_Graun_, ein Capellmeister im buchstäblichen Verstande; jedem

musikalischen Styl gewachsen. Seine Opern sind mit unbeschreiblicher

Lieblichkeit und Einfalt gesetzt. Doch findet man in ihnen

Einförmigkeit und mehr Studium des Contrapuncts, als Studium der Musik

überhaupt. Doch sind seine Melodien vortrefflich, seine Modulationen

durchgängig neu, seine Harmonien wohl gewählt, und seine Schreibart

äußerst einfach; er componirte viele Opern im vortrefflichsten

Geschmacke. Weil er selbst sehr gut sang, so setzte er auch alle

Arien so sangbar, daß sie noch heute mit dem Gemeinsinn aller Welt

sympathisiren. Zartheit in Gefühlen, reine Phantasie, herrlicher

Verstand, jugendlicher Geist, und ein Herz jeder guten Empfindung

offen, zeigt sich in den Partituren Grauns. Der Hauptzug in seinem

musikalischen Charakter war dieser: alles dem Gesang, und nur wenig

den Instrumenten anzuvertrauen. Seine Bässe sind mit der äußersten

contrapunctischen Richtigkeit geschrieben: wider den Gebrauch der

Welschen, bezifferte er sie alle mit solcher Gewissenhaftigkeit, daß

jede Modulation dabey bemerkt war. In allen seinen Stücken kommt weder

Trommelbaß, noch Tocato vor. Die Natur jedes Instruments kannte er aus

dem Grunde: wie der große Mahler Farben auf seiner Pallete mischt, so

mischte er Töne. Doch war mehr das sehr Rührende, als das sehr Erhabene

sein Antheil. An Gründlichkeit kam ihm kaum ein Setzer der Welt bey;

in allen musikalischen Spielen zeigte er sich als Meister. Seine

Kirchenstücke haben eine Lieblichkeit und Feyerlichkeit, mit der sich

wenig vergleichen läßt. Sein Stimmensatz, die Ebbe und Fluth seiner

Modulationen, seine krystallklare Harmonie, die äußerst kunstmäßige

Bearbeitung seiner Declamationen und Recitative, vorzüglich die Natur

der Mittelstimmen -- besonders der Bratsche, die er so traulich mit

dem Baß arbeiten läßt; das glückliche Umwälzen seiner Texte -- mit

einem Wort: Weisheit, Kopf, tiefes Verständniß aller musikalischen

Verhältnisse, Accommodation in den Geist seines Jahrhunderts, doch nie

bis zur Sclavenerniedrigung; lichter Satz, tiefe fast an die Gränze

der Pedanterey streifende Gründlichkeit -- sind -- Graun! dein matter

Schattenriß. Sein Tod Jesu wird von aller Welt angestaunt, ob man

gleich sagen könnte, und mit vollem Recht, daß noch zu viel weltliche

Miene darin herrscht. Allein Graun that dieß aus tiefen Gründen: der

Engel nimmt Pilgersgestalt an, um mit Staubbewohnern reden zu können.

-- Gott! wer hat jemahls eine Fuge bearbeitet wie diese: »Christus hat

uns ein Vorbild gelassen, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen.«

Seine letzte Arbeit war das große Te Deum laudamus auf die

Pragerschlacht, voll Würde, Natur, Majestät, Kunst und Harmonie --

kurz, das erste Te Deum laudamus der Welt. Er starb, der große

göttliche Mann, im 40. Jahre seines Alters. Friedrich sein König stand

eben in Böhmen von Legionen Feinden umringt, als er die Nachricht von

Grauns Tode erhielt. Er stutzte, schüttelte den Kopf und sagte: »vor

acht Tagen verlor ich meinen ersten Feldmarschall, jetzt meinen Graun

-- Großer Mann ist großer Mann! -- Ich werde keinen Feldmarschall und

keinen Capellmeister mehr machen, bis ich einen Schwerin und Graun

wieder finde.«

Mit so vielen Eigenschaften vereinigte noch Graun die Kunst Sänger

zu bilden, in einem sehr hohen Grade. Weil er, wie schon erwähnt,

selbst ein großer Sänger war, so gelang ihm dieß desto leichter. Die

ersten Sänger z. B. ein Carestini und Salembini, gestanden, noch sehr

viel von Graun gelernt zu haben. Von starken Coloraturen war er gar

kein Liebhaber; hingegen gewöhnte er die Menschenstimmen durch die

vortrefflichen Singübungen, jeden Ton ganz und rund hervor zu bringen,

den Text mit der äußersten Deutlichkeit auszudrücken, das Recitativ

verständlich zu declamiren, und die hervorstechenden Stellen sonderlich

auch mit dem Herzen vorzutragen. --

Ueber das alles accompagnirte Graun als Meister; daher sind seine Bässe

so herrlich beziffert: denn Graun behauptete mit vollem Grunde, daß es

Faulheit oder Unverstand sey, wenn man dieß unterlasse.

Graun setzte auch geistliche Lieder, besonders einige von Klopstock

in Musik und bewies dadurch, wie meisterhaft er auch den Choral zu

bearbeiten wisse. Nichts aber gelang ihm weniger als der komische

Styl, denn sein Geist war, wie man schon aus diesem Entwurf

seines Charakters sehen kann, für diese Gattung viel zu ernst

und zu feyerlich. Kurz Graun war der Schöpfer der weltberühmten

Berlinerschule; und hätten seine Nachfolger die Spur ihres großen

Vorgängers nie verlassen; so wären sie nie zu der pedantischen

Steifheit herab gesunken, die man jetzt mit Recht an den Berlinern

tadelt.

_Agrikola_, königlich preußischer Hofcomponist hat sich als

Tonsetzer, Sangmeister und musikalischer Schriftsteller hervor gethan,

und in allen drey Fächern über das Mittelmäßige empor geschwungen. Er

setzte ernsthafte und komische Opern: im ernsten Style war Graun ganz

sein Muster. Er ist sehr regelmäßig, aber nicht selten steif. Seine

melodischen Gänge sind nicht immer die besten; hingegen ist seine

fortschreitende und gleichzeitige Harmonie tadellos. Im komischen Styl

ist er mehr Original. Seine Buona Figliola hat wirklich vortreffliche

Stellen. Er setzte auch sehr gut für das Clavier, doch mehr mit

Kunst, als mit Natur. Seine Gattinn sang vortrefflich; er selbst gab

meisterhaften Unterricht im Singen; übersetzte des berühmten _Tosi

Singschule_ in reines Deutsch: und vermehrte sie noch mit herrlichen

Anmerkungen.

_Marpurg_, einer der größten musikalischen Theoretiker in ganz

Europa. Seine kritischen Schriften sind nicht nur in einem sehr reinen

Style geschrieben, sondern verrathen auch tiefe musikalische Einsichten

und große Gelehrsamkeit. Er blieb zwar seinem einmahl festgesetzten

musikalischen Systeme getreu, und vertheidigte es bis zum Pedantismus;

doch muß man gestehen, daß sich in seinen _Beyträgen_ da und

dort sehr wichtige Winke über die musikalische Aesthetik finden,

die vor ihm noch niemand bearbeitet hatte. So gründlich aber dieser

Mann war, so treffend oft seine Urtheile über musikalische Werke

und Künstler ausfielen, so gezwungen und steif sind doch seine

eigenen Compositionen. Seine Clavierstücke sind höchst gezwungen und

mathematisch herausgezirkelt, seine Arien kalt und schulmeistermäßig

behandelt, und seine Lieder ohne Saft und Kraft. Doch muß sie der

Kenner wegen ihrer Gründlichkeit studieren.

_Kirnberger_, zwar ein eiskalter Theoretiker, aber doch ein

Schriftsteller von großem Gewichte. Man hat noch nichts Gründlicheres,

als seine Kunst des reinen Satzes. Zwar bekömmt man lautes Herzklopfen,

wenn man die vielen Zahlen und contrapunctischen Grübeleyen sieht,

durch die man sich hindurch arbeiten muß; allein wer gründlich setzen

lernen will, muß des Schweißes auf der Stirne nicht achten, und sich

die Trockenheit eines Kirnbergers nicht abschrecken lassen. Sein

System geht zwar tief, ist aber doch zu einseitig, und verleitet daher

zu Ungerechtigkeiten gegen Männer, welche ein anderes haben. Die

Fugen von Kirnberger sind zwar schwerfällig und mühsam, aber doch mit

großer Kunst gearbeitet, und müssen von Organisten und Clavierspielern

sorgfältig studiert werden. Was er aber für den Gesang geschrieben hat,

ist unerträglich, mit todtkaltem Herzen gesetzt, und daher ohne alle

Wirkung. -- Zwischen dem eiskalten Theoretiker, und dem gluthreichen

Genie, ist eine gähnende Kluft befestiget: das sieht man auch an

Kirnbergern, der mit seinem Kritteln und Grübeln die Berlinerschule in

ein übles Gerücht gebracht hat.

_Krause_ hat in seinem Tractat über die _musikalische Poësie_

treffliche Kenntnisse in der Musik so wohl als in der Poesie geäußert.

Kein Dichter, der für Tonsetzer arbeitet, kann dieß nützliche Buch

entbehren. Er zeigt aus welschen und deutschen Beyspielen, wie Arien,

Cavatinen, Recitative, Duette, Terzette und Chöre von Dichtern und

Tonkünstlern schicklich bearbeitet werden müssen. -- Das Publicum

heischt eine neue Ausgabe dieses schönen Buchs, wo Grundsätze und

Beyspiele den neuesten Zeiten mehr angepaßt werden.

Man hat auch verschiedene Tonstücke von diesem Krause, die zwar mit

vieler Kunst, aber mit weniger Geschmack bearbeitet sind. Aus diesem

Grunde wird seine herausgegebene Berliner _Liedersammlung_,

Lieder der Deutschen in vier Theilen, woran doch die größten Meister

arbeiteten, von wenigen Menschen mehr goutirt, wenn gleich der Satz

sehr richtig, die Lieder gut gewählt, und auch die Melodien oft nicht

übel gerathen sind. Aber bey nichts läßt sich Kritteley und Steifigkeit

weniger ertragen, als bey dem musikalischen Liede.

_Quanz._ Vielleicht der erste Flötenspieler der Welt; wenigstens

in der Theorie hat es ihm niemand zuvor gethan. Er machte am

preußischen Hofe ein Glück, wie es noch wenige Tonkünstler in Europa

gemacht haben. Da er der Lehrer seines Königs in der Flöte war; so

genoß er auch seine Gnade über dreyßig Jahre hindurch ununterbrochen.

Er bezog eine Besoldung von 4000 Thalern, bekam für jede von ihm

angeblasene Flöte hundert Ducaten, und noch über dieß manch königliches

Geschenk. Er bewohnte einen eigenen Pallast zu Potsdam, den ihm der

König verehrt hatte. Sein Fleiß war erstaunenswürdig; der König besaß

über drey hundert ungedruckte Concerte von ihm, ohne die unzähligen

Sonaten, Concerte und andere Stücke, die er für ihn aufgesetzt

hatte. Bis an sein Ende zog Friedrich Quanzens Compositionen für die

Flöte allen andern vor. Auch die Welt besitzt sehr viele Stücke von

diesem Manne. Sein Ansatz, die Art sein Instrument zu spielen und zu

behandeln, seine neuen und meist natürliche Applicaturen, die vielen

äußerst regelmäßig gesetzten Stücke haben ihn hierin zum Lehrmeister

von ganz Europa gemacht. Aber damit ist Quanzens Verdienst noch nicht

vollendet. Er schrieb ein classisches Werk über die Flöte unter

dem Titel: _Anleitung die Flöte zu spielen_, mit erläuternden

Beyspielen und durch Ziffern angezeigten Applicaturen. Durch dieses

Buch errang er den Lorbeer der Unsterblichkeit sicher und ganz. Kaum

läßt sich mehr etwas über dieses Instrument sagen, was er nicht hier

gesagt hätte. Wer Ohr, Nachdenken und Fleiß hat, kann die Flöte aus

dieser Schrift ohne Anführer selbst lernen: rein und deutlich der Styl,

unverbesserlich die Grundsätze. Aber auch andern Musikern ist dieß

Werk sehr zu empfehlen. Man findet darin herrliche Winke und practische

Vorschläge zur Einrichtung eines Orchesters, Anordnung und Stellung

der Instrumentisten, Bildung des Gesangs, und Begleitung des Flügels,

die von der Hand des Meisters zeigen. Quanz behauptete: Je tiefer

der Musiker ins Ganze blicke, desto trefflicher werde er auf seinem

einzelnen Instrumente seyn. Daher waren ihm Virtuosen ohne Theorie

nichts weiter, als Naturalisten und Leyermänner, die nicht verstehen,

was sie vortragen. Kurz, Quanz ist das Muster eines wahren Virtuosen,

nach welchem sich derjenige hinaufmessen muß, der mit diesem Titel

prangen will. Er starb grau an Jahren wie an Verdiensten; hinterließ

ein Vermögen von 70000 Thalern, und eine herrliche musikalische

Bibliothek, welche der König für 20000 Thaler abkaufte. Friedrich

ließ ihm ein treffliches Grabmahl setzen: auf schwarzem Marmor ruht

seine Büste von weißem Marmor; unten sieht man eine Flöte mit Lorbeer

umwunden; die Inschrift heißt: »_Manibus Quanzii. Instruxit Regem

Friedericum secundum._« Die Familie der _Benda_, die sich bis

auf unsere Zeiten in verschiedene Zweige verbreitete, hat manchen

großen Tonkünstler hervor gebracht. Hier ist die Rede von den zwey

berühmten Violinisten.

Der ältere Franz _Benda_ trat schon in die Dienste

_Friedrichs_, als er noch Kronprinz war. In seinen besten Jahren

spielte er die Violine als ein Zauberer. Er bildete sich wie alle

große Genies selber. Der Ton, den er aus seiner Geige zog, war der

Nachhall einer Silberglocke. Seine Harpeggi sind neu, stark, voll

Kraft; die Applicaturen tief studiert, und sein Vortrag ganz der Natur

der Geige angemessen. Er spielte zwar nicht so geflügelt, wie es jetzt

unsre raschen Zeitgenossen verlangen; aber desto saftiger, tiefer,

einschneidender. Im Adagio hat er beynahe das Maximum erreicht: er

schöpfte aus dem Herzen -- und drang in die Herzen, und man hat mehr

als einmahl Leute weinen sehen, wenn _Benda_ ein Adagio spielte.

Seine für die Violine herausgegebenen Stücke aller Art, werden noch

jetzt als Uebungen von den Violinisten allgemein gebraucht. Keiner

unter den berlinischen Kammermusikern wußte die Gründlichkeit so mit

der Grazie zu verbinden, wie Er; daher dauert sein Beyfall noch immer

fort. Als Lolli in Berlin war, spielte ihm Benda ein Adagio, obgleich

seine Hände schon sehr steif waren, so unaussprechlich sangbar, daß

Lolli in Entzücken zerfloß und ausrief: »O könnt' ich so ein Adagio

spielen! aber ich muß zu viel Harlekin seyn, um meinen Zeitgenossen zu

gefallen.« Benda componirte sehr viel, und doch werden seine Stücke

jetzt immer seltener, weil dieser große Mann von seinen Compositionen

mehr Abschriften nehmen, als stechen und drucken ließ. Von diesen hat

man nur 12 Solos für die Geige, die in Paris gestochen wurden, und

ein Flötensolo, das in Berlin heraus kam. Zu wünschen wäre es, man

machte seine Stücke, als eine wahre Violinschule, durch den Notendruck

allgemeiner.

Seine Tochter _Juliane Benda_, hat sich durch ihr schönes

Flügelspiel, durch ihren herrlichen Gesang, und durch die lieblichen

Lieder, die sie in Musik gesetzt herausgab, allgemeinen Beyfall

in Deutschland erworben. Sein jüngerer Bruder _Joseph Benda_

spielt die Violine gleichfalls sehr gut, reicht aber bey weitem nicht

an seinen Bruder hinauf. Doch setzt er auch sehr schöne Stücke im

Kammerstyl.

_Schulz._ Musikmeister bey dem französischen Theater in Berlin,

hernach Capellmeister beym Prinz Heinrich; legt sich meisten Theils

auf den Kirchenstyl. Er schreibt auch stark und gründlich, und hat

den Contrapunct vollkommen inne. Was ihn aber am meisten berühmt

gemacht hat, das sind die vortrefflichen Artikel, welche von ihm, die

Tonkunst betreffend, im letzten Theil des _Sulzerischen_ Lexicons

der schönen Künste vom Buchstaben S an stehen. Seine Grundsätze sind

groß und meist richtig; sein deutscher Styl ist rein und körnig;

seine musikalischen Kenntnisse sind aus der Erfahrung und eignem

tiefen Nachdenken abgeschöpft. Er ist einer der ersten, der das

Bedürfniß fühlte, den _ästhetischen_ Theil der Tonkunst, wie den

mathematischen zu bearbeiten. Da er ein studierter Musiker ist, und die

mit der Musik verwandten Wissenschaften und Künste genau kennt; so läßt

sich auch von seinen Schriften nichts anderes als etwas Gründliches und

Schönes erwarten. Schade! daß wir nur abgerissene, in alphabetischer

Ordnung vorgetragene Grundsätze von ihm haben, woraus sich sein System

schwerlich bestimmen läßt.

_Friedmann Bach._ Unstreitig der größte Organist der Welt! Er

ist ein Sohn des weltberühmten Sebastian Bachs, und hat seinen Vater

im Orgelspiel erreicht, wo nicht übertroffen. Er besitzt ein sehr

feuriges Genie, eine schöpferische Einbildungskraft, Originalität

und Neuheit der Gedanken, eine stürmende Geschwindigkeit, und die

magische Kraft, alle Herzen, mit seinem Orgelspiel zu bezaubern. Der

Natur der Orgel hat er sich ganz bemächtiget; sein Registerverständniß

hat ihm noch niemand nachgemacht. Er mischt die Register, ohne sein

Spiel nur einen Augenblick zu unterbrechen, -- wie der Mahler seine

Farben auf der Pallette; und bringt dadurch ein bewundernswürdiges

Ganzes hervor. Seine Faust ist eine Riesenfaust, die durch tagelanges

Spielen nicht ermattet. Contrapunct, Ligaturen, neue ungewöhnliche

Ausweichungen, herrliche Harmonien und äußerst schwere Sätze, die er

mit der größten Reinigkeit und Richtigkeit herausbringt, herzerhebendes

Pathos, und himmlische Anmuth, -- all dieß vereinigt Zauberer Bach in

sich, und erregt dadurch das Erstaunen der Welt. Ist die Orgel gut

und vollständig, so verlangt man keine Instrumentenbegleitung mehr,

wenn Bach spielt: er ersetzt ein Orchester von hundert Personen durch

seinen Schöpfergeist. Außer seinem großen Vater, hat noch niemand das

Pedal mit dieser Allgewalt regiert, wie er. Er nimmt das Thema einer

Fuge mit den Füßen auf; macht Mordenten und Triller mit den Füßen, und

durchdringt die allerzahlreichste Gemeinde mit seinem Fußtritt. Schade!

daß seine Orgelcompositionen kostbarer und seltener als Gold sind!

doch ist es ein Trost für die Kunst, daß dieser erste Meister seine

Orgelstücke selbst sammelt und versprochen hat, sie nach seinem Tode

heraus zu geben.

_Elisabeth Mara_, geborne Schmehling. Sie und die oben bezeichnete

Gabrieli wetteifern mit einander um den Lorbeer des Gesanges; alle

wahren Kenner aber haben ihn bereits für die Mara entschieden. Ihre

Tonleiter ist von erstaunlichem Umfang: sie reicht vom Tenor _a_

bis ins _c_, folglich durch neunzehn goldene Sprossen, mit

höchster Feinheit und Richtigkeit hinauf. Sie liest alles vom Blatt

weg, was man ihr vorlegt; ist im Adagio so stark, wie im Allegro. In

ihren Bravour-Arien bringt sie die erstaunenswürdigsten Läufer mit der

äußersten Genauigkeit heraus; Sechzehntel und Zwey und dreyßigstel

stößt sie mit solcher Kraft ab, daß es ihr kein Violinist gleichthut.

Ihre Stimme ist klar und durchschneidend. Sie singt mit ganzer und

gebrochener Stimme (oder sotto voce) mit gleicher Schönheit. Ihre

Triller, Fermaten, Mordenten, Läufer, Mezzotinto, sonderlich ihre

Cadenzen sind unvergleichbar schön. Alles dieß vereinigt sie mit einer

Herzensfülle, die in jeden Hörer überströmt, und ihn mit Entzücken

erfüllt. In jedem Style singt sie gleich vortrefflich. Ihr gelingt ein

Lied, wie ein Choral, weil sie die weissen Noten mit ausnehmender Kraft

hebt und trägt. Sie hat nie in der Komischen gesungen, doch hat sie wie

alle große Sängerinnen, Launen -- und bleibt sich nicht immer gleich.

Als der Großfürst in Berlin war, sollte sich die Mara in einer neuen

Oper auszeichnen. Sie sang aber aus Caprice schlecht, weil man ihr

nicht diejenige Rolle gab, die sie verlangte. Lächelnd sagte der König

zu dem Großfürsten: »leichter wird mir es, die 200000 Köpfe meines

Heers zu lenken, als dieß Weiberköpfchen hier.« Ihr Mann Mara, ist ein

sehr guter Violoncellist, nur zu sehr für sich eingenommen.

_Duport_ der Aeltere hat ihn gedemüthiget; denn dieser spielt

das Violoncell mit solcher Zauberkraft, daß man schwerlich seines

gleichen in Europa finden wird. Er lenkt den Bogen wie im Sturme,

und _regnet_ Töne herunter. Er schwindelt über die äußerste

Höhe des Griffbrets hinaus, und verschwindet endlich im zartesten

Flagiolettenton. Seine Concerte und Sonaten sind so schwer gesetzt, daß

sie nur _Jäger_ in Anspach heraus zu bringen weiß.

_Ernst Eichner._ Dieser Liebling der Grazien spielte den Fagot

mit ungemeiner Anmuth. Er nahm ihm seinen brummenden moquanten Ton

ganz und gar, und stimmte ihm zum feinsten Tenor, und zum lieblichsten

Contra-Alt hinauf. Holde Anmuth und zerschmelzende Süßigkeit war sein

Vortrag, so wie der Styl seiner Compositionen. Nur häuft er zu viel

Zuckerwerk in seine Compositionen, und zerstört dadurch die Einheit

des Satzes. Daher wird sein Styl öfters fleckig und manches Stück

von ihm scheint mehr als ein Motiv zu haben. Friedrich der Große

pflegte ihn nur Desert zu nennen; hingegen der Kronprinz genoß ihn als

starke Speise. Er blieb sein Liebling bis er starb -- leider! für die

musikalische Muse viel zu früh!

_Reichard._ Mit diesem Manne, den erst die Nachwelt groß nennen

wird, begann eine ganz andere musikalische Epoche zu Berlin. Der

König machte ihn zum Capellmeister seines Musikchors und Orchesters:

eine höchst wichtige Stelle, wenn man es nicht vergißt, daß er

Grauns Nachfolger war! Er bildete sich zu dem großen Posten eines

Capellmeisters durch Selbststudium, und Reisen. Das Clavier und die

Violine spielte er mit großer Leichtigkeit, und bis zur Meisterschaft.

Sein Satz ist vortrefflich. Er zieht das Genie der musikalischen

Kritteley vor, und behauptet: Gedanken des Genies lassen sich nicht

immer entziffern, wie es seine Vorgänger verlangten. Anatomirte

Schönheit scheint ihm ein Unding zu seyn. Er stürzte sich in den

gährenden Klumpen kalter Theorie, wie Curtius in Pestpfuhl; nur

mit dem Unterschied, daß sich die Seuche nicht ganz legte. Er ist

Schriftsteller, Componist und Virtuos. Seine Grundsätze über die

verschiedenen Style der Tonkunst, sind unverbesserlich. Der Gesang geht

ihm über alles; und die deutsche Dichtkunst zieht er allen andern für

die Musik vor. Seine Opern, seine Concerte und Kammerstücke überhaupt,

sind in sehr schönem Style bearbeitet. Unter den musikalischen

Schriftstellern ist er einer der ersten. Sein Vortrag ist trefflich. In

seinen musikalischen Reisen so wohl, als in seinen Briefen schwimmen

Grundsätze, die der wahre Musiker mit Sorgfalt heraus angeln muß. Sein

musikalisches Kunstmagazin ist voll von großen Bemerkungen, die nur der

Dümmling verkennen kann. Er hat einige Gesänge aus der Messiade in

Musik gesetzt, die mit dem großen Dichter wetteifern, und ein sicherer

Beweis von seinem erhabenen Geschmack ist. Wenn Reichard sagt: Er kenne

keinen größern Dichter als Klopstock; so beweist das zur Genüge sein

richtiges Gefühl. Was er vom Choral sagt, und von der Einkleidung des

Kirchengesangs überhaupt, ist beynahe apostolisch: er ist hierin mit

Recht ein Liebling Lavaters und aller Frommen. Seine vielen Feinde zog

er sich dadurch zu, daß er zu hastig gegen den Strom schwamm, und auf

einmahl der Theorie- und der Modewuth steuern wollte: sicher wird also

erst die Nachwelt das Verdienst dieses Mannes entscheiden. Gewiß ist es

aber, daß er mehr will als er durchsetzen kann; er ist gleichsam ein

musikalischer _Pietist_.

_Friedrich der Große_ selbst vollendet endlich die Rolle des

erhabenen musikalischen Schauspiels zu Berlin. Hinter ihm war es

Nacht, und vor ihm ging ein Licht auf, in welchem sich ganz Europa

sonnte und wonnte. So wie er in allem Schöpfer war, so auch in der

Tonkunst. Aeußerste auf Urgrundsätze zurückgeführte Genauigkeit, war

sein erstes Gesetz. Diesem Gesetze blieb er unwandelbar treu, und ließ

die modischen Erfindungen in der Tonkunst, eben so gleichgültig darum

schwärmen und sausen, -- wie den Schlachtsturm um seine Ohren. Er hörte

alles. Die größten Virtuosen der Welt hatten in Berlin ihr Odeum; er

aber urtheilte immer nach seinen einmahl angenommenen Grundsätzen.

Alle Gaukeleyen der Tonkünstler ohne inneres Mark, daß heißt, ohne

richtig bestimmte Theorie, -- glitschten an seiner Felsenseele wie

Staubregen ab. Er selber spielte die Flöte als Meister, accompagnirte

vortrefflich mit dem Flügel, und verstand den Satz meisterhaft. Zu

vielen der Graunischen Arien hat er die Motiven angegeben. Mit einem

Wort: Friedrich der Große ist auch der Schöpfer einer der ersten

musikalischen Schulen, so wie er der Schöpfer einer der berühmtesten

_politischen_ und _tactischen_ Schulen der Welt ist.

Sächsische Schule.

Die Sachsen haben sich von den ältesten Zeiten her durch ihren Hang für

die Tonkunst ausgezeichnet.

_Wittekind_, ein wahrhaftig großer Mann -- hielt ein Chor Sänger

und Instrumentisten, wodurch er seine Heere zum Streit beflammte. Als

das Christenthum in Sachsen eingeführt wurde, so war Otto der Erlauchte

der erste, der die Kirchenmusik in seinen Staaten einführte. Der

lateinische Gesang fand zwar lange Widerstand bey den Sachsen; endlich

aber brach er doch durch unter den Herzogen aus dem Billungischen

Stamme. _Heinrich der Löwe_ verbesserte die Kriegsmusik, und

führte nie seine Heere ins Schlachtfeld, ohne die mutherweckende Tuba.

Er selbst blies die Trompete als Meister, und pflegte zu sagen: »Ohne

Sang gibts keinen Waffendrang.« Und so ging es fort bis auf die Zeiten

_Luthers_, dessen unsterbliches Verdienst um die Musik wir schon

oben gezeigt haben. Den _Sachsen_ haben wir den herzergreifenden

_Kirchengesang_ zu verdanken. Ehemahls war es durch ganz

Deutschland Sitte, daß nur die Chorherrn und Chorknaben sangen. Aber

Luther behauptete mit vollem Rechte, daß der Gesang ein Theil des

Gottesdienstes sey; und von dieser Zeit an tönten alle Tempel von

heiligen Hymnen wieder. Von Sachsen aus verbreitete sich diese große

Sitte durch ganz Deutschland; und ist in den neuesten Zeiten durch

die Reformation der Katholiken allgemein geworden. Die Feinde Luthers

pflegten zu sagen: »Luther hat uns mehr durch Sang als durch seine

Lehre geschadet.«

_Moriz_ unterhielt ein vortreffliches Musikchor. Er führte die

figurirte Kirchenmusik durch ganz Sachsen ein, legte Singschulen an,

und gab ihren Vorstehern den Titel _Cantoren_. -- Bis auf den

heutigen Tag sind diese vortrefflichen Musikanstalten in Sachsen, und

haben die größten Musiker hervorgebracht, welche der Stolz Deutschlands

und der Neid des Auslandes sind. Ja die Sachsen haben sich durch viele

Jahrhunderte in der Musik so ausgezeichnet, daß die Welschen unter dem

Wort _Sassone_ ganz Deutschland begreifen -- ein Land das sie

allein für ihre würdige Nebenbuhlerinn in der Tonkunst erkennen. Als

Churfürst _August_, König von Pohlen wurde, da bekam die Tonkunst

daselbst einen neuen Schwung und ihre bisherige Einfalt artete fast

in persische Schwelgerey aus. Er verschrieb die größten Sänger und

Componisten aus Italien, und war einer der ersten, der den welschen

Geschmack mit dem deutschen verflößte. -- Diese Verflößung ist von

Augusts Zeiten an ein Hauptcharakter der deutschen Tonkunst worden. Es

gehört daher ein großer Kenner dazu, das Eigenthümliche des urdeutschen

musikalischen Styls von der Vermischung mit dem welschen zu sondern.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 5 / 22 段