_Lehrer_ des Claviers. Niemand versteht die Kunst Meister zu
bilden besser als Er. Sein großer Geist hat eine eigene Schule
gebildet; die _Bachische_. Wer aus dieser Schule ist, wird in
ganz Europa mit Vorneigung aufgenommen. Sein Fingersatz ist der
vortrefflichste, den je ein Clavierist erfunden, seine Faust und
Leibesstellung glänzend und sein Vortrag so ungezwungen, daß man hexen
sieht, ohne eine einzige magische Bewegung zu bemerken. Ja er ist
der Lehrer der Welt im Clavicorde geworden. Seine _wahre Art das
Clavier zu spielen_, ist so classisch, als je ein Werk geschrieben
wurde. Sein Styl ist ernst, präcis und rein. Seine Regeln sind von der
tiefsten Erfahrung abgezogen. Er ist Theoret und Aesthetiker zugleich
in seltnem Grade. Alles was im Umkreis des Claviers liegt, scheint
er erschöpft zu haben: denn in den vierzig Jahren, da er herrschte,
strebten zwar viele an seinem Colossenbilde empor, aber sie vermochten
kaum seine Kniee zu lecken.
Eben so ausgezeichnet war er als Lenker eines Musikchors. Er
weiß hundert Stimmen und Saiten so in eins zu verflößen, so in
den Pulsschlag der Natur einzuleiten, so das Genie selbst in den
Schranken der Ordnung zu erhalten, daß hierin schwerlich seines
Gleichen ist. Die _Akustik_, die Orchesterordnung, und viele
geheime Capellmeisterkünste verstand er aus dem Grunde. Auch als
_Sangcomponist_ hat er sich mit Glanz gezeigt. Seine Cantaten,
seine Choräle, wozu er Gellerts, Cramers und Klopstocks Texte
wählte, sind voll Pathos, voll Neuheit in melodischen Gängen, einzig
in den Modulationen -- kurz, wahrer harmonischer Sphärenklang. So
groß sein Geist ist, so groß ist sein Fleiß. Kein Genie hat jemahls
so viel geschrieben wie Er, und alles auch das geringste Liedchen
oder Menuetchen trägt seinen originellen Stämpel. Daß durch diesen
außerordentlichen Mann die Musik in Hamburg ungemein gebildet werden
mußte, versteht sich von selbst. Alles ist daselbst Sang und Klang: die
größten Virtuosen treten da auf, und werden fürstlich belohnt; die
Dilettanten erheben sich zur Meisterschaft.[8]
Die Theatralmusik zu Hamburg ist eine der trefflichsten in Deutschland;
eben nicht stark besetzt, aber so richtig in der Ausführung, daß
Concertmeister dahin reisen sollten, um zu lernen, wie man ein
Orchester anführt. Da die ersten Producte der Welt daselbst aufgeführt
werden, so ist leicht zu erachten, welch eine große Musikschule Hamburg
für unser Vaterland geworden.
Ein Theater, an dessen poetischen und musikalischen Vollkommenheiten
_Lessinge_, _Klopstocke_, _Bache_, _Bode_, _Schröder_ und andere Jahre
lang gearbeitet haben, muß sich nothwendig zu einem Gipfel erheben, der
über alle andern Theater hinausreicht. Daher macht in Hamburg nichts
mehr Sensation, als was außerordentlich groß ist. Ja ein berühmter
Engländer behauptete erst kürzlich öffentlich, daß der allgemeine
musikalische Geschmack zu Hamburg weit größer sey, als der in London.
Mainz, Trier und Köln.
Wenn man von den Höfen geistlicher Churfürsten spricht, wenn man an
ihren Enthusiasmus für die Aufrechthaltung ihrer Religion denkt: so
läßt sich nichts anderes erwarten, als blühende Tonkunst -- wenigstens
im Kirchenstyl.
In _Mainz_ ist die churfürstliche Hofmusik immer mit trefflichen
Köpfen besetzt gewesen. Der vorige Churfürst war so enthusiasmirt
für die Musik, daß er sich jeden Morgen durch einen so genannten
musikalischen Morgensegen wecken ließ; ein Abendgesang mit
unaussprechlicher Rührung angestimmt, wiegte ihn in Schlummer. Nicht
leicht hat ein großer Mann die Musik so in sein Leben verwebt wie
dieser. Musik weckte ihn, Musik begleitete ihn zur Tafel, Musik scholl
auf seinen Jagden; Musik beflügelte seine Andacht in der Kirche; Musik
wiegte ihn in balsamischen Schlummer, und -- _Musik_ hat diesen
wahrhaftig guten Fürsten gewiß im Himmel bewillkommt.
_Punto._ Unstreitig der erste Waldhornist der Welt. Zwar glänzt er
mehr in der Second als in der Prim; doch hat er den Umfang des Horns
so studiert, wie noch keiner: seine ganze starke Seele haucht aus dem
Becher des Horns. Ein Adagio in der Schäferstunde von ihm blasen hören,
-- ist das Ultimatum der Kunst. Auch Schwierigkeiten bringt er mit
unbeschreiblicher Leichtigkeit heraus. Donnernd schlägt er das contra C
an, und schwebt durch die unmerkbarste Bogenlinie ins obere C. Er weiß
mit der Faust im Becher, die in der Scale des Horns nicht befindlichen
Töne so rein heraus zu bringen, daß er mit seinem D-Horn, ohne zum
zeitverlierenden Maschinenhorn seine Zuflucht zu nehmen, Stücke aus
allen Tönen begleitet. Seine Compositionen sind eben so trefflich
als sein Vortrag; nur setzen sie immer einen Meister voraus, -- für
Dilettanten sind sie nicht geschrieben.
Die Kirchenmusik in Mainz hat sich lange im antiken feyerlichen Style
erhalten. Die Antiphonen werden mit Würde vorgetragen, und die Messen
haben Großheit, Andacht und Herzensfülle. Der Fugenstyl ist hier
beliebter als irgendwo, und die Orgeln sind alle mit Kennern besetzt.
Köln.
In den vielen Kirchen dieser großen Stadt tönen die vortrefflichsten
Motetten, Messen und Antiphonen wieder -- mehr aber von Geistlichen
als von besoldeten Musikern. Die _Chorknaben_ singen daselbst
bis zum Entzücken schön, und unter den vielen Geistlichen trifft man
Tenor- und Baßstimmen vom ersten Range an. Die Instrumentenbegleitung
ist, wie man leicht erachten kann, eben nicht die vortrefflichste; aber
doch hinreichend gut besetzt. Der Styl in Köln ist fast wie in Mainz,
nur hat er eine etwas modernere Miene. Unter den Chorregenten gibt
es ganz vorzügliche Organisten. Pater _Bauer_, und eine Nonne,
Nahmens _Agatha_, sind wahre Orgelvirtuosen. Auch trifft man in
den Nonnenklöstern oft himmlische Stimmen an.
Der Churfürst hat nur eine mäßig besetzte Hofmusik, die ehemahls der
berühmte Schmidbauer lenkte. Unter dem Orchester hat sich kein Mitglied
bis zur Virtuosenschaft ausgezeichnet. Eine der Hauptursachen ist wohl
diese, daß die dasigen Musiker sehr schlechten Gehalt genießen. Desto
größer ist der Eifer für die Musik in Privatfamilien: man findet da
mehr als einen Cavalier, mehr als eine Dame, die es in der Musik bis
zur Meisterschaft getrieben haben. Ob nun gleich Köln in den neuesten
Zeiten keine sonderliche Rolle in der Musik spielt; so verdient doch zu
seiner Ehre angemerkt zu werden, daß im J. 855 der erste _christliche
Kirchengesang_ daselbst gehört wurde. Von dieser Zeit an dauerte die
Begeisterung der Kölner für die Kirchenmusik fort; und in diesem großen
Style glänzen sie noch heutiges Tages.
Trier.
Was die Kirchenmusik betrifft; so ist sie ungefähr auf den Fuß wie
zu Mainz und Köln besetzt; nur wurde sie dadurch modificiret, daß
der jetzige Churfürst, einer der frömmsten Großen, der einreissenden
Frechheit im Kirchenstyl steuerte, die alten Messen begünstigte, und
seine Tonsetzer in diesem Style zu arbeiten, ermunterte.
Die musikalischen Aemter werden nirgends in ganz Deutschland mit so
herzenschmelzender Andacht vorgetragen wie zu Trier und Koblenz.
Nur Schade, daß die Orgeln nicht die besten sind, und daß sich kein
Organist daselbst seit langer Zeit als Meister hervorgethan hat.
Auch die Hofmusik ist dort sehr gut besetzt. Der dasige Capellmeister
Sales, ein gründlicher und angenehmer Tonsetzer, und ein Mann von dem
einnehmendsten Charakter, hat sich im Dramatischen und im Kammerstyle
mit Ruhm gezeigt. Obgleich der Churfürst kein Theater hat; so setzte
doch dieser Meister verschiedene Opern für Manheim, München, für einige
italiänische Städte, und späterhin für London, die sehr gut aufgenommen
wurden. Sein Geist ist nicht groß, aber angenehm. Lichter Ideenwurf,
leichte gefällige Melodien, Wärme des Herzens, gute Bearbeitung des
Gesangs, natürlicher Instrumentensatz, auch insinuante Modulation und
Harmonie -- bezeichnen seinen musikalischen Charakter. Viel Schönheit,
aber nicht Großheit liegt in seinen Stücken; daher wollen seine Messen,
Te Deum's, und andere Kirchencompositionen nicht viel sagen. -- Ohne
Erhabenheit des Geistes wage sich ja niemand an diesen Styl! Seine
Gemahlinn ist eine vortreffliche Conteraltistinn. Sie sang ehemahls als
Prima-Donna in einer von Sales gesetzten Oper; allein der Conteralt
kann seiner Natur nach niemahls als erste Stimme glänzen: so bald ihm
nur ein mittelmäßiger Discant oder Tenor an die Seite gesetzt wird,
so steht er schon im Schatten; sind aber seine Compars gar Meister im
Sang; so sinkt der Conteraltist oder die Conteraltistinn ganz unter.
Dieß war das Loos der sonst so vortrefflichen Blümerinn, der jetzigen
Gemahlinn des Sales. Sie wurde mit Bewunderung und Mitgefühl angehört,
wenn sie in Concerten sang; allein ohne alle Sensation, wenn sie auf
dem Theater sich zeigte.
Unter den Instrumentisten des Trierschen Hofes zeichnet sich sonderlich
Vocika aus. Er war ehemahls Kammervirtuos am wirtemburgischen Hofe;
sein cynischer Charakter aber brachte ihn von diesem Hofe weg
nach Koblenz. Er ist ohne Widerrede der größte Violonist unsrer
Zeit. Er kam auf den seltsamen Gedanken, Concerte und Solos auf
seinem Rieseninstrumente zu spielen. Auch setzte er diesen Einfall
zum allgemeinen Erstaunen der Zuhörer in Ausübung. Die Tiefe war
brüllend, schauerlich, markdurchschneidend, -- klang wie das Sausen
des Sturms im Eichenwipfel. Die obern Töne brachten die lieblichste
Tenorstimme hervor, die aber nicht mehr wie Saitenton, sondern wie eine
Tenorposaune tönte.
Auch die Compositionen dieser Riesenconcerte waren sein Werk: und da
die Idee so ganz original ist, so macht sie ihm um desto mehr Ehre.
Nur muß man bedenken, daß ein so ungeheures Baßinstrument nicht zum
Solo gemacht ist: es lautet wie Moquerie, und fällt durch seine
brummenden Sätze oft ins Bärenmäßige und Lächerliche. Doch da es dem
Menschen schwer ist, immer bloß Begleiter, und nicht zuweilen auch
hervorstechender Solomusiker zu seyn; so muß man diesen Einfall einem
Vocika verzeihen. -- Als Begleiter hat er unstreitig das Maximum
erreicht. Er trägt den ganzen Donnersturm des Orchesters auf seinem
Violon; sein sehr kurzer Bogen schneidet die Töne so gewaltig heraus,
daß sie alles durchdonnern, alles durchbrausen. Sein vortreffliches
Auge, indem er auf sechs Schritte die kleinsten Vorschläge bemerkte,
gab seinem Vortrag eine Freyheit und Gründlichkeit, die ihm keiner
nachthat.
An diesem Hofe sind auch große Dilettanten reif geworden, worunter
_La Rosche_, der berühmte Verfasser des Buchs »über das Mönchswesen«
über alle andern weit hinausragte. Er spielte das Clavier als Meister,
mit Delicatesse und Gründlichkeit, und setzte auch selbst sehr gut für
sein Instrument. Alles was dieser große Mann that, hatte das Gepräge
der Eigenheit.
Taxis.
Dieser glänzende deutsche Hof hat auch in neueren Zeiten durch
die Tonkunst Aufsehen erregt. Alles wurde hier musikalisch: die
Prinzessinnen spielten wie Engel auf dem Clavikord; sonderlich trieb
es Prinzessinn Xaveria bis zur Meisterschaft. Ihre Geschwindigkeit
ist unglaublich; nur verliert sie dagegen in der Delicatesse. --
Regelmäßige Anordnung eines _Orchesters_ muß man von einem solchen
Hofe nicht erwarten, wo das _Vergnügen_ als letzter Endzweck
betrachtet wird. Wenn es zu Lampsak unter den Priestern des Priap's ein
Musikchor gegeben hätte, so würde dieser ungefähr vom Taxischen Hofe am
meisten goutirt worden seyn. Die girrende Taube auf den Schultern der
Venus-Anadyomene, das Zerschmelzen Endymions in den Armen der Diana;
der betäubende Centralpunct jeder Schäferstunde, -- alles, was girrt,
schmachtet, und vom Entzücken erlahmt, -- gehört in den musikalischen
Charakter dieses Hofes. Schon nach dieser Schilderung konnte kein
großer Mann in dieser Region aufstehn. Doch zeichneten sich einige
Köpfe aus, die nicht ganz unwürdig waren, Priester im Heiligthum der
Liebe zu seyn.
_Touchesmoulin_ machte viele Jahre daselbst gleichsam den
Capellmeister. Sein Geschmack ist ganz französisch, weich und molligt.
Er spielt die Violine zwar mit Kraft, doch in einer Manier, die nicht
jedermann gefallen kann. Sein Sohn hat schon im zwölften Jahre große
Talente für die Violine geäußert, indem er die schwersten Concerte mit
fliegender Fertigkeit vortrug: allein die weichliche Erziehung seines
Vaters war ihm nicht günstig.
Das Clavier wird an diesem Hofe ausnehmend geschätzt und cultivirt. Da
es das Lieblingsinstrument aller Prinzessinnen ist; so kann man leicht
erachten, daß es nicht an Virtuosen fehlen wird, die dieß herrliche
Instrument mit Feuer treiben.
_Kiefer._ Ein ungemein gründlicher Clavierist, freylich mehr
Theoretiker als Genie; aber im Verständniß der Applicaturen, im
leichten und starken Vortrag, in der Kunst zu lesen und zu begleiten
-- gewiß Meister. Er ist der Schöpfer des Claviergeschmacks, der
gegenwärtig am Taxischen Hofe herrscht. Sein Sohn, Clavierist beym
neuen Fürsten Palm, spielt die Stücke der ersten Claviermeister mit
vieler Präcision. Nur schwindelt ihm vor den Tiefen eines Bachs:
aus diesem Ocean hat er kaum noch als Schwalbe im Flug geschlürft.
Mit einem Wort, weder er noch sein Vater sind Köpfe von Bedeutung;
aber doch noch gute musikalische Handwerksleute. -- Ehemahls war der
Geschmack dieses Hofes ganz welsch oder französisch; jetzt, (ich
schreibe dieß 1784 -- denn es könnte gar wohl geschehen, daß der
Geschmack daselbst im J. 1799 russisch oder chinesisch wäre) ist der
Geschmack ganz deutsch, und es kommen dort oft sehr drollige Operetten
zum Vorschein, die einen ungemein guten Kopf vermuthen lassen. Ein
_spanischer Cavalier_ hat zu unsern Zeiten daselbst einige Stücke
in deutscher Sprache verfertigt, die Geniezüge verrathen; auch ist das
Deutsche bis zum Bewundern gut gerathen. Doch läßt sich leicht von
einem solchen Hofe erwarten, daß er mehr am Komischen als Ernsthaften
Gefallen finde. Sogar in den Kirchenstyl hat sich eine gewisse
Leichtfertigkeit eingeschlichen, die jeden glimmenden Funken der
Andacht verweht.
Die Musik der Stadt _Regensburg_ ist gottesjämmerlich. Sie haben
nicht einmahl einen guten Organisten, und ihre Singchöre schreyen
und brüllen ohne Wirkung. Ehemahls war _Schlimbach_ da, ein
gründlicher Orgelspieler und ein sehr brauchbarer Componist; aber jetzt
geht Polihymnia an Regensburg vorüber, und kein Weihrauch dampft ihr
von den Altären der Protestanten auf.
Der _Fürst von Fürstenberg_ reitet die Musik wie _Yorik_ sein
Steckenpferd. Ohne selbst Musiker zu seyn, läßt er sich Jahr aus Jahr
ein täglich stundenlang vorsingen, vorpfeifen, vorgeigen, vorblasen
und dudeln. Er bezahlt die Virtuosen, die sich an seinem Hofe hören
lassen, vortrefflich: hat aber übrigens selbst weder einen großen
Capellmeister, noch große Sänger, noch ausgezeichnete Instrumentisten.
-- Wenn der Fürst klein ist, so schrumpft alles um ihn her in den
gleichen Geist der Kleinheit zusammen. Inzwischen muß man es diesem
Herrn zum Ruhme nachsagen, daß er die guten Musiker ausnehmend schätzt,
sie an seine Tafel zieht, und sie so gut als irgend einer seiner
Collegen belohnt.
Nassau-Weilburg.
Die jetzt regierende Fürstinn dieses Hauses hat sich als Kennerinn
und Beschützerinn der Musik einen großen Ruf erworben. Sie sang
ehemahls vortrefflich; gewisse physische Gründe aber bewogen sie, den
Gesang fahren zu lassen, und sich ganz dem Clavier zu widmen. Sie
spielt schwere Concerte von Schobert, Bach, Vogler, Beeke und andern
mit ungemeiner Leichtigkeit weg. Das Allegro und Presto gelingt ihr
immer, das Adagio und Largo aber nie: denn sie hat aus übermäßiger
Reitzbarkeit der Nerven einen Abscheu vor allem Traurigen. Ihr
Orchester ist sehr gut besetzt.
_Rothfischer_ war lange daselbst Concertmeister. Diesen Posten zu
bekleiden ist niemand fähiger als er. Er spielt die Violine auch als
Sologeiger mit vielem Geschmacke. Doch besteht seine eigentliche Stärke
in der Anordnung, Beurtheilung und Zusammenstimmung eines Orchesters,
und der meisterhaften Lenkung desselben zu einem gemeinschaftlichen
Zwecke. Sein Strich reißt durch, und er weiß während des Spiels den
Arm so zu lenken, daß er damit gebiethet. Seine Symphonien sind stark,
reichhaltig an glänzenden Ideen, und voll tiefer Einsicht in die
Geheimnisse des Satzes. Von ihm trifft auch ein, was _Plinius_
irgendwo sagt: »Viele sind berühmt, und einige verdienen es zu seyn:«
denn er ist bey weitem in Deutschland nicht so bekannt, als es sein
Geist verdiente. Wenige Virtuosen sind so frey von Künstlerstolz wie
dieser Meister; bescheidene und gründliche Kritik schätzt er über
alles. Er ist jetzt in Wien, und führt daselbst das Orchester des
deutschen Theaters an. Der Weilburgerhof fühlt seinen Verlust um so
mehr, je schwerer es halten wird, ihn so bald zu ersetzen. -- Die
übrigen Glieder dieses Orchesters brilliren zwar nicht sonderlich,
aber desto besser sind sie zur musikalischen Eintracht gewöhnt.
Virtuosen ersten Rangs, die sich daselbst hören ließen, bewunderten
die Accuratesse des Vortrags, und die genaue Haltung des musikalischen
Colorits, welches hier besser als an manchem weit größern Hofe
beobachtet wird.
Die Singspiele, die zuweilen hier aufgeführt wurden, sind meist
französisch, und wollen daher sehr wenig sagen.
Cassel, Darmstadt, Hanau.
So glänzend immer der Hof zu Cassel war; so wüßte ich mich doch nicht
zu entsinnen, daß er jemahls in der Musik Aufsehen erregt hätte.
Weder ein Componist, noch ein trefflicher Ausführer hat sich daselbst
hervorgethan. Die Fürsten dieses Hofs waren nie sehr für Musik: daher
die Todtenstille, die dort in der Tonkunst herrschte. Die Landgrafen
liebten nur das Lärmende, Kriegerische, Muth- und Tanzweckende in der
Musik; wahrer Sang und wahres Spiel galt ihnen wenig. Es gab zwar
ehemahls einige Organisten an diesem Hofe von ziemlicher Bedeutung;
allein was will ein Maulwurfshügel in der Nähe von Gebirgen und Alpen
sagen?
Die Hofmusik ist zwar jetzt daselbst in ziemlichem Stande, verliert
aber alles Ansehen im Vergleich der erst gedachten Höfe. Durchreisende
Virtuosen, die sich von Zeit zu Zeit dort hören lassen, unterhalten
allein diesen Hof.
Darmstadt.
Dieser Hof verdient wegen seiner ganz vortrefflich eingerichteten
_Kriegsmusik_ bemerkt zu werden. So wird in der Welt kein Marsch
executirt wie hier. Die blasenden Instrumente sind alle herrlich
besetzt. Der Geist der Märsche ist groß und kriegerisch; und der
Vortrag Wurf auf Wurf. Die _Trommel_ ist hier, musikalisch
betrachtet, auf ihren höchsten Gipfel getrieben worden: vom Flistern
des Pianissimo, bis zum Donnersturm des Fortissimo -- das Wogen und
Fluthen der Töne; das Sieden und Kochen unter der Faust des Meisters;
das Hinschmachten zum Nichts, -- das Aufstreben zum All' -- hört man
hier Tambours ausdrücken.
_Enterlin_, ist der Capellmeister dieses Orchesters; gebürtig
aus Nürnberg, Sohn eines weiland sehr berühmten Fagotisten, der, weil
er das Unglück hatte, beym Trunk einen seiner Kameraden zu erstechen,
sich selbst entleibt hat. -- Enterlin spielt die Violine nach einer
ganz besondern Manier. Er weiß Töne und Wendungen darauf hervor zu
bringen, die noch keinen Nahmen haben. Indessen neigt er sich mehr auf
das Spaßhafte, als auf das Ernste. In seiner Jugend hatte er geflügelte
Geschwindigkeit, und erregte allgemeines Aufsehen. Da er zugleich
ein vortrefflicher _Clavierspieler_ ist, und für dieß Instrument
manches herrliche Stück gesetzt hat; so erwarb er sich dadurch kein
gemeines Ansehen im Tonsatze. -- Dieser Meister hat aus Bizarrerie
seines Charakters weit weniger Sensation gemacht, als er hätte machen
können.
Außer ihm zeichnete sich nur noch ein gewisser _Merkel_ aus, der
das Clavier als Meister zu behandeln wußte.
Hanau.
Hat in neuern Zeiten eine ziemlich gute Musik unterhalten, doch that
sich kein Meister sonderlich dabey hervor. Man käuet daselbst die
Stücke des Auslandes erträglich wieder; und dieß ist sein größtes,
beynah einziges Verdienst. Doch verdient ein Dilettant daselbst bemerkt
zu werden, der in ganz Deutschland Aufmerksamkeit erregt hat. Dieser
Dilettant heißt _Andrée_.
Er war so kühn, die besten Dichter musikalisch zu interpretiren.
Mangel an gründlicher Einsicht schielt allenthalben aus seinen Stücken
hervor: inzwischen wurden seine Operetten durch ganz Deutschland mit
allgemeinem Beyfall aufgeführt. Wahr ist's, sie dringen in den Geist
des Autors nicht ohne Glück ein; er hat einen Reichthum von gefälligen
Melodien. Seine Anschmiegung au den Modegeschmack, und die Leichtigkeit
seines Styls, haben ihm jene beträchtliche Sensation erworben: allein
Andrée setzt nicht für den Denker. Er ist zu leer an Modulationen, an
großen Harmonien, als daß er bis ins Mark des wahren Kunstverständigen
eindringen könnte. Das _Lied_ gelang ihm indessen sehr gut. Er
bemächtigte sich in verschiedenen seiner Lieder des echten Volkstons,
und erkämpfte dadurch allgemeinen Beyfall. Da er für die Dichtkunst
einiges Geschick hat; so half ihm dieß ungemein zu seinen musikalischen
Aufsätzen.
* * * * *
Die übrigen deutschen Höfe haben sich zu wenig wahres Verdienst um die
Tonkunst erworben, als daß sich der Griffel der Geschichte mit ihnen
beschäftigen sollte.
_Würzburg_ hat für den Gesang einiges geleistet; die
_Mecklenburgischen_ Höfe sind zufrieden mit Bedienten-Musik: und
was unter den übrigen Fürsten und Grafen Bemerkenswürdiges vorkommt,
gehört bloß in ein alphabetisches Verzeichniß deutscher Musiker, und
nicht ins Gemählde eines großen Ganzen. -- Ich will also die Geschichte
der deutschen Tonkunst damit beschließen, daß ich einige Meister
bezeichne, die sich da und dort in der Musik hervor thaten.
_Adelung_, aus Erfurt, ein wahrhaft guter musikalischer
Theoretiker. Seine »_Anweisung zum Orgelspiel_« hat viel Saft und
Kraft. Er versteht nicht nur den Orgelbau mechanisch -- und zwar nicht
als gemeiner Mechaniker, indem er sehr tief alle Unvollkommenheiten
des bisherigen Orgelbaus bemerkt hat, sondern gibt auch selbst
_Grundsätze_ an, die jedem Musiker von Profession, sonderlich dem
Organisten ein wahres Amulet seyn müssen.
_Abel_ spielte in London eine große Rolle. Er war eigentlich nur
_Ripienist_ auf der Violine, legte sich aber bald mit großem Glück
auf die Composition, und lieferte besonders im Kammerstyl vortreffliche
Werke. Seine Symphonien sind voll und schön; seine Clavierstücke
brauchbar für Dilettanten; und was er sonst setzte, sprüht Funken eines
sehr glücklichen Kopfes aus. Er arbeitete sich bis zum Concertmeister
in London empor, und verrieth in allem, was er that, mehr Kunstfleiß
als Genie. Er hat vieles stechen lassen; allein sein Nahme wird wegen
der Leichtigkeit seines innern Gehalts nicht lange dauern.
_Alberti_, machte Lärm in Wien. Er war zu seiner Zeit einer der
beliebtesten Clavierspieler. Die _gebrochenen_ Accorde so er
erfand, haben lange Zeit die Fäuste beschäftiget und gelähmt. Seine
gewählten Motive waren zwar öfters sehr sangbar, und bedeckten manchen
Fehler der Begleitung: da er aber die Natur des Claviers viel zu wenig
studiert hatte, da er, kurz zu reden, mehr haspelte, als das Mark
der Töne durchgriff; so konnte sein Beyfall nicht lange dauern. Das
schwindelige Publicum mußte aufstehen und den Schaden bemerken, welchen
seine falschen Applicaturen im wahren Clavierspiel angerichtet. Ein
gebrochener Accord bringt drey Finger in Bewegung, und lähmt zwey.
Wer nicht wie Bach, die ganze Faust in Thätigkeit setzt, verdient nie
Epochenmacher im Clavierspiel zu werden.
_Buxtehude_, einer der größten Fugenspieler der Welt. Die Haut
würde einem heutigen Organisten schaudern, wenn er ein Allabreve,
oder eine Fuge von einem Buxtehude vortragen hörte. Das simpelste
Thema führt er mit solcher Richtigkeit aus, webt es so labyrinthisch
durch einander, und findet immer durch dieß Labyrinth so richtig den
Ausgang, daß man darüber erstaunen muß. Tiefsinn ist der Charakter
seiner Sätze; seine Schreibart eigensinnig: er gibt gleichsam einem
jeden Finger eine eigene Sphäre. Die kleinen Finger der beyden Fäuste
bilden immer die Peripherie seiner musikalischen Erfindungen, und
die übrigen acht Finger halten auf's genaueste ihren eigenen Tanz.
Er bemerkt durch die geringsten Vorschläge den Halt und Fortschritt
der Mitteltöne, und bringt dadurch zwar äußerste Präcision, aber auch
nicht wenig Schwierigkeit für den Spieler hervor. Z. B. was man heut zu
Tage durch ein simples Harpeggio ausdrückt, drückt er durch die aller
genaueste Bestimmung mit Pausen und Puncten aus:
[Illustration: Musiknoten;
Heutiger Styl: Harpeggio]