Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der unsere Prüfung

schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von uns erblickte da

auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines Lebens«, die »Rose,

vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut für diese lieblos rauhe

Welt«. Besonders zart organisierte Schüler kamen aus dem Erröten gar

nicht heraus; die Mädchen aber steckten die Köpfe zusammen, -- und

was sie insgeheim miteinander schwatzten, betraf gewiß nicht die

Sprachgebräuche des Xenophon.

Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich weit

weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten sehr wohl, daß

sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses dem Einflusse des

Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie denn jetzt vorzugsweise

solche Schüler examinierten, die ihnen als erotisch unempfänglich

bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein der Instinkt der Lehrer

hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind immer drei, vier, fünf

exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein so stark entwickeltes

Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes Herz besitzen, daß

ihnen die Regeln über den griechischen Optativ ungleich wichtiger sind

als der Anblick eines schönen Mädchengesichts. Diese Unempfänglichen

werden in so heiklen Fällen besonders aufs Korn genommen, wenn es gilt,

rasch eine Querfrage zu beantworten u. dergl. m. Zu einem längeren,

wissenschaftlichen Verhör eignet sich unter Umständen auch der

verliebte Schüler, -- wofern er nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer

gewählt hat, sehr sattelfest ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes

Vergnügen bereiten, in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den

Horaz übersetzend, schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen.

Er beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht

vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde Therese. Er

verdeutscht die Ode: ~Quem tu, Melpomene, semel~, -- und denkt dabei

schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit denen er die

Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder auf dem Wege einer

anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt dann der Superintendent mit

beifällig schmunzelnder Miene, so ist der Gymnasiast stolz auf seinen

errungenen Triumph, und zerstreut lächelnd folgt er der Aufforderung

des Lehrers, sich wieder zu setzen.

Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe

innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet. Die

Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der Lehrer gegen ihre

verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch entsinne ich mich

des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer meiner Freunde, Paul

Schuster, am Schluß des Examens um den Hals fiel, weil diese wenigen

Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut hatten, was ihm während des

Semesters durch die Ungunst der Verhältnisse zerstört worden war.

Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth. Er

besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte ihm

zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf

goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen

erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen

Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen

Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf: »Meiner

himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett durch seine

Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt er die Nachricht,

das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck gemacht. Elisabeth sei von

dem Zauber der wogenden Rhythmen geradezu hingerissen; nur meine sie,

der Dichter habe doch hin und wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben.

Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der Direktor

Samuel Heinzerling während der Interpretation der Antigone ihm

verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte. Das Schicksal

sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen Mienenspiels nicht

lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der Lehrstunde entbot ihn

Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete er dieser Aufforderung

Folge. Wer schildert seine Empfindungen, als er auf dem Tische des

Gymnasialtyrannen sein ~Billet-doux~ an Elisabeth wahrnimmt.

»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Gönther föhrt Klage, Sä

belästägen seine Tochter.«

Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den Boden versinken

zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die Kehle zusammen.

»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther dergleichen

behauptet, so spricht er die Unwahrheit ...«

»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä wollen

noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!«

»Aber, Herr Direktor ...«

»Sätzen Sä säch! Also Sä haben dä Dreistägkeit, den Herrn Professor

Gönther der Onwahrheit zo bezächtägen! Goot! Sehr goot! Ond was sagen

Sä zo däsem Zettel, den dä Frau Professor än der Scholtasche ähres

Töchterchens gefonden hat? Wollen Sä etwa än Abrede stellen, daß Sä

däsen Wäsch da geschräben haben?«

»Nein, Herr Direktor!«

»Non goot! Äch ontersage Ähnen härmät ein för allemal, däse onzämlächen

Scherze zo wäderholen.«

Er nahm das Blatt zwischen die Finger und rückte die Brille zurecht.

»Es äst wärklich stark, Schoster!

›Ond schänkte, wenn der Lenz erwacht,

Ein Gott mär allen Blötenflor,

Äch legte gern dä Fröhlingspracht

Als Teppäch Deinen Fößen vor ...‹

Begreifen Sä nächt, daß es geradezo onverantwortlich äst, einem

wohlerzogenen Kände solche Albernheiten än den Kopf zo setzen? Äch

dächte, Sä gäben säch vorläufäg noch ein wenig mät Ährem Sophokles ab.

›Ach, wenn der Sehnsocht holde Glot

Äm täfsten Bosen aufgeflammt ...‹

Sehnsocht, Sehnsocht! Sehnen Sä säch nach einem ordentlächen

Matorätätsexamen, ond vertrödeln Sä Ähre Zeit nächt mät solchen

Abgeschmacktheiten. Wenn säch der Mensch erst einmal solche Alloträa än

den Kopf gesetzt hat, dann geht sein wässenschaftlächer Sänn öber Nacht

zo Grabe. Merken Sä säch das!«

Paul war außer sich.

»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt noch

keine Veranlassung gegeben zu haben ...«

»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber dä bästen Schöler werden äm

Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät solch kändäschem

Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.«

Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe die Tränen

zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich vor, daß er

zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt, überlegte er. Nach

mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu dem Resultat, daß ihm nichts

anderes übrig bleibe, als Elisabeths Vater persönlich aufzusuchen.

Trotzig erhobenen Hauptes machte er sich auf den Weg. Er ward nicht

vorgelassen. Was tun? Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich

nicht mit Gewalt den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und

im Tone eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte

für die zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige

Erwägung die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog ab. Wie

ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach Hause, warf

sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa und heulte.

So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings zertrümmert

worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten dazu beigetragen, den

Sturz der Ideale zu vervollständigen.

Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender als je.

Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden lang kreuzten sich

die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme Depeschenwechsel

reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß sie »einander noch

angehörten«. Am Schluß des Examens erntete Schuster ein Lächeln, das

ihm den letzten Zweifel benahm ... Glücklicher Schuster!

Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der scheuen

Primanerliebe!

Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück, und erzählen

wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung.

Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den Katheder und

verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein feierlicher Moment!

Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit des Augenblicks in jeder

Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme klang fast wie die Posaune des

Jüngsten Gerichts, wenn er begann:

»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:«

Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren zu ewiger

Verdammnis -- ich will sagen, zum Sitzenbleiben für ein weiteres

Semester verurteilt.

Dann fuhr der Direktor fort:

»Prämien erhalten än däser Klasse:«

Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten.

Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der Reihe der

Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima gab es nur ganz

ausnahmsweise Prämien:

»Dä Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel privatim diese

Maßnahme zu motivieren.

Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein sogenannter Aktus

statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher vertreten war

als beim Examen. Gedichte, deutsche und lateinische Reden, Gesänge

und sonstige musikalische Vorträge waren der Gegenstand dieser

nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur die Schüler, sondern auch

die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne ich mich eines trefflichen

Vortrags, den Samuel Heinzerling über die Wirkung der echten Humanität

hielt. Doktor Brömmel, der Zwillingsvater, sprach wiederholt über die

Bevölkerungsverhältnisse der europäischen Staaten; er wies darauf

hin, daß Deutschland das rivalisierende Frankreich immer mehr zu

überflügeln verspreche, eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der

malitiösen Bemerkung begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als

Doktor Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische

Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete, daß es

die anwesenden Damen +nur zur Hälfte+ verstehen würden. Doktor Perner

endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte. Leider waren

meine Gymnasialhumoresken damals noch nicht geschrieben, sonst würde er

sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus erwähnt haben.

Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann befand sich in einer

rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen ließen elegisch die Köpfe

hängen und gelobten sich, im neuen Semester Rache zu üben für die

erlittene Kränkung.

»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine.

»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das nächste Jahr

wünsche ich ihm Drillinge!«

Ferien.

Gegen Schluß des Semesters tritt in der Stimmung des deutschen

Gymnasiasten eine seltsame Wandlung ein. Bis dahin hat er die

Knechtschaft des Stundenzwanges mit jener edlen Resignation

hingenommen, die der Weise einem unabwendbaren Übel entgegenbringt.

Jetzt mit einemmal ergreift ihn ein selbstbewußter, beinahe trotziger

Frohsinn. Noch leistet er den Befehlen des Lehrers Folge, aber sein

Gesichtsausdruck steht mit dieser äußeren Unterwürfigkeit in schroffem

Gegensatze. Auf der lächelnden Lippe schwebt ein unausgesprochenes

Wort, das, ins Verständliche übertragen, ungefähr also lautet:

»Ich gehorche! Ich stehe unter deiner Botmäßigkeit! Aber der Tag

der Befreiung naht auf Sturmesflügeln! Wenn er erscheint, dann

wehe dem Grundgesetz deiner Herrschaft!« Strafen, die sonst eine

niederschmetternde Wirkung ausgeübt hätten, werden jetzt gleichgültig,

ja fast mit offenem Hohn ertragen: der Skorpion des Absolutismus hat

seinen Stachel verloren.

Wer in der Völker- und Staatengeschichte einigermaßen bewandert

ist, der wird sich erinnern, daß ähnliche Stimmungen von jeher den

Verschwörer am Vorabend der Entscheidung beseelt haben. Genau so dachte

und fühlte der Neger, der unter Toussaints Führung die Fesseln seiner

langjährigen Sklaverei sprengen sollte. Hätten die Plantagenbesitzer

von St. Domingo ein deutsches Gymnasium besucht, sie wären niemals

von den schwarzen Bataillonen überrumpelt worden. Der deutsche

Gymnasiallehrer weiß nur zu genau, was jener Stimmungswechsel bedeutet.

Er weiß, daß es die Perspektive auf die Ferien ist, die seiner Klasse

so rebellisch die Adern schwellt.

Ferien! Das Wort hat für einen deutschen Gymnasiasten etwas

Zauberisches! Schon viele Wochen im voraus wird bis auf den Tag und

die Stunde berechnet, wie lange man noch auf den harten Subsellien zu

schmachten hat. Die Phantasie eilt der Wirklichkeit in rauschendem

Fluge voraus und bevölkert die Zukunft mit den beglückendsten

Lichtstrahlen. Man entwirft Pläne; man gelobt sich, die anderthalb

Monate diesmal so recht gründlich und nach allen Richtungen hin

auszukosten. Man überläßt sich einer poesievollen Zerstreutheit,

die sich von Woche zu Woche steigert und zuletzt in die vollendete

Träumerei ausartet.

Mir und meinem vielgenannten Freund Wilhelm Rumpf war diese gesteigerte

Spannung so unerträglich, daß wir den Freitag und den Sonnabend vor dem

Beginn der Ferien jedesmal schwänzten. Zur gewohnten Stunde ergriffen

wir unsere Schreibmappen und traten ins Freie. In dem kleinen Tempel

der städtischen Promenade, der zu dieser Frist völlig verwaist stand,

gaben wir uns ein Rendezvous und beratschlagten, was den Tag über zu

beginnen sei. Wenn wir einen Entschluß gefaßt hatten, stellten wir

unsere Uhren mit ängstlicher Genauigkeit nach der großen Turmuhr der

Stadtkirche und verloren uns dann, halb Kinderspiele, halb Gott im

Herzen, seitwärts in die Felder. Ganz besonders entzückend waren diese

illegitimen Ausflüge am Schluß des Sommersemesters. Eine prächtige

Landschaft, die noch im reichsten Festgewand strahlte, ein tiefblaues

Himmelsgewölbe, und auf allen Hügeln und Hängen ein überschwenglicher

Segen des köstlichen Obstes, -- was brauchten wir mehr, um glücklich zu

sein? Die Freude über den wolkenlosen Septembertag paarte sich mit dem

Triumphgefühl über die gelungene Entweichung. Jauchzend strichen wir

durch die einsamen Nußgärten und füllten uns, dem siebenten Gebote zum

Trotz, die Taschen. Gegen zehn nahmen wir in der nächsten ländlichen

Schenke einen Imbiß, dessen Mangelhaftigkeit durch den Glanz unserer

Gemütsverfassung ersetzt wurde. Eine Stunde später rüsteten wir uns

zum Heimweg. Es galt, rechtzeitig in der Behausung einzutreffen, denn

die Sache sollte den Anschein haben, als kämen wir direkt aus dem

Gymnasium.

Auf diese Weise verbrachten wir den Freitag und den Sonnabend. Wie

Leander die Hero, so besuchten wir die Göttin der Freiheit unter dem

Deckmantel des Geheimnisses ... Für kurze Zeit hat dieser verstohlene

Umgang einen unendlichen Reiz: auf die Dauer aber sehnt man sich nach

dem festen Besitz. So hatten wir denn beim Läuten der Sonntagsglocken

gerade genug an dem heimlichen Raube, und wonnetrunken begrüßten wir

unser rechtliches Eigentum, -- die Ferien!

Wer vermöchte zu schildern, was ein deutscher Gymnasiast beim Beginn

der Ferien empfindet! Sechs lange Wochen! Eine Ewigkeit! Freudig

blitzenden Auges und stolz erhobenen Hauptes wandelt man umher, als

ob man die ganze Welt besäße! Und zwar ist dieses Entzücken um so

aufrichtiger und vollständiger, je weiter abwärts wir uns von der

Prima entfernen, -- vielleicht nur aus dem Grunde, weil die Empfindung

von der Länge der Zeit mit der fortschreitenden Entwicklung des

Menschen zusammenschrumpft. Dem Quartaner und Tertianer sind diese

sechs Wochen in der Tat ein unbegrenzter Spielraum: das jugendliche

Gemüt überläßt sich der Illusion, die Frist könne kein Ende nehmen.

Der Primaner dagegen hat sich zu oft schon diese sechs Wochen »von

rückwärts betrachtet«; die Erfahrung hat seinen Idealismus auf ein

minder grandioses Maß reduziert; er weiß die Summe der Genüsse, die ihn

erwarten, bereits annähernd abzuschätzen.

In einem Punkte verwerten die Schüler aller Klassen das Privilegium

der Ferien gleichmäßig: im freien Genusse des Morgenschlummers. Das

Recht, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Stunde in den hellen Tag

hineinschlafen zu können, gießt über das ganze Wesen des deutschen

Gymnasiasten einen Schimmer der rosigsten Verklärung. Wenn er

nachts erwacht und sich, behaglich aufatmend, nach der anderen

Seite wendet, so ist das Bewußtsein, am folgenden Morgen den sonst

so verhängnisvollen Schlag der Glocke überhören zu dürfen, allein

ausreichend, um die Ferien mit dem Gewand eines zauberischen Liebreizes

zu umkleiden!

So dämmert der Tag heran. Draußen, in den Zimmern und auf dem Korridor

ist schon alles geschäftig: der glückliche Gymnasiast rührt sich

nicht. Selbst wenn er längst nicht mehr schlafen kann, hält er noch

die Augen geschlossen, bis die Mutter oder die Schwester ihn, weniger

aus Gründen der Moral, als mit Rücksicht auf die gestörte Hausordnung,

weckt. Nun kleidet der Triumphator sich an, langsam, mit souveräner

Verachtung der Zeit, -- denn er hat ihrer ja mehr, als er braucht! Nach

eingenommenem Frühstück verläßt er das Haus: das ist ein unumstößliches

Axiom der Ferienpraxis. Je nach der Verschiedenheit seines Alters und

seines Temperaments verbringt er den Vormittag verschieden. Er streift

durch Feld und Wald, er schlendert Arm in Arm mit seinem Intimus durch

die Gassen, er besucht verstohlenerweise ein Bierhaus und wagt selbst

eine Partie Billard. Der Quartaner und Tertianer gibt sich mit seinen

Altersgenossen in besonders günstig gelegenen Höfen der Nachbarschaft

ein Rendezvous, um zu spielen; er plant tolle Streiche und verabredet

Ausflüge in die weitere Umgebung. Vor Mittagszeit aber betritt keiner,

weder der Schüler von Quarta, noch der Oberprimaner, die elterliche

Wohnung.

Nach Tische treibt sich der Feriengymnasiast zum Leidwesen seiner

Angehörigen in störender Weise auf den Kanapees und Sesseln herum;

trällert ein Lied, worüber seine ältere Schwester nervös wird; neckt

seine jüngeren Brüder; nimmt eine illustrierte Zeitschrift zur Hand,

trotz der wiederholten Versicherung des Vaters, das sei keine Lektüre

für ihn; fragt, ob nicht bald Kaffee getrunken werde; stemmt seine

Stiefel wider die polierten Tischfüße, legt sich ins Fenster oder

verklebt seiner Mutter das Schlüsselloch des Nähtischchens mit Wachs.

Die Aufforderung, er möge etwas arbeiten, beantwortet er mit einem

wohlwollenden Lächeln.

»Erst will ich mich ausruhen«, sagt er, behaglich die Arme reckend.

Wenn man das so mit ansieht, man sollte meinen, der Ärmste habe Monate

lang Dienste in einer Tretmühle geleistet.

Der Nachmittag wird, je nach der Jahreszeit, zu Ausflügen in die

umliegenden Bierdörfer, zu Fensterpromenaden, zu Skatpartien, zu

Kahnfahrten und dergleichen benutzt, und der Abend bringt oft nur eine

Fortsetzung des Nachmittags.

Dieses lustige, ungebundene Leben erfährt eine gelinde Trübung durch

den Hinblick auf die Ferienarbeiten, die in einigen Gymnasien nicht

ganz ohne Belang sind.

Ich meinesteils habe meine Pensa stets schon in der ersten Woche

begonnen und so unter der Hand ohne ernstliche Schädigung meines

Wohlgefühles erledigt. Die meisten Schüler warten jedoch bis zuletzt

und verderben sich den Schluß der Ferien von Grund aus. Es leuchtet

ein, daß die von mir befolgte Methode gerade vom Standpunkt des

Epikuräers aus die einzig richtige ist, -- auch richtiger als das

andere Extrem, während der ersten Tage alles auf einmal zu absolvieren.

Unter den Ferienarbeiten, mit denen man uns die Flügel ein wenig zu

binden hoffte, nahm der deutsche Aufsatz einen hervorragenden Rang ein.

Und zwar gab man uns zu wiederholten Malen das Thema: »Wie verbrachte

ich meine Ferien?« Diesen Aufsatz schrieb ich stets in der ersten

Woche, denn die historische Wahrheit gehörte von je zu den geringsten

Verdiensten solcher Arbeiten. Ganz faule und versumpfte Kameraden, die

niemals aus eigenem Antrieb ein Buch in die Hand nahmen, gaben sich in

dem Ferienaufsatz den Anschein, als hätten sie umfassende Privatstudien

im Xenophon und im Curtius geleistet. Die Lehrer nahmen das

merkwürdigerweise stets so beifällig hin, daß ich als Obersekundaner

den Entschluß faßte, dieses lügnerische Selbstlob einmal auf die Spitze

zu treiben. Da war denn in meinem Aufsatz etwa folgender Passus zu

lesen:

»Ich erhob mich des Morgens zwischen vier und fünf, nahm in aller Eile

den Kaffee ein und verfertigte alsdann bis gegen 10 Uhr lateinische

Stilübungen. Hierauf machte ich einen halbstündigen Spaziergang, um

sofort wieder an meine Arbeit zurückzukehren. Ich las Corneille,

Racine, Molière und Chateaubriand, bis ich zu Tische gerufen wurde,

was in der Regel so gegen ein Uhr statthatte. Die Stunden von zwei bis

fünf widmete ich dem Griechischen, der Geschichte und der Geographie.

Hierauf unternahm ich in Begleitung meines Vaters einen Spaziergang,

von dem wir meistens so gegen halb sieben Uhr zurückkehrten. Um

sieben Uhr wurde zu Nacht gespeist, und nun arbeitete ich von acht

bis elf Mathematik, Physik und Kirchengeschichte. Oft auch habe ich

die Mitternacht an meinem stillen Pulte herangewacht, denn ich hatte

mir nun einmal fest vorgenommen, eine gewisse Summe von Lernstoff zu

bewältigen. Sagt doch schon ein alter Klassiker: ›Wir lernen nicht für

die Schule, sondern für das Leben.‹ Meine Mußestunden benutzte ich dann

zur Lektüre von Goethe, Schiller, Klopstock, Wieland, Herder, Lessing,

Platen, Rückert und Roderich Benedix; auch übersetzte ich viele Oden

des Horaz metrisch ins Deutsche. Des Sonntags besuchte ich von neun bis

elf die Kirche, hielt mich jedoch, um nicht aufzufallen, meist abseits,

weshalb mich die Herren Lehrer ohne Zweifel nur selten wahrnahmen.

Einmal war ich zwei Tage lang in Frankfurt, und diese in jeder Hinsicht

belehrende Reise will ich hier zum Gegenstand einer ausführlichen

Schilderung machen.«

Ich wurde um dieses Aufsatzes willen »wegen Unfugs« mit sechs Stunden

Karzer bestraft und dazu beauftragt, dasselbe Thema noch einmal, und

zwar in jeder Hinsicht wahrheitsgemäß, zu behandeln.

Drei Tage später also reichte ich dem Lehrer eine neue, von der ersten

wesentlich differierende Arbeit ein, die folgenden Passus enthielt:

»Des Morgens schlief ich bis neun, mitunter sogar bis zehn Uhr. Denn,

sagte ich bei mir selbst, wozu sollst du dich plagen, wenn du's gut

haben kannst? Gearbeitet habe ich nur sehr wenig. Ich erledigte zwar

zur Not meine Pensa: im übrigen aber verspürte ich einen seltsamen

Abscheu gegen jede Tätigkeit. Man lebt nur einmal auf der Welt,

pflegte mein Großonkel Schmidthenner zu sagen. So hielt ich es denn

für zweckmäßig, mir die kurze Freiheit recht zunutze zu machen. Fast

täglich bestand ich mit Wilhelm Rumpf einen Ringkampf, wobei immer

derjenige siegte, der den Untergriff hatte. Solche Übungen sind in

jeder Beziehung praktisch. Ich merkte dies bei dem Zwist mit dem

Gänsehirten von Wieseck. Der Mann wollte uns ausschimpfen, weil

Rumpfs kleiner Pudel ihm die Gänse gejagt hatte. Wir zerbläuten ihn

jämmerlich. Hieraus erhellt, daß der Jüngling sich nicht früh genug in

körperlichen Exerzitien ergehen kann. Wie sagt schon Horaz? usw. usw.«

In diesem Stile ging es zwölf Seiten lang. Am Schluß meiner tückischen

Abhandlung hatte ich die zwölf Stunden Karzer, die ich diesmal

eroberte, so vollständig verdient, daß ich mich noch jetzt über die

Nachsicht des sonst so leicht erregbaren Lehrers wundere.

»Wie verbrachte ich meine Ferien?«

In der Tat ein trostloses Thema für einen deutschen Gymnasialschüler,

der weder lügen, noch seine Lehrer beleidigen will!

Das Maturitätsexamen.

Das Wort Examen hat für den Gymnasialschüler je nach Umständen eine

sehr verschiedenartige Klangfarbe. Ernst und gewichtig tönt es an sein

Ohr, wenn es die Abiturientenprüfung bezeichnet; leicht und harmlos

dagegen, wenn es jene Komödie bedeutet, die sich alljährlich ein- oder

zweimal vor dem Beginn der Ferien wiederholt, mit dem angeblichen

Zweck, das Publikum über die intellektuellen und ethischen Fortschritte

der künftigen Staatsbürger zu unterrichten.

Gesammelte Schulhumoresken · 第 16 / 18 段