Die Abendglocke vom Miideratempel hören

Der älteste Baum Japans steht am Biwasee, nicht weit von der Stadt Ozu,

nicht weit von den Tempelterrassen des Miideratempels, der auf grünem Hügel

über einem Kryptomerienwalde liegt.

Als dieser viel tausend Jahre alte Baum nicht höher als ein Grashalm war,

leuchtete der harfenförmige Biwasee dicht bei dem Baumschößling ebenso wie

heute noch unverändert bei der alten, zerklüfteten Baumruine.

Dieser älteste Baum Japans stützt sich jetzt wie ein gealterter Gott, der

Hunderte von Armen vom Himmel über die Erde ausbreitet, auf Hunderte von

Stangen, die gleich Hunderten von Krücken und Stelzen sein morsches Dasein

tragen.

Damals, als der Baum jung wie ein Halm war, war aber der Miideratempel noch

nicht gebaut, und niemand hörte noch den wunderbaren Klang der

Miideraglocke, die abends beruhigend wie eine singende Frau ihre Stimme von

den Tempelterrassen an dem alten Uferbaum vorüber zur Harfe des Biwasees

schickt.

Dieser Baum wurde in ferner Vorzeit aus China nach Japan herüber gebracht,

als winziges Würzelein zuerst; und in Japan erfuhr man erst sehr spät seine

chinesische Geschichte.

Als der Baum so groß wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal

einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm

kamen, war er schon in den kräftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie

die Kryptomerienbäume des nahen Bergwaldes.

So ein Baum, der nie von der Stelle rückt, und dessen Umgebung gleichfalls

nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein

vorzügliches Gedächtnis. Dieses drückt sich aber nicht darin aus, daß sich

sein Mark Gedanken macht über das, was gewesen ist oder was kommen wird,

sondern das Gedächtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Außenseite.

Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen,

Knorpeln, Schürfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer

stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich

dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich

verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrübelte sich seine Rinde und

faltete sich zu einer Zeichenschrift.

Die Schriftgelehrten der Bäume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen,

die Vögel. Die Borkenkäfer und Borkenwürmer sind untergeordnetere

Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der

Rindenschrift, mitarbeiten.

Diese Sprache der Bäume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch

vorzeitliche Bastkleider, Blättergewänder und verwildertes Kopfhaar trugen,

nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hieß Ata-Mono.

Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurück; sie fällt vor die Entdeckung

des alten Baumes am Biwasee.

Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum

entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib

unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand

geschrieben, daß jeder Mensch, ob groß oder niedrig, ob klug oder

beschränkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit

des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten könne, wenn er einmal im

Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der

chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit über dem Meer

in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und

nur von einigen «das Land des ewigen Feuers» genannt wurde, weil der

Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte.

Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache,

bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinüberführen, denn nur

Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle

hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem

Ata-Monos Harfe liegen sollte.

Ata-Mono saß jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der

Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rücken und sah mit seinem

Angesicht Tag für Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine

Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte.

Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand

zurück. Da sah er in der Ferne über dem aufgerüttelten Meer ein vielarmiges

Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mächtiger,

belaubter Baum über das Meer geschossen.

Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst für ein Gespenst, dann für einen

Drachen, und dann erkannte er, daß der vielarmige, riesige, aufgerichtete

Körper wirklich ein Baum war, ein grüner, frischer Kryptomerienbaum mit

feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbäume leuchten rot, wenn

sie naß werden. Dieser Baum troff von Seewasser, schoß an den kiesigen

Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom

Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere

Bäume fand, in deren Nähe er windgeschützt stehen blieb und sich mit seinen

Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte.

Ata-Mono kannte keine Furcht; und als der wunderbare Baum wie eine rote

Fackel über das Wellengewühl des Meeres aufrecht daherkam und seine

finsteren Zweige wie schwarzen Rauch in die Luft streckte, da wich der

sehnsüchtige Träumer nicht zurück, denn er war ja der erste Vertraute, den

die Bäume sich unter den Menschen auserwählt und dem sie ihre Rindenschrift

in einer guten Stunde zu erkennen gegeben hatten; und er kannte keine

Furcht vor den Bäumen, auch nicht vor diesem seltsamen übers Meer

gewanderten Baumriesen.

Ata-Mono legte sich in dieser Nacht unter den neuangekommenen Baum, nachdem

er Wurzeln und Rinde von Tang, Seeschlamm und Seemuscheln gereinigt hatte;

und er schlief ein mit dem Bewußtsein, daß dieser Baum zu ihm allein nach

China und sonst zu keinem andern gesendet war. Und er freute sich, am

nächsten Morgen aus der Rinde dieses Baumes Schicksale und Gedanken und

Wünsche dieser Kryptomerie zu lesen und vielleicht zu erfahren, wie er nach

dem kleinen Land des ewigen Feuers zu jener Harfe gelangen könne.

Der Morgen kam, und Ata-Mono studierte bis zur untergehenden Sonne, ohne

zu essen, ohne zu trinken, ohne aufzuschauen, die Gruben, Windungen und

Furchen in der Rinde seines Baumkameraden. Aber es war ihm unmöglich, die

Zeichen der Rinde zu entziffern, er verstand nichts von der Sprache dieses

Baumes. Die Zeichensprache aller chinesischen Bäume konnte er lesen, an

diesem Baum aber blieb sie für ihn unleserlich. Und Ata-Mono weinte, als

die Sonne untergegangen war und er unter dem unbegreiflichen Baum saß,

unwissend und einsam.

«Wenn ich dich nicht lesen kann, so sprich!» schrie er den Baum ungeduldig

an, als die Sonne zum letzten Male aufleuchtete und den Stamm rot bestrich.

«Herrlicher, herrlicher Baum!» schrie Ata-Mono voll Entzücken, weil der

Baum von der Wurzel bis zur Krone wie eine feurige Kohle leuchtete.

Der Baum schwieg. Die Sonne ging unter.

Ata-Mono schrie: «Ich schwöre, daß ich nichts mehr essen und nichts mehr

trinken werde, bis du mich deine Rindenschrift lesen läßt, oder bis du mir

jemanden sendest, der mich deine Schrift lehrt.»

Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll,

weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht

mehr atmen wollte.

Halb erstickt lag er am Strande und haßte den neuen Baum und haßte China

und haßte seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit.

«Ich will die Harfe vergessen», dachte er und lag in den letzten Atemzügen.

Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden

Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat

wieder festen Boden unter den Füßen.

Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm

die Steine gedankenlos aus dem Munde und schöpfte frischen Atem. Dann

sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder

zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrübelt

hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe.

«Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen.» Und Ata-Mono

bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grübchen im Sand und die

Wölklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bäume und

Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun ließ er auch sein

Gehör wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden

gelebt hatte, horchte, wie das Dünengras raschelte, wie die Dünenmäuse

miteinander wisperten, wie die Füchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie

die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein plätscherten. Und

nachdem er sein Gehör befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen

zu ihm, seine Zähne und sein Magen und sein gekühltes Blut: «Weißt du, es

gibt ganz andere Dinge zu essen, als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich

jahrelang genährt hast. Hörst du nicht? In der Ferne gackern Truthühner im

Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rüssel

scheint. Und Bauernhöfe sind in der Nähe, wo du Eier, Schweinespeck,

gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wärme

am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein

verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust?»

Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu

ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, daß die Menschen Kleider

trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedörrtem

Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und

Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte,

zu gefallen wünschte.

Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom

Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein.

Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten

freundlich: «Guten Morgen, Ata-Mono.» Und Ata-Mono dankte und war

verwundert, daß man seinen Namen kannte, und er bat um etwas süßes Wasser.

Und während er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging

eines der drei Weiber grüßend fort.

Der erste Becher süßen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so

nahrhaft und so wohltuend, daß er glaubte, es würde ihn nie mehr dürsten.

Und er sagte zu den Frauen:

«Ich werde euch später danken, wenn ich einmal reich werde.»

Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und

sagten: «Du bist der Reichste im Lande!» Und ihr Gruß und ihre Ehrerbietung

machten, daß er sein Herz sich wieder erwärmen fühlte, als schiene ihm die

Sonne in den offenen Mund.

Ata-Mono ging, gesättigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort,

tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbäume und kam

zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Häusern. Aber nahezu dreißig

Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreißig verneigten sich vor

Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an

dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und

hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darüber, daß das geschehen

war, und er wußte nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem

Unbekannten, machten.

Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: «Unsere Männer sind bei der

Feldarbeit und wissen nicht, daß du kommst. Nur wir haben es eben erst

durch eine Frau erfahren, daß du nach China zurückkehrst.»

Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken, -- so tief verfiel

er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust

hätten, sich um ihn zu kümmern.

Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Häusern verlassen, da kamen

ihm auf der Landstraße über den nächsten Hügel und über den zweiten Hügel

und über den dritten und vierten Hügel schon neue Frauen und Mädchen

entgegen. Immer empfing er dieselben Grüße, und immer wieder mußte er

hören, daß die Männer bei der Arbeit seien.

Ata-Mono ging über den fünften Hügel. Dort standen schon Reihen von Frauen

zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und

verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrängt. Aber kurz vor

Sonnenuntergang, am sechsten Hügel, dahinter die Hauptstadt der Provinz

lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saßen auch in den

Zweigen der Bäume, und ihre Gesichter waren glänzend wie Lampen am Abend.

Die oben in den Bäumen klatschten Beifall, und die, die unten standen,

verneigten sich und murmelten Beifall.

Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Türmen der Provinzhauptstadt, wo

das Frauengedränge am Wege am dichtesten war, hörte Ata-Mono plötzlich

einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr,

und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand

senkrecht und zitternd fest vor seinem Fuß.

Er staunte, aber er ließ sich nicht in seinem Weg stören und tat drei

Schritte weiter. Da stürzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine

zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der

dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und riß die Muschelkette aus seinem Haar

mit sich.

Gleich darauf sah Ata-Mono, daß die Frauen auf den vier Türmen des

Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann

hinunterstürzten.

«Was bedeutet das?» fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunächst

standen.

«O, Herr, ein paar eifersüchtige Männer wollen Euch töten», sagte die eine

der beiden Frauen eifrig; die andere lachte.

«Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrüßt?» fragte er

weiter.

«O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach

China zurückkehren würdet, dürfe kein Mann sein Haus verlassen und kein

Mann die Straße betreten, da die Eifersucht der Männer grenzenlos ist, und

weil dich alle Männer hier hassen.»

Ata-Mono sagte verwundert: «Ich habe seit Jahren keine Männer gesprochen.

Warum hassen sie mich, und warum sind sie eifersüchtig auf mich?»

«Herr, Ihr wißt nicht, daß der Regent tief betrübt war, weil Ihr, der Ihr

der Erste seid, der die Sprache der Bäume verstand, -- weil Ihr China den

Rücken kehren wolltet.»

Ata-Mono staunte:

«Ich habe es niemand erzählt. Woher weiß der Regent, daß ich die Schrift

der Baumrinden lesen kann?»

«Herr, man sah Euch ja täglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen

Wäldern, wie Ihr laut die Sprache der Bäume entziffert habt. Die Menschen

standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und

jetzt lesen alle unsere Männer und verstehen die Sprache der Bäume wie

Ihr.»

«Sind sie deswegen eifersüchtig, eure Männer, weil ich der Erste war, der

die Sprache der Bäume verstand?»

«O nein, Herr, sie sind eifersüchtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China

den Rücken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, daß Ihr an dem Tag,

an dem Ihr umkehren würdet und unter sein Volk zurückkehren, -- daß Ihr

dann die Wahl haben würdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder

unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst dürft Ihr als

Frau Euch erwählen. Aber Ihr müßt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses

Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewählt, wird man Euch morgen töten.

Der Regent will, daß Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und daß

Ihr nicht den Ruhm des Landes gefährdet, daß Ihr nicht auswandert oder eine

Frau aus einem andern Volke wählt als aus dem unsern.

Die Männer, die vorhin von den Türmen gestürzt wurden, waren die Männer von

den vier schönen Töchtern des Regenten; diese vier Männer wollten Euch

töten, ehe Ihr die Stadt betreten hättet, weil sie bei Eurer Brautschau für

ihre Frauen fürchteten.»

Ata-Mono sagte: «Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen.

So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig

Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin

ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine

Frau töteten, statt mich zu töten?»

«Komm!» sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. «Lege deinen Arm um mich

und verkündige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben müssen. Und

ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer

vergeblich erwartet hast.»

Ata-Mono fragte rasch:

«Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbäume?»

«Natürlich», sagte die Frau ebenso rasch. «Ich habe zwar nie einen solchen

Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner

Hand.»

Ata-Mono fragte noch rascher:

«Weißt du, wo die Harfe liegt, die ich suche?»

«Natürlich», antwortete ebenso rasch die Frau. «Alle Bäume erzählen es,

daß die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt.»

«Weib, weißt du den Weg dorthin?»

«Natürlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau

gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen,

wenn du mich liebst.»

«Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die

Unsterblichkeit mit mir teilen?»

«Treu bleiben?» fragte das Weib und schmollte. «Das ist das Natürlichste

von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit

werde ich natürlich mit dir teilen.» -- --

Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt,

heißt es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm

um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches

immer so geläufig «natürlich» geantwortet hatte, sondern um eines, das

daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie

eine singende Glocke.

Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Länder ehren heute

noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen.

Als der große chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes

Weib nach glücklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am

Meeresstrande unter dem rätselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals

entziffert hat. --

Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den

harfenförmigen Biwasee, als die große Harfe, im Lande des ewigen Feuers

liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklärlichen Baumes, zu

einer Zeit, wo die Japaner noch in Blätterkleidern und mit ungekämmten

Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten

Apostel höherer Bildung und Gesittung wurden.

Und wieder einige Jahrhunderte später, als die ersten chinesischen

Buddhisten-Mönche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des

Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrüderung aller

Weltallwesen lehrten und Mönche den Miideratempel mit seinen Terrassen am

Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rätselhaften Baumes, der

nun durch die Jahrhunderte stark und mächtig geworden war. Und jeder, der

zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines

Tages ein japanischer Mönch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die

Rinde des alten, rätselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis

dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der

Baumrinde den Satz:

«O wisse, Mensch, und höre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir

und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe höher als die

Unsterblichkeit.»

Und diesen Spruch las der japanische Mönch milliarden- und milliardenmal in

die Kronenäste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur

tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz.

Nun erinnerte man sich auch, daß Ata-Mono, seitdem er glücklich mit dem

lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, daß er

sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus

der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als

Mönche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel

geläutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von

Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glücklichen Weibes

hat.

Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krücken

gestützt. Zu dem Platze, wo er am See steht, führt ein hölzernes Tempeltor.

Seine Zweige sind mit Tausenden von weißen Gebetszetteln behangen. Tausende

von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der

verkündet: «Die Liebe ist größer als die Unsterblichkeit», und nennen ihn

«den Glücklichen», weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der

Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen

gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit vergaß.

Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten · 第 9 / 16 题