Das Abendrot zu Seta

Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so

schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch

eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln

der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See

liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme

kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag

das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel

zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind, und der einer Wüste aus grauem

Basalt ähnelt.

Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue

und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine

kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen

Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind

gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten

Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben,

gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und

Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den

Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes

warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütig

wie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine

Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des

Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel

dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist

nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit

Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte

Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt

sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund;

und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemächern, werden in den

kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt, wie

die Schriftzüge auf weißem Papier.

Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren

die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und

winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde

Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren, farblosen

Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen

erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt

lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch

wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele

zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann

alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie

einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke.

In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Türen

zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben,

ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren

einen sanften Tod. --

In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen

die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfters im

Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem

Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im

Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen

näher zu sein.

In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen

Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis

dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto

einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen

die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden

die alte Kaiserstadt verteidigen.

In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie

im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern

niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.

Die feuerrote düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend

goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab

der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend

goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel

vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihe

höher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen,

Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als

strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen.

Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie

draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle

entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun,

hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten.

Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen,

mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe

angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des

Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist,

üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders

ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter

Übungsplatz in Kioto.

Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue

Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen

unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner

Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie

anschaute.

Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle

zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend,

daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie

kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern,

verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich

hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der

Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte

auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen.

«Deine Augen können surren wie Pfeile», sagte der Mann und blieb neben ihr

stehen.

«Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich», sagte die Frau. «Deswegen

habe ich dich angesehen.»

Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch:

«Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen

möchte ...»

Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink, wie ein Affe eine

Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.

Danach sagte die Frau leise:

«Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!»

«Wollust schändet keinen Tempel», antwortete der Mann. «Fünftausendmal will

ich dich hier umarmen. Fünftausendmal wollen wir uns hier treffen.»

Die Frau schauderte vor Glück. In die geheimnisvolle Tempelluft und

Tempeldunkelheit schienen außer den fünftausend Kriegsgöttern fünftausend

Liebesgötter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann:

«Wir wollen nicht wissen, wie wir heißen, wir wollen nicht wissen, wo wir

wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es

den fünftausend Genien überlassen, daß sie unsere Wege zusammenführen. Und

immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts

fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben.

Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine

Erscheinung, ähnlich meinem Mann. Ich will dich genießen wie die Abendröte,

die jetzt über die Türschwelle dort tritt, und die wirklich und unwirklich

ist zugleich.»

Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau änderte nicht ihre Reisen und

ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie

monatelang in Kioto täglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der

fünftausend Genien besucht und täglich den Schützen dort getroffen, umarmt

und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem

Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen.

In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem großen Zedernwald, darauf die

feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weißen, blauen und

gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten

Zedernstämmen stehen, dichtgedrängt wie Grabdenkmäler in einem Kirchhof,

Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege,

dichtgedrängt wie versteinerte Völker. Schwarzbronzene Hirsche, von

Künstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte

von lebenden Rehen und Hirschen gehen in großen Rudeln zahm auf allen

Wegen, zahmer als Hühner in einem Hühnerhof.

Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein großes Gewitter über

dem Wald. Aber sie fürchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen

Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen

zurück.

Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ältesten Sohn und kniete viele

Stunden in der Halle des großen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten

Buddhabilder Japans ist.

In einem roten mächtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und

schwerfällig geschnitzt, bräunlich vergoldet auf einer ungeheuern

Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei

haushohe Flügeltüren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen draußen

kann den mächtigen Kopf, der bis in die Dämmerung des Dachstuhles reicht,

kaum erhellen.

Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und

vertiefte sich in ein stilles Gespräch mit ihrem verstorbenen ältesten

Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die näherkommende Stimme eines

Gottes über ihr. Die schwüle Gewitterluft machte die große, dunkle

Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Räucherwerkes und der

Geruch der alten sonnengewärmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie

eine Last, als ob sich der schwere mächtige Buddha über sie böge. Und sie

mußte an den Mann denken, der sie Tag für Tag in Kioto im Tempel der

fünftausend Genien umarmt hatte.

Der Regen prasselte jetzt draußen auf das Tempeldach und auf die ungeheure

Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der große goldene

Buddha erschien für den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das

Dach.

«Ist es wahr, Gott», dachte die Frau, «daß die Wollust den Tempel nicht

schändet, so laß den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei

dir wiederfinden.»

Über die Holzgalerien draußen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte

über die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wäldern, Männer, Frauen und

Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flüchtend, in die

Halle des großen Daibutsubildes eindrangen.

Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lärm des

Regens, der vielen humpelnden Füße von Wallfahrern und der Menschenstimmen

zerstreute sie, so daß sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen

Türen trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weißen

Nebel hüllte.

Blitz um Blitz blendete sie, daß sie sich von der Türe weg gegen die

Gesichter der Menschen wenden mußte, von denen einzelne Gruppen, weiß im

finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten.

Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte

sie plötzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte,

ähnlich sah. So müßte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine

Kinder, wenn er jetzt lebte und glücklich wäre.

Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht

ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor

dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten

Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.

Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter,

drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden

Regen den Hügelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit

weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer

Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie

hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid

klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch

nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine

Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer

Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie

hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und

den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und

Familienvater sehen zu müssen.

Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode,

über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen.

Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die

Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.

Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an

inbrünstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lächelte und fühlte sich rot

durchtränkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach:

«Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der

Mann aus dem Tempel der fünftausend Genien, den ich wie die Abendröte mit

Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn

gestern verließ, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen.» Aber

sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurückzugehen;

und sich zu überzeugen, fehlte ihr der Mut.

Die Frau warf ihren zerknitterten Fächer fort, strich ihre Frisur glatt,

schob ihren Gürtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum

Bahnhof von Nara.

Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fünftausend Genien aufzusuchen,

und ging nach Seta in ihr Haus zurück, tagsüber gepeinigt von dem Gedanken,

daß der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder hätte. Sie wurde nur

am Abend erlöst von dem fantastischen Abendrot, das sich über Seta in den

wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so daß alles Unwahrscheinliche

wahrscheinlich wird, so daß die Bäume blutrot wie Korallenwälder werden und

die Hügel wie die Brüste und Körperlinien hingelagerter Männer und Frauen,

als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden

und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am

Himmel ist dann in ihrer Röte nur wie eine kleine Kerze in einem roten

Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und

keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit

geschlossenen Augen ohne Licht sehen.

Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fünftausend

goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und

die Wände im Hause jener Frau wurden düsterrot, als wären sie die uralten,

düsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wäre in dem Hause der

Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten

Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Geländer, Tag

für Tag den Mann treffen könnte, der sie wie das Feuer der Abendröte

schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendröte in das Unbekannte

wieder versänke.

In den kältesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur

Spätnachmittagstunde an dem geöffneten Fenster sehen, das auf das flüchtige

Winterabendrot hinaussah, -- die Frau, die einen kleinen Fächer schwang,

als wäre es ihr heiß im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Geländer des

Altans lag und auf den Dächern der Holzhäuser von Seta.

Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Röten des Himmels

hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weiße Laken des

Himmels betupfte, saß die Frau zwischen den zurückgeschobenen Papierwänden

ihres Teezimmers und fächelte sich, als müßte sie das Abendrot mit jedem

Fächerschlag anschüren.

Der Frühling kam, und die Frau fürchtete sich immer noch vor einer

Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttäuschung. Sie beschloß

eine große Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um

dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten.

Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich

unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko

kam, ganz im klaren, daß der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein

könnte, daß sie sich einfach in der Ähnlichkeit getäuscht hätte. Und sie

nahm sich vor, so bald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder

zurückkäme, wollte sie den Tempel der fünftausend Genien wieder aufsuchen

und versuchen, den Schützen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie

fünftausendmal zu umarmen.

Das Rasseln der Eisenbahnräder, das Vorüberfliegen großer Plakatfiguren:

gemalter Männer und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische

Fahrräder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige

Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorüberhastenden Eindrücke

gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich

innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit

vergangen war, daß sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem

Geliebten hatte umarmen lassen.

Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne über den

silbernen Kiesbächen, mit blausteinigen Schluchten, deren Ränder von

schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das

liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit

nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weißen Wasserfällen unter einer

Sonne, die einem weißen Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das

rotblättrige Frühlingslaub der Ahornbäume über den Gebirgswegen. Hie und da

blühten auch ein paar rosige wilde Kirschbäume und an der Sonnenseite der

Abhänge ganze Wälder von rosigen Kamelienbäumen.

Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wäre es die eherne

Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden.

Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grünen, dunkeln Waldterrassen mit

blaubronzenen Dächern und rotem Gebälk wie verwunschene Waldschlösser unter

bärtigen, tausendjährigen Kryptomerienbäumen liegen.

Viele Tempelwände sind mit kopfgroßen Chrysanthemumblumen aus erhabener

Perlmutterarbeit geschmückt und leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf

andern Wänden sind aus goldenem Lack in Relief erhabene goldene Löwen und

goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem

Lack rote Fasanen, aus grünem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein

weiße Kaninchen und weiße Rehe und ganze Elfenbeinwände voll von weißen und

bläulichen Päonien, umgeben von Schmetterlingsscharen aus Perlmutter.

Diese kostbaren Tempelwände unter grünen Waldbäumen, unter blau und weißem

Wolkenhimmel und umwandert von gelbem Sonnenschein, scheinen mit ihrem

irisierenden Perlmutter eine lebende Welt von immerblühenden hochzeitlichen

Blumen und eine unvergängliche Welt von sich tummelnden wilden und zahmen

Tieren zu sein.

Die Frau kam auf die erste Terrasse, wo die drei berühmten Affen auf einem

Tempeltor dargestellt sind, geschnitzt und bemalt. Der erste Affe hält sich

die Augen zu, der zweite Affe die Ohren, der dritte Affe hält sich den Mund

zu. Und ihre Bedeutung ist: Du sollst nichts Böses sehen, du sollst nichts

Böses hören, du sollst nichts Böses reden.

«Wie leicht ist das getan für den, der geliebt wird, und wie schwer für

den, der an der Liebe zweifeln muß», dachte die Frau und ging an den drei

Affen vorüber. Und sie kam zu dem schönsten aller Tempeltore. Dessen weiße

Säulen sind mit erhabenen Schnitzereien, mit Bäumen, Schilf, Kranichen,

Drachen und Wolken geschmückt. An den Friesen der Säulen entlang wandern

Scharen von winzigen kleinen Göttern. Dieses Tor ist so vollkommen

gearbeitet, daß es, als es fertig war, den Neid der Götter erweckt hätte,

wenn man nicht an einer der Säulen absichtlich einen ungeschickten Fehler

angebracht hätte, um die neidischen Götter zu versöhnen.

«So vollkommen wie dieses Tor wäre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und

die Götter würden die Menschen beneiden müssen, wenn sich nicht glücklich

Liebende immer einen künstlichen Liebeszweifel erfänden», dachte die Frau

und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse.

Hier ist zur rechten Hand über einer Tempeltür von einem Maler eine

lebensgroße weiße Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schläft schon

Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei

denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfüllung gehen darf, begegnen, daß

die schlafende Katze ihre Augen öffnet und ihn anblinzelt.

«O, ihr Götter», wünschte die Frau, die Katze über dem Tor betrachtend,

«laßt eure Tempelkatze die Augen öffnen und mich ansehen, wenn mein

Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene

Männer sind.»

Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die

Augen geschlossen und blinzelte nicht.

«Ist es möglich, daß ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Männer sind

einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht

eine andere Frau außer mir glücklich? O, weiße Katze, schlage doch die

Augen auf und sage damit Nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind

werde!»

Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr

Herz schmerzte, als würde es ihr ausgerenkt.

«Gut, o Götter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfüllt», sprach sie plötzlich

entschlossen, «dann laßt mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu

überzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, daß es derselbe ist, dann laßt

mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, öffne jetzt deine

Augen und sage Ja!»

Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten

Lackwand des Tempelhofes. Die großen Kryptomerienbäume über den

Tempeldächern bewegten sich schaukelnd für ein paar Sekunden und warfen

Licht- und Schattennetze über die Tempeldächer, über die Lackwände und über

die gemalte weiße Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die

weiße Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte für eine hundertstel

Sekunde ihre senkrechten Pupillen.

«Sie hat mich angesehen», seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf

ihren Holzschuhen, demütig mit gesenktem Kopf, als wäre sie um viele Jahre

gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel.

Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswänden lagen in

seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und

Könige, ihre Rüstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt

und mit Bronze beschlagen. Auch große Bogen und Köcher mit Pfeilen standen

da.

Die Frau blieb unwillkürlich vor einem großen schwarzen Bogen stehen und

legte ihre warme Stirn an die kühle Glasscheibe des Glasschrankes. Es war

ganz menschenleer hier, nur vorher hie und da waren ihr Pilger begegnet

auf den Treppen und den Terrassen der Tempel -- Männer und Frauen aus allen

Teilen Japans, welche Nikko besuchen.

Wie sie jetzt an der Glasscheibe lehnt, sieht sie in dem spiegelnden Glas

durch dieselbe Tür, durch die sie in die lange Kammer eingetreten ist,

einen Mann kommen, der eine weißhaarige, gebeugte alte Frau begleitet. Die

kleine Alte stützt sich auf einen Stock und auf den Arm des Mannes und sagt

zu ihm: «Mein Sohn.»

Die Frau wendete ihren Kopf betroffen von der Glasscheibe und warf nur

einen Blick über ihre Schulter. Dann sah sie rasch wieder in den

Glasschrank zurück, als wollte sie ihr Gesicht im Glas verbergen. Sie hielt

den Atem an und ließ den Mann und die alte Frau an ihrem Rücken

vorübergehen.

Die Götter hatten ihr ihren Wunsch erfüllt! Sie hatte ihren Geliebten noch

einmal gesehen, und sie wußte nun auch, daß er eine Mutter hatte wie andere

Menschen, und daß er ein Menschensohn war, daß er nicht bloß Vater und

Gatte war, so wie sie ihn in Nara gesehen hatte, daß er auch

Kindespflichten kannte, seine alte Mutter an seinem Arm stützte, und daß er

ihr nun nie mehr der Gott der Abendröte sein könnte, der Gott des

Unbekannten, des Abenteuerlichen, der Gott der Inbrunst ohne Pflichten und

ohne Schranken.

Und nun wollte sie blind werden und nicht mehr in der Gegenwart und

Wirklichkeit leben, sondern im Dunkeln sitzen, wie ein Herz in der Brust,

ohne Licht, nur vom dunkeln Blut umgeben.

Gealtert und bekümmert kehrte die Frau von ihrer Wallfahrt nach Seta an

den Biwasee zurück, ohne den Tempel der fünftausend Genien in Kioto zu

besuchen, wie sie sich vorgenommen hatte.

Ein brennender, feuriger Sonnensommer verwandelte den Biwasee täglich in

eine weißglühende Masse. Zwischen dem flammigen Spiegel des Sees und dem

flammigen Spiegel des Sonnenhimmels saß die Frau auf dem Altan ihres Hauses

oder in einem schaukelnden Boot und ließ sich die tausend funkelnden

Sonnenscheiben, die sich in den Wellen brachen, wie tausend Brenngläser in

ihre Augen stechen. Wenn sie vor Schmerzen die Augen schloß, saß sie in

einer feuerrot durchflammten Dunkelheit, als wäre sie mitten im Abendrot

von Seta, als wäre sie die rote untergehende Sonne selbst.

Sie wurde blind, wie sie gewollt hatte. Aber auch erblindet sahen sie die

Leute von Seta Sommer und Winter, Abend für Abend, mit dem Fächer auf dem

Altan sitzen, zu der Stunde, wo das Abendrot in Seta die irdischen

Landschaften zu roten Götterlandschaften verwandeln kann und die irdischen

gesetzmäßigen Menschengesichter in berauschte unirdische Göttergesichter.

An einem Winternachmittag, als der Nebel des Sees so dick lag, daß die

Sonne schon am Mittag im Winterrauch wie eine papierne Scheibe blaß

verschwand und ein Hauch von Abendröte erschien, saß die Blinde wieder mit

begeistertem Ausdruck auf dem Altan und beschrieb der Dienerin, die ihr den

Tee brachte, daß sie rote Wolken sähe, rot wie das Tempelgebälk eines

Kiototempels, und daß fünftausend goldene Genien mit hunderttausend

goldenen Armen über die roten Wolken geschritten kämen, und daß ein

Bogenschütze an der Spitze der Fünftausend ginge. Er winke ihr auf der

obersten Stufe einer roten Treppe.

«So schön wie heute sah ich das Abendrot von Seta noch nie», sagte die

Blinde und lehnte den Kopf an das Altangeländer, von dem der kalte Schnee

abbröckelte. Ihre kleine Teetasse klirrte. Sie setzte sie mit zitternden

Fingern auf den Boden. Sie fächelte sich noch mit dem Fächer, indes ihr

Gesicht die Helle des Schnees annahm. Dann starb sie lächelnd.

Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten · 第 13 / 16 题