Diese Stadt hat sich nie durch große musikalische Anstalten

ausgezeichnet, und kaum einige musikalische Köpfe von Bedeutung hervor

gebracht. Zwar sind daselbst gute Orgeln, und wohleingerichtete

Kirchenmusiken; allein weder Organisten von Genie, noch sonst

hervorragende Musiker im Chor. Doch alle diese Gebrechen ersetzen die

vortrefflichen _Concerte_, welche dort häufig im so genannten

rothen Hause veranstaltet werden. Es gibt wenig große Meister, die sich

nicht nach und nach daselbst hören ließen; und außer Hamburg, sind

keine Privatconcerte einträglicher, als die Frankfurter. _Lolli_

zog einmahl aus einen einzigen Concerte 3000 fl. Nicht bloß die

Liebhaberey der Stadt, sondern der große Zusammenfluß von Fremden,

besonders zur Meßzeit, macht diese Concerte so einträglich, und lockt

die größten Meister dahin: hierdurch ist der Musikgeschmack der Stadt

ungemein gebildet worden. Nirgends ist die musikalische Erziehung so

allgemein wie hier; selbst Bürger von mittlerem Stande lassen ihre

Kinder fast durchgängig im Sang und Spiel unterrichten. Nur ist der

dasige Geschmack jetzt etwas weichlich geworden. Das Große, Tiefe und

Hohe, wird dort nicht so goutirt, als das Sanfte, Modische, Komische,

Tändelnde: eine traurige Folge des langen Aufenthalts der Franzosen in

dieser deutschen Stadt.

_Otto_, ein mittelmäßiger Organist, und noch mittelmäßigerer

Spieler.

_Helferich_, ein Mode-Clavierist. Er tändelt Blumen hin, die heute

blühen und morgen verwelken.

_Kayser_, der beste musikalische Kopf, den Frankfurt hervorbrachte.

Er hat sich expatrirt, und hält sich jetzt in Zürich auf. --

Die Originalität seines Charakters drückt sich in allen seinen

Compositionen, wie in seiner Spielart aus, seine Faust ist geflügelt

und schimmernd, der Umriß seiner Passagen stark markirt; seine Manieren

sind rund und schön, und sein Triller kräftig. Er hat viel für den

Gesang und das Clavier gesetzt, und jedem Producte den Stämpel seines

Originalgeistes eingeprägt. Sein Satz ist gründlich und männlich, voll

Einfalt, und zur Größe aufstrebend. _Gluk_ ist sein Mann: nur diesen

scheint er sich zum Muster gesetzt zu haben, ohne sich darum seine

Eigenthümlichkeit rauben zu lassen. Er hat verschiedene _Lieder_ von

_Gellert_, nebst einigen von _Cramer_ und _Klopstock_, sehr schön für

die Kirche, auch für Privatconcerte componirt. Auch etliche Lieder von

seinem Busenfreund _Göthe_ sind ihm trefflich gelungen. Und doch hat

dieser Musiker wenig Sensation in Deutschland hervorgebracht. Es fehlt

ihm an Grazie, an Gefälligkeit, und an Leichtigkeit der Melodien. Sein

Satz ist oft mürrisch und finster, als wenn er seinen Zeitgenossen

sagen wollte: Ihr seyd Thoren, daß ihr mich nicht erwählt. Wir

besitzen von diesem Manne auch manchen schönen _Aufsatz_ über die

Tonkunst. Sein Styl ist original, in starken Empfindungen aufflammend,

voll großer und richtiger Gedanken; nur zu einseitig im Geschmacke.

-- Er ist auch kein übler Dichter; allein aus allen seinen Producten

schimmert ein Geist hervor, der Originalität affectiren will, nach

neuen Einfällen hascht, und seinen Entzweck immer nur halb erreicht. Er

lebt mit den ersten Köpfen Deutschlands in Verbindung, und in diesem

Strahlenkreise kann es leicht seyn, daß er sich größer träumt, als er

wirklich ist. -- Als Gulliver von Brobdingnak nach Hause kam, bückte er

sich unter seiner Hausthür, weil er glaubte, er sey unter den Riesen um

zwey Köpfe größer geworden.

Ulm.

Diese Stadt unterhält schon seit der Reformation mit ziemlichem Aufwand

eine Stadtmusik, worunter sich oft gute Leute ausgezeichnet haben. Der

Choralgesang ist daselbst sehr gut besetzt, und in der Figuralmusik

herrscht ein solider Geschmack. Die _Orgel_ im stolzen _Münster_,

vielleicht der schönsten Kirche Deutschlands, hat drey Manual, und

sechzig Register: ihr Ton ist dick, und durchbraußt alle Tempelgewölbe.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde diese Orgel von einem weit

berühmten Organisten gespielt, Nahmens _Schneider_, dessen Nachkommen

noch jetzt als sehr gute Musiker in Deutschland blühen. Seine Stücke

sind mit ausnehmender Gründlichkeit gesetzt, und könnten noch heute

auf jeder Orgel mit Beyfall vorgetragen werden. Er selbst spielte

stark, und war sonderlich Meister im Pedal. Sein Nachfolger _Walter_,

ist bereits oben in der sächsischen Schule geschildert worden. Auf ihn

folgte der jetzige Organist _Martin_, der alles dem Studium, äußerst

wenig aber der Natur zu danken hat.

Die _Privatconcerte_, welche zuweilen in Ulm angestellt werden,

wollen nicht viel sagen: denn ob man gleich oft sehr gute Stücke

wählt; so verunglückt doch meistens die Ausführung. Die Nachkommen

des eben erwähnten Schneider's nennen sich jetzt, vielleicht weil es

vornehmer klingen soll, _Sartorius_, worunter ein sehr gründlicher

Violinist ist, der sich in der Manheimerschule bildete, und vor den

größten Höfen und Städten Deutschlands mit Beyfall hören ließ. Sein

Strich ist gigantisch, und sein Ton schneidend und dick. Schade, daß

er kein Trillo hat, sondern statt dessen nur Mordenten hintändelt.

Der vortreffliche _Kleinknecht_, dessen Charakter oben unter

dem Artikel Anspach gezeichnet worden, ist ebenfalls ein Ulmer; und

_Nißle_, einer unsrer größten Waldhornisten, stammt aus der

Ulmischen Stadt Geißlingen.

Charaktere berühmter Tonkünstler.

_Ehrenberg_, Hofmusikus in Dessau. Wir haben ein paar Sammlungen

_Lieder_ von ihm, die er aus den besten Dichtern gewählt, und mit

Geschmack in Musik gesetzt hat. Die schwermüthigen Stücke gelingen ihm

sonderlich gut, und niemand würde fähiger seyn, Höltys Geist in Musik

zu übersetzen, als dieser Ehrenberg. -- Grabgedanken, Todesahndungen,

Geistererscheinungen, mit einem Wort: _Ossians Manier_ in Musik

übergetragen, ist sein Charakter.

_Friedel._ Es sind dieß zwey Brüder, die sich beyde als

_Geiger_ rühmlichst ausgezeichnet. Sie haben Geschwindigkeit

und Schönheit des Vortrags: und spielen besonders das Flagiolet mit

ausnehmender Stärke. -- Mehrere Violinisten haben sich nach diesen

Friedels gebildet, so daß sie fast eine Schule stifteten. Schade,

daß diese trefflichen Köpfe so tief in Liederlichkeit versanken, daß

man sie nicht mit Ehren in gute Gesellschaft einführen konnte. Beyde

setzten ungemein schöne Stücke für die Violine: ihre Compositionen sind

voll Reitz, und so ganz für dieß Instrument gemacht.

_Frik_ aus _Durlach_, jetziger Clavicymbalist beym

Fürsten von Lichtenstein. Er spielt nicht nur das Clavier meisterhaft

und gründlich, sondern hat auch die von Franklin erfundene

_Harmonika_, zur größern Vollkommenheit gebracht. Dieß tief

rührende melancholische Instrument spielt er mit unvergleichlicher

Zärtlichkeit, und vielleicht so gut als es sich behandeln läßt. Seine

Stücke für die Harmonika sind der Zeit noch die einzigen; denn was

Franklin dafür setzte, hat keinen musikalischen Werth. Franklin war

mehr Mechaniker als Musiker; Frik aber beydes.

_Gluk._ Ein von allen drey großen Schulen in Europa bewunderter

Mann, der sich zum Rang eines musikalischen Epochenmachers aufschwang.

Er setzte Anfangs simple Clavierstücke, die nur wenig Sensation

machten: mit einmahl aber wagte er sich an eine Oper, und ganz Italien

staunte. Seine _Alceste_ wurde zuerst in Florenz, dann zu Venedig

und Neapel mit einem Beyfalle aufgeführt, der an Manie gränzte.

Immer gleiches, durch die ganze Oper fortloderndes Feuer, kühne und

ungewöhnliche Sätze; dithyrambische Fantasieflüge, starke Modulationen,

schöne, nur nicht immer richtige Harmonien, tiefes Verständniß der

Blas-Instrumente, die er weit häufiger und wirksamer als irgend ein

Tonsetzer anzubringen weiß; dieß sind Gluks Charakterzüge in der ersten

Periode seines Lebens. -- Auf einmahl warf er sein bisheriges System

über den Haufen, und wälzte den großen Gedanken in seiner Seele: _Die

ganze Musik zu reformiren_. Er fand, daß die heutige Tonkunst mit

vielen unnöthigen _Verzierungen_ überladen sey: er wollte ihr also

ihren Flitterstaat nehmen, und sie wieder ins Gewand der Natur kleiden.

Die Musik so sehr zu _vereinfachen_, als es irgend möglich ist

-- war der Hauptgedanke des neuen Glukischen Systems. In diesem neuen

Geschmacke schrieb er die berühmte Oper _Iphigenie_. -- Noch nie

hat eine Oper so viel Aufsehen erregt als diese. Die Kunstrichter

Frankreichs und Deutschlands lobten und tadelten sich heiser; und Lob

und Tadel war übertrieben. Ganz Paris spaltete sich damahls in zwey

große Parteyen: in die Glukische und Piccinische. Gluks Oper wurde

zwölfmahl hinter einander mit unbeschreiblichem Beyfall gegeben. Die

Chöre gränzen ganz nahe an unsern Choral. Die Arien sind ohne alle

Verzierung: ohne Coloraturen, ohne Fermen, und ohne Cadenzen: es ist

gleichsam mehr Declamation als Musik. -- Es macht den Franzosen viel

Ehre, daß sie eine so simplificirte Musik in wenig Jahren achtzigmahl

hören konnten. Doch frägt sichs: Ist Gluk in seinem Systeme nicht zu

weit gegangen? Hat er nicht Declamation mit dem Arioso vermischt? nicht

die Musik ihres _nöthigen_ Schmuckes beraubt? -- Polyhymnia soll

nun freylich nicht im Flitterstaate einher stolziren; aber mutternackt

soll sie auch nicht gehen. -- _Forkel_ in seiner _musikalischen

Bibliothek_ hat diesen für die Tonkunst äußerst wichtigen Streit mit

Gründen und Gegengründen so stattlich beleuchtet, daß ich den Leser auf

diese Recension der Glukischen Iphigenie hinweise, nur mit der Warnung,

Forkeln als einen zu ängstlichen Anhänger an die Berlinerschule zu

betrachten: denn diese Anhänglichkeit verleitet ihn, dem großen Gluk

zu wenig Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. -- Gluk ist unstreitig

einer der größten Musiker, welche je die Welt hervorgebracht hat. Seine

Ideen reichen alle ins Große, ins Weitumfassende. Klopstock ist so ganz

der Dichter für seinen erhabenen Geist; seine Hermanns-Schlacht ist von

Gluk so herrlich in Musik gesetzt worden, daß die Deutschen schwerlich

ein erhabeneres Theaterstück besitzen als dieß. Wer es _Gluk_

selbst spielen und singen hörte, gerieth in entzücktes Staunen.

Zugleich besaß dieser Meister ein ganz eigenes Geschick, Sänger und

Sängerinnen abzurichten. Seine _Nichte_ würde jetzt die erste

Sängerinn in Europa seyn, wenn sie nicht ein Engel abgepflückt und

auf seinen Armen in Himmel getragen hätte. -- So groß der Geist Gluks

im Tragischen ist; so arbeitete er doch zuweilen auch mit Glück im

_komischen_ Style; nur hält seine Riesenseele nicht lange in

der Harlekinsjacke aus. Dieser seltene Mann hat auch verschiedene

_Abhandlungen_ in französischer, welscher, und deutscher Sprache

über die Tonkunst geschrieben, die von seinem Feuergeiste, und seiner

tiefen musikalischen Kenntniß zeugen. Mit dem hier Gesagten vergleiche

man, was _Riedel_ über den Charakter Gluks geschrieben hat.

_Haidn._ Ein Tonsetzer von großem Genie; der in den neuesten

Zeiten nebst _Mozart_ Epoche gemacht hat. Er ist Capellmeister

beym Fürsten Esterhazy, und ein Liebling von ganz Deutschland. Seine

_Messen_ athmen hohen Geist, gründliche Einsicht in die Gesetze

der Tonkunst und Herzensfülle. Seine _Symphonien_ sind mit Recht

durch ganz Europa beliebt, denn sie sind im wahren Symphonienstyle

gesetzt, leicht ausführbar, oft mit strömendem Feuer, und ganz

origineller Laune geschrieben. Durch seine _Clavierstücke_ ist

er endlich der Liebling aller Kenner geworden. Sie sind nicht nur

gründlich, und dem Instrument angemessen, sondern zeichnen sich vor

allen durch die ungemeine Schönheit der melodischen Gänge aus. Seine

Adagios, Largos, Andante, Cantabile, Rundos und Variationen, scheint

ihm Göttin Harmonia selbst eingegeben zu haben. So lehrreich für den

Spieler, und so angenehm und unterhaltend für den Hörer, sind noch

wenig Stücke in Deutschland gesetzt worden. Das Genie jauchzt ihm

Beyfall zu -- und der mäßige Kopf schlingt mit Entzücken seine Töne,

(bis 1784.) als Note.

_Himmelbauer._ Ein solider und äußerst angenehmer

_Violoncellist_, ohne allen Künstlerstolz; ein Mann von dem

geradesten und liebenswürdigsten Herzen. So ruhig und zwanglos führt

niemand seinen Bogen, wie dieser Meister. Er trägt die schwersten

Passagen mit der äußersten Leichtigkeit vor, besonders ergießt sich

sein Herz ins Cantabile. Sein süßer Ausdruck, seine lieblichen Fermen,

und sonderlich seine große Stärke in den Mitteltinten -- sind von allen

Kennern und Hörern bewundert worden. Er hat wenig für sein Instrument

gesetzt, aber dieß wenige hat desto mehr innern Werth. Er ist aus

_Wien_, und hält sich jetzt in Bern auf.

_Hofmann_, ein schon etwas betagter Symphoniencomponist, vor

zwanzig Jahren noch allgemein beliebt; heut zu Tage aber beynahe

vergessen. Sein Geist verdient dieß Schicksal nicht: denn man findet

in seinen Symphonien oft herrliche Sätze und große Gedanken: allein

leider! tyrannisirt die Mode über keine Künstler mehr, als über die

Musiker.

_Hofmeister_, einer der neuesten Tonsetzer, dessen

Galanteriestücke wegen ihres modischen eleganten Gewandes viel Beyfall

erhielten. Seine Symphonien haben fließenden Gesang, und sprühen

manchen Funken echtmusikalischen Feuers. Doch scheint er zu wenig

tiefes Studium zu haben, als daß er lange im Ansehen bleiben könnte.

_Jarnovik_, ein Böhme, und geraume Zeit der größte _Geiger_

in Paris. Seine Geschwindigkeit ist unglaublich, sein Strich frey,

und sein Ton körnig. Er ist ein gebornes Genie für die Violine, und

wetteifert mit einem Lolli und Cramer. Er setzte vieles für sein

Instrument mit tiefer Einsicht und richtigem Geschmacke: ganz Europa

hat den Werth dieses großen Musikers anerkannt.

_Körber_, ein sehr guter _Waldhornist_ im Secundhorn. Er

trägt fremde wie seine eignen Stücke richtig und anmuthig vor. Sein

Satz ist eben nicht gründlich; aber doch im Geiste seines Instruments.

_Lang_, ein überall beliebter und wirklich vortrefflicher Musiker.

In mehr als einem Fache zeigte er sich mit Ruhm. Sonderlich werden

seine _Clavierstücke_ durch ganz Deutschland begierig gesucht,

und mit immer wachsendem Beyfalle da und dort vorgetragen. Seine

Concerte und Sonaten sind eben nicht außerordentlich schwer, und mit

Tiefsinn gearbeitet: sie zeichnen sich aber doch durch schöne Melodien,

und durch glänzende Clavierpassagen aus. Zu bewundern ist's, wie

_Lang_ so schöne Clavierstücke setzen konnte, da er doch selbst

das Clavier nur mittelmäßig spielt.

_Mislimizek_, ein Böhme, und sehr berühmter Componist. Er

hielt sich meistentheils in Italien auf, und setzte daselbst große

_Opern_, welche zu Florenz, Turin und Genua viel Beyfall

erhielten. Sein Gesang ist einfach und eindringend; seine _Arien_

und _Cavatinen_ sind reich an neuen Motiven; seine Recitative

gründlich, und seine Chöre stark und himmelhebend. Er versteht die

Kunst, die Instrumente so zu bearbeiten, daß sie dem Gesang keinen

Eintrag thun -- in einem hohen Grade. Auch seine _Kammerstücke_

werden in allen europäischen Orchestern als Meisterstücke gesucht und

executirt. -- Dieser vortreffliche Künstler starb 1722 zu Florenz im

acht und dreyßigsten Jahre seines Alters. Da er sehr fleißig war, so

besitzt die Welt von ihm einen reichen Vorrath von Geistesproducten.

_Nopitsch_, Musikrector und Organist in der Reichsstadt

Nördlingen. -- Ein Kopf von großer Erwartung. Er spielt die Orgel und

das Clavier meisterhaft, und hat einen sehr feurigen Vortrag. Seine

_Lieder_ und _Clavierstücke_ verrathen ein herrliches Talent

für die Musik. Sein Satz ist nicht nur gründlich, sondern auch neu, und

hebt sich durch glänzende Einfälle. Er modulirt kühn und glücklich,

und versteht den einfachen und doppelten Contrapunct.

_Reinek_, ein sehr ausgezeichneter musikalischer Kopf, aus

Memmingen gebürtig. Er setzte zu Paris eine komische Oper, welche

selbst Rousseau abschrieb, und mit Beyfall beehrte. Das Clarinet bläst

er zum Entzücken schön. Auch versteht er das Clavier ungemein gut;

und hat die Natur des Menschengesangs genau belauscht. Seine in zwey

Bänden herausgegebenen _Lieder_ gehören unter die schönsten, und

schimmern sonderlich auf den Clavierpulten des schönen Geschlechts.

Einfalt und Unschuld ist der Hauptcharakter seiner Lieder; nur selten

entwischt ihm ein kleiner Muthwille. Seine _Clavierstücke_

hingegen sind nur mittelmäßigen Spielern und Spielerinnen zu empfehlen.

_Schobert_, ein außerordentlicher feuriger Flügelspieler. Er hat viele

Jahre den Ton in Frankreich angegeben, und noch jetzt glänzen seine

Concerte und Sonaten in den ersten musikalischen Zirkeln zu Paris. Er

verstand die Natur des Flügels vollkommen, und besaß im Allegro und

Presto eine ungewöhnliche Stärke. Nur das Adagio gelang ihm nicht, weil

er das Clavicord nicht genug studierte, und die Empfindung mit Läufern

und überhäuften Verzierungen erdrückte. Er schwang sich durch sein

außerordentliches Talent bis zur wichtigen Stelle eines _Organisten_

in _Versailles_ empor -- und starb, ehe er völlig ausgezeitiget war,

an vergifteten Erdschwämmen. Sein unermüdeter Fleiß hat uns eine

Menge Stücke geliefert, worunter man aber eine Auswahl treffen muß;

denn er setzte vieles für Schüler und Schülerinnen von mittelmäßigem

Fassungsvermögen. Ein trauriger Umstand, der manchen großen Meister

veranlaßt, weit unter seine Sphäre herabzusinken! -- Was er für sich

selbst setzte, war immer im besten Style geschrieben, und verrieth

häufig Spuren einer Feuerseele.

Sein Bruder Schobert lebt noch jetzt als der erste Fagotist in Paris.

_Spandauer_, im _Primhorn_ der erste Waldhornist unserer

Zeit. Er bringt die zartesten und feinsten Töne auf seinem Instrumente

heraus; nur scheinen die Töne öfters unter seinen Lippen zu

zerflattern, so wie sich überhaupt das Horn in der äußersten Höhe nie

gut ausnimmt. In einem flüchtigen Läufer kann es zwar die äußersten

Töne bestreifen, aber nie lange auf ihnen weilen, ohne das gebildete

Ohr zu kränken. Spandauer setzte sehr gut, und der Natur gemäß für sein

Instrument.

_Spath_, der Lehrmeister des großen _Lolli_. Hätte dieser

Mann sich nicht allzu sehr dem cynischen Leben preis gegeben, und das

Herumziehen weniger geliebt; so würde er eine große Rolle unter uns

gespielt haben. Sein Strich ist vortrefflich, kühn und einschneidend,

und sein Vortrag, sonderlich im Adagio, voll Kraft und Schönheit. In

seiner Jugend spielte er das Allegro rasch und geflügelt; bey mehrern

Jahren aber wurden seine Arme steif. -- Seine eigenen Sätze haben für

unsere Zeit eine etwas altväterliche Miene, und werden mithin nicht

sonderlich mehr gesucht.

_Schwindel_, ein beliebter und durch ganz Deutschland berühmter

Violincomponist. Er setzt nicht schwer, aber desto anziehender für

Dilettanten. Sein Vortrag ist fließend, und sein Geist zur süßen

Schwermuth gestimmt: daher wurde er ein Lieblingscomponist für die

Secte der Empfindsamen.

_Schönfeld_, ein Sangcompositeur, der in den neuesten Zeiten

Aufsehen zu machen anfängt. Er wählt Gedichte aus unsern besten

Dichtern, und trifft ihren Sinn oft mit vielem Glücke: nur ist sein

Geschmack zu hart, sein Colorit zu glühend, und der Ausdruck seiner

Empfindungen oft zu erkünstelt. Seine _Lieder_ findet man in

verschiedenen musikalischen Sammlungen zerstreut.

_Simon_, ehemahls ein berühmter _Tonsetzer_ in Nördlingen. Er

schrieb vieles für die Orgel, das Clavier und die Kirche, und verstand

den Satz gründlich. Jetzt altert er, und liegt im Staube. -- Eine große

Erbschaft entriß ihn der Musik zu frühzeitig.

_Taube_, einer der ersten musikalischen Krittler! Er will alles

herauszirkeln, und nichts heraus empfinden. Seine _Zeitung_, und

andere musikalische Schriften, verrathen viel Einsicht in die Harmonik.

Ihre pedantische Miene aber, und der Schulstaub, womit sie bedeckt

sind, schwächten den Eindruck, den sie auf unser Vaterland machen

sollten.

_Vanhall_ ist unter den neuesten Tonsetzern unstreitig einer

der edelsten und besten. Er hat den Satz gründlich studiert, besitzt

_eigene Manier_, und einen Geschmack, der sich jedem Hörer

empfiehlt. Da er solide Harmonie, und liebliche Melodie mit so vieler

Klugheit und Einsicht zu vermischen wußte; so ist's kein Wunder, daß

er von Deutschen und Welschen gleich günstig aufgenommen wurde. Er hat

vieles geschrieben, manches im Galanteriestyle; und immer folgte ihm

der Beyfall der Kunstverständigen. Er starb in der Raserey.

_Esser_, ein berühmter _Violinist_, von ganz eigenem

Ausdruck. Er spielt das Adagio und Allegro gleich stark, und besitzt

verschiedene Kunstgriffe, wodurch er die Töne auf die einnehmendste

Art modificirt. Lieblicher kann man nichts hören, als wenn er statt

des Bogens mit einem Hölzchen die Saiten schlägt und damit seiner

Geige die sanftesten Harmonien entlockt. Er componirt sehr schön für

sein Instrument, und sein Satz hat ungemein viel Eigenheit. -- Mit

den Eigenschaften eines Virtuosen verbindet er auch alle Capricen

desselben: nie rührt er seine Geige an, wenn er nicht die Schäferstunde

des Genius fühlt; denn er behauptet, ein Virtuos, der nicht begeistert

ist, sey bloßer Mechaniker. -- Esser ist aus Zweybrücken gebürtig.

Freyherr von _Dalberg_, ein Liebhaber wie es wenige gibt, der

es mit Meistern aufnimmt. Er spielt nicht nur das _Clavier_

vortrefflich und besitzt sonderlich viel Stärke im extemporellen

Fantasieren, sondern setzt auch gründlich und neu.

Seine _Claviersonaten_ sind sehr schwer und voll Tiefsinn; und

sein _Gebeth_ der _Eva_ aus dem achten Gesang der Messiade,

welches er mit musikalischer Declamation herausgab, zeugt von seinem

schönen Geiste. Klopstock ist sein Lieblingsdichter: daher setzte er

vieles von ihm in Musik, und es gelang ihm meist vortrefflich.

_Ditters_, ein _Schlesier_, und beliebter _Symphoniencomponist_. Er

hat eine ganz eigentümliche Manier, die nur zu oft ins Burleske und

Niedrigkomische ausartet. Man muß oft mitten im Strome der Empfindungen

laut auflachen, so buntscheckige Stellen mischt er in seine Gemählde.

Nicht leicht dürfte einem Componisten die _komische Oper_ besser

gelingen als diesem: denn das Lächerliche versagt ihm nie.

_Forkel_, einer der größten _Theoreten_ unserer Zeit, und

vortrefflicher musikalischer Schriftsteller. Seine _musikalische

Bibliothek_ enthält Funken der treffendsten Bemerkungen; nur

scheint seine Critik öfters kalt und steif zu werden. Da er die

_Berlinerschule_ als die erste und herrschende annimmt; so ist er

dadurch zu Unbilligkeiten gegen andere Schulen verleitet worden. Wir

haben von ihm eine _Geschichte der Tonkunst_ zu erwarten; und er

wird gewiß unsere Erwartungen nicht täuschen. Seine seltne musikalische

Gelehrsamkeit, die reichen Hülfsmittel, die er an der berühmten

Göttinger Universitäts-Bibliothek hat, und sein kräftiger deutscher

Styl, -- machen ihn vor vielen andern Autoren am fähigsten zu einem so

wichtigen Werke.

Forkel ist zugleich einer unserer besten Clavierspieler, ganz nach

Bachs Schule gebildet: nur wollen seine _Compositionen_ für Sang

und Spiel nicht besonders viel sagen. Er hat zu wenig Feuer, sein

Gesang ist nicht fließend genug, und seine Modulationen und Harmonien

sind oft ängstlich gesucht.

_Von Eschstruth_, einer der angenehmsten _Sangcomponisten_. Sein

Gesang hat sehr viel Adel, sehr viel wahren Ausdruck, und seine

Harmonieen sind rein und männlich. Die verschiedene Begleitung der

Instrumente durch Versetzung im doppelten Contrapuncte, bey einerley

Melodie in den Singstimmen erhöht seine Gesänge ungemein. Seine Jugend

und sein Enthusiasmus für die Tonkunst verspricht uns noch manches

Product seines schönen Geistes.

_Eckard_, aus _Augsburg_ gebürtig. Ein großer Clavierist, der

sich viele Jahre in Paris aufhielt, und sich Geld und Ansehen erwarb.

Er spielt stark und außerordentlich schwer. In _Variationen_ hat

er seines Gleichen nicht, denn er weiß einen gegebenen Satz aus dem

Stegreif so oft man will, und in allen Tönen umzuändern. Seine Faust

hat Glanz und Flug, und sein Fingersatz ist unverbesserlich. Seine

Fermen und Cadenzen sind ganz neu, und niemand wird sie ihm so bald

nachmachen.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 13 / 22 段