»Ach, für diesmal, Herr Direktor«, flüsterte Rumpf in schmeichlerischem

Tone, -- »für diesmal könnten Sie mir die Strafe noch erlassen.«

»Nächts da! Sä gähn än den Karzer. Doch wär wollen ons dorch däsen

Zwäschenfall än onsrer Arbeit nächt stären lassen. Hutzler, repetären

Sä einmal ...«

»Herr Direktor, ich war beim Vorübersetzen nicht zugegen. Hier ist mein

Zeugnis.«

»So! Sä waren wäder einmal krank. Wässen Sä, Hutzler, Sä sänd auch

öfter krank als gesond ...«

»Leider, Herr Direktor. Meine schwächliche Konstitution ...«

»Schwächläch? Sä, schwächläch? Non, hären Sä einmal, Hutzler, äch

wollte, jäder Mänsch unter der Sonne wäre so schwächläch wä Sä! Faul

sänd Sä, aber nächt schwächläch ...«

»Faul? Aber ich kann doch nicht während eines Fieberanfalls ...«

»Äch känne das! Sä wärden wäder einmal zo väl Bär getronken haben.

Repetären Sä einmal, Gildemeister.«

»Fehlt!« riefen sechs Stimmen zugleich.

Samuel schüttelte mißmutig das Haupt.

»Weiß keiner, warom der Gildemeister fehlt?«

»Er hat Katarrh!« antwortete einer der sechse.

»Katarrh! Wä äch so alt war, hatte äch nämals Katarrh. Aber wo bleibt

denn der Knipcke und der Heppenheimer? Schwarz, gehn Sä einmal hinaus,

kommen Sä aber gleich wäder!«

Schwarz ging, und kam nach zehn Minuten mit dem Pedell und den beiden

Kommilitonen zurück.

»Herr Quaddler war mit Tapezieren beschäftigt«, sagte Heppenheimer in

achtungsvollem Tone; »er mußte sich erst ein wenig umkleiden.«

»So! und dazo brauchen Sä eine halbe Stonde? Quaddler, äch fände, Sä

wärden nachlässig äm Dänste!«

»Sie entschuldigen ganz gehorsamst, Herr Direktor, aber die Herren sind

erst vor zwei Minuten an meine Tür gekommen.«

»Oh!« riefen die drei Primaner wie aus einem Munde.

»Non, äch wäll das nächt weiter ontersochen! Här, nähmen Sä einmal

da den Rompf ond föhren Sä ähn auf den Karzer. Rompf, Sä wärden säch

anständig betragen und nächt alle Augenbläcke nach dem Pedellen rofen,

wä das vor acht Tagen geschehn ist. Quaddler, Sä lassen säch durch

nächts bestämmen, den Rompf auf den Vorflur zo lassen! Wenn ähm wäder

schlächt wärd, so mag er das Fänster öffnen. Am bästen äst's, Sä sätzen

ähm alles Nötige hänein in die Zälle, und lassen die Töre ein för

allemal verschlossen. Freitag abend kömmt er wäder herunter.«

»Schön, Herr Direktor.«

»Das Ässen können Sä säch dorch einen Ährer Freunde besorgen lassen.

Verstanden?«

Rumpf nickte.

»So! und non fort mät Ähnen!«

»Es ist also wirklich Ihr Ernst, Herr Direktor, mich für eine

künstlerische Leistung ...«

Samuel Heinzerling lachte mit männlich-pädagogischer Würde.

»Sä sänd ein drolliger Kauz, trotz aller Ährer Ongezogenheiten. Aber

helfen kann äch Ähnen nächt. Solange Sä mär nächt dartun, was Ähre

angäbliche könstlerische Leistung notzt und frommt, -- ganz abgesehen

von Ährer onziemlichen Tendenz, -- so lange wärden Sä säch ins

Onabänderliche fögen mössen. Machen Sä jetzt, daß Sä hänauf kommen!«

Wilhelm Rumpf biß die Lippen aufeinander, machte kehrt und verschwand

mit Quaddler in der Dämmerung des Korridors.

»Was haben Sie eigentlich verbrochen, Herr Rumpf?« fragte der Pedell,

als sie die Treppe hinanschritten.

»Nichts.«

»Aber verzeihen Sie gütigst, Sie müssen doch was gemacht haben?«

»Ich habe nur das getan, was der Direktor beständig tut.«

»Woso?«

»Nun, geben Sie einmal wohl acht: Sähen Sä, mein läber Quaddler, der

Rompf ist ein Taugenächts und verdänt eine exemplarische Zächtigong.«

»Herr Gott meines Lebens!« stammelte der Pedell, beide Hände über dem

Kopf zusammenschlagend. »Nein, wer mir gesagt hätte, daß so etwas

möglich sei ... Aber das ist ja ordentlich graulich, Herr Rumpf! Weiß

der ewige Himmel, wenn ich Sie nicht mit meinen eigenen Augen vor mir

sähe, ich würde schwören, des gestrengen Herrn Direktors persönliche

Stimme gehört zu haben! Tausend noch 'mal, das muß ich sagen! Sie

können's noch weit bringen in der Welt! Wissen Sie, da war ich einmal

drüben bei Lotz in der Bierstube, da war auch so ein Zauberkünstler,

der machte Ihnen alles nach, was Sie wollten, Vogelgezwitscher und

Pferdewiehern, Hundegebell und Hochzeitspredigten. Aber so wie Sie hat

er mich doch nicht aus Rand und Band gebracht!«

»Glaub's, glaub's, läber Quaddler!« versetzte Rumpf, immer noch den

Direktor imitierend.

»Und das haben Sie in seiner Gegenwart aufgeführt? Nein, hören Sie

einmal, nichts für ungut Herr Rumpf, aber alles am rechten Ort. So

was geziemt sich nicht, und der Herr Direktor haben alle Ursache, im

höchsten Grade ungehalten zu sein.«

»Meinen Sä?«

»Ich muß Sie recht schön bitten, Ihr Spiel jetzt sein zu lassen. Es

verträgt sich nicht mit dem Ernst meines Amtes. Wollen Sie gefälligst

hier hereinspazieren!«

»Mät Vergnögen ...!«

»Herr Rumpf, ich werde dem Herrn Direktor sagen, Sie hätten noch nicht

genug an der Ihnen diktierten Strafe ...«

»Was gäht Sä meine Strafe an, Sä alter, närrischer Quaddler!«

»Was mich Ihre Strafe angeht? Nichts! Aber es geht mich viel, sehr viel

an, ob Sie fortfahren, den Herrn Direktor in respektwidriger Weise zu

verspotten.«

»Ich kann machen, was äch will.«

»Das können Sie nicht.«

»Doch, Quaddler. Äch kann sprechen, wä mär's paßt, und wäm's nächt

gefällt, der dröckt säch oder hält säch die Ohren zo.«

»Nun, warten Sie!«

»Worauf?«

»Ich werde dem Herrn Direktor Bericht erstatten.«

»Sagen Sie einen schönen Gruß von mir.«

»Sie werden sich wundern.«

Quaddler drehte den Schüssel um und tappte langsam die Treppe hinunter.

Im Saale der Prima ward inzwischen eifrig Sophokles interpretiert.

Heppenheimer verdeutschte gerade zum größten Jubel der übermütigen

Sippe das Wehgeschrei des unglücklichen Philoktetes:

»Ai, ai, ai, ai ...«

Der Direktor Samuel Heinzerling fiel ihm in die Rede.

»Sagen Sä ›Au, au, au, au‹. Das ›Ai‹ als Interjektion des Schmerzes äst

sprachwädrig.«

»Ich dachte, ›Au‹ sei bloß bei körperlichen Schmerzen gebräuchlich«,

bemerkte Heppenheimer.

»Non, dänken Sä välleicht, Philoktet habe bloß geistig gelätten? Sä

scheinen mer den Gang der Tragödie ohne sonderliche Aufmerksamkeit

verfolgt zu haben.«

»Herr Direktor, es klopft!« sagte Knebel.

»Sähn Sä einmal nach, Knipcke!«

Knipcke eilte, zu öffnen.

»Was? Sä, Quaddler? Warom stören Sä ons schon wäder? Fassen Sä säch

korz!«

»Ich wollte mir gütigst erlauben, ergebenst zu vermerken, der Primaner

Rumpf spricht noch immer so, wie von wegen weshalb Sie ihn bestraft

haben.«

»Was? Er sätzt die Komödie fort? Non, äch wärde die erforderlichen

Maßregeln zu ergreifen wässen! Knäbel, schreiben Sä einmal ein, -- oder

nein, lassen Sä's läber! Es äst goot, Quaddler. Heppenheimer, fahren

Sä fort. Also: ›Au, au, au, au,‹ nächt: ›Ai, ai, ai, ai‹. Das Folgende

können Sä etwa mät: ›Ach, ihr äwigen Götter!‹ oder mät ›Allmächtiger

Hämmel!‹ wädergeben!«

Heppenheimer erledigte sein Pensum zu des Direktors leidlicher

»Zofrädenheit«. Nach ihm übersetzte Schwarz »ongenögend«. Dann erscholl

Quaddlers Klingel. Der Verfasser der lateinischen Grammatik für den

Schulgebrauch erklärte den Unterricht für geschlossen. In der Tür

erschien Doktor Klufenbrecher, der Mathematiklehrer, der die Prima

von drei bis vier über die Geheimnisse der analytischen Geometrie

zu unterhalten hatte. Samuel Heinzerling reichte dem »geschätzten

Herrn Kollegen« herablassend, aber nicht ohne ein gewisses humanes

Wohlwollen, die grübchenreiche Rechte und verfügte sich dann nach

dem Direktorialzimmer, wo er sich nachdenklich auf seinem Amts- und

Dienstsessel niederließ.

Quaddler ging inzwischen ans Werk, die freie Stunde gehörig

auszunutzen. Rüstig stülpte er den Pinsel in den Kleistertopf und

bestrich eine Tapetenbreite nach der anderen mit duftender Klebematerie.

Wilhelm Rumpf aber saß gähnend auf der Pritsche und versicherte

im Selbstgespräch, er sei das Gymnasium mit seinen unmotivierten

Freiheitsbeschränkungen bis über die Ohren müde.

Herr Samuel Heinzerling kraute sich jetzt in den Locken, rückte die

große Brille mit den runden Gläsern zurecht und schüttelte zwei-,

drei-, viermal das pädagogische Haupt.

»Ein mäserabler Jonge, dieser Rompf!« murmelte er vor sich hin

... »Aber äch glaube fast, auf dem Weg der Güte äst mähr bei ihm

auszurichten, als mit Gewalt und Strenge. Äch wäll ähm einmal

ärnst-nachdrocksamst ins Gewässen räden! Schade ohm ähn! Er gehört zo

meinen begabtesten Schölern!«

Er klingelte.

Nach drei Minuten erschien Anny, Quaddlers sechzehnjährige Tochter. Sie

war augenscheinlich im Begriff, einen Ausgang zu machen; dafür sprach

das kokette Federhütchen, das sich anmutig auf ihren dunklen Locken

wiegte, und das bunte Schaltuch, das ihre vollen Schultern umfing.

»Sie befehlen, Herr Direktor?« fragte sie mit einer graziösen

Verbeugung.

»Wo ist Ihr Vater?« flüsterte Samuel mit einer für seine Verhältnisse

außerordentlich reinen Aussprache des »i«.

»Er kleistert. Haben Sie etwas zu besorgen, Herr Direktor?«

»So, er kleistert. Na, dann wäll äch ähn nächt stören in seiner

Kleisterei. Es äst nächts Besonderes, Anny. Der Karzerschlössel stäckt

ja?«

»Ich werde einmal gleich fragen, Herr Direktor.«

Wie ein Reh eilte das Mädchen die Treppe hinunter. Nach wenigen

Sekunden war sie wieder zur Stelle.

»Jawohl, Herr Direktor, die Schlüssel stecken, sowohl der zum Vorflur,

wie der zur Zelle. Befehlen Sie sonst etwas?«

»Nein, äch danke.«

Anny verabschiedete sich. Lächelnd blickte Samuel ihr nach.

»Ein reizendes Känd!« murmelte er vor sich hin. »Ich gäbe väl darom,

wenn meine Winfriede nur halb so väl ~savoir vävre~ besäße -- von

Ismenen ganz zo geschweigen. Däser Quaddler äst ein ~paganus~, ein

~homo incultus~, und dessenohngeachtet verstäht er es, eine Charitin

groß zo zähen, während äch, der feingebäldete Kenner des klassischen

Altertoms, äch, der ~homo, coi näl homani alienom äst~, nächt ämstande

bän, eine meines Bäldongsgrades wördige Nachkommenschaft zo erzielen.«

Er strich sich einigemal über das glattrasierte Kinn, nahm dann seinen

Hut vom Tisch und klomm die Stiege zum Karzer hinan.

Wilhelm Rumpf war höchlich überrascht, als sich schon nach so kurzer

Gefangenschaft die Tür in den Angeln drehte. Sein Staunen erreichte

jedoch den Zenitpunkt, als er in dem unerwarteten Besucher den Direktor

Samuel Heinzerling erkannte.

»Non, Rompf?« sagte der ehrenfeste Pädagoge.

»Was wünschen Sie, Herr Direktor?« entgegnete der Schüler im Tone einer

resoluten Verstocktheit.

»Äch wollte mäch einmal erkondigen, ob Sä in säch gähn und einsähn, daß

solche Puerilitäten der Aufgabe des Gymnasiums und dem in däsen Mauern

herrschenden Geiste vollständig zowäder laufen ...«

»Ich bin mir nicht bewußt ...«

»Was, Rompf? Sä wollen säch noch auf die Hänterbeine stellen? Sähn

Sä einmal, was wörden Sä wohl sagen, wenn Sä an meiner Stelle wären?

Wörden Sä nächt däsen onartigen, öbermötigen Wälhelm Rompf aus

Gamsweiler noch ganz anders bei den Ohren nähmen? Hä?«

»Herr Direktor ...«

»Das sänd doch Kändereien, wä man sä einem anständigen jongen Mann

aus gooter Famälie nächt zotraut! Wässen Sä was? Beim nächsten dommen

Streich wärde äch Sä relegären!«

»Relegieren ...?«

»Ja, Rompf! Relegären! Drom gähn Sä än säch und lassen Sä dä

Ongezogenheiten, die Ähnen wahrhaftig keine Ehre machen ... Äch

wäderhole Ähnen: sätzen Sä säch einmal an meine Stelle! ...«

Wilhelm Rumpf ließ das Haupt nachdenklich auf die Brust sinken. Er

fühlte, daß die angedrohte Relegation nur noch eine Frage der Zeit sei.

Mit einemmal zuckte ein diabolischer Gedanke durch sein Gehirn.

»Wenn ich denn einmal fortgejagt werden soll,« sprach er zu sich

selbst, »so mag es denn auch mit Eklat geschehen!«

Er lächelte, wie der verbrecherische Held eines Sensationsromanes

nach gelungener Missetat zu lächeln pflegt, und sagte im Tone einer

beginnenden Zerknirschung:

»Sie meinen, Herr Direktor, ich solle mich an Ihre Stelle

versetzen ...?«

»Ja, Rompf, das meine äch.«

»Gut, wenn Sie's denn nicht anders haben wollen, so wünsche ich viel

Vergnügen!«

Und damit sprang er zur Tür hinaus, drehte den Schlüssel um und

überließ den armen Direktor seinem unverhofften Schicksale.

»Rompf! Was fällt Ähnen ein! Äch relegäre Sä noch heute! Wollen Sä

augenbläckläch öffnen! Augenbläckläch, sage äch!«

»Äch gäbe Ähnen härmät zwei Stonden Karzer«, antwortete Rumpf mit

Würde. »Sä haben sälbst gesagt, äch solle mäch an Ähre Stelle

versätzen.«

»Rompf! Es geschäht ein Onglöck! Ein Onglöck, sage äch! Öffnen Sä! Äch

befähle es Ähnen!«

»Sä haben nächts mähr zo befählen! Äch bän gägenwärtäg där Därektor! Sä

sänd der Prämaner Rompf! Seien Sä ställ! Äch dolde keine Wäderräde!«

»Läber Rompf! Äch wäll's Ähnen för däsmal noch verzeihen. Bitte, machen

Sä höbsch auf. Sä sollen mät einer gelinden Strafe dorchkommen. Sä

sollen nächt relegärt werden. Ich verspreche es Ähnen! Hären Sä?«

Der »läbe Rompf« hörte nicht. Er hatte sich leise über den Vorflur

geschlichen und eilte jetzt die Treppe hinab, um siegreich zu

entweichen.

Als er an der Tür des Pedells vorüber kam, packte ihn eine prickelnde

Idee.

Er legte das Auge ans Schlüsselloch. Quaddler stand just auf der

Leiter, den Rücken nach der Pforte gekehrt, und mühte sich, einen

schwer bekleisterten Tapetenstreifen an die Wand zu kleben. Wilhelm

Rumpf klinkte ein wenig auf und rief mit dem schönsten Heinzerlingschen

Akzent, der ihm zu Gebote stand, ins Zimmer:

»Äch gehe jetzt, Quaddler. Beobachten Sä mär den Rompf. Der Mänsch

beträgt säch wä onsännäg. Er erfrächt säch noch ämmer, seine

ämpärtänenten Spälereien zu treiben. Bleiben Sä jetzt nor rohig auf

Ährer Leiter. Äch wollte Ähnen nor noch sagen, daß Sä ähm onter keiner

Bedängong öffnen! Der Borsche wäre ämstande, Sä öber den Haufen

zo rännen und -- mär nächts, där nächts -- dorchzogehn! Hären Sä,

Quaddler?«

»Wie Sie befehlen, Herr Direktor. Entschuldigen Sie nur gütigst, daß

ich hier oben ...«

»Sä sollen rohig bleiben, wo Sä sänd, ond Ähre Kleisterei erst fertig

machen. Adiö!«

»Ganz gehorsamster Diener, Herr Direktor.«

Wilhelm Rumpf stieg nunmehr die Treppe wieder hinan und betrat die

Regionen des Karzers.

Samuel Heinzerling tobte fürchterlich. Jetzt schien er auch die Klingel

zu entdecken, denn in demselben Augenblicke, da Rumpf sich hinter

einen gewaltigen Kleiderschrank der Pedellfamilie barg, erscholl ein

wütendes Geläute, gell und schrill, wie das Kreischen empörter Wald-

und Wasserteufel.

»Zo Hölfe!« stöhnte der Schulmann, -- »zo Hölfe! Quaddler, äch bränge

Sä von Amt ond Brot, wänn Sä nächt augenbläckläch herauf kommen! Zo

Hölfe! Foier! Foier! Mord! Gewalttat! Zo Hölfe!«

Der Pedell, durch das unausgesetzte Geklingel an seinen Beruf gemahnt,

verließ seine Privatbeschäftigung und erschien auf dem Vorflur des

Gefängnisses. Der heimtückische Primaner schmiegte sich fester in sein

Versteck. Samuel Heinzerling hatte sich erschöpft auf die Pritsche

gesetzt. Sein Busen keuchte; seine Nasenflügel arbeiteten im Tempo

eines rüstigen Blasebalgs.

»Herr Rumpf«, sagte Quaddler, indem er wie warnend wider die Tür der

Zelle pochte, »es wird alles notiert!«

»Gott sei Dank, Quaddler, daß Sä da sänd! Öffnen Sä mär! Däser

mäserable Kärl sperrt mäch här ein ... Es äst hämmelschreiend!«

»Ich sage Ihnen, Herr Rumpf, die Späße werden Ihnen schlecht bekommen!

Und daß Sie den Herrn Direktor einen miserablen Kerl nennen, das werd'

ich mir besonders vermerken!«

»Aber Quaddler, sänd Sä denn verröckt?« eiferte Samuel im Tone der

höchsten Entrüstung. »Zom Henker, äch sage Ähnen ja, daß der Rompf, der

elende Gesälle, mäch här eingespärrt hat, als äch ähn besochen und ähm

äns Gewässen räden wollte! Machen Sä jätzt keine Omstände. Öffnen Sä!«

»Sie müssen mich für sehr dumm halten, Herr Rumpf. Der Herr Direktor

hat eben noch mit mir gesprochen und mir strengstens anbefohlen, Sie

unter keiner Bedingung heraus zu lassen. Und nun betragen Sie sich

anständig und lassen Sie das Klingeln, sonst häng' ich die Schelle ab.«

»Quaddler, äch bränge Sä äns Zochthaus wägen wäderrechtlicher

Freiheitsberaubung.«

»Hören Sie einmal, wissen Sie, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben

darf, so ist das ewige Nachahmen des Herrn Direktors recht kindisch,

nehmen Sie mir's nicht übel. Es ist wahr, der Herr Direktor sprechen

ein wenig durch die Nase, aber so ein dummes Geklöne, wie Sie's da

zusammenquatschen, so machen's der Herr Direktor noch lange nicht.

Und nun sag' ich Ihnen zum letztenmal, verhalten Sie sich ruhig, und

benehmen Sie sich, wie es sich geziemt ...«

»Aber äch wäderhole Ähnen auf Ähre ond Sälägkeit, der schändläche,

näderträchtäge Borsche hat den Schlössel hänter mär heromgedreht, ähe

äch noch woßte, was er vor hatte! Quaddler! Mänsch! Äsel! Sä mössen

mäch doch erkännen! Tun Sä doch Ähre Ohren auf!«

»Was? Esel nennen Sie mich? Mensch nennen Sie mich? Ei, wissen Sie was,

da fragt sich's doch noch sehr, wer von uns beiden der größte Mensch

und der größte Esel ist. So was lebt nicht. Nennt so ein grüner Junge

einen alten, ehrlichen Mann einen Esel! Selbst Esel! ... Verstehen Sie

mich? Aber warten Sie nur!«

»Ein Äsel sänd Sä ond ein Ochse dazo!« stöhnte Heinzerling

verzweifelnd. »Sä wollen also nächt öffnen?«

»Ich denke nicht daran.«

»Goot! Sehr goot!« ächzte der Schulmann mit verlöschender Stimme. »Sehr

goot! Äch bleibe also äm Karzer! Hären Sä, Quaddler? Äch bleibe äm

Karzer!«

»Es soll mich freuen, wenn Sie zur Vernunft kommen. Aber nun lassen Sie

mich ungeschoren. Ich habe mehr zu tun, als Ihre Possen mit anzuhören!«

»Quaddler!« rief Samuel wieder heftiger. »Äch sitze rohig Stonde för

Stonde ab! Verstähen Sä? Stonde för Stonde! Wä ein ongezogener Jonge

erdolde äch däse empörende Schmach! Hären Sä, Quaddler?«

»Ich gehe jetzt. Arbeiten Sie was.«

»Heiliger Hämmel, mär schwändelt der Verstand! Bän äch denn wärklich

toll geworden! Mänsch, so gocken Sä doch wänägstens einmal dorchs

Schlösselloch! Dann wärden Sä ja sehen ...«

»Jawohl, damit Sie mir in die Augen blasen, wie neulich! Das fehlte mir

noch! ...«

»Non denn, so gehn Sä zom Teufel. Mät der Dommheit kämpfen Götter

sälbst vergäbens! Aber komm' äch Ähnen heraus! komm äch Ähnen heraus!

Äch gäb's Ähnen schriftlich: Sä sänd zom längsten Pädäll gewäsen!«

Quaddler tappte ärgerlich die Stiege hinunter. Dieser Rumpf war

wirklich ein Ausbund von Impertinenz! Esel hatte er ihn genannt: Donner

und Doria! Seit Frau Kathinka Quaddler das Zeitliche gesegnet, war

dergleichen nicht vorgekommen ...!

Ja, ja, die Herren Primaner!

Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die Zelle. Seine

ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen Löwen, den menschliche

Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne die stolze, urwüchsige Kraft

seiner edlen Natur brechen zu können. Die Hände auf dem Rücken, das

Haupt mit der grauen Mähne wehmütig auf die rechte Schulter geneigt,

die Lippen fest aufeinander gepreßt, -- so wandelte er auf und nieder,

auf und nieder, -- die düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im

Gemüte wälzend.

Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge.

»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin.

»Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte beteiligt

wäre, äch könnte sä amösant fänden ...«

Er blieb stehen ...

»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe däch,

Samoel! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der ihm eine Uhr

stehlen wollte, eigenhändig die Leiter gehalten? Äst nächt selbst

Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevollerweise eingerägelt

worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken! Ond doch begägnet die

Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong. Ond doch gilt Först

Bäsmarck nach wä vor för den bedeutendsten Däplomaten Europas! Nein,

nein, Samoel! Deine Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter

Denker leidet nächt äm gerängsten onter däser peinlichen Sätoation!

Berohäge Däch, Samoel ...«

Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald aber

unterbrach er sich von neuem.

»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn meine Prämaner

erfahren, daß äch auf dem Karzer gesässen habe! Onerträglächer

Gedanke! Meine Autorätät wäre ein för allemal dahän! Ond sä +wärden+

es erfahren! Sä +mössen+ es erfahren! Äch bän ein för allemal

däskredätärt! O ähr Götter, warom habt ähr mär das getan!«

»Herr Direktor,« flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an der

Zellentür ... »Sie sind noch lange nicht diskreditiert! Ihre Autorität

steht noch in vollem Flore ...«

»Rompf!« stammelte Samuel. -- »Schändlicher, gottvergeßner Mänsch!

Öffnen Sä! Augenbläcklich! Betrachten Sä säch als moraläsch geohrfeigt!

Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!«

»Herr Direktor, ich komme, um Sie zu retten! Beleidigen Sie mich nicht!«

»Zo rätten? Welche Onverschämtheit! Aufmachen sollen Sä, oder ...«

»Wollen Sie mich ruhig anhören, Herr Direktor? Ich versichere Sie,

alles wird sich ausgleichen.«

Samuel überlegte.

»Goot«, sagte er endlich. »Äch wäll mäch herablassen ... Räden Sä ...«

»Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß meine Kunst doch nicht so

ganz ohne praktische Bedeutung ist ... Verzeihen Sie, wenn ich dabei

scheinbar die vorzügliche Hochachtung und Verehrung verletzen mußte,

die ich Ihnen aus vollstem Herzen zu zollen mir freudig bewußt bin.«

»Sä sänd ein Schelm, Rompf!«

»Herr Direktor ... Wie wär's, wenn Sie mir die Karzerstrafe erließen,

die Drohung betreffs der Relegation zurücknähmen und mir erlaubten,

über alles Vorgefallene das strengste Stillschweigen zu beobachten ...?«

»Das gäht nächt! ... Ähre Strafe mössen Sä absitzen ...«

»So? Na, dann leben Sie wohl, Herr Direktor. Klingeln Sie nicht zu

viel!«

»Rompf! Hären Sä doch! Äch wäll Ähnen was sagen ... Rompf!«

»Bitte ...!«

»Sä sänd in välen Bezähungen ein ongewöhnlächer Mänsch, Rompf ... ond

da wäll äch einmal eine Ausnahme machen ... Öffnen Sä nor!«

»Erlassen Sie mir die Karzerstrafe?«

»Ja.«

»Werden Sie mich relegieren?«

»Nein, än Teufels Namen.«

»Geben Sie mir Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«

»Rompf, was onterstähn Sä säch ...«

»Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«

»Goot! Sä haben's!«

»Jupiter Ultor ist Zeuge.«

»Was?«

»Ich rufe die Götter zu Zeugen an.«

»Machen Sä auf!«

»Gleich, Herr Direktor. Sie tragen mir's aber auch ganz gewiß nicht

nach?«

»Nein, nein, nein! Wärden Sä mäch non bald heraus lassen?«

»Sie erteilen mir volle Absolution?«

»Ja, onter der Bedängung, daß Sä nämandem erzählen, wä schwär Sä säch

vergangen haben. Ich habe Ähnen ja gesagt, äch halte Sä för einen

ongewöhnlächen Mänschen, Rompf ...«

»Ich danke Ihnen für die gute Meinung. Mein Ehrenwort: so lange Sie

Direktor des städtischen Gymnasiums und Ordinarius der Prima sein

werden, soll keine verräterische Silbe über meine Lippen gleiten!«

Und damit drehte er den Schlüssel um und öffnete ...

Wie der Uhlandsche König aus dem Turme, so stieg Samuel Heinzerling an

die freie Himmelsluft. Tief holte er Atem. Dann strich er sich mit der

Rechten über die Stirn, als ob er sich besinne ...

»Rompf,« sagte er, »äch verstehe Spaß ... Aber ... nächt wahr, Sä tun

mer den Gefallen, mäch nächt wäder mimisch zo kopären? Sä ... Sä machen

dä Geschächte zo ähnläch!«

»Ihr Wunsch ist mir Befehl!«

»Goot!! Ond non machen Sä, daß Sä hänonter kommen. Es äst noch nächt

drei Värtel. Sä können noch am Onterrächt teilnehmen!«

»Aber würde man nicht stutzen, Herr Direktor? Jedermann weiß, daß Sie

mir drei Tage Karzer diktiert haben ...!«

»Goot! Äch gähe mät Ähnen.«

So eilten sie selbander die Treppe hinab.

»Quaddler!« rief der Direktor ins Erdgeschoß.

Der Pedell erschien an der untersten Windung und fragte

dienstbeflissen, was der Gebieter zu verlangen geruhe.

»Äch habe dem Rompf aus verschädnen Grönden dä drei Tage geschenkt«,

sagte Samuel.

»Ah ...! +Drum+ sind der Herr Direktor noch einmal zurückgekommen ...

Hm ... Ja, aber was ich sagen wollte, der Herr Rumpf war gar nicht

ruhig in seiner Zelle. Nichts für ungut, Herr Direktor, aber er hat

geschimpft wie ein Rohrspatz ...«

»Lassen Sä's goot sein, Quaddler. Äch wäll däsmal aus ganz besonderen

Motäven Gnade för Recht ergehen lassen. Sä können den Karzerschlössel

abzähen!«

Quaddler schüttelte befremdet das Haupt.

Gesammelte Schulhumoresken · 第 13 / 18 段