Als die Fürsten dieses Hauses zur churfürstlichen Würde erhoben

wurden, da erhielt auch die Tonkunst in der Pfalz einen neuen Glanz,

und nur durch das traurige Schicksal _Friedrichs_, den die Pfälzer mit

dem Unnahmen des Winterkönigs entweihen, wurde dieser Glanz verdämmert.

Dieser unglückliche Friedrich spielte die Harfe vortrefflich, und

hatte auch in seinem Unglück immer musikalische Bedienten um sich,

die ihm die Wolke des Grams durch schmelzende Accorde von der Stirne

scheuchten. Als die Pfalz nach dem schrecklichen dreyßigjährigen

Kriege wieder beruhiget wurde, suchte Polihymnia auch wieder ihr

Haupt daselbst zu erheben. Allein die bald darauf erfolgten Einfälle

der Franzosen in dieß blühende Land verscheuchten sie wieder. Die

Pfalz ward eine Einöde, und jeder Ton der Freude wandelte sich in

Jammergeheul. So langsam als sich nach dieser wüthenden Zerstörung die

Pfalz erhohlte, eben so langsam erhohlten sich auch die Künste, und

mit diesen die Musik. Die Churfürsten traten zur katholischen Religion

über, aber die Tonkunst verlor dabey nichts -- sie gewann vielmehr:

denn von jeher haben die Katholischen die Musik weit mehr begünstigt,

als die Protestanten. Wie die Kirchengüter bey diesen ein Raub der

Fürsten wurden, da fehlten die Fonds, Musikchöre zu unterhalten.

Alles was sie thun konnten, bestand in der sorgfältigen Unterhaltung

ihres herzerhebenden _Kirchengesangs_. Allein unter der katholischen

Regierung der pfalzischen Churfürsten wurde mit der Choral- auch die

Figuralmusik in den Kirchen verbessert; ja gleich bey Anfang dieses

Jahrhunderts ward allein zur Unterhaltung der fürstlichen Musik, ein

Vermächtniß von 80000 fl. jährlich gestiftet. Dieß Vermächtniß ist so

fest gegründet, daß es kein Churfürst mehr umstoßen kann. Daher darf

es niemand wundern, wenn die Musik in der Pfalz in kurzem zu einer

so bewundernswürdigen Höhe aufstieg. Doch hat sie erst dem vorigen

Churfürsten den Glanz zu verdanken, der sogar den Neid des stolzen

Auslands erregt, und seinen Hof zu einer Schule des wahrhaft guten

Geschmacks in der Tonkunst gemacht hat. Dieser Churfürst spielte die

Flöte, und war ein enthusiastischer Verehrer der Tonkunst. Er zog

nicht nur die ersten Virtuosen der Welt an seinen Hof, errichtete

musikalische Schulen, ließ Landeskinder von Genie reisen; sondern

verschrieb auch noch mit vielen Kosten die trefflichsten Stücke aller

Art aus ganz Europa, und ließ sie durch seine Tonmeister aufführen.

Dadurch unterschied sich gar bald die Manheimer Schule von allen

andern: in Neapel, Berlin, Wien, Dresden war der Geschmack bisher

immer einseitig geblieben. So wie ein großer Meister den Ton angab,

so hallte er fort -- bis wieder ein anderer auftrat, der Geisteskraft

genug besaß, den vorigen zu verdrängen. _Wenn sich Neapel durch Pracht,

Berlin durch kritische Genauigkeit, Dresden durch Grazie, Wien durch

das Komischtragische auszeichneten; so erregte Manheim die Bewunderung

der Welt durch Mannigfaltigkeit._ Das Theater des Churfürsten und sein

Concertsaal waren gleichsam ein Odeum, wo man die Meisterwerke aller

Künstler charakterisirte. Die abwechselnde Laune des Fürsten trug sehr

viel zu diesem Geschmacke bey. _Jomelli_, _Hasse_, _Graun_, _Traetta_,

_Georg Benda_, _Sales_, _Agricola_, der Londoner _Bach_, _Gluck_,

_Schweizer_ -- wechselten da Jahr aus Jahr ein mit den Compositionen

seiner eignen Meister ab, so daß es keinen Ort in der Welt gab, wo

man seinen musikalischen Geschmack in einer Schnelle so sicher bilden

konnte, als Manheim. Wenn der Churfürst in Schwetzingen war, und

ihm sein vortreffliches Orchester dahin folgte; so glaubte man in

eine Zauberinsel versetzt zu seyn, wo alles klang und sang. Aus dem

Badehause seines Hesperiden-Gartens ertönte Abends die wollüstigste

Musik; ja aus allen Winkeln und Hütten des kleinen Dorfs hörte man

die magischen Töne seiner Virtuosen, die sich in allen Arten von

Instrumenten übten.

Kein Orchester der Welt hat es je in der _Ausführung_ dem

Manheimer zuvorgethan. Sein Forte ist ein Donner, sein Crescendo

ein Catarakt, sein Diminuendo -- ein in die Ferne hin plätschernder

Krystallfluß, sein Piano ein Frühlingshauch. Die blasenden Instrumente

sind alle so angebracht, wie sie angebracht seyn sollen: die heben

und tragen, oder füllen und beseelen den Sturm der Geigen. Auch in

der _Singkunst_ hat sich diese Schule rühmlichst ausgezeichnet,

obgleich das Chor der Sänger und Sängerinnen hier nie so glänzend

war, als in Berlin und Wien. Deutsche und welsche Sänger haben sich

in dieser großen Schule gebildet -- und sind hernach der Stolz

anderer Musikchöre geworden. Doch sind noch weit mehr vortreffliche

Instrumentalisten aus dieser Schule hervorgegangen. Lord _Fordice_

pflegte, als er Deutschland durchreiste, zu sagen: Preußische Tactik,

und Manheimer Musik setzen die Deutschen über alle Völker hinweg.

Und als Klopstock das dasige Orchester hörte, rief der große selten

bewundernde Mann ekstatisch aus: »Hier schwimmt man in den Wollüsten

der Musik!« -- Alle Arten der Tonkunst werden daselbst mit äußerster

Genauigkeit cultivirt. Die Kirchenstücke, -- sind tief und gründlich

gesetzt; der Opernstyl ist reich und mannigfaltig; die Pantomime des

Tänzers wird durch die passendste Melodie belebt; die Kammermusik hat

Feuer, Größe, Stärke, Abwechselung von vielen der besten Virtuosen;

auch Abwechselung des musikalischen Styls -- und in der Simphonie

strömt alles in ein unaussprechlich schönes _Ganzes_ zusammen. Die

berühmtesten Männer dieser Schule sind folgende:

_Holzbauer_, war erst Capellmeister am Würtembergschen Hofe,

dann kam er in dieser Würde in die Pfalz, und trug das meiste zur

Vollkommenheit dieses großen Orchesters bey. Er war nicht nur ein

ungemein gründlicher und fleißiger Künstler, der die Tonkunst tief und

gründlich studiert hatte; sondern ein trefflicher Kopf, dessen Musik

einen eignen Stempel hatte, wenn er gleich darin nicht eigensinnig war,

auch Gold aus fremden Ländern zu holen. _Deutschheit mit welscher

Anmuth colorirt_, war ungefähr sein musikalischer Hauptcharakter.

Durch jene wirkte er auf den Verstand, durch diese auf das Herz -- und

so traf er den ganzen Menschen. Was er in welscher Sprache setzte,

ist zwar gut; doch sieht man ihm an; daß er hier nicht recht zu

Hause war. Erst als der Geschmack am Deutschen über den Pfälzer-Hof

siegte, fühlte er sich ganz, und setzte die deutsche Oper _Günther

von Schwarzburg_. Die Poesie ist vom Professor _Klein_, einem

sonst um unsre Literatur wohl verdienten Manne -- nur war sie ihm für

dießmahl nicht eben zum besten gerathen, und sein Tonsetzer Holzbauer

flog weit über ihn weg. Die Symphonie dieser deutschen Oper ist

mit vieler Kunst und Einsicht geschrieben: in _ihr_ liegt der

Charakter der ganzen Oper eingewickelt, so daß die folgenden Scenen

gleichsam nur die Simphonie ausspinnen.

Die meisten Arien haben neue und schöne Motive, und sind sehr gut

ausgeführt. Die Duette sind meisterhaft bearbeitet, und die Chöre

heben sich durch Feyerlichkeit und Größe. Sonderlich weiß Holzbauer

die Instrumente mit großem Nachdruck zu gebrauchen, ob es gleich

scheint, daß er da und dort zu viel pinsle. Die begleiteten und

nicht begleiteten Recitative sind nicht nur grammatisch richtig, und

den Gesetzen der Declamation aufs strengste angemessen; sondern sie

werden auch durch die eingestreuten Verzierungen, durch Uebergänge

ins Arioso u. s. w. ungemein anziehend. Mit diesen Eigenschaften

ausgerüstet, wagte sich Holzbauer auch an den Kirchenstyl, der ihm

aber meiner Empfindung nach nicht so gelang, wie der dramatische.

Seine Fugen und Allabreven jagen so furchtsam durch einander, und die

Harmonie in denselben ist so dünne, daß man wohl sieht, Holzbauer

habe den Contrapunct nicht tief genug studiert. Die Kammerstücke

dieses Componisten wollen nicht viel sagen: sie sind meist steif

und altväterisch. Noch hat dieser Meister den auffallenden Fehler,

daß die von ihm gesetzten _Cadenzen_ viel zu lang sind -- nicht

abgeschöpft vom herrschenden Motive, sondern Capricen, welche die

Einheit des Ganzen zerrütten. Eine lange Cadenz ist ein Staat im

Staate, und schadet immer dem Eindruck des Ganzen. Holzbauer gehört

mithin unter unsre guten, aber nicht unter unsre vortrefflichen

Meister. Hätte er nicht seinen Günther von Schwarzburg verfertigt; so

würde man ihn kaum noch dem Nahmen nach kennen.

_Vogler._ Ein Epochenmacher in der Musik! unstreitig einer der

ersten Orgel- und Flügelspieler in Europa. Seine Faust ist rund und

glänzend. Er bringt die ungeheuersten Passagen, die halsbrechendsten

Sprünge mit bewundernswürdiger Leichtigkeit heraus. Seine Variationen

sind zauberisch, und seine Fugen mit tiefem Verstande bearbeitet.

Er phantasirt ganz vortrefflich -- ja ich behaupte, daß er besser

phantasirt als setzt. Seine Faust hat er durch beständiges Spielen

ungewöhnlich stark gemacht. Vogler besitzt unläugbar Feuer und

Genie; und doch verräth er in seinen Sätzen so wohl, als in seiner

Spielart Pedantismus. Dieß Phänomen in der Geistergeschichte wäre mir

unerklärlich, wenn man nicht dadurch Licht bekäme, daß Vogler sich

selbst ein System machte -- dem er sich sclavisch unterwirft. Er erfand

ein _Heptachord_, woraus er die Natur und den Fortschritt aller

Töne berechnen will. Sicher hat sein System viel Tiefes, und selbst

gedachtes; allein keine Kunst kann weniger das Sclavenjoch des Systems

ertragen, als die Musik. Vogler will z. B. alle gleichstimmigen

und fortschreitenden Harmonien in der Tonkunst berechnen. Diesen

Progressionen und arithmetischen Verhältnissen bleibt er so getreu,

daß sie in allen seinen Sätzen durchschimmern. _Ein Vogel am Faden

fliegt zwar auch, aber nur so weit der Faden reicht._ _Genie_

fleugt Adlerflug, trinkt Sonnenstrahlen! jedes _System_ in

allen Wissenschaften und Künsten zwängt den Geist, und hemmt den

Fortschritt der menschlichen Kenntnisse. Ein anderes ist Ordnung und

richtige Gedankenreihe, ein anderes, diese Ordnung und Gedankenreihe

so zu stellen, und durch selbstgemachte Regeln zu verpallisadieren,

daß kein Blitzstrahl einer neuen Wahrheit mehr durchdringen kann.

Das beständige Zurückdenken an todtkalte Regeln macht den Lavastrom

des Genies stocken, und statt Feuer strömt Schneewasser. In diesem

Fall ist unstreitig Vogler; daher haben seine Stücke viel Steifes,

Eigensinniges, und Kaltes. Die Armuth seiner Erfindungen ist eine

Folge der Furchtsamkeit, womit er schreibt. Wer zufrieden ist mit dem,

was er hat, wird niemahls ein Crösus werden. Vogler hat Simphonien

nach einem ganz neuen Schlage gesetzt, die ihm große Ehre machen: so

ist z. B. die Simphonie _zum Hamlet_ ein wahres Meisterstück.

Er studierte dieß große Trauerspiel zuerst, dann setzte er die

Simphonie, und drückte alle Hauptscenen mit Tönen aus. Nicht leicht

wird der Zuhörer zu einem großen Stücke durch eine musikalische

Eröffnung so ganz vorbereitet, wie durch diese Voglersche. Seine

_Clavierstücke_ sind vortrefflich zur Bildung der Faust, aber

eben nicht immer schön zum Anhören, nicht zur Bewunderung hinreißend,

nicht herzstärkend. Mit einem Wort, Vogler ist ein harmonischer, aber

kein melodischer Kopf, die Passagen in seinen Concerten, Sonaten und

Variationen sind oft äuserst schwer und stark, aber mehr Resultate

des Studiums, als des Genies: daher kann man so wenig daraus

behalten. Seine _Kirchenstücke_ sind alle mit arithmetischer

Gewissenhaftigkeit abgewogen; aber auch diesen fehlt Geistesaufflug,

Sphärenklang, Engeljubel. Seine _Fugen_ sind trefflich gesetzt,

und doch vermißt man auch an diesen harmonische Fülle. Kurz, Vogler

ist mehr vortrefflicher Spieler, als Tonsetzer. Seine Flügelbegleitung

ist unverbesserlich. Er spielt meisterhaft vom Blatt, und weiß sein

Stück aus dem Stegreif in andere Töne überzusetzen. Sein Unterricht

im _Singen_ wird gleichfalls sehr gerühmt. Er unterscheidet die

Töne der Kehle, der Nase, des Hirns, der Brust, des Magens sorgfältig

von einander. Er war der erste, der dem ekelhaften Schluchzen und

Gluchzen der italiänischen Schule steuerte, und dem Herzen des Sängers

Freyheit gab zu seufzen, wo ihm eignes Gefühl das Seufzen auspreßt. Die

vortreffliche Sängerinn _Lang_ in Wien, ist _sein_ Gebild.

Sie hat Höhe und Tiefe, und markirt die Töne mit äußerster Genauigkeit.

Sie singt mit ganzer und halber Stimme -- gleich vollkommen. Ihr

Portamento -- ihr Schweben und Tragen des Tons, ihre ausnehmende

Richtigkeit im Lesen, ihre Feinheit im Vortrag, ihr Mezzotinto -- das

leichte geflügelte Fortrollen der Töne, ihre unvergleichlichen Fermen

und Cadenzen -- auch ihren äußern majestätischen Anstand, hat sie

größtentheils diesem ihrem großen Lehrer zu danken. _Vogler_ ist

auch ein reichhaltiger musikalischer Schriftsteller geworden. Er gab

eine _Tonschule_, ein _musikalisches Tagbuch_, und andere

Schriften heraus, worin der Beweis von seinen tiefen Einsichten in

die Geschichte und den Geist der Tonkunst, zu sehr ins Auge springt,

als daß es selbst sein Gegner verkennen könnte. Seine Bemerkungen

sind oft neu, und mit wahrem philosophischen Geiste durchdacht; nur

ist sein Styl oft kostbar und pedantisch -- wie seine musikalischen

Compositionen selbst: das Haschen nach Witzeleyen, nach modischen

Phraseologien, und nach Grazie des Styls, gibt ihm oft ein widerliches

Ansehen. Statt seine natürliche Physiognomie zu zeigen, grimassirt er.

Seine besten Ausarbeitungen stehen in der deutschen Encyclopädie, und

verrathen den reifen Forscher und Denker. Auch ist der Styl hier weit

besser, als in seinen andern Schriften; vielleicht weil ihn jemand

abgeschliffen hat. Die musikalischen Artikel in diesem Werke sind

daher weit reichhaltiger, weit tiefer gedacht, als die im Sulzerschen

Wörterbuche.

_Raff._ Einer der ersten und gründlichsten Sänger in Europa.

Seine Stimme ist der schönste Tenor, den man hören kann. Er steigt bis

in die Sphäre des Alts hinauf, und eben so glücklich hinunter in die

Regionen des Basses. Seine Töne sind alle dick, voll und rein. Er singt

mit _unnachahmlicher_ Fertigkeit alles vom Blatt weg, was man ihm

vorlegt, und variert eine Arie mehrmahlen mit unbeschreiblicher Kunst.

Seine Verzierungen und Cadenzen, wie überhaupt sein musikalischer

Geschmack, sind unerreichbar schön; was er singt, singt er mit dem

tiefsten Gefühl und sein schönes Herz scheint in seinem Gesange

wiederzuhallen. Außerdem wissen vielleicht nur wenige Sänger der Welt

so gründlich über ihre Kunst zu sprechen wie Raff. Schade, daß dieser

seltne Mann jetzt altert, und schon anfängt mit seiner Stimme zu

scheitern.

_Christian Canabich._ Von der Natur selbst zum Concertmeister gebildet!

Man kann die Pflicht des _Ripienisten_ nicht vollkommener verstehen,

als Canabich. Sein Strich ist ganz original. Er hat eine ganz neue

Bogenlenkung erfunden, und besitzt die Gabe, mit dem bloßen Nicken des

Kopfes, und Zucken des Ellenbogens, das größte Orchester in Ordnung

zu erhalten. _Er_ ist eigentlich der Schöpfer des gleichen Vortrags,

welcher im Pfälzischen Orchester herrscht. Er hat alle jene Zaubereyen

erfunden, die jetzt Europa bewundert. Das Colorit der Violinen hat

vielleicht noch niemand so durchstudiert, wie dieser Meister. Es fällt

äußerst schwer, das Originelle seiner Striche zu bestimmen: es ist

bey weitem nicht Tartinische Steifigkeit, noch weniger das Laxe von

Ferrari. So zwanglos als sich nur denken läßt, führt er den Bogen,

und bringt Tiefen und Höhen, Stärke und Schwäche, auch die feinsten

Nebenschattirungen mit Vollgewalt heraus. So groß er als Concertmeister

ist, so groß ist er auch im Unterricht. Die ersten Sologeiger, und die

vortrefflichsten Ripienisten gingen aus seiner Schule hervor. Seine

originelle Art mit dem Bogen zu mahlen hat eine neue Violinsecte

hervorgebracht. In der Anführung eines Orchesters, und in der Bildung

von Künstlern, besteht sein vorzüglichstes Verdienst. Als Tonsetzer

bedeutet er in meinen Augen nicht viel. In Bizarrerien des Strichs,

im tiefen Studium des musikalischen Colorits, in einigen lieblichen

Modemaschen, besteht der ganze Charakter seiner Compositionen. Seine

Ballete sind nicht übel; allein in fünfzig Jahren wird sie kein Mensch

mehr lesen. Canabich ist ein Denker, ein fleißiger geschmackvoller

Mann -- aber kein Genie. _Fleiß_ compilirt, und seine Compilationen

zerstäuben; _Genie_ erfindet -- und seine Erfindungen wetteifern mit

der Ewigkeit. Vielleicht mag auch dieß das Feuer Canabichs schwächen,

daß er in seinem Leben keinen Wein trank.

_Toeschi._ Der zweyte Concertmeister des großen Pfalzbayerschen

Orchesters. In der Bogenlenkung ist er bey weitem kein Canabich:

dieser befehligt Heere; jener kaum ein Bataillon. Indessen besitzt er

doch etwas ganz Eigenthümliches: er hat sich eine besondere Manier

im Symphonienstyl zu eigen gemacht, von ausnehmender Kraft und

Wirkung. Sie beginnen mit Majestät, und strudeln so nach und nach im

Crescendo fort; spielen voll Anmuth im Andante, und enden sich im

lustigen Presto. Doch fehlte ihm die Mannigfaltigkeit; denn hat man

eine Symphonie von ihm gehört, so hat man sie alle gehört. Canabich

hat es mit Wassertrinken weiter gebracht, als dieser mit Weintrinken.

Toeschi errang sich einen Lorbeer, wand sich ihn phlegmatisch ums

Haupt, und entschlief darauf ganz sanft. -- Seine _Ballete_

sind mit äußerster Delicatesse bearbeitet: man sieht die Tänzer in

seinen Partituren, und nichts ist leichter, als Worte unter seine

Zaubermelodien zu legen, so rhytmisch sind sie. Süßigkeit, holde

Anmuth, und lichte Harmonie -- sind sein Hauptcharakter. Er scheint

mehr ein Schüler der Natur als der Kunst zu sein; daher kommt so wenig

Contrapunctisches in allen seinen Sätzen vor. Toeschi raffinirt nicht,

er überläßt sich ganz dem Ausguß seines Genies. Vielleicht ist er außer

Florian Deller der erhabenste Dollmetscher eines _Noverre's_.

_Wilh. Cramer_, ein Geiger voll Genie. Er bildete sich in der

Manheimer Schule, überflog aber seine Lehrmeister bald. Er hält

sich jetzt in London auf, und die Engländer nennen ihn den ersten

Violinisten der Welt. Wenn auch dieß Urtheil übertrieben seyn möchte;

so muß man doch gestehen daß er es zu einer bewundernswürdigen

Vollkommenheit auf seinem Instrument gebracht hat. Sein Strich ist ganz

original: er führt ihn nicht wie andere Geiger grade herunter, sondern

oben hinweg, und nimmt ihn kurz und äußerst fein. Niemand stakirt die

Noten mit so ungemeiner Präcision wie Cramer. Er spielt sehr schnell,

geflügelt, und dieß alles ohne Zwang; doch gelingt ihm das Adagio oder

vielmehr das Zärtliche und Gefühlvolle am meisten. Es ist vielleicht

nicht möglich, ein Rondo süßer und herzfüllender vorzutragen, als

Cramer es thut. In diesem Stücke läßt er selbst einen _Lolli_

hinter sich.

Cramer setzt seine Concerte, Sonaten und Solos alle selbst, und zwar

-- gegen die Sitte der meisten heutigen Virtuosen gründlich, und

mit trefflichem Geschmack. Niemand, der sich in der Violine bilden

will, kann die Stücke dieses Meisters entbehren. Seine Applicaturen

sind so gründlich und natürlich, daß dadurch die schwersten Passagen

erleichtert werden. Seine Gemahlinn gehört unter die ersten

Harfenspielerinnen unserer Zeit. Man glaubt ins Elysium versetzt zu

seyn, wenn sie und ihr Mann mit einander auf der Violine und Harfe

wetteifern.

_Stamitz der Vater_, ein berühmter ungemein gründlicher Violinist.

Seine Concerte, Trios, Solos, sonderlich seine Symphonien sind noch

immer in großem Ansehn, ob sie gleich bereits eine alternde Miene

haben. Den Mangel neumodischer Schnörkel ersetzt er durch andere

solidere Vorzüge. Er hat die Natur der Geige tief studiert; daher

scheinen einem die Sätze gleichsam in die Finger zu fallen. Seine Bässe

sind so meisterhaft gesetzt, daß sie den heutigen seichten Componisten

zu einem beschämenden Muster dienen können.

_Stamitz der Sohn_, der berühmteste Bratschist Deutschlands, und

einer unsrer liebenswürdigsten Componisten. Er hat das Eigenthümliche

der Bratsche tief studiert; daher spielt er dieses Instrument mit

einer bisher noch nie gehörten Anmuth. -- Die Altinstrumente müssen

ungemein fein behandelt werden, wenn sie in die Länge wirken sollen,

und diese Kunst versteht der würdige Sohn Stamiz's in vollem Maase.

Gewiß ist noch nichts Besseres für die Bratsche gesetzt worden, als er

setzte. Man findet so viel Wahrheit, so viel Schönheit und Anmuth in

seinen Sätzen, daß er in Deutschland, Italien, Frankreich und England

allgemein als ein Zögling der Grazien anerkannt wird. Auch seine

Symphonien haben ein eigenthümliches Gepräge: sie sind voll Pracht und

Harmonie. Sonderlich sind seine Andante meisterhaft gerathen -- eine

Folge seines gefühlvollen Herzens. Er ist jetzt Kammervirtuos bey der

Königinn von England.

_Filz_, gehört unter die ältern Componisten des Manheimer

Orchesters; sein Geist und seine Arbeiten aber haben ihn längst

unsterblich gemacht. Ich halte ihn für den besten Symphonienschreiber,

der jemahls gelebt hat. Pracht, Volltönigkeit, mächtiges

allerschütterndes Rauschen und Toben der Harmoniefluth; Neuheit in den

Einfällen und Wendungen; sein unnachahmliches _Pomposo_, seine

überraschenden Andantes, seine einschmeichelnden Menuets und Trios,

und endlich seine geflügelten laut aufjauchzenden Prestos -- haben

ihm bis diese Stunde die allgemeine Bewunderung nicht rauben können.

Schade daß dieser vortreffliche Kopf, wegen seines bizarren Einfalls

Spinnen zu essen, vor der Zeit verblüht ist. Seine Stücke machen sich

jetzt schon sehr selten, weil er wenig stechen ließ. Die meisten seiner

Compositionen wurden ihm gestohlen, sonst hätten wir gar nichts von

ihm; denn er dachte von seinen eigenen Arbeiten so bescheiden, daß er

aus vielen seiner trefflichsten Werke, wann sie einmahl aufgeführt

waren, Fidibus machte. Ueberhaupt besaß Filz einen ganz besondern

musikalischen und physikalischen Charakter. Er hatte viel Brittisches

in seiner Physiognomie, und in seinem ganzen Seelenzuschnitt.

_Ludw. Aug. le Brun_, ein wahrer Zauberer auf der _Hoboe_. Dieses der

Menschenstimme so nahe kommende Instrument, ist kaum hundert Jahre alt,

und _Fischer_, _Besozzi_, _Secchi_, und dieser _Le Brun_, scheinen

es doch bereits erschöpft zu haben. Le Brun hat ihm noch zwey Töne

abgenöthiget, die bisher nicht in seiner Leiter lagen -- das _D_ und

_C_. Die Hoboe hatte sonst einen gewissen Kirchweihton, der ziemlich

mit dem Gansgeschrey übereinkam. Dieser ist nun durch die genannten

großen Meister nicht nur abgeschliffen worden, sondern in einen so

reitzenden Klang umgeschaffen, daß wir dieß Instrument mit Recht

unter die angenehmsten Erfindungen des menschlichen Geistes zählen

können. Schwerlich wird man mehr etwas damit machen können, was nicht

schon Le Brun gethan hätte. Sein Ton hat die äußerste Delicatesse.

Er seufzt, girrt, klagt und weint nicht nur, sondern spielt auch in

den hellen Farben der Freude. Ihm gelingt das rasche Presto, wie

das tiefaufseufzende Largo. In seinen Concerten überwindet er alle

Schwierigkeiten, und in seinen Solos ist er ganz Gefühl. Er setzt

sich seine Stücke meist selbst, wenn er gleich in mehr als einem

Style bläst. Seine Compositionen sind ausnehmend fein und süß wie

Nectartropfen. Er hat _Ballete_ und _Kammerstücke_ verfertigt, die vom

gebildetsten Geschmacke zeugen. Der Aetherstrahl des _Genies_ zuckt in

allem was er schreibt -- was er vorträgt. Er hat sich also mit Recht

die Bewunderung von Frankreich und Deutschland erworben. Ob er gleich

nicht so gelehrt ist als Bessozzi, so hat er doch unstreitig mehr Genie

als dieser.

_Franzisca Danzy_, Gattinn des vorigen, die Tochter eines

berühmten Pfalzbayerschen Violoncellisten, der jedoch mehr in der

Begleitung, als im Solo excellirt. Seine Tochter aber ist die erste

Sängerinn des Churfürsten. Unter allen bis jetzt lebenden Sängerinnen

brachte noch keine ihre Stimme zu der bewundernswürdigen Höhe, als

sie; denn sie erreichte mit derselben das dreygestrichene a, und zwar

nicht mit stumpfer Intonirung, sondern mit Klarheit und Deutlichkeit.

Die Coloraturen, sie mögen so schwer seyn als sie wollen, bringt sie

mit vieler Richtigkeit heraus; nur ist in rührenden und gefühlvollen

Arien ihr Ton nicht dick genug. Sie scheint mehr glänzen, als das Herz

treffen zu wollen, auch scheint ihr Geist mehr Neigung zum komischen

als zum tragischen Vortrage zu haben. Sie war zugleich eine elegante

Clavierspielerinn und setzte sich für ihr Instrument mehrere Sonaten,

die voll schöner Harmonie und innigen Gefühle sind.

_Wendling_, ein vorzüglicher Flötenspieler, der echte Grundsätze

mit fertiger Ausführung zu verbinden weiß. Sein Vortrag ist

deutlich und schön, und die Töne in der Tiefe und Höhe gleich voll

und einschneidend. Er ist stolzer darauf, das Schöne und Rührende

hervorzubringen, als das Schwere, Schnelle, Ueberraschende. Er pflegt

dießfalls die Freunde der Schwierigkeit nur Luftspringer und Gaukler

zu nennen; und hierin hat er nur halb Recht: denn die glückliche

Besiegung großer Schwierigkeiten ist immer ein Hauptzug im Charakter

echter Kraftmänner gewesen. Das beständige Suchen und Haschen nach

schmelzenden Tönen lähmt die Faust.

Seine Compositionen sind ungemein gründlich, und passen der Natur

seines Instrumentes genau an. Zwar altern seine Melodien wie er

selbst; dem ungeachtet müssen seine Stücke von jedem Instrumentisten

mit Sorgfalt studiert werden. _Seine Gemahlinn_ hat sich als

eine unsrer besten Theatersängerinnen ausgezeichnet. Sie figurirte im

französischen, welschen und deutschen Spiele; doch im komischen Fache

weit mehr als im tragischen. Sie fing zu früh an zu schettern -- was

im ernsthaften Vortrag die widrigste Wirkung macht. Die _Tochter_

dieses musikalischen Ehepaars war zwar ehemahls die erste Schönheit im

Orchester; aber die natürliche Kälte ihres Charakters machte sie im

Sang und Flügelspiel beynahe unbedeutend.

_Fränzel_, einer der lieblichsten Violinisten unsrer Zeit --

gleich stark in der Begleitung wie im herrschenden Vortrag. Sein Strich

hat so viel Delicatesse und wiegende Anmuth, daß ihn niemand ohne

tiefe Rührung hören kann. Er ist kein Sclave von seiner eignen Manier,

sondern trägt auch fremde Arbeit mit Wärme vor. Die von ihm gesetzten

Violinstücke, gehören unter die besten dieser Art: sie sind zwar nicht

brausend und feurig, aber desto tiefgefühlter, inniger, und voll von

neuen melodischen Gängen. Die _Hollandois_, _Rondos_, und

andere dergleichen süße Erfindungen der Musik, gelingen ihm sonderlich

bis zur magischen Täuschung. Sein Allegro rollt so leicht und zwanglos

weg, daß er nichts zu thun scheint -- wenn er alles thut. Vielleicht

ist nur seine Bogenlenkung etwas zu verkünstelt und gezwungen;

wenigstens ist sie nicht so frey wie Lollis seine.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 8 / 22 段