Man hat es an ihm getadelt, daß seine Instrumentalbegleitung zu

betäubend sey. Seine Violine, besonders die andere, ist in beständig

flüchtiger Bewegung, und es gehört ein sehr starker Sänger dazu, wenn

er durch diesen Instrumentensturm durchdringen will. Jomelli selbst

pflegte sich gegen diese Vorwürfe also zu rechtfertigen: Wer ein gutes

Orchester haben will, der muß ihm was zu thun geben, und es durch

starke Stellen in Arbeit setzen. Eine frostige, oder allzu einfache

Begleitung, macht die Instrumente faul; -- denn pflegte er oft zu

sagen, jeder Musiker, dem man nichts zutraut, spielt schlecht. Sein

zweyter Grund war, die große Seltenheit guter Sänger und Sängerinnen.

Ein Genie im Singen dringt doch durch, weil jedes Orchester so viel

Discretion hat, sich vor seinem Gesange zu beugen; und für schlechte

Sänger ist es wahre Wohlthat, wenn man sie im Strome der Begleitung

mit fortwirbelt, und ihre Fehler ersäuft. Niemand verstand die Kunst

besser, seinen Satz nach den Wirkungen des Schalls einzurichten, als

Jomelli. In kleinen Zimmern und Sälen thun seine meisten Sätze eine

sehr schlechte Wirkung; hingegen in großen Schauspielhäusern, wie z. B.

in Wien, Neapel, Stuttgart, ist ihr Effect desto erstaunenswürdiger.

Das ganze Opernhaus scheint eine Tonsee zu seyn, wo jede Woge,

jede Welle, oft das Plätschern jeder einzelnen Note bemerkt werden

kann. In Kirchenstücken war er nicht so glücklich; doch gehört

sein _Requiem_, und sonderlich sein 59. Psalm, welcher sein

Schwanengesang war, unter die ersten Meisterstücke dieser Art. Im

Kammerstyl arbeitete Jomelli viel zu nachlässig, als daß seine Stücke

in dieser Art viel Beyfall verdienten: doch hat er in einigen Arbeiten,

sonderlich in seiner herrlichen Grafenecker-Symphonie, gezeigt, daß

dem großen Manne kein Styl zu schwer sey. -- Er starb zu Neapel am

Schlagfluß -- aus Schrecken, oder aus Aergerniß, über den unglücklichen

Erfolg, den seine letzte Oper hatte; und aus Neid über die Palmen,

welche der deutsche _Schuster_ errang. Indessen wird Jomellis

Andenken in der Geschichte der Tonkunst ewig unvergeßlich bleiben, und

die Zöglinge der Musik werden seine Partituren studieren, wie Mahler

und Bildhauer die Antiken.

_Nic. Porpora_, Stifter einer ganz neuen Singschule. Er hat

die größten Sänger und Sängerinnen Italiens gebildet; und den

Gesang so in seiner Gewalt gehabt, daß ihn bisher noch niemand mit

solcher Genauigkeit zu bestimmen wußte, wie er. Er war ein tiefer

philosophischer Kenner aller Organe, die zum Gesang gehören; daher sind

seine Solfeggi noch heutiges Tags die besten der Welt. Sie schleifen

die Kehle ab, machen den Ton haltbar und geschmeidig, bereiten zum

Vortrage der schwersten Passagen vor; und bestimmen die Töne, welche

fürs Hirn, für die Nase, für die Kehle, die Brust, und das allbelebende

Herz gehören.

_Porpora_ bemerkte sonderlich den Unterschied des Discants, und

des hohen und Contra-Alts, des Tenors und des Baritons. Nur für den

tiefen Baß taugen seine _Solfeggi_ wenig; denn da er, wie alle

seine Landsleute den Baß für zu rauh und barbarisch hielt, um ihn fürs

Theater anders als etwa in Chören, oder im komischen Style gebrauchen

zu können; so vernachlässigte er ihn ganz.

_Pergolesi_ eines der größten musikalischen Genies, das die

Welschen aufzuweisen haben! nur Schade, daß es zu früh verblühete; denn

_Pergolesi_ starb im sechs und dreyßigsten Jahre seines Alters.

Alle Stücke, die wir von ihm besitzen, werden von allen Freunden der

Musik höher als Gold geschätzt. Sein Satz ist äußerst einfach: mit

zwey Violen, einer Bratsche, und einem ganz simpeln Baß richtet er

weit mehr aus, als einige der neuesten Tonsetzer mit dem Wettergetöse

von Trompeten, Pauken, Waldhörnern, Hoboen, Flöten, Fagoten und allen

andern Blas-Instrumenten. Auch sind seine Ausweichungen so wohl,

als seine harmonischen Gänge höchst einfach, und er braucht zum

Ausdruck seiner Gedanken so wenig Noten, als es nur möglich ist. Sein

Stabat-Mater wird unter die ersten Meisterstücke der Kunst gezählt.

Seit mehr als dreyßig Jahren führt man es durch ganz Europa in der

Charwoche mit allgemeinem Beyfall auf. Wie viel tausend Thränen hat

dieses Stück nicht schon fühlenden Herzen entlockt! _Klopstock_

hat bekanntlich einen deutschen Text darunter gesetzt, mit welchem es

nun auch von den Protestanten gesungen wird. Und dieß große, allgemein

bewunderte Werk besteht aus zwey Singstimmen, und vier Instrumenten.

Die Modulationen sind so natürlich, als hätte die Kunst gar nichts

dabey zu thun gehabt; und der Ausdruck der Empfindung ist voll

Wahrheit. Daß aber selbst dieses Meisterstück nicht ohne Fehler sey,

hat Vogler in seinen Schriften mit vieler Einsicht dargethan. Dessen

ungeachtet nahm das Publicum seine Verbesserungen nicht an, und läßt

lieber das Werk so, wie es ist.

_Pergolesi_ hat nur einige Opern gesetzt; aber -- möchte man mit

Lessings Fabel sagen: die Löwinn gebar nur einmahl, aber einen Löwen.

Diese Opern werden aber noch zu Venedig und Genua, auch Mayland,

Florenz und Turin mit Entzücken angehört. Auch sie tragen das Gepräge

des pergolesischen Genies, nähmlich die äußerste Einfachheit. So lange

noch solche Tonstücke unter uns Sensation machen; so lange ist gewiß

noch wahrer musikalischer Geschmack vorhanden. Der große Jomelli

pflegte daher mit Recht zu sagen: wenn ein _Pergolesi_ nicht mehr

goutirt wird, dann verfällt gewiß die wahre Musik. Die Kirchenstücke

dieses unsterblichen Tonsetzers werden wie Heiligthümer aufbewahrt.

-- Seine Messen, Psalmen, Te Deum laudamus werden mit sehr großen

Summen bezahlt. Die Arie: se cerca u. s. w. ist von ihm vielleicht am

besten gesetzt worden, wenn gleich nach ihm die größten Meister ihn zu

übertreffen bemüht waren.

_Pater Martini_,(in Bologna) ein eben so großer Tonsetzer, als

musikalischer Kritiker. Er spielte die Orgel meisterhaft, hatte das

Pathos des Kirchenstyls in seiner Gewalt, und verstand den Contrapunct

aus dem Grunde. Seine in drey Quartbänden erschienene Geschichte

der Musik ist das erste brauchbare Werk dieser Art. Da er einen

außerordentlichen Vorrath von Musikalien besaß, und dreyßig Jahre lang

Materialien zu diesem Werke zusammen getragen; so konnte man schon

aus diesem Grunde viel von seiner Geschichte erwarten. Wenn ihn auch

nachher _Hawkins_, _Burney_ und _Forkel_ übertroffen haben, so bleibt

ihm doch immer die Ehre des Bahnbrechers. Die richtige Zeichnung der

alten und neuen musikalischen Instrumente, gibt diesem Buche noch immer

einen entschiedenen Werth.

_Paisiello_, ein modischer, ungemein lieblicher Tonsetzer:

Zuckerwerk regnet aus seinen Fäusten; derbe Speise darf man aber nicht

bey ihm suchen. Er hat seinen Ruhm meist den Damen zu verdanken, die

sich in seine Süßigkeit verliebten; wird aber von allen grossen

Kennern, stets als ein Blüthenbaum betrachtet werden, -- hübsch

anzuschaun, von dem sich aber keine dauernden Früchte erwarten lassen.

_Piccini._ Ein wahrer Zögling der Grazien; daher haben sonderlich

alle europäischen Damen so viel Geschmack an ihm gefunden. Was

Chaulieu, Gresset und Jacobi unter den Dichtern sind, das ist Piccini

unter den Musikern. Deßwegen findet man abermahls in seinen Sätzen mehr

Honig, als solide Speise; mehr Blüthen als Früchte. Sein Ansehen dauert

zwar noch immer, aber ich fürchte, es werde bald, wie Blüthenduft

verfliegen. Er ist im Opernstyl unter allen der größte Polygraph.

_Sacchini._ Lange schon der Liebling unserer Zeit. Er hat sich in

Italien, Frankreich, Deutschland und England, mehr als eine Säule des

Ruhms errichtet, besonders durch die Composition seines Oedips -- eine

Oper, die man immer als ein practisches Handbuch für die Composition in

diesem Styl ansehen kann. Sein Styl ist gut, leicht und gefällig, wie

sein ganzer Charakter war. Er überrascht nicht durch wetterleuchtende

Geniezüge; aber nimmt ein durch die immer gleiche Wärme seines

Satzes. Er schreibt sehr correct, und modulirt sehr natürlich. Seine

melodischen Sätze sind ungemein lieblich. Man darf seine Motive nur

einmahl hören, so kann man sie auswendig. Seine Chöre sind zwar etwas

dünn und durchsichtig, haben aber doch immer sehr viel Würde. Im

Kirchenstyl hatte er nicht Uebung genug: daher haben seine Messen nie

viel Aufsehen erregt. Auch er ist der Welt zu frühzeitig entrissen

worden.

Von Italiens großen Sängern.

Unstreitig ist die Singkunst bey den Welschen unter allen Nationen

im höchsten Flor gewesen. Bis auf diese Stunde besitzt kaum ein Volk

den Sang in einem so bewundernswürdigen Grade, wie sie. Alles ist

bey ihnen Klang und Ton. Der gemeinste Murmelthier-Junge singt oft

die schönsten und melodiereichsten Liederchen. Doch werden sie im

eigentlichen Volkstone weit von den Deutschen übertroffen. Aber eben so

weit übertrifft uns der Welsche im feinen, großen, ganz ausgebildeten

Gesang. Alle Sangmeister unter uns haben sich in diesem Fache nach

den Welschen gebildet. Vor hundert Jahren und in der ersten Hälfte

dieses Jahrhunderts, gab es weit größere Sänger in Italien als jetzt.

Die jetzigen Sänger und Sängerinnen seufzen und glucken zu viel;

auch erdrücken sie oft den Gesang mit übertriebenen Coloraturen und

Schnörkeln. Einer macht dem andern diese modischen, süßen Tändeleyen

nach; und so muß in kurzer Zeit die göttliche Einfalt verloren gehen.

Eine der ersten Ursachen der Höhe, worauf sich der italiänische

Gesang schwang, ist, wie schon oben von der Tonkunst überhaupt gesagt

worden, das außerordentliche Ansehen, worin die Sänger stehen, und

die verschwenderischen Besoldungen, die man ihnen gibt. Ein Sänger

vom ersten Range in Neapel und Rom, kann es jährlich auf 10 bis 15000

Thaler unsers Geldes bringen: ja, erst kürzlich hat sich der berühmte

Castrat Farinelli ein Herzogthum erkauft. Die Welschen haben eigentlich

nur drey Classen von Sängern und Sängerinnen, nähmlich: Sopranisten,

Altisten und Tenoristen; den Alt theilen sie ein in den hohen und

Contraalt. Die herzerschütternde Baßstimme vernachlässigen sie aber aus

Caprice, oder aus Mangel solcher Stimmen, und wenden sie nur in der

Opera buffa an. Vielleicht gibt es auch in einem Lande, wo man nichts

als Wein trinkt, wenige schöne Baßstimmen.

Desto vortrefflicher sind die erst gedachten Stimmen unter ihnen.

Eine Faustina sang nicht, sie zauberte. Ihre Stimmleiter enthielt

sechzehn ganz vollkommene Sprossen: doch war sie stärker im Ausdruck

langsamer Töne, als in geflügelten Läufern; daher drückte niemand den

Schmerz, die Liebe, die Andacht und dergleichen Empfindungen inniger

aus, als diese große Sängerinn. Man pflegte sie nur die zehnte Muse

der Italiäner zu nennen. Jetzt sitzt sie als Matrone in Wien, und ihre

Kehle ist ausgetrocknet.

_Giov. Carestini._ Ein Castrat, und durch ganz Europa berühmter

Contra-Altist, von welchem Hasse sagte: wer ihn nicht gehört habe, habe

nichts Rechtes gehört.

Seine Stimme war schneidend wie Zinkenton und durchdrang das größte

Orchester. Er brachte die schwersten Läufe mit unglaublicher

Leichtigkeit heraus. Mit diesen großen Eigenschaften verband er noch

eine ganz herrliche Action, und Friderich der Große wurde so von ihm

bezaubert, daß er viele Jahre lang nur ihm singen mußte. Was man aber

von seinem Tode fabelt, ist eine boßhafte Erfindung der Italiäner. Denn

bald nach seiner im Jahre 1758 von Petersburg geschehenen Rückreise in

sein Vaterland starb er daselbst in Ruhe.

_Salimbeni_, vielleicht der größte Discantist, der jemahls gelebt

hat. Auch er war viele Jahre lang eine Zierde des Berliner Theaters.

Er besaß nur zwölf ganz reine Töne im Umfang; aber was in diesem

Bezirke lag, drückte er mit unbeschreiblicher Anmuth und Schönheit aus.

Er wußte das Herz des Hörers so sicher zu treffen, daß er niemahls

sang, ohne mit den süßesten Thränen belohnt zu werden. Er starb in

der vollen Zeitigung seiner Stimme, und auf dem Gipfel seines Ruhms,

im 28. Jahre seines Alters. Der erst gedachte Farinelli, der sich ein

Herzogthum ersang, besitzt nebst einem weiten Umfang von Tönen und dem

gefühlvollsten Herzen, noch die tiefste Einsicht der Kunst. Er hat ein

Buch über den Gesang geschrieben, welches ein wahres Meisterstück ist.

Seine Stärke bestand sonderlich im Ausdruck des Kirchenstyls, daher

sang er mehr in Kirchen, als auf Theatern.

_Bossi._ Einer der ersten Tenoristen der Welschen. Seine Stimme

ist voll Natur; rein in der Tiefe, wie in der Höhe. Auch gelingt

ihm das Affectvolle ungemein gut; nur schneidet er immer, so oft er

stürmende, brausende, heroische Leidenschaften auszudrücken hat; diese

gelingen nur dem deutschen Sänger.

_Aprili._ Die ehemahlige Zierde des Würtembergischen Theaters, und

einer der vollkommensten Sänger der Welt. Er sang mit der Reinigkeit

einer Silberglocke bis ins drey gestrichene c, hatte tiefe Kenntniß des

Gesangs, und ein warm fluthendes Herz. Sonderlich verstand er die

Kunst, eine Arie mehrmahls mit außerordentlichem Genie zu variren im

höchsten Grade. Selbst der unsterbliche _Jomelli_ gestand, daß er

diesem großen Sänger vieles zu verdanken habe.

_Katharina Gabrieli_[7] ist der Triumph der heutigen Singkunst!

Sie hat außerordentliche Höhe, und ungewöhnliche Tiefe; liest

blitzschnell; und bringt alle Passagen, die schnellen wie die langsamen

mit ungewöhnlicher Fertigkeit heraus. Damit vereinigt sie noch eine

Eigenthümlichkeit des Herzens; und ein so höchst reines Gefühl, daß

sie wohl mit Recht unter die ersten Sängerinnen gezählt wird, die

Welschland hervorgebracht hat. Doch behaupten alle Kenner, daß sie nur

fürs Theater tauglich sey, und in der Kirche keine allzugünstige Rolle

spiele. Dieß ist leicht begreiflich, wenn man an die ungeheuern Läufer

denkt, an welche sie sich gewöhnt hat. Auch scheint ihr Genie sich

mehr zum Komischen als zum Tragischhohen hin zu neigen. Sie erregt

daher mehr Erstaunen, Stutzen, oder gar Lachen, als ein stilles, süßes

hinbrütendes Gefühl. Schwerlich wird aber eine Sängerinn gefunden

werden, wenn es nicht unsere große deutsche Mara ist, die es ihr an

Biegsamkeit der Kehle, am Zerschmelzen der Töne, und sonderlich am

Portamento gleich thut.

In Neapel, sonderlich in Turin, befinden sich noch viele Sänger,

worunter vielleicht einige sind, die in die obige glänzende Reihe

gehören. Die neuesten Reisbeschreiber, die zugleich Kenner der Tonkunst

sind, behaupten, daß die Italiäner noch immer fortfahren, die Singkunst

aufs höchste zu befördern, und den guten Gesang dem allerglänzendsten

Vortrag in der Instrumentalmusik vorzuziehen. Nur wollen große Kenner

aus tüchtigen Gründen überzeugt seyn, daß es keine eigentliche Schule

der Singkunst mehr gebe, und daß daher der große Geschmack natürlich

fallen müsse.

Man lese den vortrefflichen Tractat des unsterblichen Tosi über die

Singkunst, um den ältern und neuen Geschmak der Italiäner desto

leichter vergleichen zu können. Allein die Zeiten haben sich auch

leider verändert. Zu den Zeiten des Tosi forderte man noch Aepfel,

Birnen, und Kirschen; jetzt ist man mit ihren Blüthen zufrieden. Der

große Papst _Ganganelli_ sah den Verfall der Singkunst für so

wichtig an, daß er die herrlichsten Anstalten traf, um demselben zu

steuern. Allein, auch hier gilt, was _Montesquieu_ sagt: Wenn der

Geschmack zu sinken beginnt, so kann ihn zwar die Faust eines Genies

einige Zeit aufhalten; aber stirbt das Genie, so stürzt der Geschmack

nur desto schneller und unaufhaltsamer.

Da nun die Welschen alle Theile der Tonkunst so ganz durchstudiert

haben, so läßt sich schon von Ferne ahnden, daß sie auch sehr gute

Instrumentalisten gehabt haben müssen. Und gewiß sie rangen auch hier

um die Palme, obgleich, ohne Vorneigung gesprochen, unser Vaterland

ihnen hierin sicher zuvor griff. Das große Studium des Gesangs hat die

Italiäner verleitet, die Instrumente in etwas zu vernachlässigen; und

da ein wollüstiges Clima gewöhnlich Engbrüstigkeit zu erzeugen pflegt;

so lassen sich aus Italien eben keine besondern Blas-Instrumentalisten

erwarten. Die Geschichte kennet keinen einzigen großen italiänischen

Trompeter oder Posaunisten, Zinkenisten, Waldhornisten, Fagotisten;

und ihre Flautisten reichen kaum um einen Grad über das Mittelmäßige

hinaus. Nur große Hoboisten haben sie zahlreicher gehabt.

Ehemahls gab es unter ihnen ganz vortreffliche Organisten und

Cymbalisten. Wer kennt nicht einen _Scotci_, _Scarlatti_,

_Jozzi_ und _Martinelli_? Sonst verstanden diese großen

Meister den Contrapunct, gegenseitige Ausweichung, Ligaturen und alle

übrigen Künste des Orgel- und Clavierspiels: aber in unsern Tagen

sinken sie immer tiefer vom Gipfel dieses Ruhms herunter; und ein

Deutscher, nur von einigem Gewicht im Orgel- oder Clavierspielen, macht

in Italien das größte Aufsehen.

Der berühmte Clavicymbalist Mayer zu Florenz, Schubarts Schüler, kam

als Kaufmannsbedienter nach Italien, und ist jetzt einer der Ersten

seines Instruments in ganz Welschland.

Heutiges Tages wird _Clementi_ als der erste Claviermeister in

Italien betrachtet. Wahr ist es, seine rechte Faust ist ungemein stark:

neue Passagen, äußerst kühne Modulationen, studierte Gänge, Interesse

bey aller Weitschweifigkeit, Originalität, gaben ihm einen hohen

Standpunct; nur sieht seine linke Faust aus, als wäre sie vom Schlag

gelähmt; daher kann sich ein Clavierspieler nur einseitig nach ihm

bilden.

Was die Orgel betrifft; so geht der Genius welscher Tonkunst schweigend

an ihr vorüber, und besucht die Eichenhaine Deutschlands. Indessen hat

Italien die vortreffliche _Violinschule_ eröffnet.

_Tartini_ gab die ersten Grundsätze über die Violine heraus,

und brachte die Bogenlenkung und die Aplicaturen in ein so genanntes

System. Seine Noten werden ganz aus der Geige heraus geholt, und unter

dem Striche zeitig. Auch hat diese Schule ein so richtiges Verhältniß

der Geigensaiten erfunden, daß nichts mehr darüber zu erwarten steht.

Nur ist das an der _Tartinischen_ Schule zu tadeln, daß ihr

majestätisch-träger Zug die Geschwindigkeit des Vortrags hemme und

zu geflügelten Passagen gar nicht geschickt sey. Indessen sind die

Zöglinge aus dieser Schule unverbesserlich gut für den Kirchenstyl,

denn ihr Strichvortrag hat gerade so viel Kraft und Nachdruck, als zum

wahren Ausdruck des patetischen Kirchenstyls erforderlich ist.

_Dominico Ferrari._ Dieser große Mann ist der Stifter einer neuen

Violinschule. Nicht der tiefschneidende Strich eines _Tartini_,

nicht die majestätische und feyerliche Bogenwendung, nicht das

Herausziehen der Note bis auf die Wurzel, ist der Charakter dieses

Mannes. Aus Bizarrerie schlug er gerade den verkehrten Weg des

_Tartini_ ein. Seine Bogenwendung ist nicht gerade, sondern krumm.

Er strich nicht mit Allgewalt, sondern glitschte nur über die Saite

weg, verließ die Peripherie des Stegs, wagte sich hoch ans Griffbrett

hinauf und brachte dadurch einen Ton hervor, ungefähr dem gleich,

wenn man ein Glas ganz sanft reibt, daß seine Krystallrinde dröhnt. Der

Fehler dieses großen Meisters aber war, daß er aus Eigensinn nicht das

annahm, was _Tartini_ Gutes hatte. Die _Tartinischen_ Töne

sind alle ganz reif, die _Ferrarischen_ aber unzeitig, er küßt

gleichsam nur die Frucht am Baume, aber schüttelt ihn nicht, daß die

Noten wie Borsdorfer-Aepfel in unsern Schooß fallen. Sein Vortrag war

also mehr Echo, als Naturton.

_Anton Colli._ Vielleicht der Shakespear unter den Geigern.

Er vereinigte die Vollkommenheiten der _Tartinischen_ und

_Ferrarischen_ Schule nicht nur in sich, sondern fand noch einen

ganz neuen Weg. Sein Bogenstrich ist ewig unnachahmlich. Man glaubte

bisher, geflügelte Passagen ließen sich nur durch einen kurzen Strich

ausdrücken; er aber zieht den ganzen Bogen, so lang er ist, die Saiten

herunter und bis er an der Spitze desselben ist, so hat der Hörer schon

einen Hagelsturm von Tönen gehört. Ueber das besitzt er die Kunst,

ganz neue noch nie gehörte Töne aus seiner Geige zu ziehen. Er ahmet

alles bis zur äußersten Täuschung nach, was im Thierreiche einen Ton

gibt. Seine Geschwindigkeit geht bis zur Zauberey. Er stößt nicht nur

Octaven, sondern auch Decimen mit der höchsten Feinheit ab; schlägt den

doppelten Triller nicht nur in der Terze, sondern auch in der Sexte;

und schwindelt in den höchsten Luftkreis der Töne hinauf, so daß er oft

seine Concerte mit einem Ton endigt, der das _non plus ultra_ der

Töne zu seyn scheint.

Kalte Pädagogen werfen ihm zwar vor, daß er den Tact nicht immer

beobachte: aber lächerlich ist es, dem ungestümen Leben und Weben des

Genies Schranken zu setzen. Ein wichtigerer Vorwurf ist der, wenn man

sagt: _Colli_ habe sich zu sehr in den komischen Styl verliebt, er

gaukelte nicht selten in Harlekinaden über, und machte dadurch mitten

im Strome der Empfindung die Zuhörer lachen. Aber so wie der Hofnarr

an der Seite eines _Lear's_ im Shakespeare, nicht nur erträglich,

sondern von äußerster Wirkung ist, so war es auch bey Colli. Pathos

zeugt Anstrengung, und das Komische relaxirt: eben dadurch wirkte der

große Colli so allgewaltig auf die Zuhörer. Was seine Compositionen

betrifft, so enthalten sie zwar reiche Geniezüge; aber von Seite der

Kunst sind sie sehr tadelhaft, denn Colli's Geist haßt alle Schranken.

_Nardini._ _Tartini's_ größter Schüler, ein Geiger der Liebe,

im Schooße der Grazien gebildet. Die Zärtlichkeit seines Vortrags läßt

sich unmöglich beschreiben: jedes Comma scheint eine Liebeserklärung zu

seyn. Sonderlich gelang ihm das Rührende im äußersten Grade. Man hat

eiskalte Fürsten und Hofdamen weinen gesehen, wenn er ein _Adagio_

spielte. Ihm selbst tropften oft unter dem Spielen Thränen auf

die Geige. Jeden Harm seiner Seele konnte er auf sein Zauberspiel

übertragen; seine melancholische Manier aber machte, daß man ihn nicht

immer gern hörte; denn er war fähig, die ausgelassenste Phantasie vom

muthwilligsten Tanze auf Gräber hinzuzaubern. Sein Strich war langsam

und feyerlich; doch riß er nicht wie _Tartini_ die Noten mit

der Wurzel heraus, sondern küßte nur ihre Spitzen. Er stackirte ganz

langsam, und jede Note schien ein Blutstropfen zu seyn, der aus der

gefühlvollsten Seele floß. Man behauptet, daß eine unglückliche Liebe

der Seele dieses großen Mannes diese schwermüthige Stimmung gegeben;

denn Personen, die ihn vorher gehört, sagen, daß sein Styl in jüngern

Jahren sehr hell und rosenfarbig gewesen sey.

* * * * *

Nach diesen großen Männern bildete sich ganz Italien; und noch heute

hängt man sich entweder an einen von ihnen; oder wird Eklektiker, und

setzt aus ihren Manieren eine neue zusammen.

In allen übrigen Instrumenten haben die Welschen keine Epoche gemacht,

und sie gestehen selbst, daß sie sonderlich in blasenden Instrumenten,

Schüler der Deutschen sind.

Schule der Deutschen.

Die Quellen zu dieser Geschichte finden sich da und dort zerstreut, z.

B. bey Mitzler, Mattheson, Marpurg, Hiller, Hawkins, Burney, Forkel,

Junker und andern musikalischen Autoren. Inzwischen fehlt uns noch ganz

und gar eine pragmatische Geschichte der deutschen Tonkunst. Doch ist

zu hoffen, daß wir sie nächstens erhalten werden.

In den grauesten Zeiten der deutschen Geschichte, so bald nur

Deutschland anfing ein Volk zu werden, -- hörte man schon von ihrer

Neigung zur Tonkunst. Musik mußte ihre Gastmahle beleben, Musik ihre

Füße zum Tanze beflügeln, Musik erscholl vor ihren Altären in Thuiskons

Schauerhaynen, Musik begleitete sie in Schlachten und Tod. Die Melodien

der Bardengesänge werden von Cäsar und Tacitus gar fürchterlich

beschrieben. Die Barden standen meist auf einer Anhöhe, oder auf einem

Fels im Schlachtthale und lenkten von da aus den Streit mit ihren

Gesängen. Der Gang der Melodie war ganz einzig, wild, kriegerisch und

hatte vielleicht einige Aehnlichkeit mit unsern Märschen. Die alten

Deutschen sangen alle im Einklange -- die Weiber um eine Octave höher

als die Männer; und dieser Gesang wurde mit einigen rauschenden

Instrumenten begleitet. Besonders pflegten sie Bleche mit großem Getöse

an einander zu stoßen, oder den Schild vor den Mund zu halten, um

dadurch die Singstimme zu verstärken. Auch ist gewiß, daß sie eine Art

Harfen gehabt haben, die sie aber nur beym Gottesdienste zu brauchen

pflegten. Man hat zwar Krummhörner und Zinken an verschiedenen Orten

Deutschlands ausgegraben: es ist aber nicht ausgemacht, ob diese

Instrumente von Deutschen, oder von Römern herkommen? Inzwischen findet

man doch noch einige deutsche Götzenbilder, die eine Art von Trompeten

in Gestalt eines Trichters führen, und zur Genüge beweisen, daß die

Deutschen schon sehr frühzeitig mit blasenden Instrumenten bekannt

waren.

_Carl der Große_ ließ die Gesänge der Barden mit ihren Melodien

sammeln, und suchte sie sogar bey seinen eignen Heeren einzuführen.

Wenn man diese kostbaren Denkmahle des Alterthums wieder auffindet

(denn unfehlbar liegen sie in irgend einem Winkel vergraben) so wird

man erst zuverlässig über altdeutsche Musik zu urtheilen im Stande

seyn. Inzwischen ist doch so viel gewiß, daß die Musik unserer Väter

zwar manchen gigantischen Zug muß gehabt haben, daß sie wie noch heute

die wilden Völker in Amerika große Wirkungen damit hervorzubringen

wußten; daß es aber doch weit mehr stürmische Declamation, ein

schreckliches wildes Gebrüll, als wahre Musik gewesen seyn muß. Daß ein

so kriegerisches Volk das Zärtliche und Angenehme der Tonkunst gänzlich

werde vernachlässiget haben, läßt sich mit Gewißheit vermuthen.

Inzwischen möchte ich doch einige Trinklieder der alten Deutschen

hören, die sie bey ihren Festgelagen zu singen pflegten und die selbst

nach dem Zeugnisse ihrer Feinde, sehr viel Anmuthiges gehabt haben

müssen.

Bey ihrem Gottesdienste sangen sie das Lob des _Mannus_, _Thuiscons_,

_Theuts_, _Woodans_, der _Veleda_ und _Herda_, und zwar oft in

Wechsel-Chören; auch mußten hier ihre Opferknaben mitsingen.

Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst · 第 3 / 22 段