[Illustration: Musiknoten;

Oder]

[Illustration: Musiknoten;

Nach Buxtehude.]

[Illustration: Musiknoten;

Oder:]

_Georg Bach_, Capellmeister in England, und wegen seines langen

Aufenthaltes daselbst, nur der englische Bach genannt, ein Sohn des

unsterblichen Sebastian Bachs.

So viel Geschmeidigkeit des Geistes, so viel Accommodation in den

Genius des Seculums, so viel Unterjochung der tiefen Theorie unter die

flüchtige Melodik der Zeit, -- hat wohl noch niemand wie dieser Bach

gehabt. Er scheint sich ordentlich den Plan vorgesetzt zu haben, seinem

Bruder in Hamburg zu beweisen, man könne groß seyn, und sich doch nach

dem geringfügigen Geiste des Volks bequemen. Der Erfolg bewies, daß

dieser Bach Unrecht hatte: denn sein Geist litt unter den Fesseln der

Accommodation. Die hohe Theorie, die er aus den Rippen seines großen

Vater anzog, umgab er mit dem Silberflor des modernen Geschmacks; --

eine Riesin in Filett gehüllt! -- -- Lange bewunderte ihn Italien,

bis er endlich als Capellmeister nach London berufen wurde. Er war

Meister in allen musikalischen Stylen. Buchstäblich war es wahr, was

ein englischer Dichter von ihm sang: »_Bach_ stand auf des Olympos

Gipfel.

Und Polyhimnia kam ihm entgegen.

»Sie breitete die Silberarme

»Um ihn, und sprach:

»_Ganz bist du mein!_

Seine _Kirchenstücke_ haben viel Gründlichkeit, nur eine gewisse

weltliche Miene, die den Geruch der Verwesung ankündigt. Seine

_Opern_, die er in England, Italien und Deutschland setzte,

verrathen alle den Herrschergeist im Gebiethe der Tonkunst. -- Dieser

Bach konnte seyn was er wollte, und man verglich ihn mit Recht dem

Proteus der Fabel. Jetzt sprudelte er als Wasser, jetzt loderte er

als Feuer. Mitten unter den Leichtfertigkeiten des Modegeschmacks

schimmert immer der Riesengeist seines _Vaters_ durch. -- So kam

der verlorne Sohn mit zerrissenem Gewande nach Haus. Der Vater fiel ihm

um den Hals, und schluchzte: »Bist doch mein Sohn!«

Sein Bruder in Hamburg schrieb ihm öfters: »Werde kein Kind!« Er aber

antwortete immer: »Ich muß stammeln, damit mich die Kinder verstehen.«

Daß aber dieser außerordentliche Mann auch im tiefsinnigen Style seines

Bruders und Vaters in Hamburg arbeiten konnte, beweisen verschiedene

Claviersonaten, die er zu London herausgab. Sonderlich ist eine Sonate

von ihm aus dem _F_ Mol bekannt, die mit den gründlichsten und

besten Stücken dieser Art wetteifert.

Bach hat sich in allen Arten des musikalischen Styls fast mit gleichem

Glücke gezeigt. Er arbeitete für die _Kirche_, fürs _Theater_, für

die _Kammer_. Er verfertigte tragische und komische Opern, ernsthafte

und scherzhafte _Ballete_. Natürlicher Fluß der Gedanken, liebliche

Melodien, reiche Instrumentenkenntniß, überraschende Ausweichungen,

herrliche Bearbeitung des _Duetts_, festliche Chöre, und meisterhafter

_Recitativstyl_, -- charakterisiren seine ernsten Opern. Er schrieb

deren sehr viele in Italien, England und Deutschland; und noch heute

werden sie mit dem entscheidensten Beyfall aufgeführt. Jomellisches

Feuer, und den harmonischen Tiefsinn seines Bruders in Hamburg --

sucht man freylich in diesen seinen Opern vergebens: aber Natur und

Einfalt ersetzen diesen Mangel desto reichlicher. Das _Zärtliche_ und

_Verliebte_ gelang ihm besser als das hohe Tragische.

Seine scherzhafte Muse hat viel glückliche Einfälle: sie ist mehr

witzig als launisch, daher wurden seine komischen Opern in London nie

lange goutirt. Seine _Ballete_ in beyden Arten sind vortrefflich,

und dollmetschen den ganzen Sinn der Geberdensprache.

Seinen _Kirchenstücken_ fehlt es nicht an Würde und Andacht. Er

hat für Rom und Neapel einige _Messen_ gesetzt, welche daselbst

allgemeine Bewunderung erregten. Auch für London schrieb er einige

_Psalmen_ in wahrem antiken Geschmacke. Sein _Te Deum laudamus_ ist

eines der schönsten, das wir in Europa besitzen. Die Fugen und Chöre

bearbeitete er mit großer Kunst, ohne in Pedantismus zu fallen. --

Seine _Clavierconcerte_, _Sonaten_, _u. s. w._ mit und ohne Begleitung,

gehören noch immer unter die Lieblingsstücke des Publicums. Bach

spielte das Clavier selbst als Meister, zwar nicht mit der magischen

Kraft seines Vaters oder Bruders in Hamburg, aber doch so, daß ihn

niemand in England übertraf. Weil er verliebter Complexion war, so

strebte er sehr nach dem Beyfall der Damen. -- Dieser Umstand klärt

vieles von seinem musikalischen Charakter auf. Seine Anschmiegung an

den Modegeschmack, seine oft zu große Nachgiebigkeit, seine gefällige

Condescendenz, da wo der Volksgeschmack sank; das seinem großen

Geiste so wenig passende Tändeln; die oft wässerige Leichtigkeit in

seinem Satze, da er von Natur zur Schwere geneigt war, -- all dieß

rührte von seiner allzu großen Liebe für das weibliche Geschlecht her.

Er war der Liebling der englischen Damen. -- Seine _Symphonien_ sind

groß und prächtig; dieser Schreibart vollkommen angemessen und für

Privatconcerte weit schicklicher, als die Jomellischen.

Bach war einer der fleißigsten Tonsetzer, die jemahls gelebt haben.

Seine Stücke belaufen sich auf eine kaum glaubliche Zahl, worin der

Vortrag ungemein abwechselnd ist. Da Bach nur höchst selten seinem

eigenen Geschmack folgte, da gleichsam immer ein anderer schrieb, als

er selbst; so haben nur wenige seiner Stücke Ichheit und Originalität.

Er selbst war deßhalb mit seinen Stücken nie zufrieden, und wenn er

lange auf dem Flügel gespielt hatte; so pflegte er immer mit einer

tiefsinnigen Phantasie zu schließen, und am Ende zu sagen: »So würde

Bach spielen, wenn er dürfte!« Dieser große Mann starb 1782 als erster

Capellmeister in London, -- vielleicht noch vor der vollen Auszeitigung

seines Geistes -- denn er hatte kaum vierzig Jahre erreicht. Ganz

England beklagte ihn, und sein Vaterland schickte sehnende Seufzer

seinem großen Geiste nach.

_Bachhelbel_, ein großer _Organist_ in Nürnberg, Meister im

echten Orgelgeschmacke. Er setzte riesenmäßige Stücke für die Orgel,

mit zwey bis drey Manualen, die er nebst dem Pedal sämmtlich in volle

Bewegung brachte. Sein Styl ist alt, aber massiv und voll Tiefsinn.

Seine Stärke im Pedal war ausnehmend. Den gebundenen Styl oder das

Ligato, verstand er im hohen Grade. Die Fugen bearbeitete Bachhelbel

schwer, und mit kerndeutscher Kraft. Er spielte den Choral simpel und

variert -- mit vieler Stärke.

Hierher gehört die Anmerkung, daß _Nürnberg_ unter die

ersten deutschen Städte gehört, die sich um vaterländische Musik

verdient gemacht haben. In dieser Stadt gibt es von alten Zeiten

her herrliche Anstalten, die das musikalische Talent wecken und

belohnen. Sie unterhält einen eigenen Capellmeister, und gegen dreyßig

Stadtmusikanten, worunter oft Leute waren, die Aufsehen in der Welt

erregten. Der Singchor ist sehr gut besetzt, und selbst unter den

gemeinen Leuten herrscht so viel natürlicher Geschmack in der Tonkunst,

daß der fühlende Fremde mit stiller Bewunderung dabey weilt. An

Sonn- und Feyertagen hallen alle Straßen dieser Stadt von Gesängen

wieder. Nirgends gibt es so viele Hausorgeln wie zu Nürnberg, weil

der Hausgottesdienst nirgends so daheim ist. -- Dieser musikalische

Geschmack dauert bereits seit Jahrhunderten. Jede Kirche hat einen

besoldeten Organisten, und einen Cantor. Die reichen Stiftungen

dieser Stadt unterhalten die Chorschüler, aus denen bisweilen große

Meister hervorgetreten sind. -- Mit dankbarer Freude erinnert sich der

Verfasser, daß er dieser Anstalt seine musikalischen Kenntnisse zu

verdanken hat.

Das größte Verdienst hat sich diese ehrwürdige Stadt dadurch erworben,

daß sie Künstler nährte, die nicht nur die trefflichsten Instrumente

verfertigten, sondern auch neue erfanden. Die ersten vorzüglichen

_Flügel_ wurden hier gemacht von dem unvergeßlichen _Glis_.

Die Erfindung des _Pedals_ hat man Nürnberg zu danken.

_Steiner_, der erste Geigenmacher der Welt, ist ein Nürnberger;

und noch jetzt sind die nürnberger Geigen unter die ersten und besten

zu rechnen. In der Verfertigung _blasender Instrumente_ ist

diese Stadt noch von keiner übertroffen worden. Die _Tenner'schen

Flöten_ sind weltberühmt. Die dort verfertigten Trompeten, Posaunen,

Zinken, Clarinetten und Fagots haben Dauer und schneidenden Ton.

Sonderlich verfertigte man ehemahls zu Nürnberg _Orgeln_, die für

ganz Europa Muster waren. In der Sebalder- Lorenzer- Frauen- und andern

Kirchen stehen herrlich gebaute Orgeln, von dickem metallenen Tone, und

vornehmlich im Pedal herrlich gearbeitet. Kurz, man kann Nürnberg mit

Recht eine musikalische deutsche Stadt nennen.

Die großen Meister in der Tonkunst, welche diese Stadt hervorbrachte,

sind folgende:

_Fischer_, einer der berühmtesten Geiger seiner Zeit. Seine Stärke

bestand in ungewöhnlichen Passagen, die er in der möglichst kurzen

Zeit, rund und ohne Fehler vortrug. Sein Geist artete sehr ins Komische

aus. Er wußte alle Vögel nachzuahmen, und zwar mit solcher Täuschung,

daß man nicht wußte, ob eine Nachtigall gluckte, eine Lerche trillerte,

ein Kanarienvogel schmetterte, eine Wachtel schlug, oder ein Heimchen

zirpte. -- Seine Compositionen wollen nicht viel sagen, weil es schwer

hält, die Launen eines solchen Orginalkopfes zu treffen. --

_Drexel_, ein Schüler des großen Sebastian Bachs, und zwar einer

seiner besten. Er spielte die Orgel mit vieler Gewalt, verstand

besonders die Register ausnehmend, und setzte mit Geist für dieses sein

Instrument. Sein Fugenstyl war nicht tiefsinnig, sondern leicht und

verständlich. Er wählte zu seinen Fugen meist ein sangbares Thema, und

machte sie dadurch anmuthig, -- eine Eigenschaft, welche bekanntlich

den meisten Fugen fehlt. Den Contrapunct verstand er solid; nur lähmte

seine Faust zu früh unterm Gewühl der Modulationen. Wir besitzen noch

viele Stücke von diesem Meister, die voll Spuren eines trefflichen

Kopfs sind. Seine Modetten und Kirchenstücke sind für den gründlichen

Musiker vielleicht schätzbarer, als ein aus Herculanum gerettetes

Gemählde: denn der stattliche Mann schrieb nur wenig, aber was er

schrieb, trug großes Gepräge.

_Löffelloth_, der sanfteste Orgel- und Clavierspieler, den man

sich denken kann. Sein schwermüthiger Charakter neigte sein Herz zum

Adagio, und dieß spielte er mit herzeindringender Gewalt. Er war Genie,

und hielt sich demnach an keine Schule. Begünstigt vom Schicksal,

konnte er ganz Europa durchreisen, und alles Große hören; aber er blieb

doch Löffelloth. Sein Satz, wie seine Spielart, war so eigenthümlich,

daß es unmöglich ist, eine Beschreibung davon zu machen. Ahndung des

nahen Todes, Thränen, die auf einen Todtenkranz thauen, und zitterndes

Vorgefühl künftiger Begnadigung -- spricht sein Satz. Die Hectik raubte

dieß seltene Genie der Welt im 26. Jahre seines Alters. Vor seinem

Sterbebette stand ein Glisisches Clavicord. Wenig Minuten vor seinem

Ende streckte er die dürren Schenkel aus dem Bette, breitete die Hände

über sein Clavier aus, und spielte: »Ach Gott und Herr, wie groß und

schwer u. s. w.« mit unaussprechlicher Anmuth. Von Thränen schimmernd

sank er auf sein Lager -- und starb.

Dieser Mann würde nicht nur alle nürnbergischen Tonkünstler weit

übertroffen haben, sondern Epochenmacher geworden seyn, wenn es dem

Schicksal gefallen hätte sein Leben zu fristen. -- Zwey Tage nach

seinem Tode erhielt er einen Ruf als Capellmeister nach Rußland; aber

sein höherer Ruf war in Himmel.

_Agrell_, Capellmeister dieser Stadt, von Geburt ein Schwede. Ein

wahrer Künstler, aber kalter Natur: er spielte kalt, aber regelmäßig;

er setzte kalt aber regelmäßig. Steif war sein Betragen, steif seine

Spielart; allein von jeder Note, die er niederschrieb, wußte er die

strengste Rechenschaft abzulegen. Er pflegte zu sagen: »die Musik ist

eine verdeckte Arithmetik. Wenn ich die Noten wegwische, und nicht das

Gerippe der feinsten Rechenkunst sehe; so ist mein Satz falsch.« Seine

Clavierstücke üben die Faust ungemein; seine Modetten und Kirchenstücke

sind äußerst streng nach der Natur der Stimmen eingerichtet. Wir

besitzen einen reichen Vorrath seiner Producte, die Kennern immer

schätzbar bleiben müssen, weil sie sich auf der Achse der feinsten

Theorie bewegen.

_Gruber_, ein herrlicher Violinist, und jetziger Capellmeister

in Nürnberg. Sein Satz ist gründlich, feurig, nur zu kraus. Er gibt

den Stimmen viel zu arbeiten, und setzt gemeiniglich Meister voraus.

Sein Bogenspiel ist leicht und gewandt. Das Flagiolet weiß er so

fein anzubringen, daß ihm hierin nur ein Friedel den Rang abläuft.

Sein Kirchenstyl gränzt sehr ans Erhabene, nur ist er überladen mit

Verzierungen. -- Der starke Spieler hat überhaupt den Fehler, daß er

gerne brilliret, und für sein Lieblingsinstrument zu schwer setzt.

Fast möchte man behaupten, ein großer Componist sollte zwar alle

Instrumente verstehen, aber keines als Meister spielen, weil er dieses

aus Vorliebe, und zum Schaden anderer, zu sehr in Handlung setzt.

_Gräf_, ein vortrefflicher _Trompeter_, aus den Ruinen

Lissabons gerettet. Vielleicht hat noch niemand die Natur dieses

Instruments so ganz erschöpft, wie Gräf. Ohne die Trompete wie Woeggel

zu biegen, brachte er alles hervor, was nur Ohr und Herz erwarten

konnte. Er führte eine silberne Trompete; und das Schmetternde, wie das

unaussprechlich Reine, war ihm gleich geläufig. Seine Trompetenstücke

gehören unter die ersten der Welt; werden aber immer seltner, weil er

nur wenig setzte. Er starb als Opfer seiner Kunst mitten unter einem

Concert, an einem Blutsturz, den ihm die übermäßige Anstrengung seiner

Lungenflügel zuzog.

_Bischof_, als süßer _Geiger_, und _Hummel_, als

gewaltiger Baßsänger, verdienen in dieser Geschichte nicht übergangen

zu werden. Ueberhaupt ist Nürnberg reich an schönen Stimmen, und da es

ein Bierland ist; so zeugt es mehr Baßsänger, als man in Weinländern zu

hören gewohnt ist.

Der dasige musikalische Verlag, und der treffliche Notenstich, gibt

dieser deutschen Stadt ein neues Verdienst um die Tonkunst; so wie

sie sich denn überhaupt fast um alle Künste und Wissenschaften, ein

unsterbliches Verdienst erworben hat.

Augsburg.

Seit dem diese Stadt ein bischöflicher Sitz geworden, seit dem blühte

sonderlich die Kirchenmusik daselbst -- freylich unter den Schauern der

Abwechslung, aber doch immer so, daß es den Bischöfen Ehre machte.

Augsburg war der dritte Ort, welcher den _Kirchengesang_

einführte. Durch mehrere Jahrhunderte hindurch sind die Vespern und

Chöre daselbst trefflich besetzt gewesen. Noch jetzt werden dort Stücke

aus jenen ehrwürdigen grauen Zeiten aufgeführt, welche das Ohr und

Herz des Kenners ganz füllen. Himmelerhebende Andacht flammt in diesen

Chören, der Gesang ist meist enharmonisch; aber die Orgel, oder ein im

Chor angebrachtes Rückpositiv, gibt dem Gesang Mannigfaltigkeit und

Fülle.

Die Reformation spaltete diese Stadt bekanntlich in zwey Theile, und

brachte die so genannte _Parität_ hervor. Die Lutheraner führten,

wie ihre übrigen Glaubensgenossen, den deutschen _Kirchengesang_

ein, und zwar mit solchem Eifer, daß er mit den besten deutschen

Städten verglichen werden kann. In der Barfüßerkirche hört man noch

heut zu Tage diesen Gesang in seiner ursprünglichen Lauterkeit. Ein

gut besoldeter Musikdirector, unter welchem Cantoren und Stadtmusiker

stehen, lenkt die Choral- und Figuralmusik der Protestanten. Zu diesen

Directoren haben die Augsburger immer sehr tüchtige Männer gewählt.

_Seyffert_, gehört unstreitig unter die trefflichen Musiker unsers

Jahrhunderts. Er bildete sich in der Schule des großen Hamburger

_Bachs_ und des Berliner Orchesters unter den Augen _Grauns_.

Darauf begab er sich nach Venedig, erwarb sich daselbst durch seine

weitgreifenden harmonischen Kenntnisse allgemeinen Beyfall; und kam

mit dieser gründlichen Bildung in sein Vaterland zurück, wo er als

Musikdirector im drey und dreyßigsten Jahre seines Alters starb. Er war

nicht nur einer der gründlichsten deutschen Clavierspieler: so daß ihn

selbst Bach unter seine ersten Schüler zählte; sondern legte sich auch

mit so glücklichem Erfolg auf die Composition, daß in der kurzen Zeit

seines Lebens, der Nahme _Seyffert_, durch ganz Europa scholl.

Er war ganz zum Musiker geboren: wo er ging, da pfiff er, und suchte

Melodien; daher wurde er so außerordentlich melodienreich. Er

schrieb viel, aber wiederhohlte sich nie, sondern blieb immer neu.

Gründlichkeit und Anmuth vereinigte Seyffert in einem hohen Grade. Er

war jedem Style gewachsen; denn er pflegte zu sagen: »Wer nicht alles

kann, kann nichts.« Seine Meisterstücke sind:

1. _Eine italiänische Oper_, welche er in Venedig componirte,

und die noch jetzt daselbst alle Jahre einmahl aufgeführt wird. Das

Sangmäßige dieser Oper, die liebliche Instrumentenbegleitung, die

Neuheit ihrer melodischen Gänge, die Richtigkeit der Harmonien, und das

Ueberraschende der Modulationen, haben ihr diesen allgemeinen Beyfall

in Italien erworben. -- Seyffert verrieth damahls viel Neigung zum

Komischen; das Tragische gewann jedoch nachher ein sehr merkliches

Uebergewicht in seinem musikalischen Charakter.

2. Ein _Passions-Oratorium_, nach Krauses Poesie. Dieß Oratorium

wimmelt von Geniezügen. -- Welch ein Einfall, wenn er den Judas

verzweifeln, und sich zu Tode rasen läßt! Der Chor: Das Herze blutet

mir, u. s. w. gehört unter die vortrefflichsten musikalischen Chöre,

die wir aufzuweisen haben. Jede Theilnehmung des Hörers; jedes Steigen

und Fallen des fluthenden Blutes; jedes zarte innige Gefühl der Andacht

-- ist hier mit unbeschreiblicher Kunst und Einsicht bemerkt. Das

Belauschen der geheimsten Empfindungen ist kaum irgend einem Musiker

besser gelungen als ihm. Aus Begierde neu zu seyn, fiel er indeß doch

zuweilen ins Tändelnde. Er ließ zum Beyspiel in diesem Oratorium,

Christum mit sortinirten Trompeten zu Grabe begleiten: aber er wischte

diesen Flecken sogleich weg, und verbesserte ihn mit einem ganz ins

Gräberdunkel gemahlten Chore. Die Stimmen ächzen und singen nicht mehr;

die Instrumentenbegleitung ist mit tiefem Verstande bearbeitet. Nur

verfällt er zuweilen in der Wahl ins Bizarre. So führte er Anfangs in

einer gewissen Arie sogar Triangel ein: kaum bemerkte er aber, daß es

ins Lächerliche ging, so hob er den Uebelstand.

3. _Ramlers Ino._ Dieses poetische Meisterstück hat Seyffert unter

allen Tonkünstlern unstreitig am besten getroffen. Die goldene Schale

der Kritik, die den Dichter und Musiker abwägen wollte, würde gewiß

_hier_ im Gleichgewicht schweben. Er verstand seinen Dichter so ganz,

als man ihn nur verstehen kann. Ramler selbst, und noch mehr der große

Bach, setzten dieses Stück unter die ersten Producte der Musik. Wie

unübertrefflich ist ihm nicht der Sturz der Ino ins Meer gelungen! wie

göttlich, die ersten Empfindungen ihrer Götterschaft! -- wie einfach

ist alles und wie groß alles! Die Declamationen und Recitative haben

nichts über sich; und seine Bässe sind so vortrefflich beziffert,

daß der junge Tonkünstler darnach zeichnen sollte, wie der Mahler

nach Antiken zeichnet. Sein _Gesang_ hat eine Schönheit, für die wir

in unsrer Sprache noch kein Wort haben. _Herzlichkeit_ ist wohl der

Hauptcharakter; aber noch verschönert seine Melodien eine gewisse

Glorie, die unter jeder Beschreibung verliert. Hätte Seyffert über ein

großes Orchester zu gebiethen gehabt, so würde er ganz gewiß Epoche in

der Tonkunst gemacht haben. Er schlug Heere mit Bataillons; was würde

er erst mit Heeren selbst gewirkt haben? -- So schielend der Blick

ist, den in Augsburg die Katholiken auf die Protestanten werfen; so

lockte ihnen doch dieser Seyffert Ehrfurcht und Bewunderung ab. Sie

gestanden einmüthig, daß er unter ihnen seines Gleichen nicht hätte,

und bezahlten.

4. _die Messen_, so er ihnen setzte, mit schwerem Gelde. Diese

Messen sind im großen tiefsinnigen Style geschrieben; nur hier und da

haben sie aus Gefälligkeit für seine Zeitgenossen, eine Modemasche.

5. Die _Clavierstücke_ dieses Meisters gehören unter die ersten

dieser Art. Sie sind mit großem Verständniß des Instruments, voll

Arbeit für beyde Fäuste, reich an neuen Modulationen, und in den

lieblichsten Melodien geschrieben. Schade, daß seine Clavierstücke noch

nicht alle gedruckt sind! Er selbst spielte in Bachischer Manier, und

war einer der ersten Clavier-Virtuosen seiner Zeit.

6. Seine _Symphonien_ empfehlen sich durch Neuheit und

Harmoniefülle vor tausend andern. Man hat eine Symphonie von ihm, unter

dem Nahmen: »_Reiß Teufel, reiß«_ bekannt, die als Symphonie

betrachtet, schwerlich ihres Gleichen in der Welt hat. Wenn man den

Doctor Faust aufführte, so würde sie in dem Augenblicke, da ihn der

Teufel hohlt, eine schreckliche Wirkung thun.

Kurz Seyffert gehört nach dem allgemeinen Zeugniß, unter die Häupter

der deutschen Tonkunst: nur war sein Gebieth für seinen großen Geist

viel zu eingeschränkt.

_Cursini._ Ein trefflicher Kopf, der erste Componist unter den

Katholiken in Augsburg. Seine _Messen_ werden noch heutiges Tages in

dieser Stadt, zu Neapel, und anderwärts mit hinreißendem Beyfalle

aufgeführt. Pater Martini setzt sie unter die ersten der Welt. Der

vortreffliche Charakter dieses edeln Mannes schimmert aus all seinen

Sätzen hervor: Wärme des Herzens, Liebe für Gott und seinen Sohn athmen

seine Gesänge. Den Psalmenflug eines Seyfferts erreicht er bey weitem

nicht; aber seine demüthige Herzenssprache, sein sanft schwärmendes

Religionsgefühl, seine ruhigen Harmonien, die klar wie der Pison über

Goldsand hinrieseln -- machen seine Kirchenmusiken allen empfindsamen

Seelen äußerst schätzbar. Die klagende Gottesmutter unter dem Kreuze

zu zeichnen, das zuckende Leben ihres Herzens unterm Schwertstoß

auszudrücken, das Hinschmachten der frommen Seele nach dem Himmel; die

Ruhe der Todten, die in dem Herrn sterben: -- alle diese Empfindungen

liegen im Kreise seines Genies. Mit einem Wort, er gehört in die Classe

der rührendsten Componisten, die jemahls gelebt haben.

_Dümmler_, ein musikalischer Luftpassagier, der aber wahres

Talent für Composition besitzt. Er spielt die _Orgel_ und das

_Clavier_ mit Geschmack, und hat einige Messen und Hauptstücke von

Bedeutung gesetzt, welche den Kopf verrathen. Allein er spinnt sich in

Reichsstädtische Behaglichkeit ein, und ist todt für die Welt. Er kann

seyn, was er will; aber _will_ nicht seyn, was er kann.

_Stain_, ein vorzüglicher musikalischer Kopf, mechanisch und

psychologisch betrachtet. Sein Geschmack ist vortrefflich. Er spielt

selbst nach Bedürfniß nicht übel, und kennt alles Große, besonders

was das Clavier- und Orgelspiel betrifft: als _Mechaniker_ aber hat

er schwerlich seines Gleichen in Europa. Seine _Orgeln_, _Flügel_,

_Fortepiano's_ und _Clavichorde_, sind die besten die man kennt.

Stärke mit Zartheit, Tiefsinn mit Hoheit, Dauer mit Schönheit gepaart,

-- diesen Stämpel drückt er allen seinen Instrumenten auf. Dieß ist

jedoch noch das wenigste. Stain ist auch der Erfinder des göttlichen

Instruments _Melodika_. Dadurch setzte er den Künstler in den Stand,

das Schweben der Töne, das Mezzotinto, oder vielmehr, das Steigen und

Sinken jedes Tons, äußerst genau auszudrücken. Wenn das Geheimniß

dieses herrlichen Instruments einmahl allgemein ist, so wird der

Clavierspieler dicht an den Sänger gränzen, und wie Orpheus die Bäume

tanzen machen.

Frankfurt.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 12 / 22 段