Die Hebräer hatten ausnehmend viel Instrumente, besonders bl

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Anmerkungen zur Transkription.

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übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend

korrigiert worden.

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Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.

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CHRIST. FRIED. DAN. SCHUBART'S

IDEEN

ZU EINER ÄSTHETIK

DER

Tonkunst.

HERAUSGEGEBEN

VON LUDWIG SCHUBART,

KÖNIGL. PREUSS. LEGATIONSRATH.

WIEN.

BEY J. V. DEGEN.

BUCHDRUCKER UND BUCHHÄNDLER

1806.

Vorrede.

Nachstehendes Fragment, das vierzehn Jahre nach dem Tode seines

Verfassers erscheint, würde dem Publicum früher vorgelegt worden

seyn, wenn nicht so mancher abgerissene Artikel erst hätte ergänzt,

so manches in Sprache und Vortrag berichtiget, so manche Lücke --

besonders in den Beyspielen, wo der Verfasser die Subsidien nicht zur

Hand hatte -- erst hätte ausgefüllt werden müssen. Mein sel. Vater

dictirte die nachstehenden Blätter, so wie seine Lebensgeschichte, auf

der Festung _Hohenasperg_ einem Ungeübten in die Feder, ohne das

Manuscript in der Folge durchzusehen; die Notenlücken auszufüllen;

die Sprache zu sichten, und die ungeheuern, oft bis zur gänzlichen

Unverständlichkeit gehenden Schreibfehler auszumerzen[1]. Die Blätter

der Handschrift waren unter seinen Papieren zerstreut, und nur mühsam

zusammen zu bringen. Da es indessen einer seiner Lieblingsgedanken

war, eine Aesthetik der Tonkunst zu schreiben -- von der er so oft

mit Begeisterung sprach; da er hierzu bereits eine Menge Materialien

zusammengebracht, und in den Jahren 1784 und 1785 die Ausarbeitung

begonnen hatte: so unterzog ich mich obiger Mühe um so lieber, je

interessanter mir die Idee, und je treffender so mancher Artikel

durchgeführt schien.

Auch nachdem ich das meinige an dem Manuscript gethan, kam es noch

darauf an, einige competente Kenner darüber zu Rathe zu ziehen, und

durch vorgelegte Proben die Stimme des artistischen Publicums zu

vernehmen. Dergleichen Proben sind den Kunstfreunden der deutschen

Monathsschrift, in Wielands Merkur, in den engl. Blättern, und in der

Leipziger musik. Zeitung vorgelegt worden. Die Urtheile darüber fielen

günstig aus: man fand da und dort neue Ansichten, Eigenheit der Manier,

Klarheit und Popularität des Vortrags, und bey aller scheinbaren

Leichtigkeit, manche tief geschöpfte, auf Erfahrung ruhende Wahrheit:

-- und so folgt nun das Ganze, so weit es sich aus den vorhandenen

Papieren fortführen ließ.

Der Leser findet hier eine kurze, auch für den Nichtmusiker faßlich und

anziehend vorgetragene Geschichte der Tonkunst -- von den Hebräern,

Griechen, und Römern an, bis auf die großen musikalischen Schulen

der Italiener, Deutschen, und Franzosen. Die deutsche, ist nach Art

der Mahlerschulen, wieder eingetheilt: in die Wiener, Berlinische,

Sächsische, Pfalzbayersche; die übrigen deutschen Fürstenhöfe,

Würtemberg, Salzburg, Mainz u. s. w. so wie die Reichsstädte, werden in

besonderen Abschnitten behandelt.

Das Interessanteste in diesem historischen Gemählde, sind die

oft ziemlich ausgeführten _Charaktere_ der berühmtesten

_Componisten_ und _Virtuosen_: sie sind meist richtig, mit

Sachkunde, und in gedrängter Kürze angegeben, und müssen jedem wichtig

seyn, wer überhaupt Sinn für die Kunst hat. Einen großen Meister in

wenigen Zeilen so zu charakterisiren, daß ihn der Eingeweihte, auch

wenn der Nahme wegbliebe, auf den ersten Blick erkennt -- gehört

bekanntlich unter die schwersten Aufgaben des Schriftstellers. Nach

meinem Gefühle sind in diesen Blättern die Charaktere Händel, Gluck,

Bach (Vater und Sohn), Benda, Jomelli, Lolli, Mad. Mara, Raff, und

einige andere so gezeichnet, daß man sie gleich in den ersten Zeilen

erkennt, und daß dem Leser ihr Tonbild gleichsam vergegenwärtiget wird.

Ihre verhallten Töne leben in den Worten wieder auf, und man erkennt

die Möglichkeit, daß sich die oft beklagte Flüchtigkeit der executiven

Musik eben so durch das Wort fixiren ließe, wie man die bleibenden

Kunstwerke bestimmt hat. -- Die Sachkunde des Verfassers so wohl in

der musikalischen Ausführung, als in der Composition, leuchtet überall

hervor, und seine poetische Sprache kam ihm oft ungemein zu Statten,

die feinsten Nüancen des Gefühls zu haschen, und dunkeln Ideen Worte

zu leihen, die man kaum des Ausdrucks fähig hält.[2]

Zu diesen Eigenschaften kam ein warmer deutscher Patriotismus -- der

auch die Vaterlandschronik charakterisirte, und gerade hier seine

köstlichste Nahrung fand. Denn vor dem _musikalischen_ Genie des

Deutschen beugen sich England, und Frankreich, und selbst Italiens

Kunststolz weiß uns jetzt keinen Mozart und Haydn zu nennen. Die

_deutschen_ Instrumentisten waren von jeher, und sind noch immer

die Ersten in Paris, London, Rom, und Petersburg, und schon der Nahme

_Deutscher_, erweckt in diesen Ländern ein günstiges Präjudiz für

den auftretenden Kraftmann.

Im zweyten Theile des Werks, der die _Grundsätze_ der Tonkunst

enthalten sollte, liefert der Verfasser erst eine Beschreibung

aller Instrumente, von der königlichen Orgel, bis zur schlichten

Maultrommel herab, und verweilt besonders bey den Clavier-Arten, worin

er sich selbst ausgezeichnet, und wo er manches aus vierzigjähriger

Erfahrung abgeschöpfte Geheimniß beybringt. Dann geht er zum

Gesang, zum musikalischen Styl, zu den Kunstwörtern, zum Colorit,

zum musikalischen Genie, und zum Ausdruck über, und schließt mit

einer _Charakteristik_ der Töne -- die schon bey ihrer ersten

Erscheinung Aufmerksamkeit erregte, und seit dem von einem der ersten

Kenner, als ein »tief geschöpftes, wahres, und ganz originelles

Tongemählde« bezeichnet wurde. Wird diese Charakteristik dereinst durch

Uebereinstimmung näher und tiefer bestimmt; so weiß jeder Componist,

welche Tonart er für eine gegebene Empfindung, oder Leidenschaft zu

wählen habe.

Die große Epoche, welche in unsern Tagen der unsterbliche _Mozart_

in der Musik hervorgebracht hat, fiel nicht mehr in die Zeit des

Verfassers. -- Ich war erst willens, die ganz ausgeführten Charaktere

von Haydn und Mozart dem Werke beyzufügen; unterließ es aber, so wie

die Fortsetzung der Geschichte von 1785 bis 1800, (von einer andern

Hand) aus dem ganz einfachen Grunde: weil ich bloß den Nachlaß meines

Vaters, unvermischt, unbeschnitten, und mit möglichster Beybehaltung

des ihm eignen Gepräges geben wollte.

Die Rubriken über die _Noten_, die _Schlüssel_, den

_Generalbaß_, über die _Composition_, über _Melodie_,

_Harmonie_ u. s. w. fanden sich zwar angemerkt, enthielten

aber nichts als einige Unterabtheilungen, und hingeworfene Worte --

als Fingerzeige bey der Ausführung. Ein eigner Abschnitt des Buchs

sollte die Frage abhandeln: »Was ist in der Tonkunst _noch zu thun

übrig_?« Der Verfasser hoffte sich durch eine möglichst ins Innere

gehende Beantwortung dieser Frage mehr als durch alles andere ein

bleibendes Verdienst um seine Lieblingskunst zu erwerben, und war

entschlossen, die letzte Kraft seines Lebens der Verfechtung ihrer

ursprünglichen Würde, Reinheit, Einfalt, und Macht auf den Menschen zu

widmen.

Meine Entfernung vom Druckorte hat bey aller Sorgfalt, die ich auf die

Handschrift verwandt, verschiedene Druckfehler und Ungleichheiten in

der Rechtschreibung veranlaßt, die ich nach der Beylage zu berichtigen

bitte.

Ostermesse 1806.

Der Herausgeber.

Inhalt.

Seite.

Einleitung. 1

Skizzirte Geschichte der Musik. 3

Juden. 7

Griechische Musik. 17

Römer. 32

Von Italiens großen Sängern. 53

Schule der Deutschen. 63

Sächsische Schule. 97

Pfalzbayersche Schule. 121

Wirtemberg. 147

Salzburg. 157

Braunschweig. 159

Anspach. 161

Wallerstein-Oettingen. 166

Durlach. 170

Hamburg. 173

Mainz. 182

Köln. 184

Trier. 186

Taxis. 189

Nassau-Weilburg. 192

Cassel. 194

Darmstadt. 195

Hanau. 197

Augsburg. 211

Frankfurt. 218

Ulm. 221

Charaktere berühmter Tonkünstler. 223

Schweden und Dänemark. 240

Rußland. 245

Pohlen. 248

Schweiz. 250

Holland. 253

England. 255

Frankreich. 261

Zweyter Theil.

Die Grundsätze der Tonkunst.

Von den musikalischen Instrumenten. 277

Von der Orgel. 277

Vom Flügel oder dem Claviere. 286

Von der Applicatur, oder dem Fingersatze. 292

Vom Solospielen. 295

Von blasenden Instrumenten. 308

Von sonstigen Instrumenten. 329

Vom Gesang. 335

Vom musikalischen Styl. 343

Vom Kammerstyl. 354

Von den musikalischen Kunstwörtern. 356

Vom musikalischen Colorit. 363

Vom musikalischen Genie. 368

Vom musikalischen Ausdruck. 372

Charakteristik der Töne. 377

Einleitung.

Man hat bisher behauptet, nur der mathematische Theil der Tonkunst

lasse sich auf Grundsätze bringen; der ästhetische aber liege ganz und

gar nicht im Gebiethe der Kritik. Daher haben sich die Werke ersterer

Art bis zum Ekel aufgehäuft, und von letzterer besitzen wir kaum einige

matte zitternde Versuche. Das Todtengerippe der Musik, ist wie alle

Todtengerippe, ekelhaft anzusehen, doch hat es für die kritischen

Zergliederer seinen großen Nutzen. Hingegen der ästhetische Theil der

Tonkunst, der sich mehr mit der Erfindung der Melodie, als mit der

Harmonie und mit Modulation beschäftigt, oder, welches eins ist, der

diesem Todtenkörper Carnation und Colorit gibt, ist zwar viel schwerer,

aber desto fruchtbarer und angenehmer. Nachstehende Abhandlung ist

dazu bestimmt, diesen wichtigen Theil der Kunst zu bearbeiten, und die

ästhetischen Grundsätze der Musik so deutlich als möglich darzustellen.

Nicht dem Virtuosen und Kenner allein, sondern jedem, der in dieser

göttlichen Kunst nicht ganz unwissend seyn möchte, muß ein Versuch

willkommen seyn, der ganz deutlich zeigen soll, wie man musikalische

Schönheiten auf der That erhaschen und beurtheilen kann. Um die zwey

großen Fragen: Was ist das musikalische Schöne? Wie wird dieß Schöne

hervor gebracht? soll sich die ganze Abhandlung drehen. --

Der Einwurf, über Töne dürfe man nicht urtheilen; sie müßten

blitzschnell mit dem Ohre aufgesaugt und mit dem Herzen empfunden

werden; denn jede künstliche Zergliederung vermindere die Täuschung:

dieser Einwurf verliert alle Kraft, wenn man bedenkt, daß es sonst

auch nicht erlaubt seyn würde, über die Gegenstände der Mahlerey zu

urtheilen, deren Eindrücke gewiß eben so transitorisch[3] sind, als die

Eindrücke der Tonkunst. Indeß liest man einen Mengs, Hagedorn, Lippert,

Füeßli, Addison, D'Argenville, Caylus, Winkelmann, Göthe, Herder, über

diese und andere schöne Künste mit Entzücken. Es kommt daher alles

darauf an, ob man die Schönheiten der Tonkunst selbst im Innersten

fühle? Ob man wenigstens auf einem Instrumente Meister sey? ob man

philosophisch über diese Kunst nachgedacht habe; und ob man endlich die

Gabe besitze, eine Folge von Tönen zu haschen, und in schickliche Worte

einzukleiden; dem Phantasieschwunge und Herzensergusse des Tonsetzers

zu folgen und dem Leser zu zeigen, warum dieser Tonsatz wirklich

schön sey? Vor allen Dingen aber muß der musikalische Aesthetiker

den Wirkungen der Tonkunst sorgfältig nachspüren, und nach richtigen

Principien zu zeigen wissen, warum dieser oder jener Gang so große und

einschneidende Wirkungen hervor bringe, und warum ein anderer Satz

kraftlos vom Herzen der Menschen abgleite?

_Skizzirte Geschichte der Musik._

Die Tonkunst ist so alt als die Welt. Man könnte eben so wohl den

Menschen ein singendes Geschöpf, als mit Aristoteles ein redendes

Geschöpf nennen. Alle Menschen werden mit einer Anlage zum Gesang

geboren. Nur wird diese Anlage mehr oder weniger ausgebildet, oder

gewisse Gebrechen an den Werkzeugen der Stimme, oder eine ganz

unmusikalische Erziehung verhindern diese Ausbildung der natürlichen

Anlage bey den meisten. In einer Gemeinde von tausend und mehreren

Menschen wird kaum ein Einziger gefunden werden, der nicht vom

Strome des Tempelliedes mächtig ergriffen und auf seinen Wogen mit

fortgewälzt wird. Es ist also kindisch und ganz und gar gegen die

Würde der Menschheit, wenn man mit einigen alten musikalischen

Geschichtschreibern annehmen wollte: der Mensch hätte das Singen

von den Vögeln gelernt, oder Musik sey nachahmende Kunst. Das ewige

Einerley des Vogelsanges ist zu ermüdend, als daß die Menschen anders

als in gewissen launigen Stunden auf die Nachahmung desselben verfallen

könnten. Die Schwalbe auf unserer Dachrinne zwitschert noch heute

wie zu Adams Zeiten; die steigende Lerche singt noch jetzt über dem

Haupte des Pflügers, wie sie sang über dem Haupte Abels des Schäfers;

und die Nachtigall gluckt zu unseren Zeiten nicht anders als sie

dem (ersten) liebenden Paare aus dem Schattenhain Edens zugluckte.

Hingegen welche unendliche Veränderungen hat die Tonkunst unter dem

Menschengeschlechte erlitten! Wie richtet sich der Geschmack nach

allen Himmelszonen! Vom kunstlosen Volksliede einer Grasnymphe, bis

zur Bravourarie einer Mara oder Gabrieli, -- welche Abstufung; welcher

Tonwechsel! Und vom Dorffiedler bis zu einem Lolli oder Cramer hinauf,

-- welche Verschiedenheit des Geschmackes, der Fertigkeit! Auch hier

zeigt sich der Mensch in der hohen Würde, die ihm der Schöpfer anschuf.

Die sieben Töne liegen zwar auch in der Kehle der Vögel; aber was hat

der Mensch aus diesen sieben Tönen gemacht! Er ahmt damit das Säuseln

des Frühlingslüftchens, wie das Heulen des Nachtwindes, und den

waldbeugenden Sturm nach. Er liebt, er zürnt, er klagt, er tobt; raset,

bethet, verflucht; er lacht, er weint, er mischt sich ins Halleluja der

Engel und ins dumpfe Getöse der Harfen des Todes vom Donner gespalten

-- und dieß alles mit sieben Tönen!!

Das Göttliche der Tonkunst ist also ganz unverkennbar. Dem Menschen

ist das musikalische Genie angeboren, nur von der Cultur hängt es ab,

wie weit dieß sein musikalisches Genie kreisen soll. Wir haben noch

heutiges Tages unzählige Beyspiele, daß Menschen mit der Gabe, den

Alt, Tenor oder Baß zu einer Melodie aufzufinden, geboren werden. Das

Bauernmädchen secundirt ihrer Freundinn, ohne zu wissen, daß dieß

der Secund sey. Der Handwerker summt seinen Strohbaß zum Liede seines

Weibes, ohne jemahls in einer Singschule die Verhältnisse des Basses

erlernt zu haben. (Im Capitel vom musikalischen Genie soll dieser Punct

weitläufiger aus einander gesetzt werden).

Unstreitig ist also die Gesangmusik lange vor der Instrumentalmusik

hergegangen; denn die Untersuchung tongebender Körper ist zu schwer für

das Kinderalter der Menschheit. Der Gesang hingegen ist so natürlich,

und entquillt so frey und so kunstlos unseren Herzen, daß jedes Gefühl

von Heiterkeit oder von süßer Schwermuth, oder jeder leidenschaftliche

Drang hinreichend ist, uns die Lippen zum Gesang zu öffnen. Ganz gewiß

hat also das erste Menschenpaar schon gesungen; ihre Abkömmlinge

hallten ihre Töne nach, und erst nach vielen Jahrhunderten war es einem

Jubal vorbehalten, den Grund zur Erfindung der Instrumentalmusik zu

legen. Die Schallmey oder die Hirtenflöte, und die Leyer wegen ihrer

simpeln Zusammensetzung gehören mit Recht unter die ersterfundenen

Instrumente; und wenn die heilige Schrift von Jubal sagt: von ihm

sind herkommen die Pfeifer und Geiger, so ist gewiß die Hirtenflöte

und Leyer, und ganz und gar nicht unsere Geige darunter zu verstehen.

Denn welchen Reichthum menschlicher Erkenntnisse erfordert nicht die

Geige, so wie wir sie heutiges Tages besitzen! Die Symmetrie des

Bauches, der Stimmstock, die äußerst simple Stimmung, der Einfall,

einem verächtlichen Schafdarm durch einen mit Colophonium bestrichenen

Roßschweif, himmlische Töne zu entlocken, ist sicher erst in weit

spätern Zeiten reif worden.

Gewiß aber ists, und es kann aus der Natur der Menschheit unumstößlich

erwiesen werden, daß schon vor der Sündfluth die Tonkunst unter dem

Menschengeschlechte sehr stark getrieben worden; und schwerlich hat

_Bodmer_ in seiner Noachide, diesem göttlichen Gemählde der ersten

Welt, die Schilderung vom Zustande der Musik in diesem Zeitalter

übertrieben. Gleich nach der Sündfluth findet man wieder Spuren der

auflebenden Tonkunst. -- Die Chaldäer, und sonderlich die Phönicier

haben sehr früh schon die Tonkunst mit dem Gottesdienste verbunden.

Sie übten den Gesang in großen Chören, und begleiteten ihn sonderlich

mit blasenden Instrumenten von mannigfaltiger Erfindung. Ihre so

genannten Trompeten waren von Erz, noch häufiger aber von Thon; wie

solches aus der Einfalt dieser Erfindung dargethan werden kann. -- Noch

höher stieg die Musik bey den Aegyptiern. Der Weihgesang der Isis und

des Osyris wurde von mehrern tausend Priestern abgesungen, und außer

dem schallenden Krummhorn, der Trommel, der Cymbel, welches aus Stahl

verfertigt und mit einem eisernen Schlägel geschlagen wurde, noch mit

einem Instrumente begleitet, das so lautschallend war, daß es den

Gesang von vielen Tausenden trug und hob. In Paris, London, Rom und

andern großen Kunstsammlungen findet man einige von diesen Instrumenten

von so ungeheurer Größe und Weite, daß sie kein Mensch mehr anblasen

kann, (vielleicht auch weil nur das Mundstück dazu fehlt). Einige

dieser Blasinstrumente haben fünf bis sechs, einige noch mehr Löcher,

wodurch Mannigfaltigkeit in den Ton gebracht werden konnte. Da der

Geschmack der Aegyptier in allen Stücken ungeheuer groß war; so könnte

man auch ohne historische Beweise darthun, daß sie in der Musik das

Gigantische liebten, -- wovon übrigens alle Schriftsteller zeugen, die

die ägyptische Geschichte abgehandelt haben[4].

Die Musik der _Meder_ und _Perser_ war Anfangs ernst und

majestätisch, verfiel aber mit der Nation gar bald in Weichlichkeit.

Die Perser und Meder singen für Weiber, sagt Xenophon; sie machen die

Seele nicht stark, sondern entnerven sie. Daher liebten die Perser zu

den Zeiten des Darius Codomannus, die weiche girrende Flöte, wozu ein

reitzendes Mädchen sang, und allerley wollüstige Stellungen unter dem

Gesange machte.

_Juden._

Unter allen morgenländischen Völkern übertrafen die Juden in der

Tonkunst die übrigen weit. So wohl in der Vocal- als Instrumentalmusik

hatten sie sehr frühe schon große Meister, oder wie sie selbige

nannten _Menatzeachs_, aufzuweisen, die wir in unserer Sprache

Virtuosen nennen würden. Und wenn die Dichtkunst eines Volkes mit der

Tonkunst immer gleichen Gang zu halten pflegt; so läßt sich schon

daraus unwiderlegbar schließen, zu welcher Höhe die Musik bey den Juden

gestiegen seyn müsse. --

Lowth (_de sacra poesi Hebraeorum_) hat zwar vieles von

hebräischer Poesie gesagt, aber bey weitem nicht den tausendsten Theil,

den der Kenner empfindet[5]. In allen Gattungen der Dichtkunst waren

die Hebräer Meister; da aber hier nur die lyrische in Betracht kommen

kann, so läßt sich auch schon aus dieser auf die Vollkommenheit der

hebräischen Musik schließen.

Wenn die Lieder, die in der Bibel stehen, eben so vortrefflich in Musik

gesetzt worden sind; wer kann ihnen heute noch etwas Vortrefflicheres

entgegen setzen? Das Lied Mosis in der Wüste wurde gesungen und mit

damahligen Instrumenten begleitet. Staunen würde vielleicht die Welt,

wenn wir die Melodie desselben mit seiner harmonischen Behandlung

wüßten; so wie jeder Gefühlvolle über das Lied selbst staunt. Zur Zeit

der Richter kam die Musik bey den Hebräern in Abnahme; hohen Schwung

aber erhielt sie unter David und Salomon wieder. Die Zaubereyen der

Davidischen Harfe, die mancher Schwachkopf verspottete, sind jedem

leicht erklärlich, der den Zauber der Verbindung zwischen Dichtkunst

und Musik genau kennt. Ganz gewiß declamirte David vor Saul große,

herzeinschneidende Nationalbegebenheiten, und begleitete sie mit den

einfachen Accorden seiner Harfe. Nur daraus läßt sich die große Wirkung

einiger Maßen begreiflich machen, die einen rasenden Saul entfesseln

konnte. --

Unstreitig war David eben darum einer der größten Musiker, weil er

die Zaubereyen der Musik mit der Dichtkunst zu verbinden wußte. Doch

erklomm erst zu _Salomo's_ Zeiten die hebräische Musik ihr Akme.

Bey der Einweihung seines Tempels hatte er acht tausend Sänger und

zwölf tausend Instrumentalisten; und der Geist dieses großen Monarchen

ist uns Bürge, daß die Musik seinen übrigen Geschmack nicht verläugnet

haben werde. Um uns einiger Maßen einen Begriff davon zu machen, müssen

wir uns den jetzigen Choralgesang vorstellen, so wie er von der Orgel,

der schneidenden Zinke und dem Posaunenhall begleitet wird.

Die Hebräer hatten verschiedene Instrumente, die wir jetzt nicht mehr

kennen. Meisten Theils wurden diese Instrumente geblasen; und was mit

der Hand gegriffen wurde, brauchte man nur in den geheimern Concerten

der Großen.

Die Hallposaune mag vielleicht mit unserm Kühhorne viele Aehnlichkeit

gehabt haben; und die festliche Gelegenheit empfahl sie.

Das Instrument auf sieben Saiten löset bloß das große Räthsel, daß die

Hebräer, wie alle Nationen, schon Kenntnisse von sieben Tönen hatten.

Das _Heptachord_ war ihnen, wie andern Völkern, bekannt, weil

die Zahl _sieben_ als Maßstab aller Vollkommenheit, in allen

Wissenschaften und Künsten hervor ragt.

Bey den Hebräern kannte man keine andere Verbindung in der Musik,

als mit der Religion. Ihr Tempelgesang war voll Würde und Majestät;

die _Leviten_, die überhaupt zum Gottesdienste ausgelesen waren,

mußten auch die Musik besorgen, doch immer unter Aufsicht eines

gewissen Chorregenten. So war z. B. zu den Zeiten Davids _Assaph_

ein solcher Meister. Aus seinen göttlichen Gesängen zu schließen,

muß er große Ideen gesetzt haben: und so dunkel die Nachrichten von

hebräischer Musik überhaupt sind; so wollte ich doch fast behaupten,

daß _Enharmonie_, _Unisono_ oder _Einklang_ ihr Charakter gewesen seyn

möchte.

Der _Wechselgesang_ war, wie man aus den Psalmen schließen

kann, auch den Hebräern bekannt. Ueberhaupt aber läßt sich aus den

hebräischen Gesängen abnehmen, daß Deutlichkeit des Ausdrucks,

donnernde Declamation und _sclavische_ Instrumentenbegleitung, ihr

Charakter gewesen seyn müsse. Zu bedauern ist es, daß die Erfindung der

Noten in so späte Zeiten fiel; sonst würde es leicht genug seyn, den

Charakter der Tonkunst bey allen Völkern zu bestimmen.

Die Hebräer bestimmten das Steigen und Fallen der Töne, deren sie nach

vieler Wahrscheinlichkeit nicht mehr als fünf hatten, die mit den

fünf Selbstlautern _a_, _e_, _i_, _o_, _u_, übereinkamen. Eben sie

waren es auch, wodurch die lange oder kurze Dauer der Töne bestimmt

wurde. Zur musikalischen Schreibkunst der Juden gehören auch ihre

achtzehn metrische Accente. Ob nun in derselben nach der in dem Werke

_Schilte Haggibborim_ aufgestellten Behauptung die wirkliche Form eines

künstlichen Gesanges enthalten war, oder ob sie bloß Erinnerungszeichen

an einzelne Theile des Ganzen vorstellen sollten, darüber wird man nie

mit Gewißheit entscheiden können. Aus allen historischen Fragmenten

aber, die auf unsere Zeiten gekommen sind und die man zum Theil durch

die lächerlichsten Hypothesen aufstutzte, resultirt immer so viel, daß

die musikalische Sprache dieser Nation höchst mühsam und schwer müsse

gewesen seyn.

Ob nun die Juden noch heutiges Tages diese musikalische

Charaktersprache verstehen, ist mir nicht bekannt. Doch müssen ihre

Vorsänger eine Art von Noten haben, sonst begreif ich nicht wohl, wie

sie die mannigfaltigen Beugungen ihrer Gesänge heraus bringen

können[6].

Die Hebräer hatten ausnehmend viel Instrumente, besonders blasende;

ihre Hallposaune, die sie im Kriege und im Gottesdienste brauchten,

hatte einen gewaltigen Ton. Man hörte ihn auf eine große Entfernung,

rief damit die Heere zusammen, und kündigte hohe Festtage an; oder

begleitete damit den Psalm der Priester. Aus den Ueberschriften der

Psalmen läßt sich schließen, daß die Juden für jedes Nationallied

auch eine Nationalmelodie hatten, nach welcher mehrere andere

gesungen wurden. Je nachdem nun die Hauptempfindung beschaffen war,

die in einem solchen Liede lag, brauchte man zu ihrer Begleitung nur

solche Instrumente, wie sie sich dazu nach ihrer besondern Natur und

Beschaffenheit am besten schickten. Auch ist es höchst wahrscheinlich,

daß sie schon die Moll- und Durtöne kannten. Doch läßt sich nicht

behaupten, wie einige neuere Rabbinen zur Ehre ihres Volkes zu erweisen

suchen, daß sie schon die Samaritaner gekannt hätten. Noch schwerer ist

auszumachen, was eigentlich jedes in der Bibel angeführte Instrument,

z. B. die Harfe, Githit, (ein zu Gath erfundenes Instrument) Gedor,

die Orgel, die Cymbel und die mannigfaltigen Blasinstrumente für einen

Tonumfang und für eine Wirkung gehabt haben. Man lese, was hierüber

Gerbert in seinem vortrefflichen Tractat _de Musica sacra_, und

Pfeifer in einer eigenen Abhandlung über die hebräische Tonkunst

geschrieben haben. Inzwischen wird mir die erstaunliche Wirkung der

hebräischen Musik, wenn z. B. ein David durch den Zauber seiner

Harfe, den Geist der Schwermuth aus einem Saul verjagte, gar leicht

begreiflich, wenn ich bedenke, daß die Juden die Poesie in ihrer

höchsten Kraft mit der Musik zu vereinigen pflegten; und daß man sich

höchst selten oder gar nie mit einem Instrumente allein hören ließ.

Auch scheint es mir aus verschiedenen Gründen höchst wahrscheinlich,

daß die hebräische Poesie mehr musikalische Poesie, als eigener

Gesang war. Das Instrument begleitete den Declamator, der natürlich

ganz vortrefflich seyn mußte, und alle Nuancen und Schattirungen

auszudrücken vermochte -- entweder mit kurzen Stößen oder ganzen

musikalischen Sätzen, die den Geist der Dichtkunst dollmetschten.

Jedes Comma, ganzes oder halbes Glied, jedes Zeichen der Bewunderung,

die Ausrufung, die Frage, jeder Punct wurde durch das begleitende

Instrument ausgedrückt. Man kann noch heute an unsern guten, für die

musikalische Declamation gemachten Stücken, die außerordentliche

Wirkung der hebräischen Musik aufs deutlichste erkennen. Doch muß man

auch hier aus Prädilection für die Poesie nicht zu weit gehen und

allen ausgeführten Gesang verwerfen wollen: denn der Gesang oder die

Musik überhaupt kann Empfindungen und Ideen nach ihrer Art ausführen,

die der Dichtkunst unmöglich sind. Und daß die Hebräer auch solchen

ausführlichen Gesang gehabt haben müssen, ist mehr als aus einer

Stelle der heiligen Schrift klar. Ihre vortrefflichen Wechselchöre,

wie z. B. der Psalm: »danket dem Herrn, denn er ist freundlich;« und

der meisterhafte Psalm: »Machet die Thore weit und die Thüren der

Welt hoch, daß der König der Ehre einziehe,« die einen abwechselnden

und ausgeführten Gesang voraus setzen, ihr durch viele Tacte

durchgedehntes Hallelujah; ihr Sela, welches gewiß nichts anders als

eine musikalische Pause ist, worauf ein anderer Chor begann; ihre

schon oben erwähnten Menatzeachs in allen schon damahls bekannten

Instrumenten; der hohe Flug ihrer Einbildungskraft und der volle Strom

ihrer Empfindungen -- erweisen dieß zur Genüge. Die große Menge von

Sängern und Instrumentisten zu den Zeiten Davids und Salomons preist

sonderlich Assaph, Calkol und Dedan. Schade, daß ihre Töne verhallt

sind, und daß sich die musikalische Sprache der Hebräer, wie aller

übrigen alten Völker, wegen Mangel allgemein verständlicher Zeichen

nicht so erhalten konnte, wie die Dichtkunst! Dieser Seufzer wird

uns noch oft entlockt werden, aber uns zugleich den großen Werth

unserer Notenerfindung desto fühlbarer machen. -- Noch muß ich hier

anmerken, daß durch die babylonische Gefangenschaft und die daraus

erfolgte Zerstreuung der Juden, die Musik unter diesem Volke gewaltig

gelitten hat. Esra, dieser große Mann, stellte zwar den Gottesdienst,

und mit diesem auch die Musik wieder her; aber nur als Schatten der

vorigen Herrlichkeit. Die jüdischen Greise weinten bitterlich, die

sich noch der ehemahligen Pracht des Gottesdienstes, und sonderlich

des festlichen Klangs der Musik erinnerten. Der hohe Triumphton, das

Donnergetöse ihrer vormahligen Tonkunst, war nunmehr verstummt, und man

sang meisten Theils die Klagelieder des Jeremias mit weinenden Lauten

und gedämpfter Instrumentenbegleitung. Die Musik weilt nicht gern

unter einem Volke, das Unterdrückung, Mangel, Elend und Schmach zur

Erde beugt! daher erhohlte sich die Tonkunst unter ihnen nur allmählig.

Zu den Zeiten Simons, des Hohenpriesters, der selbst ein trefflicher

Musiker war, gab es wieder einige gute Tonkünstler. _Josephus_ in

seinen Geschichtsbüchern so wohl, als in seinen jüdischen Alterthümern,

verbreitet über das Steigen und Fallen der jüdischen Musik sehr viel

Licht.

Zu den Zeiten _Christus_ scheint die Musik der Hebräer nicht

sonderlich im Flor gewesen zu seyn. Mit dem moralischen und politischen

Verfalle dieser Nation verfiel auch Musik und Poesie. Zwar ist das

Zeugniß einiger heidnischen Schriftsteller, die die Musik der Juden ein

Eselsgeschrey nennen, ganz und gar nicht gültig; aber doch ist gewiß,

daß es sich nach dem Tode Jesus, mit den Juden in allen Stücken zum

Ende neigte. Im Jahre 70 ward Jerusalem zerstört, der Tempel sammt dem

Vorrathe aller musikalischen Instrumente verbrannt; das Volk unter die

Nationen ausgesäet und die wenigen Kenner der alten hebräischen Musik

starben nach und nach ab.

Die heutigen Juden haben zwar große Meister in der Tonkunst. So findet

man z. B. besonders in Prag unter den Juden, Virtuosen in allen

Instrumenten: aber diese Leute sind keine Repräsentanten des alten

Geschmacks; sie haben sich ganz nach dem neuen gebildet. Denn wer

wird glauben, daß die Juden zu den Zeiten des guten Geschmacks, so

abscheulich gesungen haben, wie ihre Vorsänger jetzt in den Synagogen

zu singen pflegen. Sie verzerren den Ton so entsetzlich, machen so

abscheuliche Grimassen, und werden oft so roth und so blau im Gesichte,

daß einem bisweilen um das Leben des Vorsängers bange werden sollte.

Griechische Musik.

Die _Griechen_ müssen sehr früh mit den Geheimnissen dieser Kunst

vertraut gewesen seyn. Durch ihre früheste Geschichte, so sehr sie in

das mystische Dunkel der Fabeln gehüllt ist, blitzt doch schon die

Gewalt der Tonkunst durch, ja man sollte glauben, daß die Musik diesem

großen Volke die Schwingen zu seinem staunenswerthen Auffluge gegeben

habe. Wer kennt nicht die Fabel vom _Orpheus_, der mit dem Zauber

seiner Leyer die Ungeheuer des Waldes zähmte, daß sie kamen und seine

Sohlen leckten?

In dieser ganzen Dichtung sieht der Philosoph nichts anders, als die

ersten Eindrücke der Musik auf ein Volk, das so musikalisch als irgend

eines in der Welt war. Alles förderte die Tonkunst in Griechenland.

Die günstigen Einflüsse des Himmels, die weichliche und empfängliche

Bildung griechischer Körper; die gelinde und den Künsten entsprechende

Regierungsverfassung; die fast heilige Verehrung des Genies aller Art;

und sonderlich die Verbindung der Religion mit den Künsten, mußten die

Musik unter diesem Volke bald in außerordentliche Aufnahme bringen.

Lange sogen die Griechen nun den Zauber der Tonkunst ein, ehe sie die

Göttinn selber skeletirten und ein System bildeten. Doch findet man

schon in den Gesetzen Draco's und Solon's Spuren, daß dieses Volk die

Musik mit der Erziehung auf das strengste verband. Gymnastik und Musik

waren die beyden Hauptpfeiler, worauf sich ihr ganzes Erziehungssystem

gründete. Doch ist es außer allem Zweifel, daß sie dem Worte _Musik_

eine viel weitere Deutung gaben, als wir heutiges Tages anzunehmen

gewohnt sind. Sie verstanden unter dem Begriffe Musik, nicht bloß die

Kunst auf die Empfindung durch Töne zu wirken, sondern gaben ihm sogar

eine _moralische_ Bedeutung, und begriffen darunter die Harmonie aller

Seelenkräfte, oder wie Plutarch sagt, den Einklang des moralischen

Gefühles. Indessen beschäftigte sie schon die Musik in der Kindheit

ihrer Geschichte. _Homer_ selbst _sang_ seine göttlichen Gedichte ab,

und ob dieß nun gleich mehr musikalische Declamation als wirklicher

Sang gewesen seyn muß; so ist es doch schon ein klarer Beweis, wie tief

es die Griechen fühlten, daß Poesie immer mit der Musik verbunden seyn

sollte; die Gesänge des Alcäus, Pindars und der Sappho, des Musäus und

Anakreons wurden nicht bloß gelesen, wie wir wähnen, sondern sie wurden

abgesungen und mit der Leyer begleitet. Diese Lyra war eigentliches

Heptachord, oder ein mit sieben Saiten bezogenes Instrument, welches

folgende Töne in sich begriff: _F_, _G_, _A_, _B_, _C_, _D_, _E_. Bald

aber kam noch die Octave hinzu.

Die Griechen erkannten sehr frühzeitig die Kraft des vollen Accordes.

Sie wußten, daß der Grundton schon seine Quinte enthalte, und durch die

innigste Vereinigung mit derselben die Terze zeuge. Dieß nannten sie

den einfachen Accord; bald aber fanden sie durch die Richtigkeit ihres

Ohrs, daß die Prime sich mit der Octave verdoppeln lasse; ja sie legten

noch die kleine Septime in ihre Tonleiter, weil ihr richtiges Gehör

bemerkte, daß die schneidende Octave, wenn sie zu ermatten beginnt,

sich freywillig zur kleinen Septime hinneigt: wie der Mann sein Weib

küßt, um sein Geschlecht fortzupflanzen: Eine Bemerkung, die schon der

große welsche Harmonist Tartini in seinem vortrefflichen leider fast

ganz unbekannten Tractat über die Harmonie gemacht hat.

Die griechische Tonleiter war also folgende:

7. Nete -- -- _e_ }

6. Paranete -- _d_ }

5. Paramese -- _c_ }

4. Mese -- -- _a_ }

3. Lichanos -- { _g_

2. Parypate -- { _f_

1. Hypate -- { _e_

Pythagores bemerkte zuerst die darin enthaltene Lücke, und stellte in

zwey unverbundenen Tetrachorden folgende Tonleiter auf:

8. Nete -- -- _e_ }

7. Paranete -- _d_ }

6. Trito -- -- _c_ } das oberste Tetrachord.

5. Paramese -- _h_ }

4. Mese -- -- _a_ }

3. Lichanos oder }

Hyperpate -- _g_ } unterstes Tetrachord.

2. Parypate -- _f_ }

1. Hypate -- _e_ }

Was nun die Stimmung der griechischen Saiteninstrumente betrifft, ob

solche nach dem Boethius folgender Maßen beschaffen war

_e_ die höchste Saite

_h_} die beyden mittlern Saiten

_a_}

_c_ die tiefste Saite.

oder ob das griechische Tetrachord vor den Zeiten des Pythagoras Töne

enthielt, die näher beysammen lagen, läßt sich nicht mit Gewißheit

behaupten. Immer war es sehr unvollkommen und so schmeichelnd das

Harpeggio ist; so entstehen doch im weitern Fortschritt der Töne

wahre Dissonanzen. Pythagoras sah zuerst diese Unvollkommenheit ein,

und erfand deßwegen das berühmte Instrument, _Helikon_ genannt,

welches eine ganz simple Form: und seinem Bau nach einige Aehnlichkeit

mit unserm jetzigen Hackbrete hatte.

Dieses Instrument war zunächst dazu geeignet, um die Verhältnisse der

Consonanzen darauf zu bestimmen. Kircher gibt bey dessen Verfertigung

sieben Linien an, und sagt: man soll die eine Seite eines Vierecks

zuerst in zwey, alsdann in vier, und endlich in drey gleiche Theile

abtheilen. Durch diese also gemachten Puncte soll man alsdann

Parallellinien ziehen. Hierauf ziehe man von der obern Ecke oben

gedachter Seite eine Linie in die Mitte der untersten Linie, alsdann

gibt diese unterste auf solche Art in zwey gleiche Theile getheilte

Linie den Einklang; die zweyte längere Linie von unten gegen die dritte

ihres gleichen das _Semitonium majus_ oder den großen unvollkommenen

Ton, z. B. _cis_, _d_, _e_, _f_, dergleichen vierte gegen die fünfte

den _Tonum majorem_ oder ganzen Ton u. s. w. _Caelius Rhodiginus_ legte

dem Helikon neun Saiten bey, wovon jede den Nahmen einer Muse führte.

Hieraus sieht man, daß dieses Instrument, wenn man es auch wirklich

spielte, den Vortrag ganz einfacher Tonstücke zwar vertrug, aber im

ganzen doch noch sehr unvollkommen war. Nur kärglich konnte man auf

demselben in eine verwandte Tonart ausweichen, weil die Einleiter dazu

fehlten.

Von den wenigen Ueberresten altgriechischer Musik, die Herr Burette

zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Bibliothek des Königs von

Frankreich auffand, mag auch hier der schon bekannte Hymnus an die Muse

Calliope eine Stelle einnehmen:

[Illustration: Musiknoten;

Α - ει - δε, Μου - σω, μοι φι - λη,

Μολ - πης δ' ε - μης κατ]

[Illustration: Musiknoten;

- αρ - χου, Αυ - - ρη δε σων απ'

αλ - σε - ων, Ε - μας φρι - νας δο

νει - τω, καλ - λι - ο πει: α σο-

φα, Μου - σων χρο - κα - τα γε - τι

τερ - πνων, και σο - φε μη - στο -δο

τα. Λα -τους γο - νε, Δη - λι - ε

Παι - αν! Ευ - με - νεις πα -

ρε - στε μοι]

Dieß griechische Liedchen, das seiner Einfalt nach sich unserm

alten Choralgesang völlig nähert, hat bey aller seiner Einfalt das

Gebrechen der äußerst eingeschränkten Tonleiter. Ueberall vermißt

man Töne, die dem Gesange Anmuth und Rundung geben. Nirgends ist

eine Spur von Modulation in andere Tonarten. Zwar war dieses bey dem

Mangel so vieler Semitonien unmöglich, indessen standen dem Künstler

noch immer leicht zu erfindende Kunstgriffe offen, die halben und

Viertelstöne hervor zu bringen. Zu den Zeiten Alexanders des Großen war

die Tonkunst unter den Griechen im hohen Flore. Schon hundert Jahre

vor ihm hatte Perikles, der Kenner und Schätzer jeder Kunst, auch die

Musik mit verschwenderischer Freygebigkeit unterstützt. Einem großen

Flötenspieler ließ er nach unserm Gelde ein Geschenk von 20000 Gulden

reichen. Noch freygebiger belohnte der Besieger Asiens die Tonkünstler.

Er führte den ersten Virtuosen seiner Zeit, _Timotheus_, mit sich

umher, und ehrte und belohnte ihn königlich. Dieser Tonkünstler hatte

jeden Zauber der Musik in seiner Macht. Er weckte den schlafenden

Muth zum Streit; er sänftigte das lodernde Kriegsungestüm; er blies

die Funken der Liebe zu Flammen auf; er schmelzte das Heldenherz

Alexanders zum Mitleid gegen die von den Persern gemordeten Griechen:

vom Mitleid ging er zur Rache über, und bewaffnete Alexanders Faust mit

der Mordfackel, womit er Persepolis in Brand steckte: wie dieß alles

_Dryden_ in seiner meisterhaften Ode, _Alexandersfest_ oder

die Macht der Tonkunst, ganz unnachahmlich schön und stark gemahlt hat.

Wenn man der Begeisterung der Dichter glauben dürfte; so könnte man

in der Geschichte der griechischen Tonkunst noch höher hinaufgehen.

In Homers Iliade, sonderlich in der Odyssee findet man unzählige

Spuren, wie hoch die Musik schon in den frühesten Zeiten von den

Griechen geschätzt wurde. Allein die blühende Phantasie des Dichters

abgerechnet; so haben wir ganz und gar keine bestimmte Nachricht von

den Schicksalen dieser göttlichen Kunst unter den Hellenen. Man sog

die Töne ein, und schrieb keine Theorie. Endlich trat _Aristoxen_

auf, und anatomirte zuerst den himmlischen Körper der Tonkunst. Er

brachte ein Zahlensystem hervor, das keine Genies zeugt, und nichts

weiter beweist, als daß die Quinte, die Terze, und die höhere Octave,

mit einem Worte, der volle Acord im Gebiethe der Tonkunst liege. Aus

dem Verhältniß der gleichen und ungleichen Zahlen bewies er, daß die

Tonkunst nichts anderes sey als eine Rechenkunst, die man dunkel fühle,

z. B.

1. 2. 4. 5. 16. 32.

3. 9. 15.

7. 14.

In diesen Zahlen liegen die Verhältnisse der Tonkunst so wie sie noch

heute unter uns bekannt sind. Doch, da die Ziffern des Generalbasses

noch weitern Umfang haben, und auch die Semitonien in sich begreifen,

so paßt sein System ganz und gar nicht mehr auf unsere Zeiten. Dessen

ungeachtet war die Eintheilung der Griechen von musikalischen Tönen

ganz vortrefflich. Sie theilten nähmlich solche nach dem Zeugniß des

Plutarchs

α) in das diatonische,

β) in das chromatische und

γ) in das enharmonische Klanggeschlecht ein.

Die diatonische Tonleiter der Griechen schritt gleich der unsrigen in

ganzen und halben Tönen, die chromatische und enharmonische aber auf

eine ganz verschiedene Art fort, nähmlich die eine in halben Tönen

und kleinen Terzen, die andern in Viertelstönen und großen Terzen.

Ihre chromatische Tonleiter enthielt Töne, die wir heutiges Tages mit

Kreuzen bezeichnen, z. B. G_dur_ D_dur_ A_dur_ E_dur_ H_dur_ Fis_dur_

Cis_dur_ Gis_dur_.

Die Molltöne kannten sie ganz und gar nicht; denn es ist Unsinn, wenn

man annehmen will, daß die lydische Flöte bloß für _weiche_ Töne

geschaffen gewesen: eine Flöte von lauter Molltönen läßt sich nicht

denken. Die lydische Flöte war gewiß unsern Flöten ähnlich; und die

dorische unserer Hoboe.

Indessen verdient es hier bemerkt zu werden, daß auch die Griechen sehr

frühzeitig anfingen Vocalmusik von der Instrumentalmusik zu sondern,

und daß die ersten bewundernswerthen Wirkungen der Tonkunst nicht

anders begriffen werden können, als daß Pöesie lange Gebietherinn über

die Tonkunst war, und daß also der griechische Musiker nichts zu thun

hatte, als den großen Rhapsoden zu begleiten. Die Griechen hatten

gewisse _Odeen_, die man ungefähr unsern Opernhäusern vergleichen

kann, in diesen Odeen übten sich nicht allein große Declamatoren,

Mimiker und Künstler aller Art; sondern auch die Musiker. Was todt war,

was keinen andern Ausdruck der Dichtkunst zuließ; dahin strömte der

Katarrakt der Tonkunst!

Die Griechen hatten zwar unsere Noten nicht, womit man die

musikalischen Ideen allen Nationen mittheilen kann; aber sie hatten

doch gewisse Zeichen, die sie über, oder unter die Worte der Dichter

hinsetzten, und wodurch sie das Steigen und Fallen der Stimmen so

ziemlich bezeichnen konnten. Wir verstehen zwar jetzt ihre musikalische

Charakteristik nicht ganz mehr, doch sehen wir so viel daraus, daß

sie äußerst eingeschränkt war. Der träge oder schnelle Gang der Töne,

die Bestimmung der Tacte, die Bemerkung der musikalischen Farben, die

_Verflößung_ der Töne, und sonderlich die _Eintheilung_

der Tacte, fehlte den Griechen ganz und gar. Selbst der Tiefforscher

_Plutarch_ hat in seiner Abhandlung über griechische Musik nichts

weiter bewiesen, als daß sie mit der unserigen ungefähr im Verhältnisse

eines Zwerges gegen einen Riesen stand. Einfalt, und richtige

Verhältnisse mögen ungefähr den Charakter der griechischen Musik

ausgemacht haben. Aber was ist dieß gegen die Musik der Welschen und

Deutschen?! Als die Griechen von ihrer Urgröße herab sanken, da versank

auch ihre Tonkunst, und _Dio_ der Geschichtschreiber sagt mit

Recht: die Griechen heulen und singen nicht mehr; die Griechen leyern

und spielen nicht mehr.

Ehe ich den Artikel von der griechischen Tonkunst beschließe; muß ich

ihren Charakter, so weit es sich thun läßt, erst kurz bezeichnen.

Fürs erste scheint sie weit mehr Declamation, als Gesang gewesen zu

seyn. Das _Pathos_ war gewiß dieser Musik eigen, wie man theils

aus den vortrefflichen Gedichten, theils aber auch aus den wenigen

Ueberresten derselben mit Zuverlässigkeit schließen kann.

Die ersten Christen fanden die griechische Musik so vortrefflich, daß

sie viele gangbare Melodien beybehielten, und nur christliche Texte

darunter setzten. Sie gaben ein griechisches Gesangbuch heraus, welches

aus acht Stimmen oder Singweisen besteht, und deßwegen Achtklang heißt.

Zur Zeit Carls des Großen kam dieser Achtklang auch in die lateinische

Kirche, und unser großer _Luther_ behielt sie bey, und setzte

deutsche Texte darunter.

Wir besitzen sie also noch in unserer Kirche, in den herrlichen

Liedern:

»Ein Kind geboren zu Bethlehem.

»O Lamm Gottes, unschuldig.

»Es ist das Heil uns kommen her.

»Ein feste Burg ist unser Gott.

»Dank sagen wir alle.

»Christ ist erstanden.

»Mitten wir im Leben sind.

»Vom Himmel hoch da komm ich her.«

Nach diesen herrlichen Melodien zu urtheilen, die seit so vielen

Jahrhunderten in den christlichen Gemeinden hallen, ist Einfalt und

Erhabenheit ganz gewiß der Hauptcharakter der griechischen Musik

gewesen. Hochgefärbte Töne, künstliche und weitgesuchte Modulationen,

schnelle und geflügelte Melodiegänge, Eintheilung in die vier Stimmen

des Discants, Tenors, Alts und Basses kannten sie sicher nicht. Ihre

Gesänge gingen im Einklange: wie einer sang, so sangen alle. Auch

scheinen sie von der Verschiedenheit der Tacte und Mensuren nichts

gewußt zu haben. Ihr musikalischer Rhytmus muß also äußerst reich,

abwechselnd und gerade derjenige gewesen seyn, den unser Klopstock

an der heutigen Musik vermißte. Die Eintheilung der Melodie in

Tacte bestimmt zwar den Gang derselben; aber hemmt zugleich den

Flug der Einbildungskraft. Ob auch die Griechen den musikalischen

Styl in den gottesdienstlichen, dramatischen, mimischen, Kammer-

und Volksstyl eintheilten, ist sehr schwer zu beantworten: doch

beweisen ihre (Scolien) Tischgesänge, worüber _Hagedorn_ uns

eine so vortreffliche Abhandlung geliefert hat, daß sie den Ton der

Volkslieder sorgfältig vom Tone der religiösen Gesänge zu unterscheiden

wußten. Dem Euripides, Sophokles und Aeschylus nach zu urtheilen,

waren ihre Chöre voll Majestät und Würde: und da sogar die Chöre des

Aristophanes gesungen wurden; so müssen sie auch im komischen Styl

keine Fremdlinge gewesen seyn. Mit einem Wort, und ohne Gräkomanie

gesprochen; so kann man zuverlässig behaupten, daß ihre Musik zwar in

einem verhältnißmäßig trefflichen Zustande gewesen, aber sich doch bey

weitem nicht mit unserer heutigen vergleichen lasse. Diesen Reichthum,

diese Mannigfaltigkeit der Ideen, Melodien, Harmonien, Modulationen,

diese kühne Imagination, diese oft schwelgende Phantasie, sucht man

bey ihnen vergebens.

Zum Beschlusse fügen wir noch ihre Tonleiter bey:

_Für das Clavier._

[Illustration: Musiknoten]

[Illustration: »Die Tonreihen der Alten.«]

Noch muß ich dem Einwurfe begegnen, welchen _Nepos_ in der

Vorrede zu seinen Biographien, in den Freunden der Tonkunst zu

erregen sucht, woraus scheint, als hätte es Personen von Stande zur

Unehre gereicht, sich auf die Musik zu legen, wie er ausdrücklich das

Beyspiel des Epaminondas anführt. Aber hier ist nicht die Rede von der

Musik überhaupt, sondern nur von dem Mißbrauch der weichen lydischen

_Flöte_, welcher damahls so eingerissen war, daß die griechische

Seele nicht dadurch gestärkt, sondern entnervt wurde.

Und in diesem Betracht, wäre es noch heut zu Tage Schade für einen

Helden, wenn er durch weiche Gesänge, und durch ein weibisches

Instrument, die Nerven seiner Seele abspannen wollte. Auch hielten es

die Griechen aus diesem Grunde einem großen Manne unanständig, sich

auf ein blasendes Instrument zu legen, weil der Ansatz Verzerrung des

Mundes und Bausbacken verursacht, und dieß gegen ihre hohen Begriffe

von Schönheit und Anstand war. Sonst aber gab es wenige große Männer in

Griechenland, die nicht auch ein musikalisches Instrument, sonderlich

die Leyer zu spielen wußten. So traf nach dem Zeugniß Homers, die an

den trotzigen _Achilles_ abgeordnete Gesandtschaft, den Helden mit

der herzbezwingenden Leyer an. Miltiades, Cimon, Timoleon, Alcibiades,

selbst Perikles, und Sokrates, waren vortreffliche Musiker. Sie

sangen bey ihren Gastmahlen, und wußten diese Gesänge mit der Lyra zu

beseelen, nur blieb es immer unanständig, die Flöte zu blasen. Plutarch

in seiner oft gerühmten Abhandlung über die Musik entscheidet diesen

Streit ganz und gar.

Römer.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 1 / 22 段