Wenn ich einst schlummere nach meines Lebens Mühen,

Wenn über meinem Gebein sich der Grabhügel thürmt,

Wenn ich meiner Ketten Last

Am Grabgeklüft zurücke ließ:

So weil' ein zärtlicher Jüngling am Grabe,

So weil' ein fühlendes Mädchen am Grabe;

Sie schauen himmelan und sprechen

Mit dem Schimmerblick des tiefsten Herzgefühls:

Weht sanfter Lüfte, um diesen Aschenhügel,

Hier ruht Polyhymnias Freund!

Ihm gab Gott Sang und Flügelspiel,

Doch entweihte er nie die köstliche Gabe.

Die Harfe hing er im Tempel auf;

Und seine Telyn in Thuiskons Hain!

_Zweyter Theil._

Die Grundsätze der Tonkunst.

Von den musikalischen Instrumenten.

_Von der Orgel._

Dieß erste aller musikalischen Instrumente, diese stolze Erfindung

des menschlichen Geistes ist allmählig durch viele Jahrhunderte zu

derjenigen Vollkommenheit aufgestiegen, in welcher sie jetzt prangt.

Ganz Europa beeiferte sich, ein solches Werk zu verbessern. Wir haben

schon in der Geschichte gehört, daß die _Deutschen_ das Meiste zu

seiner Vollkommenheit beygetragen.

Dieses göttliche Instrument hat verschiedene Stufen. Von vier Registern

ist man bis auf vier und sechzig und mehrere aufgestiegen, die noch

dazu in einigen großen Werken verdoppelt angebracht, und alsdann

von erstaunenswürdiger Wirkung sind. Manche Orgeln haben nur ein

Manual, manche zwey, andere drey. Die Pfeifen, die von den Registern

in Bewegung gesetzt, durch die Windlade Athem und Leben bekommen,

sind theils aus Zinn, theils aus Holz, manchmahl auch aus Silber

verfertigt. Die Hauptregister sind: das Principal, Quint, Octav,

Quintatön, Grobgedackt und Süß- oder Kleingedackt, Sesquialter;

die verschiedenen Abstufungen, das Flötenregister; und dann die

mannigfaltigen Nachahmungen aller Instrumente, der _Trompete_, des

_Horns_, der _Bratsche_, der _Geigen_, der _Pauken_, des _Cymbals_, des

_Vogelgesangs_ und endlich des _Echos_ und der _Menschenstimme_. Das

letztere Register thut die größte Wirkung, wenn es ein gefühlvoller

Meister behandelt. Die Koppel ist dasjenige Register, welches die ganze

Gewalt der Orgel in einen Punct vereinigt. Das _Pedal_ trägt die Fluth

der größten singenden Gemeinde. Es wird nach dem Maßstab des Fußes

berechnet, und die Orgelmacher sind bereits von zwey Fuß bis auf zwey

und dreyßig gestiegen. Die Pfeife des tiefen _C_ bekommt alsdann eine

Dicke, daß der größte Mann bequem darin stehen kann.

Der Ton einer guten Orgel muß dick, schneidend und alldurchdringend

seyn. Nichts ist schwerer als die reine Stimmung einer Orgel. In den

Accorden H _dur_ und E _dur_ gibt es so genannte Hiatus oder Wölfe,

wo die Orgelmeister, die die Temperatur nicht sorgfältig studierten,

die Unvollkommenheit ihrer Stimmungsart zu verbergen suchen. Da aber

ein wahrer Orgelspieler in den chromatischen Tönen so gerne wühlt, als

in den diatonischen; so muß der Orgelstimmer das Heulen der Wölfe aus

allen Tönen sorgfältig zu verbergen suchen. Es ist ein paradoxer, aber

doch vollkommen gegründeter Satz: daß man in der Orgel keinen Ton ganz

rein stimmen darf, weil dadurch andere Töne leiden. Die größte Kunst

besteht also darin: die diesem Instrument anklebende Unvollkommenheit

so weislich zu vertheilen, daß jeder Ton den möglichst kleinsten

Antheil davon bekommt. Die beste und reinste Orgelstimmung ist die

durch Quinten, nach folgender Ordnung:

C _dur_, G _dur_.

E _mol_, H _mol_.

D _dur_, A _dur_.

Fis _mol_, Cis _mol_.

E _dur_, H _dur_.

Gis _mol_, Dis _mol_.

Fis _dur_, Cis _dur_.

B _mol_, F _mol_.

As _dur_, Es _dur_.

C _mol_, G _mol_.

B _dur_, F _dur_.

D _mol_, A _mol_.

Da hier die Töne nach ihrer Consanguinität, oder innern Natur angegeben

sind, so ist diese Stimmung gewiß die beste unter allen vorhandenen.

Die Temperatur, oder die wichtige Lehre von der gleichen und ungleichen

Schwebung, kraft welcher ein jeder Ton zu seinem verwandten Tone in

einer Bogenlinie hinüber schweben soll, muß der Stimmer theils aus

den mathematischen Verhältnissen, mehr aber durch das feinste und

gebildetste Ohr erlernen. Die besten Orgeln in Europa findet man jetzt

in _Rom_, _Florenz_, _London_, _Antwerpen_, _Salzburg_, _Mannheim_,

_Berlin_ und _Frankfurt_; und die berühmteste unter allen, in dem

Franciskaner-Kloster zu _Halberstadt_.

Ueber die Mechanik der Orgel, und über den Bau der besten Orgeln

in ganz Europa, haben _Werkmeister_ und _Adelung_ die besten Werke

geschrieben[12].

Adelung hat über die Natur eines jeden Registers, über die Vortheile

und Gebrechen unserer Orgel, und über die bestmögliche Einrichtung

derselben ein gründliches Buch geliefert. Doch stundenlange Intuition

an der Seite eines Meisters nützt mehr, als jahrelange Lectüre über

diesen Gegenstand.

_Ideal eines Orgelspielers._

So wie die Orgel das erste Instrument ist, so ist auch der Organist der

erste Musiker. Die Behandlung der Orgel ist äußerst schwer, und man muß

dazu mit intellectuellen, und phisischen Vollkommenheiten ausgerüstet

seyn. Unter jene rechne ich: _Genie_ und _Studium_. -- Wem nicht

Geniusgluth im Busen flammt, der wird nie ein bedeutender Organist. Und

wer sich bloß auf sein Genie verläßt, und die Natur dieses schweren

Instruments nicht sorgfältig studiert, der wird ewig Naturalist

bleiben: einzelne Feuerflocken werden Bewunderung erregen; aber das

Ganze wird doch nie eine Feuermasse bilden.

Fürs erste muß der Organist den _Contrapunct_ aufs genaueste

studieren; denn auf der Orgel hat der Contrapunct seine eigentliche

Heimath.

Ein wahrer Organist, muß ein gegebenes Thema zur Fuge, auf der Stelle

gründlich ausführen können; und dergleichen Fertigkeit läßt sich ohne

tiefes Studium des Contrapuncts nicht denken. Wie viel Geschicklichkeit

gehört nicht dazu, die Ausweichungen gehörig zu lenken, die vollen

Harmonien richtig zu treffen, den _Grundsatz_ umzukehren, den

einfachen und doppelten Contrapunct anzuwenden, und alles das mit Feuer

zu thun!

Die _Phantasie_ ist fast ein ganz eigenes Product des Genius. Ohne

feurige Einbildungskraft, ohne Schöpfergeist, ohne augenblickliche

Einfälle, wird keiner eine tüchtige Phantasie hervorbringen. Die

_Phantasie_ hat mit dem poetischen _Dithyrambas_ ungemein viel

Aehnliches: sie tritt aus dem Gebiethe der Regeln und des Tactes; sie

wässert und befruchtet, ohne jemahls zu überschwemmen; sie fährt in

Himmel, sie stürzt zur Hölle, alle Arten der Tonkunst liegen in ihrem

Umkreis. Aus dieser Beschreibung erhellt schon, daß es wenige Menschen

geben könne, die gut phantasieren: denn für erste ist der Schöpfergeist

äußerst selten; und dann ist nicht jede Stunde eine Schäferstunde des

Genies. Lernen läßt sich das Phantasieren ganz und gar nicht; denn ob

es gleich einige gibt, die Phantasien auswendig lernen; so ist doch

nichts leichter, als die einstudierte von der selbstgeschaffenen

zu unterscheiden. -- Die Phantasie ist mithin das erste untrügliche

Kennzeichen eines trefflichen Organisten. --

Die _Vorspiele_ und _Zwischenspiele_ sind viel leichter; denn man kann

durch Nachahmung hierin eine ziemliche Stärke erlangen, und weil sie in

den Ufern des Tacts einherziehen, so ist der Vortrag ungleich weniger

Schwierigkeiten unterworfen.

Die Natur der _Vorspiele_ ist kürzlich diese: sie müssen dem Stoffe des

_Liedes_ aufs genaueste angemessen seyn. Z. B. das Vorspiel auf das

Lied: O Ewigkeit, du Donnerwort! u. s. w. muß Schrecken und Entsetzen

erregen; so wie das Vorspiel auf das Lied: O Jerusalem du Schöne u. s.

w. Sehnsucht und Verlangen nach dem Himmel wecken muß. Wer den Text

eines Liedes tief fühlt, der wird nie die Unschicklichkeit begehen, daß

er auf das Lied: O Traurigkeit, o Herzeleid! u. s. w. frech präludirt;

und über das Lied: Nun danket alle Gott, u. s. w. eine schwarze

lethargische Brühe hingießt.

Während der _Communion_, wo die Präludien meist lang seyn müssen,

sind das _Andante_, _Adagio_, _Largo_, _Affetuoso_, _Amoroso_ und das

_Cantabile_ sehr zu empfehlen. Nur muß man sich hüthen vor profanen

Einfällen und vor leichtsinnigen Tacten und Bewegungen, damit der

Zuhörer nicht in seiner Andacht gestört werde. Aus der Kirche ist es

erlaubt, ein _Allabreve_ oder _Allegro_ zu spielen, um gleichsam die

Gemeinde von ihrer Anstrengung in etwas abzuspannen. Doch auch hier

muß man sich aus Ehrfurcht für die Religion hüthen, nicht in den

leichtsinnigen dreyachtel Tact zu verfallen, auf daß die Gemeinde nicht

versucht werde, aus der Kirche zu tanzen: hingegen gehen sechsachtel

und zwölfachtel, jedoch in äußerst mäßiger Bewegung an. Am besten ist's

man wählt den Allabrevetact, der Lebhaftigkeit und Feuer mit Unschuld

vereinigt.

Die _Zwischenspiele_ sind schwerer und wichtiger als mancher

glaubt. Sie sollen eigentlich immer die folgende Zeile des Liedes

auslegen. Wer einen profanen Gedanken, zur Vorbereitung eines heiligen

Gedanken wählt, säet Unkraut unter den Weitzen; und wer vor einen

aufjauchzenden Gedanken ein trauriges durch Semitonien hinschleichendes

Zwischenspiel setzt, der weiß nicht was er singt, und weiß nicht was

er spielt. Vor einschläfernden immer wieder kommenden, affenmäßig

gelernten Zwischenspielen muß man sich ebenfalls hüthen, weil sie

die Gemeinde langweilen. Schöne Läufer durch die Applicaturen,

Terzen und Sextengänge; einfache und wo möglich doppelte Triller,

angenehmes Hinschleichen durch die halben Töne, nicht allzu rasches

und schnelles Hinstürzen durch Septimen und Sextquinten-Accorde, und

tausendfache Winkelzüge, wodurch der Zuhörer unterhalten wird, sind

das untrüglichste Recept zu diesen Zwischenspielen. Vor allen geilen

Auswüchsen unter dem Choral muß man sich um so mehr hüthen, als sie wie

Gift in das Herz des Zuhörers einschleichen. Ein Herrenhuther wohnte

vor einigen Jahren einem Gottesdienste bey, wo ein sehr guter, aber

manchmahl etwas petulanter Organist spielte: Der Organist beging die

Unvorsichtigkeit, einen profanen Satz zum Zwischenspiele zu wählen.

Nach geendigtem Gottesdienste sagte der Herrenhuther zum Organisten:

Sie haben mich heute geärgert, denn den Läufer zwischen dem Choral

hörte ich vor zwanzig Jahren in einer Komödie. -- So streng diese

Forderung ist, so muß man doch hierin der Vorschrift des Apostels

Paulus folgen, welcher allen Vorstehern der Gemeinde, folglich auch

den Organisten, die Lehre gibt, ihrer schwachen Brüder zu schonen. Man

lese, was der berühmte Capellmeister _Reichard_ in Berlin hierüber

Schönes und Nachdrückliches gesagt hat.

Die Hauptstärke des wahren Orgelspielers muß im Vortrage des

_Chorals_ bestehen. Dieser Vortrag ist dreyfach: Man spielt

entweder den Choral der Gemeinde _simpel_ vor, oder verändert ihn

kunstmäßig, oder _begleitet_ damit die Gemeinde. Im ersten Falle,

sind Einfalt und Schönheit aufs äußerste zu empfehlen. Man wählt z.

B. zum Vortrag der Melodie ein Flötenregister; oder, wo sie vorhanden

ist, die göttliche Vox humana; spielt die Melodie ganz einfach mit

äußerstem Gefühle des herrschenden Tons. Zur Begleitung aber auf dem

andern Manual, nehme man etwa Viola di gamba, und spiele das Pedal nur

einfach, damit die sanfte Melodie nicht zertrümmert werde. Diese sehr

schwere Art zu spielen, erfordert viel Genie und Empfindung.

Die kunstmäßige Variation läßt sich mechanisch erlernen; man kann sie

fugenartig, oder mit laufendem Basse ausführen, mit doppeltem oder

einfachem Pedal, wobey die treffende und schnelle Veränderung der

Register große Wirkung hervorbringt. -- Man muß sich hier besonders vor

Weitläufigkeit, und pedantischen Modulationen hüthen; auch die Melodie

nie in einem Strudel von fremden Manieren ersäufen. Unter dem Gesange

ist es ganz und gar unschicklich, den Choral zu variren. Einfachheit,

Tonfülle, stark besetztes durchschneidendes Pedal, ungekünstelte

Modulationen, richtige und schöne Harmonien, sind es allein, was in

dieser Lage vom Künstler gefordert wird. Nur elende Schulmeister

und Stümper suchen darin eine Ehre, wenn sie die Gemeinde mit allzu

gekünstelten Ausweichungen verwirren.

Die _Kenntniß der Register_ ist für einen Organisten eben das, was die

Farbenmischung für einen Mahler ist. Die beyden Seiten der Orgel sind

des Virtuosen Palette; und je schneller, richtiger, dem allmähligen

Wachsthum der Töne angemessener ein Organist die Register zu ziehen

oder zu bergen weiß; je besser versteht er sein Instrument.

Das _Pedal_ hat große Schwierigkeiten, so wohl wegen seiner

ungeheuern Stärke, als wegen seiner verschiedenen Natur. Man darf

selten mit dem rechten Fuße treten wie mit dem linken; denn jener

gehört eigentlich in die Sphäre des obligaten Violoncells; dieser aber

gränzt an die Natur des Violons, und der Baßposaune. Man muß sich

eigene Pedalschuhe verfertigen lassen, wobey die Absätze sehr hoch seyn

müssen, damit ich Terzen, und durch Sprünge sogar Quarten hervorbringen

kann. Im übrigen ist die Theorie des Pedals mit dem Generalbasse eins.

Zu allen diesen großen Vorzügen des Organisten müssen noch

unentbehrliche _physische Vollkommenheiten_ hinzu kommen. Seine

Faust muß stark seyn, und ausnehmend viel Schnellkraft besitzen. Dazu

werden starke Nerven erfordert, eine weitgriffige Hand, und Füße fast

mit Tänzerfertigkeit begabt. Man sieht hieraus, wie schwer ein solches

Ideal zu erreichen sey, und wie hoch man einen Mann schätzen müsse, der

am weitesten an diesem Maßstabe hinaufmißt.

Vom Flügel oder dem Claviere.

Das Clavier hat unter allen Instrumenten in unsern Tagen das größte

Glück gemacht. Im vorigen, und in der ersten Hälfte des laufenden

Jahrhunderts, fand man in ganzen Provinzen kaum einen Clavierspieler;

jetzt spielt, schlägt, trommelt und dudelt alles: der Edle und Unedle,

der Stümper und Kraftmann; Frau, Mann, Bube, Mädchen. Ja das Clavier

ist sogar einer der wichtigsten Artikel in der modischen Erziehung

geworden. Diesem allgemeinen Enthusiasmus hat auch das Instrument seine

jetzigen großen Verbesserungen zu verdanken.

Um die Grundsätze des Claviers genau zu bestimmen, müssen die Claviere

selbst vorher genau von einander unterschieden werden.

_I. Der Flügel_, der entweder mit Rabenkielen, oder noch besser, aber

freylich weit kostbarer, mit goldenen Blechlein die Saiten juckt und

schwingt, hat bloßen _simpeln Umriß_; aber so deutlich marquirt, und so

scharf gezeichnet, wie die Figur eines Knellers oder Chodowiecys ohne

Schattirung. -- Auf diesem Instrumente muß man zuerst reinen Vortrag

lernen, oder welches eins ist, man übt die Faust in der richtigen

musikalischen _Zeichnung_. Man darf nur mit der Hand wanken; so ist

der Contur des Stücks auf diesem Instrumente verzerrt. Aus diesem

wichtigen Grunde soll sich der Anfänger zuerst auf dem Flügel üben,

eine geflügelte wohl gesetzte Faust erwerben, und sich im genauesten

gemessensten Vortrage des Tonstücks zuvor befestigen, ehe er zu andern

Clavierarten übergeht.

Wer auf einem _Friederizischen_, _Silbermannschen_, oder

_Steinschen Flügel_, (denn diese sind unter allen bisher bekannten

bey weitem die besten) ein Stück rund vorzutragen gelernt hat, der wird

auf andern Clavieren desto leichter fortkommen. Nur muß man nicht zu

lange beym Flügel weilen; denn dieß Instrument ist mehr zum Allegro als

zum Adagio, folglich mehr zur Kunst als zum Vortrag gefühlvoller Stücke

schicklich.

_II. Fortepiano_, dieses vortreffliche Instrument ist -- Heil uns! --

wieder eine Erfindung der Deutschen. _Silbermann_ fühlte die Unart

des Flügels, der entweder ganz und gar das _Colorit_ nicht ausdrücken

konnte, oder es durch Züge in allzu starken Contrasten ausdrückte, so

tief, daß er auf ein Mittel dachte, _Farben in den Flügel zu bringen_.

Er und seine Nachfolger kamen also auf die große Erfindung, das _Forte_

und _Piano_ ohne Züge weil Züge nur aufhalten, bloß durch den Druck

der Faust in der möglichsten Schnelligkeit hervor zu bringen. Wenn man

das Mezzotinto noch ins Fortepiano bringen könnte; so wäre für den

großen Flügelspieler kein Wunsch mehr übrig. Man hat seit dem dieses

herrliche Instrument zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, daß

man nicht so wohl durch das Knie, womit man die Stärke und Schwäche

der Töne ohne zu grimassiren modificirt, als viel mehr durch die

Schnellkraft der Finger den ganzen Zauber der Tonkunst lenken kann.

Es gibt Fortepianos von 10, 12 bis 20 Zügen. Ja ein Edelmann in Mainz

hat eins verfertiget, wo die Flöte, Geige, das Fagott, die Hoboe, ja

sogar die Hörner und Trompeten, ins Fortepiano gezaubert wurden. Wenn

das Geheimniß des Baues von diesem großen Erfinder der Welt kund gethan

wird; so hat man ein Instrument, das alle andern verschlingt.

_Spath_ in Regensburg, _Frick_ in Berlin, _Silbermann_ in Straßburg,

_Strouth_ in London, und vor allen andern _Stein_ in Augsburg, machen

jetzt die besten Fortepianos, die man kennt.

Die Art dieses Instrument zu behandeln, ist vom bekielten Flügel sehr

verschieden. Dieser erheischt bloß leise Berührung; das Fortepiano aber

Abschnellung oder Abstreifung. Das musikalische Colorit kann hier so

ziemlich, bey weitem aber noch nicht in all seinen Nüancen ausgedrückt

werden.

_III. Clavicord_, dieses einsame, melancholische, unaussprechlich süße

Instrument, wenn es von einem Meister verfertiget ist, hat Vorzüge

vor dem Flügel und dem Fortepiano. Durch den Druck der Finger, durch

das Schwingen und Beben der Saiten, durch die starke oder leisere

Berührung der Faust, können nicht nur die musikalischen Localfarben,

sondern auch die Mitteltinten, das Schwellen und Sterben der Töne, der

hinschmelzende unter den Fingern verathmende Triller, das Portamento

oder der Träger, mit einem Wort, alle Züge bestimmt werden, aus welchen

das Gefühl zusammengesetzt ist. Wer nicht gerne poltert, rast, und

stürmt; wessen Herz sich oft und gern in süßen Empfindungen ergießt, --

der geht am Flügel und Fortepiano vorüber, und wählt ein Clavicord von

_Fritz_, _Spath_, oder _Stein_. -- Daher gibt es sehr viele Flügel- und

Fortepianospieler; aber äußerst wenige Clavieristen.

Die Clavicorde haben heutiges Tages fast ihren Gipfel erreicht: sie

sind von fünf bis sechs Octaven, sind gebunden und ungebunden, mit und

ohne Lautenzüge; und kaum scheint für den fühlenden Spieler, diesem

Instrumente noch eine Vollkommenheit mitgetheilt werden zu können.

_IV. Pantalon._ Ein Zwerg vom Fortepiano. Da er zu sehr blechelt, so

ist das Instrument ewig unfähig, in der musikalischen Republik Ton

anzugeben. Das Tractament dieses Instruments ist: leise Berührung. Da

es bloß Tangenten hat, die aus Hämmerchen oder Tocken bestehen; so

muß es mehr geschnellet, als durchgeknetet werden. Die _Vibration_

läßt sich hier am vollkommensten ausdrücken: allein alle Empfindungen

scheitern, weil die Nüancen oder Mitteltinten fehlen. Das ewige Hüpfen

nach Spatzenart, von einem Tone zum andern ohne Ausfüllung der Lücken;

das Toben, Rasseln und Blecheln dieses Instruments, macht es für wenige

Gesellschaften erträglich, und prophezeyet ihm sein nahes Ende.

_V. Harmonika._ Der Erfinder dieser Clavierart war _Franklin_, eine von

den Säulen, worauf sich die neue amerikanische Größe stüzt. Deutsche

haben dieses Instrument vervollkommnet. Es besteht aus gestimmten

Glasscheiben, oder Glocken, alle nach der Peripherie der Töne gestimmt.

Durch das Reiben mit nassen Fingern wird der Ton von seiner ersten

Entstehung bis zu seiner vollen Reife -- in der höchsten Delicatesse

hervorgebracht. Der _gefühlvolle_ Spieler ist für dies Instrument ganz

geschaffen. Wenn Herzblut von den Spitzen seiner Finger träuft; wenn

jede Note seines Vortrags Pulsschlag ist; wenn er Reiben, Schleifen,

Kitzeln übertragen kann, dann nähere er sich diesem Instrument, und

spiele.

_Frick_, ein Deutscher, hat es zur größten Vollkommenheit gebracht.

Allein im Gebiethe der Tonkunst ist es nur _provinciell_, und

verdient keinen weitern Wirkungskreis. Die zerbrechlichen Glocken,

die außerordentliche Schwierigkeit der Stimmung; der hohle äußerst

melancholische, und zur tiefsten Schwermuth einladende Ton; die Schwere

des Fortschritts von einer Glocke zur andern; die Unmöglichkeit nur

ein mittelmäßiges Allegro darauf herauszubringen; der ewig heulende,

klagende Gräberton -- machen das Instrument zu einer schwarzen Tinte,

zu einem großen Gemählde, wo in jeder Gruppe sich die Wehmuth über

einen entschlafenen Freund beugt.

_VI. Melodika._ Diese große Erfindung Steins füllt all' die angegebenen

Mängel des Claviers aus. Es hat Mitteltinten (Schwebung) Zerfließungen

der Töne, welche durch Stahlfedern an den Tasten angebracht sind,

mit einem Worte ganz die Eigenschaften, daß es Sclavinn vom Spieler

ist, ohne jemahls den Spieler zum Sclaven zu machen. Der Finger des

Spielers herrscht als Zepter. Die Tangenten sind wie Brey, oder lassen

sich zerkneten wie Teig. An der Claviatur dieses Instruments ist eine

Stahlfeder angebracht, die der leisesten Berührung gehorcht. -- Dieses

Instrument würde beynahe das vollkommenste seyn, wenn es nicht ganz

und gar auf Pfeifen reducirt wäre. Der höchste Vortrag besteht allein

auf dem besten Vortrag des Flötenspielers, -- und dann weiter nichts.

-- Es ist also ein Instrument, womit man nur färben, aber nie neue

Melodien schaffen kann; -- herrlicher Tusch, ohne Rücksicht auf gute

Zeichnung[13].

Die übrigen Abartungen von den Claviercorden und den Clavieren, z.

B. das näselnde Schnarrwerk, die _Portativ-Claviere_, _die

Positive_, verdienen aus dem Grunde keine Bemerkung, weil sie wahre

Kenner nie geschätzt haben. Ob aber noch eine neue Clavierart möglich

sey? das ist eine Frage, die ein musikalischer _Baco_ auflösen

muß. Möglich ist sie. Die Bedürfnisse des spielenden Genies müssen dieß

entscheiden.

Von der Applicatur, oder dem Fingersatze.

Bey der richtigen Behandlung dieses ersten Instruments kommt es

vorzüglich auf die Applicatur oder den Fingersatz an. Dieser kann

für das Genie eigentlich gar nicht bestimmt werden, denn dieses kann

Sätze erfinden, die einen neuen Daumenansatz erfordern. Allein für die

schon erfundenen durch alle Tonarten gehenden Läufer, läßt sich eine

Faustsetzung oder Applicatur denken, die unerreichbar ist.

Wir wollen sie durch alle 24 Töne beysetzen 1. ist der Daumen, 2. der

Zeigefinger, 3. der Mittelfinger, 4. der Ringfinger, 5. der kleine oder

Ohrenfinger.

Diese vorgesetzte Applicaturen sind wie man sieht, von der Natur

abgeschöpft, allein noch lange nicht hinreichend für alle Bedürfnisse

der Kunst. Der Künstler ist ein Gott; schafft er neue Tiraden, so muß

er auch neue Applicaturen schaffen. Daher sollten alle große Tonsetzer

den Fingersatz, wie z. B. _Bach_, _Vogler_ und andere, durch Zeichen

bemerken. Die verschiedenen Winkelzüge der Tonkunst, so wie sie von

großen Coloristen beobachtet wurden, müssen auch vom Clavieristen in

Acht genommen werden. Hier sind einige der ewigen Grundgesetze, welche

den Clavierspieler leiten -- und ewig leiten müssen.

1. Zögling des Claviers! _lies_ richtig! -- kannst du dieß, so kannst

du alles.

Die Kunst zu lesen ist aber so groß, hat so unendliche Modificationen,

daß es äußerst schwer ist, über selbige zu stammeln. Doch ich will

einige Würfe wagen, und dem _ästhetischen_ Vortrage des Claviers eine

Sprache leihen.

2. Erst übe man sich im grammatischen Vortrage und treffe die

musikalischen Pulse aufs genaueste. Man umschreibe das Gerippe des

Stücks, bestimme alle Gränzlinien der Melodik aufs richtigste, und

spreche mit philosophischer Kälte nach, was der Tonsetzer vorsprach.

Dann übe man sich im Vortrage selber. Ist er komisch; so schneidet man

ab, und leckt mit den Fingern gleichsam die Tasten.

3. Die Faust muß immer brilliant seyn; die Finger halbrund und sanft

gebogen. Sobald sie sich strecken; so sind alle Nerven straff, und kein

schneller Vortrag läßt sich denken. Ist aber der Vortrag tragisch, so

wird nichts abgestoßen, sondern alles abgeschleift. Die Töne zerfließen

unter den Fingern: sie beben, zittern, leben, sterben.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 16 / 22 段