_Reiner_, der beste Fagotist aus der Manheimer Schule. Seine

Intonation ist klar, seine Manieren sind geschmackvoll und schön; nur

kommt er an Stärke bey weitem einem Schwarz und Ritter nicht bey.

_Winter_, einer der besten Zöglinge aus der _Voglerschen_

Schule. Er spielt die Violine vortrefflich, und schreibt und setzt sehr

gut. Seine Symphonien sind zum Theil kühn gearbeitet; besonders weiß er

die Molltöne, die so leicht einschläfern, mit vieler Kunst und Weisheit

zu behandeln. Er ist auch musikalischer Schriftsteller, und seine

Aufsätze in der Manheimer _Tonschule_ zeugen von Einsicht und

Nachdenken; nur ist sein deutscher Styl noch nicht abgeschliffen genug.

* * * * *

Dieß wären also die vorzüglichsten Meister, welche die große Manheimer

Schule hervorgebracht hat. Allein es gehen von Zeit zu Zeit noch immer

die vortrefflichsten Subjecte aus selbiger hervor, die in ganz Europa

gesucht und geschätzt werden. Seit der oben erwähnten Vereinigung

der Pfalz mit Bayern, haben sich diese trefflichen Köpfe meist von

allen Ufern des Rheins weggezogen, und sich nach München verpflanzt;

doch ist noch ein ansehnliches Musikchor zum Dienste des Manheimer

deutschen Theaters daselbst zurückgeblieben.

Aus dieser kurzen Schilderung einer der größten musikalischen Schulen,

ergibt sich, daß mehr _ausnehmende Kraft_, als theoretisches

_Grübeln_ der _Hauptcharakter_ derselben sey. -- Da die

übrigen deutschen Höfe und angesehenen Reichsstände nie eine eigene

musikalische Schule bildeten; so wird es genug seyn, sie im Geiste

durchwandert, und überall das Interessante der Kunst bezeichnet zu

haben.

Wirtemberg.

So wohl die Grafen, als die Herzöge von Wirtemberg, waren immer große

Schätzer und Beschützer der Musik. Vornehmlich blühte im sechzehnten

Jahrhundert, gleich nach eingeführter Reformation, die Tonkunst

ungemein in Stuttgart. Von 1550 bis 1575 befand sich am dasigen

fürstlichen Hofe ein durch ganz Deutschland berühmter Capellmeister,

Nahmens _Sigmund Hummel_, welcher die Tonkunst nicht nur

gründlich studiert hatte, so daß noch eine Uebersetzung und Commentar

über des berühmten _Zarlino's Harmonik_ von ihm in Manuscript

vorhanden ist; sondern der sich auch durch eigne Compositionen --

voll tiefer contrapunctischer Wissenschaft, einen bleibenden Nahmen

machte. Er legte sich, nach dem Geiste damahliger Zeit, vorzüglich

auf den Kirchenstyl. Sein _Psalter Davids_ in deutschen Gesängen

verfaßt, den er 1569 in Quart herausgab, und in vier Stimmen setzte,

wird noch heutiges Tags von Kennern ungemein hochgeschätzt. Man hat

verschiedene seiner Melodien in unsre Kirche aufgenommen, die so voll

Würde und religiöser Hoheit sind, daß sie wohl niemand unter uns besser

machen wird. Wie vortrefflich sind die Lieder: Allein zu dir Herr

Jesu Christ; -- Wenn mein Stündlein vorhanden ist; -- Mein junges

Leben hat ein End; -- die alle von diesem Hummel gesetzt worden. Im

Stuttgardschen Archiv müssen noch Motetten und andere Stücke von diesem

Meister liegen, welche der Welt, um den Geist der Alten zu studieren,

mitgetheilt werden sollten.

Kurz vor den Zeiten des dreyßigjährigen Kriegs, 1618 kam zu Stuttgard

das erste _Choralbuch_ heraus, welches von verschiedenen Provinzen

Deutschlands angenommen, und beym öffentlichen Gottesdienst eingeführt

wurde. Der zerstörende blutige Krieg verscheuchte auch hier wie überall

die musikalische Muse, und sie kam im ganzen siebzehnten Jahrhundert

nicht wieder in dieß Land zurück, weil die Kriegsdrangsale in selbigem

nie aufhörten. Erst mit dem beginnenden achtzehnten Jahrhundert

ging dort ein neuer Strahl für die Tonkunst auf. Herzog _Eberhard

Ludwig_ unterhielt ein Orchester von dreyßig Personen, welches Störl

als Capellmeister anführte. Der Herzog, ein kriegerischer Geist, liebte

sehr die blasenden und lärmmachenden Instrumente. Die Säle seines

Pallastes tönten immer von Trompeten und Pauken wieder, und von seiner

Zeit an begann man, die _figurirte Musik_ in den Wirtembergischen

Kirchen einzuführen. -- _Störl_ war ein ungemein gründlicher

Mann, wovon sein für die Orgel herausgegebenes _Choralbuch_

der unverdächtigste Zeuge ist. Noch bis diese Stunde ist es in und

außerhalb Landes allgemein beliebt, und außer dem Telemanschen,

gewiß das beste, das wir besitzen. Seine Harmonien sind natürlich,

und äußerst correct; die Signaturen simpel, und seine Bässe meist

unverbesserlich. Er schrieb auch den ersten _Kirchen-Jahrgang_

im Wirtembergischen, worin besonders die Tuttis und Schlußchöre

meisterhaft sind.

Er hat bey Gelegenheit des Utrechter Friedens 1713 ein Te Deum

laudamus gesetzt, das wegen des richtigen Ausdrucks, und wegen der

Harmonienfülle, sonderlich wegen der gründlichen Fugenbearbeitung, noch

heute von Kennern bewundert wird.

_Herzog Carl Alexander_ begünstigte die Musik noch mehr, weil er

mit der katholischen Religion auch den Enthusiasmus für die Tonkunst

angenommen zu haben schien. Sein Orchester war zahlreich, und wohl

besetzt, und der Lenker desselben.

_Brescianello aus Bologna_, ein sehr guter und gefälliger

Componist; weil die Theatralmusik damahls in diesem Lande noch nicht im

Gange war, so legte er sich ganz auf den Kirchen- und Kammerstyl. Seine

Messen sind zwar nicht im erhabenen Styl gearbeitet, aber doch sehr

anmuthig und andachtweckend; nur sind die Instrumente darin etwas zu

krauß, und decken den Gesang. Seine _Kammerstücke_ erhielten sich

viele Jahre hindurch in allgemeinem Beyfall, bis sie endlich im Strome

neuerer Erfindungen untergingen.

Die eigentliche blühende Epoche der Wirtembergischen Musik begann

mit der Regierung des _Herzogs Carl_. Da er seinen musikalischen

Geschmack in Berlin gebildet hatte; so suchte er gleich Anfangs in

seinem Orchester Gründlichkeit mit Grazie zu vereinigen. Er verschrieb

viele Sänger und Sängerinnen aus Italien, besetzte sein Orchester mit

den trefflichsten Meistern, und nahm den großen Jomelli mit einem

Jahrgehalt von 10000 fl. als Obercapellmeister in seine Dienste.

-- Von dieser Zeit an wurde der musikalische Geschmack in diesem

Lande ganz _welsch_. Vormahls hörte man nur die Opern eines _Hasse_

und eines _Graun's_; nun aber wollte man nichts hören als Opern von

Jomelli. Diese Opern wurden nicht nur mit ungewöhnlicher Pracht

aufgeführt, sondern auch bis zur höchsten Vollkommenheit executirt.

Unter Jomelli ward die Wirtembergische Hofmusik eine der ersten der

Welt. _Aprili_, _Crassi_, _Buonani_, _Cesari_, und sonderlich der

unerreichbare _Hager_, zeichneten sich als Sänger und Sängerinnen

aus. _Hager_ war unstreitig der größte Tenorist seiner Zeit. Er sang

mit so hinreissender Anmuth, und mit so theilnehmendem Herzgefühl,

daß er alle Hörer bezauberte. Ueberdieß war er nach deutscher Art ein

so _gründlicher_ Musiker, daß ihm hierin kein Welscher gleichkam.

Mit diesen seltnen Eigenschaften verband er einen theatralischen

Anstand, der den größten Schauspieler ankündigte. Sank er in die

Tiefe, so war er der durchdringendste Bassist, stieg er in die Höhe,

so hörte man in ihm den unerreichbarsten Tenoristen. Seine Leiter ging

vom Baß _F_ bis ins ungestrichene Diskant _C_ -- und jeder Ton war

silberrein. Die Bravour-Arien gelangen ihm wie die Sentimental-Arien.

Seine _Verzierungen_ waren voll Schönheit, und schienen immer aus dem

Motive wie Blumen hervor zu wachsen. Kein Sänger verstand die Kunst

der Declamation besser als er. Metastasio selbst mußte gestehen, daß

niemand seinen Sinn so ganz treffe wie Hager.

_Yozzi_, der erste _Flügelspieler_ des Herzogs. Er spielte

mit großer Fertigkeit, stieß mit der linken Hand Zweyunddreyßigstel

Octaven ab, brachte die Zaubersprünge über die Faust immer glücklich

heraus, und mühte sich mehr in Schwierigkeiten zu glänzen, als

durch anmuthigen Vortrag auf das Herz des Hörers zu wirken. Seine

Compositionen für das Clavier sind etwas bizarr, und deßhalb gar bald

aus der Mode gekommen; doch darf man sie zur Bildung der Faust den

Flügelspielern noch immer sehr empfehlen. Sie wirken übrigens nur auf

dem bekielten Flügel; auf dem Fortepiano, Pantalon und Clavicord sind

sie theils schwer herauszubringen, theils brilliren sie nicht -- weil

sie zu einfärbig sind.

_Deller_, dieser vortreffliche Mann zeitigte unter dem milden

Einfluß Jomelli's; ahmte ihm aber nie nach: denn Deller fühlte bald

die eigne Quelle, aus welcher er schöpfen konnte. Deller bewunderte

das Genie eines Jomelli's mit Begeisterung, war aber stolz und

eigensinnig genug, ihm zuzurufen: »Störe meine Zirkel nicht«! Er war

Anfangs Ripienist in dem Wirtembergischen Orchester; als aber Jomelli

den Hof verließ, so ernannte ihn der Herzog zum Concertmeister und

Hofcomponisten. _Noverre_, der erste Balletmeister der Welt,

trug zur Entfaltung des Dellerschen Geistes sehr vieles bey: Deller

verfertigte nähmlich die Musik zu seinen Zauberballeten, und zwar so

vortrefflich, daß diese Ballete noch heutiges Tags in ganz Europa als

Meisterstücke bewundert werden.

Noverre selbst gestand, niemahls einen bessern Dollmetscher seiner

mimischen Erfindungen angetroffen zu haben, als Dellern. Das große

tragische Ballet _Orpheus_ ist reich an großen, schauervollen,

himmlischschönen, und hinreißenden Stellen. Neuheit in den Gedanken,

Grazie und Delicatesse in der Empfindung, schmelzende Lieblichkeit in

den Uebergängen, reiche rhythmische Abwechslung -- mit einem Wort:

Schönheit blitzt allenthalben im musikalischen Charakter dieses

Mannes hervor. Weil er selbst die _Violine_ mit ungemeiner

Anmuth spielte, so ist ihm auch die Bearbeitung derselben meisterhaft

gelungen. Deller arbeitete in allen Stylen, die komischen Opern z. B.

seine _Contadina nella corte_, und sein _Maestro di Capella_

sind noch immer Lieblingsstücke des Wirtembergischen Theaters. Die

Arien und Cavatinen, die Duetten und die Schlußchöre, haben so

liebliche und merkbare Motive, und sind -- unbeschadet der Simplicität,

so reich an insinuanten musikalischen Einfällen, daß sie mit den besten

komischen Opern wetteifern. Hätte Deller für das _deutsche_

Theater geschrieben, so wäre er noch größer geworden; denn er verstieß

oft wider die welsche Prosodie, und war überhaupt in seinen Gesinnungen

und seinem Geschmack mehr deutsch als welsch.

Seine _Kirchenstücke_ beweisen auch eine große Anlage zum

höhern Styl. Hätte er länger gelebt, so würde er uns in diesem Fache

Meisterwerke geliefert haben. Allein er verließ den Wirtembergischen

Hof, ging nach Wien und München, und starb daselbst, ehe sich sein

Geist ganz entwickelt hatte, im Kloster der barmherzigen Brüder -- arm

und weit berühmt. An der Kirchhofmauer dieses wohlthätigen Klosters

thürmt sich der Grabhügel dieses vortrefflichen Mannes. Ich fand ihn

1774 mit Nesseln bewachsen -- indeß der Lorbeer des Nachruhms um

seine Schläfe weht. Er hat auch viel Kammerstücke verfertigt, die in

gleicher Schönheit und Zierlichkeit glänzen. Man hat Hoffnung, die

Stücke dieses liebenswürdigen Meisters in der angekündigten Stuttgarder

_Musiksammlung_ mit einander zu erhalten, wodurch der musikalische

Vorrath der Deutschen mit neuen Schätzen bereichert würde.

Die _Brüder Blas_. Wenn Castor und Pollux die Hoboe geblasen

hätten, beyde von dem Gott begeistert, der sie gezeugt hat; so

könnten sie kaum besser geblasen haben, als diese beyden. Sie waren

beyde Spanier, verpflanzten sich nach Deutschland, bildeten ihren

Geschmack unter Jomelli, und erreichten eine ungewöhnliche Höhe in

ihrem Instrument. Dieses Brüderpaar ist eine ganz ungewöhnliche

Erscheinung in der Tonkunst. So wie sie sich unter einander

unaussprechlich liebten, so sympathisirte auch ihr musikalischer

Vortrag. Wer sie gehört hat, der hat das Ultimatum im musikalischen

Vortrag gehört. Ein Gedanke verfolgte den andern, ein Hauch hob den

andern. Diese Simpsychie hatte man in Europa noch nie gehört: es schien

wechselseitige Freundschaftserklärung zu seyn von zwey verschwisterten

Engeln. Beyde componirten, beyde trugen ihre Sätze meisterhaft vor;

und kein Mensch war fähig zu entscheiden, wer der Größere sey. Die

Verschwisterung der Töne, das Schwellen und Sinken des Portamento, das

Sangähnliche, und wenn man sagen darf, das Verliebte und Freundliche

hat vielleicht, so lange die Welt steht, niemand besser ausgedrückt

als diese Brüder. Der jüngere starb zu Ludwigsburg -- da warf der

ältere seine Hoboe weg, und verdorrte in Spanien. Die Compositionen

dieser großen Meister sind äußerst selten, weil sie den Eigensinn

hatten nichts drucken zu lassen. Indessen hat man doch einige Sonaten

von ihnen, die mit unbeschreiblicher Anmuth gesetzt sind, und für alle

Hoboisten ewig Muster bleiben werden.

_Rudolph_, einer der ersten _Waldhornisten_. So unvollkommen

dieses Instrument ist, so meisterhaft wußte er ihm seine Inconsequenzen

abzuringen. Seine Stärke war mehr in der Tiefe, mit der Höhe befaßte

er sich nur so weit, als es die Natur des Instruments gestattet. Die

zärtlichen Passagen gelangen ihm immer vortrefflich, und er war einer

der ersten, der das Mezzotinto mit dem Horn ausdrückte. Sein größtes

Verdienst aber ist, daß er _Dollmetscher_ für das Ballet wurde.

Seine Ballete haben in Paris allgemeine Sensation hervorgebracht.

Deutsche Meister tadeln an ihm das Süßliche, oder die allzu strenge

Accomodation an dem französischen Geschmack. Indessen besaß er doch

Gründlichkeit, und verstand sogar den Contrapunct. Als er alterte,

setzte er eine _Messe_, welche noch heute in Paris im Concert

spirituel am Charfreytag aufgeführt wird.

_Nißle_, Rudolphs Schüler und Nebenbuhler; aber ganz und gar

kein Rudolph. Er bläst das Horn ganz vortrefflich, aber wer Rudolphen

gehört hat, hört in ihm nichts mehr als einen Nachlaller. Sein Geist

ist zu klein, um den Originalflug zu fliegen. Nißles Compositionen

sind ärmlich, weil er den Satz nicht versteht. Inzwischen muß man doch

bekennen, daß er im Secondhorn schwerlich seines Gleichen hat. Seine

Doppelzunge, seine Tonschwellung, die Leichtigkeit, womit er das fünf

gestrichene Contra _C_ hascht, sein leichtes Spiel der Töne, und

sonderlich sein Portamento, erheben ihn zu einem Flügelmann unter den

Waldhornisten.

_Seemann_, weder Componist noch Solospieler, aber ganz

vortrefflicher _Begleiter_. Der große Jomelli hat ihn gebildet. So

schwer die Kunst der Begleitung ist, so vielseitig ihre Verwickelungen

sind, so tief ihre Bedürfnisse, -- so allvermögend war Seemann. Alle

Eigenschaften, die der große _Bach_ vom Accompagnisten fordert,

besaß er. Er wußte sich an jeden Charakter des Sängers zu schmiegen,

und wie er den Tact hielt; so hielt ihn keiner. Jeden Pulsschlag der

Tonkunst belauschte er; den Geniesturm zu lenken war niemand fähiger

als er. Er schmiegte sich jedem Temperamente an, schien nichts zu

verstehen -- und verstand alles. In der Gabe Sänger zu unterrichten

hatte er schwerlich seines Gleichen: er bemerkte jeden Mißton, jede

Abweichung vom Einklang. Seine Compositionen fürs Clavier und den Sang

sind trefflich; schade daß er aus Mißtrauen gegen seinen Geist zu wenig

schrieb, denn er pflegte zu sagen: Eine Kerze figurirt nicht bey der

Sonne. Er verwelkte im dreyßigsten Jahre seines Lebens zum großen

Verluste für die musikalische Welt. -- Falle dankbare Thräne auf dieß

Blatt! Seemann war mein Lehrer und Freund.

_Cesari._ Seine Gemahlinn war eine ganz treffliche Sängerinn, groß

durch die Natur, und correct durch ihren Mann gebildet. Die Läufer

drückte schwerlich je eine Menschenkehle göttlicher aus als diese. So

naiv, so muthwilligschön, so tändelnd und doch so richtig -- konnte man

sich kaum etwas fantasieren, wie die Cesari. Sie pflückte die Töne nur

gleichsam an den Spitzen ab; allein sie ersetzte den Verlust des Tiefen

durch die Präcision des Vertrags. Sie sang immer Sottovoce; aber dieses

Sotto -- himmlisch war es! O Nachhall vom Urklang! -- Künstlerinn war

sie nicht, denn sie traf nur schlecht; aber was sie studiert hatte, das

sang sie so wie es ihr niemand nachsingen wird.

_Bonavini._ Sängerinn im großen Style. Ihre _Scale_ war

nicht weitreichend, aber die Sprossen dieser _Scale_ waren

desto goldner. Die Läufer glückten ihr nie ganz, aber desto mehr die

stehenden, und schwellenden Töne. Genie war sie nicht, aber geistreiche

Nachahmerinn.

* * * * *

Das _Orchester_ am Wirtembergischen Hofe bestand aus den ersten

Virtuosen der Welt -- und eben das war sein Fehler. Jeder bildete einen

eignen Kreis, und die Anschmiegung an ein System war ihm unerträglich.

Daher gab es oft im lauten Vortrage Verzierungen, die nicht ins Ganze

gehörten. Ein Orchester mit Virtuosen besetzt ist eine Welt von

Königen, die keine Herrschaft haben.

Salzburg.

Dieses Erzbisthum hat sich seit mehreren Jahrhunderten um die Musik

verdient gemacht. Es ist daselbst eine musikalische Stiftung, die sich

auf 50000 fl. jährlich beläuft, und ganz auf die Unterhaltung eines

Musikchors verwendet wird. Die Musik in der dasigen Hauptkirche ist

eine der wohlbesetztesten in ganz Deutschland. Die dasige _Orgel_

gehört unter die vortrefflichsten, die es gibt: schade, daß nicht

eine _Bachische_ Faust dieses Meisterwerk beseelt! der Ton

ist dick, und wenn das ganze Werk gekoppelt wird, so tönt es wie

Gewittersturm. Es hat drey Manuale, über hundert Register, und ein

markdurchschneidendes Pedal. Die Verzierungen der Bildhauerkunst daran,

sind prächtig und voll Geschmack.

Der dasige Capellmeister _Mozart_, (der Vater) hat die Musik auf

einen trefflichen Fuß gestellt. Er selbst ist als Componist und als

Schriftsteller ehrenvoll bekannt. Sein Styl ist etwas altväterisch,

aber gründlich und voll contrapunctischer Einsicht. Seine Kirchenstücke

sind von größerm Werthe als seine Kammerstücke. Durch seine

_Violinschule_, die in sehr gutem deutsch, und mit tiefer Einsicht

abgefaßt ist, hat er sich ein großes Verdienst erworben. Die Beyspiele

sind trefflich gewählt, und seine Applicatur ist nichts weniger als

pedantisch. Er neigt sich zwar zur Tartinischen Schule, läßt aber doch

dem Schüler mehr Freyheit in der Bogenlenkung als dieser.

Sein _Sohn_ ist noch berühmter als der Vater geworden. Er gehört

unter die frühzeitigen musikalischen Köpfe; denn schon im eilften Jahre

setzte er eine _Oper_, die von allen Kennern gut aufgenommen

wurde. Auch gehört dieser Sohn unter unsre ersten Clavierspieler. Er

spielt mit magischer Fertigkeit, und liest so genau vom Blatt weg, daß

er hierin wohl schwerlich seines Gleichen fand.

Die _Singchöre_ in Salzburg sind vortrefflich eingerichtet; nur

fängt der Styl in der Kirche an, seit einiger Zeit ins Theatralische

auszuarten -- eine Seuche, die schon mehr als eine Kirche vergiftet

hat! Die Salzburger glänzen sonderlich in blasenden Instrumenten. Man

findet daselbst die trefflichsten Trompeter und Waldhornisten; nur

Clavier- und Orgelspieler sind desto seltner. Der Geist der Salzburger

ist äußerst zum Niedrigkomischen gestimmt. Ihre Volkslieder sind so

drollig und burlesk, daß man sie ohne herzerschütternde Lache nicht

anhören kann. Der Hanswurstgeist blickt allenthalben durch, und die

Melodien sind meist vortrefflich und unnachahmlich schön.

Braunschweig.

Die verwitwete Herzoginn, eine preußische Prinzessinn, hat den

musikalischen Geist von Berlin hierher verpflanzt. Schon seit vierzig

Jahren ist die Musik daselbst in der Blüthe. Man führte die Hassischen

und Graunschen Opern mit vielem Geschmack, und richtiger Execution

auf. Die größten Sänger, ein Carestini, Salembini, und andere sangen

auf diesem Theater. Ein Nardini, Ferrari, und mehrere Virtuosen ersten

Rangs, schmückten das Orchester.

_Schwaneberger_, war Kapellmeister. Seine Opern sind mit vieler

Gründlichkeit gesetzt, nur nicht melodisch genug, um sich lange zu

erhalten. Schwaneberger ist aus der Berlinerschule. Unter dem Grübeln

verduftet zu viel Geist: daher sind seine Opern meist schon vergessen.

Auch seine Kammerstücke bedeuten nicht viel.

_Friedr. Gottlob Fleischer_, ein trefflicher Clavierspieler und

berühmter Componist. Das Geflügelte und Schwere ist ein Hauptzug in

seinem musikalischen Charakter. Die größten Schwierigkeiten besiegt er

leicht; nur gelingt ihm das Adagio bey weitem nicht wie das Presto.

Seine Clavierstücke und Lieder für das Clavier sind trefflich, und mit

vielem Geschmack gesetzt: die komischen Stellen sind ihm sonderlich

meisterhaft gelungen. Sein Podagrist ist herrlich.

_Hurlebusch._ Ein Sohn des berühmten Organisten zu Hamburg, und

einer der besten Clavierspieler Deutschlands. Seine Accentuation

ist neu, und tief eindringend; er glänzt deßhalb sonderlich auf dem

Clavicorde, welches er als Meister behandelt. Sein Adagio und Largo

ist unnachahmlich schön. Er besitzt just das, was Fleischer nicht hat.

Schade, daß er so wenig componirt!

_Zachariä_ (_der Dichter_) spielte das Clavier sehr schön,

gab auch verschiedene Sammlungen für das Clavier heraus, die von

Geschmack zeugen. Dieß ist um so mehr zu bewundern, da Zachariä erst im

fünf und zwanzigsten Jahre anfing, die Musik zu studieren.

Der jetzt regierende Herzog von Braunschweig spielt die Violine

vortrefflich, und unterhält jetzt eines der besten Orchester. Für das

Theater ist er nicht so eingenommen, wie für die Kammermusik. Er pflegt

gemeiniglich bey den Concerten mitzuspielen. Sein Solo wird auch von

Kennern bewundert: er spielt die schwersten Stücke eines Lolli mit

Ausdruck und Fertigkeit.

Anspach.

An diesem Hofe blüht die Musik erst seit der Regierung des

gegenwärtigen Markgrafen: der vorige hatte außer der Falkenjagd fast

keine Passion; der jetzige aber hat seit zwanzig Jahren ein Orchester

angelegt, worin sich einige ungemein gute Köpfe auszeichnen. Schade,

daß die Singmusik daselbst gänzlich fehlt; die Instrumentalmusik aber

ist desto besser.

Der Führer dieses Orchesters ist _Kleinknecht_, eigentlich nur

ein Flötraversist, aber ein so gründlicher Setzer, als wir einen in

Deutschland haben. Zwar übte er sich blos im Kammerstyl, aber seine

Kammerstücke sind Muster in dieser Art. Seine melodischen Gänge sind

meist gut gewählt, und die Bässe so herrlich gesetzt, daß sie der

Componist studieren muß, um den Baßsatz daraus zu lernen. Kleinknechts

Geist ist nicht feuervoll, hält aber festen und regelmäßigen Tritt.

Er hat verschiedene Trio's, Solo's, auch Symphonien und andere Stücke

geschrieben, die reife Kenntniß der Harmonie verrathen. Kürzlich gab er

selbst seinen Lebenslauf heraus, der so herzlich, ehrlich und gründlich

abgefaßt ist, daß überall der deutsche Mann hervorblickt.

_Schwarz._ Ein Zögling der Wirtembergischen Capelle,

und unstreitig der erste Fagotist unsrer Zeit. Seine dicke

Leibesconstitution verursacht, daß er etwas asthmatisch bläst; er

ersetzt es aber durch tausendfältige Schönheiten. Sein Ton ist voll und

schön. Er hat eine magische Stärke im Treffen. Im Tenor ist er äußerst

angenehm, und in der Tiefe zürnt er. Die volublen Passagen bringt er

mit durchdringender Kraft heraus, und das Adagio bläst niemand besser

als er. -- Er vereiniget mithin Eigenschaften in sich, die wenige

Virtuosen in sich zu vereinigen wissen. Die Engländer haben diesen

Meister angestaunt; und in Deutschland weht schon lange sein Lorbeer.

Schade, daß er den Satz zu wenig versteht, um sich seine Concerte

selbst verfertigen zu können. Doch wählt er sehr gut, und weiß aus

verschiedenen Compositionen sich eigene, seinem Geiste anpassende

Stücke zu gruppiren.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 9 / 22 段