_Avison_ legte sich auf die Aesthetik der Tonkunst, und gab ein

meisterhaftes Buch über die _Verbindung der Mahlerey mit der Musik_

heraus. Er hat seine Bemerkungen von den größten Meisterstücken

abgezogen und die Schönheit gleichsam auf der That belauscht. Er

beweist mit den evidentesten Gründen, daß der Musiker wie der Mahler

seinen _Contur_ oder Umriß, sein _Colorit_ oder Farbengebung, sein

_Giaro obscuro_ oder Helldunkel, sein _Mezzotinto_ oder _Mitteltinten_,

seine _Carnation_ oder _Fleisch_, seine _Perspective_ oder _Haltung_

habe. Seine Gründe sind unbezweifelt, und -- nach Art seines Volks,

in meisterhafter Schreibart ausgeführt. Seine Vergleichungen großer

Musiker mit großen Mahlern, können in ihrer Art den Parallelen des

unsterblichen _Plutarchs_ an die Seite gesetzt werden. -- Dieß

vortreffliche Buch ist in der Schweiz so schön übersetzt worden, daß

man es wie ein Orginal lesen kann.

_Burney_, Doctor der _Musik_, -- hat sich durch seine

_musikalische Reisen_ und sonderlich durch seine _Geschichte

der Tonkunst_ in ganz Europa bekannt gemacht. Zwar enthalten seine

Reisen einen Reichthum von richtigen und gediegenen Bemerkungen,

und verrathen ungemein viel musikalische Kenntnisse: allein seine

Urtheile sind zu _brittisch_, d. i. zu kühn, und oft ganz und

gar unrichtig. _Ebeling_, der Uebersetzer dieser Reisen, und

_Reichard_ haben ihm dieß aufs nachdrücklichste bewiesen, und

seine Irrthümer, auch oft seine Verleumdungen großer Männer mit

deutschem Muthe gerügt. _Burney_ reiste viel zu schnell und

flüchtig, als daß er mit philosophischer Kälte hätte Beobachtungen

anstellen können. Uns Deutschen läßt er bey weitem nicht die gehörige

Gerechtigkeit widerfahren. Er räumt uns bloß _Kunstfertigkeit_ und

_Fleiß_ ein, spricht uns aber das musikalische _Genie_ ab --

eine Verleumdung, welche durch die ganze Geschichte der Tonkunst, zur

Ehre unsrer Nation widerlegt wird.

Seine _musikalische Geschichte_, woran er zwanzig Jahre lang

sammelte und schrieb, enthält zwar einen schwelgenden Aufwand von

Gelehrsamkeit, wozu derjenige leicht gelangen kann, der Geld genug

hat; allein das Werk wimmelt von Irrthümern; sein Urtheil ist nicht

original, sondern meist französisch und sein _ästhetisches Gefühl_

will gar nicht viel sagen.

_Eschenburgs_ Uebersetzung dieses Werks hat inzwischen viele von

diesen auffallenden Fehlern hinweggewischt.

_Hawkins_, einer der größten jetzt lebenden _Professoren der

Musik_. Er schrieb mehr denn zwanzig Jahre an seiner _Geschichte

der Tonkunst_, die in vier Quartanten zu Oxford herauskam und

bereits ins Deutsche übersetzt ist, unstreitig das wichtigste Werk, was

über diesen Gegenstand jemahls geschrieben worden. Die ausgebreitete

Gelehrsamkeit dieses Mannes, sein unbeschreiblicher Reichthum an

Materialien, indem er sein ganzes Leben hindurch an musikalischen

Schriften und Instrumenten einen Vorrath zusammen brachte, der über

100000 Reichsthaler geschätzt wurde; sein tiefdringender Geist, seine

körnige Schreibart und hauptsächlich seine Unparteylichkeit, --

machen ihn zu einem Classiker ersten Rangs in der _Geschichte der

Tonkunst_.

* * * * *

Die Concerte zu London sind allgemeiner, als in irgend einer Stadt der

Welt. Man kann sie in _öffentliche_ und _Privatconcerte_

eintheilen. Die öffentlichen sind groß und außerordentlich stark

besetzt: wer Kraft fühlt, läßt sich da hören. Wenn man sich erinnert:

daß _Händel_ und _Bach_ diesen Concerten vorstanden; so hat

man genug zu ihrem Ruhme gesagt. Das königliche Orchester besteht etwa

aus siebzig bis achtzig Personen, worunter vollwichtige Meister sind.

Unzählige kleinere Orchester gibt es so wohl zu London selbst, als in

den Provinzen. Jeder Mylord, jeder große Handlungsfürst hält seinen

musikalischen Hof, worunter oft Leute vom ersten Range sind. Die

_deutschen_ Künstler werden von den Britten so gesucht, daß sich

unsere Virtuosen hundertweis expatriirt haben um daselbst ihr Glück

zu machen. Die _Opernbühne_ zu London ist eine der reichsten

und besetztesten der Welt. Die ersten Tonsetzer, Sänger, Sängerinnen

und Virtuosen in allen Instrumenten lassen sich im Göttersaale der

brittischen Oper hören. _Gabriele_ verdiente sich 1782 einen

einzigen Winter hindurch; wo sie sich auf dem Schauplatz zeigte, 30000

fl. deutsches Geld. -- Hier möchte man zum Himmel blicken, und über die

parteyische Wage seufzen, womit Menschenverdienste abgewogen werden.

Mancher Weise verdarbte schon in England sein sieches Leben, indeß

der weiche Trillerschläger Tausende verpraßte. So tief ist auch der

Britte, der so hoch gerühmte europäische Denker, in den Schlamm der

Sinnlichkeit versunken!

Der Notenverlag in England ist außerordentlich stark. Alle Meister der

Welt haben hier Gelegenheit, unter den anlockendsten Vortheilen vor das

Publicum hinzutreten, und entweder mit Jupiters Vogel Sonnenstrahl zu

trinken, -- oder wie ein Johanniswürmchen, mit Phosphorus getränkt, zu

leuchten.

Frankreich.

Dieses Reich ist in Absicht auf Tonkunst weit wichtiger als England,

_denn es bildete eine Schule_. In den grauesten Zeiten schon

hatten die Gallier eine eigenthümliche, von allen Völkern verschiedene

Musik. Die herrschende Melodie war zwar _kriegerisch_, doch

in Absicht auf die Instrumente und den begleitenden Gesang von

den Tonarten aller übrigen Völker weit verschieden. Es ist eine

große Bemerkung, daß die Franzosen von den frühesten Zeiten an die

ersten waren, die es wagten, den _Mollton_ zum herrschenden zu

machen. Unstreitig ist dadurch mit die Nation zu jener Weichlichkeit

herabgestimmt worden, welche alle Völker, so wie die französischen

Weisen selbst so lange an dieser großen Nation ahndeten. --

Allgemein eingeführter Mollton schmelzt Männermark zu Brey und läßt

Toilettenpuppen den Ton angeben.

Indessen gebührt den Franken der große Ruhm, daß sie früher als alle

andern Europäer die Tonkunst mit der _Religion_ verbanden, und den

Kirchenstyl ungemein verbesserten.

Schon _Carl der Große_ sammelte die göttlichen Gesänge der

Griechen und schuf sie in den Geschmack seines Volks um. Seine

Thronfolger gingen dieser Glanzbahn nach, und förderten die

_Choral-_ und _Figuralmusik_ zu ihrem unsterblichen Ruhme.

Ja die Franken waren sogar die ersten, welche das Fest der heiligen

_Cäcilia_, zur Ehre der Musik anordneten. Diese Heilige ward,

wegen ihrer Liebe für Musik, zur _Patroninn_ derselben erhoben,

und seit dieser Zeit wird dieses Fest durch ganz Europa, sogar von dem

protestantischen England, jährlich im _November_ mit großer Pracht

gefeyert. An diesem Tage sieht man in Paris die Göttinn _Harmonia_

in ihrem festlichen Pompe aufziehen, und alle Kirchen und Concertsäle

tönen in feyerlichen Hymnen das Lob der Musik wieder.

In allen musikalischen Schreibarten hat sich der Gallier ausgezeichnet,

und jede hat bey ihm ihre Eigenthümlichkeit.

Der _Kirchenstyl_ ist stark contrapunctisch, simpel in den Chören,

aber nicht voll genug in den Fugen. Das Arioso hat eine gewisse

widerliche Weltmiene, die der Andacht Eintrag thut. Die Bässe aber sind

meist sehr gut beziffert, und die Instrumente füllen den Gesang mit

Kraft aus. Nur ist ihr Choralgesang im Vergleich mit dem deutschen,

leer und matt, ja er nähert sich oft gar dem weltlichen Liede.

Der _Opernstyl_ der Franken beginnt von den Zeiten des

großen _Lulli_ und _Quinault_: letzterer war der erste

_Operndichter_ in Frankreich. Er verstand die Bedürfnisse der

Tonkunst, und dichtete mithin sehr fließend und harmonisch für den

Compositeur. Großheit der Ideen muß man nicht bey ihm suchen; aber

desto mehr Sanftheit in Gedanken und Bildern, desto mehr Harmonie im

Ausdrucke.

_Lulli_ der Orpheus der Franzosen! der eigentliche Schöpfer

und Verbesserer ihres Nationalgeschmacks. Er war ursprünglich ein

Italiäner, kam aber so frühzeitig nach Paris, daß der Geist seiner

Nation in ihm verdünstete. Er studierte die Harmonik mit ungewöhnlichem

Tiefsinn und Fleiße; aber dieses Studium machte ihn doch nicht zum

Pedanten: denn sein großes Genie überzeugte ihn bald, daß Harmonie ohne

Melodie nichts mehr und nichts weniger sey, als Leichnam ohne Leben. Er

bereiste daher ganz Frankreich, belauschte gleichsam die Urlaute dieses

Volks und trug sie veredelt in seine Opern über. Darum war die Wirkung

seiner Stücke allgewaltig, und kein Tonsetzer der Welt kann sich noch

rühmen auf ein großes Volk so schnell und allgemein über der Töne Gang

gewirkt zu haben, wie _Lulli_. Man sang seine Arien und Chansons

am Hofe, in den glänzendsten Gesellschaften und endlich gar auf dem

Lande bey Trinkgelagen. Seine _Chöre_ sind festlich-groß, nur für

das Theater zu heilig. Im _Recitativstyl_ war er ein so großer

Meister, daß sich die meisten europäischen Tonsetzer nach ihm bildeten,

und noch jetzt nach ihm bilden. Seine _Arien_ sind freylich für

unsere Zeit etwas altväterisch geworden; aber Wehe dem, der die Kraft

ihres einfältigen Ausdrucks nicht noch heutiges Tags tief in den Pulsen

seines Herzens fühlt! -- Man umhänge noch heute eine Lullische Arie

mit den Franzen der Mode -- wie dieß einige schlaue Setzer wirklich

gethan haben, so wird sie noch immer als Meisterstück in allen Odeen

der Kenner glänzen.

Lulli verstand den _Gesang_ ausnehmend: er fühlte, und weckte

Gefühl. Zwar war sein Gesang äußerst einfach -- noch unvertraut

mit unsern Läufern und Verzierungen, unsern Fermen und Cadenzen;

aber Wahrheit, Natur und kunstloser Ausdruck ersetzte alle diese

Mängel weit. Auch im _Kammerstyle_ hat sich Lulli als Meister

hervorgethan. Seine Ouvertüren, Sonaten und Tanzstücke, zeugen von

einem unerschöpflichen musikalischen Genie.

Er ist der Erfinder des _Menuets_. Die Bewegung dieses Tanzes ist

so angenehm, so sanft auf Wogen hintragend, so die Füße zum ruhigen,

zärtlichen, stillsprechenden Zweytanze beflügelnd, daß Lulli mit dem

Menuet allein durch ganz Europa Epoche gemacht hat. Der Kamm der

Tonkunst hätte eine merkliche Lücke; wenn der Menuet nicht wäre.

Der erste _Menuet_ (zu deutsch _Flugtanz_ oder Schwebetanz)

wurde 1663 zu Versailles von Ludwig XIV. mit einer seiner Mätressen

getanzt. Bewunderungswürdig ist es, daß das Motiv des ersten Menuets in

den Mollton getaucht war. Hier ist es:

[Illustration: Musiknoten]

Ueber fünfzig Jahre lang wurde der Menuet, diese höchst bedeutende

musikalische Bewegung, in diese weiche Form gegossen; bis endlich unser

großes deutsches Vaterland auf den Gedanken verfiel, auch aus Durtönen

Menuetten zu verfertigen. Seit dem machen die Deutschen, sonderlich die

Böhmen, die besten Menuets in der Welt.

Lulli verfertigte _dreyzehn Opern_, viele herrliche _Kirchenstücke_,

und eine Menge _Galantriesachen_. Sein Nahme ist unstreitig in der

Geschichte der Tonkunst einer der ersten und wichtigsten. -- Nach dem

Tode dieses großen Mannes, machte die französische Musik eine lange

Generalpause. Mancher Tonsetzer von Bedeutung trat zwar auf: aber

so bald der Riesengeist Lullis wieder auf dem Theater erschien; so

schwanden sie alle wie Meteore hinweg. Als der Geist der Franzosen

zu Ende ihrer Könige immer tiefer zur Kleinheit herunter sank, und

die Mißgeburt der _comischen Oper_ ausgeheckt worden war, da fing

man an, die Riesengestalt Lullis für ein Ungeheuer zu erklären. --

Die Schöpfer, oder vielmehr Nährer dieses falschen Geschmacks, waren

_Gretri_ und _Philidor_.

_Philidor_ faselt in der Musik so sehr, als jemahls ein Franzose in der

Gesellschaft gefaselt hat. Seine Sätze sind äußerst muthwillig -- ohne

Kraft und Saft: höchstens geräth ihm ein französisches Liedlein. Seine

_Symphonien_ sind wässerig: kein Tropfen Burgunder oder Champagner

perlt darin. Seine _Arien_ hüpfen auf den Zehen des leichtfertigen

Tanzes dahin. Seine _Recitative_ sind kindisches herzloses Gelall,

durch unzählige Schnitzer wider die Rhythmik verunstaltet; seine

_Chöre_ dünne Luftgestalten, durch welche der Mond scheint, und die

im Hauche des kleinsten Lüftchens zerfließen. Einige _comische_

Züge gelangen ihm zwar; doch erregt er nur Lächeln, und nie laute

herzerschütternde Lache. Kurz, Philidor verdient es mehr, als je ein

Tonsetzer, daß ihn

-- Verschlinge das schattige Ungeheuer

_Vergessenheit_!

_Gretri_, ein trefflicher Kopf. Wäre er zu günstigern Zeiten

aufgetreten; so würde er wirklich ein großer Meister geworden seyn.

Er hat die Musik gründlich studiert; darum tragen alle seine Stücke

die Miene des _Soliden_. Seine _Opern_ haben mit Recht große Eindrücke

auf seine Nation gemacht: sie sind stark und körnig geschrieben.

Der Golddraht des _welschen_ Geschmacks verschlingt sich bey ihm

mit den gefärbten seidenen Fäden des französischen Geschmacks.

Seine Eröffnungen oder Ouvertüren sind schwanger von den Embryonen

aller folgenden Stücke, und stellen das ganze Gemählde skizzirt

dar. Seine _Arien_ haben meist neue und glückliche _Motive_, sind

herrlich colorirt, mit Verständniß des Gesangs abgefaßt und sinnig

von Instrumenten begleitet. Sonderlich setzt Gretri die Violine mit

vieler Einsicht in die Natur des Instruments. Im Satze der blasenden

Instrumente ist er nicht so glücklich; dagegen sind seine Bässe voll

Leben und Geist. Er versteht die Ebbe und Fluth der Töne, oder den

so genannten Motus contrarius. Seine Chöre haben Feyerlichkeit und

seinem komischen Vortrage fehlt es durchgehends nicht an Salz. Auch die

Deutschen haben Gretri Gerechtigkeit wiederfahren lassen, und seine

Stücke auf den deutschen Theatern mit Beyfall aufgeführt.

_Rousseau_, dieser große Sonderling in der Literargeschichte, spielt

auch in der Tonkunst eine sehr wichtige Rolle. Sein _musikalisches

Wörterbuch_ hat mit Recht großes Aufsehen in der Welt gemacht. Kein

Meister hatte vor ihm mit so philosophischem Scharfsinn über die

Musik nachgedacht, wie er. Seine Reflexionen über der Tönegang und

Verhalt sind tief geschöpft, und meisterhaft vorgetragen. Er war ein

Damm gegen den seichten Modegeschmack seiner Landsleute und hielt

wenigstens die Innondationen desselben um einige Jahre zurück. So

ein großer Verehrer vom welschen Geschmacke er war, so hielt er

es doch nie ganz mit demselben. Er war vielmehr _Eklektiker_, und

setzte aus welschen, französischen und deutschen Formen eine Gruppe

zusammen, welche vortrefflich seyn würde, wenn sie uns ein Künstler

darstellte. Ueber die Wirkung der Tonkunst auf das Herz des Menschen,

über ihre nahe Verbindung mit der Dichtkunst und Mahlerey, über die

Verschiedenheit des musikalischen Geschmacks, und die Hauptepochen der

Musikgeschichte; so wie über die Natur jedes einzelnen Tonstückes, --

hat noch kein Schriftsteller so treffend räsonnirt, wie Rousseau. Nur

sind seine Urtheile auch hier, wie in andern scientivischen Dingen,

nicht selten _paradox_, und er glaubt schon genug gethan zu haben, wenn

er von der gebahnten Heerstraße abweicht, und wie ein muthwilliges Roß

über Hecken und Stauden hinweg rennt.

Rousseau _sang_ sehr gut, und mit ungemeinem Gefühl. In der Begleitung

des Flügels war er Meister; Solo aber spielte er nur mittelmäßig. Auch

in der _Composition_ hat er sich mit Vortheil gezeigt: sein _Pygmalion_

ist nach Text und Musik ein Meisterstück; nur fällt es schwer auf,

daß er zu sehr Sclave von seinem eigenen, nicht genug erwiesenen

Systeme ist. Daher wirkte dieses Stück in Frankreich und Deutschland

nur auf kurze Zeit. -- Einseitigkeit des Geschmacks und Störrigkeit

sich anzuschmiegen an den Geist seines Volks -- verspricht allen

artistischen Producten keine lange Dauer, und dieß war Rousseaus Fall.

_Diderot_, dieser vortreffliche _Literator_ und _Dichter_, spielt

den Flügel nicht nur sehr gut, sondern gab auch eine _Theorie_ vom

_Clavierspiel_ heraus. Er hat über den Geist dieses Instruments tiefer

nachgedacht, als je ein Franzose. Der große _Bach_ ist sein Führer. Er

besuchte ihn aus Enthusiasmus in Hamburg[11], sprach mit ihm viel über

die Kunst, und rectificirte dadurch sein System. Seine Claviertheorie

ist also nichts weiter, als Bachs _Clavierschule_ französirt. Diderot

ist ein ekstatischer Verehrer der Deutschen, und er setzt unser Volk in

der Dichtkunst und Musik über alle Völker empor.

_Marchand_, der größte _Orgelspieler_ der Franzosen. Er selbst hielt

sich sammt seiner Nation für ein Wunder; aber er reiste nach Berlin,

hörte Bach spielen; und die Flügel des Stolzes erlahmten ihm. Von

dieser Zeit an veränderte er ganz seinen Geschmack, und spielte in

Bachischer Manier. Seine _Orgelstücke_ sind tiefsinnig, ungemein

schwer, oft hochfliegend, manchmahl nur zu feurig für den Orgelstyl.

Den Contrapunct verstand er meisterhaft, nur hatte er nicht genug

Pedalstärke und Registerkenntniß.

Er hat vieles für die Orgel und das Clavier gesetzt, und seine Stücke

bleiben immer für wahre Kenner von großem Werthe. Selbst Bach schätzte

sie; -- wenn gleich der Gigante über Marchands Schädel weg sah.

_Le Grand_, dieser große Flügelspieler, den man in Frankreich häufig

den musikalischen _Zauberer_ nannte, ist zwar für sein Vaterland

Colossalgestalt; für Deutschland aber nur gewöhnliches Maß. Wahr ist's,

seine Faust fliegt wie die Schwalbe -- und das ist Vortheil seiner

Nerven, aber was hat Geniuskraft gethan?

Seine Concerte und Sonaten, mit und ohne Begleitung, sind herrlich.

Jugendkraft, Elasticität des Geistes, Neuheit in den Wendungen, und

daraus entspringende Applicatur, Großheit in den Modulationen, --

schwimmen in seinem Satze. Er flügelt die Tasten des Claviers, hat

unaussprechliche Präcision, und doch dabey eine Anmuth, die man noch

nie an einem Franzosen sah. Le Grand schrieb bloß für den Kammerstyl

-- und dieß immer mit vielem Glücke, weil es von Erfahrung abzog,

was er schrieb. Er hat dreyßig Concerte zu Paris in Kupfer stechen

lassen; eine Industrie, die in der Geniewelt ohne gleichen ist. Sein

Kirchenstyl, so sehr ihn die Franken erheben, ist doch nicht weit her.

Er _forcirt_ Größe; und forcirte Größe ist Wechselbalg in der

Kunst.

* * * * *

Die Concerte in Paris gehören unter die ersten der Welt. Das _Concert

spirituel_ ist ein Centralpunct von allem, was die Musik Großes

hat. Alle Nationen dürfen hier mit dem ganzen bunten Wechsel ihres

Geschmacks auftreten, ohne daß es jemahls einem Franken einfällt,

darüber zu glossiren. -- Die Prinzen vom Hause, besonders der Prinz

_Condé_, unterhalten Orchester von erster Bedeutung. Ganz Paris

wimmelt von Musikern, und Gluk und Piccini haben so allgewaltig in die

Maschine des französischen Geschmacks gestoßen, daß eine Revolution,

oder vielmehr Annäherung an den deutschen Geschmack, ganz gewiß

erfolgen muß.

Das französische _Chanson_ ist indessen von so geringer Bedeutung; daß

es mir unbegreiflich vorkommt, wie die Harmonisten ganze Seiten mit

der Untersuchung dieser Bewegung beflecken mögen. Der Zweyvierteltact

hebt zwar; doch nie so, wie es die Franken sich im Strome der

Begeisterung vorbilden. Außer dem hat der deutsche _enge Schleifer_

bereits dieses Tempo gehabt, ehe es durch Theorie geschnitzelt und

bestimmt wurde.

* * * * *

Und hiermit endigen wir diese kurze Geschichte der Tonkunst. An ihrer

heiligen Schwelle sind nur noch die Fragen übrig:

_I. Was haben wir gethan?_

_II. Was thun wir jetzt?_

_III. Was sollen wir noch thun?_

Was die erste Frage betrifft; so muß jeder Denker einsehen, daß in

der Tonkunst schon unendlich viel gethan wurde. Man hat nicht nur den

_Gesang_ gebildet, dem Strome der Empfindung Dämme und Gesetze

vorgeschrieben; den Einsturz, oder die Begleitung der Instrumente

berichtigt, und dem Accompagnement mit dem Flügel die höchste Richtung

gegeben; sondern man hat auch Instrumente eingeführt, von denen die

Vorwelt keinen Laut hörte; man hat neue Bewegungen erfunden in Moll und

Dur; man hat endlich mechanisch einen Canal erfunden, wodurch Herzblut

ins andere Herzblut überströmen soll.

Auch ist die Orgel in Frankreich ziemlich stark cultivirt worden: nur

wäre es Undank; jemahls einen französischen Orgelspieler an deutsche

Kraft und Kunst setzen zu wollen. Der Franzose winselt in weibischen

Tönen; der Deutsche schreitet daher in männlichen; der Deutsche denkt

und handelt; der Franzmann handelt viel, aber denkt nicht so viel;

der Deutsche ist kalt und tief raffinirend; der Franke glitscht an der

Oberfläche der Dinge ab. Frankreich goutirt, Deutschland erfindet,

Welschland schmückt. Dieß uralte Sprichwort ist noch heute wahr, und

wirft auf alle musikalische Schulen Licht.

Die zwey letztern Fragen: wo sind wir, -- und was haben wir zu

erwarten? -- sind von ungeheurer Bedeutung. Wir wollen sie beleuchten.

1. Den gegenwärtigen musikalischen Geschmack in Europa betreffend, so

ist er wirklich noch groß, und hebt sich über alles hinaus, was jemahls

über Musik gedacht oder geschrieben ward.

2. Wenn _Timotheus_, der den Alexander bezauberte, heut zu Tage

aufträte, so würde er kaum als Colophoniumbube zu gebrauchen seyn.

Geschwindigkeit, Stätigkeit, Tiefgefühl und Hochgefühl, Kunsteinsicht

und das leiseste Gemerk auf das, was Herz und Geist weckt, -- hat

jetzt unter uns so überhand genommen, daß die Griechen und Römer hoch

aufschauen würden, wenn sie vor unsern Orchestern stünden. Die Theorie

ist durch alle ihre Adern, Zweige und Arterien so blitzscharf anatomirt

worden, daß der Künstler stutzt, und kaum etwas mehr heraus stammeln

kann, als die Worte: »was ließ Philipp dem Alexander übrig?«

III. Es war einmahl eine Zeit, wo man sehr unverschämt behauptete: man

hätte es so weit in der Tonkunst gebracht, daß nichts mehr zu thun

übrig wäre.

Da keine Kunst sich weniger erschöpfen läßt, als die Musik, da das

Gebiethe der Harmonie das Universum ist; da sich noch unzählich viel

neue Tonstücke, Instrumente und Bewegungen denken lassen: so sieht

man von selbst, wie unphilosophisch diese Behauptung sey. Weil der

Geschmack am _Komischen_ große Verheerungen unter uns anrichtet;

so müßte unsere erste Bemühung dahin gehen, diesen Geschmack so viel

möglich einzuschränken, und dem Ernsten, Heroischen und Tragischen, dem

Pathos und dem Erhabenen wieder Platz zu machen. Der _Kirchenstyl_

muß die freche Miene, in die er ausgeartet ist, wieder ablegen, und

Gluth der Andacht im himmelschauenden Auge verrathen. Man muß auf der

einen Seite nicht zu viel grübeln, auf der andern nicht aller Theorie

spotten; man muß zwar die Tonkunst simplificiren, aber sie eben nicht

nackt in die Welt hinausjagen. Sonderlich wird es nöthig seyn, einen

neuen Rhythmus ausfindig zu machen, damit nicht die immer vorkommenden

Einschnitte, Monotonie in unserer Tonkunst veranlassen. Man muß endlich

auf _neue Tonstücke_ raffiniren, die alten Tactarten wieder

in Gang bringen; die Volksmelodien genauer studieren, und mit dem

Geniusstrahl in der Seele setzen und vortragen: -- so wird die Tonkunst

nicht nur zu ihrer alten Würde und Hohheit zurück geführt werden,

sondern bald einen Sonnenpunct erreichen, zu dem sie noch nie aufflog.

_Hymnus._

Heilige Tonkunst; göttlichen Stammes!

Gespielinn der Engel, Vertraute des Himmels.

Die gefallene Menschheit klagte;

Des Lebens Dornenpfad verwundet ihre Sohle,

Eine blutige Thräne fiel auf die sengende Nessel:

Da trat'st du Himmlische, im Schwanenkleide

Vor sie hin und hauchtest ihr _Liedergeist_ ein. --

Nun klang die Saite unter dem ziehenden Bogen,

Nun klang das Goldgeweb der Harfe;

Nun klang der Lyra Silbergewebe;

Nun schmetterte Trompetenklang,

Und es wieherte das Streitroß d'rein.

Nun tönte das schallende Horn,

Nun flisterte die weiche, lydische Flöte;

Nun wirbelte der Tanz,

Nun schmolz der Jüngling in Liebe,

-- Zerfloß das bleichere Mädchen in Liebe.

Im Tempel scholl Jehovahs Lob;

Die Hallposaune tönte d'rein,

Und die Asoor und die Githit und die schallende Cymbal.

Der Donner des _Hymnus_ stieg zum Olympus.

Der _Psalm_ flog blitzbeschwingt ins Allerheiligste:

Und Jehovah lächelte Gnade!

Laß mich dich, göttliche _Polyhymnia!_ --

-- denn auch mich hast du in den Stunden der Weihe besucht:

Du gabst mir männlichen Gesang, und Flügelspiel,

Daß ich gebiethe der Thräne des Hörers zu fließen,

Daß ich färbe das Antlitz des fühlenden Jünglings

Mit der Begeisterung Gluth;

Daß ich dem lauschenden Mädchen

Seufzer der Lieb' entlocke;

Daß ich durch Wodansgesang schwelle den Busen des Mannes --

O laß mich dich, göttliche Polyhymnia,

Und deines Geschenkes himmlischen Werth nie entweihen!

Laß mich singen Jehovah --

Der ist, der war, und der kommt!

-- Dir o Tugend, dir frömmere Liebe,

Dir traulicher Scherz bey unentweihten Pokalen,

Und, ach dir, o Vaterland, Vaterland,

Das ich liebe, wie der Jüngling die Braut --

Dir, o Vaterland der Helden, und der Feuerseelen,

Weih' ich mein Flügelspiel, und meinen Sang!

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 15 / 22 段