ist stark -- ohne dadurch etwas an der Reitzbarkeit verloren zu haben.
Hierdurch ist er in Stand gesetzt worden, mehrere Concerte und Sonaten
hinter einander weg zu spielen, ohne daß seine Faust müde wird, oder
gar lahm. -- Dieser Umstand verdient um so mehr angeführt zu werden, je
mehr Virtuosen es heut zu Tage gibt, die aus Schwäche der Nerven schon
über dem ersten Concerte ermüden. -- Ausschweifungen in der _Wollust_,
und Unmäßigkeit im _Trinken_, auch _Zorn_, Mangel an Bewegung, zu
langer Schlaf, Kaffeh, stark gewürzte Speisen, -- haben dieß den
Virtuosen so höchst nachtheilige Uebel hervorgebracht. _Eckards_ Diät
verwahrt ihn davor; daher wird er im sechzigsten Jahre gewiß noch mit
jugendlicher Kraft spielen können, wenn andere ausschweifende Virtuosen
schon im dreyßigsten und vierzigsten Jahre siechen. Eckard hat sehr
viel für das Clavier gesetzt: _Concerte_, _Fugen_, _Sonaten_, mit und
ohne Begleitung. Er versteht die Natur des Claviers vortrefflich:
deßhalb verdienen seine Stücke die vorzüglichste Empfehlung. Die Sätze
in seinen Concerten sind oft so zauberisch schwer, daß sie nur die
geübteste Faust herausbringen kann. Eckard ist mit der linken Faust
so stark wie mit der rechten, darum gibt er in seinen Compositionen
der linken oft zu viel Arbeit. Auch seine Melodien sind einnehmend,
ohne daß sie das Berlockengeklingel der Mode nachäffen. Seine
Modulationen und Harmonien sind freylich nicht so neu und tief, wie die
Bachischen; aber doch gründlich und naturgemäß. Wider die Sitte seiner
Zeitgenossen verstand auch Eckard die Kunst, eine _Fuge_ meisterhaft zu
bearbeiten.[9]
Eckard schreibt nicht mit dem Feuer eines Schoberts, ersetzt es aber
durch tiefe Gründlichkeit. Rousseau, dieser tiefe musikalische
Blicker, setzt einen _Eckard_ den ersten Flügelspielern der
Welt an die Seite. -- Die Art wie es Eckard zur Vollkommenheit
brachte, verdient sehr bemerkt zu werden. Er wählte zuerst einen
_bekielten_ Flügel, um sich im simpeln Umriß zu üben, und
seine Faust stark zu machen: denn die Faust ermüdet viel früher auf
einem Fortepiano, oder Clavicord. Nach mehrern Jahren spielte Eckard
erst auf einem Fortepiano, und endlich auf dem Clavicord, um Fleisch,
Farbe und Leben in sein Gemählde zu bringen. _Dadurch_ ist
Eckard der große Mann geworden, den Frankreich und Deutschland in ihm
bewunderten.
Dieser Meister ist zugleich der erste Miniaturmahler in Paris; übt aber
diese für die Augen so gefährliche Kunst nur selten aus.
_Riepel_, ein berühmter musikalischer Pädagog, und ein sehr
gründlicher Kirchenscribent. Die Katholischen halten seine Messen
in hohen Ehren, und seine in Folio herausgegebene _Anweisung zum
Satze_, hat sich unter den Tonsetzern zum klassischen Ansehen
erhoben. Die Grundsätze darin sind unverbesserlich gut, und sein
Vortrag ist leicht und deutlich so wie auch die Beyspiele mit Einsicht
und Geschmack gewählt sind.
Aus dieser skizzirten Geschichte der deutschen Musik muß auch dem
Nichtkenner der Gedanke einleuchten: daß _musikalischer Geist_
zu den Hauptzügen des deutschen Charakters gehöre. So sehr man uns
Nachahmung vorwirft, und so wahr es ist, daß sich keine Seele mehr
in alle Formen schmiegt, als die deutsche; so hat doch die große
deutsche _Musikschule_ ihre Eigenheit beybehalten. Diese Eigenheit
besteht: im tiefsten Studium der _Harmonik_, im naturgemäßen
Gang der Töne oder der _Modulation_; und in einfacher, mit allen
Herzen simpathisirender _Melodie_. Deutscher Gesang wird überall
goutirt, wo es Menschenohren gibt. Der Fuß des Wilden zuckt so gut,
wenn er einen deutschen Schleifer hört, als der Schenkel des biederen
Schwaben. Im Tone des herzigen _Volkslieds_ ist Deutschland noch
von keinem Volke übertroffen worden; die größten welschen Meister
belauschen oft unsere Handwerksbursche, um ihnen herzige Melodien
abzustehlen. Die Natur selbst scheint aus deutschen Kehlen zu singen,
und der philosophische Geist unserer Nation hat dieser Natur eine
Richtung gegeben, welche nothwendig jene große Schule bilden mußte.
Welches Volk hat einen Kirchengesang wie wir? Welches Volk hat uns je
in der Instrumental-Musik übertroffen? Welches Volk hat so allgemein
gute _Stimmen_ aufzuweisen wie das unsrige? Welches Volk stimmt
endlich in das einfältige Concert der Natur so richtig ein wie das
deutsche? -- Ganz Europa hat unsern Werth anerkannt; alle europäische
Orchester sind mit deutschen Kapellmeistern besetzt, und das Wort
tedesco ist längst mit dem Worte Virtuos in Italien in eins zusammen
geflossen.
Schweden und Dänemark.
Diese beyden nordischen Königreiche haben nie Epoche in der Tonkunst
gemacht: der Geschmack anderer Nationen hat sie in der Musik geleitet.
Besonders ist ihre enthusiastische Neigung für die Deutschen so
sichtbar, daß seit mehrern Jahrhunderten, keine andern als deutsche
Kapellmeister in diesen Reichen waren.
_Schweden_ hat indeß doch einen Nationalgesang; doch dieser
Nationalgesang ist so unbedeutend, dissonirt so sehr mit dem Stimmeisen
der Natur, daß es den Leser langweilen würde, wenn ich ihm nur ein
einziges schwedisches Beyspiel vorlegte. Genug ist es, wenn ich
sage, daß in einer _Quart_ der ganze Umfang des schwedischen
Volksgesangs liege; z. B.
[Illustration: Musiknoten;
Dir, o tapfres Schwedenland!
bieth' ich diese rauhe Hand.]
Nach diesem Zuschnitt sind fast alle Urvolksmelodien der Schweden
gemodelt. Da aber _deutscher_ Geist so gewaltig in diesen Reichen
athmet; so drangen auch unsre Volkslieder, unsre Tänze, Gesänge und
Melodienformen bis zu den Dalekarls und Norwegischen Bauern durch. Was
ungefähr zu Anfang dieses Jahrhunderts unter den Deutschen musikalische
Mode war, das geht noch jetzt in den kalten Zonen dieser Königreiche
als Neuigkeit im Schwunge. Der _dessauische Marsch_ ist noch 1776
durch ganz Schweden ein Favoritmarsch gewesen. So vortrefflich und
einzig dieser Marsch auch ist; so wurde er doch unter den Deutschen
nach einem mehr als fünfzigjährigen Alter so agonisirend, daß er nur
noch in Bierzirkeln spukt. Aber in Schweden und Dänemark wird nicht
bloß dieser Marsch, sondern auch andere deutsche Exstücke noch immer
als neue Waare ausgekramt.
_Gustav Adolph_ war der erste, der zu Stockholm die
_Figuralmusik_ mit dem Chorale verband. Sein Kapellmeister
_Erichsen_ verfertigte auch Kriegslieder auf diesen König, die
nicht ohne Geist sind: allein der erste Vergleich mit unsrer Musik
vernichtet alle seine Versuche. Die paradoxe Königinn _Christina_
war eine pedantische Verehrerinn der Tonkunst. Sie hatte den besondern
Einfall, ein Concert im _griechischen_ Geschmack hören zu wollen.
_Mizler_, ein Deutscher, arbeitete es auf das genaueste aus, ließ
es die Virtuosen streng durchstudieren, und die wichtige Folge davon
war, daß es ausgezischt wurde. Von dieser Zeit an hat die Musik in
Schweden mannigfaltige Veränderungen erlitten, und hing meist einzig
von den Launen des Hofes ab.
Zu den Zeiten _Carls XII._ der nichts als die Trommel und Trompete
leiden konnte, versank die Musik so sehr in Schweden, daß -- credite
posteri! -- 1715 nur zwey Menschen in Stockholm waren, die Noten
lesen konnten. Die _verstorbene Königinn_ von Schweden, eine
Schwester des großen Friedrichs, befahl der Musik zu leben, -- und sie
lebte! Seit dieser Zeit, sonderlich seit der glücklichen Epoche der
Souverainetät in Schweden, findet man zu Stockholm ein wohlbesetztes
Orchester; und sogar eine schwedische Oper, wovon _Kora_ ein
meisterhaftes Beyspiel ist.
Inzwischen bleibt es richtig, daß sich in der ganzen musikalischen
Geschichte nicht ein einziger Schwede ausgezeichnet hat.
_Dänemark_, erwarb sich etwas größere Verdienste um die Tonkunst.
Ohne die Zeit der _Skalden_ hinaufzugehen, deren Musik ganz roh
und kriegerisch war; so finden wir von den Zeiten der Reformation
an, daß die Dänen immer vorzügliche Beschützer der Tonkunst gewesen.
Ihre Könige haben sogar Gesetze gegeben, die Musik durch das ganze
Land zu üben. Sie hielten nicht nur stattliche Orchester, sondern
befahlen auch, nach deutscher Sitte, durch das ganze Reich Cantoren
und Stadtzinkenisten anzustellen. Die Volksgesänge der Dänen sind
grunddeutsch. Nur die _Ißländer_ haben an ihren Volksliedern eine
ganz originelle Melodie. Sie umschreiben ungefähr sechs bis sieben
Töne, beginnen meistens in Moll und endigen in Dur. z. B.
[Illustration: Musiknoten;
Walle Mondglanz, strahl herab,
Schein' auf meines Liebchens Grab!]
Auch ihre _Kirchenlieder_ sind in diesen Geschmack getaucht. Doch hat
Deutschlands Wogenstrom in neuern Zeiten alles hinweggeflößt, und
Dänemark ist in Absicht auf die Tonkunst eine unterjochte Provinz
von uns geworden. Der große Graf _Bernstorf_ beförderte den schon
oben gezeichneten _Scheibe_ zum Capellmeister; stimmte den König zur
Unterhaltung eines trefflichen Orchesters, ließ Opern im welschen und
deutschen Geschmack aufführen -- und verbreitete hierdurch den guten
Sang durch ganz Dänemark. Was der unsterbliche _Holberg_ wünschte, --
der selbst ein trefflicher Musiker war, und die Violine als Meister
spielte -- das wurde unter Christian VII. realisirt! Polyhimnia bekam
auch Sitz und Stimme im dänischen Sanhedrin: und seit dem schwebt
Daniens Musik mit der deutschen fast in gleicher Höhe. Doch hat
auch Dänemark -- mirum visu! -- nicht einen einzigen großen Musiker
hervorgebracht: wer dort glänzte, oder noch glänzt, ist entweder
Welscher oder Deutscher!
Rußland.
Die russische Nationalmusik hat, wie man leicht erachten kann, sehr
viel Wildes und Rauhes. Man bemerkt es in ihren meisten Volksliedern,
daß sie das Geschrey gewisser Vögel nachahmen, die in Form und Stimme
viel Aehnliches mit unsern wilden Aenten haben. Ein Volk, das in
manchen Gegenden, wie z. B. in Kasan, Astrakan, Kamtschatka und in
Syberien, sich noch so sehr dem Viehe nähert und der Jagd so ergeben
ist, muß leicht zu einer solchen Nachahmung verleitet werden. Auch ist
dieß eigene in ihren Volksgesängen, daß sie fast alle in Dur beginnen
und in Moll enden. -- Man kann eben nicht sagen, daß es eine schlimme
Wirkung thue, zumahl wenn der Gesang richtig vorgetragen wird; indeß
ist es doch der Natur der Melodik nicht immer angemessen.
[Illustration: Musiknoten;
Lowna komm, herzlich lieb' ich dich,
Lowna komm--komm und küsse mich!]
Es läßt sich leicht erachten, was so eine Musik von einem Pulk Kosaken,
gesungen, für eine gräuliche Wirkung thun müsse. Kaum ist es
begreiflich, wie die russischen Mädchen so etwas schön finden können.
_Peter der Große_ war der Erste, der auf seinen Reisen
Geschmack an ausländischer Musik bekam. Er zog eine Menge blasender
Instrumentalisten nach Rußland, und führte deutsche und türkische
Kriegsmusik bey seinen meisten Regimentern ein. Aber Katharina der
Ersten war es vorbehalten, auch die feinere Musik nach Rußland zu
verpflanzen. Sie verband zuerst in ihren Kirchen Figuralmusik mit der
Vokalmusik, und unterhielt ein sehr gutes Orchester, das meistentheils
aus Deutschen bestand.
Unter der Kaiserinn Elisabeth stieg die Musik noch höher: Man erbaute
ein Opernhaus, und die ersten Opern in russischer und welscher Sprache
wurden zu ihrer Zeit gehört. Doch all dieß war nur Dämmerung gegen den
vollen Tag, der unter _Katharina der Zweyten_, für die Tonkunst
anbrach. Das russische Orchester besteht nun aus mehr als zwey hundert
Personen, worunter _Paisiello_ und _Lolli_ hoch hervorragen.
Auch der unsterbliche _Galuppi_ hat für das russische Theater
gearbeitet.
Die Kaiserinn selbst spielt den Flügel, und ist eine ecstatische
Verehrerinn der Musik. Auch sollen die Russen selbst seit einiger
Zeit angefangen haben, sich mit ziemlichem Erfolg dem Studium der
Tonkunst zu widmen. Doch hat sich zur Zeit noch kein Meister unter
ihnen gezeigt. Was in Rußland glänzt, ist entweder _Welscher_ oder
_Deutscher_. Die Kaiserinn bezahlt die Musiker außerordentlich,
von 1000 bis zu 10000 Rubeln steigen die Besoldungen im Orchester[10].
Pohlen.
Die Volksmelodien dieser Nation sind so majestätisch und dabey so
anmuthig, daß sie von ganz Europa nachgeahmt werden. Wer kennt nicht
den ernsten, feyerlichstolzen Gang der so genannten Polonoisen wer
nicht den sanftnäselnden Dudelsacksgesang der Polaken? -- Ihre Lieder
wie ihr Tanz, gehören unter die schönsten und reitzendsten aller
Völker.
Der Pohle ist besonders stark auf der _Schallmey_, der
_Trompete_ und dem _Horn_. Nur halten sie so eigensinnig
auf ihren Geschmack, daß sie sehr schwer in den Gang eines modischen
Orchesters einzuleiten sind. In keinem Reiche außer England, gibt es
mehr, größere und kleinere Orchester, als in Pohlen. Zu Warschau hat
in den siebenziger Jahren ein glaubwürdiger Reisender die Bemerkung
gemacht, daß über 1500 besoldete Musiker sich daselbst aufhalten.
Dieß ist leicht begreiflich, wenn man sich erinnert, daß Warschau der
Zusammenfluß aller pohlnischen Großen ist, die sich aus Stolz und
Nationalgeschmack beeifern, es einander in der Liebe zur Tonkunst
zuvorzuthun. Der König selbst, als ein großer Kenner der Musik,
unterhält ein Orchester von ungefähr siebzig Personen, welches
_Schröder_, ein trefflicher musikalischer Kopf, anführt. Die
Opern daselbst sind so prächtig, als in irgend einer Fürstenstadt
Europens. Das Orchester bestand in mehr als einer Oper, bisweilen aus
fünf- bis sechshundert Personen, weil die Großen ihre Musiker dazu
herzuleihen pflegen.
Ganz Warschau tönt Jahr aus Jahr ein von Concerten und Hausmusik
wieder. Alle Bacchanale werden mit Musik gekrönt, und sogar die
Branntweingelage des niedrigen Pöbels durch Gesang und Spiel beseelt.
Selbst das allgemeine Elend, das dieses edle Volk vor vielen andern
Nationen drückte, hat den Geist der Tonkunst nicht dämpfen können. Da
sich jetzt die Pohlen auch auf den theoretischen Theil der Musik legen;
so darf unstreitig die musikalische Welt wichtige Vortheile davon
erwarten.
Schweiz.
Dieser glückliche Staat hat sich von den Zeiten seiner Ruhe an,
um Wissenschaften und Künste höchst verdient gemacht. Theosophen,
Rechtsgelehrte, Aerzte, Weltweise, Mathematiker, politische und
geistliche Redner, große Dichter und Künstler, haben sich daselbst
ausgezeichnet. Daher ist es unbegreiflich, warum diese Republik gerade
in der Musik so weit zurück blieb. Die Geschichte kennt kaum ein
Paar Schweizernahmen, die in den Annalen der Tonkunst eingezeichnet
zu werden verdienen. Indessen blüht doch in den _katholischen_
Cantons die Tonkunst weit mehr, als in den reformirten, aus deren
Kirchen die Figuralmusik, ja selbst die Orgeln gänzlich verbannt sind.
Die katholischen Messen, die in der Schweiz verfertiget werden, haben
viel Würde, und eine unverkennbare Einfalt. Der Modegeschmack hat im
Kirchenstyl hier noch nicht so große Verheerungen angerichtet, wie
anderwärts. Die Reformirten behelfen sich allein mit _Psalmen_,
wovon einige mit der erhabensten Andacht und im eigentlichsten
Psalmenton geschrieben sind. Man hat sie in Basel zusammen gedruckt,
und der Welt als Muster dieser Art vorgelegt. In Zürich ist der
musikalische Geist in neuern Zeiten sehr allgemein worden. Es gibt
da Dilettanten, die sich bis zur Meisterschaft aufschwangen. Auch
werden daselbst Jahr aus Jahr ein Concerte gegeben, wo oft die größten
fremden Virtuosen auftreten, und dadurch das Ohr der Schweizer immer
mehr und mehr bilden. Auch halten sich in der Schweiz oft treffliche
Musikmeister mehrere Jahre lang auf, und geben öffentlich Unterricht.
Die eignen Schweizercompositionen aber wollen nicht besonders viel
sagen. _Schmidlin_ setzte Lavaters _Schweizerlieder_ in
Musik, worunter sich einige so sehr durch Popularität auszeichnen,
daß sie von dem ganzen Volke mit Entzücken gesungen werden. Auch hat
eben dieser Schmidlin einige geistliche Lieder von Klopstock und
Lavater so treffend gesetzt, daß man seine Melodien da und dort in die
protestantische Kirche aufgenommen hat.
Das Verdienst _Junkers_ um die Bildung des musikalischen
Geschmacks in der Schweiz, ist wirklich nicht klein. Er hat sich im
theoretischen und practischen Felde mit Vortheil gezeigt: sonderlich
besitzt er in der ästhetischen Tonkunst keine gemeine Stärke. Seine
_vier und zwanzig Componisten_, worin über die größten Meister
manches reife Urtheil herrscht; seine _musikalischen Almanache_
und seine Abhandlung »_Von den Pflichten des Capellmeisters_«
haben ihm in der musikalischen Geschichte einen bleibenden Nahmen
erworben. Er selbst spielt das _Clavier_ und die _Flöte_
mit Geschmack, und seine Abhandlung im würtembergischen Repertorium
beweist, daß er die Musik so studiert habe, wie man sie studieren soll.
In _Bern_ wird sehr viel auf die Tonkunst verwandt. Es werden da
Meister in allen Instrumenten unterhalten, welche den dasigen Geschmack
ungemein modernisirt haben. Zu _Winterthur_ ist durch Steiners
löblichen Eifer für die Tonkunst manches schöne musikalische Werk der
Welt vorgelegt worden. _Weis_ aus Mühlhausen, hält sich jetzt in
London auf, und ist einer der ersten Flötenspieler unsrer Zeit. Auf
_seinen_ Flöten, nach Tacerts neuer Erfindung, bringt er auch die
kritischen Töne seines Instruments mit der äußersten Reinigkeit heraus.
Seine Stärke in der Tiefe ist ungewöhnlich; sein unteres D brauset und
schneidet durch Ohr und Herz.
Da der Luxus auch in der Schweiz überhand zu nehmen beginnt; so kann
man daraus noch manchen Vortheil für die Tonkunst erwarten; denn
Polyhimnia hört den Klang des Silbers vor andern Musen gern, und nichts
verscheucht sie leichter, als Mangel und Dürftigkeit.
Holland.
In diesem Freystaate blühte die Musik weit mehr als in der Schweiz.
Zwar hat der Geist der Handlung verursacht, daß sich der Holländer
selbst nie sonderlich als Tonkünstler auszeichnete; aber doch
unterstützt er große Tonkünstler. Zu Amsterdam halten sich immer die
größten Virtuosen auf, und die Concerte werden stark besucht, selbst
wenn ein Ducaten für die Entree verlangt wird. _Lolli_, der
daselbst sehr bewundert wurde; erhielt einmahl für ein _einziges
Concert_ nach Abzug aller Unkosten über 1000 Ducaten.
Der _musikalische Verlag_ in Amsterdam ist so stark, als irgend
ein Verlag in der Welt, die guten Compositionen stattlicher Meister
werden da brittisch bezahlt und gehen reissend ab.
Der Statthalter von Holland unterhielt stets ein sehr wohl
eingerichtetes _Orchester_, das aus dreyßig bis vierzig, oft mehrern
Personen bestand. Manche große Meister, worunter der oben gezeichnete
_Spandauer_, auch _Vanhal_, _Kampel_ und andere, schmückten dieses
Orchester, und machten es zu einer Schule der Kunst.
Im _Haag_ werden sehr glänzende Winterconcerte gegeben, in
welchen Kraftmänner vom ersten Rang auftreten, und fürstliche Bezahlung
erhalten. Sonst ist der Geist der Holländer für die Tonkunst etwas zu
kalt; daher sind ihre Erfindungen eben nicht wichtig: doch macht ihnen
die Erfindung des so genannten _Hollandois_ ungemein viel Ehre.
Diese National-Melodie hat in ihrer Einkleidung einige Aehnlichkeit mit
dem Rundo, nur daß der zweyviertels Tact gemeiniglich mit sechsachtels
Tact abzuwechseln pflegt. Dergleichen Stücke bringen eine sonderbare
Wirkung hervor: man glaubt an den Ufern der offenbaren See zu stehen,
und in der Morgendämmerung dem sanftgleitenden Kahne zuzusehen: wenn
auch die Morgenluft etwas kalt athmet; so ist doch die im Purpur
Aurorens erröthende See und der gleitende Kahn -- ein herrlicher
Anblick.
England.
Auf dieser glücklichen Insel, groß an Menschen aller Art, wo Reichthum
aus allen Gegenden der Welt zusammenströmt, und folglich auch die
Kunst bezahlt werden kann, wurde die _Musik_ vorzüglich seit
den Zeiten der Königinn _Elisabeth_, immer ungemein hoch
geschätzt. Das Parlament setzte 10000 Pfund zur Unterhaltung eines
_königlichen Orchesters_ aus, welches stets mit trefflichen
Capellmeistern, guten Sängern und ausgezeichneten Virtuosen auf allen
Instrumenten besetzt war. Und doch hat England unbegreiflicher Weise!
nie eine _musikalische Schule_ hervorgebracht; nie einen großen
_Componisten_, nie einen bedeutenden _Sänger_, selbst nie
einen ausgezeichneten Virtuosen gehabt. Daher sang Klopstock den
Triumphgesang vor ihren Ohren ab:
»Wen haben sie, der kühnen Flugs
»Wie _Händel_ Zaubereyen tönt? --
-- Das hebt uns _über_ sie!«
Und doch fehlt es England nicht ganz an Nationalgesang. Ihre
_Balladen_ und _Volkslieder_, die man nun größtentheils
gesammelt und mit Musik herausgegeben hat, haben Einfalt und Würde;
nur gränzen sie bey weitem nicht an welsche Anmuth und deutsche
Herzlichkeit. Die Melodie des Gesellschaftstanzes im zweyviertel
Tacte, unter dem Nahmen _Angloise_ in aller Welt bekannt, ist eine
Erfindung dieser großen Nation. Die Tactbewegung macht nicht nur die
Füße beschwingt, sondern einigt ganze Gesellschaften und die bunten
Zirkel der verschiedensten Charaktere zu einem Zweck.
Die _Kirchenmusiken_ zu London sind herrlich besetzt, -- wie man
vom strömenden Reichthume dieses Volks nicht anders erwarten kann. Die
Orgel in der _Paulskirche_ ist eine der prächtigsten der Welt,
und wird seit ihrem Bau immer von berühmten Meistern gespielt. -- Die
Britten sind große Kenner des Contrapunctes, empfänglich für jede
schöne Melodie -- ohne selbst dergleichen hervorbringen zu können.
Da sie bekanntlich die tiefsten Forscher der Wahrheit sind, so haben
sie mehr Theoretiker der Musik als Practiker: sie _zergliedern_
zu viel, und suchen mehr den Lichtbegriff der Vollkommenheit, als den
dunkeln Begriff der Schönheit.
Dieses Volk ist in der Geschichte das zweyte, welches die Wichtigkeit
der Tonkunst so sehr anerkannte, daß es Professoren der Musik auf
seinen Akademien besoldet, und Doctoren in dieser Kunst creirt.
Durch diese Veranstaltung sind unter ihnen die Grundsätze der Tonkunst
auf das strengste untersucht worden, und nur Deutschland hat hierin die
Britten übertroffen.
_Newton_, dieser Confident des Schöpfers, ist auch in die
_Harmonik_ so tief wie in andere Wissenschaften eingedrungen. Sein
System ist zwar schwer zu begreifen -- aber groß und wahr. Nichts
ist tiefsinniger als seine Untersuchungen über den _Accord_, aus
dem er die weitgreifendsten Resultate herleitet. So sagt er z. B. Ich
nehme C als den reinsten Ton zum Grundton an. Simpel angeschlagen,
liegen in seinen Schwingungen und Vibrationen schon die Quinte und die
Terze. Wird die Quinte und Terze besonders angeschlagen; so ist dieß
bloß weitere _Offenbarung_ des Grundtons, und mit diesem bilden
sie die _Trias_, die durch das ganze Universum in tausendfachen
Nachbildungen abstrahlt und in Myriaden Tönen nachhallt. 1 zeugt immer
8, 8 immer 10, und 12, und so fast ins Unendliche. 8 beugt sich zur
kleinen Septime (7) die kleine Septime bringt dumpf durcheinander
laufende Dissonanzen hervor; streift in 4. 2. 6. 9. 11 -- in halben und
ganzen Tönen. Endlich legt sich der Sturm, wenn alles wieder in den
Grundaccord aufgelöst ist.
Diese tiefsinnige Bemerkung enthält die ganze Lehre von der Tonkunst
in unbeschreiblicher Kürze und öffnet zugleich wunderbare
Aussichten ins το παν.