Den Abendschnee am Hirayama sehen

An großen Masten ragen ein Dutzend weiße elektrische Bogenlampen in die

Nacht. Sie beleuchten einen Landungskai im Hafen von Marseille. Wie ein

langer weißer Kreideblock liegt dort ein weißer eiserner Orientdampfer mit

Hunderten von runden, gelbleuchtenden Kabinenfenstern. Rot, gelb und weiß

beschienene Gesichter und viele beleuchtete Hände und Arme hantieren in der

Nacht auf der Plankenbrücke und um die klirrenden Ketten der

Verladungskähne, wo Haufen von Koffern, Reisekörben und Reisekisten

verstaut werden.

Durch die langen, schneeweißen Korridore drinnen im Dampfer eilen

schneeweiß gekleidete Inder mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen,

aus prächtigen Küchen, in denen üppiges Kupfer leuchtet, in die prächtigen

Speisesäle, die von rotem Mahagoniholz und blanken Messingsäulen, von Prunk

und Gediegenheit strotzen, darinnen alles seltsam stille steht, indessen

die bittere, bewegliche Seeluft durch die glühlampenhellen Räume und durch

die Korridortüren wie ein unruhiges Fluidum streicht. Diese Seeluft, die in

dem Schiffspalast, auch wenn er am Kai still steht, immer noch allen Räumen

quecksilberhafte Ungeduld gibt, wie der Saft einer Pflanze, die man vom

Wald ins Zimmer geholt hat. Ein ruhiges Schiff ist kein stillstehender

Gegenstand, denn die Wanderluft, die auch im Hafen noch um seine Räume

streicht, läßt es nicht schlafend und nicht tot erscheinen. Die Offiziere,

Matrosen und Bedienungsmannschaften behalten auf dem ruhigen Schiff immer

noch das bittere Fieber der Seeluft in der Brust, und allen erscheint Ruhe

als ein Unglück und Wandern als das alleinige Glück.

Das Schiff legt nachts in Marseille an und soll morgen um neun Uhr früh

seine Weiterfahrt nach Asien und Japan antreten. Die meisten Passagiere

haben für ein paar Nachtstunden das Schiff, das schon aus London kommt, zu

einem kurzen Aufenthalt in Marseille verlassen, um wieder einmal Abendbrot

an Land zu essen, denn das Schiff ist schon seit mehreren Tagen unterwegs

und hat seit London keinen Hafen angelaufen.

Jetzt neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die elektrischen Lampen brennen

noch, aber der Himmel wird schon blau, und Scharen von lachenden und etwas

kindisch heiteren Passagieren kehren aus den Nachttheatern und Nachtcafés

der Stadt zurück. Junge Leute haben rote und blaue Kinderluftballons an

ihre Hüte gebunden. Damen haben sich Arme voll Blumen gekauft,

Winterveilchen von der Riviera; und alle Gesichter sehen belustigt aus, als

kehrten diese Menschen von einem Volksfest heim. Alle haben sie nur für ein

paar Stunden mit ihren Füßen die Erde besucht, die schöne, ruhige,

stillstehende Erde mit ihrem irdischen Staubgeruch, und die hat die

Passagiere im Herzen so überschwenglich und warm gestimmt.

Jetzt müssen alle wieder auf die schwankenden Schiffsbretter, zurück auf

das buckelige Meer, in die staublose, unirdische Seeluft, in der ihnen die

Sonne noch treu bleibt, wo aber die Erde meilentief in das Wasser sinkt.

Ein blauer, lauer Januarmorgen brach an. Die Lampen am Kai und im

Schiffsinnern verloschen. Dafür zündete die Morgensonne tausend Lampen in

den tausend Wellenspiegeln an, und die Messinggeländer des schneeweißen

Schiffes, seine roten Schornsteine und zinnoberroten Ventilatoren

leuchteten wie die künstliche Kulissenwelt eines Theaters, aufgebaut unter

dem indigoblauen Mittelmeerhimmel.

Am Kai standen Verkäufer von Bergen von hölzernen Segeltuchstühlen, die sie

an die Passagiere für die weite Seereise nach Asien verkauften. An der

Abfahrtshalle vor der Telegraphenoffice drängten sich die Reisenden,

schrieben auf umgestülpten Koffern, Tonnen und Kisten Telegramme, -- die

letzten Abschiedsgrüße aus dem letzten europäischen Hafen nach den

Heimatorten.

An den langen Geländern des Promenadendecks standen Kopf bei Kopf,

Ellenbogen bei Ellenbogen. Viele kleine Kodaks knipsten und fingen das

Hafenbild.

Auf der nassen Kaimauer vor der Reihe der Packträger und Verlader hatte ein

Athlet einen braunen Teppichfetzen ausgebreitet. An dem einen Ende des

Teppichs tanzte in gelbem Trikot und rosa Tüllröckchen seine zehnjährige

Tochter und klapperte mit Kastagnetten, armselig und ungeschickt.

Auf der andern Ecke des Teppichs stand der Sohn des Athleten in blauem

Trikot und spielte auf einer dünnen Violine. Auf der dritten Ecke lagen

Gewichtsteine und Kugeln, und auf der vierten Ecke des Teppichs stand der

Athlet selbst in schmutzig weißem Trikot und stemmte die Gewichtkugeln,

Kanonenrohre und eisernen Wagenräder.

Die Schiffssirene hat bereits mehrmals ihre gellenden Abfahrtssignale

gegeben. Der Athlet, die kleine Tänzerin und der kleine Geiger rauften sich

mit den Packträgern um die Kupfersousstücke, die wie ein brauner Hagel vom

Schiff auf den Kai regneten. Scharen englischer Clerks, die nach Indien

reisen wollten und rote, whiskytrunkene Gesichter aus dem Nachtleben von

Marseille mitgebracht hatten, brüllten im Chor hundert «Cheers for Old

England».

Dann bewegte sich wie eine Drehbühne das mächtige Schiff vom Ufer weg. Die

sich balgenden Leute am Ufer, die Landungshallen verkleinerten sich, als

schrumpften sie in irgendeine Tasche hinein. Erdbilder, Felsenufer, weiße

Kalksteingebirge, graue Dächerreihen drehten sich wie Bilder, gemalt auf

einen Riesenkreisel, vorüber. Das Schiff schien still zu stehen, aber die

Erde wurde zu einer ungeheuren Kugel, die sich unter dem Schiff drehte.

Allmählich liefen die Bilder immer kleiner, ferner und farbloser wie

Nebelwische vorüber, und nun nahm der gewaltige Rausch der Seeluft das

Schiff in sich auf, und das Ungeheuer, der endlose Himmel, machte die

lauten Passagiere still, löste nicht nur die Erde unter den Füßen, sondern

nahm auch den Gedanken jede Festigkeit und Sicherheit, machte das Blut

argwöhnisch, die Füße schwankend, die Gehirne ohnmächtig.

Hunderte von Deckstühlen wurden an die Geländer gebunden, daß sie nicht von

dem Seegang hin und her rutschten. Unter riesigen Reisekappen, in ungeheure

Reisemäntel und in vielfarbige und karierte Schals gewickelt, lagen die

Passagiere, ausgestreckt in endlosen Reihen, auf dem weißen Promenadendeck.

Die weißgetünchten Eisenwände, die sachlichen Eisengeländer, die alle

gerade und senkrechte Linien zeigten, flößten Sicherheit, aber auch

Nüchternheit ein, als wäre das Schiff ein riesiger, physikalischer Apparat

in einem Laboratorium, als wären die Menschen Präparate, die da künstlich

aufbewahrt würden, bis zur Landung an einem andern Kontinent.

Unter den Schiffspassagieren, die da in Reih und Glied in Liegestühlen auf

den langen Decks lagen, als wären die Deckpromenaden Lazarette, fielen zwei

Japaner auf, die von zwei deutschen Damen, einer jungen rotblonden und

einer alten weißhaarigen, begleitet waren. Es waren die beiden Schauspieler

Kutsuma und Okuro, die mit der Sada-Yakko-Truppe eine Europa-Tournee

unternommen hatten und jetzt, getrennt von der Truppe, nach Japan

zurückkehrten.

Okuro hatte sich eben erst mit einer deutschen Dame verheiratet, und diese,

welche immer mit ihrer Großmutter zusammengelebt hatte, wollte sich auch

nicht in der Ehe von ihr trennen. Darum begleitete die achtzigjährige

weißhaarige Alte das junge Ehepaar nach Japan.

Die beiden Japaner waren europäisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter

und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahäutigen Engländern

auf.

Ilse, Okuros junge und schöne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der

rote Metallglanz der Goldfische.

Sie trug ein smaragdgrünes Reisekleid und war unter allen den braunen,

grauen und schwarzkarierten Engländerinnen und Engländern wie ein

Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Fülle eines freigebigen

Sommers.

Die Großmutter neben ihr mit dem weißen Haar, das wie ein alter

Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit

blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und

lautlos.

Nie sind zwei Menschen fröhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als

diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermögen durch seine Tournee

verdient. Ilse wußte nicht, was sie mehr an ihrem Mann schätzen sollte: die

ausgesuchte Fürsorge, mit der er sie umgab, die große Anspruchslosigkeit,

mit der er auftrat, oder die große Leichtigkeit, mit der er alle

Schwierigkeiten lächelnd aufnahm.

Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmählich, daß ein Asiate nicht

ist: wie fünf und fünf ist zehn, sondern daß bei ihm fünf und fünf einmal

Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, daß sie noch nicht den

hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte

sie, daß seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinensüß und

lächelnd ausgesehen hatten, plötzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft

werden, oder sogar tödlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze,

funkelnde Tollkirschen.

Aber gerade, daß sie seiner nicht sicher war, daß sie seine Weltallruhe und

sein göttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann

wieder plötzlich erschrecken mußte vor tierischen Kehllauten, die er

ausstoßen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten

ließen, -- dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit

einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe

gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach

exotischen Geheimnissen.

Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen Äther des

Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von

Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weiße,

blendende Schiffsgerüst in der Bläue ringsum wie der weiße Silberkörper

eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Bläue untergetaucht wäre und

unter den Meeren mit ihr fortschwämme. Nur das gelbe Stück Sonne oben war

wie ein Stück Land, das in die Bläue herabschiene. Und sie hoffte, so

verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in

der Zukunft verändern, daß alle Begriffe sich umstülpten.

Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das

damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorüberzogen, nahm

Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl saß und in der Dunkelheit

nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus

dem Mund, warf sie über Bord und sagte, schmollend in ihrer

Flitterwochenstimmung:

«Geliebter, wie kannst du rauchen und dich mit deiner Zigarette lautlos

unterhalten? Ich bin eifersüchtig auf deine Zigarette und deine Ruhe bei

ihr. Ich bin noch keine so alte, ruhige Frau wie meine Großmutter, welche

einschläft, wenn du stundenlang schweigend rauchst. Ich möchte lieber, daß

du mich erwürgst, ins Meer wirfst, oder irgend etwas Böses mit mir tust,

aber ich mag nicht, daß du so ruhig und gleichgültig neben mir rauchst. Wir

kennen uns noch nicht auswendig. Nur ist das, als wärest du mir untreu,

wenn du die Zigarette mehr liebst als mich.»

Darauf antwortete der junge asiatische Ehemann:

«Wenn ich Diener brauche, die dich und mich bedienen, so bin ich deshalb

nicht ein schwacher Mann, der sich nicht selbst bedienen könnte. Wenn ich

eine Zigarette brauche, die mir Ruhe gibt, so habe ich deshalb dich nicht

aus meinem Herzen verstoßen, denn dich brauche ich natürlich erst recht zu

meiner Ruhe. Die Zigarette allein würde mich nicht genügend mit Ruhe

bedienen.»

Ilse fuhr schnell und heftig auf:

«Wenn du vielleicht statt der Zigarette eines Tages eine andere Frau

brauchst, die dich mit Ruhe bedienen müßte, dann dürfte ich auch nicht

unruhig werden, Okuro?»

Dieser lächelte und sagte noch ruhiger:

«In Japan liebt ein Mann seine Frau immer, so lange er sie nicht

fortschickt. Und Frauen fragen bei uns nicht nach den Wegen, die ein Mann

gehen muß, und die ihn zum Manne machen.»

Ilse wurde noch heftiger:

«Du darfst also viele Frauen lieben, wenn es dich zum Manne macht? Und ich

soll keinen Schmerz empfinden, wenn du deine Nächte mit anderen Frauen

teilst und deine Umarmungen, deinen Leib und dein Herz anderen Frauen

gibst, wo ich doch dachte, daß der Tag der Hochzeit dich mir ganz und gar

geschenkt hätte?»

«Nicht _ich_ bin _dein_, sondern _du_ bist _mein_ geworden», antwortete

ruhig der Japaner. «_Ich_ bin _ich_ geblieben und bin nur durch dich mehr

geworden. Aber du bist seit dem Tag unserer Hochzeit nach unseren

asiatischen Begriffen verschwunden und bist nicht mehr.»

«Ich bin also schon», lachte Ilse, «an dem Tag unserer Hochzeit ins

Nirwana eingegangen und gehöre jetzt zu den Toten?»

«Ja, Ilse, größtes Glück ist Nirwana. Und die Frau, die sich nicht um das

wirkliche Leben zu kümmern braucht, um Geldverdienen und Staatsgeschäfte,

kann deshalb schon am Tag ihrer Hochzeit ins Nirwana eingehen, der Mann

erst am Tage seines Todes.»

«Aber ich will gar nicht im Nirwana sein, wenn du nicht darin bist», rief

die junge Frau eigensinnig. «Und so lange du im gewöhnlichen Leben bist,

will ich auch eine gewöhnliche Lebende sein.»

Okuro sagte ruhig: «Die Götter haben euch Frauen keine Knochen gegeben, um

im gewöhnlichen Leben so fest zu stehen wie der Mann.»

Dieses war das erste von hundert ähnlichen Gesprächen, welche Ilse und

Okuro, in ihren Deckstühlen liegend oder um die Schiffsschornsteine

promenierend, morgens, mittags und abends führten. Seit Europa verschwunden

war und das nach Asien schweifende Meer vor ihnen lag, bauten sich die

Gedankenwelten der beiden Neuvermählten in der Leere des Meeres wie die

Ufer von zwei einander gegenüberliegenden Ländern voreinander auf.

Nie hatten die beiden in den lebendigen Alltagstunden des zerstückelten

Tageslebens von Berlin, wo sie sich kennen gelernt hatten, Muße gefunden,

mehr voneinander zu sehen als nur leichte Beleuchtungen, unterhaltende

Augenblicksbilder ihres Herzens. Jetzt aber, unter der unendlichen Weite,

auf der Reise über die halbe Erdkugel, die vor ihnen lag, unter der

Riesenruhe des körperlosen Himmels und des unbegrenzten Wassers und in der

Ruhe der unendlichen Einförmigkeit des kasernenhaften Schiffslebens,

wuchsen die Betrachtungen der beiden wie meilenlange Seeschlangen, die

unterirdisch dem Schiff folgten und hie und da in großen Wellenlinien an

die Oberfläche kämen.

Bei dem ersten Gespräch von dieser Art, das bei Nacht in der Meeresenge von

Messina geführt wurde, sahen sich die beiden nicht. Ihre Deckstühle standen

im Schatten von großen Rettungsbooten, und es war zu der späten Stunde, da

die Deckbeleuchtung der gelben Glühbirnen halb gelöscht ist. Es fehlte

diesem Gespräch das Echo der Gesichtsmienen und Bewegungen, und da es als

erstes Gespräch nicht zu Ende geführt wurde, und da sie danach nur immer

ihre Stimmen im Ohr und nicht ihre Gesichter gesehen hatten, so blieb

dieses Gespräch wie ein ewig dunkler verborgener Keim, der auf dem

beweglichen Schiff und auf der Bodenlosigkeit der Meerestiefe keine Wurzel

fassen und nicht ausgerissen werden konnte, sondern mit ihnen schwamm und

anwuchs wie ein millionenfingriges Seegewächs.

Als Ilse und Okuro die erste Landstation, die lange, weiße Molenmauer von

Port Said, unter dem grünlichblauen Afrikahimmel sahen, da hingen die

Gespräche über die verschiedene Denk- und Empfindungsweise der beiden wie

der Schaum des Fahrwassers hinter ihrem Schiff. Ihre Gedankenwelt

schrumpfte aber sofort ein und verflüchtigte sich zu einer angenehmen

Gedankenlosigkeit, als die beiden mit Kutsuma und der Großmutter für ein

paar Stunden in den langen Bazarstraßen von Port Said unter Ägyptern,

Arabern, Abessiniern in den Straßencafés saßen und den Millionärstöchtern

der Amerikaner zusahen, die, mit den üppigsten Pelzen bekleidet, hier in

dem nächtlich kühlen Ägypten landeten und den kleinen Port Saider Bahnhof

belagerten, um den Schnellzug nach Kairo und in das Wüstenland nach Heluan

zu besteigen.

Sowie sich Ilse von schwarzhäutigen Afrikanegern in langen weißen und

blauen Leinwandhemdkleidern umgeben sah, von schwarzen Schultern und

Gesichtern, die wie eine Schar lebendiggewordener riesiger Kaffeebohnen

hier am Kai durcheinanderliefen, fühlte sie sich magdhaft, fraulich und

sehnte sich schutzsuchend neben ihrer Großmutter nach ihrem Mann. Wenn sie

sich dann umsah und hinter ihr Okuro und Kutsuma gingen, fühlte sie keine

Sicherheit, keine Ruhe, denn die zierlichen gelbhäutigen Japaner waren hier

in Afrika noch weniger zu Hause als in Europa; und Okuros gelbe

Gesichtsfarbe erschien ihr lächerlich und leichenhaft neben der schönen

Pulverfarbe der Afrikaner.

Hier am Land waren es jetzt nicht nur die Gedanken der Europäerin, die

gegen die Gedanken des Asiaten Wortgefechte führten. Es war noch schlimmer:

es war der Körper selbst, der dem Herzen abtrünnig zu werden schien.

Als sie am Abend zum Schiff zurückkehren mußten, ging die junge Frau früher

als sonst zu Bett. Sie schloß ihre Augen hartnäckig und stellte sich

schlafend, als Okuro ihr Haar streichelte und ihr ein paar zärtliche Worte

zuflüsterte.

Ilse hütete sich wohl, der Großmutter am nächsten Tag von ihren wankenden

Gedanken und Gefühlen zu erzählen. Auf dem Weg über das Mittelmeer nach

Afrika hatte sie geglaubt, es sei der schwankende Schiffsboden, der sie

selbstquälerisch und heimatlos stimme, und auf dem sie sich behaupten

müsse. Aber der Spaziergang in Port Said hatte sie noch mehr erschreckt,

und sie konnte sich nicht der Überlegung erwehren, ob sie von jetzt an

schweigen und asiatisch dulden oder sich auflehnen und europäisch behaupten

müßte.

Trotzdem lachte sie äußerlich. Ihr rotgoldenes Haar strahlte schon allein

ein reiches sommerliches Lächeln; Ilse war im Grunde viel zu genußsüchtig,

als daß sie unter Gedanken lange hätte leiden mögen, und es schien, als

ließe sie ihr rotes Haar immer gern wie zu einem täglichen Lebensfest

leuchten.

Die Deckbevölkerung hatte sich vermehrt und verändert. Reiche indische

Kaufleute in europäischer Kleidung, aber mit sehr viel Ringen und goldenen

Uhrketten geschmückt, standen wie die Schatten der weißen Leute auf den

langen Schiffspromenaden herum, hatten die Augen von guten Waldtieren oder

von eiteln Tropenvögeln. Die schmalen Messingstiegen, die vom

Promenadendeck der ersten Klasse in das tiefere Zwischendeck

hinunterführten, waren drunten belagert wie von einer Maskerade.

Mekkapilger mit smaragdgrünen Turbanen, buddhistische Mönche in senfgelben

Mänteln, türkische Hausierer in dunkelblauen und violetten Kaftanen, nackte

Fakire, in dicke Stricke und Muschelketten gekleidet, indische Handwerker

in weißen Schleierhosen, roten Sammetwesten und goldgestickten Kappen und

die braune indische Schiffsbemannung des englischen Dampfers in blauen

Hosen und roten Schärpengürteln mit tigerartig geschmeidigen nackten

Oberkörpern, und die alle barfuß wie die Tiere auf dem Feld

durcheinanderliefen, vervollständigten das Papageienbild des Zwischendecks.

Das Schiff wanderte und wanderte, beladen und belastet mit den hundert

verschiedenen Ideenwelten von hundert verschiedenen Rassen. Es hatte die

lange Sandwüstengasse des Suezkanals passiert, wo der Sand auf Meilen wie

gelber Goldstaub lag, und wo weiße Salzlakenmoore gleich weißen Eisflächen

glänzen. Auf die Öde und den Stillstand dieses Landes folgte die höllische

Glutbrunst des Roten Meeres, wo das Meer nicht rot vor Korallen ist,

sondern rot wird von der Hitze, mit der es deine Augen brennt, wo die Sonne

wie ein Feuereimer das Tageslicht gleich rotem, flüssigem Metall ausgießt,

wo violette Steingebirge in Nubien dastehen und gegenüber in Arabien

solche, die silbernen Aschenhaufen gleichen, wo der Berg Sinai als

Silhouette am Himmel vor Hitze zittert.

Die Arbeit der indischen Matrosen auf dem Schiff besteht jetzt den ganzen

Tag darin, die Segeldächer über den langen Schiffspromenaden über den in

Reihen hingestreckten und vor Hitze aufgelösten Passagieren zuzuziehen und

je nach dem Stand der Sonne anders zu stellen. Mit Strohhüten und weißen

Sommerkleidern liegen Herren und Damen wie am Rand einer Strandpromenade,

vor Hitze aufgedunsen, als wäre das Blut von der Hitze in den

Menschenkörpern zu Rotwein geworden, als wären die Reisenden vom Alkohol

betäubt und blau gedunsen, -- so liegen die Scharen der Reisenden wie in

einer betrunkenen Schlafwelt auf der dreitägigen Fahrt durch das Rote Meer.

In den Schiffssälen bewegen sich an der Decke lange weiße Leinwandfächer,

die gleich den Stoffen eines Bühnenhimmels quer durch die Räume gezogen

sind und sich wie ein weißer Wellengang über die Köpfe der Speisenden

bewegen, aber keine Kühlung geben und nur die brühwarme Meeresluft von

einem Gesicht zum andern schicken.

Das große geheizte Schiff wandert und wandert. Die Fernrohre entdecken

täglich wieder Afrika auf der einen Seite, Arabien auf der andern. Das

glühende Schiff schleppt am Tage die Sonne wie einen Riesenballast mit. Am

Abend scheint der Himmel zur Wüste ausgetrocknet zu sein und wird goldgelb

wie Wüstensand. Dann stehen über Afrika lange schilfgrüne Wolken, gleich

spukhaften Erscheinungen unwirklicher grüner Felder. Jetzt nach

Sonnenuntergang werden die Segeldächer gerafft. Die Reisenden, die vor

Hitze nicht hatten sprechen können, und jeder Mund, der geglaubt hatte, es

würden ihm Flammen aus der Lunge fahren, beginnen den Abend zu bewundern,

der aber immer noch heißer bleibt als ein europäischer Julitag.

In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht

Europäerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst,

der oben über dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiterzog. Sie

brauchte keine Nachsicht zu üben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich

sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein.

Und jeder Menschenkörper war heißes Metall geworden und begriff kaum mehr

die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und

Vergänglichkeit, von Gegenwart und Zukunft.

Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse

und Okuro so eng und sinnlich zusammen wie nie vorher, wie nicht einmal

die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte

von Deckstühlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend,

zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen

Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne daß sie ihre Arme

ausstreckten und sich berührten, ohne daß ihre Lippen sich fanden, lagen

sie mit dem Gefühl großer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen

Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng

vereinigt.

Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom

Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse

lehnte in ihrem langen weißen Abendkleid am Schiffsgeländer, Okuro neben

ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der

afrikanische junge Mond. Und sie sagte, daß sie seine Hände so liebe, die

nie einen Ring trügen, die Knöchel hätten, fein und stark wie die kräftigen

Federposen elastischer Vogelflügel. Und sie sahen beide den in weißen

elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen

Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten.

Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und

bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das

Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den

beiden, je länger sie sich über das Geländer lehnten, die Welt auf den

Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe

und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Füßen zurecht,

wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer

Kabinentür, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut

aneinander pochen ließen.

Dann rückte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mächtiger,

dunkelbrauner, ausgedörrter Berg heran, zu seinen Füßen lange, rote

Kasernendächer: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tür

in den Indischen Ozean; und im grüngelben Abendhimmel blieb das Meer

zurück, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das

Dampfschiff draußen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben

zurück, und zurück blieben die Länder, wo der Halbmond regierte, und die

graue arabische Felsenküste, auf der weiße Minaretts am Nachmittag gleich

weißen Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll

Harems und Frauen träumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich

ölgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresfläche im Osten

lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stündlich nähernde

Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten.

Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken

über Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle

Menschenkörper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die

Menschen wurden wieder selbständig und dachten wieder ihren eigenen

Gedanken nach.

Eines Abends saß Ilses Großmutter allein am Ende des Promenadendecks. Große

Sternbilder der fremden Südzone stiegen aus der Meerestiefe auf und

wanderten über die Masten des Schiffes fort.

In der Nähe der Dame saß nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine

große indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Märsche trommelten, und

sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die

Sterne hob, von Enttäuschung, wenn es wieder in die Leere sank.

«Wie viele Gedanken mögen an den Sternen hängen», dachte die alte Dame.

«Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier

unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie

eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfäden

abspinnt.»

«Sehen Sie, Herr Kutsuma», sagte die alte Dame, «Sie sagen immer, mein Haar

sei so weiß wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat

Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, daß

Ilse für ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit

ist nicht gesagt, daß Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse

finden und ohne Ilse sehr glücklich werden könnte.»

Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Schoß, sah auf und sagte:

«Ich bewundere immer, wie großartig die Europäer die Welt einteilen können,

die Länder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Längengrade;

in alles Irdische bringen die Europäer Zahlen und Ordnung. Aber sie

erfinden kein System für ihre Gefühle, wollen kein System anerkennen für

das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als

aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nicht als etwas

Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann.»

«Aber, mein Herr», unterbrach die weißhaarige Dame ungeduldig Kutsuma,

«Gefühle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefühle sind doch das

Unbegrenzte am Leben! Liebesgefühl kann Unordnung und Ordnung zugleich

geben: Liebesgefühl ist eine Hasardnummer, man setzt auf Rouge oder Noir.

Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefühl in Ordnung

mit sich selbst kommen könnte. Wer liebt, wünscht glücklich zu machen, aber

das Leben muß erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen

hat.»

«Wo Liebe ist, ist ewiges Glück», sagte der Asiate. «Wo ein Wechsel

eintreten kann, war die Liebe nicht vollständig. Ihr Europäer wünscht, daß

der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie höher halte als sich

selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, daß sie den Mann bediene und

sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe

zwischen Mann und Frau.»

«Sehr weise gesprochen», sagte die alte Dame. «Aber lassen Sie jetzt auch

den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heißt: vertrauen

Sie den Gedanken, die unter meinen weißen Haaren entstanden.

Das Kostbare an der Liebe ist, daß sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und daß

weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen

Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europäischen Liebe in

ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein,

immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die

Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genusses

verwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich

vorstellen, daß sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbärmlicher

chemischer Prozeß bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein

System fassen läßt.»

Der Asiate schwieg lange und ließ die Sternbilder wandern. Dann sagte er

und faltete seine Landkarte zusammen:

«Die Götter in Europa haben euch Europäer nicht umsonst Mikroskope für eure

Augen konstruieren lassen. Ihr könnt auch eure Liebesaufregung unter ein

Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euren Fenstern, so seht ihr die

Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europäer könnt über Dinge

sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben.»

Die alte Dame antwortete:

«Ihr Asiaten könnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswürdige

und bescheidene Kinder eurer Götter, und wir sind vorwitzig. Wir müssen

unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den

Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen

und Freuden.»

Kutsuma spricht eifriger:

«Wir haben nur immer von den Indern den Kreislauf der Seele zu beobachten

gelernt. Aber die Liebesleidenschaft haben wir nicht als Lebenswert

untersucht und haben die Liebe nicht auf die Höhe gestellt wie ihr in

Europa. Aber seit ich bei euch war, begreife ich, daß die Zukunftswelt die

Liebesleidenschaft als Weltmittelpunkt erkennen wird. Nicht die Weltruhe,

nicht das Nirwana, wie wir in Asien immer glaubten, und nicht den

Weltschmerz und das Weltmitleid, wie euer vergehendes Christentum immer

glaubte; die Liebesleidenschaft ist für jeden, der sein Leben ernst nimmt,

sein Gott, der ihm Leben und Tod gibt. So sagte auch gestern Okuro zu mir,

als wir bei Aden das Rote Meer verließen, er sagte mir, er würde nie mehr

mit Ilse über die Meinung streiten, die sie als Europäerin von der Ehe hat.

Sie macht ihn mit jeder Meinung glücklich. Sein Blut ist so zufrieden von

ihrem Blut, daß er nicht mehr nach Lebensgebräuchen und Lebenssitten fragt,

daß er ihr zuliebe ein Europäer werden will auch in seiner Heimat. Seine

Liebe ist jetzt so groß, daß er meinungslos geworden ist.»

Kutsuma wartete auf einen Freudenausbruch der Dame. Und als der junge Mann

keinen Laut als Antwort erhielt, empfand er mit einemmal das Schweigen

zwischen sich und der alten Dame wie einen Abgrund, als wäre sie über einen

Ozean vor ihm und seinen Worten zurückgewichen.

Lächelnd suchte Kutsuma eine Verbindung herzustellen und sagte:

«Warum schweigt der Abendschnee am Hirayama? Er, der mir vorhin so schöne

weite Gedanken gab?»

Da seufzte die alte Dame:

«O, wie unglücklich sind die gütigen Liebenden! Güte in der Liebe bringt

Unglück. Liebe ist nie gütig, Liebe fordert, mißhandelt, vergewaltigt. Von

zwei Liebenden muß einer der Stärkere werden. Der Mann muß die Frau

unterjochen, er kann ihr ja den Wahn ihrer Selbstherrlichkeit lassen, wenn

sie es noch nötig hat. Aber er darf nicht gütig meinungslos werden.

Sagen Sie das zu Okuro! Das sei die Ansicht dieser weißen Haare. Und

immer, wenn er meine weißen Haare sieht, die ihr Japaner mit dem

Abendschnee von Hirayama vergleichet, soll er stark werden, soll nicht vor

Ilse meinungslos werden. So wie der Schnee am Hirayama nie zu schmelzen

ist, so soll sein Wille von keinem Frauenwillen zu schmelzen sein. Nur dann

macht er Ilse glücklich.»

Kutsuma betrachtete andächtig den weißen Kopf der alten Dame, so andächtig,

wie nur ein Japaner im Abend am Biwasee den Schnee von Hirayama betrachten

kann. --

Ceylon mit seinen wolkenblauen, glänzenden Bergen, die voll Amethysten und

Mondsteinen liegen, wurde von dem wandernden Schiff für einen Tag berührt.

Dann zog die magnetische Ferne das Schiff weiter nach Osten. Und Ilse

träumte sich Palmenwälder aufs Meer, denn sie wußte: rings waren Küsten mit

heiligen indischen Wäldern und heiligen indischen Tempeln. Und ringsum an

den Küsten lebten Völker, die so gut waren, daß sie den Schlaf eines Tieres

heilig hielten, -- den Schlaf des geringsten Straßenhundes, dem es einfiel,

mitten in den verkehrsreichsten Städten sich in die Sonne zu legen und zu

träumen. Kein Fußtritt verjagt den Träumenden, denn jeder Traum, auch der

Traum eines Hundes, ist ein Paradies, das sich für Augenblicke auf die Erde

senkt. Darum wird auch der Schlaf der Tiere mit Ehrfurcht behandelt. Keine

Peitschen knallen, nur Silberglocken am Kutschbock treiben die Pferde an.

Über alles das dachte sie oft mit Scheu nach.

«Wie seltsam», meinten die beiden Japaner und die beiden Europäerinnen,

«daß Europa und Asien nebeneinander auf derselben Erde liegen, sie, die

weniger zusammengehören als Erde und Mond. Europa gibt seinem Leben das

Sprichwort: Zeit ist Geld. Und Asien beachtet weder die Zeit noch das Geld.

Es ist erstaunlich, daß die einfache Schiffsschraube, die nichts tut, als

sich drehen, uns aus der Welt der Begriffe von Zeit und Geld in die Welt

der entgegengesetzten Begriffe befördern kann, ohne daß wir dabei daran

zugrunde gehen oder erst sterben müssen.»

«Am seltsamsten», sagte die alte Dame, «ist es für mich, die ich schneeweiß

aus Europa komme. Ich glaubte mich schon am Ende meines Lebens; und ohne

daß ich eine neue Inkarnation eingehen muß, verjüngen und erwärmen sich

hier in Asien meine Gedanken. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wundere

ich mich, daß ich immer noch den Schnee auf meinem Kopf trage.» --

Das Schiff hatte Hinterindien, Penang und Singapore passiert und drang in

das Chinesische Meer.

In Singapore aber war Ilse aus ihren indischen Träumen gerissen worden.

Dort, wo die Chinesen wie der Sand am Meere sind, wo die gelbe Rasse die

braune Rasse verdrängt, wo Ilse noch gelbere Menschen als die gelben

Japaner sah, während ihr das Reisen schon wie das Wandern des Blutes in

ihrem Körper zur Gewohnheit geworden war, -- überfiel sie ein Schrecken und

eine Angst vor der Zukunft. Die schlitzäugigen Menschen entsetzten sie. Die

geschlitzten Augen, die hervorstehenden Backenknochen schienen ihr die

Gesichter zu verkrüppeln.

Am Abend, als sie mit ihrer Großmutter aus Singapore an Bord des Schiffes

zurückkam und der Himmel voll gelber Abendwolken gleich tausend gelben

Chinesengesichtern war, ging sie nicht in ihre Kabine zu ihrem Mann. Sie

eilte in die Kabine ihrer Großmutter, drückte ihr Gesicht in die Hände der

alten Dame und schluchzte.

«Kind, Kind, ich weiß es», sagte die alte Dame. «Ich habe dasselbe gedacht

wie du heute. Aber laß die Zeit verstreichen. Die Zeit bringt Gewohnheit,

und Gewohnheit kann dich wieder glücklich machen. Wenn die Erde hier auch

fremder ist als ein fremder Planet, wir stehen doch noch mit den Füßen auf

derselben Erde, und wir werden auch mit der gelben Rasse gut Freund

werden.»

«Ich nicht», sagte Ilse. «Sieh mein rotes Haar an, sieh meine weiße Haut

an. Ich habe nicht daran gedacht, daß ich unter eine ganze Welt von gelben

Menschen komme. Okuro war mir lieber, als er, allein, eine Kuriosität in

Europa war. Aber jetzt ging er heute vor mir unter in der Flut der gelben

Gesichter, als wäre er im Chinesischen Meer ertrunken. Ich will heute nacht

nicht in seiner Kabine schlafen. Ich werde bei dir bleiben, Großmutter, und

im nächsten Hafen fliehen wir und kehren um nach Europa. Es ist mir, als

ginge ich bis zum Hals im gelben Lehm und erstickte, wenn ich unter den

gelben Menschen bleiben muß.»

«Kehre nicht um, Kind! Die Gewohnheit wird dich glücklich machen»,

wiederholte die alte Dame.

«Großer Gott, welch ödes Glück dann! Gewohnheit ist das Glück der

Dienstboten, nicht das der Herrschaft, hast du immer weise gesagt,

Großmutter. Und jetzt gibst du deine Weisheit auf, nur um mich zu trösten!

Neulich sagtest du noch, daß das Liebesglück ein Zuviel im Blut haben

müsse, einen Überschwang. Dieses Zuviel wird unter diesen gelben Menschen

nie mehr zu mir zurückkommen.»

Die beiden Frauen umarmten sich leidvoll und saßen miteinander auf dem

Rand des Kabinenbettes in dem kleinen weißlackierten Raum, und saßen eine

Stunde still, ohne sich zu rühren, und waren beide weit fort aus dem

Schiff. Beide gingen durch die Straßen von Europa, beide verstummt vor

Sehnsucht nach der Heimat und beide von neuem aufschluchzend, als sie sich

ansahen und sich vom Schiff weitergeschleppt fühlten. Sie wunderten sich im

stillen, daß das im Wasserdruck knisternde Schiff vom Heimweh zweier

Menschen nicht zum Sinken gebracht würde.

Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Großmutter und ließ sich

durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen.

Was dann in dieser Nacht geschah, weiß kaum ein einziger, der sich im

Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzählen.

Die alte Dame fühlte sich plötzlich durch einen Stoß mitten im Schlaf aus

dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen

mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten

im Meer still zu liegen. Statt der taktmäßig arbeitenden Maschinenschraube

herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer

aufrichtete, auf den sie gefallen war, faßten sie zwei Männerhände, zogen

sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr

entgegenschoß, schäumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich

windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefüllt zu sein schien.

Statt der Schiffstreppen fühlte sie Menschenkörper unter ihren nackten

Füßen. Die Männerhände und das sich türmende Wasser hoben sie wie mit

Hebeln über tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf

einen andern Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht

neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam.

Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getümmel der sich Rettenden, Okuro,

der ihre Hände hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich

eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich:

«Ilse!», und Okuro verschwand.

Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Männern, die wie

in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und

Affen geworden wären, sich stießen, übereinandersprangen, in dem

Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Stühle

verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt «Hilfe!» riefen,

trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehörigen

schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten.

«Ilse, Ilse!» rief die alte Dame immer wieder, als könnte sie mit dem

gerufenen Namen einen Menschen erschaffen.

Das vom Meerwasser durchtränkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende

schwere Haut um den zitternden Körper. Aber sie rutschte noch mit den

letzten Kräften von den Knäueln der Menschen fort, die mit den Armen um

sich schlugen, fort von diesen Skelett-Menschen, welchen die Sekunden des

Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten.

Ein paar wahnsinnig gewordene Männer wurden neben ihr von Matrosen

gefesselt. Ein paar andere strengten sich an, einen der

Glühlichtkronenleuchter von der Decke zu reißen, und zerschlugen mit den

Fäusten die gläsernen Birnen und schrien: «Wir wollen kein Licht! Wir

wollen nichts sehen.»

Ein Mann biß sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem

Kopf, und die Frau lachte und schrie: «Mein Lieber! Mein Lieber!» Das Blut

rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzückung

aus den Höhlen.

Die alte Dame kroch zu einer Kabinentür, die weit offen stand. Da sprang

ein wahnsinnig gewordener Malaye mit zwei Messern in den Händen über sie

weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen

schrien, stach nach den Männern, die unter dem Kronleuchter hingen, und

kniete sich dann auf den Rücken des Mannes, der sich in den Arm der Frau

hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzückter als der wahnsinnige

gelbe Malaye, der den weißen Rücken ihres Mannes mit den blutigen Messern

bearbeitete.

Neue Matrosen stürzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter

der Türe sah die alte gerettete Dame die Flügel einer riesigen silbernen

Windmühle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit

ihren steilen weißen Strahlen die Nachtluft zertrennten.

Am Schiffsgeländer neben ihr erkannte sie im weißblauen Licht des

Scheinwerfers zwei Männer, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen.

Die Dame schrie mit ihren letzten Kräften: «Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse!»

Dann sah sie, wie der eine Mann den andern mit dem Kopf an das

Messinggeländer schlug und dann den niedergeschlagenen zärtlich aufhob und

auf den Ruf: «Ilse, Ilse», sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmächtigen

aus dem weißen Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der

Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales

erschienen, fielen beide Männer wie tot an der Türschwelle nieder. Es waren

Okuro und Kutsuma.

«Ilse», keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden

Japanern ohnmächtig hin. --

Die Geretteten hörten am nächsten Tag, daß im Mondnebel ein Zusammenstoß

zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden,

stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den

Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch

Ilses Leiche an Bord gebracht.

Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurück und belog ihn und sagte ihm,

Ilse wäre mit ihrer Großmutter gerettet. Denn er fürchtete, daß sein Freund

sich nochmals ins Wasser stürzen würde, wie er es beim Untergang des

Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand.

Aber Okuro war bei der Lüge seines Freundes ungläubig, schüttelte den Kopf

und sagte:

«Ich weiß, daß Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war für mich schon nach

Europa zurückgekehrt, und sie war für mich schon tot, ehe das

Schiffsunglück eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst würde sie vor mir

stehen. Sonst wäre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben.

Ilse kehrt nicht wieder.»

Nach den wahnwitzigen Kämpfen und Aufregungen der Unglücksnacht blieb Okuro

von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur

stundenlang seine Hände, welche Ilse immer geliebt hatte. -- Er, die

weißhaarige Großmutter und sein Freund Kutsuma saßen wie Wandbilder

schweigend nebeneinander auf den Deckstühlen des nach Japan wandernden

Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen.

Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom

Schiffsgeländer zurückzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische

Kraft zu haben für alle die Schiffbrüchigen, welche Angehörige in der

Unglücksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt plötzlich ins

Wasser, Männer, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Männern

wollten.

Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im

Frühnebel, die Silhouetten der vielfach gekrümmten uralten Bäume, die

zierlichen Hügel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder.

Die beiden Japaner erwachten aus der Totenstille, und nur die weißhaarige

Dame blieb stumm, und ihre Augen sagten müde: Seit Ilse tot ist, ist die

Erde für mich ein Sargdeckel geworden. Ich möchte mich auch in den Sarg

legen.

Als die Schiffsbrücke in Nagasaki herabgelassen wurde und unten Motorboote

voll von Angehörigen der japanischen Reisenden beim Schiff anlegten, sahen

die Leute, welche Okuro und seine junge Frau erwarteten, zu ihrem Erstaunen

den berühmten Schauspieler die Schiffstreppe herabsteigen, mit seinem Arm

eine alte, weißhaarige Dame stützend.

«Ist Okuro deswegen nach Deutschland gereist, um sich eine alte Dame, die

weiß ist wie der Abendschnee am Hirayama, zur Frau zu holen?» fragten sich

seine Freunde verwundert. Aber niemand lachte. --

Unter Okuros Freunden war ein japanischer Schriftsteller, welcher den

Eindruck nicht vergessen konnte, welchen die weiße alte deutsche Dame auf

ihn gemacht hatte, die als vermeintliche Frau des Okuro am Arm des jungen

Japaners ans japanische Land gestiegen war. Dieser Schriftsteller schrieb

ein Drama; und nachdem Monate vergangen waren und die alte Großmutter von

deutschen Freunden nach Europa zurückgebracht worden war, las er sein Drama

Kutsuma und Okuro vor.

Kutsuma, welcher in Japan Frauenrollen spielte, war sehr begeistert von der

Rolle der Ilse, und Okuro sollte die Rolle der weißhaarigen Großmutter

spielen. Der Schriftsteller hatte das Stück den «Abendschnee auf dem

Hirayama» genannt.

Der Abend der Vorstellung kam, und Okuro trug eine Perücke aus weißer

Seidenwatte. Nie hatten die Zuschauer eines japanischen Theaters ein

lebhafteres und atemloseres Spiel gesehen. Nur einige murmelten und

wunderten sich, daß der junge Ehemann das Drama spielen wollte, das sich

erst vor Monaten ereignet hatte. Und viele nannten ihn herzlos und

gefühllos, weil er den Tod seiner jungen Frau nicht ernster nahm als ein

Drama.

Der letzte Akt kam und die Szene, wo die gerettete Großmutter aus der

Kabinentür kriecht und während des Schiffsunglücks nach Ilse schreit. Sie

tastet sich vorwärts. Aber statt dessen richtet sich der die Großmutter

spielende Okuro auf und springt an die Theaterrampe vor, streckt die Arme

ins Publikum, und statt in Wehklagen über die Ertrunkene auszubrechen, ruft

er:

«Seht mich aus dem Schrecken neugeboren und weise und kühl geworden, wie

der Abendschnee am Hirayama! Klatscht in die Hände, klatscht Beifall dem

Größten, dem Gott des Unglücks, der die Herzen erlöst, der männlicher ist

als das Glück, der einen Willen hat, wenn das Glück keinen mehr hat.

Gedankenvoller, als der Schnee am Hirayama über dem Biwasee im Abend

scheint, ist der Blick des Unglücks, wenn er sich auf uns richtet,

feierlicher und gigantischer ist die Weisheit des Unglücks und ragt über

alles Wissen. Ich beweine sie, die Ertrunkene, nicht, und ihr sollt auch

mich nicht beweinen, der ich die Gunst des größten Gottes genoß, die Gunst

des Unglücks, das heiliger ist als der Augenblick des Glückes.»

«Klatscht Beifall!» rief Okuro noch einmal; und dann kam Kutsuma, der, als

Ilse verkleidet, jetzt ertrunken sein sollte und nicht mehr zu erscheinen

hatte, und fing den wahnsinnig gewordenen Freund in seinen Armen auf.

Die Zuschauer sahen noch, wie Kutsuma dem Okuro die weiße Perücke vom Kopfe

riß, um ihm Luft zu machen und sein Gehirn zu kühlen. Da -- mit einem

einzigen Ausruf des Schreckens erhob sich das ganze Theaterpublikum; denn

Okuros Haar war unter dem Spiel vor Schmerz so weiß geworden wie die Watte

der weißen Perücke. Einer im Theater wies es dem andern und wurde

ehrfürchtig vor der Seele des Liebenden, die hier größer als die Kunst des

Schauspielers gespielt hatte.

Alle im Theater weinten; und keiner, der je zum Biwasee kommt und den

Abendschnee am Hirayama bewundert, vergißt der Geschichte des Liebenden zu

gedenken, den das Unglück weiß wie Schnee machte.

Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten · 第 14 / 16 题