_Johann Jäger._ Vielleicht der stärkste Violoncellist, den wir

haben: ich sage vielleicht -- weil er am großen Legrand in Berlin einen

wichtigen Nebenbuhler hat, der ihn nach dem Geständniß tiefer Kenner

in der Geschwindigkeit noch übertreffen soll. Allein eine Betrachtung

gibt Jägern den Vorzug; Legrand spielt Jägers schwerste Concerte nicht;

hingegen trägt Jäger die intricatesten Concerte von Legrand so stark

wie seine eignen vor. Jäger ist ganz original; seine Bogenlenkung neu,

zwanglos, und bis zum Ungestüm feurig. Alle Meister auf dem Violoncell

setzen mit dem Daumen auf der D-Saite an, und bringen dadurch die

hohen Passagen heraus. Allein Jäger geht von dieser Methode ganz und

gar ab, -- zum Beweis, daß sein Genie mehr als einen Weg hat, sein

Ziel zu erreichen. Er fährt mit blitzschneller Gewandtheit auf den D-

und A-Saiten in die äußerste Höhe hinauf, und trägt die delicatesten

Sätze mit der größten Zartheit und Lieblichkeit vor. Man tadelt an

ihm, daß er die untern Töne zu dick nehme, sie zu rasch abschneide,

und in den zweyten Ton fortschreite, ehe noch der erste verhallt ist.

Dieß verursacht im Vortrage eben die Undeutlichkeit, die ein Clavier

hat ohne gute Temperatur. -- Dieser Tadel ist nicht ohne Grund; allein

der feurige Geist Jägers riß ihn zu diesem Uebelstande fort; jetzt

da er abgekühlter ist, hat er ihn gewiß schon abgeschafft. Jäger ist

zugleich ein großer Leser Prima-vista; d. h. gleich vom Blatt die

schwersten Stücke wegzuspielen, versteht er mit bewundernswürdiger

Kunst. Die Composition treibt er nicht nach Regeln, sondern bloß

nach dem Gehör. Seine Concerte und Sonaten bestehen meist aus selbst

erfundenen Sätzen, die groß, edel, dem Instrumente angemessen, und voll

von Schwierigkeiten sind. Jäger hat seine Stücke von guten Tonsetzern

revidiren lassen, wodurch sie auch eine richtige Form bekamen. Indessen

muß man doch gestehen, daß die üppigen Zweige, von einer oft zügellosen

Phantasie getrieben, noch nicht alle abgeschnitten sind. Sein Sohn

betrat mit dem größten Ruhme die Fußtapfen seines Vaters, und wurde

schon in seinem eilften Jahre unter seinem Vater als Violoncellist bey

dieser Capelle angestellt.

_Ulerich._ Ein besserer _Ripienist_ als Hoboist. Da er meist

mit der Sortine blies, um das Gänsegeschrey der Hoboe in der Tiefe zu

verhindern, da er über dieß mit wenigen Concerten und Sonaten hauste,

und sich dadurch dem Vorwurf der Armuth aussetzte; so ist's kein

Wunder, daß er als Concertist keine sonderliche Rolle spielte. Hingegen

begleitete er sehr gut mit der Violine, und war ein richtiger Treffer.

-- Er starb, ehe noch sein musikalischer Geschmak ganz ausgereift war,

als Kammervirtuos in anspachschen Diensten.

Die übrigen Glieder des anspachschen Orchesters passen in den

harmonischen Körper sehr gut, doch ragt darunter außer den schon

genannten keiner als Virtuos hervor. Auch macht die unbegreifliche

Vernachlässigung des _Gesangs_ in Anspach, daß die Instrumentisten

sich immer mehr vom Cantabile entfernen.

_Gräf_, in Erlangen, ist ein ausnehmend guter Clavierspieler.

Seine Stücke, wovon viele in der großen in Kupfer gestochnen

nürnbergschen Sammlung stehen, sind sehr regelmäßig, mit Kunst, ja oft

mit Genie bearbeitet. Zwar hat er den heutigen Modegeschmack nicht ganz

mehr; allein seine Sätze sind so practisch, so fauststärkend für den

Clavieristen, daß ich sie vor vielen neuern, die oft wahre Ephemeren

sind, mit Recht empfehlen muß.

Als _Bayreuth_ ehemahls einen eigenen Hof bildete, so war auch

daselbst ein eigenes Orchester. Die Markgräfinn, eine Schwester

Friederichs des Großen, sang selbst sehr gut, und setzte manche

italiänische Arie mit Geschmack und Einsicht. Die Kammermusik war

zu der Zeit sehr gut. Die ersten Sänger und Sängerinnen aus allen

Ländern ließen sich daselbst hören. Der König gab zur Unterhaltung des

Orchesters seiner Schwester selbst jährlich 3,000 Rthlr. weil sich die

Markgräfinn mehr zu dem welschen als deutschen Geschmack hinneigte; so

war ihr Orchester auch meistens mit Welschen besetzt. Wie dieses Haus

ausstarb, stäubte auch das Orchester aus einander.

Wallerstein Oettingen.

Seitdem dieses uralte gräfliche Haus in den Fürstenstand erhoben wurde,

seitdem blüht die Musik daselbst in einem vorzüglichen Grade. Ja der

dort herrschende Ton hat ganz was Originelles, ein gewisses Etwas, das

aus welschem und deutschem Geschmack, mit Caprisen durchwürzt, zusammen

gesetzt ist.

Herr von _Beeke_ ist das Haupt dieses Orchesters. Er gehört

nicht nur unter die besten Flügelspieler, sondern auch unter die

vorzüglichsten und originalsten Componisten. Seine Hand ist klein

und brillant; sein Vortrag deutlich und rund; seine Phantasie reich

und glänzend, und -- was ihn am meisten ehrt, seine ganze Spielart

selbst geschaffen. Er hat im Clavier eine Schule gebildet, die

man die _Beekische_ nennt. Der Charakter dieser Schule ist:

eigenthümlicher Fingersatz, kurzes etwas affectirtes Fortrücken der

Faust, deutlicher Vortrag, spielender Witz in den Passagen, und

sonderlich ein herrlicher Pralltriller. In diesem Style sind auch

Beekes Clavierstücke geschrieben. Er hat noch dieß Besondere, daß

alle seine Sätze ein gewisses Gemählde von Empfindungen darstellen,

deren Charakter sich nicht leicht verkennen läßt. Man weiß ganz genau,

in welcher Herzstellung Beeke war, als er dieß oder jenes Product

aufsetzte; so getreu bleibt er der herrschenden Empfindung. Seine

Concerte sind nicht sonderlich schwer, aber ungemein lieblich und

schmeichelnd für das Ohr. Seine Claviersonaten gehören unter die besten

dieser Art, so wir besitzen: sie sind reich an hervorstechenden,

meist ganz neuen Wendungen. Seine Modulationen eben nicht kühn,

aber doch oft sehr überraschend. Er hüthet sich mit ängstlicher

Gewissenhaftigkeit vor Rosalien; daher sind seine Uebergänge so

gefällig. Seine Compositionen für andere Instrumente haben ein ganz

eigenthümliches Colorit. Der _Umriß_ ist aufs genaueste angegeben;

und die Instrumente bringen eine so kräftige Carnation und liebliche

Farbenmischung hervor, daß man sie nicht ohne Wonnegefühl hören kann.

Beeke hat auch manches für den Sang geschrieben; doch zeichnet er sich

hierin nicht so sehr aus, wie in Instrumentalsachen. Er _künstelt_

die Empfindungen heraus, und legt oft mehr oder weniger in den Gesang,

als wirklich darin liegt.

_Rosetti._ Einer der beliebtesten Tonsetzer unserer Zeit.

Auf allen Clavieren sieht man jetzt Rosettische Stücke, aus allen

jungfräulichen Kehlen hallen seine Lieder wieder. Und gewiß, es läßt

sich kaum etwas Leichteres, Lichtvolleres, Honigsüßeres denken,

als die Stücke dieses Mannes. Die _Naivetät_ ist sonderlich

sein Hauptzug. So leicht aber seine Sätze aussehen, so schwer sind

sie vorzutragen, wenn man kein eigenes Herzgefühl hat. Der bloße

musikalische Luftspringer, der bloß in Saltomortalen seinen Ruhm sucht,

wird scheitern, wenn er ein Rosettisches Werk vortragen soll. Die

Grazie und Schönheit ist so unendlich feiner Natur, daß man nur mit der

Hand zucken darf, so ist ihr zarter Umriß zerstört, und das Venusbild

wird eine Fratze. -- Dieses Grundgesetz gilt in einem hohen Grade vom

Vortrag der Rosettischen Compositionen: auf einem bekielten Flügel

wirken sie nur schlecht; auf einem Steinischen Fortepiano stark; am

meisten auf einem Silbermannischen Clavicorde.

Rosetti setzte auch manches für die Kirche. Sein _Requiem_ auf

den Tod der Prinzessinn von Taxis ist ungemein schön; hat aber das

Feyerlicherhabene, das Todahndende, das Trostvolle der Auferstehung

nicht so, wie das Jomellische Requiem. Er tändelt zu viel mit blasenden

Instrumenten. Das Näseln der Trompeten mit Sordinen fällt beynahe ins

Komische, und zerstört die Eindrücke der schwermüthigen Andacht. Auch

versteht er den Contrapunct nicht tief genug, um eine Fuge mit Kraft

und Nachdruck durchzuarbeiten. Rosetti ist der erste Italiäner, welcher

_deutsche_ Poesie musikalisch bearbeitete. Da er die deutsche

Sprache tief studiert hat, so sind ihm diese Arbeiten meist ungemein

gut gelungen. Lieder der Liebe und sanftwallende Empfindungen gelingen

ihm am meisten.

_Anton Janitsch._ Ein sehr guter, gründlicher und angenehmer

_Geiger_. Sein Solo ist stark, an schwierigen Sätzen reich; und

sein Vortrag überhaupt hat volle Deutlichkeit: auch im Sturme der

Phantasie wird er nicht aus den Ufern des Tacts getrieben. Niemand

trägt die Beekeschen Compositionen kräftiger vor als Janitsch. Sein

Strich ist durchschneidend, und seine Stellung einnehmend und schön. Es

gibt wenig Geiger, welche im Solo und in der Begleitung so gleich stark

wären, wie Janitsch.

Frau von _Schad_. Zwar ist die musikalische Geschichte keine

Dilettantengeschichte; wenn sich aber bloße Liebhaber zu der Höhe

emporschwingen, wie die Frau von Schad; so verdienen sie nicht nur

bemerkt, sondern auch angepriesen zu werden. Sie ist eigentlich eine

Schülerinn von Beeke; spielt aber weit geflügelter als ihr Meister,

und in mehreren Stylen. Ihre Hand ist glänzend, und gibt dem Clavier

Flügel. Sie liest mit unbeschreiblicher Fertigkeit; und doch blickt

auch bey ihr das _Weib_ hervor. Sie schnellt den Tact, grimmassirt

zuweilen, und verkünstelt das Adagio. Nicht eignes Herzblut quillt

-- wenn sie Empfindungen ausdrückt, sondern immer ist's Manier des

Meisters. Was durch Mechanismus vorgetragen werden kann, das trägt

sie meisterhaft vor; wo aber _Genie_ gelten soll, da herrscht

weibliche Ohnmacht: sie zappelt alsdann auf den Tasten wie eine

geschossene Taube, und ihr Leben verlischt.

Zum Ruhme des Wallersteinschen Orchesters verdient noch angemerkt zu

werden, daß hier das _musikalische Colorit_ viel genauer bestimmt

worden ist, als in irgend einem andern Orchester. Die feinsten und

oft unmerklichsten Abstufungen des Tons hat besonders Rosetti oft mit

pedantischer Gewissenhaftigkeit angemerkt.

Durlach.

Dieser Hof hat lange sein Auge nicht auf die Musik gerichtet, wiewohl

die Kirchenmusik unter dem vorigen Markgrafen immer erträglich besetzt

war. Aber das Erträgliche und Mittelmäßige erregt in der Geschichte

der Tonkunst nie Aufmerksamkeit. Erst unter dem jetzigen Markgrafen

fing Deutschland an, auf die dasige Musik aufmerksam zu werden. Der

verstorbene Capellmeister Schiatti war zwar ein mittelmäßiger

Componist; er verstand aber die Kunst ganz wohl, ein Orchester zu

lenken, und die Mitglieder desselben mit Nachdruck anzuführen.

Doch war die Ehre, dieses Orchester in Aufnahme zu bringen, einem

_Deutschen_ vorbehalten; und dieser Deutsche ist der jetzige

Capellmeister.

_Schmittbauer._ Er gehört unter die vorzüglichsten Componisten

unsers Vaterlandes, und erst jetzt sieht man, was die Welt schon längst

an ihm hatte. Seine zu Kölln aufgeführten _Kirchenstücke_ sind

voll Verstand und Kunsteinsicht. Er bearbeitet die Fuge gründlich;

nur künstelt er zu sehr in seinen Modulationen. Seine deutschen

_Cantaten_ sind zum Theil vortrefflich. Die Poesie des Herrn

von Drais, die er nach einem Gemählde von van der Werft verfertigte,

Adams Empfindungen beym ersten Gewitter hat er meisterhaft in Musik

übergetragen. Das annähernde Gewitter ist durch gedämpfte Pauken bis

zur Täuschung ausgedrückt worden, und der Ausbruch desselben raset im

vollen Instrumentensturme. Die Empfindungen unserer ersten Aeltern,

bey diesem ungewöhnlichen Anlaß drückte er durch den natürlichsten

Gesang aus. Seine Recitative sind nicht ganz so gründlich, wie anderer

deutschen Meister ihre; aber doch gefällig durch die eingestreuten

Accompagnements. Seine Arien sind trefflich zur Gesangübung, weil sie

schwer sind, und von neuen Modulationen strotzen. Dieser Meister hat

auch sehr viel im Kammerstyle gearbeitet, immer gut und hörbar; und

in Jomellis Manier, dessen Schüler er war; doch niemahls sonderlich

hervorstechend. Die Ursache mag vielleicht unter andern diese seyn,

weil er in keinem Instrument Meister ist, sondern nur die Oberfläche

von ihnen berühret, oder wie Rousseau sagt: nur die Spitzen der Töne

pflückte.

_Woeggel._ Ein Mann, der zuerst die _Trompete_ als Meister

behandelt hat. Da er athemreich war, eine starke Brust hatte, und

diätetisch lebte; so ward ihm dieses Riesengeschäft um so leichter. Er

fiel zuerst auf den glücklichen Einfall, die Trompete zu biegen, um in

den Becher greifen, und die Töne modificiren zu können. Die Trompeten

mit Klappen schienen ihm zu viel von ihrer Natur verloren zu haben;

deßwegen fiel er auf diese Erfindung, ohne dadurch dem schmetternden

Tone der Trompete etwas zu nehmen.

Seine Zunge ist trefflich im Doppelspiele wie im einfachen, und seine

Höhe nicht nur äußerst rein, sondern auch so lieblich, daß es mehr

Menschengesang als Trompetenvortrag zu seyn scheint. Die Concerte für

sein Instrument sind meist von Schmittbauer, und zwar mit Geschmack und

ziemlicher Gründlichkeit gesetzt. Da er sich aber meist an die Höhe

gewöhnt hat, so verlor er dadurch merklich in der Tiefe.

Der Markgraf besitzt auch an Geyer in Durlach einen der merkwürdigsten

Organisten, den sogar ein Vogler schätzte. Er hat Feuer, Faustkraft,

Pedalkenntniß, und Einsicht in die Registermischung. Nur künstelt er zu

viel auf der Orgel, und scheint das Adagio, Largo, Andante und Arioso

viel zu wenig studiert zu haben.

_Sandmair._ Ein guter Solospieler auf der _Violine_; doch

noch ein trefflicherer Ripienist. Er bildete sich an diesem Hofe, und

reiste mit Voglern in der weiten Welt herum.

Der _Gesang_ ist bisher in diesem Orchester äußerst vernachlässigt

worden -- wodurch für die Instrumentalisten ein unwiderbringlicher

Schaden entstand: denn ohne Gesang wird kein Instrumentist reif.

Hamburg.

Diese Stadt hat vor andern Städten Deutschlands große und graue

Verdienste um die Tonkunst. Schon um die Zeit der Kirchenverbesserung

unterhielt man daselbst Musikchöre, die, nachdem der Kirchengesang

eingeführt wurde, der Aufnahme und Würde desselben ungemein zu Statten

kamen. Ich glaube, daß diese Stadt die _ersten Orgeln_ in

Deutschland hatte: wenigstens findet man in ihrer Geschichte frühere

Nachrichten von Orgeln, als in den Chroniken anderer Städte. Deßhalb

gab es auch daselbst viel früher große Organisten, als anderwärts in

Deutschland. Man besoldete Cantoren oder Sangmeister, nahm Zinkenisten

und Posaunisten an, und vereinigte sie mit dem öffentlichen Gesange.

Darum ist in keiner Stadt Deutschlands der _Choralgesang_

so trefflich, so majestätisch donnernd, so ganz die Tempelhallen

ausfüllend, und so gründlich von der Orgel begleitet -- als in Hamburg.

Auch sind die Hamburger die ersten Protestanten gewesen, welche die

Figuralmusik Anfangs mit großem Widerstande der Geistlichkeit, in den

Kirchen einführten. Der Reichthum dieser Stadt, welchen bekanntlich

ihre ausgebreitete Handlung einführte, war der Musik sehr günstig.

Der Magistrat setzte für die Musiker ansehnliche Besoldungen aus, und

reiche Privatpersonen vermehrten selbige durch ansehnliche Stiftungen.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts waren abermahls die Hamburger die ersten,

welche _deutsche Singstücke_ aufs Theater brachten. Obgleich

die Poesie Anfangs meist schlecht war, so war doch die Musik für die

damahlige Zeit sehr gut gesetzt.

_Mattheson_ war der Lenker dieser musikalischen Schauspiele, und

der erste Musiker in Hamburg. Zwar waren seine eignen Compositionen

ziemlich steif und pedantisch; er verbesserte dieß aber damit, daß er

treffliche Stücke aus Italien und Frankreich verschrieb, und deutsche

Texte darunter setzte. Auch warb man für diese Schauspiele die besten

Sänger aus Deutschland.

_Schubart_, mein Vorfahr, ein trefflicher Tenorist, der mit

ungemeiner Anmuth sang, und die Musik als Meister studiert hatte -- war

viele Jahre die Zierde dieses Theaters.

_Mattheson_ spielte die Orgel sehr stark, nur machte ihn das

mathematische Auszirkeln etwas furchtsam. Sein größtes Verdienst aber

ist, daß er durch seine vielen musikalischen Schriften einer der

ersten Lehrer Deutschlands geworden. Seine _Organistenprobe_,

sein _vollkommener Capellmeister_, und andere seiner Schriften,

enthalten einen Schatz seltner musikalischer Einsichten. Da er

Lateinisch, Griechisch, Englisch, Französisch und Welsch vollkommen

verstand; so konnte er alles lesen und studieren, was in diesen

Sprachen über die Tonkunst geschrieben war. Wollte man einen

Organisten oder Capellmeister heutzutag nach seinen strengen

Forderungen examiniren; so würden nur äußerst wenige zu diesen Stellen

fähig seyn. Doch war Mattheson selbst mehr gründlich und solid, als

melodisch: darum modern jetzt seine Compositionen. Er trieb den

Pedantismus oft bis ins Lächerliche -- wollte nicht nur für das Ohr,

sondern auch fürs Auge mahlen. Als er einst eine Cantate, _Noah_

betitelt, setzte, und einen Regenbogen ausdrücken sollte; so schrieb

er die Noten in einem halben Zirkel, und gebrauchte dazu rothe, gelbe,

blaue und andere färbige Tinte -- ein Einfall, worüber sich Klopstok

in seiner gelehrten Republik weidlich lustig macht. Bey all diesen

kostbaren Anstalten hatte die Hamburger-Musik doch noch sehr viel

Rauhes und beynahe Barbarisches. Aber plötzlich trat ein Mann aus der

Wolke

-- -- claraque luce refulsit! -- --

und dieser Mann war

_Telemann._ Er studierte Theologie; aber sein musikalischer

Originalgeist bäumte sich weit über den Theologen hinaus. Von der Natur

mit Genie ausgerüstet, cultivirte er die Tonkunst unter den besten

Meistern. Er durchreiste Welschland und Frankreich, hohlte allenthalben

Nahrung für seinen Geist, ohne sein eignes Gepräge zu verlieren. Als

er nach Deutschland zurückkam, wurde er Capellmeister in Hamburg --

und hier begann die Epoche seiner Größe. Er schwang sich bald zu einem

der ersten Tonsetzer Europens empor. Im Kirchenstyle besonders hatte

er seines Gleichen nicht: Tiefsinn, Psalmenflug, Höhe, Würde und

Majestät waren bey ihm mit einem Herzen vereinbart, das ganz von der

Religion durchdrungen war. Seine vielen _Kirchen-Jahrgänge_ sind

ein unbezahlbarer Schatz für die Tonkunst. In seinem mittlern Alter

neigte er sich, von Lully's Beyspiel verführt, etwas zum französischen

Satze; doch lenkte er bald wieder ein: denn die Verirrungen des Genies

dauern nicht lange. In seinen letztern Werken ward er ganz deutscher

Mann. Correcter konnte niemand schreiben als Telemann; doch nagte die

Correctheit nicht am zarten Sproß der Melodie. Wenige Meister waren

reicher an melodischen Gängen, als er. Seine Recitative sind Muster,

die der Künstler studieren muß. Seine Arien -- meist mit wenigen

Instrumenten besetzt, thun die größte Wirkung. Die Bässe sind so

meisterhaft bearbeitet, und so regelmäßig beziffert, daß er hierin noch

von niemand übertroffen wurde. Am größten war Telemann in Chören; man

hat Hallelujas und Amen von ihm, welche das Aufjauchzen und den Jubel

der himmlischen Chöre so nachahmen, daß die gefrorenste Seele dabey

aufthauen, und sich in Empfindung ergießen muß. Wie er die Choräle

setzte und begleitete, wie voll seine Harmonien, wie glücklich seine

Modulationen waren -- das wissen nur diejenigen zu beurtheilen, die

über Originalwerke Richter seyn können. Er hat verschiedene Oratorien,

Cantaten und dergleichen gesetzt, die jetzt wie Gemmen aus den Zeiten

des Dioskorides gesammelt werden. Seine _Kammerstücke_ sind bey

weitem nicht von diesem Werthe; denn ob er sie schon alle mit der

äußersten Gründlichkeit bearbeitete, so sind doch Producte dieser Art

viel zu sehr der Mode unterworfen, als daß sie lange dauern könnten.

Telemann war für die _Kirchenmusik_ geschaffen, und hierin ist

er der erste Lehrer Deutschlands geworden. Wo Kirchenmusik ist, da

hallen seine Erfindungen wieder. -- Sein Geist blieb bis ins graueste

Alter immer groß und lebhaft. Er führte noch im achtzigsten Jahre ein

Passionsoratorium auf, worin die volle Stärke seines Genius flammte.

Die größten Dichter seiner Zeit Richey, Brokes und Hagedorn arbeiteten

für ihn. Er fühlte die Macht der Poesie so tief, daß er bey Lesung der

ersten Gesänge der Messiade weinte, daß solch ein Dichter nicht für

ihn gearbeitet hätte. Kurz vor seinem Ende entschloß er sich noch,

einen Hymnus aus der Messiade in Musik zu setzen. Aber er starb, -- und

lauscht nun den Chören der Engel.

Das Glück der Hamburger ist beneidenswerth; nach diesem ungeheuern

Verlust erhielten sie einen

_Carl Philipp Emanuel Bach_, der in vielen Stücken noch Telemann

übertraf. Er war Capellmeister in Hamburg; bey der Prinzessinn Amalia

von Preußen; und hatte noch von verschiedenen Höfen diesen Charakter.

Er ist der Sohn des großen _Sebastian Bachs_, und studierte bey

ihm das Flügel- und Orgelspiel mit so bewundernswürdigem Erfolge,

daß er schon im eilften Jahre die Zauberstücke seines Vaters, über

dessen Schulter blickend, wegspielte, wenn er sie setzte. Doch ließ

er bald die Orgel fahren, und legte sich ganz auf das Clavier und die

Composition. Schon im achtzehnten Jahre seines Alters wurde er erster

Flügelspieler beym großen _Friedrich_, und begleitete immer die

Flötenconcerte und Solos des Königs allein. Hier schwang er sich in

jedem Betracht zum ersten Clavierspieler der Welt empor. Niemand hat

jemahls die Natur des Flügels, des Fortepianos, des Pantalons und

Clavicords mit so tiefem Blick durchdrungen, wie dieser unsterbliche

Mann. Sonderlich war er der Erste, der Colorit ins Clavicord brachte;

der das Schweben und Beben der Töne, den Träger, eine Art von

Mezzotinto, die Fermen, die Pralltriller, auch den Doppeltriller,

nebst unzähligen andern Verzierungen des Clavicords erfand. -- Er

spielt äußerst schwer, und eben so schön. Sein gebundner Styl, seine

Manieren, seine Ausweichungen, seine harmonischen Kunstgriffe sind

unerreichbar. Er hat die Musik in ihrem weitesten Umfange studiert. So

groß er als Solospieler ist, so schöpferisch seine Phantasien sind,

so groß und erhaben seine Einbildungskraft; so groß ist er in der

_Begleitung_. Wer begleitet wie Bach? -- Niemand! wird ganz Europa

antworten. Friedrich der Große, der das Nil admirari des Horaz in so

hohem Grade studiert hatte, stand mehr als einmahl hinter dem großen

Manne, wenn er Töne aus dem Clavicord zauberte, -- stieß dann mit dem

Stock auf den Boden, und lief aus: Nur _ein_ Bach! nur _ein_

Bach!

Man hat unzählige Clavierstücke von diesem Meister, die alle das

Gepräge des außerordentlichsten Genies tragen. So reich an Erfindungen,

so unerschöpflich in neuen Modulationen, so harmonisch voll ist keiner

wie dieser. Was Raphael als Mahler, und Klopstock als Dichter -- das

ist so ungefähr Bach als Harmoniker und Tonsetzer. Was man an seinen

Stücken tadelt, ist eigensinniger Geschmack, oft Bizarrerie, gesuchte

Schwierigkeit, eigensinniger Notensatz, wo er z. B. den mittlern

Fingern immer eine eigene Sphäre gibt; und Unbeugsamkeit gegen den

Modegeschmack. -- Wenn auch etwas an diesen Beschuldigungen wahr ist:

so ists doch noch wahrer, daß der wirklich große Mann sich zwar bücken

-- aber nie zur Zwergheit seiner Zeitgenossen herabwürdigen kann.

Bach pflegte zu sagen: »Wenn meine Zeitgenossen fallen, so ist meine

Pflicht sie aufzuheben, aber nicht zu ihnen in den Koth zu liegen.«

Daher bemerkt man in seinen neuesten Stücken immer etwas Anschmiegung

an den Genius der Zeit, aber nie Herabsinken zum herrschenden Geiste

der Kleinheit. Alles Tändeln auf dem Clavicorde, alles süßliche

geistentnervende Wesen, alles Berlockengeklingel der heutigen

Tonmeister ist seinem Riesengeiste ein Greuel. Er bleibt trotz der

Mode, was er ist -- Bach!

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 10 / 22 段