»So!« sagte Samuel. »Ond non kommen Sä mät nach der Präma, Rompf!«

Sie wandelten über den Korridor dem Schulsaale zu. Der Direktor klopfte.

»Entscholdigen Sä, Herr Kollege,« flüsterte er eintretend im weichsten

Moll, dessen sein würdevolles Organ fähig war ... »äch bränge da den

Rompf wäder. Knebel! ... Sä erlauben doch, läber Herr Klufenbrecher

...? Knebel! Schreiben Sä äns Tagebooch: ›Man sah säch bewogen, dem

Rompf än Anbetracht seines aufrächtäg reuägen Benähmens dä än der

vorägen Stonde däktärte Karzerstrafe zo erlassen.‹ ... So! Ond non

wäll äch nächt weiter stören, verehrter Herr Kollege ... Haben Sä's,

Knebel? ... ›däktärte Karzerstrafe zo erlassen ...‹«

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Direktor?« fragte der höfliche

Mathematiker.

»Äch danke verbändlichst, äch habe för heute genog gesässen ... Rompf,

äch erwarte, daß Sä das Gelöbnis der Bässerung in jäder Hänsächt

erföllen. Adieu, Herr Kollege.«

Sprach's und verschwand in den labyrinthischen Gängen des

Schulgebäudes. -- --

* * * * *

-- -- Wilhelm Rumpf hielt sein Versprechen aufs gewissenhafteste.

Er kopierte von jetzt ab nur noch die übrigen Lehrer: Samuel

Heinzerlings geweihte Persönlichkeit war ihm heilig und unverletzlich.

Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen, bis der Direktor

im Herbste desselbigen Jahres auf wiederholtes Ansuchen in den

Ruhestand versetzt wurde.

Erst dann erfuhr die jauchzende Prima den Hergang jener unerwarteten

Versöhnung.

Rumpfs »aufrächtäge Reue« war für die lachlustige Bevölkerung des

Städtchens eine Quelle unendlicher Heiterkeit. Unter denen, die

sich am meisten über die Farce amüsierten, befand sich der joviale

Direktor Samuel Heinzerling, der treffliche Autor der lateinischen

Schulgrammatik.

Möge es ihm vergönnt sein, noch recht oft beim schäumenden Glase zu

erzählen, wie er den gottlosen Schelm »Wälhälm Rompf« auf dem Karzer

besuchte ... »Rompf« seinerseits wird jenes schöne Rencontre im Gebiete

Quaddlers nie vergessen, und sollte er so alt werden wie Grillparzer.

Samuel Heinzerlings Tagebuch.

Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher Lehrer ~Dr.~

Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande zu erwerben wußte, hat mich

veranlaßt, die Papiere meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern

und nach Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen

Schulmannes vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch

neuerdings Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel

Heinzerlings rühmen können, -- ~most popular~ nannte ihn erst kürzlich

die Londoner »~Public Opinion~«, -- werden doch literarische Größen,

um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen Biographien

erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen

und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein Mann von

der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät von seinem

Geschichtschreiber beanspruchen dürfen?

Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite in

großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben in

den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling. Dienstags und

Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.«

Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist seinem

wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin und wieder hat

die Erinnerung einige Linien ergänzt.

Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine Schilderung

der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert. Der

eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den unteren

Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen nur die letzte

Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen besonderen Wert auf

das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische Leben und Treiben,

die tausendfältig sich kreuzenden Tendenzen einer rastlos jagenden

Bevölkerung, die Schwierigkeiten und Wirrnisse eines so ungeheuren

Gemeinwesens und ganz besonders den Kontrast zwischen der ruhigen

Beschaulichkeit einer deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der

modernen Babel »plastäsch vor dä Sääle zo föhren«.

Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat er mit

würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, -- noch würdevoller und

langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt, zog er einen Stoß

vergilbter Blätter aus der Tasche, breitete sie sorgfältig vor sich aus

und begann dann mit einer gewissen jungfräulichen Verlegenheit:

»Zor Vervollständägong des Bäldes, das äch än der vorägen Stonde

vor Ähren Bläcken entrollt habe, wäll äch Ähnen heute einige

charakterästäsche Stellen aus meinem Paräser Tagebooch vorlesen,

das äch vor nonmehr säbzehn Jahren während eines fönfwöchentlächen

Aufenthaltes än der französäschen Hauptstadt verfaßt habe. Däse

ansprochslosen Notäzen werden Ähnen besser, als eine theoretäsche

Schälderung däs vermöchte, dä Wahrheit meiner neuläch erörterten

Behauptong klar machen: daß nämläch ein Monäzäpiom von allzo

beträchtlächer Ausdehnong dä Exästenz des Ändävädooms än jeder Hänsicht

erschwert. Äch wäderhole Ähnen: Dezentraläsation moß dä Parole jedes

vernonftgemäß organäsärten Staatswesens sein. Däse sogenannten

Weltstädte sänd aus keinem Gesächtsponkt zo rechtfertägen!«

»Aber, Herr Direktor,« begann Wilhelm Rumpf, als Samuel innehielt, »das

alte Rom zur Zeit des Augustus war doch auch eine Weltstadt.«

»Sätzen Sä säch«, erwiderte Heinzerling mißmütig. »Das alte Rom war

der Mättelponkt der damals bekannten Erde, hatte also logäscherweise

das Anrecht auf eine gewässe räumläche Ausdehnong. Heutzotage aber

steht der Omfang däser Großstädte mät dem ährer Staaten än gar keinem

Verhältnäs. Öbrägens, äch halte mer aus, daß Sä mäch jetzt nächt

bei jeder Sälbe onterbrechen; zomal es säch fögen könnte, daß meine

Aufzeichnongen hän ond wäder einen etwas persönlichen Charakter

annähmen. Dä Sobjektävätät äst aus solchen Reisenotäzen mät dem besten

Wällen nächt ämmer hänaus zo schaffen. Sollte also etwas Derartäges mät

onterlaufen, so erwarte äch von Ährem Anstandsgeföhl, daß Sä mäch nächt

mät onnötägen Fragen behellägen. Äch bränge Ähnen dorch dä Mätteilong

däser Aufzeichnongen ohnehän ein gewässes Opfer: aber der Pädagoge äst

mächtäger än mer als der Prävatmann. Rompf, wenn Sä lachen wollen, so

gehn Sä mer vor dä Töre! Verstehen Sä mäch? Ond non ställ! Äch begänne!«

Seit Wochen hatte in der Prima keine so feierliche Ruhe geherrscht,

wie nach dieser Erklärung unseres allverehrten Direktors. Was konnte

uns wünschenswerter erscheinen, als die Ankündigung subjektiver

Streiflichter auf das Privatleben einer uns so teuren und

hochinteressanten Persönlichkeit?

»Meine Notäzen«, hub Samuel mit der ganzen Fülle seines wohlklingenden

Organes an, »bestehen aus losen Zätteln, dä dem Datom nach aneinander

gereiht sänd. Äch habe das Wächtigste här zosammengestellt ond begönne

non ohne weitere Einleitong mät der Lektöre. Äch bemerke nor noch, daß

äch mäch damals aus rein wässenschaftlächen Grönden zo jener ämmerhän

beschwärlächen Reise entschlossen hatte.

Nochmals, äch begänne:

›Paräs, am drätten Mai. Bereits seit värzehn Tagen befände äch mäch

än der Hauptstadt der Gallier. Äch habe mäch schon so zämläch än den

öffentlächen Bäbläotheken orientärt ond freue mäch von Herzen öber dä

Fölle des vorhandenen Materäals. Nor eine einzäge Handschräft, deren

Exästenz Waldhober mär doch so zoverlässig behauptete, habe äch bäs

jetzt noch nächt auftreiben können. -- Gedold!‹«

»Herr Direktor,« warf hier Möricke ein, »wer ist denn der Waldhuber?«

»Ohne Zweifel ein Pariser Bibliothekar«, fügte Schwarz hinzu.

»Onsänn! Waldhober! Wer wärd Waldhober sein! Der beröhmte Archäologe,

gegenwärtäg än Göttängen! Sä scheinen mer auch öber den Stand der

modernen Wässenschaft sehr schlecht onterrächtet.«

»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte Möricke.

»Sei'n Sä mer ställ! Sä können öberhaupt nächt väl auswendig. Äch fahre

än der Lektöre fort:

›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner -- dorchaus nächt

onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der römäschen ~coena~

entsprechend -- machte mäch Doktor Mouchard vom ~Collège de France~

aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken entsprechen wörde, wenn äch mäch

dem Großherzoglich badäschen Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen

wollte. Doktor Mouchard schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz

als einen Mann von wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein

hohes Änteresse för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine

Ontersochongen öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern,

zomal er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle

Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest von

höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr von Prättwätz sei

ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter, frei von Dönkel

ond Öbermot, -- kein Sklave der Hybris, dä äns Verderben föhrt. So

habe äch denn än der Tat den Entschloß gefaßt, morgen fröh elf Ohr den

trefflächen Staatsmann än seiner Wohnung, ~rue de Berlin~ Nommer neun,

aufzosochen ond ähm meine wässenschaftlächen Absächten des näheren

vorzotragen.

Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte äch meinen

schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte meinen

Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer Farbe ond

nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne, dä, beiläufäg

bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit mät den Wagen

des Homer aufweisen.

Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen Lebens

einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän wärd mer

bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus der Schössel

hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät dem Täntenfasse

ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen, dä äch mer

dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond ähnläche Änstromente zozähe,

kann äch nor als das Resoltat einer latenten Neigong zom Mäßgeschäcke

betrachten. Wenn mer non dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise

meiner Famälie passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls

ausgesetzt än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch

nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt?

Äch war kaum än das Vehäkolom eingestägen, als äch, von dem

Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes zo

onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz aller

Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch anfängläch

bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf dem Kamäne lägen

gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den Kotscher bezahlen wollte

ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen Geld sochte, das äch gewöhnläch

än der rechten Westentasche verwahre, da bemerkte äch zo meiner

Verwonderong, daß öch öberhaupt keine Weste anhatte.

~Verte!~ räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt, fand äch

dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes, wo äch sä

sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät, da der badäsche

Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch warf mäch daher

wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond gäng vergnögläch zor

Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein Tag. Öbrägens war dä heutäge

Ausbeute auf der Bäbläothek so ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong

gern än den Kauf nehme.‹«

»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen Zettel

hervorsuchte.

»Non?«

»Hätten Sie denn nicht einfach Ihren Frack zuknöpfen können? Dann hätte

man ja gar nicht gesehen, daß Sie die Weste nicht anhatten.«

»Goot! Sehr goot! Däse Bemerkong zeigt, daß Sä meine Mätteilongen

einer denkenden Betrachtong onterzähen! Knebel! Schreiben Sä mal äns

Tagebooch: ›Möricke wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Haben Sä's,

Knebel ...? ›Wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ ... Was non dä Sache selber

betrifft, so moß äch Ähnen bemerken, daß dä Verwärklächong Ährer an

säch ja recht glöcklächen Idee aus dem zwängenden Gronde onmöglich

war, weil der Frack noch aus der Zeit meines Staatsexamens herröhrte.

Äch konnte denselben mät dem besten Wällen nächt zoknöpfen, denn als

Kandädat war äch wesentläch schlanker. Doch wär wollen ons dorch däsen

Zwäschenfall än onserer Lektöre nächt stören lassen. Äch fahre da fort,

wo äch aufgehört habe.

›Am sechsten Mai. Mät dem französäschen Idiom gäng es mär gestern

abend recht schlecht. Der Kellner wollte mäch absolot nächt verstehen;

ond da er weder än der lateinäschen noch än der grächäschen Sprache

dä erforderlächen Kenntnässe besaß, so bläb mer nächts öbrig, als

meine Wönsche zo Papär zo brängen. Er las meine Sätze denn auch mät

Leichtägkeit ab. Wahrlich, nämals hätte äch äm Traume gedacht, daß

dä gewöhnläche französäsche Konversationssprache einem Manne von

klassäscher Bäldong so schwer fallen könnte. Dä nasale Aussprache

gewässer Sälben hat för mein Organ etwas Wäderstrebendes‹ ... Hotzler,

was lachen Sä?«

Der Schüler erhob sich.

»Ich ... ich wollte nur ...«

»Was wollten Sä?«

»Ich kann nicht begreifen, daß gerade Ihnen die nasale Aussprache

Schwierigkeiten bereitet.«

»Wäso? Was wollen Sä damät sagen? Hören Sä mal, Hotzler, äch

glaube, Sä brängen här nächt den gehörägen Ernst mät, wie er zor

Sache erforderläch äst. Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch:

›Hotzler wegen kändäschen, läppäschen Benehmens getadelt.‹ Zor

Strafe lese äch Ähnen jetzt däse lehrreichen Bemerkongen öber dä

französäsche Aussprache nächt weiter vor! Das haben Sä säch non selber

zozoschreiben! Rompf, lassen Sä das Gewackel ond röcken Sä weiter nach

rechts! Sä hocken dem Gäldemeister ja auf dem Leib wä eine Klette. Ond

non kein Wort mehr!

›Paräs, am säbenten Mai. Gestern om halb elf Ohr gräff äch abermals zo

Frack ond Zäländer, vergewässerte mäch zweimal, ob dä Weste an Ort ond

Stelle sei, ond bestäg dann das Zweigespann Nommer 1313. Dä ominöse

Zahl beröhrte mäch eigentömläch. Ein alter Römer wörde än gleicher

Lage omgekehrt sein. Äch aber habe mäch stets von den Anwandlongen

eines dorch nächts zo motävärenden Aberglaubens ferne gehalten. Äch

erwähne den Omstand nor, weil der Eindrock, den er än mer hervorräf,

för meine Stämmong charakterästäsch äst. Ebenso befremdete mäch än

der Richelieu-Straße dä altklassäsche Änschrift eines Weinkellers:

»~Cave Richelieu~«, eine Warnong, dä -- fast an das beröhmte »~Cave

canem!~« anklängend -- einen alten Römer ebenfalls zor Vorsächt ermahnt

hätte ...‹«

Samuel Heinzerling hielt einen Augenblick inne.

»Herr Direktor,« rief Wilhelm Rumpf, die Pause benutzend, »darf ich mir

in Beziehung auf diesen letzten Passus eine Frage erlauben?«

»Goot, fragen Sä!«

»So viel ich mich erinnere, heißt französisch ~la cave~: der Keller,

so daß also jene Inschrift ziemlich zwanglos mit »Richelieukeller«

übersetzt werden könnte, eine Konjektur, die um so größere

Wahrscheinlichkeit hat, als besagte Inschrift wirklich auf einem Keller

zu lesen stand.«

»Goot! Sehr goot!« versetzte Samuel Heinzerling, die rundglasige

Brille zurecht rückend. »Ähre Häpothese verrät eine röhmläche

Schlagfertägkeit. Äch wäll sogar zogeben, daß Sä onter Omständen

möglächerweise tatsächlich recht haben: mer jedoch, als dem klassäschen

Phälologen ond Altertomsforscher, lag das Lateinäsche ongleich näher ...

Äch fahre än der Lektöre fort:

›Trotz däser Omina woßte äch goten Motes zo bleiben. Mein Kotscher

peitschte drauflos, als hätte er noch heute wä Helios dä Ronde om

den Erdball zo machen. Nämals bän äch von Pferden auf so schnelle

Weise befördert worden. Meine schon fröher ausgesprochene Häpothese

einer Verwandtschaft des grächäschen ἵππος mät dem althochdeutschen

~hupfan~ (Phölologäsche Jahrböcher IV, S. 306) scheint mer jetzt

evädenter als je. Leider sollte äch däse wässenschaftläche Erkenntnis

mät einem persönlächen Onfall bezahlen: denn als wär so äm besten

Sausen dahän rollten, ereignete säch plötzlich eine Erschötterong.

Äch schrä auf ond gewahrte das Zweigespann än einer Lage, dä mer das

Schäcksal des onglöcklächen Bellerophon äns Gedächtnäs zoröckräf. Noch

lehnte freiläch das geschädägte Fohrwerk an einem großen, zweirädrägen

Gemösekarren; aber äch war onglöcklächerweise wäder das Rad däses

Lastwagens angedröckt worden, was eine starke Besodelong mät Teer ond

anderen klebrägen Stoffen zur Folge hatte. Än däsem Zostande konnte

äch natörläch meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten

nächt ausföhren. So bezahlte äch denn den Kotscher ond gäng än etwas

deprämärter Stämmong nach Hause.

Das sänd dä Folgen der Zentraläsation, sagte äch, als äch nach einer

Stonde wäder auf meinem Sofa saß ond ein Gläschen Borgonder schlörfte.

Meinen Frack ond meine Weste habe äch dem Hausknecht zom Reinägen

gegeben. So werde äch denn vor öbermorgen den badäschen Gesandten nächt

sprechen können; doch äch habe ja Zeit. Ohnehän moß äch heute onter

allen Omständen Luitgardens Bräf beantworten. Sä könnte sonst glauben,

äch wäre veronglöckt.‹«

»Wessen Brief?« fragte hier Wilhelm Rumpf.

»Non, das äst onwesentläch.«

»Luitgard, das ist wohl die Frau Direktorin?« fragte Möricke.

»Lassen Sä Ähre unnötägen Fragen! Äch habe keine Lost, Ähnen här meine

Famälienverhältnisse auseinander zo setzen. Hören Sä weiter:

Also ... ›sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt. Ond än der

Tat, stand äch nächt heute bereits mät einem Fooße in Charons Nachen?

Non, äch habe mer geschworen: kein Zweigespann mehr! Äch lese da eben

än meinem Reisehandbooch, das ein sonst onbekannter Schräftsteller,

namens Karl Bädeker, verfaßt hat, dä Omnäbosse seien bei weitem

bälläger ond bequemer. Dä sogenannte ~Impériale~ -- das Verdeck --

scheint mer än der Tat ein äußerst gönstäger Platz, da man von dort

einen freien Ombläck genäßt. Öbermorgen also mät erneuten Kräften ans

Werk!

Meine Stodien liegen heute so zämläch brach. Dä Erschötterong än der

Droschke hat mäch so verwärrt, daß äch keinen vernönftägen Gedanken zo

fassen ämstande bän. Äch benotze daher, wä bereits oben bemerkt, däsen

Änterämszostand zo einem Bräfe an meine Gattän.

Noch eines wäll äch erwähnen. Es äst mer vorhän aufgefallen, daß

der Hausknecht eine korze Tonpfeife rauchte. Es scheint däs ein täf

eingeworzelter französäscher Nationalgebrauch, während än Deutschland

dä lange Pfeife vorherrscht. Obgleich nächt moderner Koltorhästoräker

von Fach, pflege äch doch dä Länder ond ähre Sätten aufmerksam zo

beobachten. Den Välgewandten nennt mäch Luitgarde oft scherzweise --

ond än gewässem Sänne hat sä onstreitäg recht. Besser freiläch wörde sä

sagen: der Välseitäge.

Doktor Mouchard war vor einer Stonde bei mer ond fragte mäch, wä mer

der badäsche Gesandte gefallen habe. Äch erzählte ähm das erlättene

Mäßgeschäck: der Mensch lachte mer laut äns Gesächt. Däse Franzosen

sänd eine herzlose, egoästäsche Nation.

Mein Kollege Träuble, der Ordänarios von Quarta, wörde säch än gleichem

Falle ganz anders benommen haben.

Am neunten Mai. Gestern om halb elf verläß äch mein Hotel, om den

Omnäbos der Länie Clichy-Odéon abzupassen, der, wä der Hausknecht

versächert, dächt an der ~rue de Berlin~ vorbei fährt. Der Omnäbos

kam, ond da äch än der Gymnastäk zwar kein Koryphäe, aber ämmerhän ein

ganz leidlächer Dälettant bän, so gelang es mär ohne Schwärägkeiten,

dä treppenartäge Leiter, oder besser, dä leiterartäge Treppe, zor

sogenannten ~Impériale~ hänan zo klämmen. Dä Höhe, än der äch mäch non

befand, hatte zwar äm ersten Augenbläck etwas Beonrohigendes; bald

ändes öberzeugte äch mäch von der Solädätät des Eisengeländers, -- ond

dä völläge Sorglosägkeit der öbrägen Passagäre trog dazo bei, mein

Onbehagen völläg zo tälgen. So genoß äch denn än onbeschränktem Maße

dä großartäge Aussächt auf das Treiben der Weltstadt. Än Betrachtongen

der mannächfachsten Art versonken, hatte äch anfängläch nächt bemerkt,

daß der Omnäbos, sobald ein Herr absteigen wollte, nächt anhält.

Däse Röcksächt gält bloß för das zarte Geschlecht. Jetzt aber ward

äch auf däsen Omstand aufmerksam, da mein Nachbar, ein Jöngläng aus

dem Handwerkerstande, den Platz an meiner Seite verläß ond ohne dä

gerängste Bangägkeit an dem rasch dahänrollenden Omnäbos hänonter

kletterte. Zwei Sekonden später stand er wohlbehalten auf dem Trottoir

ond gäng än das nächste Haus, als wäre nächts vorgefallen ...

Mer ward mät jedem Augenbläck schwöler zomote. Das Hänanklämmen, zomal

wenn der Omnäbos stand, läß säch ohne Möhe bewerkstellägen; aber

hänonter, ond noch dazo röckwärts? ~Nonquam retrorsom!~ Das war von

jeher mein Wahlsproch, -- ond non sollte äch onter so wäderwärtägen

Verhältnässen dem Grondsatze meiner Jogend ontreu werden? Ändes, was

war zo machen? Dä Straße, än dä wär jetzt einfohren, war dä ~rue de

Clichy~ ... Äch sprach also: ~fortes fortona jovat~ ond gäng ~färmo

constantäque anämo~ ans Werk. Zo Anfang schänen dä Götter mer gönstäg.

Dä Treppe ward än korzer Zeit glöcklich zoröckgelegt, ond wohlbehalten

langte äch auf der breiten Onterstäge an, von der äch nor herabsprängen

moßte, om sägreich geborgen zo sein.

Mein Kollege Salzmann, der Physiker, hat mer oft auseinander gesetzt,

daß onsere klassäsche Bäldung eine einseitäge, ädealästäsche sei ond

zor Ergänzong einer realästäschen Hälfte -- der Natorwässenschaften

-- bedörfe. Äch habe Salzmann oft einen Materialästen genannt ond

ähn aus Plato ond der »Krätäk der reinen Vernonft« zo wäderlegen

gesocht. Jetzt ändes erkenne äch, daß er nächt völlig äm Onrecht

war. Hätte äch än meiner einseitägen, ädealästäschen Rächtong nächt

öbersehen, daß ein Körper, der säch än Bewegong befändet, vermöge des

Gesetzes der Trägheit än däser Bewegong verharrt, auch wenn dä ~causa

movens~ zo wärken aufhört, -- äch erännere mäch däses Lehrsatzes aus

meiner Gymnasialzeit, -- so wäre äch nächt beim Absprängen von der

Omnäbosstäge langwegs än den Kot gefallen.

Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen Onterrächt än

den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern, ähre Känder vor

den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet haben, vorsächtäg zo

bewahren.

Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte Kännlade

verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än meinem Hotel. Mein

Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen. Da äch also heute

nächt zum Diner komme, wärd Doktor Mouchard mäch ohne Zweifel morgen

zor Rede stellen, ob äch välleicht beim badäschen Gesandten diniert

habe. Äch wörde unbedängt Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer

zoverlässägen Personalbeschreibong wäre! Das sänd wäder dä Folgen der

Zentraläsation! Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern

säch Zeit nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute

zoverlässig meinen Plan zor Ausföhrong gebracht!

Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch wäder auf eine

~Impériale~. --

Es klopft, -- sollte es Mouchard sein?‹«

Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach der Tür

gestürzt.

»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone des höchstens

Erstaunens.

»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch eben: ›es

klopft.‹«

»Onsänn! Äch habe vorgelesen -- ganz deutlich ond onverkennbar: ›Es

klopft -- sollte es Mouchard sein?‹«

»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.«

»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu.

»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!«

Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen Schulmannes

zu lesen an:

»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern der

Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmotzten Kleider zo

holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges Tränkgeld geben

mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät meinem schwarzen Kostöm.

Gesammelte Schulhumoresken · 第 14 / 18 段