloraturen

vorkommen. Sie ist einfacher kunstloser Ausdruck _einer_ Empfindung,

und hat deßwegen nur einen Satz. Das Motiv einer Cavatine muß

gefühlvoll, rührend, verständlich, und leicht seyn.

_Recitativ._

Musikalische Declamation oder Rede. Man begleitet sie mit Instrumenten,

oder gewöhnlich nur mit einem Flügel. Man muß den Rhythmus vollkommen

inne haben, die Prosodie der Sprache auf das genaueste verstehen;

die Höhe, die Tiefe, das Steigen und den Fall der Rede scharf

bemerken; jedes Comma, Colon, Punctum, Fragzeichen, jede Exclamation,

jeden Gedanken- und Erwartungsstrich, mit einem Wort, jedes

Unterscheidungszeichen der Rede mit der strengsten Gewissenhaftigkeit

beobachten. Das Recitativ ist dabei äußerst schwer, erfordert langes

Studium und Uebung, und man bemerkt in den neumodischen Stücken die

kläglichsten Versündigungen wider die Regel des Recitativs. Die alten

Tonsetzer übertreffen hierin die neuern meistens. -- Die musikalische

Declamation unterscheidet sich durch äußerst feine Nüancen von dem

Recitativ; dieses ist gebundener, die Declamation aber freyer.

_Arioso_,

oder arienmäßig, ist ein kurzer Zwischensatz in einem Recitative; der

sich der Arie nähert.

_Cantabile._

Ein Stück auf einem Instrumente, das den Gesang nachahmt. Lächerlich

ist es, wenn einige auch über ein Singstück Cantabile schreiben. Wer

wird über eine Orgelsonate setzen: _Orgelmäßig_.

_Maestoso_,

dessen Charakter Pomp, Würde und Majestät ist.

_Lamento._

Ein äußerst weinerliches und klägliches Stück. Lamentoso ist nur ein

Zweig davon, oder nur ein kleiner weinerlicher Fleck.

_Symphonie und Ouverture._

Diese Gattung von Tonstücken ist aus den Eröffnungen der musikalischen

Schauspiele entstanden, und endlich auch in Privatconcerte eingeführt

worden. Sie bestehen meistens aus einem Allegro, Andante und Presto.

Doch binden sich unsere Künstler nicht mehr an diese Form, und weichen

oft mit großem Effecte von solcher ab. Symphonie ist in der heutigen

Gestalt gleichsam laute Vorbereitung und kräftige Einladung zu

Anhörung eines Concerts.

_Sonate._

Ein Spiel der Instrumente; traulich und gesellschaftlich. Zwey Stimmen

bilden nie eine Sonate, aber drey; und diese drey Stimmen sind eben so

viel Freunde, die sich im traulichen Chore mit einander unterhalten.

Die Sonate ist mithin musikalische Conversation, oder Nachäffung des

Menschengesprächs mit todten Instrumenten. Das Arioso, Cantabile,

Recitativ und alle Arten der sangbaren und Instrumentalmusik, liegen

folglich in der Sphäre der Sonate. Für jedes Instrument gibt es

Sonaten; nur müssen sie nach der Natur des Instruments modificirt

werden.

_Adagio_,

langsame traurige Bewegung.

_Largo_,

tiefen Schmerz ankündende Bewegung. --

_Andante_,

eine gehende Bewegung des Tacts, welche die angränzende Linie des

Allegros küßt.

_Allegro_,

ein herrschendes Motiv, mit ziemlich schneller Bewegung ausgeführt.

_Presto_,

sehr schnelle Tactbewegung, von zweyviertel, dreyachtel, sechsachtel

und mehreren Tactschnitten.

_Prestissimo_,

äußerst schnelle Tactbewegung, und gleichsam der Contrapunct vom

Adagio.

_Rondo._

Ein heutiges Tags allgemein beliebtes Tonstück. Das Recept zu selbigem

ist folgendes: Man erfinde ein liebliches Motiv, etwa von acht Tacten,

füge demselben zwey Couplets bey, die immer einige Analogie mit dem

Motiv haben müssen, würze dieselbe mit angenehmen Ausweichungen;

trete nach jedem Couplet wieder ins gedachte Motiv ein; bringe

alle Täuschungen an, womit der große Musiker, wie Homer in seinen

Wiederhohlungen einschleicht; -- man habe Herz und Kopf, so macht man

gewiß ein gutes Rundo. Da kein Tonstück in der Welt weiter um sich

gegriffen hat, als dieses; so muß es schon einen großen Werth in sich

haben; und dieser Werth besteht in der Einfalt. Sicherer Beweis, daß

die Menschen noch nicht ganz ausgeartet sind, weil sie Geschmack --

auch am pathetischen Rondo haben; denn Ekel an der Wiederhohlung, in

so fern Wiederhohlung die Idee verstärkt, ist fast ein untrügliches

Kennzeichen vom Verfall des Geschmacks einer Nation.

_Marsch oder Kriegsgang_,

zeichnet ganzen Heeren den Schritt vor, den sie auf der Bahn der Ehre

zu machen haben. Die Bewegung ist beym Fußvolk pathetisch, bey der

Reiterey _schnell_. Der Marsch ist eine unschätzbare Erfindung für

den Krieg; sogar die Pferde fühlen dessen Allgewalt, und bewegen sich

nach dem Tacte des Marsches.

_Schik oder Quique._

Eine dem Tanz sich annähernde flüchtige Bewegung, deren Charakter

das _Hüpfende_ ist. Heut zu Tage ist die Schik beynahe ganz

abgekommen, jedoch sehr mit Unrecht: denn sie besitzt so viel

Eigenthümliches, daß die Tonkunst eine Lücke hätte, wenn sie verloren

ginge.

_Gavotte._

Eigentlich eine Tanzart, die mit dem halben Tactschnitt beginnt,

und die andere Hälfte des Tactschnitts am Ende der ersten Periode

nachhohlt. Doch läßt sich dieß auch auf den Instrumenten, und

sonderlich auf dem Flügel mit Wirkung nachahmen.

_Murkil._

Ein ganz originelles Tonstück, in gleichem Tacte, das sich durch

die beständige Octavenbewegung im Basse auszeichnet. Man hat es vom

Anbeginn so sehr mißbraucht, daß es jetzt kaum mehr bemerkt wird.

Allein der wahre Tonmeister wird immer die Seite wissen, wo er noch

heut zu Tage die Wiege des Murkils hinverpflanzen kann.

Vom musikalischen Colorit.

Das musikalische Colorit scheint mir ganz eine Erfindung neuerer

Zeiten zu seyn. Ich sage _scheint_; denn so zuverläßig kann man

doch nicht behaupten, daß die Alten bloß mit einer Farbe gemahlt haben

sollten. Aus einer Stelle _Plutarch's_, wo er ausdrücklich sagt:

»Bald brausten die Töne gen Himmel, bald starben sie unter den Griffen

des Meisters;« -- erhellet sehr deutlich, daß die Griechen wenigstens

das _Forte_ und _Piano_ gekannt haben. Allein, so weit die

Geschichte der Tonkunst hinauf reicht, findet man nicht die geringste

Spur, daß das musikalische _Colorit_ von den Alten bemerkt worden

wäre. Selbst das Forte und Piano ist noch nicht hundert Jahre alt: denn

vor ungefähr fünfzig bis sechzig Jahren schrieben es die Italiäner zum

erstenmahl unter ihre Compositionen; vor dieser Zeit wurden alle Stücke

im gleichen Tone vorgetragen, oder doch der Willkühr des Spielers

überlassen. Es ist also leicht zu erachten, wie außerordentlich viel

die Tonkunst durch die Bestimmung des Colorits gewonnen hat. Zwar

braucht der wahre Meister die Bestimmung des Colorits nicht; denn

jedes Comma der Musik enthält schon die Gesetze des Vortrags in sich.

Da es aber mehr Ripienisten, als Solospieler gibt; so muß um der

Gleichheit des Vortrags willen, das Colorit bemerkt werden.

Der große _Jomelli_ war der erste, der die _musikalische

Farbengebung_ bestimmte; und seit dieser Zeit ist man so weit

gegangen, daß man dem Spieler auch die feinsten Nüancen vorzeichnet.

Diese coloristischen Zeichen sind folgende:

_Forte und Fortissimo._

Die Bemerkung des Starken, und der noch Stärkern ohne Verflößung.

_Piano Pianissimo._

Die Bemerkung des Stillen, und noch Stillern ohne Verflößung.

_Crescendo._

Welches nunmehr mit folgendem Zeichen ausgedrückt wird: [Symbol] deutet

anschwellende Tonstärke an. Das beginnende Säuseln des Tons bis zum

Donnersturme.

_Decrescendo_,

hat heutiges Tags folgendes Zeichen: [Symbol] also ein umgekehrtes

Crescendo. Es geht vom vollen Leben des Tons, bis auf sein Hinsterben

und Zerfließen in die Luft.

_Forçando._

Plötzliche und rasche Markirung des Tons. Kommt gemeiniglich vorn am

Tacte, oder bey Beginnung eines neuen Commas vor.

_Diminuendo._

Merkliche Verminderung des Tons.

_Calando._

Allmählige Verstärkung des Tons.

_Mortando._

Gleichsam der letzte Athemzug des Tonstücks.

_Ferma._

Ein Ruhepunct, mit einer Verzierung begleitet.

_Mortend._

Ein Schneller, oder kleine Verzierung einer einzigen Note.

_Triller, Pralltriller, Doppeltriller._

Geflügelte Vibration von 2, 3, 4 neben einander stehenden Noten.

_Cadenz, oder Schlußfall._

gleichsam die letzte Erhebung des Virtuosen in einem Stücke, wo er

durch Anstrengung aller seiner Kraft sich das Bravo und Händeklatschen

der Zuhörer zu erringen sucht.

_Mezzotinto_,

oder Mitteltinte. Ist die Verflößung der Töne in einander, ohne

Bemerkung ihrer Abstufung.

_Staccato_,

abgestoßener, oder punctirter Ton. Diese musikalische Figur wird mit

Strichen oder mit Puncten angezeigt. Es ist gleichsam _bemerkter

Umriß_ jedes einzelnen Tons.

_Ligato_,

wird mit einer Bogenlinie markirt [Symbol]. Es hängt die Töne so weit

zusammen, als das Zeichen reicht.

_Vibrato._

Die Töne werden hier nicht mit der Wurzel heraus gezogen, sondern nur

an ihren Spitzen gekitzelt.

_Pizzicato._

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 20 / 22 段