Die Geschichte der Tonkunst unter den Römern ist ein dürrer Boden,

worauf nur da und dort ein Blümchen wächst. Die Römer waren wie in

allen schönen Künsten, so auch in der Tonkunst, ganz und gar Copisten

von den Griechen. Doch findet man schon im _Livius_ Spuren der

ältesten Musik unter den Römern. Schon Romulus, besonders aber Tullus

Hostilius, verbanden die Musik mit ihrem Gottesdienste. Wie alle

Musik, die in der Wiege liegt, so war auch die römische zu jenen

Zeiten klein, dürftig und einfältig. Der vortreffliche musikalische

Geschichtschreiber _Pater Martini_ behauptet, (aus welchen

Quellen kann ich nicht bestimmen) daß die römische Musik lange Zeit

keinen weitern Umfang gehabt habe, als unser Kühhorn; und ich glaube

auch seinem Zeugnisse. Die Töne des Kühhorns liegen ganz und gar in

der Natur; alle übrigen dazwischen liegenden Töne muß erst die Kunst

suchen. Da aber zu Untersuchungen dieser Art, Muße, Anstrengung,

Behaglichkeit und Wohlstand gehört; so lassen sich diese Mitteltöne vom

kriegerischen Geiste der Römer nicht so bald erwarten. Die Instrumente,

welche man in Rom ausgrub, sind auch so dürftig gemacht, daß die der

Wilden in Nordamerika noch mehr Schönheit und Umfang haben. In den

reichen Antiquitätensälen der Römer findet man dergleichen Instrumente

zu tausenden, wovon einige so bizarre Formen haben, daß man nicht weiß,

was man aus ihnen machen soll. Die einfache und doppel Pfeife, das

Krummhorn, das Schneckenhorn, die Tuba oder Trompete, das Cymbal, und

eine Art von Pauken, kann man noch von einander unterscheiden. Dazu

kamen noch ihre Leyern, die so eng und unschicklich gemacht waren,

daß sich kein starker bedeutender Ton von ihnen erwarten läßt. Die

Kunst Resonanzböden anzubringen, durch Stege die Saiten zu theilen,

den Schall zu vermindern oder zu vermehren, scheint ihnen noch zu

den Zeiten des Horaz ganz unbekannt gewesen zu seyn. Doch haben

die friedlichen Zeiten Augusts auch die Musik in bessere Aufnahme

gebracht. Die Vestalinnen legten sich auf den Gesang; Mädchen und

Knaben wurden abgerichtet in Chören mit einander zu wetteifern, wie

man aus dem Carmen seculare des Horaz ersiehet, welches unstreitig

von Wechselchören abgesungen wurde. Wäre die römische Musik so

vortrefflich gewesen, wie die Pöesie; so müßte etwas Großes und Ganzes

herausgekommen seyn. Allein die Römer beweisen durch ihr Beyspiel, daß

die Musik nicht immer blühe, wo die Dichtkunst hoch gestiegen ist. Zwar

sollen einige römische Weltweise die Grundsätze der Tonkunst untersucht

haben: da aber ihre Schriften alle verloren gegangen sind, wer kann

urtheilen?

Es ist bekannt, daß die Römer die Musik so wohl bey dem Schauspiel,

als auch bey ihren Heeren anwandten, weil sie die Macht derselben

von barbarischen Völkern erlernten. Allein ihre Kriegsmusik war, wie

man gewiß weiß, äußerst elend und kraftlos. Weit besser aber muß ihre

theatralische, sonderlich mimische Musik gewesen seyn, weil sie die

Geberdensprache der größten Meister in der Mimik dollmetschte. Da es

aber den Römern an musikalischen Zeichen fehlte, so sind alle Beyspiele

davon verloren gegangen.

Mit dem Verfalle des römischen Staats, sanken auch die Künste immer

tiefer herunter, und man hörte in ihren letzten Zeiten kaum noch einige

wimmernden Laute der Tonkunst: ja diese göttliche Kunst wäre vielleicht

lange unter römischem und griechischem Schutte begraben geblieben, wenn

nicht die Christen, von ihrer Kraft überzeugt, solche fortgepflanzt

hätten: daß sie schon von den Aposteln zum Kirchengesang gebraucht

worden, sieht man aus der Ermahnung des Apostels Paulus: »Erbauet euch

selbst unter einander mit Psalmen, Gesängen und geistlichen lieblichen

Liedern.« Jede gottesdienstliche Versammlung der Christen begann mit

einem Liede, und schloß sich mit einem Liede: eine Sitte, die sich

bis auf unsere Zeiten erhalten hat. _Plinius_ sagt daher von den

Christen seiner Zeit: Sie stehen früh auf, kommen zusammen, und singen

ihrem Gott Christus ein Lied, dann erst gehen sie an ihre Geschäfte.

_Athanasius_ der große Kirchenvater, war unstreitig ein

vortrefflicher Tonkünstler: er verbesserte den Kirchengesang unter den

Christen durchgängig, und verfertigte selbst einige herrliche Lieder,

wovon wir sein _Te Deum laudamus_ noch heute tausend Mahl singen,

und tausend Mahl entweihen. Luther hat es ins Deutsche übertragen, und

des Athanasius Melodie beybehalten. In der griechischen Kirche gibt es

noch viele von Athanasius gesetzte Lieder, die gleiches Verdienst

haben.

Die Gesänge des _Lactantius_ wurden lange in den christlichen

Kirchen abgesungen, und die Katholiken singen sie noch immer.

_Luther_ verdrängte aus den weisesten Gründen die lateinischen

Gesänge ganz und gar aus der deutschen Kirche; übersetzte aber auch

einige der besten ältern Gesänge, und behielt die Melodien bey. In der

morgenländischen Kirche erhielt sich der wahre Geschmack der Tonkunst

länger, als in der abendländischen; denn hier artete sie, sonderlich

unter den Päpsten, gar bald in schwelgende Pracht aus, und in einen

Pomp, worunter die edle Einfalt erlag. Ihr Gesang war wie Jamblichius

sagt, tosendes Pfaffengebrüll; und ihre Instrumentalbegleitung nichts

anderes, als ein unverständliches Gewirr und Geklingel. In der

griechischen Kirche dagegen behielt man die edle Simplicität, bis

auf den Untergang des Staats bey. Das griechische Kaiserthum beweist

den Satz, daß der Verfall eines Staats eben nicht immer mit dem

Verfalle der Künste und Wissenschaften verbunden seyn müsse: denn aus

Constantinopels Trümmern traten die Lehrmeister des ganzen menschlichen

Geschlechts hervor. Die Musen flüchteten nach Italien, und mit ihnen

auch Polyhymnia, Uranias trauliche Schwester.

Die Italiäner haben also sehr frühzeitig Epoche in der Musik gemacht;

und diese ihre glänzende, die finstersten Jahrhunderte erleuchtende

Epoche, ist noch immer nicht verschwunden. Ganz Europa hat sich nach

den Welschen gebildet, und sie verdienten vor allen Völkern der Welt

diese Ehre. Denn was war und ist die Tonkunst der Italiäner? -- Ihr

Gesang ist schmelzend, ihre Instrumentalbegleitung war sonderlich in

der ersten Periode ihrer Tonkunst, nicht rauschend und übertäubend,

sondern eine stille krystallene See, die den Kahn des Gesanges trug

und hob. Es ist also der Mühe werth, die Ursachen aufzusuchen, wodurch

Italien sich in der Tonkunst so weit über alle andern Nationen hinweg

schwang.

Fürs erste, mag der günstige Himmelsstrich, der die Menschen so sehr

zum Sang und Spiel auffordert, wohl einigen Antheil an diesem Fluge der

Phantasie haben: ob ich gleich nicht mit dem großen _Winkelmann_

behaupten möchte, daß die Griechen bloß durch die Wohlthat ihres

Himmelsstrichs Griechen geworden sind, und daß also Italiens

Pomeranzendüfte einen so großen Antheil an ihrer blühenden Tonkunst

haben müßten. Man hat zwar die Bemerkung gemacht, daß ein günstiges

Klima größere Musiker zeuge, als ein ungünstiges; doch hat unser

nördliches Deutschland diesen Satz sehr eingeschränkt; denn wir haben

Musiker hervorgebracht, die nicht bloß mit den Welschen wetteifern,

sondern sie an Genie und Reichthum der Erfindung überflogen. Ein

Feuerländer singt nicht; da hingegen der Otahiter in den Wollüsten der

Musik schwimmt. Aber zwey Gränzlinien des äußersten entscheiden hier

nichts. Doch bleibt so viel gewiß, daß ein mildes Land, und fröhliche

Muße fast immer den Gesang hervorbringen.

Die zweyte Ursache des Aufflugs der welschen Musik ist entscheidender,

und besteht in außerordentlicher Aufmunterung derselben durch die

Großen, und in den fürstlichen Belohnungen, die sie ausgezeichneten

Musikern geben. Das Haus _Medicis_ hat sich unsterbliche

Verdienste um die Tonkunst erworben, die großen Fürsten dieses Hauses

ehrten die Musiker, als wären sie die ersten Säulen des Staats. Ein

Capellmeister Nahmens _Crysolidas_, ein geborner Grieche, hatte

2000 Zechinen Besoldung; den Rang gleich nach dem Oberhofmarschall; und

speiste gewöhnlich alle Tage an der Tafel des Herzogs. Unter dießen

großen Pflegern der Musen blühte eigentlich die Musik in Italien

zuerst auf. Man hat noch Kirchenstücke aus jenen Zeiten, welche voll

Einfalt und Majestät sind. Auch fing man damahls an, zuerst die

_Theorie_ der Musik zu untersuchen, und zwar mit solchem Tiefsinn,

daß unsere neuern Musiker noch sehr viel daraus lernen können. Die

Republik Venedig eiferte den Medicäern in der Unterstützung der

Tonkunst rühmlichst nach. Einer ihrer Bürger, Nahmens Joseph Zarlino,

schrieb ein Werk in vier Foliobänden über die Harmonie, welches noch

heute das Handbuch der größten Tonsetzer ist. Der deutsche Orpheus

_Bach_ sagte einst zu einem Engländer, der ihn fragte, was er für

Lehrer gehabt habe? Meinen Vater antwortete er und Zarlino. -- Die

Venetianer erfanden mehrere Register in der Orgel; sie verbanden die

Instrumentalmusik mit dem Gesang in der Kirche; und wurden endlich im

vorigen Jahrhundert die Schöpfer der _Oper_.

Die erste Oper, welche 1624 zu Venedig aufgeführt wurde, ist zwar

gedruckt erschienen; aber durch ihre Seltenheit so kostbar, daß

man jetzt hundert und mehrere Louisd'ors dafür bezahlt. Sie ist

groß im Style, voll Einfalt und Majestät; der Gesang durchgängig

herrschend, und die Instrumente sind ihm ganz und gar unterworfen. Die

Carnevals-Lustbarkeiten haben Anlaß zur Erfindung der Oper gegeben.

Was aber die Venetianer über alles erhebt, ist, daß man _ihnen_

die große Erfindung der _Noten_ zu danken hat. Vorher war es

äußerst mühsam, ein musikalisches Stück aufzusetzen. Man behalf sich

allenthalben mit der so genannten deutschen Tabulatur, wo man vier

Linien zog, und durch Buchstaben und Striche, die Höhe und Tiefe, und

den Werth der Töne anzeigte. _Guido_ von Arezzo aber sah die

Gebrechen dieser Setzart zuerst ein, und erfand unsere heutigen Noten;

eine Erfindung, die eben so groß und wichtig, als die Erfindung der

Zahlen ist. Durch sie hat man es endlich dahin gebracht, daß nicht

nur die trägsten, wie die blitzschnellsten Töne fixirt, sondern die

musikalischen Erfindungen aller Nationen, auf die späteste Nachwelt

gebracht werden können. Die Pause, Tactstriche, Vermehrung der Tacte,

Bestimmtheit und Natur der Schlüssel, alles dieß verdanken wir dem

großen _Guido_. Er belauschte gleichsam die Pulsschläge der

Musik, und machte sie durch Charaktere anschaulich. Nach seinem Tode

gab man den Noten immer mehr Vollkommenheit: man zerschnitt die ganzen

Schläge in Halbe, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zwey und dreyßigstel

und Vier und sechzigstel; man erfand die Fermaten, Mordenten, und

die Zeichen des ganzen musikalischen Colorits so, daß jetzt die

musikalische Sprache die bestimmteste und vollkommenste in der Welt

ist.

Die Noten haben auch dem großen _Leibniz_ den Riesengedanken

eingegeben, eine allgemeine Sprache zu erfinden. Denn schloß er, so wie

ein jedes cultivirtes Volk die Noten gar leicht erlernen kann, ohne

die Sprache des andern zu verstehen, so wären auch Zeichen gleich den

Noten möglich, welche unsere Ideen fremden Nationen verständlich machen

könnten. Er starb auch mit der vollen Ueberzeugung von der Möglichkeit

dieser Erfindung. --

Der päpstliche Hof hat endlich die Musik in Italien auf den höchsten

Gipfel gebracht. _Pius IV._ und _Sixtus V._ haben sogar

einige Musiker canonisirt. Sie gaben eigene Schriften und Befehle

heraus, wodurch die Musik nicht nur allen Geistlichen aufs schärfste

anbefohlen, sondern auch ihre Vortrefflichkeit und Geistlichkeit

so erwiesen wurde, daß man beynahe alles darüber vergaß, und nur

Musik studierte. Die Päpste selbst besoldeten die Tonkünstler

außerordentlich. Die päpstliche Capelle zu den Zeiten des erwähnten

_Sixtus_, kostete jährlich 150,000 fl. zu unterhalten. Auch nach

Neapel und Genua drang dieser musikalische Enthusiasmus; und ganz

Italien ward bald ein lautschallender Concertsaal, der alle Europäer

herbey lockte, um daselbst wahre Tonkunst zu hören und zu lernen! --

Der stärkste und entscheidendste Grund von der Blüthe der Musik in

Italien ist sicher ihre engste Verbindung mit der Religion. In mehr als

einem päpstlichen Breve liest man noch in unsern Tagen den Ausdruck:

»_Sancta Musica_.« Ja, Papst _Honorius_ schrieb sogar _Beatus est,

qui ad honorem Dei, et beatae Virginis Mariae, coluit musicam._ Bey

Bestimmung der guten Werke stellten sie ausdrücklich den Satz auf: Es

sey vor Gott verdienstlich die Leute mit der Musik zu ergötzen. Noch im

vorigen Jahrhundert schrieb ein Cardinal.

»_Qui musicam non callet, seu nullo oblectamento animi illam audit;

ex diabolo est, nam solus ille omnem harmoniam respuit._« Man nehme

diese bis zur Schwärmerey getriebene Vorliebe für Musik, und stelle

sich Rom einige Jahrhunderte hierdurch vor: wie all seine prächtigen

Tempel von Menschenstimmen, Saitenklang, Orgelton, Pauken, Trompeten

und allen blasenden Instrumenten, Jahr aus Jahr ein wiederhallen;

wie diese Eindrücke in der frühesten Jugend schon in die Seele des

Welschen schneiden; wie kein Welscher bethet, beichtet, communicirt,

seine Andacht verrichtet, ohne daß ihn Töne der Musik umschwimmen;

und wenn man will; so setze man noch die besondere Reitzbarkeit der

italiänischen Nerven hinzu: so kann ein Blinder die Frage beantworten,

wodurch ist Italien in der Musik so groß geworden? In allen Arten des

musikalischen Styls hat dieß beneidenswürdige Land Meister aufzuweisen.

Sie haben sehr frühzeitig den Kirchenstyl bestimmt; _Allegri_

hat schon vor einigen Jahrhunderten so vortreffliche Chöre und

Wechselgesänge gesetzt, daß man sie nicht ohne Entzücken hören kann.

Sein _Miserere_, welches noch heutiges Tags am Charfreytage fast

in allen katholischen Kirchen gesungen wird, ist mit himmlischem Gefühl

gesetzt und wird nie aufhören zu wirken, so lang es noch Herzen gibt,

die für die Andacht glühen. --

Die Psalmen von _Orlando de Lasso_ aus der Mitte des sechzehnten

Jahrhunderts haben so viel Einfalt, Hohheit, Majestät des Ausdrucks,

daß ich es kaum begreife, wie man noch jetzt die Psalmen besser in

Musik übertragen kann. Die Meisterstücke dieses großen Tonsetzers

liegen zu München in der Bibliothek begraben, und nur manchmahl gibt

es einen Forscher, welcher den Staub hinwegbläßt und die Partituren

des großen Tonkünstlers studiert. -- Vielleicht macht uns noch ein

_Vogler_ mit den Sätzen dieses Musikers bekannt.

Die zweyte Periode der italiänischen Musik dauert ungefähr vom Jahr

1680 bis 1750. Sie ging von der äußersten Einfalt in etwas Pracht über,

und vereinigte die weltliche Miene des Dramas mit dem Gluthantlitze des

Kirchenstyls: und dieß legte den ersten Grund zum Verfall der Musik!

Da nichts schwerer ist, als die Gränzlinien des musikalischen Styls

zu bestimmen; so ist auch nichts leichter, als an dieser Klippe zu

scheitern. Noch ist es zwar nicht ganz geschehen; aber der Verfall der

Tonkunst ist nahe. -- An dieser Profanisirung ist niemand Schuld als

die Großen; denn diese thaten an die Genies die unsinnige Forderung,

die Kirche aufs Theater, und das Theater in die Kirche zu pflanzen.

Dieser Zwang veranlaßte die Tonmeister, eine gewisse Ueppigkeit in

den Kirchenstyl zu bringen, der die Gluth der Andacht beynahe ganz

ertödtet. _Anton Caldara_ schrieb ums Jahr 1722 zuerst in diesem

Style; doch behielt er noch das Fugenartige bey. Er war ein großer

Kenner des Contrapuncts, und verstand auch die Kraft des Sanges; aber

sein Geist beugte sich unter den Geschmack des kaiserlichen Hofes;

daher haben seine Messen schon einen Anstrich von Theaterchören.

Doch wäre es sehr zu wünschen, man hätte seine Manier beybehalten.

_Caldara_ gab den Instrumenten nicht mehr, als sie haben sollen;

er _hob_ den Gesang -- und wußte den Generalbaß zu bearbeiten.

Auch schlingen sich seine Fugen noch ziemlich richtig, und hüthen sich

vor dem leichtfertigen Tempo, das unsere heutigen Tonsetzer angenommen,

die nicht selten aus einem ernsten Halleluia und Amen einen Contratanz

gemacht haben.

Unstreitig sind in diesen beyden musikalischen Epochen die größten

Geister aufgetreten.

_Fuchs_, _Caldara_, _Brescianello_, _Tonini_,

_Marotti_, waren Köpfe vom ersten Rang; sonderlich arbeiteten die

großen deutschen Meister dem verderblichen Strome mit Glück entgegen;

und erst spät trat der Strom aus seinem Ufer, und verwüstete die

Gefilde.

Vom Jahr 1740 bis 1750 blühte die welsche Tonkunst, besonders die

dramatische in Neapel und Berlin in einem ausnehmenden Grade. Kenner

behaupten nicht ohne Grund, daß dieß die glänzendste Epoche der

Tonkunst gewesen. Der König von _Portugal_ hatte um diese Zeit ein

Orchester, welches das Erstaunen der Welt war. Aber der schreckliche

1. Nov. 1755 verschlang Lissabon im Erdbeben, und 78 der ersten

Musiker der Welt wurden unter dem Schutte begraben. In diesem goldenen

Zeitraume galt der Gesang alles; er herrschte, und die Instrumente

_dienten_ ihm als Vasallen. Die Würde der Orgel wurde durch

ganz Deutschland anerkannt, und von Sebastian Bach, Händel, Marchand

und Martinelli mit außerordentlichem Nachdruck gespielt. Man gab,

sonderlich in Italien und Frankreich, die vortrefflichsten Schriften

über die Musik heraus. Es gab Tonsetzer vom ersten Range, und die

Virtuosen wurden bis zur Verschwendung belohnt. Nur Schade, daß um

diese Zeit die Anzahl der Castraten so merklich zunahm. Die Welschen

kamen zuerst auf den schändlichen Gedanken, die Menschenstimme durch

Entmannung fortzupflanzen. Selbst durch ein päpstliches Breve wurden

die Castrationen authorisirt, und dieses Breve hat noch dazu die

abscheuliche Klausel: »_Ad honorem Dei._« Wenn Gott zu seiner

Verherrlichung Castrationen verlangte, so würden wir wohl ausdrückliche

Befehle in seinem Worte dazu finden; allein Gott und seine herrlich

eingerichtete Natur hassen alle Verstümmelungen: nichts beweist

dieß mehr, als die Castraten selber, die bey aller Kunst, zu welcher

sie sich unläugbar aufschwangen, dennoch heulen und krähen. Gott und

die Natur gebiethen, daß man mit Frauenzimmern Discant und Alt, mit

Mannsleuten aber Tenor und Baß besetzen soll. Uebertritt man dieß

große Gesetz, so rächt sich Mutter Natur durch Mißklang, und widrigen

Eindruck. Heil unserm Vaterlande, daß wir zwar Castraten belohnen, aber

keine machen! Wer wie die Deutschen, die Kunst versteht, Frauenzimmer

gehörig zu bilden, bedarf der Eunuchen nicht. --

Da in dieser musikalischen Epoche der Gesang so eifrig ausgebildet

wurde, so litt die Instrumentalmusik darunter. Wir haben daher von

diesen Zeiten, außer einigen großen Organisten, keine sonderlichen

Meister aufzuweisen. Dieß war der dritten Epoche vorbehalten, welche

vom Jahr 1750 bis auf unsere Zeiten reicht.

Auch in diesem Zeitpuncte zählen die Welschen noch große und

außerordentliche Meister. _Traetta_, _Galuppi_, und _Jomelli_ gaben den

Ton an. _Traetta_ behauptet noch immer die Würde des Gesangs; gibt aber

den Instrumenten mehr Arbeit. Seine Opern sind mit tiefem Verständnisse

der Dichtkunst und Musik gesetzt; sein Recitativ ist ziemlich correct;

seine Arien haben Anmuth und oft schmelzende Zärtlichkeit; und auch

seinen Chören fehlt es nicht an Würde. Nur ist er kein sonderlicher

Contratpunctist gewesen; denn seine Kirchenstücke strömen wie

Schneewasser am nackten Fels hinab. Sein Haschen nach neuen Einfällen,

seine langweiligen Coloraturen, seine häufigen Ruhepuncte und andere

Künsteleyen, zerstören die Einfalt des Satzes, und versprechen seinen

Compositionen keine lange Dauer.

_Galuppi_, weit größer als seine Vorgänger, hat äußerst simpeln

und lieblichen Gesang; reiche Erfindung, ungekünstelte Modulation und

herrliche Harmonie. Seine Instrumentalbegleitung ist nicht tosend,

nicht die Menschenstimme übertäubend, auch nicht einschläfernd für

die Instrumentalisten; sondern so vortrefflich gewählt, so der Natur

der Instrumente angemessen, daß, so einfach die Noten sind, sie doch

nur ein Meister ganz herausbringen kann. _Galuppi_ hat tiefes

Schönheitsgefühl; er war daher meist ein treuer Dollmetscher des

poetischen Textes. Den Sturm der Inversion, der den Hauptgedanken wie

in einem Feuerregen auf die Seele des Höhrers träuft, -- liebte er gar

nicht. Was der Dichter sprach, das sprach er ihm in Einfalt des Herzens

nach. Daher sehen seine Partituren so licht aus; daher findet man so

oft bey ihm, wie er mit einer einzigen Note, oder doch mit wenigen

Noten eine Hauptempfindung auszudrücken suchte. Man sehe zum Beweis,

wie er die vortreffliche Arie des _Metastasio_ setzte:

_Se cerca, se dice:

L'amico dov'é?

L'amico infelice,

Rispondi, -- mori._

Auch im Kirchenstyl besitzen wir Meisterstücke von ihm; doch gelingt

ihm ein Kyrie eleison, ein Miserere immer besser, als ein _Te

Deum laudamus_, und ein _gloria in excelsis_: denn lautes

Aufjauchzen, starkes anhaltendes Feuer, himmelanstrebendes Pathos, --

war nie der Welschen Sache; doch muß man es dem großen _Galuppi_

nachsagen, daß er den Contrapunct sorgfältig studiert und seine Fugen

mit Fleiß bearbeitet hat. Ein Credo, welches er in Venedig 1752

componirte, ist mit so viel Würde und Einfalt gesetzt; daß er sich

dadurch allein unsterblich gemacht hätte, wenn nicht seine Opern

noch lauter um den Kranz der Unsterblichkeit ruften. Mit einem Wort,

_Galuppi_ ist ein durch ganz Europa gefeyerter Mann -- und er

verdient diese Feyer um so mehr, weil er mit seinen großen Gaben das

göttlichste Herz verband. Er starb als _Arion_ seines Volks,

und vermachte 50000 Thaler den Armen. Auf seinem Grabmahl steht die

Inschrift.

_Monumentum . Galuppi.

Angeli . cantare

Sciunt.

quae . cecinit._

_Jomelli_,

der Schöpfer eines ganz neuen Geschmacks, und sicher eines der ersten

musikalischen Genies, die jemahls gelebt haben. Dieser unsterbliche

Mann brach sich, wie alle Geister ersten Rangs, eine ganz eigene Bahn.

Sein höchst feuriger Geist blickt aus allen seinen Sätzen hervor,

brennende Imagination, glühende Phantasie, großes harmonisches

Verständniß; Reichthum melodischer Gänge, kühne stark wirkende

Modulationen, eine unnachahmliche Instrumentenbegleitung, -- sind der

hervorstechende Charakter seiner Opern. Auch erhob sich Jomelli zum

Rang eines musikalischen Erfinders. Das Stoccato der Bässe, wodurch sie

fast den Nachdruck des Orgelpedals erhielten; die genauere Bestimmung

des musikalischen Colorits; und sonderlich das allwirkende Crescendo

und Decrescendo sind sein! Als er diese Figur in einer Oper zu Neapel

zum ersten Mahle anbrachte, richteten sich alle Menschen im Parterre

und den Logen auf, und aus weiten Augen blickte das Erstaunen. Man

fühlte die Zauberkraft dieses neuen Orpheus, und von der Zeit an hielt

man ihn für den ersten Tonsetzer der Welt.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 2 / 22 段