welschem Geschmack aufgeführt, und zwar mit größerer Pracht als in
Italien selbst. Elephanten und Löwen sah man da nicht ausgestopft
wie in Welschland, sondern in furchtbarer Wirklichkeit auftreten.
Decorationen, Maschinerien, Flugwerk das alles erblickte man zum
erstenmahl in Deutschland in seiner vollen Herrlichkeit. Nur war sein
Orchester zu stark, und zu sehr durch einander gemischt, als daß es
gehörig hätte wirken können: man verglich es mit dem Tosen des Meeres,
das die hülferufende Stimme des Nothleidenden verschlingt. Von dieser
Zeit an bekam der Geschmack der Sachsen in der Tonkunst eine neue
Richtung; denn alle übrigen Sachsen bildeten sich nach Dresden.
_August II._ behielt diesen Enthusiasmus für die Tonkunst. Die
Opern dauerten in ihrer ungewöhnlichen Pracht fort, daß sogar Welsche
herbeyströmten, und mit heimlichem Neide den Fortgang der sächsischen
Tonkunst anschielten. Unter seiner Regierung hat sich das Orchester
immer mehr abgeglättet, und Stärke mit Anmuth zu vereinigen gelernt.
Die größten Componisten der Welt sind aus dieser Schule hervorgegangen,
und zwar nicht bloße Grübler und Krittler, sondern gründliche wahrhaft
genialische Tonsetzer, die geradezu aufs Herz wirkten.
Die ersten Capellen Europens sind in diesem Jahrhunderte mit Sachsen
besetzt gewesen. Sie, die Sachsen allein, können mit ganz Welschland,
ohne das übrige Deutschland wetteifern. Wenn die Tonkunst einen
Tempel hätte, so müßten folgende Büsten darin, als heilige Denkmähler
aufgestellt werden.
_Joh. Dav. Heinichen_, groß im _Kirchenstyl_, größer noch in
der musikalischen _Theorie_. Sein Generalbaß in der Composition
ist bis auf unsere Zeiten, von allen gründlichen Musikern als ein
kanonisches Buch verehrt worden. Er drang tief ins Wesen der Tonkunst
ein, berechnete ihre feinsten Verhältnisse, zeigte die Mystik der
gegenseitigen Bewegung, oder den _Motus contrarius_; lehrte
die Bässe mit äußerster Gewissenhaftigkeit beziffern; machte den
Accompagnisten auf die Beugsamkeit aufmerksam, sich unter den Sang zu
schmiegen, und gab die herrlichsten Grundsätze zur Setzkunst. Indessen
blickt durch seinen Satz eine gewisse Aengstlichkeit durch, die seine
allzu weit ausgebreiteten theoretischen Kenntnisse veranlassen mußten.
_Sebastian Bach._ Unstreitig der Orpheus der Deutschen!
unsterblich durch sich, und unsterblich durch seine großen Söhne.
Schwerlich hat die Welt jemahls einen Baum gezeugt, der in einer
Schnelle so unverwesliche Früchte trug, wie dieser Zedernbaum.
_Sebastian Bach_ war Genie im höchsten Grade. Sein Geist ist so
eigenthümlich, so riesenförmig, daß Jahrhunderte erfordert werden,
bis er einmahl erreicht wird. Er spielte das _Clavier_, den
_Flügel_ und das _Cymbal_ mit gleicher Schöpferkraft; und in
der _Orgel_ -- -- wer gleicht Ihm? wer war ihm je zu vergleichen?
-- Seine Faust war gigantisch. Er griff z. B. eine Duodezim mit der
linken Hand und colorirte mit den mittlern Fingern dazwischen. Er
machte Läufe auf dem _Pedal_ mit der äußersten Genauigkeit; zog
die Register so unmerklich durch einander, daß der Hörer fast unter
dem Wirbel seiner Zaubereyen versank. Seine Faust war unermüdet und
hielt tagelanges Orgelspiel aus. Er spielte das Clavier eben so stark
als die Orgel und umschrieb alle Theile der Tonkunst mit atlantischer
Kraft, der komische Styl war ihm so geläufig, wie der ernste. Er war
Virtuos und Componist in gleichem Grade. _Was Newton als Weltweiser,
war Bach als Musiker._ Er hat sehr viele Stücke gesetzt, so wohl
für die Kirche als für die Kammer, aber alles in einem so schweren
Style, daß seine Stücke heut zu Tage höchst selten gehört werden.
Seine _Jahrgänge_, die er für die Kirche schrieb, trifft man
jetzt äußerst selten an, ob sie gleich ein unerschöpflicher Schatz
für den Musiker sind. Man stößt da auf so kühne Modulationen, auf
eine so große Harmonie, auf so neue melodische Gänge, daß man das
Originalgenie eines Bachs nicht verkennen kann. Aber die immer mehr
einreißende Kleinheitssucht der Neueren, hat an solchen Riesenstücken
beynahe gänzlich den Geschmack verloren. Eben dieß läßt sich von seinen
Orgelstücken behaupten. Schwerlich hat je ein Mann für die Orgel mit
solchem Tiefsinn, solchem Genie, solcher Kunsteinsicht geschrieben,
als Bach -- aber es gehört ein großer Meister dazu, wenn man seine
Stücke vortragen will; denn sie sind so schwer, daß kaum zwey bis drey
Menschen in Deutschland leben, die sie fehlerfrey vortragen können.
Eine Phantasie, eine Sonate, ein Concert oder figurirter Choral für die
Orgel von _Bach_ gesetzt, -- hat gewöhnlich _sechs Zeilen_:
zwey für das obere Manual, zwey fürs untere und zwey für das Pedal.
Die Register sind meistens bemerkt, die man in der Geschwindigkeit zu
ziehen hat. Das Pedal ist ungewöhnlich beschäftigt, und die Ligaturen,
die laufenden Sätze und andere Verzierungen für die Orgel, sind so
schwer gesetzt, daß man oft stundenlang über einer Zeile nachdenken
muß. Ueber dieß hat öfters die linke und rechte Faust, Decimen- auch
Duodecimen-Griffe, die nur ein Gigant herausbringen kann.
_Bachs Clavier-Arbeiten_ haben zwar die Grazie der heutigen nicht,
sie ersetzen aber diesen Mangel durch Stärke. Wie viel könnten unsere
heutigen Clavierspieler von diesem unsterblichen Manne lernen, wenn es
ihnen nicht mehr um den leichten Beyfall der Modeinsecten, als um den
wichtigern großer Kunstverständigen zu thun wäre! -- Die Bachischen
Stücke sind nicht Uebersetzungen aus andern Instrumenten, sondern
wahre _Clavierstücke_: er verstand die Natur des Instruments
ganz; seine Sätze stärken die Faust, und füllen das Ohr. Beyde Hände
sind in gleicher Beschäftigung, so daß nicht die linke erlahmt, wenn
die rechte erstarkt. Auch hat er einen solchen Reichthum von Ideen,
daß ihm niemand als sein eigener großer _Sohn_ darin gleich
kommt. Mit all diesen Vorzügen, verband Bach noch das seltenste Talent
zur Unterweisung. Die größten Orgel- und Flügelspieler durch ganz
Deutschland haben sich in seiner Schule gebildet; und wenn Sachsen
hierin noch bis diese Stunde einen merklichen Vorzug vor andern
Provinzen hat; so muß es dieß dem gedachten großen Manne allein
verdanken.
_Händel._ Wieder ein Riese! Er war auf der Universität Halle
geboren, und zeigte von Jugend auf ein außerordentliches musikalisches
Genie. Der erst gedachte große Bach war von Kindheit an sein
vertrautester Freund. -- Händel spielte die Orgel und das Clavier
vortrefflich, und machte sich dadurch schon in seiner Jugend weit und
breit bekannt. In seinem dreyzehnten Jahre setzte er schon eine Oper
in Hamburg. Er reiste darauf nach Italien, und schrieb daselbst Opern
und andere Stücke, die ungewöhnlichen Beyfall fanden. Auch besiegte
er da den großen _Scarlatti_ im Clavier; und hatte noch nicht 24
Jahre erreicht, so war sein Ruhm in Europa allgemein. Einige reisende
Engländer nahmen ihn mit sich nach _London_; und hier war es,
wo er endlich den Drehkreis fand, der weit genug für seinen Genius
war. Er wurde daselbst königlicher Capellmeister, und spielte über
fünfzig Jahre lang eine Rolle, dergleichen wohl kein Musiker jemahls
in England gespielt hat. Er wurde von den Britten fast angebethet, und
erwarb sich ein sehr großes Vermögen. In Westmünster unter den größten
Männern der Nation hat er jetzt sein Grab. Kein Musiker ist aber auch
je in den Geist der Britten so tief eingedrungen, wie dieser. Zuerst
studierte er die englischen Dichter mit dem größten Eifer; dann setzte
er einige ihrer besten Stücke in Musik. Alexanders Fest von Dryden hat
seinen Ruhm auf immer befestigt. Dieses Stück wird alle Jahre noch in
London am _Cäciliatage_ mit immer wachsendem Beyfall aufgeführt.
Es ist einfach, erhaben und reich an Geniezügen. Händel hat den Geist
des genialischen Dryden so ganz erreicht, daß es seitdem kein Musiker
wieder wagte, diese Meisterpoësie in Musik zu setzen.
_Ramler_ hat einen deutschen Text unter diese Composition
verfertigt, wodurch der Deutsche in den Stand gesetzt wird, selbst über
den Ausdruck zu urtheilen. Auch die Cantate Cäcilia vom _Pope_
hat Händel componirt, und fast mit gleichem Glücke. Pope reichte dem
Tonsetzer nicht so reichen Stoff zu großen Gedanken dar wie Dryden,
daher konnte auch Händel hier sein Genie nicht so äußern. Doch ist
auch dieses Stück von den Engländern sehr gut aufgenommen worden, und
wird noch heute öfters in London aufgeführt. Händel hat sehr viele
Opern verfertigt -- in welscher und englischer Sprache, wobey sein
Beyfall bis ans Ende stieg. Der Geist seiner Opern hat etwas ganz
Eigenthümliches. Diejenigen so er in Welschland setzte, sind bis
auf einige Mienen deutscher Eigenheit ganz welsch. Die in England
verfertigten haben sehr viel vom eigenthümlichen Charakter dieser
Nation angenommen. Händel wählte zum Beyspiel oft ein allgemein
beliebtes _Volkslied_ und brachte es mit Verschönerungen und
künstlichen Abwechslungen aufs Theater. Diesem Kunstgriff hat er
die enthusiastische Verehrung zu danken, womit ihn die Britten bis
ans Ende seiner Laufbahn belohnten; und noch jetzt behaupten sie,
Händel übertreffe alle Musiker, die jemahls gelebt haben. Auch die
_Kirchenstücke_, welche Händel in London verfertigte, sind bis
auf diese Stunde von keinem andern verdränget worden.
Händel war ein vortrefflicher Contrapunctist, doch opferte er niemahls
das Genie der _Kunst_ auf, wie man einigen seiner Landsleute mit
Recht vorwirft. Auch seine _Kammerstücke_, sonderlich einige
_Orgelsonaten_ und _Fugen_ werden sich erhalten, so lange
noch wahrer musikalischer Geschmack in der Welt seyn wird. Händel war
ein Mann von ungewöhnlicher Leibeskraft; einer der stärksten Esser
in London und nie in seinem Leben krank. -- Mit einem solchen Körper
konnte ein solcher Geist Thaten thun! -- Händel war z. B. fähig,
stundenlang mit der größten Force auf der Koppel zu spielen, ohne
sich über Müdigkeit zu beklagen. Seine Faust war so weitgriffig wie
Bachs seine; daher sind einige Sätze in seinen Orgelstücken so schwer
heraus zu bringen. Auch die Theorie anderer Instrumente verstand Händel
vollkommen. Kurz, er ist eines der ausgebildetsten Genies, die jemahls
gelebt haben.
_Gottfr. Aug. Homilius._ Ein sehr gründlicher Kirchenstylist. Er
verstand sonderlich die Kunst einen _Chor_ zu setzen meisterhaft.
Einfalt, Hoheit und Würde charakterisiren seine Chöre. Er sucht nicht
ängstlich harmonische Gänge -- und findet sie doch. Man fängt jetzt
an, seine Arbeiten in Druck zu geben, und zwar eben zu gelegener Zeit:
denn die Kirchenmusiker verfallen unter den Protestanten immer mehr.
Homilius hat auch das Verdienst, manchen gründlichen Künstler gebildet
zu haben, worunter gewiß _Hiller_ einer der ersten ist. Wenn
Homilius die Rosalien zu häufig braucht, so muß man es mit dem Geiste
seiner Zeit zu entschuldigen wissen. Noch vor dreyßig bis vierzig
Jahren konnte man die Wiederhohlung eines Satzes in einer andern Tonart
gar wohl hören, und glaubte die Wirkung dadurch zu verstärken.
_Lorenz Christoph Mizler von Kolof._ M. Ph. Dr. der Arzeney
Gel. Hofrath, Leibmedicus und Historiograph zu Warschau hielt sich
mehrentheils in _Warschau_ auf, spielte das Clavier sehr gut, und
ist einer der berühmtesten deutschen musikalischen Schriftsteller.
Seine _musikalische Bibliothek_ war das erste deutsche Journal.
Es ist in einem guten Tone und mit vieler Einsicht verfaßt. Mizler
hatte die musikalische Geschichte gründlich studiert; nur ist seine
Theoriewuth unerträglich. Er glaubte z. B. die mathematische Berechnung
eines Stücks sey das Wesen der Tonkunst: dadurch wurden seine eignen
Compositionen steif und geschmacklos, und schon bey seinen Lebzeiten
zu Warschau, Leipzig und Dresden ausgepfiffen. Inzwischen gebühret
Mizlern immer der Dank der Nachwelt, daß er so viel rühmlichen Fleiß
auf die Theorie der Musik verwandte. Man kann noch heute sehr viel aus
seinen Schriften lernen, wenn man Geduld genug hat, sich durch seine
Spitzfindigkeiten hindurch zu arbeiten.
_Joh. Gottfr. Müthel._ Aus Bachs Schule; einer der ersten und
tiefsinnigsten Orgel- und Flügelspieler. Seine Stücke haben ein ganz
eigenthümliches Gepräge -- dunkel, finster, ungewöhnlich modulirt,
eigensinnig in den Gängen, und unbeugsam gegen den Modegeschmack
seiner Zeitgenossen. Aber eben dieß originelle Gepräge seines
Geistes verdient es, daß ihn der Clavierist studiere, und sich
dadurch an Mannigfaltigkeit des Vortrags gewöhne. Müthel selbst ist
ein vortrefflicher Spieler, dem selbst Burney volle Gerechtigkeit
wiederfahren ließ, und der verdiente in der musikalischen Welt
bekannter zu seyn, als er es wirklich ist. Allein er hüllt sich in
seine Verborgenheit ein, und liefert uns nur von Zeit zu Zeit Concerte,
Sonaten und andere Clavierstücke, welche mein Urtheil rechtfertigen.
_Hiller._ Musikdirector in Leipzig; der Lieblingscomponist der
Deutschen. So sehr Hiller den welschen Gesang studierte; so studierte
er doch noch weit mehr den deutschen, daher schneiden seine Gesänge
so tief in unser Herz ein, daß sie durch ganz Deutschland allgemein
geworden sind. Welcher Handwerksbursche, welcher gemeine Soldat,
welches Mädchen, singt nicht von ihm die Lieder: »Als ich auf meiner
Bleiche etc.« Ohne Lieb und ohne Wein etc. und verschiedene andre? Im
_Volkstone_ hat Hiller noch niemand erreicht. Er ist der erste,
der nach Standfus komische Opern in deutscher Sprache auf die Bühne
gebracht hat. Sein _lustiger Schuster_ -- seine _Jagd_;
sein _Dorfbarbier_; sein _Erntekranz_, und mehrere andere
Opern, haben allgemeine Sensation in Deutschland hervorgebracht. Es
gibt kein Theater unter uns, wo sie nicht mehr als einmahl aufgeführt
worden wären: und dieß hat man nicht so wohl dem Texte, der oft
ziemlich _naseweis_ ist, sondern vielmehr dem herrlichen Gesange
zuzuschreiben, womit Hiller diese Opern zu beseelen wußte. Auch in
der höhern Arie hat sich Hiller oft als Meister gezeigt. Wer kann z.
B. das Stück: »Bild voll göttlich hoher Reitze etc.« ohne Entzücken
anhören? Auch seine _Chöre_ sind gut bearbeitet, und zeigen
einen Mann an, der die Tonkunst auf allen Seiten studiert hat. Da
Hiller ungemein vieles schrieb, so wurde er sich oft sehr ungleich;
das _Lied_ aber gelang ihm immer. Er gab _Kinderlieder_,
und mehrere Sammlungen von deutschen Gesängen heraus, die alle noch
lange tönen werden, wenn schon tausend Modelieder verhallt sind. Auch
als theoretischer Schriftsteller hat sich Hiller zu seinem Ruhme
gezeigt. Er schrieb einige Jahre _musikalische Neuigkeiten_,
die er zuletzt als eine Zeitung heraus gab, worin viel Geschmack
und Kenntniß herrscht. Durch dieses Blatt sind manche wichtige
musikalische Bemerkungen unter uns in Curs gekommen. Hiller zeigte sich
zwar als großer Theoret; er setzte sich aber doch dem theoretischen
Unfug entgegen, indem er uns mehr auf die Aesthetik der Tonkunst
aufmerksam machte. Schade daß seine Zeitung nicht fortgesetzt worden!
Sein wichtigstes Werk ist seine vortreffliche »_Anweisung zur
Singkunst_«, die er mit den nöthigen Mustern zu Leipzig in Quart
heraus gab. Sein Styl ist schön und sachgemäß; die Grundsätze sind
von den größten Meistern, und aus eigner Erfahrung abgezogen; die
Beyspiele nach den Bedürfnissen unsrer Nation gewählt, und auch auf den
Choralgesang ausgedehnt. Wenn man damit verbindet, was _Vogler_
über die Bildung der Stimme gesagt hat; so besitzen wir Deutsche in
diesem Fach etwas Vollständiges, womit wir dem Auslande Trotz biethen
können. Hiller hat nach diesen Grundsätzen eine _Singschule_ in
Leipzig angelegt, woraus bereits die größten Sänger und Sängerinnen
hervorgegangen sind.
_Johann Gottfried Walter._ War Musikdirector in Weimar. Er spielte
die Orgel meisterhaft, und setzte ein paar _Kirchen-Jahrgänge_
mit vieler Gründlichkeit. Was ihn aber am meisten berühmt machte, war
sein musikalisches _Lexikon_. Vor ihm hatte noch niemand ein Buch
dieser Art geschrieben. Es ist für seine Zeiten ungemein reichhaltig,
und auch heutiges Tags noch ein unentbehrliches Hülfsmittel, sonderlich
was den historischen Theil der Musik betrifft. Die Ausländer,
vorzüglich Martini, sprechen mit vieler Achtung davon. Es wäre zu
wünschen, daß dieses Buch von einem _Hiller_ oder _Forkel_
wieder neu aufgelegt, und mit den nöthigen Vermehrungen bereichert
würde. An Hülfsmitteln fehlt es uns jetzt ganz und gar nicht, da
Rousseau, Mizler, Marpurg, Gerbert, Forkel und andere, vortreffliche
Beyträge dazu geliefert haben. Walters Sohn war einer der besten
Organisten Deutschlands, sonderlich ein Meister im _Pedal_; nur
verkünstelte er den Choral zu sehr. Er war lange Musikdirector in Ulm,
und starb zur Weimar in seiner Vaterstadt.
_Scheibe._ Ein großer Theoret, und ein vortrefflicher Setzer.
Er wurde Capellmeister in Copenhagen, und lieferte manches Werk,
das auf Unsterblichkeit Anspruch macht. Wenige Tonsetzer wußten das
_Recitativ_ so meisterhaft zu bearbeiten wie er; auch seine
_Arien_ sind reich an lieblichen Gängen, und seine _Chöre_
volltönig und stark. Die von ihm gesetzten Italiänischen Opern
erhielten nicht so viel Beyfall, weil er vielleicht nicht Stärke
genug in der italiänischen Sprache besaß. Dagegen ernteten seine
_deutschen_ Stücke allgemeines Lob. Die größten Dichter,
Klopstock, Gerstenberg, Schlegel und mehrere, lieferten ihm Poesien,
die er mit vielem Ausdruck in Musik setzte. Seine Ariadne auf Naxos,
und Cephalus und Procris, sind seine Meisterstücke. Er setzte auch
viel für die Kirche, mit echtem Verständnisse des Kirchenstyls.
Nebstdem besaß er eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, besonders in der
schönen Literatur: daher ist sein Styl mehr als correct, er ist schön.
Wir besitzen einen reichen Vorrath musikalischer Schriften von ihm,
welche den tiefen Forscher in der Tonkunst, wie den Mann von richtigem
Geschmack verrathen. Der unsterbliche _Lessing_ hielt ihn für den
besten musikalischen Schriftsteller Deutschlands. Er verbreitete sich
über alle Zweige der Tonkunst. Seine _Anleitung zur musikalischen
Setzkunst_, wovon er kurz vor seinem Tode den ersten Band in Quart
herausgab, ist das Resultat eines vieljährigen tiefen Forschgeistes.
Schwerlich ist auch über dieses große Thema ein besseres Werk
geschrieben worden! Wie sehr muß man es daher beklagen, daß der Tod
des vortrefflichen Mannes diese unschätzbare Arbeit unterbrach! Kurz
_Scheibe_ war einer der gelehrtesten Musiker unsers Jahrhunderts!
Was ist der hoch berühmte Doctor der Musik Burney gegen einen Scheibe?
_Schweizer._ Einer der berühmtesten und beliebtesten Tonsetzer der
neuern Zeit. Er vereinigt tiefe Gründlichkeit mit ungemeiner Anmuth; ja
sein Geist verräth in seinen Arbeiten einen gewissen Hang zur Größe,
der seine Stücke vor vielen andern auszeichnet. Nachdem er sich zuerst
durch verschiedene kleinere Arbeiten berühmt gemacht hatte, so trat er
endlich mit Wielands _Alceste_ auf, und der laute Beyfall unsers
Volks rauschte ihm zu. Er hat nicht nur seinen Dichter vollkommen
erreicht, sondern ihn in mancher Stelle an Empfindung und Ausdruck
hinter sich gelassen. Wie unnachahmlich schön ist es nicht ausgedrückt,
wenn Alceste wimmert: »O meine Kinder! meine Kinder!« o und welche
neumodische welsche Arie kann mit der in Alceste aus G. verglichen
werden? das Wetteifern der obligaten Violinen mit dem Gesange thut die
herrlichste Wirkung. Auch seine Chöre sind voll Pracht und Würde. Sein
Geschmack ist nicht neu; dem ungeachtet pflückt er nur so viel Blumen
aus den modernen musikalischen Beeten, als die Gründlichkeit seines
Geistes vertragen kann. Seine zweyte ernsthafte Oper _Aurore_,
ebenfalls von Wieland poesirt, ist eben so schön und reich an
Geniezügen: was er aber im _komischen_ Felde gearbeitet hat,
ist ihm nur halb gelungen; denn Schweizers Geist ist zu groß für
die musikalische Hanswurstias. Seine ersten Opern sind indessen die
Lieblingsstücke auf den ersten Theatern Deutschlands. Alle Freunde
der Tonkunst bedauern es gewiß mit uns, daß unser vortrefflicher
Schweizer, aus Hang zum bequemen Leben viel zu wenig arbeitet.
_Naumann._ Ein geborner Sachse und jetziger Capellmeister in
Dresden. Er hat sich plötzlich durch ein echtes Meisterstück der
musikalischen Welt angekündigt. König _Gustav III._ ließ nähmlich
eine Oper in schwedischer Sprache verfertigen, _Cora_ betitelt,
und Naumann setzte sie mit solchem Glück in Musik, daß sie nicht nur in
Schweden, sondern in der ganzen musikalischen Welt Nachgefühl erregte.
Naumann in Dresden legte einen deutschen Text darunter, in Leipzig
wurde darauf dieß große Werk mit allgebührender Pracht herausgegeben.
Tiefe Modulationen, und neue Harmonien sucht man hier vergebens,
wiewohl der Satz krystallrein ist; aber die Melodien sind desto
lieblicher, und haben so sehr das Gepräge der Neuheit und der Grazie,
daß man nichts damit vergleichen kann. Man schwimmt im Wonnegefühl
dahin, wenn man die drey Schwestern im Sonnentempel, begleitet vom
Hauche der süßesten Blasinstrumente, _singen_ hört. Die Recitative
sind sehr gut bearbeitet, und die Arien schmelzend. Wenn Venus einen
Capellmeister brauchte, so würde sie gewiß einen Naumann wählen;
so ganz in Liebe getaucht sind seine Gesänge. Nur artet er meinem
Gefühl nach zu oft in Weichlichkeit, manchmahl gar in Wollust aus.
Seine Töne verflößen sich gleichsam im Blute des Hörers, und reitzen
zum sinnlichen Genusse. Inzwischen muß man das für eine Folge vom
Temperamente des Tonsetzers halten, denn _jedes Werk ist des Meisters
Nachbild_. Naumann versteht die Kunst, blasende Instrumente am
gehörigen Orte zu benutzen, weit besser als man es bisher von den
Sachsen gewohnt war. Er hat noch verschiedenes für die königliche
Bühne in Stockholm gearbeitet, womit aber der König sehr karg thut.
Einige _Lieder_, die wir von ihm besitzen, sind ganz vortrefflich
geschrieben, sonderlich dnie Verliebten. Kurz, niemand versteht das
Amoroso heutiges Tags besser, als der holde so ganz in den Geist unsrer
Zeit versunkene Naumann. Hingegen kann man mit vollem Rechte behaupten,
daß ihm bey diesem Studium des Anmuthigen, das Erhabene fast nie
gelingen kann.
_Georg Benda._ Nicht nur der Größte unter allen seinen Brüdern,
sondern einer der ersten Tonsetzer, die jemahls gelebt haben -- einer
der Epochenmacher unsrer Zeit! Er ist gründlich ohne pedantische
Genauigkeit, hoch und niedrig, ernst und witzig; im Kirchen- im
Dramatischen- und Kammerstyle gleich vortrefflich. Seine melodischen
Gänge sind ganz besonders einschmeichelnd für jedes gebildete Ohr,
nur blickt zuweilen die ängstliche Miene der Kunst hervor; daher sind
seine Arien nicht alle gut auswendig zu lernen. Hingegen sind seine
Recitative und Chöre so meisterhaft bearbeitet, daß er hierin fast das
Perihelium der Kunst erreicht hat. Wie unerreichbar sind die Chöre in
seinen Opern, vorzüglich in Romeo und Julie! In welche Zauberlabyrinthe
geflochten sind seine Duette und Terzette, wie meisterhaft weiß er die
Worte des Dichters zu invertiren! Wenn Rousseau in seinem musikalischen
Wörterbuch sagt: _der Text ist in der Hand des Componisten eine
Pomeranze, die er so lange drückt, bis ihr der letzte goldne Tropfen
entträufelt_; so hat dieß schwerlich je Einer besser gezeigt, als
Jomelli und Benda.