«In Japan, Samurai», sagte das Mädchen ausweichend.
Achtmal wurde die Laterne draußen ausgelöscht und achtmal wieder
angezündet, und Kiri hatte wieder zählen gelernt. Am neunten Tag fragte er
abermals das Mädchen: «Wo sind wir in Japan?»
«Auf dem Biwasee, Samurai», sagte das Mädchen.
«Sind viele Menschen auf dem See?» fragte Kiri.
«Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines
Hauses.»
«Aber ich höre viele Menschen auf dem See.»
«O Herr, es sind nicht Menschen, die du hörst. Das sind die vielen Füße des
Regens.»
Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am
Morgen ausgelöscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tür ging,
richtete er sich auf und fragte: «Wo sind wir auf dem Biwasee?»
«Wir sind auf der Höhe von Karasaki, Herr», antwortete das Mädchen. Aber
ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der
Seide ihrer Ärmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mußte noch einmal
fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit
seinen Augen dem Mädchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurühren. Aber er
hatte ihr nicht befohlen zu schweigen.
«Bleib doch bei mir, Samurai», sagte sie lauter und flehend. «Sieh, es wird
bald wieder Nacht draußen!» Und sie hob ihre weißen Händchen aus den Ärmeln
und langte nach den Zipfeln von Kiris Ärmeln und hielt sie mit ihren
kleinen Händen fester als ein Dornbusch.
Da lachte Kiri über die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und
hörte für eine Weile wieder den Regen.
Das Mädchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte:
«Was willst du draußen, Samurai, wo es immer regnet?»
Und ihre Hände und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, daß Kiri
nicht aufstand und bei dem Mädchen sitzen blieb und sich schmeicheln ließ
und sie liebkoste.
Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom
Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite
Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, daß es der
gelbe Vollmond war.
«Wie kann es regnen», sagte Kiri zu dem Mädchen, «wenn der Vollmond draußen
neben der roten Laterne scheint?»
«Es regnet immer nachts über Karasaki», sagte das Mädchen und war zwiefach
von der Laterne und dem Mond beschienen.
«Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lögest. Ich höre keinen Regen
mehr.»
«O, hörst du nicht mehr den Nachtregen über Karasaki?» sagte das Mädchen,
öffnete den großen Fächer und hielt ihn gegen den Mond und gegen die
Laterne, so daß ihr Gesicht dunkel war.
«Ich höre keinen Regen mehr. Laß uns aufstehen, ich will den See und die
Ufer im Vollmond sehen.»
«O, höre doch den Regen!» flehte das Mädchen. «Bleib!» Und sie hob wieder
ihre kleinen Hände, um ihn zu halten.
Da befahl Kiri ihr, die Hände in die Ärmel zu verstecken, und sagte:
«Schweig!»
Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nächten stand Kiri auf und
fühlte wieder, daß er Füße, Knie, Schultern, Ellenbogen und eine atmende
Brust hatte. Und aus dem schwülen Räucherwerk, das in dem Lackhaus brannte,
trat er durch die offene Tür hinaus in das Boot, das sich bei Kiris
aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drückte.
«Ich will nach Karasaki fahren!» rief er den Ruderern zu. Und als er sich
gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des
Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei
hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie
schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hörte Kiri keinen Ton mehr im
Ohr, weder von den Trommeln, noch von den Mandolinen.
Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot schoß jetzt auf
Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten.
Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von
farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser.
Je näher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus
der Nacht.
Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mädchen, das drinnen noch immer
auf der Diele des Boothauses hockte und sich nicht rührte.
«Komm und sieh, wie Karasaki uns empfängt!»
Ganz schwach hörte Kiri des Mädchens Stimme zurück:
«O, komm wieder herein, Geliebtester! Komm herein zu mir! Das ist der
Nachtregen von Karasaki, der draußen im Mondschein glänzt. Es sind die
Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hörst und siehst du
nicht den Nachtregen?»
Da stampfte Kiri ungeduldig, daß das Boot sich unter seinen Füßen noch
tiefer ins Wasser senkte, und rief:
«Stehe ich nicht auf meinen zwei Füßen? Sehe ich nicht mit meinen zwei
Augen? Fühle ich nicht mit meinen zwei Händen, daß die Luft trocken ist!?»
Da kam das Mädchen aus dem Boothaus und rief rasch zu den Musikantinnen auf
das Dach hinauf:
«Spielt lauter! Bei allen Göttinnen bitte ich euch: spielt lauter!»
«Spielen die dort oben, oder spielen sie nicht?» fragte plötzlich Kiri.
«Zwei von ihnen spielten immer, Herr. Jetzt spielen aber alle sechs. Hörst
du nicht, Geliebter? Höre doch! Komm in das Haus! Du hörst vor dem
Ruderrauschen hier draußen nichts. Komm in das Haus!»
«Nein, ich höre nichts. Aber welches Lied spielen sie?»
«O Herr, sie spielen das Regenlied. Verzeiht! Sie spielen das Lied schon
seit Wochen, um dich einzuschläfern, Herr. Ich habe gelogen, Herr.» Das
Mädchen warf sich vor Kiri nieder. «O Geliebter, ich habe dich nicht von
mir lassen wollen. Das ganze Land war voll Krieg. Die Samurais aus dem
ganzen Land zogen in den Krieg. Seit Wochen tobt der Krieg. Als die Tempel
den Krieg verkündeten, habe ich dein Schwert verstecken lassen und habe
dich einschläfern lassen mit dem Regenlied und habe dich im Arm gehalten
und habe dich in eine Sänfte bringen lassen. Und die Musikanten, die das
Regenlied spielten, haben dich begleitet bis an den Biwasee, und ich habe
ihnen befohlen, sich auf das Dach zu setzen, und zwei von ihnen mußten
immer spielen, Tag und Nacht. Und ich habe dich nicht von meiner Seite
lassen können Tag und Nacht, vor Furcht, daß dich der Krieg töte, wenn du
ans Land gingest, und vor Furcht, daß der Tod dann mein Geliebter würde.
Jetzt aber sehe ich, daß Friede am Land ist. Deshalb glänzt Karasaki
festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, daß Friede wurde, denn
dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hören, und ich
fühlte seit Tagen, daß ich dich nicht mehr aufhalten könnte, wenn du die
Musik nicht mehr hörtest und an den Regen nicht mehr glaubtest.
Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt können wir
in unser Haus zurückkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die
Toten können sich nicht küssen, nur die Lebenden.
Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Göttern, ich
hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich küßte! Warum wirfst du
dich auf deine Knie? Warum schüttelst du die Fäuste in die Luft? Warum
wird dein Haar lebendig und sträubt sich wie bei einer Katze?
O Götter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet?
Suchen deine Hände dein Schwert an den Hüften? Ich will dir's bringen.
Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im
Lackhaus, im Wandschrank.»
Während das junge Mädchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber
Kiris Gesicht leuchtete, als wäre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wölbten
sich, seine Fäuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte:
«Mein Schwert!»
Dann stürzte er an dem Mädchen vorüber in das Lackhaus und zerbrach die
Wandschranktür, die sich nicht sofort öffnete. Aber kaum berührten seine
Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann
weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die
Diele und preßte sein Schwert an seine Brust, als wäre es seine
wiedergefundene Geliebte.
Eine Weile noch tobte sein Stöhnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein
tränenüberströmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den
Boden, löste den Seidengürtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert
aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der äußerst feinen
Schneide des Schwertes über den Haarbüschel an seiner nackten Brust,
schnitt ihn glatt ab und lächelte eine Sekunde zufrieden über die gute,
treue Schärfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mädchen,
mit einem Tonfall und einer Stimme, als wäre nichts geschehen:
«Mach dich bereit! Wir müssen jetzt sterben!»
Das Mädchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos
und bleich wie eine hingewehte weiße Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem
einen Wort:
«Geliebter!»
Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle
Muskeln an seinem Leibe zuckten, als würden sie von Zangen zerrissen. Darf
je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel
und selbst der große Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri
und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde hätte ihn mit ihrem Feuer
verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre; denn jeder Samurai
ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn
geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem
Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den
Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der
Tod des kriegerischen Feuers.
Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versäumen.
Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines
Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hören.
Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versäumt, so ist seine adlige
Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist,
wird ihm dann für immer genommen, und sein nächstes Leben ist das eines
gemeinen Mannes aus dem Volke.
Doch das Schicksal gewährt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der
Zufall geben will und sein Mut, daß er im nächsten Leben als gemeiner Mann
einen Heldentod stirbt, -- dann erlangt seine Seele wieder die alte
Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurück. Bis dahin
aber muß er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden
von den niedersten des Volkes.
Kiri sprach: «Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller
meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und
Liebe ist vor den Göttern unstrafbar. Darum hoffe ich, daß mich die Götter
begünstigen und dich und mich im nächsten Leben aus der Erniedrigung wieder
zum alten Adel erheben.
Ich hasse dich nicht. Ich muß dich lieben trotz des Todes, den du uns
antust.
Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben:
Ihr Götter, könnt ihr durch einen Zufall drüben in Karasaki alle Lampen des
Friedensfestes auslöschen, dann will ich euch glauben, daß ihr mir im
nächsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden.
Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da
ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand
gehöre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Götter, euch ist nichts
unmöglich. Gebt mir das Zeichen!» --
Die rote Laterne draußen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den
Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des
festlichen Ufers wie feurige Girlanden über die rote Laterne des Kiels und
senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand.
Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki plötzlich nicht mehr
auf.
Kiri wartete und wartete und sagte mit gedämpfter und bewundernder Stimme
zu dem Mädchen:
«Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung geändert haben und
nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst:
die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fährt in die Dunkelheit.»
Das Mädchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber
sie blieb unter der Türe stehen und sagte:
«Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki
ausgelöscht.»
Da fragte Kiri lachend:
«Ist es ein lauter Regen?»
Das Mädchen beteuerte:
«O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.»
«Das ist der Regen der Götter. Aber ich höre ihn nicht», sagte Kiri
feierlich und hielt den Atem an.
Das Mädchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu
Zeit fragte der Mann das Mädchen:
«Wird der Regen lauter? Ich höre ihn nicht.»
Dann hüllte das Weib sein Gesicht in die seidenen Ärmel und schluchzte.
Kiri fragte:
«Fürchtest du dich vor dem Tode?»
«O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich fürchte mich vor der
Ungewißheit, ob die Götter mich im nächsten Leben mit dir leben lassen.
Wenn du wenigstens den Nachtregen über Karasaki wieder hören würdest, dann
würde ich das als Zeichen nehmen, daß die Götter mir verzeihen und mich im
nächsten Leben wieder mit dir leben lassen.»
Und das Mädchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai,
als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte:
«Ich höre den Nachtregen über Karasaki. Und ich höre, daß wir uns wieder
sehen und wieder lieben werden.»
«O, Dank allen Göttern, und Dank auch dir, daß du mir verziehen hast,
Samurai. O, könnte ich dir im nächsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und
dir dein Schwert wieder schenken.»
«Auch dieses werden die Götter erfüllen», antwortete Kiri, «denn wenn sie
zwei Lebenden zwei Wünsche erfüllt haben, so legen sie die Erfüllung des
dritten Wunsches als Göttergabe dazu.» --
Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert,
stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drückte es an seine
Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedärme ...
Das Mädchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt;
als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden.
Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte
es an ihr Herz und stürzte sich in die Schwertspitze.
Draußen tönte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn
fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne
stand still wie angemauert im Regen.
* * * * *
Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mädchen,
das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: «Wer bist du?»
«Kennst du mich nun?» fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel.
«Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib
mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.»
«Wirf dein Netz aus!» sagte des Mädchens Stimme.
«Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht länger ein
Fischer sein, seit ich weiß, daß ich einst ein Samurai war.»
«Wirf dein Netz aus!» sagte die Stimme wieder.
«Ich kann im Dunkeln nicht sehen», sagte der junge Fischer, «und ich habe
keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuzünden. Wie soll ich im Dunkeln
wissen, wohin ich mein Netz werfe!»
«Wirf dein Netz aus und vertraue mir!» sagte noch einmal die Stimme.
Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit
gewohntem Griff über den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft
und sagte zu dem Netz:
«Geh zu den Göttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich weiß, daß
ich ein Samurai war.»
Plötzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft
zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen
Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den
See.
«Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht», sagte Kiri stolz in die
Luft. «Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich
weiß, wer ich bin.»
«Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder über den Bootrand! Dann will
ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.»
Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglühenden Strick
aus der Tiefe. Aber er fühlte, daß er keine Kraft besaß, den Strick nur um
das kleinste höher zu ziehen. Es war, als lägen steinerne Berge in seinem
Netz: der Strick rückte nicht von der Stelle.
«Deine Kraft wird über dich kommen zu deiner Stunde», sagte das Mädchen.
Aber Kiri war unwillig und schüttelte den Strick, verzweifelt über seine
Ohnmacht.
«Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und
rudere!» befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so.
Und wie er ruderte, schien es ihm, als würde der See in der Tiefe hell.
«Sieh jetzt um, über deine Schulter in dein Netz; und alles, was darin ist,
wird deine Samuraiarbeit sein.»
Kiri sah hinter sich den ganzen weiten See von den Maschen eines riesigen
feurigen Netzes leuchten. Drinnen in dem Netz lagen die zerstückelten
Leichen von abendländischen Offizieren, Arme, Beine, Köpfe, Kanonenrohre,
Bajonette, blutig, zerschossen, zerfetzt und zertrümmert. Es war, als
schleife das feurige Netz den ganzen See wie ein zuckendes Schlachtfeld
hinter sich her.
Es schauderte Kiri. Entsetzt ließ er die Ruder ins Wasser fallen. Das
niedrige Gemüt des Fischersohnes überwältigte ihn. Er griff nach einem
Fischbottich, der auf dem Grunde des Bootes stand, und stülpte ihn über
seinen Kopf, um nichts mehr zu sehen. Er klapperte mit den Zähnen, daß der
Bottich dröhnte, und getraute sich mit seinem Kopf nicht mehr aus seinem
Versteck heraus. Er wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, bis ein
paar Fäuste von außen an den Bottich trommelten und ihn die Stimme seines
Vaters anrief:
«Kiri, bei allen Göttern, was treibst du, Junge? Wo hast du dein Netz
gelassen? Wo sind deine Ruder?»
Kiri zog vorsichtig seinen Kopf aus dem Versteck. Er sah im Morgendampf den
Vater im Strohmantel vor sich in einem andern Boot, und viele Boote waren
um ihn versammelt. Aber keiner der andern Fischer lachte ihn aus. Es
schien, als hätten sie alle dasselbe erlebt, denn alle waren bleich, und
alle waren ernst. Alle Boote drängten nach den Ufern; Boote, die sonst
wochenlang draußen zu liegen pflegten, -- alle kamen in Scharen
herbeigeströmt, und die Frauen der Fischer trippelten am Ufer, jede mit
einem Kind auf dem Rücken bepackt, und jede umgeben von einem Kinderkreis.
Aber der Uferlinie entlang standen im Morgennebel die rauchenden
Scheiterhaufen von großen Signalfeuern, die man angezündet hatte, um die
Fischer von draußen ans Land zu rufen.
Und nun sah Kiri, wenn der Morgenwind die Rauchwolken zur Seite rückte,
Gruppen von kleinen japanischen Offizieren und Soldaten in europäischen
Uniformen. Bajonette blitzten im Morgennebel, und hie und da leuchteten rot
und gelb und golden im Morgengrau die Borten und Uniformaufschläge an den
Soldaten.
«Kiri, du mußt in den Krieg», sagte der Vater. «Heute hat Japan den Krieg
mit Rußland angefangen, drüben über dem chinesischen Meer in der
Mandschurei.»
«Ich bin kein Samurai! Ich will nicht in den Krieg», sagte Kiri. «Ich habe
schreckliche Träume heute nacht gehabt. Ich habe Netz und Ruder dabei
verloren. Ich will nicht in den Krieg und auch noch den Kopf verlieren.»
«Du wirst nicht gefragt, ob du willst. Du mußt in den Krieg! Heutzutage
sind alle Männer, die einen rechten Arm und einen linken Arm, ein rechtes
Bein und ein linkes gesundes Bein am gesunden Leib haben, Samurais. Du bist
glücklicher als ich, mein Sohn. Zu meiner Zeit war das nicht so, und wir
armen Fischer bekamen kein Schwert vom Kaiser von Japan zugeschickt. Drüben
am Ufer stehen die Soldaten, die dir vom Kaiser einen neuen Anzug und
kaiserliche Waffen bringen. Geh in den Krieg, mein Sohn! Dort bekommst du
auch das Brot des Kaisers zu essen. Das ist ein Brot, das jeden Japaner
mutig und unsterblich macht.»
Aber jetzt kam Kiris Mutter an das landende Boot gelaufen. Sie schüttelte
ihre Hände in die Luft und wehrte Kiri, er solle nicht landen, und rief:
«Kiri, flieh, fliehe! Die Soldaten wollen dich uns holen! Schwimm in den
See hinaus! Der Biwasee wird dich verstecken! Eine alte Frau hat mir
prophezeit, daß du unsterblich bist vom Tage an, wo du den See betrittst,
aber daß du sterben wirst, wenn ein Krieg ausbricht und du ans Land
kommst.»
«Mach deinen Sohn nicht feig, Wolke vor dem Mond», sagte der Vater zu Kiris
Mutter. Und er zog sein eigenes Boot mit beiden Händen ans Land, erwartend,
daß sein Sohn ihm folgen würde.
Aber Kiri, bleich und grau vor kleinlicher Furcht, schlotterte vor Angst
und Kälte in seiner dünnen, blauen Leinwandjacke. Er tat, als wolle er
aussteigen, aber als sein Vater fortsah, griff er nach den Rudern in dem
Boote seines Vaters, stemmte ein Ruder auf den Kies und stieß sein Boot
zwischen den andern Booten durch in den See hinaus und rief seinem Vater
zu:
«Ich will mein Netz noch suchen, das draußen bei meinen Rudern schwimmt.»
In allen Kähnen, wo man die Unterhaltung des Alten mit dem Jungen gehört
hatte, lachten die ernstesten Leute hell auf über Kiris feigen Rückzug.
«Er tritt den Krebsgang an», lachten einige Fischerburschen, die am Ufer
standen und Uniformen anprobierten.
«Er wird wiederkommen», sagte der Vater dumpf.
«Er ist unser einziges Kind. Er braucht nicht in den Krieg», jammerte die
Mutter. «Wir sind keine Samurais, die sich für andere töten lassen. Wir
sind arme Fischersleute. Er soll nur sein Netz holen! Kiri soll nur draußen
auf dem See bleiben, bis die Soldaten fortgezogen sind. Der See kann ihn
ernähren.»
Kiri kam nicht am Abend und nicht am nächsten Tag und auch in den nächsten
Wochen nicht mehr nach Hause.
Nach Monaten fanden Leute aus Karasaki Kiris Boot im Uferschilf versteckt,
und man sagte, er müsse wahrscheinlich im Schilf verborgen von Krebsen,
Wildenteneiern und Fischen leben.
Aber als es dann Winter wurde, der See zufror, das Schilf abgemäht war und
die weiße Schneekruste an allen Ufern lag, und Kiri kam immer noch nicht zu
seinen Eltern heim, meinten einige, Kiri müsse ertrunken sein. Doch sein
Vater behauptete unerschütterlich:
«Kiri ist in den Krieg gezogen.»
Nur die Mutter wünschte, daß er noch auf dem See sei, wenn auch das Wasser
zugefroren war. Denn draußen auf dem See war Kiri unsterblich, wenn er auch
nichts aß, nichts trank. Er konnte nicht erfrieren, er konnte auf der
Eisfläche irgendwo liegen und schlafen, und im Frühling, wenn der Krieg aus
war, konnte er heimschwimmen. Alles dieses konnte möglich sein, dachte die
alte Frau, da die Prophezeiung Kiri für unsterblich erklärt hatte, so lange
er auf dem See bleiben würde.
Aber der Frühling kam, und der Krieg dauerte, und Port Arthur hatte sich
noch nicht ergeben. Und das Schilf wuchs, und der See rauschte. Zwar waren
alle Männer im Krieg und keine Fischerboote auf dem Wasser. Aber so lange
Kiri nicht vom See heimkehrte, war er für seine Mutter unsterblich.
Endlich war der Krieg zu Ende. Viele Fischer kehrten heim. Fast zwei Jahre
dauerte der Heimzug, bis die letzten angekommen waren. Dann baute man in
den kleinsten Dörfern aus Kiefernzweigen Triumphbogen.
«Es sind noch ein paar Regimenter in der Mandschurei», sagte Kiris Vater zu
den Fischern; «Kiri kann noch immer heimkehren.»
Aber die Leute verlachten den Alten wegen seines feigen Sohnes. Und auch
die Mutter sah nicht mehr auf den See hinaus, weil der Sohn nicht
heimkehrte und sie nicht mehr an seine Unsterblichkeit glaubte.
Eines Tages hat sie ihren Zweifel laut ausgesprochen und zu ihrem Manne
gesagt: «Unser Sohn ist tot. Wir haben keinen Sohn mehr. Ich will heute
nacht eine kleine Kerze zu seinem Gedächtnis vor dem Gott des Biwasees in
einer Zimmerecke anzünden.»
«Tu das!» sagte der Vater. «Ich will vor dem bronzenen Kriegsgott in
Karasaki eine Räucherstange für die Nacht anzünden lassen. Die Götter
werden uns vielleicht antworten und uns sagen, ob unser Sohn im Himmel bei
den Helden oder im See bei den Krebsen ist.»
Die beiden Alten taten, was sie sich vorgenommen hatten. Und der Vater
kniete in dieser Nacht, das Gesicht auf der Erde, vor der bronzenen Statue
des Kriegsgottes von Karasaki. Die Mutter kniete zu Hause in der Zimmerecke
vor dem vergoldeten Gotte des Biwasees.
Als es Mitternacht war, begann ein feiner Regen über Karasaki zu fallen.
Der Vater im Tempel konnte nicht beten. Er mußte immer dem Regen zuhören,
der auf die Ziegelhäuser der Tempeldächer pochte. Der Mutter zu Hause ging
es ebenso. Sie lauschte dem Regen, der auf die Altanen draußen fiel und an
die ölgetränkten Papierscheiben trommelte. Und sie mußte bei dem unruhigen
Regen die Schritte von zwei Fremden überhört haben, denn ein vornehm
gekleideter Samurai in schwarzer Zeremonientracht, eine vornehm gekleidete,
schwarze Samuraifrau in Schleppgewändern, die schoben gegen Mitternacht die
Türen zum Gemach der Alten auf und fragten sie, ob sie sich einen
Augenblick bei ihr ausruhen dürften. Sie seien auf dem Weg nach Tokio, wo
übermorgen das große Siegesfest sei, mit dem der Kaiser und die Minister
das Gedächtnis der großen Helden von Port Arthur feiern würden.
«Mutter, laßt Euch im Beten nicht stören», sagte der junge Samurai. «Wir
sitzen nur einen Augenblick hier hinter Eurem Rücken und horchen auf den
Nachtregen von Karasaki.»
Es regnete. Und Gebet und Regen schläferten die alte Frau ein. Ihr Mann,
der morgens vom Tempel heimkam, weckte sie, und sie hatte den Samuraibesuch
ganz vergessen. Das Zimmer war längst leer, und die beiden Nachtwanderer
waren verschwunden.
«Liebe Wolke vor dem Mond», sagte der alte Fischer, «zieh deine besten
Kleider an! Nimm die Wandersandalen vom Nagel! Wir müssen eine Reise
machen. Der Kriegsgott hat es mir heute nacht befohlen.»
«Wie kann ich auf meine alten Tage noch reisen?» sagte die Frau. «Wenn ich
wüßte, wo mein Sohn wäre, ja, dann würde ich hinreisen.»
«Unser Sohn ist in Tokio», sagte der Alte. «Als ich heute nacht im Tempel
betete, kamen zwei Fremde herein und knieten an meiner Seite nieder. Es
waren ein junger Samurai und seine Frau. Da konnte ich nicht mehr beten und
ging auf die überdachte Tempelaltane und horchte auf den Nachtregen, der
über Karasaki fiel. Und, denke dir, wie ich dort sitze, kommt derselbe
Samurai, den ich eben noch drinnen neben mir knien sah, heraus. Aber er war
nicht mehr im schwarzen Zeremonienkleid. Er hatte Panzer, Schwert, Speer
und Helm des Kriegsgottes auf, und er deutete mit dem Speer nach der
Sternenrichtung von Tokio und er sagte:
'Vater, du suchst deinen Sohn! Du wirst ihn in Tokio wiederfinden!'
Für einen Augenblick war es mir, als wäre es Kiri selbst, der in der
altmodischen Rüstung vor mir stand. Wie ich aber genau hinsehen wollte, war
nichts als die Nachtluft um mich; und der große Hanfstrick, der über dem
Tempeltore hängt und die Geister vertreibt, schaukelte im Windzug, indessen
alle Tempeldächer im Regen wie Trommeln redeten.»
«Hier bei mir war auch ein Samurai mit seiner Frau», sagte die 'Wolke vor
dem Mond'. «Ich habe ihn aber nicht als meinen Sohn erkannt. Er redete
fremd und feierlich und vornehm, wie ich Kiri nie sonst reden hörte. Er
blieb nicht lange hier mit seiner Frau. Er wollte nur etwas am Wege
ausruhen und dem Nachtregen von Karasaki lauschen. Wahrscheinlich hatte er
seine Tragsessel und die Träger vorausgeschickt, der Samurai. Denn ich
hörte keinen Laut ums Haus, nicht da sie kamen, und nicht da sie gingen.
Aber wenn du sagst, daß dein Samurai im Tempel aussah wie unser Sohn, dann
erinnere ich mich, daß auch mein Samurai hier Ähnlichkeit mit Kiri hatte.
Aber wie hätte ich ihn erkennen können! Dieses Samuraigesicht war sehr
zerschlagen von Kriegswunden, und die Narben entstellten die Gesichtszüge.
Und die Narben waren so dicht über seinen Händen und über seinem Gesicht,
wie die Maschen in einem Fischernetz. Da war kaum ein fingerbreites
Stückchen Fleisch an seinem Gesicht, das nicht durch eine Narbe zertrennt
gewesen wäre. Ich habe meinen Sohn nicht erkannt.»
«Du hast deinen Sohn niemals erkannt, 'Wolke vor dem Mond', aber du wirst
ihn in Tokio gleich erkennen», sagte der alte Fischer.
Am nächsten Morgen reisten die beiden Alten nach Tokio. Erst mußten sie
wandern, und dann konnten sie die Eisenbahn nach Tokio benützen. Sie kamen
am Morgen dort an und nahmen sich nicht die Zeit, in ein Gasthaus zu gehen.
Die Stadt war überfüllt von Japanern aus allen Landesteilen. Aber als die
beiden Leute vor den Menschenmassen in den Straßen standen, wurde ihnen
sehr bang, und sie fragten sich im Herzen: Wie sollen wir Kiri hier finden?
Eher findet man ein verlorengegangenes Ruder auf dem großen Biwasee, als
einen verlorengegangenen Menschen in dieser großen Stadt.
Wie sie noch beratschlagten, kam ein Rikschawagen auf sie zugefahren, und
drinnen saß einer der angesehensten Männer aus Karasaki. Er war so hoch an
Rang, daß er die armen Fischerleute auf den Straßen von Karasaki niemals
angeredet hatte. Aber jetzt hielt er seine Rikscha an, winkte zehn
Rikschas, welche ihm folgten und in welchen dem Range nach lauter
angesehene Männer von Karasaki saßen, Männer, die im Krieg gewesen waren,
und Familienoberhäupter, die im Krieg Söhne verloren hatten.
«O Herr», sagte der hohe Beamte und verbeugte sich aufs tiefste vor dem
alten Fischer, «welch ein Glück, daß ihr schon hier seid! Haben euch die
Kuriere des Kaisers geholt? Habt ihr die Telegramme erhalten, die man heute
nacht aus Tokio an euch schickte? Habt ihr den Sonderzug erhalten, mit dem
man euch heute hierher holen wollte?»
Und alle andern Männer aus den zehn Rikschas standen mit tief gebeugten
Rücken vor dem alten Fischerpaar und getrauten sich nicht mehr, sich
aufzurichten, als verbeugten sie sich vor dem Kaiser selbst.
Und nun schienen die Menschen auf den Straßen von Tokio und die Gesichter
auf den Straßen keinen Rücken und keine Rückseite mehr zu haben. Nur Wangen
und Augen und Augen und Wangen strahlten den beiden Fischersleuten
entgegen, ihnen, die die Eltern des großen Helden Kiri waren, von dem man
sagte, daß er vor dem Tor von Port Arthur eines dreihunderttausendfachen
Todes gestorben sei. Dreihunderttausendmal hatte er sich in den
Kriegsjahren dem Tod ausgesetzt. Immer dort, wo die Gefechte am schlimmsten
waren, sah man ihn auftauchen. Einmal schleppte er Arme voll Dynamit vor
das eiserne Tor eines Forts. Um den japanischen Truppen den Eingang in das
Fort zu verschaffen, lief er seinem Regiment voraus und warf am Eisentor
das Dynamit sich selbst vor die Füße und stampfte darauf, so daß das
massive Tor sich wie der Deckel einer Sardinenbüchse auftat; aber Kiri
blieb mitten in der Dynamitexplosion unversehrt wie ein Ei auf Stroh.
In den Wolfsgräben, auf deren Grund die Russen Bajonette senkrecht
eingerammt hatten, warf Kiri sich hunderte Male steif wie ein Balken quer
über die Bajonette und ließ seine Kameraden über seinen Rücken laufen. Und
er blieb steif gestreckt, und sein Leib widerstand den Spitzen der
Bajonette, so hart machte der Mut seinen Körper, so hart, daß die Bajonette
nicht einmal seine Augäpfel zerschnitten hatten, bis der letzte seines
Regiments über ihn weggeschritten war. Dann stand er heil und unversehrt
auf.
Zum letzten Male, als man von Kiri hörte, verdingte er sich verkleidet als
russischer Lotse, gelangte an das russische Admiralsschiff und führt es in
einem Morgennebel vor die Kanonen der im Nebel verborgenen japanischen
Flotte. Mit diesem Schiff war Kiri untergegangen, und niemand hatte ihn
seitdem wiedergesehen.
Waffen, die er getragen, Uniformstücke, die seine Kameraden von ihm
aufgehoben hatten, alles lag jetzt auf dem Ehrenplatz im Kriegsmuseum,
dicht neben dem eroberten zerschossenen Feldbett des russischen Generals
Kuropatkin.
Nun hatte es sich von Mund zu Mund auf den Straßen von Tokio
weitergesprochen, daß die Eltern des großen Kriegshelden Kiri, die Mutter,
die ihn im Schoß getragen, der Vater, der ihn gezeugt hatte, auf das
Paradefeld kämen. Dort stand ein mächtiger stacheliger Triumphbogen,
aufgebaut aus erbeuteten russischen Bajonetten. Weit über das morgensonnige
Feld blendeten die langen Reihen von erbeuteten russischen Kanonen,
aufgestapelten Stahlgranaten und eroberten Torpedogeschossen. Und über der
Holzhalle des Kriegsmuseums wimmelte ein Wald von erbeuteten Fahnen, die
den Himmel bunt belebten, ähnlich den bunten Scharen von Papierfischen, die
am ersten April über den Dächern flattern.
Der Älteste der angesehenen Männer aus Karasaki sagte: «Alle diese Fahnen
hat euer Kiri erbeutet! Für jede seiner Heldentaten hängt eine Fahne dort
über dem Dach des Kriegsmuseums, in dem euer Sohn jetzt als ewiger Name
wohnt, angebetet vom japanischen Volk wie ein Kriegsgott.» --
Geehrt von Kaiser und Reich, kehrten die Fischersleute nach den
Friedensfeierlichkeiten wieder heim nach Karasaki. Und als man ihnen in der
Stadt Karasaki eine neue Hütte bauen wollte und dem Vater einen neuen Kahn
geben wollte, sträubten sich die beiden Alten und sagten: «Das Holz des
Kahnes und die Bambuswände der Hütte und die Papierscheiben, die mit uns
alt und grau geworden sind, und die mit Kiri so oft den Nachtregen fallen
hörten, -- alle diese Dinge sind wohltönend geworden vom Alter und den
Erinnerungen und wohltönend von dem Nachtregen, der melodisch auf sie
gefallen ist; wir leben im Alten wohler als im Neuen, wir alten Leute.»
Den Regen von Karasaki hören bedeutet am Biwasee heute noch, daß dich dann
nie ein Mißlaut beirren wird; denn Kiris Heldenseele lauscht mit dir, und
dieser Nachtregen singt von Liebe und Unsterblichkeit.