Hanake hatte allen Körperschmuck, den ein japanisches Mädchen sitzend,
trippelnd und liegend zeigen muß, um zu den göttlichen Schönheiten der
Vergänglichkeit gezählt zu werden. Ihr Hals war biegsam wie eine
Reiherfeder, ihre Arme kurz wie die Flügel eines noch nicht flüggen
Sperlings. Saß sie auf der Matte und bereitete ihren Tee, so arbeitete sie
vorsichtig wie unter einer Glasglocke. Ging sie abends mit ihrer Dienerin
auf den hohen Holzschuhen zum Theater, so war sie unauffällig, als hätte
sich ihr Körper mit der Sonne zur Ruhe gelegt, und als ginge nur ihr
Schatten mit der Dienerin und der Papierlaterne den Weg zu den Schatten.
Lag sie in der Nacht hinter den geschlossenen Papierwänden ihres Hauses mit
frisiertem Kopf auf der Schlummerrolle und zog mit den Fingerspitzen den
seidenen Schlafsack ans Kinn, so war ihr feines, vom Mond beschienenes
Gesicht vornehm, als wäre es aus Jadestein geschnitten und erschien
unzerbrechlich und unvergänglich.
Hanake war das reichste Mädchen am Biwasee, nicht bloß reich an der äußeren
Schönheit, welche die Frauen ruhig und wunschlos macht, -- auch reich an
Besitz. Die Götter der Vergänglichkeit hatten sie mit ihren glänzendsten
Geschenken, mit Schönheit und Geld, verwöhnt. Aber auch die Göttin der
Unendlichkeit hatte ihr eine Seele in die Augen gegeben, so daß ihre Augen
weinen konnten, denn die Wollust der Träne ist das höchste Geschenk dieser
Göttin.
Lange, ehe der Krieg Japans mit Rußland begann, hörte Hanake in ihrem Hause
am Biwasee von Freunden und Freundinnen, die im Sommer über die Berge von
Kioto zum Besuch zu ihr an den See kamen, daß die Fremden vom Westen wie
böse Heuschreckenschwärme in Japan erwartet würden, um die Männer zu töten,
die Frauen zu verschleppen und sich in das Land zu teilen. Auf dem Biwasee
würde man dann bald Schiffe sehen, die Rauch ausstießen und die Seetiefe
mit Schrauben aufwühlten. Auf Eisen würden bald Eisenwagen, rasselnd wie
Gewitterwolken, täglich durch Japan eilen. Diese Wagen würden die Fremden
in Massen nach Kioto und an die Ufer des Biwasees bringen. Die leichten
Vogelkäfige der Bambushäuser würden verschwinden, und Steinhäuser, wie man
sie im Westen der Erde baut, würden zum Himmel wachsen, und überall würde
dann Rauch und Eisenlärm sein. Denn die Fremden lieben das Eisenrasseln und
können ohne die betäubende Stimme des Eisens nicht leben: sie lieben, das
Leben als einen ewigen Krieg anzusehen. Sie sind wie Donnergötter
ungeduldig und aufstampfend, und sie werden schlimmer als Wolkenbrüche und
schlimmer als Taifun Japan verheeren, so sagte man.
Hanake, die keine Eltern hatte und nur mit ein paar Dienerinnen und Dienern
noch das Haus ihres Vaters bewohnte, hörte gruselnd die Berichte ihrer
Freunde und erfand mit ihren Freundinnen kleine Spottlieder, welche die
Dämonen des Westens verhöhnten, Lieder, die sie abends bei den Bootfahrten
in lampenerleuchteten Booten auf dem Biwasee sangen.
Eines Abends -- die Sonne war eben untergegangen, der See war hell, als
wäre er aus Porzellan, weiß und glänzend, der Himmel war golden, als hätte
Hanake eine ihrer Truhen geöffnet, die aus Goldlack waren, und die
Geheimfächer enthielten, -- trat Hanake auf den Landungssteg, der vor ihrem
Haus in den See reichte, und den links und rechts hohes Schilf umwiegte.
In der Richtung nach Yabase erschienen drei Segelboote. Die drei Segel
glitten wie senkrechte Papierwände über das abendglatte Wasser. Man sah
keine Menschen; denn jedes Segel reichte so tief, daß es das Boot
verdeckte. Die aufgepflanzten Segel wurden größer und kamen näher: Hanake
fühlte eine Bangigkeit, als kämen mit den drei Segeln drei weiße,
unbeschriebene Blätter aus ihrem Schicksalsbuch geschwommen, und plötzlich
las sie, als eine Sekunde von Windstille die Segel schlaff werden ließ, ein
japanisches Schriftzeichen, zufällig entstanden aus den Falten jeder
Segelleinwand. Das erste Boot sagte: «Ich grüße dich.» Das zweite Boot
sagte: «Ich liebe dich.» Das dritte Boot sagte: «Ich töte dich.»
Nach der kurzen Windstille, die knappe Sekunden dauerte, wechselte der See
seine Farbe; wie vergossene schwarze Tusche über weißes Papier lief eine
Finsternis über die Seefläche, und ganz unvermittelt setzte ein
trompetender Seesturm ein, der alle drei Segel fast flach auf das Wasser
legte, als müßte die Leinwand den Seeschaum reiben; Hanake tat einen Schrei
vor Entsetzen, da sie glaubte, die Segelboote müßten unter dem plötzlichen
Wind und in den kreiselnden Wellen versinken.
Aber die drei Boote hoben sich wieder. Geschickte Hände regierten die
Segel. Doch dieses sah Hanake nicht mehr. Sie hatte zugleich mit dem
Schrei, als das aufgeregte Schilf ihr um den Nacken schlug, einen Sprung in
die Luft gemacht wie eine elektrisierte Katze und war in das Wasser
gefallen; und als sie die Augen öffnete, sah sie ein Rudel Fische und
wußte, daß sie unter dem Wasser war, als wäre sie selbst ein Fisch. Dann
verlor sie das Bewußtsein.
Als sie aufwachte, lag sie in ihrem Zimmer. Es war Nacht, eine Kerze
brannte, und ihre Lieblingsmagd, welche «Singende Seemuschel» hieß, kniete
neben ihr und weinte in beide Hände. Man hatte sie umgekleidet, aber sie
roch noch das Seewasser, von dem ihr Haar naß war, und sie besann sich
sofort wieder auf die drei Schiffe, und ihre erste Frage war: «Sind die
drei Segelboote, die aus Yabase kamen, untergegangen?»
Die Magd antwortete nicht, hörte auf zu weinen und streichelte die Hände
ihrer Herrin, entzückt, sie wieder lebend zu sehen.
«Sind die drei Segelboote untergegangen?» fragte Hanake beharrlich.
Aber die Singende Seemuschel hatte keine Segelboote gesehen. Die Magd hatte
die Herrin auf dem Kies im Schilf gefunden und geglaubt, das junge Mädchen
sei von der Landungsbrücke ins Wasser gefallen und habe sich durch einen
Zufall selbst gerettet.
«Schiebe die Seefenster auf», sagte Hanake zur Magd. Diese tat, wie ihr
befohlen. Draußen lagen der See und der Himmel wie ein einziges schwarzes
Loch: kein Stern, kein Mond, kein Licht auf dem See. Hanakes Fenster
schienen in einen Abgrund zu schauen, und dem jungen Mädchen war, als müsse
sie zum zweitenmal ertrinken, so schmerzhaft wurde ihr die Finsternis
draußen. Und in ihrer Brust war eine Leere, so unendlich wie die Nacht über
dem Biwasee, als habe sie einen großen Verlust erlitten, als wäre mit den
drei Booten ihr Herz fortgezogen; und totenstill war das kleine Bambushaus.
«Schließe die Fenster und hole mir den grauen Papagei, nicht den grünen und
nicht den gelben, -- den grauen, Singende Seemuschel, den mein Vetter mir
vor ein paar Wochen mitgebracht hat aus Nagasaki.»
Die Magd gehorchte, brachte den grauen Papagei und wurde dann von ihrer
Herrin schlafen geschickt. Aber sie hörte in der Nacht bis zum Morgen, wie
Hanake ihrem grauen Papagei drei Sätze lehrte: Ich grüße dich! Ich liebe
dich! Ich töte dich! Und sie sah an der weißen Papierwand den Schatten
ihrer Herrin aufrecht neben dem Schatten des Vogels sitzen. Und immer, wenn
der Vogel sagen sollte: Ich liebe dich!, dann lachte er so unheimlich
knarrend, daß es der Magd gruselte. Während der ganzen Nacht lachten und
sprachen Hanake und ihr Vogel zusammen. Und ganz früh rief Hanake zwei
Dienerinnen, die sie frisierten, und Seemuschel, die Lieblingsmagd, die
alle Verstecke des Hauses kannte, mußte aus dem ältesten Lackkasten zwei
winzige kostbare Satsumavasen holen, die sich in der Familie seit Hunderten
von Jahren vererbt hatten, und mußte am Seeufer zwei Schwertlilien
abschneiden, eine blaue und eine gelbe. Die Vasen mit je einer Lilie wurden
von Hanake in eine Nische gestellt und ein auf weiße Seide geschriebenes
Gedicht eigenhändig an die Wand gehängt. Das Gedicht hieß:
Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
Mein Herz, mein leises,
Mein Auge, mein heißes, --
Die Menschen, die einsam sind,
Sind wie die Boote von Yabase,
Die blaß hintreiben im Abendwind.
Hanake hatte an diesem Tag allen ihren Freunden und Freundinnen absagen
lassen und saß drei Stunden vor Sonnenuntergang schon am Fenster, das auf
den See sah. Auf dem Seespiegel brannte die Sonne wie ein helles Herdfeuer,
und Hanake hielt einen Fächer zwischen sich und das grelle Licht. Aber von
Zeit zu Zeit strengte sie sich an, dem Licht zu trotzen, und suchte mit
aufmerksamen Augen die funkelnde Seefläche ab und wünschte die drei Segel
herbei, die gestern abend ihre Ruhe mit fortgenommen hatten. Auf Hanakes
Kleid waren Schwertlilien gewebt, blaue und gelbe auf silbrigem Grund, und
ihr Kopf sah aus der silbrigen Seide, als schaute er aus dem Kamm einer
hellen Welle.
Sie hatte seit gestern abend noch nicht geschlafen, und das Schauen auf die
sonnenfeurige Seefläche brannte ihr fast die Augen aus, so daß sie für
einen Augenblick die Augenlider schloß und, ohne es zu wissen, einschlief.
Sie hatte vielleicht eine kleine Stunde geschlafen, da weckte sie der graue
Papagei, der ihr auf die Schulter kletterte und ihr ins Ohr krächzte: «Ich
liebe dich!» und dazu schnarrend lachte.
Hanake hob das Köpfchen aus der silbrigen Seide und sah am Landungssteg
ein großes gerafftes Segel. Das war so nah an ihrem Fenster, daß sie die
Segelleinwand an die Maststange klatschen hörte. Sie bog sich vorsichtig
aus dem Fenster und sah, daß das Segelboot festgebunden war. Aber im Boot
war kein Mensch zu sehen.
Das ist eines der drei Boote, sagte atemstockend ihr heimkehrendes Herz.
Aber sie wußte nicht, war es das erste, das zweite oder das dritte Boot.
Da trat ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, herein und brachte
einen zusammengerollten Brief.
«O Herrin, diesen Brief sollt Ihr lesen und Euch für einen hohen Besuch
bereit halten», flüsterte die Magd.
Im Brief stand: «Gestern, als wir nach Sonnenuntergang bei Deinem Hause
kreuzten, schöne Hanake, hatten wir das Unglück, Dich zu erschrecken, aber
auch das Glück, Dir das Leben zu retten. Und das allergrößte Glück, Dich zu
sehen, um Dich nie mehr zu vergessen, wurde mir zuteil. Ich sende Dir heute
meinen treuesten Freund, der Dich gestern rettete, der Dich heute zu mir
über den See bringen soll und in meine Arme, die Dich sehnsüchtig erwarten.
Ich grüße Dich, Hanake.»
Der Brief war unterschrieben mit dem Namen eines jungen Prinzen aus dem
kaiserlichen Hause. Und Hanake wußte als guterzogene Japanerin, daß es eine
ungeheure Ehre bedeutete, daß ein kaiserlicher Prinz sie seiner Liebe
würdigte, und sie ließ den Freund des Prinzen sogleich zu sich herein ins
Zimmer bitten.
Die Diele zitterte, und ein prächtiger junger Mann trat ein. Hanake fiel
vor ihm auf die Kniee und berührte mit der Stirn die Diele, wie es die
japanische Begrüßungssitte vorschreibt. Aber es war nicht, als ob ein
Mensch, sondern als ob ein stürmisches kleines Pferd ins Zimmer gekommen
sei. Sie hörte den Mann mit beiden Füßen mehrmals kräftig aufstampfen, und
aus seiner Brust drangen ein paar hohle seufzende Laute.
Hanake wartete mit gesenktem Angesicht lange Zeit auf die Anrede des
kaiserlichen Gesandten, denn sie durfte sich erst erheben, wenn der
Begrüßte sie dazu aufforderte.
Nach einer Weile, als immer noch keine Anrede erfolgte, hob Hanake leicht
ihr Gesicht von der Diele, die noch unter den stampfenden Füßen des Mannes
zitterte. Wie zwei Steine aus einer Schleuder geworfen, fielen des jungen
Mannes starke Augen in des Mädchens blinzelnden Blick. «Ich liebe dich!»
schrien ihr diese ungeduldigen Augen entgegen, und Hanake senkte von neuem
ihr Gesicht, das abwechselnd weiß und rot wurde, von Blutfülle und
Blutschwäche.
«Antworte!» sagte plötzlich der Mann laut.
«Ich liebe dich!» sagte Hanake, tief auf die Diele gebeugt, als wäre die
Diele ein Ohr, in das sie hineinflüsterte. Zugleich fiel ihr ein, daß der
Befehl «Antworte!» sich wahrscheinlich auf den Brief des Prinzen bezogen
habe. Aber es war nicht mehr zurückzunehmen. Ihre Lippen hatten deutlich
gesprochen: «Ich liebe dich!» und den zwei Männeraugen geantwortet, die sie
gefragt hatten.
Dann fühlte sich das junge Mädchen von zwei hastigen Händen um den Leib
gefaßt. Wie ein Häufchen Seide hob sie der ungeduldige Mann hoch und trug
sie aus dem Hause, den Landungssteg entlang. In demselben Augenblick hatte
sich der Abendwind erhoben, und der seidene Ärmel von Hanakes Kleid
bauschte sich und fiel wie eine Kapuze über den Kopf des Mannes, der sie
auf den Armen trug. Und als Hanake aufsah, und ehe sie noch den Ärmel
zurückziehen konnte, erblickte sie ein zweites großes Segel, das eben an
der Landungsbrücke vorbeizog. Ein Schauder, kälter als der Wind, rieselte
ihr über die Haut. Denn in dem Boot stand ein Mann, der war kein Japaner.
Er hatte keine schöne gelbe Elfenbeinhaut. Er war grau im Gesicht wie
Moder, wie ein Stein, der lange auf dem Seegrund gelegen hat, und seine
Haut war runzlig wie die Haut der Kröten. Er hatte ein erschreckend gelbes
Haar. Das war hell wie Hobelspäne, und seine Augen waren fischblau, und
eine unordentliche Seele blickte Hanake wirr an, als stürze ein surrendes
häßliches Insekt auf Hanake los und wolle sie stechen. Sie wußte: es war
der Amerikaner, der abends hier am Biwasee im Uferschilf Wildenten jagte.
Morgens und abends hatte sie oft den Knall aus seiner Jagdbüchse gehört,
und dann waren, zu Tode geängstigt, kreischend und entsetzt, Scharen von
Wildenten über Hanakes Haus fortgeflogen.
Das junge Mädchen wartete eine Sekunde; es ließ das Boot des häßlichen
Fremden vorübergleiten und zog dann erst den Ärmel vom Kopf des Geliebten.
Denn daß der Mann, der sie trug, ihr Geliebter war, sagten ihr seine Hände,
die beim Tragen Hanakes Blut anredeten und ihr von großen Zärtlichkeiten
erzählten, die sie ihr glühend versprachen.
Nach einer Weile ging das Boot vor dem Wind, und drinnen lag Hanake mit dem
Kopf zwischen den Knien des Mannes, der wie ein Feuerdrache in Hanakes Haus
gestürzt war, und der wie ein großer Zauberer den Biwasee jetzt in ein
riesiges Seidenbett verwandelt hatte, darinnen die beiden eingebettet
lagen. Und Hanake sah das Wasser ohne Grenzen, den Himmel ohne Grenzen und
die Liebe zu dem plötzlich erschienenen Mann ohne Grenzen.
Sie fragte nicht: «Wie heißt du?» Sein Name war ohne Namen. Sie fragte
nicht: «Wohin fahren wir?» Ihre Fahrt war ohne Fahrt. Das Segel stand
senkrecht zwischen Wasser und Himmel, und sie wußte, das Segel hatte ein
Spiegelbild unten im See, so wie ihr Gesicht im Schoß des Mannes das
Spiegelbild des geliebten Gesichtes geworden war.
Das Segelboot glitt nah am Schilfufer hin. Das Mädchen verstand: der Mann
vermied es, auf die Höhe des Sees zu segeln, damit nicht Boote, die von
Yabase kämen, ihnen begegneten.
Da knallte ein Schuß im Röhricht, und braune Wildenten strichen aus dem
Schilf heraus aufkreischend über die Seefläche. Ein zweiter Schuß schallt,
und Hanakes Geliebter wirft die Arme in die Luft, springt auf, wie von
einem Strick in die Höhe gerissen, und stürzt kopfüber in den abenddunkeln
See. Kein Schrei; nur das Aufklatschen des Wassers und der Hall der Schüsse
am Ufer des Biwasees entlang springt durch die Stille. Hanake greift
unwillkürlich mit beiden Händen über den Bootrand in das Wasser, wohin der
Geliebte verschwand, und als sie die Hände aus dem Wasser zieht, sind sie
blutig. Sie fällt lautlos auf den Boden des Bootes, das im Winde
weitertreibt.
Hanakes Diener sehen vom Fenster, daß das Boot, in dem die Herrin
fortfuhr, draußen nicht weit vom Ufer steuerlos im Kreise treibt und daß
ein anderes Boot aus dem Schilf heraus die Seewölbung ersteigt und hinter
dem Wasser verschwindet. Ein paar der Diener schwimmen hinaus und bringen
das Boot mit der ohnmächtigen Hanake an den Landungssteg.
Zur gleichen Stunde wie am vorhergehenden Abend liegt Hanake ohnmächtig in
dem Zimmer, das auf den See geht, bei derselben Kerze, die gestern brannte,
sitzt ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, und wartet auf das
Erwachen ihrer Herrin.
Als diese gar nicht zu sich kommen will, kommt die Magd auf den Einfall,
den grauen Papagei zu holen, der von den drei Sätzen immer nur den einen
gelernt hat: Ich liebe dich. Als sie den Vogel neben die Kerze in das
Gemach bringt, schreit er sofort: «Ich liebe dich!» Da zuckt das Gesicht
der ohnmächtigen Hanake zusammen, als habe ihr einer einen unendlichen
Schmerz angetan. Ihre Lippen seufzen tief auf, ihr Gesicht verändert die
Farbe und wird wie Asche im Aschentopf, der neben der Kerze steht. Die Magd
beugt sich erschrocken über ihre Herrin, und wie sie noch zweifelt: Ist das
der Tod, der Hanake so entfärbt?, da schüttelt der Papagei sein Gefieder,
schlägt mit den Flügeln um sich und schreit plötzlich und unvermittelt:
«Ich töte dich!»
Die Singende Seemuschel starrt entsetzt den Vogel an, dessen großer
Schatten vor der Kerze wie der Schatten eines mächtigen, schwarzen Segels
über die Wände des Gemaches fliegt.
Die Magd greift mit beiden Händen nach dem um sich schlagenden Papagei. Der
Vogel schreit zum zweitenmal: «Ich töte dich!» Die Hände der Magd packen
das Tier und drücken dem Papagei den Hals zu, damit er nicht zum drittenmal
das schauerliche «Ich töte dich!» schreien kann. Der Vogel verdreht seine
Augen, läßt mit einem Ruck die Flügel schlaff hängen, spreizt die Krallen
und hängt als lebloser Vogelbalg in den Händen der Magd.
Hanake schlägt die Augen auf. Die Magd wirft die Vogelleiche auf die Diele
und ruft:
«O Herrin, Ihr kommt wieder! Ihr wart weit fort!»
Hanake richtet sich auf, sitzt auf der Diele und sagt in Gedanken:
«Ich glaube, ich komme von den Toten.»
Dann sprach sie lange nicht mehr. Sie sah nicht den toten Papagei. Sie
weinte nicht über den Tod ihres Geliebten. Sie ließ sich von der Magd
umkleiden, und als ihr diese ein Hauskleid bringen wollte, sagte sie, und
ihre Augen sahen durchdringend durch die geschlossenen Wände des Hauses:
«Ich sehe im Abend Boote von Yabase kommen. Ich sehe, man bringt mir ein
rotes Scharlachkleid, wie es die Hofdamen tragen. Aber die hundert Segel,
die jetzt von Yabase kommen, zeigen in den Segelfalten keine Schriftzeichen
mehr. Jedes Segel ist glatt wie eine leere Hand. Hundert leere Hände kommen
in mein Haus.
Bringe mir ein weißseidenes Unterkleid, Singende Seemuschel, damit ich das
rote Scharlachkleid, das man mitbringt, darüber ziehen kann.»
Die Magd widersprach ihrer Herrin nicht. Sie öffnete nur ein wenig die
Schiebewand nach dem See. Aber sie sah keine Lichter von Booten in der
Nacht draußen, kein Bootskiel rauschte im Wasser, nur das Schilf zischte
unten um das Haus und in der Ferne um den Landungssteg.
Hanake ist hellsehend geworden, dachte die Magd. Dann ging sie durch die
Kammern des Hauses nach den Wandschränken, wo die Kleider gefaltet in
großen Lacktruhen lagen. Sie ließ sich von zwei Mägden leuchten. Und die
eine Magd erzählte halblaut:
«Wißt ihr schon, unsere Männer, die zur Nachtzeit aus Yabase herüberkamen,
sagten, man erzählte sich in allen Teehäusern, daß der Freund eines
kaiserlichen Prinzen von einem Europäer auf dem See erschossen worden sei.
Der blutige Körper des Toten wurde in Yabase auf den Kies gespült, und
heimkehrende Boote haben gesehen, wie der fliehende Europäer, der Wildenten
im Schilf gejagt hat, durch einen Fehlschuß den Freund des Prinzen tötete.
Der Prinz selbst kam dann an das Ufer, wo die Leiche seines Freundes lag.
Der Prinz hat seinen Freund lange angesehen, aber nicht geweint, sagen die
Leute. Er hat gefragt, ob in der Nacht noch jemand über den See fährt; und
als er hörte, daß unsere Männer noch über den See fuhren, sandte er eine
kleine Kleidertruhe und ließ sie in das Boot unserer Männer stellen. Die
Truhe ist für Hanake. Morgen, ehe die Sonne im Mittag steht, wird der Prinz
selbst zu Hanake kommen, sagte ein kaiserlicher Diener heimlich zu unsern
Männern.»
«In der Truhe ist ein rotes Scharlachkleid für Hanake», sagte die Singende
Seemuschel zu den Mägden.
«Woher weißt du das?» fragten beide Mägde erstaunt. «Niemand durfte bis
jetzt in die Truhe sehen.»
«Wir wissen das bestimmt», nickte die Gefragte.
Sie nahm das weißseidene Unterkleid über den Arm und schickte die Mägde in
die Küche. --
Am nächsten Tag um die Mittagstunde kam ein Segel auf Hanakes Haus zu.
Die Singende Seemuschel sagte zu Hanake, die im Purpurkleid auf der Altane
saß und weiß und rosa geschminkt war, so dick gepudert und geschminkt, als
verbärge sie das Gesicht hinter einer rot und weißen Maske:
«Das ist nicht der Prinz, der da kommt. Denn ich sehe nur _ein_ Segel,
Herrin, und Ihr sagtet gestern nacht voraus, es würden hundert Segel
kommen. Alles, was Ihr sagtet, als Ihr von den Toten erwachtet, ist
eingetroffen. Wenn aber der Prinz nur in _einem_ Boot kommt, dann habt Ihr
Euch geirrt, weil Ihr von hundert Booten gestern redetet.»
«Schweig und empfange den Prinzen», sagte Hanake mit einer fast männlichen
Stimme, die die Magd nie an ihr gehört hatte. «Geh mit allen Mägden und
allen Dienern dem Prinzen zur Landungsbrücke entgegen, denn ich kann noch
nicht gehen, meine Füße zittern noch. Ich kann den Prinzen nur hier im
Hause empfangen.
Als ich im Tode lag unter den Toten, aber mit meinem Geliebten nicht
vereinigt war, fragte meine Seele alle Toten:
'Was habe ich getan, daß ich meinen Geliebten nicht unter den Toten finde?'
'Du hast noch dem Leben verweigerten Gehorsam zu geben,' sagten die Toten,
und ich erwachte wieder.
Ich weiß es, ich habe gefrevelt. Ich habe meinen Leib einem Prinzen, einem
Sohn des Himmels, entziehen wollen und habe einen andern Mann umarmt. Aber
der Geliebte konnte meinen Leib nicht mit in den Tod nehmen weil ich erst
lernen mußte, dem Leben zu gehorchen.»
Die Magd weinte über Hanakes Worte. Aber Hanake verbot es ihr und sagte:
«Wir wollen nicht neuen Ungehorsam auf dies Haus laden. Ich darf nicht
weinen, wenn ich auch bis an die Augen voll Trauer bin. Meine Füße aber
zittern, und ich kann dem Prinzen nicht entgegen gehen. Ich kann meine Füße
noch nicht zum Gehorsam zwingen.
Wenn der Prinz dich fragt: 'Wo ist Hanake?', sage, und laß dir nichts
merken, sage: 'Verzeihung, Sohn des Himmels, meine Herrin trauert um ihren
toten Lieblingspapagei. Aber wenn meine Herrin des Prinzen Angesicht sieht,
wird ihre Trauer zur Freude werden und doppelt glänzen, wie dein weißes
Segelboot, o Herr, im Biwasee.'» --
Und wie der Schiller auf starrem, poliertem Porzellan glänzte Hanake bis
zum Abend, so lange der Prinz in ihrem Hause war und mit ihr spielte. Und
auch als sie ihr Scharlachkleid öffnete und ihren kleinen weißgepuderten
Leib nackt in die Arme des Prinzen legte, sang sie Lieder und zwitscherte
mit den Lippen. Der Prinz sagte am Abend:
«Dein Leib ist mir lieb, weil er kühl ist wie die Schneeflocken und mich
aufweckt wie die Kälte am Wintermorgen.
Und nun singe mir noch zum Abschied das Lied vom Biwasee, das nur auf weiße
Seide geschrieben werden darf.»
Die Singende Seemuschel saß hinter der Papierwand im Nebenzimmer, wo sie
die Gitarre spielen mußte, so lange der Prinz die nackte Hanake umarmte.
Aber als die treue Magd hörte, daß der Prinz das Lied von ihrer Herrin
verlangte, das nur eine sehnsüchtig Liebende singen darf, da konnte sie
sich nicht mehr des Schluchzens erwehren. Und während die Hände der
Singenden Seemuschel auf der Gitarre spielten, wimmerte ihre schluchzende
Brust.
Hanake, die in ihr Scharlachkleid schlüpfte, raschelte mit der Seide, damit
der Prinz das Wimmern der Magd nicht höre. Dann wollte sie singen. Aber der
Prinz fragte, ehe sie begann:
«Weint jemand hinter der Wand?»
«O nein», lächelte Hanake, «das sind nur Brieftauben, die ich in einem
Käfig halte, und ihre Kröpfe glucksen, weil sie zu viel gefüttert wurden.»
«Singe jetzt!» sagte der Prinz.
Das Wimmern hinter der Papierwand verstummte, und Hanake sang das Lied:
Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
Mein Herz, mein leises,
Mein Auge, mein heißes, --
Die Menschen, die einsam sind,
Sind wie die Boote von Yabase,
Die blaß hintreiben im Abendwind.
Hanake hatte während des Singens ihren Kopf in den Schoß des Prinzen gelegt
und mit offenen Augen zur Decke gestarrt. Ihr Körper war in derselben
Stellung wie an jenem Abend auf dem Biwasee im Boot, als sie mit dem Kopf
im Schoß ihres Geliebten gelegen.
Plötzlich fährt Hanake, wie von einem Schuß getroffen, auf. Sie wirft die
Arme in die Luft und fällt ohne Aufschrei auf die Diele, wo sie in tiefer
Ohnmacht liegen bleibt.
Der Prinz wird blaß. Auf seinen Ruf kommt die Magd hinter der Papierwand
vor. Der Prinz sieht die verweinten Augen derselben und denkt, daß Magd und
Herrin wirklich in Trauer seien über den toten Papagei. Er ist erstaunt
darüber und sagt: «Deine Herrin ist noch schwach von Trauer über ihren
toten Papagei. Pflege deine Herrin; und wenn sie aufwacht, sage ihr, ich
käme morgen abend und hundertmal wieder.»
Die Magd verneigt sich vor dem Prinzen, sie verbirgt ihre verweinten Augen
und lügt:
«Sohn des Himmels, verzeiht meiner Herrin! Aber der Tod ihres Papageis ging
ihr nicht so sehr zu Herzen wie jetzt der Abschied von Euch. Die Trauer
darüber hat sie gleich einer Ohnmacht überfallen.» --
Als Hanake wieder zu sich kommt, sieht sie fern im Abend über dem Biwasee
das verschwindende Segel des kaiserlichen Bootes, und das Kielwasser treibt
eine lange schwarzlinige Welle von der Mitte des Sees bis an Hanakes Haus.
Hanake murmelt: «Die Magd sagt: hundertmal wird er wiederkommen! Ich will
lieber _hundert_ verschiedene Männer umarmen, ihr Götter! Erlaßt es mir,
_einem_ Mann Liebe heucheln zu müssen _hundertmal_ hintereinander. Ich
schwöre euch: ich will mich lieber auf dem Liebesmarkt zu Tokio hingeben,
wo fünftausend Mädchen sich jede Nacht einem andern Mann anbieten. Aber
erlaßt mir, o Götter, die Qual und bindet mich nicht hundert Nächte an den
einen Mann, der sich einredet, daß ich ihn liebe.»
Die untergehende Sonne schminkte den Himmel wie das Gesicht eines
Freudenmädchens. Karminrosig und violett silbrig färbten sich alle Wolken
über dem Biwasee, wie die fünftausend Mädchengesichter auf dem Liebesmarkt
zu Tokio.
Dann hörte Hanake lautes Gelächter, laute Männer- und Frauenstimmen, das
Räderrasseln von kleinen Rikschawagen und das Geschrei von Kulis. Eine
Schar ihrer Freunde und Freundinnen war in Wagen und Tragsesseln von der
Landstraße hergekommen und rief jetzt von draußen ins Haus nach Hanake.
Dann drängten die Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen in das
Nebenzimmer, und Hanakes Gesicht wurde wieder höflich und freundlich und
unbeschrieben wie eine weiße Eierschale.
Sie warf noch rasch einen Blick aus dem Fenster. Das Segel des kaiserlichen
Bootes war hinter der Seehöhe verschwunden. Der See lag gradlinig, und nur
wie eine kleine, schwarze Schnur zog sich am Horizont das Kielwasser des
verschwundenen Bootes hin. Die Kielwelle erreichte nicht mehr Hanakes Haus
und verlor sich wie ein abgerissenes Band draußen auf der Seefläche.
Hanakes Herz war leichter. Sie trat aus dem Seegemach in das
nebenanliegende Gemach, in das die Freunde hereindrängten. Das Haus war
jetzt voll von zwitschernden Frauenstimmen und gurgelnden Männerkehlen, die
den Atem auf japanische Sitte laut und achtungbezeugend einzogen.
Nachdem alle eine Weile voreinander auf den Knien gelegen hatten und sich
verbeugt hatten, rutschten alle zusammen, bildeten einen Halbkreis um
Hanake und hockten auf den Seidenkissen am Boden, und das Zimmer war laut
wie ein Baum, in dem eine Sperlingschar plaudert.
Gerüchte, daß ein kaiserlicher Prinz sich nach Hanake umsähe, hatten sich
bei den Freunden verbreitet; aber niemand wußte Genaues, und niemand wußte
vom Besuch des Prinzen. Alle waren des Mordes wegen gekommen, der sich auf
dem See in der Nähe von Hanakes Haus ereignet haben sollte. Sie wollten
wissen, ob Hanake den Schuß gehört habe? Ob der Europäer fehlgeschossen
oder auf den Japaner gezielt habe? Ob Hanake damals am Fenster gestanden
habe? Und ob nach dem Schuß das Seewasser rot von Blut gewesen sei? --
Hanakes Gesicht verlor keinen Augenblick die starre Politur. Die Magd hatte
ihr, als sie aus der Ohnmacht aufgewacht war, das Scharlachgewand
ausgezogen und ihr ein blaues Gewand gereicht, auf dem nur Seewellen und
Wolken eingewebt waren, und hatte die Schminke und den Puder erneuert und
den klingenden Haarschmuck in ihrem Haar fester gesteckt, als man das
Herannahen der Freunde hörte.
Jetzt reichten die Singende Seemuschel und die anderen Mägde den Gästen Tee
und Pfefferminzzucker herum und kleine, winzige Kuchenwürfel.
Als die Schar der Fragen sich wie eine Dornenhecke um Hanake aufbaute,
suchte die Singende Seemuschel nach einem rettenden Gedanken, um ihrer
Herrin zu helfen. Sie lief fort, holte den toten Papagei, kam wehklagend
herein und sagte:
«Ach, Herrin, seht, der Papagei liegt im Sterben!»
Aber wie war sie verblüfft, als Hanake sie abwies und lächelnd zu den
Gästen sagte:
«Ich glaube, meine Magd ist irrsinnig geworden von der Ehre, die uns heute
widerfuhr. Sie zeigt mir den Papagei, der seit gestern tot ist, und der uns
heute schon helfen mußte, einen kaiserlichen Prinzen zu belügen.»
Im Zimmer wurde es still, wie wenn alle Spatzen aus einem Baum fortgeflogen
sind.
Alle Gäste verstanden, daß der Prinz dagewesen war, alle verstanden, daß
Hanake ihn nicht liebte; und daß man einen Prinzen belügen könnte, war
ihnen auch noch verständlich. Aber welch ein Frevel, laut über den Sohn des
Himmels zu spotten und einzugestehen, daß man ihn belogen hatte!
Als wären allen Gästen die Teetassen aus den Händen gefallen, und als wäre
der Tee vergossen, so erschrocken saßen alle und starr. Keiner rührte mehr
einen Teeschluck an. Und als Hanake mit kalten, glitzernden Augen sagte:
«Der Prinz wird nicht von dieser Lüge sterben. Ich bin auch nicht an seiner
Liebe gestorben», -- da schlossen die Freundinnen vor Schreck ihre Augen.
Die Männer richteten sich auf, und wie eine Schar Krebse, die nach
rückwärts krabbelt, verließ die Freundesschar das Gemach, teils aus Furcht,
weil in diesem Haus gegen den Sohn des Himmels gefrevelt wurde, teils
erschrocken, vor Hochachtung, weil die Luft hier noch voll sein mußte von
der Leidenschaft und der Nähe des kaiserlichen Prinzen.
Unter kaum hörbar gewisperten Entschuldigungen verließen die letzten das
Haus, bestürzt und eilfertig, als wären die Zimmer des Hauses voll Feuer,
das sie alle verbrennen könnte.
Hanake aber ließ das Zimmer aufräumen, ließ sich von der Singenden
Seemuschel eine Schlummerrolle unter das Genick schieben, streckte sich auf
der Diele aus und schlief fest ein.
Am nächsten Abend erschien ein Segel auf der Seehöhe. Es kam wie ein
selbstbewußter Schwan lautlos auf Hanakes Haus zugeschwommen. Aber die
Landungsbrücke bei dem Hause blieb leer. Nur die Köpfe der Schilfblüten
bewegten sich und verneigten sich vor dem kaiserlichen Boot und vor dem
Prinzen, der ans Land stieg.
Die Papierfenster und die Bambustüren von Hanakes Haus waren geschlossen
und öffneten sich nicht, als der Prinz klopfen ließ. Wie eine Laterne ohne
Licht lag am See das gegitterte Holzhaus mit den weißen Papierscheiben. Ein
vorüberfahrender Schiffer in seinem Boot sagte den Leuten des Prinzen, daß
Hanake am Morgen alle ihre Dienstboten entlassen habe. Sie habe ihr Haus
zugeschlossen und sei nur mit einer Magd auf ihrem Segelboot in den See
hinausgefahren; aber niemand wußte, wohin die Fahrt gegangen.
Das kaiserliche Boot kreuzte die ganze Nacht auf der Seefläche in der Nähe
von Hanakes Haus. Aber die Papierfenster des Hauses blieben dunkel, und das
lautlose kaiserliche Boot verschwand gegen Morgen hinter der Seehöhe.
Am nächsten Abend kamen hundert kaiserliche Segelboote von Yabase. Sie
kamen an wie hundert weiße Fächer, die sich über den See spannten. Sie
kreuzten über den ganzen Biwasee, während der ganzen Nacht, von Ozu bis
Yabase, von Karasaki bis Katata, von Seta bis Amazu. Und als leuchteten sie
in die Unterwelt des Sees, so zogen sie die hellen Scheinbilder der
hundert weißen Segel durch die Seetiefe nach sich.
Die nächsten Abende wiederholte sich das Schauspiel der hundert Segelboote,
die Hanake suchen sollten, und die sich durch den Seenebel verteilten wie
hundert weiße Seidenspinnerschmetterlinge, die in einem grauen, riesigen
Spinnenwebnetz hängen geblieben wären. --
Jede kleine japanische Stadt eröffnet abends einen Liebesmarkt, der sich
Yoshiwara nennt. Der Yoshiwara in Tokio ist einer der größten Liebesmärkte
in Japan, wo die schönsten Mädchen vom Inland und aus allen Provinzen
zusammenkommen, wo sich verwaiste Mädchen vom Ertrag der Liebe zu ernähren
suchen, wo verarmte Mädchen mit dem Erlös der Liebe ihre alten Eltern zu
erhalten suchen. Auf diesen Liebesmärkten verkauft sich die Liebe natürlich
und schandlos.
Unschuldig und feurig, wie die Sterne der Milchstraße nachts am Himmel,
beleuchten sich nach Sonnenuntergang die schöngepflegten, sauberen und
breiten Straßen des Liebesmarktes. Das große eiserne Gitter, das den
Stadtteil des Liebesmarktes von der Stadt trennt, steht, von Polizisten
bewacht, weit offen. Hinter dem offenen Tor, in der Mitte der
Eingangsstraße, zieht sich im Frühlingsabend eine rosige Wolke hin durch
die Luft: die rosigen Blüten blühender Kirschbäume, welche in der Mitte der
Straßenlinie eingehegt stehen.
Links und rechts von der Straße beleuchten die kleinen, einstöckigen Häuser
mit milden, weißen, langen Lampionketten ihre Balkone.
Lautlos und feierlich und ruhig beleuchtet, liegt hier der Weg offen zu den
fünftausend Mädchenschönheiten. In den weiten Seitenstraßen, welche die
Eingangsstraße kreuzen, beginnt der Liebesmarkt. Hier stehen saubere,
ebenfalls mit weißen Lampenketten erleuchtete Häuser. Die Erdgeschosse
aller dieser Häuser zu beiden Seiten der Straße zeigen große, offene,
vergoldete Gemächer. Die sind durch hölzerne Gitterstäbe wie goldene Käfige
von der Straße getrennt und innen beleuchtet von elektrischen Glühbirnen.
In jedem langen Gemach sitzen in einer Reihe der Straße entlang dreißig bis
fünfzig junge, schmalschultrige Mädchen, in blumige kostbare Seidengewänder
gehüllt. Jede sitzt auf einem kleinen Seidenkissen, wie ein Schaustück in
einem Schaufenster.
Die langen Reihen der weißgepuderten und rosageschminkten Gesichter, unter
schwarzen, hohen Frisuren, die mit goldenen Nadeln bedeckt sind, enden
nicht. Und Viertelstunde um Viertelstunde kannst du durch die Straßen
gehen, vorüber an den Heeren der Tausende von jungen Mädchen.
Die Wände jedes Gittergemaches sind schwer geschnitzt. Aus Goldlack und
rotem Lack stehen lebensgroße Bäume darin, springen lebensgroße Tiger und
Drachen an den Lackwänden entlang, fliegen lebensgroße Kraniche und
Paradiesvögel, größer als die kleinen Mädchen, an den Wänden der Gemächer
hin.
Wie dreißig weiße Perlen, in einer Reihe aufbewahrt in einer goldenen oder
roten Truhe, leuchten perlenweiß die eirunden gepuderten Mädchengesichter
in jedem Gemach. Mal sitzen da dreißig in eisvogelblauen Gewändern, mit
scharlachnen Blumen bestickt, mal dreißig in smaragdgrünen Gewändern, mit
karmoisinroten Blumen bestickt, mal fünfzig in weißen Gewändern, mit
regenbogenfarbigen Schmetterlingen bestickt, mal fünfzig in schwarzen
Gewändern, darunter die Schleppen von rosa-, grün- und blauseidenen
Gewändern abgestuft vorschauen.
Jedes Mädchen hat neben sich einen großen Porzellantopf, darin Holzasche um
Kohlenglut liegt. Sie rauchen kleine silberne Pfeifen, in die nur eine
Prise Tabak geht, nicht mehr, als Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen
Tabakkugel drehen können, und zünden diese mit einem Stückchen Kohle in
feiner, silberner Zange an. Die eine frisiert sich vor ihrem kleinen
Spiegel; die andere schreibt mit einem Tuschepinsel auf ihrem Schoß auf
einem langen Reispapierstreifen einen Brief; die nächste trinkt Tee aus
einer fingerhutgroßen Tasse; und wieder eine fächelt sich, und wieder eine
andere liest in einem kleinen Büchlein einen Roman. Eine zupft eine
Mandoline, und eine andere wispert ein Lied dazu. Eine kommt an das Gitter
getrippelt, hebt vorsichtig ihre drei Schleppen, winkt vorsichtig ein paar
Fremden; eine andere kommt an das Gitter und plaudert mit Mutter und
Geschwistern, die zum Besuch auf der Straße stehen, freundlich und
bescheiden.
Eine vielhundertköpfige Menschenmenge, Männer, Soldaten, Frauen und Kinder,
ziehen gesittet, flüsternd und lächelnd, mit hell beschienenen Gesichtern,
durch die erleuchteten Straßen, vorüber an den vergitterten Gemächern der
Erdgeschosse. Und stundenlang bis nach Mitternacht wandern die Volksmengen
jeden Abend vor den fünftausend Mädchen auf und ab, stehen als Besucher an
den Gittern, treten als Besucher in die Häuser, kaufen sich Gesang, Musik,
Tanz und Liebe, nachdem jeder Mann auf der Straße unter den Dreißig eines
Gemaches seine Wahl getroffen hat.
Hier in eines der Häuser des Tokioyoshiwara trat Hanake mit ihrer Magd ein
und blieb hundert Nächte, um hundertmal ihren Leib zu verkaufen, wie sie es
den Göttern versprochen hatte, um sich dadurch frei zu kaufen von dem
Gehorsam gegen den Sohn des Himmels.
Sie verkaufte sich jungen Männern, welche die Liebe kennen lernen wollten,
und alten, von der Lebenssorge abgetöteten einsamen Männern, welche die
Liebe noch einmal erleben wollten, ehe sie starben; sie verkaufte sich den
in den Krieg gehenden Soldaten und den aus Schlachten heimgeschickten
Invaliden; sie verkaufte sich Studenten, Handwerkern, Adeligen und Kulis.
Nur den Ausländern, den Europäern und Amerikanern, verweigerte Hanake ihren
Leib.
Aber eines Abends kam ein junger Amerikaner, ein hübscher Marineoffizier,
in das Haus und forderte für sein gutes Geld vom Hausbesitzer Hanake. Es
war in den Tagen, da die amerikanische Flotte im Hafen von Yokohama lag und
die Amerikaner der japanischen Nation einen Ehrenbesuch machten. Vom
Stadtgouverneur war der Befehl ergangen und an den Straßenecken
angeschlagen: «Japaner! Ihr dürft nicht vor den Europäern ausspucken! Ihr
dürft ihnen auch keine Stöcke in den Weg werfen, daß sie stolpern. Auf den
Straßen sollt ihr nicht zu dicht neben den Europäern gehen, immer drei
Schritte von ihnen weg. Ihr sollt alle europäischen Barbaren überhaupt
höflich behandeln, als wenn sie gesittete Asiaten wären. In den
Besuchstagen der amerikanischen Flotte soll kein Mädchen in den Yoshiwaras
sich einem Ausländer verweigern dürfen.»
Hanake verweigerte sich trotzdem. Und da es gerade die hundertste Nacht
war, in der sie den Göttern abgedient hatte, floh sie mitten in der Nacht
samt ihrer Magd durch eine Hintertür aus dem Yoshiwarahause, ließ ihre
Kleidung und ihren Schmuck zurück und eilte in ihren Alltagskleidern aus
dem Yoshiwara. Verhüllt und unbemerkt, entkam sie im Gedränge der
vielhundertköpfigen Menge. Sie trug nichts bei sich als einen kleinen Vogel
in einem winzigen Käfig.
Eines der Mädchen in dem Yoshiwara hatte ihr eine Stunde vor der Flucht den
Vogel verkauft, eben als der amerikanische Offizier in das Haus trat. Im
Schreck der Flucht hatte Hanake den Vogelkäfig krampfhaft in der Hand
behalten, ohne ihn loszulassen.
Der Vogel war ein Nachtigallenmännchen und saß verblüfft in dem kleinen
Käfig, denn er war eben erst von seinem Weibchen, mit dem er einen andern
Käfig geteilt hatte, getrennt worden.
Die beiden Frauen wollten den Vogel unterwegs füttern, aber er fraß nicht.
Sie reisten beide mit dem wunderlichen Vogel in der Nacht mit dem nächsten
Zug nach dem Biwasee und kamen am nächsten Mittag wieder in Hanakes Haus am
See an.
Die Magd öffnete die Fenster und ließ frische Luft durch die Kammern
streichen. Es war Herbst geworden, und mit jedem Luftzug flogen welke
Blätter von den Uferbäumen herein.
Das Seewasser zeigte nicht mehr die blaue Sommerfarbe, es war tiefgrün. Die
Sonne stand schräg und warf gespenstige Schatten. Das lebhafte Schilf war
abgemäht, und die Stoppeln standen lautlos und tot.
Aber Hanake wurde von der Herbstwelt nicht traurig gestimmt. Das Leben im
Yoshiwara ging noch in lauten Bildern durch ihr Blut. Sie war täglich
hundertmal bewundert worden, hatte hundertmal gefallen, hatte
hunderttausendmal lachen müssen, ohne lachen zu wollen, war hundertmal
umarmt worden, ohne eine Umarmung zu ersehnen. Die Bewunderung war ihrem
Körper zur Gewohnheit geworden. Hanake wußte jetzt fast nicht mehr, warum
sie einst aus diesem Hause hier am See fortgegangen war. Sie hatte den Tag
mit dem Prinzen beinah ganz vergessen, sie hatte kaum noch den Abend mit
dem Geliebten in Erinnerung. Sie hörte nur noch den Schuß im Ohr und sah
sich noch im Boot auf dem Schoße ihres Geliebten liegen, wenn sie wollte.
Aber sie konnte sich nicht mehr des Gesichts ihres toten Geliebten
erinnern, nicht mehr seine Stimme erinnernd zurückrufen. Die Hunderte von
Gesichtern und Stimmen, die im Yoshiwara Hanake bewunderten, hatten das
Gesicht und die Stimme des Geliebten aus ihrer Erinnerung verdrängt. Hanake
war auch darüber nicht traurig, nur verwundert.
Es wurde Abend. Die Magd hatte das Haus bestellt. Da bemerkte Hanake das
kleine halbtote Nachtigallenmännchen im Käfig und dachte: «Ich will dich
fliegen lassen, kleiner Vogelmann. Vielleicht fliegst du zurück ins
Yoshiwara nach Tokio zu deinem Weibchen.»
Sie öffnete den Käfig. Da schoß der kleine Vogel heraus. Aber anstatt aus
dem offenen Fenster zu fliegen, warf er sich wie ein Wütender in Hanakes
Frisur und riß wie wahnsinnig geworden mit den beiden kleinen Krallenfüßen
in den Haaren des erschrockenen Mädchens und fiel dann wie tot an Hanake
herunter auf die Diele.
Hanake zitterte vor Schreck und sank in die Knie. Sie verstand, daß das
Vogelmännchen, das sie von dem Weibchen getrennt hatte, sich an ihr rächen
wollte und vor wütender Aufregung gestorben war.
Hanake hielt die Finger an ihr schmerzendes Haar. Aber es war, als sei der
Liebesschmerz des Vogels in ihr Herz gedrungen und habe auch in ihrer Seele
wieder alle Liebeserinnerungen geweckt.
In der Ferne auf dem See tauchten drei Segel auf. Sie zogen der Seelinie
entlang, langsam, und verschwanden. Hanake erkannte, als sie vom See weg
auf die weiße Wand ihres Zimmers sah, plötzlich wieder in der Erinnerung
das Gesicht ihres Geliebten. Sie schauderte vor Entzücken.
Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weißen Wand
festhalten. Aber die Gesichtszüge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte
wieder, und Hanake wurde verstört und tief traurig.
«Kleiner Vogel», seufzte Hanake, «zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!»
Der kleine Vogelkörper zuckte plötzlich auf der Diele zusammen und
flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben
einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf
das Lackkästchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene
Schublade des Kästchens fiel heraus, und der Vogel stürzte dann tot zur
Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar
Seidenpapiere zu Hanake hin.
Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stückchen des platten
Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmücken. Aber Hanake
verstand auch den tödlichen Wert, den das Schaumgold für den Lebensmüden
hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blättchen des
dünngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzüge und hüllte
ihr Gesicht in die Ärmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die
Diele am offenen Fenster hin.