Den Nachtregen regnen hören in Karasaki

Kiri war der einzige Sohn der «Wolke vor dem Mond», -- so hieß seine

Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den

Fischfanggeräten und einer kleinen, struppigen Strandhütte besaßen Kiris

Eltern nichts.

«Doch wir sind reicher», sagte Kiri immer, «reicher als die

Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von

Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns

Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles was darin ist; der

Biwasee ist unser Königreich.»

In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als

sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie

nannten ihn den Fischkönig von Karasaki.

Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach

oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der

Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe

Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf

ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den

Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri

fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn

sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu

passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und

sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine

Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am großen

Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür

waagrecht im Winde flattern ließen.

Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen

für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war,

aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und

gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen.

Sie hieß «Perlmutterfüßchen» und war Kiri besonders von seiner Mutter und

von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.

Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer

träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte.

Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von

Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den

Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah;

aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, «der Wolke vor dem Mond»,

erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag

Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am

Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam,

vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie

Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte.

In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein

Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten

fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich

der junge Fischer allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot

begegnete, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von

anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris

Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten

Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die

Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog

zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. So

oft er auch das Fischnetz hob, -- es war leer, und nicht die kleinste

Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, -- nichts hing in den nassen

Maschen.

Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von

fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der

Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel

am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der

Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck

entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren,

soviel er auch ruderte.

Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot

gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki

fürchten, sein Boot festhielt, und daß das blasse Licht, das durch den

rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war,

dem er nicht mehr ausweichen konnte.

Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann

schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das

alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet,

gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und

wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch

sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der

nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen

Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den

Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei

den Menschen der Nabel ist.

«Guten Abend, Kiri», sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. «Warum hast

du kein Licht an deinem Boot?» sagte die Stimme eines Mädchens. «Kannst du

nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen

lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslöschte. Kiri,

schläfst du? Höre doch und mache Licht!»

«Wer bist du?» getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.

«Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell

dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr», sagte die

Stimme im Dunkel, «weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal

verließen?»

«Nein, ich kenne dich noch nicht», gab Kiri zurück. Und sein Herz suchte in

allen seinen Erinnerungen. Und wie er grübelte, wurde es seltsamerweise

Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer, -- er lag auf der Altane eines

Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben

ihm auf einem flachen Seidenkissen saß ein schönes junges Mädchen und

sagte: «Samurai, kennst du mich jetzt?» Und er sah sie an und grübelte

wieder in seinen Erinnerungen und sah über das Altanengeländer einen

Zwerggarten mit kleinen Brücken und kleinen Felsen. Und unter einer der

kleinsten Brücken ging eben das letzte Stückchen der Abendsonne unter. Und

Kiri grübelte, und der erste Stern erschien über dem lautlosen Zwerggarten.

Aber der junge Mann erkannte das Mädchen nicht, und er erkannte auch das

Haus noch nicht, trotzdem er wußte, daß es sein Haus war. Doch es lag nicht

am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines

reichen Adeligen aus der Kriegerkaste.

Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, daß sie nicht mehr die grobe

Hand eines Fischers war. Und Kiri grübelte und hörte plötzlich einen Laut,

wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andröhnen. Er fragte das Mädchen

neben sich auf der Altane: «Welches Fest ist heute, weil alle Tempel

rufen?»

«Es ist kein Fest», sagte das Mädchen und war rot und leuchtete wie eine

Fackel, trotzdem kein Licht auf dem Altan brannte.

Und Kiri grübelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch

die Erde unter ihm dröhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und

zu rufen.

«Es ist kein Fest, es ist ein Krieg», sagte Kiri plötzlich. «Was ist das

für ein Krieg um die Tempel und auf der Erde?» fragte er von neuem das

Mädchen.

Dieses wurde blaß und leuchtete weiß wie ein Metallspiegel und sagte: «Es

ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der

Erde.» Dabei bog sie sich über ihn, legte ihre Wange an Kiris Ohr und ihre

Hand auf sein Herz.

Da wurde es still draußen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die

Sterne über dem Garten verschwanden, und Kiri hörte, wie ein leiser Regen

begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, daß das

Mädchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Sänfte legen

ließ und sich selbst zu ihm hinein in die Sänfte kauerte. Und der Regen

regnete leise auf das Dach der Sänfte, wie das Getrippel einer tanzenden

Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob

Kiri aus der Sänfte heraus. Er ließ alles geschehen und sah nur mit offenen

Augen zu, daß man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes, großes Boot,

ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine große

rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des

Goldlackhauses. Und Kiri hörte wieder den Regen auf das Dach trippeln, wie

die Füße von hundert Tänzerinnen. Neben ihm saß das junge Mädchen, dessen

Arme ließen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tür des

Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelöscht wurde und wieder

angezündet, daß es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nächte

vergingen, das wußte er nicht.

Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die

Sonne am Tage hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tür des

Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhörte, wenn das Mädchen neben

ihm für einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an

seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze.

Allmählich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages übte er

keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen

Gesicht des jungen Mädchens: es gefiel ihr nicht, daß er den Regen

vergessen, daß er sich aufrichten und sich umsehen konnte.

Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten · 第 7 / 16 题