nächste Mal einen Platz äm Ännern des Fohrwerks zo nehmen ond dä
Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den Kondokteur anhalten heißt.
Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong mer als ein Träomph menschlächer
Berechnong erschien. Meine Befrädägong erreichte den Höhegrad,
als auch dä Schmerzen än meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen
ond eine Kreuzbandsendong aus Grönängen eintraf, eine Beilage des
Grönänger Wochenboten, woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft
angesträchen hatte.
Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer Vaterstadt,
der Gymnasialdärektor Samoel Heinzerläng, befändet säch seit einigen
Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine Ontersochongen öber
dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen Fortgang nehmen. Aus
sächerer Quelle können wär hänzofögen, daß Herr Baron von Prättwätz,
der Großherzogläch badäsche Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem
ganzen Einflosse onterstötzt ond ähm sogar seine reichhaltäge
Prävatbäbläothek zor Verfögong gestellt hat.
Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte Anerkennong
meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten gelesen hatte. Wer
sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor Luitgarden geschräben
hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt er, der langjähräge
Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von dem götägen Entgegenkommen des
Großherzogläch badäschen Gesandten war freiläch ein wenig verfröht,
ändes: Rom äst nächt an einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot,
dä Notäz des Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste
Stämmong ...
Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male än Gala, om
endläch meinem prädestänärten Gönner den längst zogedachten Besoch
abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk wä der Wänd, hänein ond
Platz genommen.
Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße der behaglächen
Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe der ~Impériale~.
Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten än hohe Törme ond
öbermötäge Fächten ein, während er das ställe, bescheidene Kraut am
Boden verschone ...
Äch hatte äm Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches Wesen zor
Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen schwarzen Schleier,
der etwa bäs än dä Gegend des Mundes reichte. Vermotläch äst dä Sätte
däser halben Maskärong dorch dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia,
dem heutägen Marseille, gebracht ond von da aus nach dem Norden
verpflanzt worden.
Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen Kenntnässe
zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine andere Roote
einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens vollständäg neu.
Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so nor meine
Anschauongen.
Dä Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde von Minote zo
Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner, zom Teil mät
Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken tönte mer verworrenes
Geschrei entgegen. Deutläch glaubte äch dä Klänge der Marseillaise
zo hören. Äch gestehe, daß äch däse Symptome höchst bedenkläch
fand. Onrohig rotschte äch auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam
der verdächtäge Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward.
Rätselhafte Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät
dem Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren
ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von jeher än
öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om Mätternacht getrost
vor das Tor wagen, -- aber Paräs äst nächt Grönängen. Mein Herz begann
lebhafter zo schlagen; -- ond als jetzt auch der letzte Passagär
ausstäg, da rächtete äch än der Tat ein ställes Stoßgebet zom Hämmel
ond befahl Luitgarden, Alexander, Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria
der Försorge des Allmächtägen. Was konnte dä nächste Mänote brängen?
Womät hatte äch das verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen
Bläck mein vergangenes Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt
hatte. Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch
mer Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates
errettet wörde ... Da hält der Omnäbos an ... Fänster bläckend trat der
Kondokteur auf mäch zo ond räf: »~Descendez s'il vous plaît!~«
Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge Sekonden
später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä ganze Lösong
der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande, daß äch än den
Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war, ond mäch non an der
Endstation einer Vorstadt befand, dä von der Wohnong des badäschen
Gesandten reichläch anderthalb Stonden entfernt lag. Was bläb mer
öbrig, als mät demselben Wagen wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo
danken, daß mer wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen
werde äch besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser
Routäne erlangen.
Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf Ohr an der
Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei, mormelte äch vor mäch
hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor mäch hänzomormeln, ein Gebrauch
des Monologs, den äch mer aus den Komödien des Plautus angeeignet habe.
Äch halte ähn för ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen
Äch gehöräg äns Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber;
sä waren sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer
plötzläch der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach
zo Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat, wenn
äch zo Fooße gäng, so war äch gegen alle bäsher erlättenen Onbälden
ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse Wahrheit nächt
fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld, wäväl goote Laune hätte
äch sparen können!
Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das rächtäge
Auskonftsmättel gefonden hatte.
Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine Omnäbosfahrt
zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger doch etwas zo knapp
gegräffen war. Als äch än dä ~rue de Berlin~ einbog, schlog es halb
eins, ond da äch woßte, daß der Baron om zwölf Ohr dejenärt, so besah
äch mer das Haus einstweilen von außen.
Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch den Röckweg
antrat.
Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten lateinäschen
Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen hatte. Äch habe ähn
schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong zweier Dankeszeilen än
grächäscher Sprache, zoröckgesandt.
Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: ύεῖ μὲν ό Ζεύς, wä der
hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des Kotes
erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe äch eine Elegä
än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch här beiföge ...‹«
Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht.
»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde, als der
Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch Miene
machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen Sie uns doch vor!
Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor! Gerade die Verse
interessieren uns! Bitte, die Elegie!«
»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich
geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹ ...
›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon,
Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs.
Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam,
Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt.
Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos
Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß,
Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz,
Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹«
»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling geendet hatte.
»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein wenig
ungnädig.
»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen noch Ausdruck
verleihen dürfen ...«
»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom Schlosse der
Lehrstonde!«
»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu seinem
Nachbar.
»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten möde. Wä können
Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt einmal ämstande sänd,
einen Daktylos von einem Trochäos zo onterscheiden.«
»O, Herr Direktor ...«
»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom zweiten Male
wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch wäderhole Ähnen, Sä
gehn mer hänaus!«
Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort:
»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor archäologäsche
Jamben zo Papär brängen möchte! ~Däffäcele äst satäram non scräbere!~
Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen neun Ohr auf
... Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch dä Straße: ein
fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser Vertrauen zo stärken.
Äch schrätt dorch dä Straße ~Vivienne~ nach dem Börsenplatze ond bog
dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg weiter
bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße zoröckgelegt,
als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät einer langen,
speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond dabei so onzweideutäg
seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein Ödäpos zo sein brauchte, om
zo erraten, wem däse Feindselägkeit gelten sollte.
Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond mein Leben?
Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, -- ond was man von den
Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß heutzotage ein jeder. Das
Schäcksal der onglöcklächen Könägin Maräe Antoinette stand mät einem
Male än forchtbarer Klarheit vor meiner Sääle ...
Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen Tage auf
dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors
frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte es nächt rängs
von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann dem Borschen mit
der speerartägen Stange ängstläch auswäch. Er moßte also gefährläch
sein ... Ändessen, was konnte er mer anhaben? Auf offener Straße, fast
onter den Augen zweier Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än
dä Mätte der Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen
Fohrwerke halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer
zo. Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so
werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen
Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt mannhaft vorwärts.
Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond gestäkolärte ämmer verdächtäger.
Dabei stäß er seltsame Töne aus, dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll
klangen. Sollte äch omkehren?
Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch von oben eine
Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack alsbald mät einer
weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch gäng mär ein Lächt
auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer nachträgläch bestätägt. Das
Haus, vor dem der Mann mät der Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch
getöncht. Äch hatte den ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt!
George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der Reinägong meines
Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde nor onbefrädägende
Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor wenäg gelätten, was
leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle Goß von oben auf mäch
hereinbrauste.
Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse Weise eine
lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was es bedeutet, än
Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non anstatt däser flössägen
Masse ein Balken, ein Stein oder sonst etwas Wochtäges herabgestörzt
wäre, wä däs bei dem fortwährenden Ausbessern ond Ombauen, das här
zo herrschen scheint, dorchaus äm Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond
Luitgarde, Alexander, Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch!
Nein, es war nor ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch,
wenn äch öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht,
äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen.
Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch nonmehr
auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt. Äch freue mäch
onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der mer Mouchard so väl
Gootes geweissagt hat.
Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte Mal. Äch schätze
än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft ond einen läbreichen
Freund ...
Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch äwäg mät däsen
Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas passären moßte! Es äst wahr,
mein schwarzer Frack säht nächt mehr zom elegantesten aus, ond mein
Zäländer äst seit lange des ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch
war, mäch ongeachtet däser kleinen Änkorrektheiten meiner Toilette för
den belgäschen Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener
Betrögereien steckbräfläch verfolgt wärd, das äst ond bleibt mer ein
Rätsel! Non, äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen
mössen. Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch
ämstande war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat mär
än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet. Onerhört!
sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem belgäschen
Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem Betröger! Äch rofe
dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem Eigentom meiner Mätmenschen
auch nor än Gedanken zo nahe getreten bän! Man sollte denken, däse
~honestas~ mößte säch auch än meinen Gesächtszögen hänlängläch
ausprägen. Onerhört! sage äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der
sogenannten Violine verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern,
äch, Samoel Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo
Grönängen. Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde
Genogtoong fordern, -- koste es, was es wolle! Das sänd dä Fröchte
jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än Grönängen wäre
dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän werde äch stets
meinen Paß bei mer tragen.
Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch
natörläch auf öbermorgen vertagt ...
Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel gelangt, wenägstens
topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten das Hotel än der
~rue de Berlin~ ond zog, äm Geföhl eines onendlächen Wohlbehagens, dä
gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von dem Däner dä Meldong
entgegennehmen, der Baron von Prättwätz sei am Tage zovor auf sechs
Wochen nach Baden-Baden verreist.
Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so väle Verloste an
Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, -- ond non alles omsonst! Äch
legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än einer fremden Großstadt Besoche
zo machen. Dergleichen föhrt zo nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer
der Zentraläsation geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge
Rolle weiter zo spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen
Gelehrten äst onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben
solcher modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt,
ons zeitweiläg ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten, so
gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹«
Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen.
»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche schob, »Sä
werden aus dem Mätgeteilten zor Genöge ersehen haben, was äch beweisen
wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte Staaten ein Segen för dä
deutsche Nation äst. Äch wönsche non, daß Sä mer för das nächste Mal
däse Frage än einem korzen Aufsatze theoretäsch ond praktäsch erörtern.
-- Der Hotzler kann jetzt wäder hereinkommen.«
In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen Schrittes und
im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung gelegt
zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den
Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung der oberen Klassen, das
Lehrzimmer.
»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die Mappe
schwenkend.
»~Et ego~«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns der Rumpf
die Geschichte vorlesen.«
Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst Gabelsbergers
wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart worden, den ~infandus
dolor~ seiner Pariser Leiden in diesen Blättern so buchstäblich
renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen Besuchen, der
treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer, noch mit dem
Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in der ~rue de Berlin~.
Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
Der schnöde Primaner-Triumph.
Aech werd' ähn Där nämmer vergessen,
Den schnöden Prämaner-Träomph,
Daß äch auf dem Karzer gesessen,
Do extravagärender Rompf!
Äch bätt' euch, bei allen Prophäten,
Wer nähme dä Sache nächt kromm?
Äch wollt' äns Gewässen ähm räden, --
Da dräht er den Schlössel mer om!
Äch schälle ... Was notzt mär das Schällen?
Bornärt äst der Quaddler ond stompf.
Der dömmste von allen Pedellen
Meint faktäsch, äch wäre der Rompf!
Doch bläb äch gelassen ond monter,
Bäs Rompf als Befreier erschän:
So kam äch denn wäder heronter
Und habe dem Schlängel verzähn!
Ond mag es ons Lehrer betröben,
Äch wag' das geflögelte Wort:
Als Schöler säch mimisch zo öben,
Äst doch nächt so völläg absord!
Aus Samuel Heinzerlings nachgelassenen Papieren.
In der Bierstube.
Beim Bär -- beim Bär,
War nä mein Bosen schwär!
Vergässen äst des Dolders Not,
Der schnöden Präma Öbermot ...
Der Gäldemeister stärt mäch nächt,
Der Hotzler schäkanärt mäch nächt:
Manch Seidel schlörf' äch leer.
Beim Bär -- beim Bär
War nä mein Bosen schwär!
Äm Grond -- äm Grond
Äst's Bär mer nächt gesond!
Zom Schlagfloß hab' äch stäts geneigt,
Ond bayräsch Bär erhätzt so leicht.
Es geht äns Blot, es nämmt dä Roh, --
Der väle Ärger kömmt dazo,
Dä Präma treibt's zo bont!
Äm Grond -- äm Grond
Äst's Bär mer nächt gesond!
Was toot's? Was toot's?
Das Bär äst doch was Goot's!
Ond ob's das Läben mer verkörzt, --
Mäch dönkt, wer störzen soll, der störzt!
Zom Hömmel häb' äch köhn den Bläck:
Där, Zeus, vertrau' äch mein Geschäck,
Än Deinen Händen roht's!
Was toot's? Was toot's?
Das Bär äst doch was Goot's!
Das Bär -- das Bär,
Das bleibt non mein Pläsär!
Der Zechtäsch äst mein Heilägtom,
Dä Kneipe Mekka mer ond Rom;
Ond wenn dä Hand das Glas omspannt,
Föhlt säch dä Sääle gottverwandt:
Fromm wärd sä mehr ond mehr ...
Das Bär -- das Bär,
Das äst non mein Pläsär!
Wä domm -- wä domm,
Das Zämmer fällt ja om!
Dä Wände taumeln kromm ond schäf,
Jetzt sänd sä hoch, jetzt sänd sä täf ...
Ond jetzt ... aha, äch märk' es wohl,
Jetzt röcken Geister mer am Stohl ...
Herr Wärt, äch dolde stomm!
Wä domm -- wä domm,
Das Zämmer fällt ja om!
Das Bär -- das Bär
War ongewöhnläch schwär!
~Sont certi~ ... nein ... Wä sagt Horaz?
Wä? Was? Der Gäldemeister tat's?
Ja, Luitgard! ... ja, äch hab' genog ...
Der Knebel ... schreibt's äns Tagebooch ...
Ja, ja ... schon beim Homär ...
Das Bär -- das Bär
War ongewöhnläch schwär!
(Ab unter den Tisch.)
Die Klassenprüfung.
Wenn das Maturitätsexamen dem Gymnasiasten ernst und bedeutsam
erscheint, so raubt ihm die Klassenprüfung den Gleichmut nur in
Ausnahmefällen. Es gibt allerdings eine Sorte von ganz besonders
ehrgeizigen oder ganz besonders unwissenden Schülern, die auch der
Klassenprüfung mit einer gewissen Bänglichkeit entgegenwandeln: aber
sie bilden die Minorität. Für mich und meine nächsten Freunde war
dieses ein- oder zweimal im Jahre wiederkehrende Examen allezeit ein
Gaudium, und je zahlreicher sich das Publikum versammelte, um so
vergnüglicher pflegten wir dreinzuschauen.
Das Klassenexamen ist die Farce des Gymnasiallebens. ~In corona civium~
liebt es kein Lehrer, seine Schüler als unwissend bloßzustellen. Denn
der Vorwurf dieser Unwissenheit träfe in erster Linie ihn selbst. Daher
wir denn regelmäßig über solche Materien examiniert wurden, die während
der letzten Wochen bis zum Überdruß zerkaut und verdaut waren.
Wir erschienen beim Beginn des Examens sehr pünktlich, -- in unsern
besten Kleidern, -- und getragen von jener Feiertagsstimmung, die
aus dem Bewußtsein der bevorstehenden Ferien erwächst. So nahmen
wir auf den Subsellien im großen Saale Platz, an dessen Eingang der
Pedell Quaddler in schwarzem Frack und weißer Halsbinde Posto gefaßt
hatte. Nach und nach erschienen die Lehrer, stets in schmunzelndem
Zwiegespräch, sich wiederholt Herr Kollege nennend und eine ähnliche
Befriedigung zur Schau tragend wie die Schüler. Zuletzt nahte
würdevollen Schrittes der Direktor Samuel Heinzerling, ganz Wohlwollen,
ganz Frühling und Sonnenschein. Ehrfurchtsvoll traten die übrigen
Pädagogen nach rechts und links auseinander, um ihren Herrn und Meister
hindurchzulassen. Mit vollendeter Humanität teilte Samuel seine
kollegialischen Grüße aus: die Schüler aber mußten sich bei seinem
Erscheinen von ihren Sitzen erheben, eine Höflichkeitsbezeigung, für
die Samuel stets durch heftiges Abwinken dankte.
Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die Hände und
sprach:
»Lasset uns beten!«
Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel Heinzerling
blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und den Herrn der
Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung auszeichneten.
Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, er möge
unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf begann das Examen.
Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum irgend einen
Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür. Aller Augen
wandten sich nach der Schwelle: es erschien der Superintendent Samson,
der sich in ganz ungewöhnlichem Maße für die geistige Entwicklung der
Jugend interessierte. Verbindlich lächelnd drückte er einem Lehrer
nach dem andern die Hand, -- aber ganz sachte und insgeheim, um ja
nicht zu stören. Dann folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien
der Prüfung, öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau
dreinschauend, als ob er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen
korrekt zu beantworten.
Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger, und dann
füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der Höhepunkt
eintrat.
Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern lieferten
die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler der unteren
Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so daß die Sextaner
niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn die Prima examiniert
wurde.
Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick, denn
jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden. Der
Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war in diesen
Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen der ersten Dame
jedesmal in einen Zustand herzklopfender Aufregung gerieten, zumal
wenn die Dame jung und hübsch war. Das Rauschen ihres Gewandes tönte
uns lieblicher als Musik, und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen
klappten so ganz anders auf den Dielen des Saales als die kolossalen
Gehwerkzeuge Doktor Hellwigs.
Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften
Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen und
Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte Fräulein
nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter von 13 bis 15
Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte, daß gerade diese
Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war.