Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen

Unter den zehn Teehausmädchen im Teehaus von Ishiyama war «Hasenauge» eines

der unscheinbarsten. Sie war nicht feurig, sie tanzte auch nicht sehr

lebendig, sie schminkte sich unordentlich und trug die vier Schleppen ihrer

vier Seidenkleider nicht in der richtigen Abstufung übereinander. Aber sie

konnte Geschichten erzählen, kleine winzige Geschichten, die nur fünf

Minuten dauerten, aber fünf Tage zum Nachdenken gaben. Deshalb war sie in

aller Unscheinbarkeit eine Kostbarkeit für das Teehaus in Ishiyama.

«Hasenauge» kannte dreitausend Geschichten allein über den aufgehenden

Herbstmond, der, von Ishiyama gesehen, als eines der herrlichsten

Schauspiele über den Biwasee gilt.

Ich will drei dieser nachdenklichen Geschichten hier wiedererzählen, die

alle den Herbstmond von Ishiyama teils als Hauptperson, teils als

Hintergrund haben.

Stellt euch vor, wir hätten eben in einem der kleinen Gemächer, im ersten

Stock des Teehauses, auf den geglätteten Strohmatten des Fußbodens, auf

dünnen, nur fingerdicken seidenen Kissen an der Diele Platz genommen. Die

Schiebefenster zum See sind weit offen. Hinter dem roten Lackgeländer der

kleinen Veranda liegt die Seeflut, wie ein Wasser, das bis ans Ende der

Welt reicht. Zu beiden Seiten der Fenster zischeln Wassereschen. Ihre

Blätter sind in der Abenddämmerung lang und schmal und flirren wie

Libellenschwärme vor dem perlmutterfarbigen Seeglanz.

Es liegen auch ein paar Hügellinien hinter den Bäumen, die sind im Abend

wie grünliche Glasglocken. Der Himmel ist spinnwebgrau und scheint hinter

einem Zipfel des Sees leicht zu brennen, wie wenn man ein

Streichholzflämmchen an einen Schleier hält. Die Helle kommt vom

aufgehenden Mond, den deine und viele Augen jetzt auf den Altanen der

Häuser von Ishiyama erwarten.

Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind

gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemüse und Geflügelstücke soeben

heiß vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Eßstäbe liegen, wie lange

Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten

soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu

erzählen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflüchtigt hat

und ehe die große goldene Mondscheibe so hoch über den Seerand gestiegen

ist, daß sie die Seelinie losläßt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei

Eßstäbchen, die sie ergreift, und aus der dünnen Porzellanschale, die sie

mit Reis und anderen Speisen füllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer

mit ein paar Bissen gefüttert werden, und du bekommst aus einer

Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem

europäischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von

bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und

der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfümierte Puder von Hasenauges

weißgetünchtem Gesicht ist stärker als der Seegeruch.

Hasenauge erzählt:

Der König hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug

beigewohnt, bei dem man unter anderen großen Fischen auch ein Meerweib

fing. Aber nicht eines jener guten Meerfräulein, die am Strand mit den

Fröschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der

Wasseroberfläche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken

gesehen hatte.

Das gefangene Meerweib hatte einen mächtigen Goldfischschweif statt der

Füße, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie

Kaninchenaugen. Es war dem König geweissagt worden, daß er drei Nächte ein

Weib lieben müßte, das weder Sonne noch Mond gesehen hätte. Deshalb war er

zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders

große Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der

König wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage

lieben will, lautete eine alte Prophezeiung.

Aber damit, daß man das Weib gefangen hatte, war nicht die größte Sorge vom

König genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind

ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Kähne des

Königs zertrümmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht

seufzen konnte, drei Tage zu lieben, -- dies war eine so heroische Aufgabe,

daß sich alle, die um den König waren, entsetzten.

Nur der König war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes

hin und fragte:

«Wie weit reicht meine Macht?»

«Deine Macht, o Herr, reicht über Himmel, Erde und Wasser.»

«Über alles, was darinnen ist?» fragte der König.

«Über alles Männliche, was im Himmel, auf der Erde und im Wasser ist»,

sagten die Weisen. «Nur das Weibliche läßt sich nicht regieren.»

«Gut, dann soll der Mond, der dort aufgeht, untergehen», rief der König.

«Wenn ich allen gebieten kann, dann soll der Mond nie mehr in meinem Reich

erscheinen, ehe er mir geholfen hat, dieses Fischweib hier in ein

Menschenweib zu verwandeln.»

Der König ließ das Fischweib binden und in sein Zelt legen, ließ Essen und

Trinken in das Zelt stellen und ließ die Zeltvorhänge fest hinter sich

zuschließen, so daß es finster im Zelt war wie in der Meerestiefe.

Die Weisen des Königs aber setzten sich mit des Königs Mannschaften rings

um das Zelt draußen und waren sicher, daß der Mond nicht in dieser und in

keiner Nacht mehr aufgehen werde. Aber der Mond kam wie immer und teilte

sanfte Schatten und gelben Feuerschimmer über die Weisen und über das Zelt

aus.

Der Mond kam auch in der zweiten Nacht und in der dritten Nacht. Am Anfang

der vierten Nacht rief der König drinnen im Zelt, man solle die Zelttüren

öffnen. Und der König trat heraus, und neben ihm an seiner Hand ging ein

gesittetes schönes Weib. Das hatte Augen, so dunkel wie die mondleere

Nacht, und hatte keinen Fischschweif, sondern zierliche Füße und war

frisiert und in seidene Schleppenkleider gehüllt, wie es einer Königin

geziemt.

Die Weisen waren erstaunt, daß der König ohne Hilfe des Mondes das Seeweib

in ein Menschenweib verwandelt hatte. Denn während der Mond drei Nächte

lang auf- und untergegangen war und sich nicht um den Befehl des Königs

gekümmert hatte, hatten die Weisen drei Nächte lang für ihr Leben

gezittert, weil sie des Königs Macht übertrieben hatten und in dem König

den Glauben an eine Allmacht erweckt hatten, die er nicht besaß.

Jetzt aber waren die königlichen Weisen zufrieden, übertrieben des Königs

Macht noch mehr und sagten zungenfertig:

«O König, Eure Macht ist noch größer, als wir dachten. Ihr habt ohne Hilfe

des Mondes das Meerweib in ein Menschenweib verwandelt.»

Der König antwortete ihnen nicht, führte das Weib zu seinem Boot und

befahl, daß man die Segel lichte, um von Hakatate heim nach Süden zur

Königstadt zu ziehen und dort den Einzug der Königin zu feiern.

Auf dem roten Lackaltan des goldenen Boothauses saß die neue Königin

schweigend neben dem König, sie, die noch keine Sonne und keinen Mond hatte

aufgehen sehen, sie, die von ihrem Menschenleben nur die Liebesumarmungen

des Königs kannte, sie, die drei Nächte und drei Tage an des Königs Brust

gelegen hatte und, von des Königs Wunsch und Sehnsucht durchdrungen, aus

einem Meerweib in ein Menschenweib verwandelt worden war.

Ihre Haare hatten sich von selbst geflochten, um dem König zu gefallen; in

der Finsternis hatten sich Kleider um sie gewebt, damit sie für den König

geschmückt erscheine. Sie hatte sich aus ihrem Fischleib Füße gebildet, um

dem König folgen zu können, denn das starke Herz des Königs hatte drei

Nächte über ihr gelegen und hatte sechzigmal in der Minute das Wort «Liebe»

zu ihr gesagt.

Von der Liebe jetzt verwandelt, sah die Königin noch nicht das schaukelnde

Schiff und noch nicht des Königs Gefolge und noch nicht sich selbst. Sie

ahnte noch nichts von ihrer Verwandlung und saß noch in liebestrunkenem

Zustande unbewußt neben dem König.

Da tauchte, rot wie ein großer Berg aus rotem Lack, die Mondkugel aus der

Meerestiefe und zog im Wasser einen feuerroten Widerglanz hinter sich her

wie einen feuerroten Schweif.

Die Weisen des Königs, welche unter dem Altanrand des Boothauses in der

Bootstiefe saßen, hätten sich längst gerne bei der Königin

eingeschmeichelt, fanden aber noch keine passende Anrede. Jetzt aber warf

sich einer der Weisen vor dem König nieder und rief:

«Seht, Herr, der Mond trägt die Farbe der Scham, weil er zu schwach war,

Euch zu helfen.»

Nun hob die Königin die Augen, und der Mond warf seinen Schein wie eine

Umarmung über sie. Und der König wurde fast eifersüchtig, daß jemand im

Weltraum wagte, sein Weib anzurühren, das er sich selbst geschaffen hatte.

Aber ein anderer Weiser, der den ersten überbieten wollte, warf sich vor

der Königin nieder und rief:

«Seht, der Mond, o Königin, hat, um Euch zu gefallen, den Fischleib

angezogen, den Ihr abgelegt habt. Er hat Euern roten Schweif und Eure roten

Augen angenommen, die der König in die Meerestiefe schickte.»

Da ging über der Königin Gesicht ein zuckender Schreck; sie sah an sich

herab und wußte nicht, wer sie verwandelt hätte, und sie erkannte sich als

Menschenweib und schauderte über ihre Verwandlung.

Der König wurde über die Rede des Weisen vor Zorn rot wie die Mondscheibe.

Da warf sich rasch ein dritter Weiser vor ihm nieder, ihn und die verwirrte

Königin zu beschwichtigen:

«Nein, hoher Herr, hohe Herrin, das ist nicht der Mond, den Ihr dort

aufgehen seht. Das ist des Königs Herz, das nicht in des Königs Brust,

sondern in des Königs Reich wohnt, des Königs Nachtherz, das abends rot aus

dem Meere steigt, und das nur Euch gehört, o Königin. Aber der König hat

auch ein Tagherz. Das werdet Ihr morgen früh sehen, o Königin. Das gehört

uns, uns Weisen, denn es ist hell wie die Weisheit selbst und teilt

Klarheit aus und nennt sich die Sonne.»

Als dieser Weise so gesprochen hatte, daß ihn keiner mehr überbieten

konnte, zog er sich selbstzufrieden mit den andern in die Bootstiefe

zurück. Dort saßen sie in langer Reihe, jeder mit dem Kopf auf der Schulter

des andern und schliefen ein.

Der König aber legte seine Brust an die Brust der Königin, und während das

Schiff mit gespannten Segeln durch die Nacht strich, nach Süden, umarmte

der König die Königin wie ein brünstiger Adler.

Das Meer aber zischte und raschelte, als wären die Wellen bis an den

Weltrand des Königs Flügel, und als schlügen sie laut an den Himmel,

während der König die Königin umschlungen hielt.

Gegen Morgen wurde das Meer still. Der König schlummerte ein, und seine

Arme ließen im Schlaf die Königin los. Diese richtete sich auf, als eben

der Mond gelblich-grau vom Himmelsbogen herabstieg und im Meer verschwinden

wollte.

Da des Königs Augen geschlossen waren und er schlief, erkannte ihn die

Königin nicht mehr, denn sie hatte nie einen schlafenden Menschen gesehen.

Weil auch die Weisen unten im Schiff sich nicht rührten und die Bootswachen

lautlos unter dem Mast kauerten, glaubte sich die Königin ganz allein und

verlassen. Und sie sprach zum Monde, der schon zur Hälfte im Meer versunken

war, und den sie für des Königs Herz hielt:

«O, Nachtherz, das mir gehört, ich will nicht des Königs zweites Herz

erwarten, das den andern gehört. Ich will bei dir bleiben und mit dir

gehen, wohin du gehst.»

Die Königin stand auf, trat an den Bootrand und ließ sich ins Meer fallen

und verschwand in der Flut. Als der König die Königin am Morgen nicht fand,

versuchten ihn die Weisen mit ihrer Weisheit zu trösten und sagten:

«Die Prophezeiung lautete, o König, du solltest ein Meerweib drei Tage und

drei Nächte lieben, aber nicht eine vierte Nacht dazu.»

Doch der König war erschüttert von Trauer und wild und aufgebracht von

Verzweiflung über die Torheit der Weisen, die ihn nicht einen König hatten

sein lassen, sondern ihn zu einem Gott hatten machen wollen. Denn ihm war

klar: es hatte der Königin vor dem Tageslicht gegraut, das sie einsam

machen sollte, weil die Weisen gesagt hatten, das Tagesherz des Königs

gehöre nur der Weisheit und nicht der Liebe.

Eine furchtbare Wut überfiel den verlassenen Mann. Er riß mit einer Faust

die Segel von den Tauen und wollte mit der andern Faust den Mastbaum

ausreißen, um alle Weisen damit zu erschlagen.

Diese aber, erschrocken, heuchelten Demut und riefen:

«O Herr, die Königin wird wiederkommen, wenn Ihr es befehlt, sobald der

Mond heute abend aufsteigt. Ehe Ihr uns jetzt ungerecht umbringt, wartet

wenigstens mit Eurem Urteil über uns bis zum Abend. Kommt die Königin nicht

mit dem aufgehenden Mond, so könnt Ihr uns immer noch töten.»

Mit solchen Worten schläferten sie des Königs Wut ein, denn sein Schmerz

war größer als sein Zorn. Und als er hörte, daß die Königin vielleicht am

Abend wiederkommen könnte, glaubte er daran, wie jeder Liebende gern an

Wunder glaubt. Und er hoffte, die Königin würde vielleicht als Fischweib am

Abend wiederkommen und sich von ihm wieder in ein Menschenweib verwandeln

lassen, wenn der Mond aufginge.

In der Mittaghitze, als die Sonne aus dem Meer und aus dem Himmel zugleich

brannte und der König auf einem Haufen Segeltuch am Bootrand einschlief,

schlichen sich die schlauen Weisen seines Landes an den Schlafenden heran

und stießen den Haufen Segeltuch samt dem schlafenden König ins Meer. Denn

alle hatten beratschlagt, daß sie den wütenden König noch vor Abend töten

müßten, um nicht selbst getötet zu werden.

Als die Sonne den König nicht mehr auf dem Deck sah, stieg sie früher als

sonst von der Mastspitze herunter, und verwundert sahen die Weisen, daß der

Tag schneller zu Ende war als je. In dieser Nacht warteten sie vergeblich

auf den Mond. Es war kein Mondaufgang, und es schien eine endlose Nacht

angebrochen zu sein; denn die Sonne ging auch nicht mehr auf zu der Zeit,

da sie erwartet wurde.

Danach verwirrte sich die Weisheit in allen ihren Hirnen; die Weisen des

Landes hatten die Liebe im Reich umgebracht, und mit der Liebe blieben

Sonne und Mond aus dem Reich verschwunden. Denn die Liebe ist allmächtiger

als die Weisheit. Alle, die im Boot waren, wurden wahnsinnig und stürzten

sich ins Meer, dem toten König nach. --

So erzählte Hasenauge. Und bei den letzten Worten deutete sie mit den

Eßstäbchen, mit denen sie dich bei der Unterhaltung gefüttert hatte, hinaus

auf den Biwasee. Umgeben von einem gelben Dunstkreis, als hätte er einen

gelben Ährenkranz auf dem Kopf, stand der Vollmondgott draußen am Fenster

und trat seinen Rundgang an.

Wenn du dann aus dem Teehaus heimgehst, kann es einem Neuling, der

Hasenauge zum erstenmal erzählen hörte, vorkommen, daß er mit dem Mond in

Streit gerät. Der Mond stellt sich quer über den Weg und fragt ihn:

«Nun, hat dir wirklich Hasenauge während meines Aufgangs zwölf Geschichten

erzählt?»

Zuerst sagst du ja. Du besinnst dich nicht, rechnest nicht nach und sagst:

Ja, zwölf.

Der Mond lacht stolz über Ishiyama und freut sich.

Nach einer Weile rufst du den Mond, hinter einer Hausecke, an den Weg

hervor und sagst:

«Es war nur _eine_ Geschichte, aber es klang wie zwölf.»

Da lächelt der Mond noch stolzer und freut sich noch mehr über Ishiyama.

Und wieder nach einer Weile, ehe du in dein Haus trittst, fragst du den

Mond an der Türschwelle:

«Sag mal, wie kommt das, daß Fräulein Hasenauge dreitausend Geschichten

allein vom Mondaufgang über Ishiyama erzählen kann? Kommt es daher, daß du

nirgends so schön wie am Biwasee aufgehst? Ich glaube, du bist Fräulein

Hasenauges Geliebter.»

Da rascheln alle Eschenbäume im Mond, und sie fragen dich:

«Hat dir Fräulein Hasenauge heute ihre dreitausend Geschichten erzählt?»

«Ja, ungefähr dreitausend», antwortest du, ohne dich zu besinnen.

Und am nächsten Abend geht der Mond über dem Biwasee bei Ishiyama noch

geschichtenreicher auf als sonst. --

«Liebe und der aufgehende Mond machen das Haar wachsen. Darüber will ich

dir gleich eine Geschichte erzählen», sagte Hasenauge zu mir und reichte

mir ein Schälchen frischen Tee und einen großen Brocken Pfefferminzzucker

dazu und drückte mir eine kleine Prise frischen Tabak in die kleine

silberne Tabakpfeife. --

Als einer der schönsten Tempel in Kioto gebaut werden sollte, erwiesen sich

alle Stricke, die den bronzenen Dachfirst auf die Gerüste hinaufwinden

sollten, als zu schwach. Darum entschlossen sich alle die Tausende von

Frauen in Kioto, dem Tempel ein Opfer zu bringen und ihr Haar dicht am Kopf

abschneiden zu lassen, damit daraus Stricke für den Tempelbau gedreht

würden. Es wurde auch wirklich ein dreihundert Meter langer Haarstrick aus

den geopferten Haaren gedreht, und dieser schwarze Strick, der die Dicke

eines Männerarms hat, wird noch heute in einer Lacktonne im Tempel von

Kioto aufbewahrt.

Die Frau eines japanischen Adligen, die auch ihr Haar zum Tempelopfer

abgeschnitten hatte, und die in jener Zeit schwanger war und nahe vor der

Stunde des Gebärens stand, erschrak so sehr, als sie sich im Handspiegel

sah und ihr Kopf ihr kahlrasiert entgegenglänzte, daß sie sich der Tränen

nicht erwehren konnte.

Die Tempelgötter nahmen die Schwachheit dieser Frau übel und straften sie

an dem Kinde, das sie gebar. Sie schenkten ihr ein kleines Mädchen, aber

diesem wuchs nicht ein einziges Haar auf dem Kopf; und wie eine

Elfenbeinkugel so glatt, weiß und haarlos blieb die Schädelschale des

Kindes.

Die Frauen von Kioto, denen allen daran gelegen war, daß ihr Haar bald

wieder wüchse, und die wußten, daß der zunehmende Vollmond den Haarwuchs

beschleunigt, taten sich zu Vollmondprozessionen zusammen und wallfahrteten

in langen Zügen im Mondschein zu den verschiedenen Kiototempeln.

Jene adelige Dame nahm zu jenen Nachtprozessionen ihr kleines Mädchen mit,

in der Hoffnung, der Mond würde dem Kind Haare wachsen lassen. Aber die

Prozessionen nützten nichts, und die Mutter war gezwungen, dem Kind

Perücken machen zu lassen. Das Mädchen wurde damals von allen Leuten in

Kioto «Mondköpfchen» genannt, weil es so kahl war wie der Vollmond.

Als Mondköpfchen verheiratet wurde, wußte der junge Mann, der sie zur Frau

nahm, daß er eine kahlköpfige Frau heiratete. Aber es lag ihm nichts

daran, denn er hatte Mondköpfchen immer in schöner gutsitzender Perücke

gesehen. Und er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie eine

kahlköpfige Frau ohne Perücke aussehen kann.

Die Hochzeitsnacht verlief, wie die meisten Hochzeitsnächte, für die beiden

Neuvermählten mit geschlossenen Augen, und das Liebesglück ward nicht

gestört.

Aber schon in der zweiten Nacht verschob der junge Ehemann erst zufällig,

dann scherzend Mondköpfchens schwarze Perücke. Er spaßte und schob sie ihr

bald auf das linke Ohr, bald auf das rechte, bald auf die Nase, bald auf

den Nacken zurück, und er kollerte sich neben seiner jungen Frau vor

Lachen. Immer, wenn die Frau ernst und liebend ihre Arme ausbreitete,

juckte den Mann ein Kobold an den Fingern, so daß er der Perücke erst

jedesmal einen kleinen Puff gab, ehe er seine Frau in die Arme schloß.

Dieses geschah in der zweiten Nacht. Aber in der dritten war es überhaupt

nicht mehr zum Aushalten. Der junge Mann setzte sich selbst die Perücke

auf, so daß die Frau böse wurde, nicht mehr im Zimmer bleiben wollte und

sich auf den Altan setzte. Es war dunkel draußen, und er lief ihr mit einem

Licht nach. Als er sie perückenlos mit helleuchtendem Schädel am Altanrand

sitzen sah, prustete er vor Lachen, kollerte ins Zimmer zurück und rief:

«Ich habe den Vollmond geheiratet.»

Bisher hatte Mondköpfchen ihren Namen immer harmlos hingenommen und sich

nie darüber erschreckt. Aber nun brach sie in Weinen aus.

Am dritten Tage nach der Hochzeit ist es in Japan Sitte, daß die Frau ihre

Eltern besucht. Mondköpfchen ließ sich am nächsten Morgen in einer Sänfte

in ihr Vaterhaus tragen, weinte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter aus

und wollte nicht mehr zu dem Mann zurückkehren, der mit ihrer Perücke

spielte und statt der Liebe Gelächter über sie ausschüttete.

Aber Vater und Mutter überredeten Mondköpfchen, wieder zu ihrem Mann

zurückzukehren, und versprachen, alles daran zu setzen, ein Mittel

ausfindig zu machen, damit ihre Haare wüchsen. Sie sollte sich nur noch

eine kurze Wartezeit auferlegen.

Mondköpfchens Eltern hatten diesen Rat nur aus Verzweiflung gegeben und

mußten jetzt selbst weinen, als ihr Kind zu seinem Mann zurückgekehrt war;

sie waren ratlos.

Plötzlich sagte die alte Frau zu ihrem Mann:

«Ich weiß, womit ich die Götter jetzt versöhnen kann. Ich will mein Haar

zum zweitenmal abschneiden und es den Tempelgöttern opfern. Die Götter sind

gut und geben mir dann sicher einen Rat für unser Kind.»

Die Frau tat so und trug ihr ergrautes abgeschnittenes Haar, zu einer

kleinen Schnur geflochten, in den Tempel der tausendhändigen Kwannon und

band dort die Haarschnur um das goldene Handgelenk der tausendfach

segenspendenden Göttin.

Die Götter versöhnten sich danach mit ihr und gaben ihr in der Nacht einen

Rat. Die Frau hörte im Traum eine Stimme, die sagte:

«Liebe und Vollmond lassen die Haare wachsen. Schicke dein Kind nach

Ishiyama. Wenn es dort den Herbstmond aufgehen sieht, werden Liebe und Mond

deinem Kind ein schönes Haar schenken.»

Die Mutter erzählte den Traum ihrer Tochter, und Mondköpfchen glaubte

begeistert an die Weissagung. Und Mondköpfchens Mann, der immer noch

lachte, sagte wenig rücksichtsvoll zu seiner jungen Frau:

«Reise nur nach dem Biwasee und laß dir dort Haare wachsen. Ich muß mich

hier inzwischen von dem Nachtgelächter erholen.»

Mondköpfchen reiste an den Biwasee.

Im aufgehenden Mondschein sahen die Bewohner von Ishiyama die kahlköpfige

junge Frau auf dem Balkon des Rasthauses sitzen, wo Mondköpfchen Wohnung

genommen hatte. Die frommen Bewohner des Seeortes nannten sie nur die

elfenbeinerne Heilige, weil ihr haarloser Kopf wie vergilbtes altes

Elfenbein in der Abenddämmerung leuchtete. Viele lenkten abends vom See her

ihre Kähne am Rasthaus vorbei, um die bleiche, stille Frau auf dem Altan

unter den Sykomorenbäumen sitzen zu sehen, und jeder, der sie sah, dachte

sich eine Geschichte über sie aus.

Ein junger Adliger, der ein Landhaus in der Nähe von Ishiyama hatte, hörte

durch seine Leute von der fremden Frau, die Abend für Abend den aufgehenden

Herbstmond von Ishiyama erwartete. Und er richtete es so ein, daß er am

Spätnachmittag in einen der Sykomorenbäume am Ufer stieg, wo er, hinter den

Ästen verborgen, Mondköpfchen beobachten konnte, die wie ein Götterbild

regungslos im Mondschein saß und sich Liebe und Haare wünschte.

Bald danach erhielt die junge Frau von dem jungen Adligen ein Gedicht

gesandt, das war mit Goldtusche auf Purpurpapier geschrieben. Das Gedicht

erzählte von einem Sykomorenbaum, der ein Mensch werden wollte, um zu ihr

zu kommen und neben ihr auf dem Altan zu sitzen.

Mondköpfchen freute sich aufrichtig über das schwärmerische Gedicht. Und

als sie wieder im Mondschein saß und mit der Hand über ihren Kopf strich,

fühlte sie zu ihrem Entzücken die ersten Haarspuren, denn sie sehnte sich

in dieser Nacht sehr nach ihrem Mann zurück.

Am nächsten Tag erhielt sie einen Brief, der sagte ihr:

«Ich bin ein Mann, der Dich liebt, und möchte Dich bald vom Altan holen.

Laß Dich entführen, schöne Frau.»

In dieser Nacht sehnte sich Mondköpfchen noch mehr nach ihrem Manne, und

ihre Haare wuchsen einen Arm lang, und am Morgen reichten sie ihr bis zum

Gürtel. In der nächsten Nacht wuchsen sie ihr beim aufgehenden Mond bis zu

den Knieen.

Mondköpfchen empfing in dieser Nacht einen dritten Brief, der sprach:

«Ich weiß, daß Du einen Mann in Tokio hast. Liebe mich, so werde ich ihn

töten.»

Da erschrak Mondköpfchen, ließ sich noch in derselben Nacht in einem Kahn

über den Biwasee fahren und reiste nach Kioto und zeigte sich und die

Briefe ihrem Mann.

Als der Mann seine Frau im prächtigen Haar vor sich sah, wurde er still,

und seine Augen wurden dunkel vor Bewunderung. Und als er die drei Briefe

gelesen hatte, wurden seine Augen finster, seine Arme breiteten sich aus,

und sein Mund, der nicht mehr lachte, sagte:

«Komm in meine Arme, wenn du mir jetzt noch treu sein willst, seit du so

schön bist, und wenn du mir verzeihen kannst, daß ich gelacht habe, als du

noch nicht so schön warst. Willst du mir aber eines Tages die Treue

brechen, dann tue es lieber jetzt und gehe zu dem Mann, der die Briefe

geschrieben hat, damit er mich tötet. Denn wenn du mich jetzt verläßt, hat

mich schon mein Leben verlassen, und der Tod ist dann nur eine Zeremonie,

die ich nicht spüren werde.»

Mondköpfchen setzte sich auf die Diele vor ihren Mann nieder und begann den

Tee zu bereiten. Das bedeutete, daß sie ihn für immer lieben und ihm treu

bleiben würde und ihm verziehen hätte. --

Und Fräulein Hasenauge lächelte ungläubig und erzählt eine neue Geschichte.

Ein Spielzeugverkäufer, ein Schilfmattenflechter und ein Holzkohlenhändler

saßen eines Abends, ehe der Vollmond über Ishiyama aufging, am Rande der

Landstraße nach Ishiyama. Der Spielzeugverkäufer hatte an einer langen

Stange ein Bündel Spielsachen hängen, meist aus Watte gearbeitete große

Insekten, ungeheure graue und silberne Riesenspinnen, grüne und braune

Grashüpfer und Heuschrecken, riesige Libellen mit farbigen Flügeln aus

Gelatinepapier.

Der Schilfmattenflechter trug ein großes Bündel zusammengerollter,

feingeflochtener Schilfmatten auf dem Rücken. Das sah in der Abenddämmerung

aus, als trüge er lange Kanonenrohre.

Der Kohlenhändler trug einen Korb auf dem Kopf, den er im Gehen

balancierte. Drinnen im Korb unter einem Tuch war die feinste Holzkohle,

die er selbst zubereitet hatte.

Im Straßengraben sitzend, an welchen das Schilf vom See her heranreichte,

erzählten sich die drei Kriegsgeschichten. Der eine, der

Spielwarenhändler, behauptete, er wäre bei der Einnahme von Peking dabei

gewesen. Der Rohrmattenflechter behauptete, er hätte mit vor Port Arthur

gelegen. Der Kohlenhändler behauptete, er wäre auf einem Schlachtschiff im

Chinesischen Meer Heizer gewesen. Aber alle drei verstanden vom

Kriegshandwerk so wenig wie eine Katze vom Neujahrsfest. Und ihre

Erzählungen waren so drollig, daß ganz Japan sie lachend immer noch weiter

erzählt.

Der Spielwarenhändler sagte: «Als wir die Stadtmauern von Peking sahen,

liefen unsere Augen wie Spinnen über die Ebene von Peking, unsere Füße

hüpften wie Heuschreckenbeine über die Mauerwälle, unsere Bajonette, Säbel

und Kugeln flogen wie surrende Libellen über die Chinesen her. Aber das war

alles umsonst. Ihr wißt: wenn man den Chinesen sticht, haut oder vierteilt,

ist dies geradeso unnütz, als wenn man gegen den aufgehenden Vollmond

streitet. Die Chinesen stehen immer wieder gesund und unverwundbar vor dir,

denn jeder hat Tausende von Körpern ineinander geschachtelt, so wie es

Spielzeugschachteln gibt, von denen Hunderte ineinander passen.»

«Womit habt ihr denn die Chinesen umgebracht, wenn sie nicht zu erschießen

und nicht zu erschlagen sind?» fragte der Schilfmattenflechter.

Der Spielzeughändler blähte sich auf wie eine Schweinsblase, die ein

Kinderluftballon werden will.

«O, wir haben ihnen allen den Rücken gewendet, so daß die Chinesen keines

unserer Gesichter sahen und nicht sahen, wie wir lachten und haben unsere

Gewehre in die Luft abgeschossen, in die Wolken und in den blauen Himmel

und haben mit den Bajonetten und den Säbeln in die Luft gestochen und haben

nicht gegen die Chinesen, sondern gegen den Himmel gekämpft.

Da hat die Chinesen, die Söhne des Himmels, ein großer Schreck erfaßt, als

sie sahen, daß wir ihren Himmel angriffen. Tausende starben vor Erstaunen,

Tausende vor Entsetzen, und Tausende kamen auf den Knien zu uns gekrochen

und hatten die Tore zur himmlischen Stadt Peking geöffnet, damit wir ihre

Väter und Götter im Himmel nicht bekriegten.»

«Das ist drollig», sagte der Schilfmattenhändler. «Aber gegen die Russen

hättet ihr nicht so kämpfen dürfen. Die Russen haben von den Knien abwärts

Kanonenrohre statt der Füße, und immer, wenn sie ein Bein heben, können sie

mit dem Bein auf dich schießen. Sie heben ihre Beine in die Luft, geradeso

wie meine zusammengerollten Matten lang in die Luft gucken. Und sie

brauchen nicht zu zielen, denn ihre Füße haben Augen, die sie Hühneraugen

nennen, und diese zielen für sie. Und während ihre Beine gehen und

schießen, haben die meisten Essen und Trinkflasche in den Händen und

füttern und tränken jeder sein Maul. So bleiben sie immer stark und kommen

nie von Kräften und sind unbesiegbar.»

«Ja, wie habt ihr sie denn besiegt, die Russen?» fragte der Kohlenhändler.

«O, das war ganz einfach. Das sagt einem jeden doch der helle Verstand, wie

man einen Russen besiegt. Nur ein Kohlenhändler wie du kann so dumm fragen,

als ob du Kohlenstaub in deinen Augen hättest und nicht wüßtest, daß wir

die Russen besiegt haben.

Der Russe läßt doch immer nur seine Beine gradaus marschieren und

schießen, aber seine Augen im Gesicht sehen nichts als das Essen und

Trinken vor dem Maul. Darum, wenn die Russen aus Port Arthur auf uns

losmarschierten mit ihren schießenden Beinen, stellten wir uns ruhig zu

beiden Seiten des Weges auf und ließen sie ruhig an uns vorbei. Dann gingen

wir hinter ihnen her, jeder faßte einen Russen am Gürtel und drehte ihn

einfach wieder gegen Port Arthur um, in der Richtung auf das Meer zu. Da

sie einmal im Gehen waren und sich im Fressen und Saufen nicht stören

lassen wollten, marschierten sie auf Port Arthur zurück und liefen dort

über die Kaimauern ins Meer, wo sie ertranken. Die Armeen aus der

Mandschurei aber, die aus dem Norden kamen, drehten wir nach Norden um, so

daß sie ruhig zur sibirischen Eisenbahn zurückmarschierten. Und die

Eisenbahnbeamten, im Glauben, der Krieg sei beendet und die Russen seien

Sieger, fuhren die fressenden und saufenden Armeen nach Petersburg zurück,

wo sie dann einzogen, immer noch in dem Glauben, daß sie die Sieger wären.

In der Zeit besetzten wir die ganze Mandschurei, und das soldatenleere Port

Arthur war unser.»

«So einfach war es aber doch nicht», sagte der Kohlenhändler, «denn erst

mußten wir die russische Flotte zerstören, wobei ich einer der Haupthelden

war.»

«Erzähle!» sagten die beiden anderen Helden.

«Da ist nichts zu erzählen. Das war die allereinfachste Sache von der Welt,

die russische Flotte zu vernichten», wisperte der Kohlenhändler bescheiden

wie eine Feldmaus.

«Eines Morgens dachte ich mir: heute zerstöre ich die russische Flotte,

denn ich hatte Sehnsucht nach meiner Frau, und nichts als die russische

Flotte hinderte mich, zu meiner Frau zu reisen.

Ich steckte mir eine Schachtel Streichhölzer ein, ein paar japanische

Zeitungen und ein paar Stückchen Holzkohle. Ich schwamm von meinem Schiff

an die Hafenmauer von Port Arthur heran, zündete mir ein Pfeifchen an,

setzte mich auf einen Klippenstein und fabrizierte aus meinen japanischen

Zeitungen kleine Papierschiffe, wie sie die Schulkinder am Biwasee machen.

In jedes Schiffchen steckte ich ein Stückchen Kohle, das war der

Schornstein des Schiffes; manche hatten auch zwei und vier Schornsteine.

Die Kohlenstücke zündete ich an, und dann ließ ich meine Schiffe mit dem

Südostwind auf Port Arthur los, und sie zogen an der Hafenmauer entlang.

Meine kleine Papierflotte wurde augenblicklich von allen Leuchttürmen und

Fernrohren auf den Leuchttürmen dem Admiral der russischen Flotte

signalisiert. Die russische Flotte verließ sofort in Schlachtreihen den

Hafen und umzingelte meine Zeitungspapierflotte. Tausend Schüsse hallten

aus den russischen Schiffsbäuchen, und als sich der Rauch verzog, war

natürlich meine Papierflotte untergegangen. Auf allen Rahen und auf allen

Masten stellten sich nun die russischen Marinesoldaten in Parade auf, um

dem sieghaften russischen Admiral ein dreifaches Hurra für seinen Sieg

auszubringen.

Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Denn ich wußte, die Russen

hatten ihren Mut mit Schnaps angefeuert, und es mußte beim Siegesgeschrei

der Tausende und Tausende von Soldaten eine Wolke von Alkoholgasen in der

Luft entstehen, und diese Wolke konnte ich mit einem einzigen Streichholz

in Brand setzen.

So war es auch. Das erste Hurra ließ ich sie zum Vergnügen schreien. Aber

bei dem zweiten Hurra wäre ich beinahe selbst erstickt, -- so sehr stank

die Luft nach Alkohol.

Kaum flackte das Streichholz auf, so entzündete sich über dem Meer die

Alkoholwolke, und eine Flamme pflanzte sich fort von Schiff zu Schiff;

Mannschaften und Schiffe, vom Alkoholdunst erfüllt, explodierten unter

Gekrach. Später sagten die Russen uns nach, wir hätten mit Stinkbomben

geschossen und mit griechischem Feuer. Und es war doch nur ihr Alkoholatem,

der die ganze Flotte verbrannt hat, als ich mein Streichholz anzündete.»

«Ja, sag mir aber», fragte mißtrauisch und kleinlich der Spielzeughändler,

«sag mir, Kriegskamerad, wie konntest du die Streichholzschachtel trocken

erhalten, als du von deinem Schiff nach Port Arthur geschwommen bist?»

Auch der Schilfmattenhändler nickte heftig und ungläubig und bezweifelte

gleichfalls, daß eine Streichholzschachtel beim Schwimmen trocken bleiben

könnte.

«Habe ich euch denn nicht gesagt», fuhr der Kohlenhändler sie grob an, «daß

ich an diesem Morgen Sehnsucht nach meinem Weib hatte? Wißt ihr nicht, was

Sehnsucht bedeutet? Sehnsucht haben heißt so heißes Blut kriegen, daß alles

ringsum verdorrt.»

«Ja, dann verstehen wir, daß deine Streichholzschachtel im Gürtel nicht naß

wurde, wenn du Sehnsucht nach deinem Weib hattest, Kriegskamerad», nickten

der Spielzeughändler und der Schilfmattenverkäufer dem Holzkohlenhändler

zu.

Der Vollmond war inzwischen langsam aus dem Schilf gerollt, betrachtete

sich breit lachend die drei Überhelden und erzählte die Geschichte in ganz

Japan weiter.

Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten · 第 12 / 16 题