Sonniger Himmel und Brise von Amazu

Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende,

milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.

Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie

sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten,

grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf,

unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und

Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von

dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von

spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die

Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die

Menschenstimmen über dem Wasser, -- Mädchen-, Frauen-, Männer- und

Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel

ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme.

Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem

sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die

Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem

ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort

eingeatmet hat, -- eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees

eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei

Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glückseufzer die

Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich

anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glückseufzer

über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.

Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und

bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der

Seefläche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See

gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger

Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne

Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche

die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen

der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden

Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt

einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses

Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und

nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen

die Japaner, so daß man über den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses

hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu

versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der

Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen

Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das

Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu

benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung

des Sees, nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der

Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.

Nur so lange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels,

der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die

Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden

vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.

Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen

Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das

Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt

hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden

Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen

verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen

unten auf dem Seegrund.

Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings

Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung

abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten

Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana

eingegangen ist.

«Die Brise von Amazu hat ihn verlassen» oder «der Brise von Amazu trotzen

wollen», sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das

sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie

schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes

Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Träne. Dieser

Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins

Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm

einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert.

Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied

abends unter den Fenstern:

Gab dir heute der sonnige Tag,

Als der See im Mittagsschlaf lag,

Freude und einen glücklichen Sinn

Und Götterkraft deinem Fuß im Schuh, --

Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin.

Glück währt nie lang,

Wir sind um dich bang,

Glück und Tod bringt die Brise von Amazu. --

Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden

Knabenschulen an einem Sommertage in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den

ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen,

aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees

zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter.

Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht groß und saß in je einem

Kahn. Nun wird in Ozu erzählt: Die heiße Mittagsstunde kam, und die Kähne

befanden sich auf der Höhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den

bläulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Kähne schienen zwischen

Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten.

Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser

beieinander.

Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen

Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grünspanfarbig zu sehen

sind. Kirschbäume stiegen auf, als käme der rosigste Frühling noch einmal

in den Hochsommer herein, und kleine Mädchen in taubenblauen Gewändern

klatschten rhythmisch in die Hände und umwandelten die dunkeln Silhouetten

der Kirschbaumstämme. Bald gaben sie sich die Hände, bald breiteten sie die

Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knieenden.

Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Kähnen unter

Kirschbäumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im

Hochsommer blüht, und wo die Mädchen den Frühlingsgottheiten eine

Tanzzeremonie ausdenken, um der lächelnden Kirschblüte zu huldigen.

Kein Knabe war zu halten. Alle verließen die Boote, liefen auf die Wiesen,

kauerten im Kreis unter den Kirschbäumen und begleiteten mit rhythmischem

Händeklatschen die Mädchenfüße.

Aber Kinder, die nichts vom Glückswechsel und von Beherrschung der

Glücksekunden verstehen, können auch nicht auf den Augenblick der

Windstille nach der Brise von Amazu achten.

Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den

äußersten Spitzen der Kirschbäume, mit den glitzernden Grashalmen der

grünspanfarbigen Wiesen, legte sich plötzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat

ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den übers Wasser

wandernden Kindern zu: Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe

kehrte zurück, als die Brise von Amazu sich legte.

Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trübes Glasmehl werden

und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle

Schulkinder im See verschwunden.

Die beiden Schullehrer kamen drei Tage später, nachdem sie den ganzen See

abgesucht hatten, ohne Kinder zurück nach Ozu, wo der Jammer um die

verschwundenen Schulklassen so groß war, daß viele Väter noch in derselben

Nacht Selbstmord begingen und viele Mütter hinaus zum See stürzten und sich

ertränkten.

Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nächsten Morgen tot

in seiner Wohnung gefunden, erwürgt von Nachtgeistern, sagten die Leute.

Der andere aber mußte seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist.

Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hieß, und sagte, er

wolle sich ein Mädchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte,

warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglück über ihn und Amagata

gekommen sei, da schüttelte er nur den Kopf und sagte finster: «Auf Glück

folgt Unglück und auf Unglück Glück. Darum muß das Mädchen, das ich liebe,

aus Amazu sein und mir Glück bringen, weil ich dort mein größtes Unglück

hatte.»

Wenige Tage später brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau

aus Amazu nach Ozu, schloß sein Weib in sein Haus ein und zeigte es

niemand.

Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er größer wurde, dem ermordeten

Lehrer Amagata auffallend ähnlich.

Nach der Geburt des Knaben trat eine Veränderung mit Omiya ein. Er

vernachlässigte seine Frau, er vernachlässigte sein Haus, er vertrank sein

Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine

kleine, kalte Pfeife, die er nie anzündete, die er aber alle Augenblicke

ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht.

Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal

bekannt. Die Kinder flüchteten in die Häuser und versteckten sich hinter

die langen Ärmel der Mütter, wenn am Ende der Straße das Klopfen der

Tabakpfeife des Polizisten Omiya ertönte. Nachts schrien Knaben und Mädchen

im Schlafe auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorüberging und seine

Pfeife an die Hausecke pochte.

Ältere Leute, die nachts noch bei der Kerze lasen, löschten das Licht aus,

wenn sie das Klopfen der Pfeife hörten. Junge Männer, die eben aus dem

Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in

das Teehaus und bestellten sich eine neue Tänzerin und Reiswein, um nicht

an das verrufene Klopfen denken zu müssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte

mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen.

Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzählte keiner dem andern in ganz

Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengeräusch des Polizisten verursachte. Jeder

vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal

des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von

Omiya erlöst wurde.

Es war in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der

damalige Kronprinz von Rußland Japan bereiste und, gefolgt von

verschiedenen japanischen Würdenträgern und begleitet von abendländischen

russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des

Miideratempels bewunderte.

Es war am frühesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner

ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein großes silbernes Ei in

der Sonne, -- ein großes Silberei, das sich funkelnd um seine Längsachse

drehte. Über die Häuser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die

Augen der Menschenmengen, die in der Seestraße Kopf an Kopf standen und den

ausländischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom

Miideratempel zurückkam, -- den zukünftigen Kaiser jenes Landes, das so nah

an Japan grenzte, und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel

tragen, so daß man hätte glauben können, alle die schwerbestiefelten Russen

würden eines Tages dem kleinen Japan einen Fußtritt geben, daß es

zerstampft sein würde wie eine Fliege auf der Diele.

Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraßen aufgereiht standen,

lächelten sauersüß, als dem russischen Kronprinzen vorauf in einigen

Rikschas ein paar riesige, schwerbestiefelte russische Generäle fuhren, die

während des Fahrens nichts von der Morgenschönheit des Biwasees zu bemerken

schienen, sondern mit noch übernächtigen Köpfen wie feiste Dämonen in den

kleinen Wagen saßen und halb eingeschlafen waren.

An einer Straßenecke war der Polizist Omiya in dunkler, europäischer

Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand.

Ein kleiner, kurzer Säbel hing an seinem Gürtel. Seine Mütze war tief in

die Stirn gezogen, so daß ihn der glänzende Biwasee nicht blendete.

Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an

den Mützenschild führen und den russischen Zarensohn grüßen. Aber die Leute

auf der Straße sahen plötzlich den russischen Prinzen im heftigsten

Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Säbel blitzte und zerbrach dann wie

ein Stück Glas und flog im Bogen in zwei Stücken über die Köpfe der

Zuschauer in eine Seitenstraße.

Russische Uniformen und abendländische Fäuste sah man im Gewühl einen

Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von

Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, über

ganz Japan, über Rußland und über Europa, -- die Schreckensnachricht, daß

der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee

angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei.

Man erklärte diesen seltsamen Fall damit, daß der japanische Polizist in

plötzlichem Irrsinn und unter dem Einfluß der Tobsucht gehandelt habe.

Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und

habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflüchtet. Und da alle

Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heißer, glühender Tag

war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentäter in den See

gelockt.

Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fünfzehn Jahre alt. Das ist

das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und

einen Namen für ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen

des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben,

bis sie Kunde haben würde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen

Mannes.

Einige Tage später, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rührte,

flog ein Kieselstein von der Straße her in den Reistopf.

Die Frau streckte den Kopf über die Altane des Hauses und sah einen in

Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein großes Bündel gemähtes Schilf

auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und

um seinen Kopf, bis auf die Schultern, daß Omiyas Frau nur ein riesiges

Schilfbündel auf zwei Beinen wandelnd die Straße hinabgehen sah.

Sie schüttelte verwundert den Kopf. Die Seestraße war zur Mittagsstunde

leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster

geschleudert hätte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fährt noch

einmal mit dem Kopf über den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang

der Männerbeine, die unter dem gelben Schilfbündel die staubweiße Straße

entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: «Das war Omiya.»

Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte,

wäscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel

von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein über dem Herdfeuer

getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest:

«Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist,

dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: töte ihn. Dann halte dich heute

um Mitternacht bereit. Du mußt mit mir auswandern. Hätte ich den

ausländischen Prinzen getötet und nicht bloß verwundet, so hätte ich Japan

einen so großen Dienst getan, daß meine Vergangenheit reingewaschen wäre,

reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir mißlungen, und

ich bin der Mörder Amagatas geblieben und der Mörder der Schulkinder von

Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der

Seehöhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im

Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht

gewußt. Du wußtest nur, daß ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben

muß. Ich habe dir vorgelogen, daß Amagatas letzter Wunsch war, daß du mich

heiraten solltest, wenn er tot wäre. Er hatte mir zwar gesagt, daß er dich

in Amazu besucht und verführt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, daß

ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen könnte. Tötest du das Kind

nicht, so werde ich es töten. -- Gehorche jetzt und rotte Amagata

vollständig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf

zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See

erzählte, daß er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen

und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser müde gekämpft

hatten, er und ich, und ich sah, daß alle Kinder ertrunken waren und mich

selbst beinahe die Kräfte verließen, veranlaßte ich ihn, mich vom Ertrinken

zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir größer als

dein Verlust, und indem ich eine Gleichgültigkeit heuchelte, die ich

niemals fühlte, und dabei erklärte, daß ich auf dich verzichten wollte.

Amagata, der kräftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rücken und

schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer.

In Ozu verbreiteten wir das Märchen von der Brise von Amazu, das aber

trotzdem kein Märchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten

in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbäume und der tanzenden

Mädchen draußen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir über das

Wasser entgegen, und ich hielt dich glücklich in meinem Arm und verlebte in

dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis

plötzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis

deiner Verführung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwürgen, so wie ich

ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen

der Liebe zu dir erwürgt habe.

Ich gestehe dir dieses alles heute ein, weil du mir hundertmal

versichertest, daß du mich mehr als Amagata liebtest.

Mein Kampf gegen Amagata ist aber erst ausgekämpft, wenn sein Sohn nicht

mehr am Leben ist. Ich liebe dich. Darum töte Amagatas Sohn, wie ich für

dich getötet habe.»

So sprach die Schrift des Kieselsteines zu der Frau.

Der Reis verbrannte am Feuer, das Zimmer füllte sich mit Qualm. Aber der

Rauch verzog sich bald wieder, denn das Herdfeuer ging aus, weil die Frau

es nicht mehr schürte und den großen, flachen Stein in ihrer Hand hin und

her drehte und die Schrift, die winzig gekritzelte, entzifferte.

Es wurde Nachmittag. Die Frau las immer noch. Wohl wunderte sie sich

manchmal, daß ihr Junge, der draußen auf dem See lag und angelte, nicht

heimkam und Essen verlangte. Aber der Stein in ihrer Hand, der die tiefsten

Geheimnisse zweier Menschenleben zu ihr redete, machte, daß sie bald wieder

Zeit, Ort und Wirklichkeit vergaß.

Plötzlich weckte sie ein Gerede auf der Straße, Stimmen sprachen unter dem

Fenster den Namen ihres Sohnes und ihren eigenen Namen. Die Stimmen rannten

fort und kamen wieder. Füße und Stimmen drängten an ihr Haus. Die

Schiebetüre teilte sich, und die Stimmen drängten herein und umsummten sie,

und die vielen Füße traten zu ihr heran, und ebenso das Gemurmel. Und sie

dachte einen Augenblick: Ist der Reis wieder übergekocht, weil es so laut

wird? Da kamen Hände zu ihr, die ihre Hände streichelten. Vor ihr legte man

ein nasses, in graue Segeltücher gewickeltes Paket hin. Das roch nach dem

Grundwasser vom Biwasee.

Und die Frau mußte an den Wasserkampf zwischen Amagata und Omiya denken und

an das Gemurmel und Geseufze und Gegurgel und Geschluchze der ertrinkenden

Schulkinder rings um die beiden kämpfenden Männer, und an Omiya, der

schwächer war und auch am Ertrinken war, und an Amagata, der sie zur Mutter

gemacht hatte, gleichfalls an einem heißen Tag, draußen im Boot auf der

Seehöhe, und der dann aus ihrem Schoß zu ihren Füßen hinrutschte und nach

dem Liebeskampf auf einem Haufen Segeltuch sanft einschlief, und den sie

dann zudeckte mit ihrem Gewand. Der See war ihr Hochzeitsgemach gewesen.

Der See konnte ihr nichts Böses tun. Was der Biwasee tat, war wohlgetan.

War das Amagata oder Amagatas Sohn, der jetzt starr vor ihr lag in dem

nassen Segeltuch?

Die Frau lüftete mit ihrer kleinen, abgearbeiteten Hand ein wenig das Tuch

des nassen Paketes. Da sah sie ein Endchen von dem Kleidersaum eines

Knabenrockes, den sie selbst genäht hatte.

Sie sah tränenlos hin, ohne Erstaunen, und sagte zu dem Gemurmel und zu den

vielen Füßen, die rund um sie waren:

«Es ist Amagatas Sohn. Der See hat mir Amagata damals geschenkt. Warum soll

ich nicht heute ihm meinen Sohn schenken!»

Und das Gemurmel um sie verging allmählich, und die vielen Füße um sie

gingen aus dem Zimmer. Und es wurde still, als wäre das Feuer zum

zweitenmal im Herd ausgegangen.

«Mein lieber Sohn», sagte die Frau, die neben dem ertrunkenen Knaben

kniete, «siehst du, hier ist ein Kopfkissen aus dem Biwasee.»

Und sie schob dem Toten den großen, flachen Kieselstein, den sie immer noch

in der Hand hielt, unter den Kopf.

«Ich sollte mich jetzt neben dich legen und für immer mit dir einschlafen,

Kind. Der Biwasee war mein Hochzeitsbett. Er könnte auch mein Sterbebett

werden, wie er deines geworden ist, Kind. Aber ich habe noch eine Rechnung

zu machen. Dein Vater Amagata würde mich nicht als deine Mutter im

Totenreich empfangen, wenn ich fortgegangen wäre von der Erde, ohne Omiya

zu zeigen, daß ich immer Amagatas Willen tat. Auch wenn ich Omiya

hundertmal sagte, daß ich ihn mehr liebte als Amagata, tat ich das, damit

er Amagatas Kind nicht schlüge und Amagatas Kind nicht verhungern ließe.»

Dunkle Wasserflecken liefen von der nassen Segelleinwand über die

Strohdiele der Stube. Und die untergehende Sonne leuchtete rot über den See

draußen und rot über die Wasserflecken im Zimmer.

Die Frau nickte und saß weiß in dem abendroten Gemach, als könne ihr auch

die Sonne kein Blut zum Weiterleben mehr geben.

Die Frau nickte und sprach: «Vergossenes Blut braucht nicht mit vergossenem

Blut gerächt zu werden. Aber ich will Omiyas Seele in alle Winde

ausschütten, daß sie nie mehr in seinen Körper zurückkehren kann. Ich will

Omiyas Seele ausblasen, daß er hohl herumgeht und die Welt so leer sieht,

als wäre der Biwasee ausgetrocknet. Und ein unendlich großes Loch ohne

Glanz und ohne Welle soll den Platz von Omiyas Seele einnehmen.»

Die Nachtzikaden begannen vor den Fenstern zu singen, und die Seelandschaft

draußen verflüchtigte sich in Dämmerung. Das kleine Zimmer mit der Leiche,

mit der toten Asche auf dem Herde, mit den dunkeln Wasserflecken auf der

Diele und mit dem regungslosen, blaßleuchtenden Frauengesicht neben der

Leiche war etwas so Stilles im Weltraum, daß im Fensterrahmen die

funkelnden Sterne am Nachthimmel dagegen wie gestikulierende, laute

Menschengesichter waren, wie ein Volksgetümmel, das Kopf an Kopf mit

glänzenden Augen vor den Fenstern ein Schauspiel erwartete.

«Nur warten, nur warten!» nickte die Frau den Sternbildern zu, die sie für

Menschengesichter hielt.

Dann knackte die Diele der Altane. Ein Gewand raschelte. In der Hand eine

kleine Blendlaterne, trat der ehemalige Polizist Omiya ein und ließ den

Laternenstrahl im Halbkreis durch das Zimmer leuchten.

«Du hast ihn getötet! Gut. Komm!» sagte stoßweise seine Stimme. Und die

Blendlaterne, als wäre sie Omiyas drittes Auge, schoß abwechselnd einen

Strahl an die Decke und einen Strahl auf die eingewickelte Leiche am Boden.

«Komm! Wir haben nichts mehr hier zu suchen in Ozu. Wir müssen am Ende des

Sees sein, ehe es Tag wird. Steh auf und nimm dein Kleid über den Kopf, daß

dich niemand erkennt.»

«Setz dich hierher, ich habe zu reden!» antwortete Omiya eine Stimme, die

er nie gehört hatte. Und er fragte unwillkürlich erschrocken zurück: «Ist

Amagata hier?»

«Amagatas Sohn war hier», antwortete die Stimme, welche Omiya nicht von der

Erde und nicht vom Himmel zu sein schien, -- eine Stimme, die war, als

spräche einer der bronzenen Versunkenen, die wie Statuen auf dem Grunde des

Biwasees stehen, einer von jenen, welche die Brise von Amazu überrascht

hatte, und die verschlungen wurden vom Unglück.

«Wer bist du?» fragte Omiya. «Du bist nicht mein Weib, du, die da spricht.»

«Du hast recht. Es ist Amagatas Weib, das zu dir spricht.»

«Sagtest du nicht immer, daß du mich mehr liebst als Amagata?» sagte Omiya

rasch.

«Du sagtest mir, Amagata hätte sterbend gewünscht, daß ich dich, Omiya,

lieben sollte; darum heiratete ich dich, seinen Freund. Aber niemals habe

ich dir gesagt und niemals dir gestanden, daß ich nur deshalb auf der Erde

blieb, nachdem Amagata tot war, um sein Kind zu gebären, damit dieses so

glücklich würde, wie ich glücklich war an meinem Hochzeitsmittag mit

Amagata auf dem See. Das Glück, das ich in Amagatas Armen auf dem See

draußen zum ersten Male genoß, wollte ich verlängern, wollte seinen Sohn

gebären und nicht sterben, bis Amagatas Fleisch und Blut die Liebe kennen

lernen würde und die glücklichsten Liebessekunden, wie ich sie gekannt

habe. Amagata, mein toter Geliebter, sollte in seinem Sohn für mich

weiteratmen.»

«Verflucht!» brüllte Omiya. Und seine Kehle gurgelte wilde Laute, wie die

Kehle eines, der im dunkeln Wasser um sich schlägt und Wasser schluckt und

schreien will und um sich speit und nicht Luft zum Schreien findet.

Dann verlosch die Blendlaterne. Es geschah scheinbar nichts im Dunkeln.

Kein Seufzen, kein Schrei mehr. Doch fanden am Morgen die Leute von Ozu die

kleine, blasse Frau des Omiya erwürgt neben der Leiche ihres ertrunkenen

Sohnes.

Omiya aber blieb unauffindbar und ungestraft, was gleich ist mit der

größten Strafe der Götter.

Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten · 第 10 / 16 题