Benda hat noch dieß ganz Eigene, daß er gegen das Herkommen, den

Contrapunct auch im _dramatischen_ Style anwendet. Er braucht

z. B. das Allabreve und Fugenartige mehr als einmahl, und immer

mit ausnehmender Wirkung. Auch als Erfinder hat er sich rühmlichst

gezeigt. Er war in Deutschland der erste, der die musikalischen

oder declamatorischen Dramen in Aufnahme brachte, und die Sprache

des Schauspielers durch seine Zaubermelodien hob. Diese seine große

Erfindung ist unter dem Nahmen _Melodram_ bald in ganz Europa mit

allgemeinem Beyfall aufgenommen worden: auch diese herrliche Idee ist

also von ihm auf deutschen Boden verpflanzt worden. Durch sie ist die

Würde der Declamation auf den äußersten Gipfel erhoben. Jedes Zeichen

der Bewunderung, Ausrufung, Frage; jedes Comma, jeder Ruhepunct, jeder

Strich des Denkens oder der Erwartung; jedes aufbrausende oder sinkende

Gefühl des Declamators; jede kaum merkliche Verflößung der Rede wird

durch diese Art der Tonkunst ausgedrückt. Zuweilen stürzt auch die

musikalische Begleitung in die Rede selber, aber nicht sie zu ersäufen,

sondern sie auf ihren Fluthen zu tragen. Benda's Meisterstücke dieser

Art, sind seine _Medea_, und _Ariadne auf Naxos_. In beyden

Melodramen sind die Gedanken und Empfindungen des Dichters so ganz

durch die Musik ausgedrückt, daß auch der geizigste Hörer befriedigt

vom Parterre, oder aus der Loge geht. Die _Eröffnungen_ zu diesen

neuen Schauspielen, und die darin vorkommenden _Märsche_, sind

einzig in ihrer Art. Alle bis jetzt in Gang gebrachten musikalischen

Bewegungen hat Benda in diesen Dramen angebracht. Und doch ist alles

so leicht gesetzt, daß nur mäßige Fertigkeit dazu gehört, um es

schicklich vortragen zu können. Hang zur _süßen Schwermuth_

scheint indessen doch der Hauptcharakter Bendas zu seyn: daher gelingen

ihm Stellen dieser Art immer vor allen andern. Das _Entsetzliche_

und _Schauervolle_ aber liegt nicht so ganz in seiner Sphäre.

Er würde also auch nicht zu einem vollen musikalischen Ausleger

_Shakespear's_ taugen. Seine Phantasie ist nicht wild, sondern dem

Scepter der Vernunft unterthan. Sein Wiz buhlt nicht durch Harlekinaden

um den Beyfall des Publicums; sondern er zeigt sich nur durch die

liebliche _Ausbildung_ seiner musikalischen Ideen. Sein Colorit

ist nicht blendend, aber äußerst lieblich, und warm wie sein Herz.

Auch das _Naive_ gelingt ihm ausnehmend; nur das Groteskkomische

mißlingt ihm immer. Den Gesang hat er mit großer Kraft und Wirkung

studiert. Eine Stimme von _mäßigem_ Umfange kann im Vortrag einer

Bendaischen Arie glänzen.

Auch in _Kirchenstücken_, hat sich dieser große Mann

ausgezeichnet. Wir besitzen ein paar Kirchen-Jahrgänge von ihm, die es

dem ganzen Deutschland beweisen, wie stark Benda im kirchlichen Pathos

war. Wo es in unserm Vaterlande Kirchenmusik gibt, da sind auch seine

Cantaten aufgeführt worden. Selbst in den kleinsten musikalischen

Städten; auch auf Dörfern, wo man nur einigermaßen Musik kennt, ist

Benda bekannt. Nur muß man bedauern, daß er die Discantstimme bisweilen

viel zu hoch gesetzt hat, als daß man sie überall heraus bringen

könnte. Das _D_ z. B. gehört schon zur Leiter der Stimmen von

großem Umfang.

Und doch ist mit allem Gesagten das Verdienst des großen Mannes noch

nicht erschöpft. Er setzte auch verschiedene _weltliche Cantaten_

in Musik. Wen reißt nicht seine _Lalage_ von Kleist zum Entzücken

hin? Thränen stürzen, wenn die Stelle beginnt: Nur einen Druck der

Hand etc. und endlich der Seufzer, mit dem das Stück schließt,

das wimmernde _Lalage_ durchschneidet Mark und Bein. Auch die

_Clavierstücke_ dieses Meisters sind trefflich gerathen, und

beweisen, daß sein großer Geist in verschiedenen Stylen mit Glück zu

arbeiten wußte. Und diesen großen Beyfall behauptet nun Benda seit

dreyßig Jahren, nicht in abnehmender, sondern in immer steigender

Gradation. Welch einen Glanz verbreitet nicht dieser unsterbliche Mann

auf die musikalische Geschichte unsers Vaterlandes!

_Schuster_, aus Dresden gebürtig, jetzt Capellmeister in Neapel.

Schon im fünf und zwanzigsten Jahre trat er als Nebenbuhler des

großen Jomelli's auf, und rang ihm selbst in Neapel durch eine Oper

den Preis ab. Sein Satz ist kühn und feuervoll. Er verbindet welschen

Melodienschwung mit deutscher Gründlichkeit, und macht nicht immer

Verbeugungen vor dem Modegeschmack unsrer verdorbenen Zeitgenossen.

Er steigt zwar manchmahl zum Hörer herab; aber noch öfter zieht

er ihn zu sich hinauf. Er liebt mehr den simpeln, als den krausen

Gesang. Seine Instrumenten-Begleitung ist feurig, ohne den Gesang

zu übertäuben. Seine Modulationen sind kühn und überraschend; seine

Arienmotive neu und eindringend. Seine _Duette_ bearbeitet er mit

Graunischem Genie. Nur vernachlässigt er zuweilen seine _Chöre_,

die oft mehr brausen und toben, als durch richtige Harmonien auf den

Hörer wirken. Schusters Ruhm ist in Neapel, Rom, Mantua, Florenz und

Turin so verbreitet, daß ihn die Welschen selbst unter die ersten

Tonsetzer der Zeit erhoben haben. So vortrefflich er im Opernstyl

ist, so behaupten doch die Italiäner, daß er im Kirchenstyle noch

trefflicher sey. Er hat für den letzten Papst, einen großen Kenner der

Tonkunst, ein _Oratorium_ verfertigt, wofür er tausend Zechinen,

nebst einer goldenen mit Brillianten besetzten Uhr erhielt. Dieser

Umstand ist desto merkwürdiger, da Schuster ein Lutheraner ist. Er hat

zugleich das _Fortepiano_, auf welchem er großer Meister ist, in

Italien eingeführt, und dem stolzen Welschen die Manier gewiesen, dieß

Instrument zu behandeln. Schuster arbeitet schon seit vier Jahren an

einer deutschen Oper, wozu ihm ein berühmter Dichter den Text geliefert

hat. Wenn diese erscheint, so wird ihn Deutschland noch mehr kennen,

und ihn so hoch schätzen, als ihn bereits das Ausland schätzt.

_Rolle._ Hat sich durch seine Kirchen-Jahrgänge, Cantaten,

Oratorien, Motetten, Orgel- und Clavierstücke, weltberühmt gemacht.

Aeußerste Präcision des Satzes, Ernst und Würde im Ausdruck, herrliche

Bässe zeichnen seine Musik aus. Seine Recitative sind mit vieler Kunst

bearbeitet, und seine Chöre voll Hoheit.

_Abraham auf Moria_, und _Lazarus_, von dem innigen warmen

Dichter Niemeyer verfertigt, sind seine Meisterstücke. Besonders kann

man seinen Lazarus nicht anhören, ohne von der entzückenden Hoffnung

der Auferstehung durchdrungen zu werden. Nur haben es die Hyperkrittler

tadeln wollen, daß er Jesum singend eingeführt hat. Allein fürs erste

mußte er hier dem Dichter folgen; und zweytens, ist aus der Geschichte

gewiß, daß Jesus in seinem Leben wirklich gesungen hat. Kurz vor seinem

Leiden stimmte er den gewöhnlichen _Lobgesang_ an, der nach einer

damahls bekannten Melodie von allen gottesfürchtigen Juden mehrmahls

gesungen zu werden pflegte. Wer kann es also einem Rolle verargen,

wenn auch er Christum -- und zwar mit aller ihm möglichen Würde singen

läßt? -- Sonderlich ist Rolle ein großer Meister in der Bearbeitung der

_Fugen_, und diejenige Fuge, welche im Lazarus vorkommt, verdient

unter die ersten Stücke dieser heutiges Tags so verkannten Musikart

gesetzt zu werden. Auch die Clavierstücke von diesem Meister haben viel

Werth; doch ist er hierin von manchem andern übertroffen worden.

_Neefe._ Einer der gründlichsten und gefälligsten Tonsetzer unserer

Zeit. Er hat sich durch komische Opern, Lieder, Clavierstücke, -- am

meisten aber durch die in Musik gesetzten Klopstockschen Oden bekannt

gemacht. Letztere Arbeit war in der That ein kühnes Unternehmen,

und es ist ihm herrlich gelungen. Die Melodien sind meist dem großen

Geiste Klopstocks angemessen, und drücken seine tiefe, schwermüthige

Empfindung ganz vortrefflich aus. _Bardale_, die _Sommermondnacht_,

die Elegie _Salmar_ und _Selmar_, und das Stück aus dem Ossian: »_Komm

zu Fingals Feste_« zeichnen sich vor andern aus. Nur gelingen ihm die

Stellen, wo sich der hohe Odenschwung des Dichters am meisten zeigt,

nicht so gut -- wie die schwermüthigen und zärtlichen Stellen. Neefes

Satz ist sehr rein, und seine Melodien sind oft zauberischschön. In

der Wahl der Tonarten ist er sehr glücklich, indem er es tief fühlt,

daß ein jedes gutes Gedicht seinen eigenen musikalischen Ton hat.

Z. B. das vortreffliche Klopstocksche Gedicht an _Zidly_, wo er sie

schlafend antrifft, würde in allen chromatischen Tönen verlieren; da

es hingegen in diatonischen Tönen, etwa in _Es_dur, sonderlich in

_As_dur seine volle Kraft erhält. Die Lieder von diesem Tonsetzer sind

äußerst sangbar, und von ungemein reitzenden Melodien: sie verdienen

sehr, unsern Sängern und Sängerinnen aufs Flügelpult gelegt zu werden.

Noch muß ich die Bemerkung hinsetzen, daß Neefes Klopstocksche Oden

und Lieder auf einem guten Clavichord am besten vorgetragen werden

können, weil man hier die gefühlvollen Stellen -- das Seufzende,

Klagende, Weinende, die sanften Uebergänge, die Träger und Mitteltinten

am besten ausdrücken kann. Die komischen Opern von diesem Meister

enthalten zwar manche schöne Stelle, zeigen aber doch, daß Neefes

Geist nicht für das komische Theater gemacht ist. Mir däucht, Neefe

würde als Kirchen-Componist am meisten glänzen. Leider ist aber seine

jetzige Bestimmung seinem Geiste nicht angemessen. Er hält sich als

Musikmeister bey der Seilerschen Schauspielergesellschaft auf. -- Neefe

zeichnet sich auch dadurch vor vielen Musikern aus, daß er sehr gut

deutsch schreibt. Man hat im deutschen Museum, und in andern deutschen

Monathschriften, einige Abhandlungen über musikalische Gegenstände von

ihm, die ungemein gut und gründlich geschrieben sind.

_Wolf_, Capellmeister in Weimar, zeichnet sich mehr durch tiefe

Gründlichkeit als durch Geniuskraft aus. Er ist ein sehr guter

Clavierspieler, hat einen äußerst reinen und genauen Vortrag, bleibt

sich immer gleich, wird aber nie feurig. Seine Clavier-Concerte

erfordern einen starken Spieler; doch sind wenig gewagte Stellen

darin. Wolf hat auch einige Cantaten von unserm _Herder_ in Musik

gesetzt, die viel Geschicklichkeit zum Heldenstyle verrathen. Seine

Chöre sind voll, stark, harmoniereich: nur sind seine Arien nicht

sangbar genug; auch verstößt er zuweilen wider das Eigenthümliche

der begleitenden Instrumente. Unter seiner Anführung hat sich das

Weimarsche Orchester sehr gut ausgebildet.

_Steinhard_ ist einer unserer besten Flötenspieler, und seine Frau

eine sehr correcte Sängerinn. Auch fehlt es daselbst nicht an guten

Violinisten, und Blas-Instrumentisten, weil der jetzige Herzog sehr

viel Geschmack hat, und sein Geheimerath, der berühmte _Göthe_,

alles dazu beyträgt, um die Musik an diesem Hofe immer glänzender

zu machen. Ueberhaupt kann man sagen, daß der Enthusiasmus für die

Musik in Sachsen allgemein ist. Personen vom allerersten Range treten

in öffentlichen Concerten auf, und wetteifern mit Virtuosen. Die

letzt verstorbene Churfürstinn von Sachsen schrieb unter dem Nahmen

_Ermelinda_ eine sehr artige Oper, dabey sang sie und spielte

den Flügel gut. Graf Brühl, und mehrere Große des Hofs haben sich als

Meister auf dem Claviere ausgezeichnet; und es gibt heutiges Tags

wenige sächsische Damen von Bildung, welche nicht auf dem Fortepiano,

oder im Gesang brillirten.

Echt deutsche Gründlichkeit, mit zarter gefälliger Melodie vereint, ist

im Durchschnitt genommen der Hauptcharakter der jetzigen sächsischen

Musik. Nur scheint sie durch den überhandnehmenden Operettengeschmack,

der beynahe an Manie gränzt, seit einiger Zeit ins Kleine und Tändelnde

ausarten zu wollen. Durch die Erfindung des _Notendrucks_, wodurch

sich _Breitkopf_ unsterblich gemacht hat, können nunmehr die

besten Stücke schnell in Umlauf gesetzt werden, und der musikalische

Geschmack verbreitet sich weit leichter. Als vormahls alle Stücke

gestochen wurden, waren sie sehr kostbar. Durch den Notendruck aber

erhält man jetzt für einen Louisd'or, was man ehemahls mit mehrern kaum

erkaufen konnte. Auch sind die gedruckten Noten jetzt so schön, rein

und deutlich, daß sie mit den besten gestochenen in Paris, London,

Berlin und Nürnberg wetteifern.

Pfalz-Bayersche Schule.

Es ist schon oben einmahl erwähnt worden, daß die Herzoge und

Churfürsten von Bayern von jeher große Verdienste um die Musik hatten,

und daß die Nation überhaupt ungemein musikalisch sey. Jeder Reisende,

der Ohr und Herz mitnimmt, wird dieß mit Vergnügen bemerken, wenn er

Bayern, diese ehrwürdige graue Provinz durchreist. Alles singt und

klingt unter ihnen, und selbst ihre so verschriene rauhe Sprache wird

im Munde eines Bayerschen Mädchens, wenn sie ein Volkslied singt,

sonor und lieblich. Besonders zeichnet sich der Bayersche Gesang

durch den ungewöhnlich schnellen Gebrauch der Zunge aus, da sie im

Stande sind, jede Note des geflügeltesten Läufers mit einer Sylbe zu

belegen, das Drollige, Burleske, Niedrigkomische -- drückt keine Nation

besser aus, als der Bayer und Salzburger. Von den Herzögen von Bayern

in den ältesten Zeiten, in Absicht auf ihr musikalisches Verdienst,

ist bereits das Nöthige erinnert worden. Auch die Churfürsten dieses

Hauses behielten den Enthusiasmus für die Tonkunst bey. _Maximilian

Emanuel_, einer der größten deutschen Helden, unterhielt ein

sehr wohl eingerichtetes Orchester, und beförderte vornehmlich die

Kirchen-Musik. Jedes Kloster in Bayern hat wieder seinen eignen

Musikchor, wo oft herrliche im wahren Kirchenstyl geschriebene

Stücke zum Vorschein kommen. Die vielen Kirchen in München tönen

Jahr aus Jahr ein von Liedern und Hymnen wieder: und viele dieser

Anstalten zur Aufnahme der Tonkunst hat Bayern diesem wahrhaft großen

Churfürsten zu verdanken. Die vielen Kriegsunruhen in welche er sich

verwickelte, machten ihn zwar weniger empfänglich für die stillen

Freuden der _Tonkunst_; allein seine weisen Verordnungen zur

Aufnahme derselben dauerten indeß doch mitten unterm Kriegsgetümmel

fort. Auch in den übrigen Städten, selbst in den Dörfern seines

Landes, verbreiteten sich diese wohlthätigen Anstalten. Man hört seit

dieser Zeit, auf den geringsten Dörfern in Bayern, nicht selten guten

Gesang, von den Bewohnern des Dorfes mit Instrumenten begleitet. Der

Kirchenstyl durch ganz Bayern hat vor andern deutschen Provinzen noch

das meiste von seiner alten Würde und Hoheit beybehalten. Hierzu tragen

die trefflichen Discant- und sonderlich Baß-Stimmen, die man in Bayern

in ungewöhnlicher Tiefe und Stärke antrifft, gewiß sehr vieles bey.

_Kaiser Carl VII._ aus dem Hause Bayern, vereinigte noch

_Pracht_ mit allen diesen Eigenschaften. Er unterhielt gegen zwey

hundert der trefflichsten Musiker, und weil er ein Freund der Welschen

war; so verschrieb er viele Sänger, auch Componisten und Concertmeister

aus Italien. Dadurch bekam der musikalische Geist der Bayern eine etwas

andere Richtung. Man nahm sehr vieles vom welschen weichen Gesang an,

ohne das Eigenthümliche der Nation dabey aufzuopfern. Inzwischen muß

man doch gestehen, daß der Bayersche Nationalgeschmack überhaupt mit

dem welschen bis zur Täuschung sympatisirt: daher fällt es oft bis

zur lauten Lache auf, wenn man einen drolligen Bayerschen Text mit

dem welschen süßen Gesange, oder einer schmelzenden welschen Melodie

absingen hört. Carl der VII. war selbst ein Kenner der Tonkunst. Er

spielte den Flügel und die Violine mit ziemlicher Fertigkeit, und soll

selbst einige Stücke in Musik gesetzt haben; -- die man natürlicher

Weise lobte, weil er Kaiser war. Die traurigen Schicksale dieses

Kaisers, da er fast bis ans Ende seines Lebens ein Flüchtling war, und

München dem Feinde preis geben mußte, haben das Leben und Weben der

Musik in Bayern in ziemliche Stockung gebracht. Die großen Virtuosen

verloren sich nach und nach, und das Freudengejauchz der Bayern

wandelte sich in Jammergeheul.

Nach dem Tode dieses weisen aber unglücklichen Kaisers kam sein Sohn,

der fromme _Maximilian Joseph_ an die Regierung. Kaum hatte er

Frieden mit seinen Feinden geschlossen, so kehrte die verscheuchte

Harmonia mit ihrem Gefolge in seine Staaten zurück. Dieser Churfürst

war selbst ein trefflicher Tonkünstler. Er spielte die Viol di Gamb als

Meister, strich in seinen meisten Concerten immer die Violine mit, und

setzte einige Kirchenstücke auf, die im besten Geschmack geschrieben

sind. Da er so ganz für die Andacht gestimmt war, so weihte er seine

Musik auch ganz der Religion. Er stellte gar bald sein Orchester wieder

her, und setzte den italiänischen Capellmeister _Tozzi_ darüber,

der aber über weit größere Leute zu befehlen hatte, als er selbst war:

denn Tozzi setzte nur mittelmäßig, verstand aber doch die Kunst sehr

wohl, Sänger abzurichten. Da der Churfürst ein ekstatischer Verehrer

des Gesangs war; so unterhielt er immer die vortrefflichsten Sänger

und Sängerinnen an seinem Hofe, worunter sich die ersten Castraten der

damahligen Zeit befanden. Da aber diese zur welschen Schule gehören, so

übergehen wir sie, und bleiben bey der deutschen stehen. Unter diesem

Churfürsten zeichneten sich folgende Musiker aus:

_Joseph Michel._ Ein Componist von vielem Kopfe. Da er bloß für

den Hof arbeitete; so sind von seinen Stücken nur wenige unter das

Publicum gekommen. Er übertraf in der Setzkunst den Tozzi weit, setzte

Opern und Kirchenstücke mit viel Geschmack und Gründlichkeit, und

zeigte sich auch im Kammerstyle auf der vortheilhaftesten Seite. Sein

anmuthiger lichter Geist ist auch in seinen Compositionen sichtbar.

Seine Sätze sind nicht mystischdunkel -- wie Orakelsprüche aus dem

Munde eines kupfernen Götzen gedonnert; aber leicht und allgemein

verständlich. _Musikalischer Gemeinsinn_ ist der Hauptzug in

seinem Charakter; darum war er ein allgemein beliebter Componist. Er

hat späterhin auch einige deutsche Singstücke verfertigt, wo sein

Geist höhern Schwung nahm, und mehr Deutschheit auszudrücken suchte.

Zwar hielt sich Michel einige Jahre in Italien auf, behielt aber

doch seinen Nationalzuschnitt so bey, daß der Bayersche Musikgeist in

allen seinen Stücken durchblitzt. In seinen Kammerstücken ist leichter

Fluß, und viel Instrumentaleinsicht. Kurz, wenn Michel auch kein

Originalgenie war; so besaß er doch treffliche musikalische Anlagen.

_Johann von Kröner._ Erster Concertmeister des Churfürsten,

und zugleich Lehrer des Prinzen in der Violine. Der Churfürst stand

gewöhnlich neben ihm, wenn eine Symphonie aufgeführt wurde, und spielte

mit ihm die Violine. Kröner war ein ungemein guter Ripienist, nur

verstand er die Kunst nicht, ein Orchester mit Vortheil zu lenken;

daher ging es hier oft sehr anarchisch zu. Der Churfürst sah den

Unfug wohl, aber er steuerte demselben aus Güte des Herzens so wenig,

als er dem politischen Unfug seiner Minister steuerte. Dieser Kröner

zeichnete sich auch im Sologeigen besonders aus: er hatte einen

ungemein insinuanten Strich, kurz, aber niedlich; nur fiel er dadurch

zu sehr ins Gepiü, als den ernsthaften Vortrag.

_Reuner_, ein großer _Fagotist_, gleich stark im Presto,

wie im zerschmelzenden Adagio. Sein Ton war rein und voll, und sein

Geschmack sehr delicat. Nur vermied er nicht immer das Knarren und

Brummen der tiefen Töne, wobey man oft glaubte, zwey verschiedene

Spieler ließen sich hören; ein schlechter und ein guter. Er setzte

seine Concerte und Sonaten meist selbst, mit Einsicht und Geschmack,

und trug sie trefflich vor. Er gehörte unter die ersten Verbesserer

dieses ehemahls so widrigen Baßinstruments in Europa. Seine

eigensinnigen Urtheile über die Musik, und sein massiver Bayrischer

Charakter, verdunkelten seinen Ruhm in etwas.

_Secchi_, der süßeste liebenswürdigste Hautboist seiner Zeit.

Die Töne seufzten unter seinen Lippen aus seiner schönen jugendlichen

Seele, und ergossen sich in sein Zauberinstrument. Er spielte nicht,

er _sang_. Schwierigkeiten brachte er niemahls vor, denn sein

Studium war Grazie. Die Mitteltinten, das Halten und Sinken der Töne,

der wollüstige Uebergang von einer Ausschweifung ins Hauptmotiv; die

kleinen Verzierungen, und sonderlich seine meisterhaften Cadenzen, --

rissen alle Hörer mit sich fort. Er war in der Begleitung wie im Solo

gleich stark, und der geschickteste Sänger hatte oft genug zu thun,

noch neben ihm zu glänzen.

Zu bewundern war es, daß unter diesem Churfürsten nie ein großer Orgel-

oder Clavierspieler sich auszeichnete. Nur da und dort fand man in

den Klöstern einen Mönch oder Priester, der die Orgel zu behandeln

wußte; aber an seinem Hofe gab es kaum erträgliche Klimperer. Die

Damen des Hofs pflegten gemeiniglich den Flügel bey Concerten zu

begleiten; Solospieler aber hörte man nie, außer wenn sich Fremde hören

ließen. Die verwitwete Churfürstinn von Sachsen war die erste, die

ein Spathsches Fortepiano von Regensburg verschrieb, und dadurch dem

Geschmack fürs Clavier in etwas aufhalf. Nach dem Tode des Churfürsten

wurde die Pfalz mit Bayern vereinigt, und das große Mannheimer

Orchester schmolz dadurch mit dem Bayerschen zusammen -- so daß es

jetzt eines der ersten Orchester der Welt ist.

Schon in den ältesten Zeiten, waren die Pfalzgrafen am Rhein

große Verehrer der Tonkunst. Wenn nicht die berühmte Heidelberger

Bibliothek durch das kläglichste Schicksal nach Rom gekommen wäre

so würden wir Documente genug finden, welche die älteste Geschichte

der Tonkunst in diesem Hause erläuterten. Soviel weiß man indessen

doch gewiß, daß gleich nach den Zeiten der Reformation, als die

Pfalzgrafen zur protestantischen Kirche übertraten, sehr schöne

Anstalten zur Aufnahme dieser Kunst gemacht wurden. Man stellte in

Städten und Dörfern Cantoren und Vorsänger an, welche die Jugend im

Choralgesang unterrichten, und die deutschen Lieder im Lande allgemein

machen mußten. Als die Fürsten dieses Hauses noch in Heidelberg

residirten, hatten sie immer ein Musikchor um sich. Man liest es in

der altdeutschen Geschichte mit Vergnügen, wie die alten Pfalzgrafen

mit ihren Prinzen und Prinzessinnen, auch vielen stattlichen Rittern

und weidlichen Männern um die Tafel saßen, jeden Bissen gleichsam mit

Musik würzten, und den Geist des duftenden Rheinweins unter Gesängen

schlürften.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 7 / 22 段