Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser,

das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher

Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange

Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch

erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb des

Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine Anzahl

sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun gab es

zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist den Schülern

dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke, Tische, Stühle

und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen einzuschneiden.« Aber

niemals hat zwischen der Praxis und der Theorie eine so unausgefüllte

Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien unseres Gymnasiums waren

geradezu Musterkarten aller erdenklichen Schriftarten, von dem

unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis zur technisch vollendeten

Leistung des Virtuosen. Da winkten in schöner Antiqua unzählige

Josephinen, Mathilden, Henrietten und Wilhelminen; da prangten in

prickelnder Perlschrift zierliche Disticha und geistvolle Quatrains;

ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche Gegenstände waren in ihren

Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin auf einem Tische der Prima

einen großen Kanal gebaut, der in mehrfachen Windungen von dem einen

Ende zum anderen lief und, wenn man den Tisch durch untergeschobene

Bücher in eine schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war,

einen Tintenstrom ~en miniature~ von der Quelle bis zur Mündung

fließen zu lassen. Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen

Einschnitzungen bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer

auf die Missetäter fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit,

aus dem Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein

für allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher

Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit

ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte einmal

in majestätischen Lettern: =Samuel Heinzerling!= Nachdem wir diesen

Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen

verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: ~alius fecit!~

Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem Platz auf den

Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl! So leicht faßt man

uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der ~exercitia pro loco~

die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen besonders auffallenden

Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die Spuren seiner Tätigkeit

für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das geschah auf folgende

Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche mit Tinte

behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts von den übrigen,

ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied. Dann füllte man

die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem Brot aus, daß die

Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte man abermals eine Lage

von Tinte. Da die ganze Tischfläche schwarz und überdies ziemlich rauh

und zerklüftet war, so hätte man jeden Quadratzoll genau untersuchen

müssen, um die betreffende Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn

der Täter längst an einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der

Lehrstunde die jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit

einem Zauberschlage stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie

auf der verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese

Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben; der

Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt worden war,

erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet: »Aber ich

sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden, braucht

man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer ließ dann die Sache aus

Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«.

Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer sagen

würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation. Die Schrauben

saßen verzweifelt fest, -- aber nach Verlauf einer halben Stunde und

mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir doch, mein Problem zu

bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos. Ich faßte rechts und

links den Lukenrand und schwang mich empor.

Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der große,

stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus, dessen

graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger Schlosses

gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen Giebeln und

Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den freundlichen

Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten Höhen, deren

letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten.

Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte ich auch das

Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft zu verdanken hatte.

Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast du dich

betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und ich halte hier

Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha, wie frei und köstlich

mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt! Stolz blicke ich von meiner

Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit des Lebens! Was kriecht

und krabbelt da unten? Ich glaube, der Registrator Bieler, der von

seinem Morgenspaziergange zurückkehrt! Wie kläglich! Wie pygmäenhaft!

Jetzt hebt er den Kopf ... Ich ducke mich schleunigst ... Aber es droht

keine Gefahr; der Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr

des Zollhauses geblickt.

»~Salve!~« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da ist

er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt mein

Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und die Arme

ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände reichen.

»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden

Himmelsluft?«

»~Bene dixisti~«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten Ciceronianers

zurück.

Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau. Wir preisen

uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren die Personen,

die da drunten vorüber schreiten.

Da kommt ein zierliches Dienstmädchen ...

Das ist das Lieschen von Wilhelm Rumpfs angeheiratetem Onkel.

Wunderbar, wie hier vom Rahmen des Karzerfensters aus alles an

Interesse gewinnt! Freilich, der Platz da unten liegt am Ende der

Stadt, und die Menschen, die vorüber wandeln, sind zu zählen.

»Ah, ich weiß, was sie will«, sagt Rumpf mit verständnisinnigem

Lächeln. »Der Onkel schickt sie zum Registrator Bieler, um für heute

abend den Whistkranz abzubestellen. Die Tante ist unwohl. Weißt Du,

~carissime~, die verrät uns nicht.«

Und mit verwegener Donnerstimme ruft er:

»Lieschen! Lieschen!«

Sie dreht sich um. Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler möchte sich totlachen.

»Nimm Dich in acht«, warne ich im Ton einer Cassandra. »Der Quaddler

hat Ohren wie ein Luchs. Auch muß Fräulein Anny jeden Augenblick aus

der Kirche kommen.«

»Ah was! Bis der hier herauf tappt, sind wir längst wieder drunten --

Lieschen!«

Dasselbe Spiel wiederholt sich. Endlich beim dritten Male sieht das

Mädchen herauf. Wie vom Donner gerührt, bleibt sie stehen.

»Fort, fort!« winkt der Tollkühne, und Lieschen begreift. Noch mehrmals

zurückblickend, wandelt sie ihrer Wege.

Da kommen zwei junge Damen, biegen aber gleich wieder rechts ab.

»Das ist Fräulein Elsner und ihr Besuch aus Schleswig«, erläutert

Wilhelm Rumpf mit Kennermiene.

»Gott bewahre, es ist die kleine Waldow und ihre Cousine Griesinger ...«

»Lehr' Du mich die Mädchen kennen. Ich sage Dir, ich täusche mich nicht

... Aber sieh mal dort ... Kennst Du den?«

»Weiß Gott! Der Quaddler! Er kommt aus der Kirche! Rasch hinunter ...

Jetzt hat er sein Pflichtbewußtsein gestärkt und wird uns einen Besuch

abstatten.«

Im Nu tauchen wir in die Luke. Zwei Minuten später ist das Gitter

angeschraubt, der Stuhl vom Tisch gehoben und alles in Ordnung gebracht.

Unsere Ahnung betrügt uns nicht. Es währt nur kurze Zeit, da klirren

draußen die Schlüssel, Quaddler schreitet über den Vorflur und begrüßt

zunächst meinen Freund.

»Es ist auch recht schön von Ihnen, Herr Rumpf,« sagte er wohlwollend,

»daß Sie nicht so viel geklingelt haben. Ich hab's schon von meiner

Tochter gehört, es wäre alles recht stille gewesen.«

»Ah so,« erwidert Rumpf, »ich denke, Ihre Fräulein Tochter war in der

Kirche ...«

»Nein, heute mußte sie ergebenst zu Hause bleiben. Heute war mein Tag.«

»So, wer hat denn gepredigt?«

»Der Herr Kirchenrat.«

»Ist's möglich? Das Kirchenrätchen?«

»Herr Rumpf, ich muß Sie bitten, was den Respekt betrifft ...«

»Tun Sie doch ums Himmels willen nicht so zimperlich! Alle Welt weiß

doch ...«

»Alle Welt weiß, daß Ihnen sozusagen nichts heilig ist, aber ich habe

jetzt keine Zeit. Ich will noch mal hinübergehen, und dann muß ich

gütigst einen wichtigen Brief schreiben.«

Sprach's, empfahl sich und erschien dann bei mir.

»Sagen Sie mal, Herr Quaddler,« hub ich an, nachdem wir die ersten

Phrasen der Begrüßung gewechselt hatten, »wer waren denn eigentlich die

zwei jungen Damen, die Ihnen da vorhin am Steueramte begegnet sind?«

Quaddler starrte mich an, als ob er ein Gespenst sähe.

»Wie? Was? Woher wissen Sie denn ...?«

Jetzt erst erkannte ich, daß ich in meiner Zerstreutheit eine Bêtise

verbrochen. Jeder andere Pedell würde den Unfug gemerkt haben; nur

Quaddler war mit einiger Effronterie zu beschwichtigen.

»Sehr einfach, Herr Quaddler! Sehen Sie, Herr Quaddler, ich habe hier

einen Taschenkamm, an dem ist hinten ein sympathetischer Spiegel. Wenn

ich den nun so gegen das Fenster halte und mit dem einen Auge durch die

Finger blinzle ...«

»Zeigen Sie mal her«, sagte Quaddler erstaunt und bemühte sich, durch

die Finger zu blinzeln.

»Ja, Sie halten das Ding falsch! So müssen Sie's halten!«

Ich stellte mich in Positur.

»Sehen Sie, ganz deutlich ... Eben geht der Herr Registrator Bieler

vorüber ... Sehen Sie ...«

Quaddler beeilte sich, meinem Beispiel zu folgen.

»Sozusagen nicht die Spur sehe ich«, rief er nach einer Weile.

»Sie sind wohl kurzsichtig?«

»Im Gegenteil, weitsichtig.«

»Nun wohl, der Spiegel da ist nur für Kurzsichtige berechnet.«

»Das ist aber merkwürdig!«

»Sehr merkwürdig, Herr Quaddler!«

Der Pedell schüttelte den Kopf, als ob er der Sache nicht recht traute.

Dann schaute er empor nach dem Gitter. Da war nichts Verdächtiges zu

bemerken! Es mußte doch wohl in der Ordnung sein mit dem Spiegel ...

»Wirklich, sozusagen ein sehr merkwürdiger Spiegel«, wiederholte er

nachdenklich. »Nun, ich glaube, es wäre übrigens besser, wenn Sie

lieber gütigst etwas arbeiten wollten!«

»Arbeiten? Am Tage des Herrn?«

»Warum nicht? Da Sie ja doch heute sozusagen keinen richtigen Sonntag

haben, und die Arbeit übrigens nicht schändet ...«

»Nun, ich werde mir's überlegen. Gehen Sie nur jetzt getrost an Ihren

wichtigen Brief!«

Der Pedell empfahl sich.

Fünf Minuten später saßen wir wieder auf dem Rande der Luke und

erfreuten uns der herrlichen Aussicht.

Nachdem wir unsere Gemüter an diesen Wonnen gesättigt, erwachte die

Begier nach einer konkreten Zerstreuung.

»Wart', ich komme hinüber«, sagte Rumpf mit einem prüfenden Blick auf

das Terrain.

Vorsichtig zog er erst das rechte, dann das linke Bein über den

Fensterrand. Dann ergriff er einen jener Haken, an denen die

Schieferdecker beim Ausbessern des Daches ihre Leitern festhängen, und

gab sich einen kräftigen Schwung. Ich ergriff seine Linke, und das

große Werk war vollbracht.

Wir arrangierten nun im Innern der Zelle eine Piquetpartie, die uns

etwa eine Stunde hindurch auf das kostbarste amüsierte.

Da mit einemmal, welch ein unverhofftes Geräusch ... Quaddler mußte dem

sympathetischen Spiegel doch nicht so recht geglaubt haben, denn er war

ganz leise die Treppe hinauf geschlichen und öffnete jetzt den Korridor

mit diabolischer Vorsicht.

Wir rührten uns nicht. Es war für Rumpf augenscheinlich zu spät, um in

seine Zelle zurückzukehren.

Quaddler trat an meine Tür und pochte.

»Was treiben Sie jetzt?« sagte er mißtrauisch.

Ich rückte ostensibel mit dem Stuhle, erwiderte das Klopfen und sagte:

»Gerade war ich dabei, das berühmte Carmen des Horaz: »~Odi profanum

vulgus et arceo~« ins Deutsche zu übersetzen.«

»Das ist recht von Ihnen«, erwiderte Quaddler.

Und nun klopfte er an die Zelle Wilhelm Rumpfs.

»Was machen Sie denn, Herr Rumpf?«

Keine Antwort.

»Herr Rumpf! Ich frage Sie, womit Sie beschäftigt sind?«

Grabesstille.

Jetzt drehte Quaddler den Schlüssel um. Welch ein Anblick bot sich

seinen entsetzten Blicken! Das Gitter erbrochen, der Sträfling

verschwunden, -- hinaus aufs Dach und von da vielleicht vermittelst der

traditionellen Leine, von welcher Herr Quaddler erst jüngst in einem

spannenden Lieferungsroman gelesen, hinab auf den festen Grund der

Erde! Wer weiß, vielleicht hatte Rumpf genau die Absicht, wie jener

italienische Grafensohn, unter die kleinasiatischen Seeräuber zu gehen

...! Und doch ... Es war nicht zu begreifen ...!

»Herr Rumpf! Herr Rumpf!« schrie Quaddler verzweifelnd, »wo sind Sie?«

Alles stille.

»Da muß ich doch gleich einmal in seine Wohnung gehen und nachsehen, ob

er daheim ist.«

Und mit rasender Eile stürmte er die Treppe hinab.

Sofort stieg Rumpf auf dem Wege über das Dach in seine Zelle zurück.

Die Gitter wurden ganz regelrecht mit allen vier Schrauben befestigt,

und als ob nichts geschehen sei, vertieften wir uns in unsere Bücher.

Die Messer aber verbargen wir der Vorsorge halber in unseren Stiefeln.

So verstrich eine halbe Stunde. Da ertönten Stimmen ... Quaddler hatte

sich richtig bei den Wirtsleuten, wo Wilhelm Rumpf zur Miete wohnte,

erkundigt, und da man hier um den Verschwundenen nicht wußte, so war

der biedere Pedell in seiner Verzweiflung zu dem angeheirateten Onkel

gerannt, um diesen von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen.

»Da, sehen Sie, geehrter Herr Rat,« sagte Quaddler bebend, indem er den

Schlüssel umdrehte, »fort ist er!«

»Ei, guten Tag, lieber Onkel!« rief Wilhelm Rumpf mit rührender

Naivität; »das ist aber schön, daß Du mich hier 'mal besuchst.«

Quaddler und der Herr Rat standen wie angewurzelt. Mehrere Minuten lang

war keiner von ihnen fähig, ein Wort über die Lippen zu bringen.

»Aber das werde ich dem Herrn Direktor vermelden«, stammelte endlich

Quaddler.

»Was denn?« versetzte Rumpf harmlos.

»Daß Sie da oben hinausgeschlüpft sind, und wenn man dann meint, Sie

wären fort, dann kommen Sie wieder.«

»Sie sind närrisch«, antwortete Rumpf. »Bin ich vielleicht eine Ratte?

Da, sehen Sie her, der Zwischenraum da ist kaum eine Hand breit.«

»Ja, ja, Sie haben das Gitter abgeschraubt, ich hab's wohl gesehen, und

dann sind Sie aufs Dach entschlüpft.«

»Herr Quaddler ich verbitte mir das! Womit soll ich das Gitter denn

abschrauben?«

»Nun, Sie werden wohl irgend ein Instrument bei sich haben.«

»Lieber Onkel, Du bist Zeuge. Ich belange den Quaddler wegen

Verleumdung. Jetzt aber stelle ich die kategorische Forderung, daß ich

augenblicklich untersucht werde.«

»Gut, das soll geschehen«, erwiderte Quaddler. »Ich werde das

Meißelchen schon finden, mit dem Sie die Sache gemacht haben.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Meißel besitze, noch

jemals besessen habe. Untersuchen Sie nur meine sämtlichen Taschen.

Sie haben wahrscheinlich nach der Kirche die Lotz'sche Bierstube

besucht ...«

Die Visitation blieb natürlich fruchtlos.

»Ja, Herr Quaddler,« sagte Rumpfs Onkel, »ich begreife in der Tat

nicht, was Sie eigentlich wollen. Das Gitter da ist doch ganz fest, und

mit den Fingern kann man's nicht abschrauben ...«

Rumpf wandte sich verständnisinnig zu diesem gewichtigen Fürsprecher

und murmelte:

»Ich sag's ja, er war bei Lotz. Gestehen Sie's offen Quaddler!«

»Bei Lotz ..., das steht sozusagen richtig, aber ich habe nur zwei Glas

Bier getrunken, und was ich gesehen habe, das hab' ich gesehen, und

das laß ich mir nicht ausreden, und wenn Sie's gütigst erlauben, werd'

ich's dem Herrn Direktor vermelden.«

»Zwei Glas Bier!« schrie Wilhelm Rumpf. »Und ein Mann, der sich solchen

Ausschweifungen überläßt, will uns moralische Vorlesungen halten ...?

Wissen Sie was? Besoffen sind Sie gewesen, und da haben Sie in Ihrem

Taumel eine Halluzination gehabt. Ich bin hier nicht von der Stelle

gewichen und habe gearbeitet, während Sie den heiligen Sonntag durch

ein Zechgelage entweihten. Ich werde dem Herrn Direktor schon das

Nötige zu vermerken wissen, wenn Sie mich anschwärzen wollen. Soll

ich noch dafür aufkommen, wenn Sie sich in aller Frühe einen Rausch

antrinken? Pfui, und abermals pfui! Sie wollen Pedell sein? Sie wollen

eine Tochter erziehen? Sie sollten sich schämen! Ein Mann von beinahe

fünfzig Jahren und solche Extravaganzen ...! Siehst Du, Onkel, so hat

man nun seine Not auf der Welt: wenn der Pedell sich bekneipt, soll der

Sekundaner die Suppe ausessen!«

»In vollem Ernste, Herr Quaddler,« begann jetzt der Onkel, »ich fange

an zu glauben, daß Sie sich in eigentümlicher Weise getäuscht haben.

Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen, so lassen Sie die

Sache auf sich beruhen. Der Herr Direktor gibt etwas auf mein Urteil,

und ich werde ohne Bedenken die Aussagen meines Neffen bestätigen. Oder

haben Sie sich vielleicht gar in der Zelle geirrt? Nicht wahr, daneben

sitzt ja noch einer?«

»Nein, nein!« erwiderte Quaddler, »es war hier diese Zelle, und ich

will nicht selig werden ...«

»Sie sind hartnäckig«, sagte der Onkel; »Scherz beiseite, ich werde die

nächste Gelegenheit ergreifen, mit dem Herrn Direktor zu sprechen.«

»Da möchte ich Sie doch ganz ergebenst bitten, wenn Sie das tun wollen,

die Güte zu haben, es lieber nicht zu tun. Eher will ich noch annehmen,

ich hätte mich getäuscht; obgleich ich mich ganz gewiß, das heißt, ich

will sagen, bitte, sprechen Sie nicht mit dem Herrn Direktor!«

»Sobald Sie mich wegen Ihrer verrückten Halluzination anzeigen,« sagte

Rumpf pathetisch, »sobald wird mein Onkel das Seinige tun, um Ihre

Intrigen zu hintertreiben! Das versteht sich von selbst! Nicht wahr,

Onkel?«

Der Onkel nickte.

»Ich sage gar nichts mehr«, erwiderte Quaddler kleinlaut; »was man

heutzutage alles erlebt ...! Nichts für ungut, Herr Rat, daß ich Sie

hierher bemüht habe. Nehmen Sie's denn meinetwegen auf Rechnung meiner

Kollation, wie der Herr Rumpf sagt, aber ich versichere Sie, wie

gesagt, ich sage gar nichts mehr.«

Und hiermit war die Sache erledigt.

Den Rest des Tages verbrachten wir jeder still in seinen vier

Wänden. Wir mochten doch nicht ein zweites Mal auf Quaddlers

Halluzinationsfähigkeit spekulieren.

Der Besuch im Karzer.

Es schlug zwei. Der Direktor des städtischen Gymnasiums, ~Dr.~ Samuel

Heinzerling, wandelte mit der ihm eigenen Würde in den Schulhof und

erklomm langsam die Stiege.

Auf der Treppe begegnete ihm der Pedell, der eben geläutet hatte und

sich nun in seine Privatgemächer verfügen wollte, wo es allerlei

häusliche Arbeiten zu erledigen gab.

»Äst nächts vorgefallen, Quaddler?« fragte der Direktor, -- den devoten

Gruß des Vasallen durch ein souveränes Kopfnicken erwidernd.

»Nein, Herr Direktor.«

»Hat der Herr Bibläothäkar noch nächt öber die bewußten Bände

resolvärt?«

»Nein, Herr Direktor.«

»Goot, so gähen Sä noch heute hinöber und erkondigen Sä säch, wä säch

diese Angelägenheit verhält ... Noch eins. Der Prämaner Rompf fehlt

seit einigen Tagen. Verfögen Sä säch doch einmal in seine Wohnung und

öberzeugen Sä säch, ob er wärklich krank ist! Ich zweifle fast ...«

»Entschuldigen Sie, Herr Direktor, der Rumpf ist wieder da; ich sah ihn

vorhin über den Hof kommen.«

»Non, om so bässer.«

Der geneigte Leser verzeihe die eigentümliche Orthographie, mit

der wir die geflügelten Worte des Gymnasialherrschers zu Papier

bringen. Herr ~Dr.~ Samuel Heinzerling sprach allerdings nicht

ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte:

allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel an die Hand, die

spezifisch Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnlichen. Ich,

der bescheidene Erzähler, habe selber hundertmal den Vorträgen des

Herrn Direktors in stummer Andacht gelauscht und den Heinzerlingschen

Vokalismus sozusagen zu meinem Lieblingsstudium erhoben. Solange unser

armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen für Zwitterlaute zwischen i

und e, zwischen u und o usw. besitzt, so lange wird der Historiograph,

der sich mit Herrn ~Dr.~ Samuel Heinzerling beschäftigt, die von uns

vorgeschlagene Rechtschreibung adoptieren müssen.

Der Herr Direktor sagte also: »Non, om so bässer!« und schritt über den

langen Korridor den Pforten seiner Prima zu.

Samuel war heute ungewöhnlich früh gekommen. In der Regel hielt er

an der Theorie des akademischen Viertels fest. Diesmal hatte ihn

ein häuslicher Zwist, über den wir aus begreiflicher Delikatesse

den Schleier der Verschwiegenheit breiten, schon vor der Zeit

aus dem behaglichen Sorgenstuhle getrieben, in welchem er seinen

nachmittäglichen Kaffee zu schlürfen pflegte. Nur so erklärt es sich,

daß die Primaner noch nicht daran gedacht hatten, nach Art der Gemsen

ihre übliche Wache auszustellen.

Der Herr Direktor vernahm bereits auf dem Korridor einen Heidenlärm.

Vierzig dröhnende Kehlen schrien »Bravo!« und »Dakapo!«

Samuel runzelte die Stirn.

Jetzt verstummte das Chorgebrüll, und eine klare, schneidige Stimme

begann in komischem Pathos:

»Non, wär wollen äß för diesmal goot sein lassen. Sä haben säch wäder

einmal nächt gehärig vorbereitet, Heppenheimer! Äch bän sähr onzofräden

mät Ähnen! Sätzen Sä säch!«

Donnernder Applaus.

Der Direktor stand wie versteinert.

Bei den Göttern Griechenlands, -- das war +er selbst+, wie er leibte

und lebte ...! Ein wenig karikiert, -- aber doch so täuschend ähnlich,

daß nur ein Kenner den Unterschied herauszufühlen vermochte! Eine

solche Blasphemie war denn doch -- dem Sprichwort zum Trotze -- noch

nicht dagewesen! Ein Schüler erfrechte sich, ihn, den souveränen

Beherrscher aller Gymnasialangelegenheiten, ihn, den Verfasser der

»Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Rücksicht

auf die oberen Klassen«, ihn, den renommierten Pädagogen, Ästhetiker

und Kantianer, von der geweihten Höhe seines eigenen Katheders aus

lächerlich zu machen! ~Proh pudor! Honos sit auribus!~ Das war ein

Streich, wie er nur in der Seele des Erzspitzbuben Wilhelm Rumpf zur

Reife gelangen konnte!

»Wollen Sä einmal etwas nähmen, Möricke«, fuhr die Stimme des

pflichtvergessenen Schülers fort ... »Was, Sä send onwohl? Gott, wenn

mer jonge Leute in Ährem Alter sagen, sä send onwohl, so macht das

einen sähr öblen Eindruck. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch:

›Möricke, zom Öbersätzen aufgefordert, war onwohl ...‹«

Jetzt vermochte der Direktor seine Entrüstung nicht länger zu

bemeistern.

Mit einem energischen Ruck öffnete er die Tür, und trat unter die

erschrockenen Zöglinge, wie der Leu unter die Gazellenherde.

Er hatte sich nicht getäuscht.

Es war in der Tat Wilhelm Rumpf, der größte Taugenichts der Klasse,

der sich so frevelhaft an der Majestät vergangen hatte. Erst seit vier

Wochen zählte dieser Mensch zu Samuel Heinzerlings Schülern, und schon

gebührte ihm vor allen Bengeln, vom Primus bis zum Ultimus, die Krone!

Mit hochgezogenen Vatermördern, auf der Nase eine große, papierene

Brille, in der Linken ein Buch, in der Rechten das traditionelle

Bleistiftchen haltend, -- so stand er auf dem Katheder und wollte eben

eine neue Gotteslästerung ausstoßen, als der tiefbeleidigte Direktor

auf der Schwelle erschien.

»Rompf!« sagte Samuel mit Fassung, -- »Rompf! Sä gähen mer zwei Tage än

den Karzer. Knäbel, schreiben Sä einmal äns Tagebooch: ›Rompf, wegen

kändischen, onwördigen Benähmens mät zwei Tagen Karzer bestraft.‹ --

Heppenheimer, rofen Sä den Pedellen!«

»Aber Herr Direktor ...!« stammelte Rumpf, indem er die Papierbrille in

die Tasche steckte und auf seinen Platz zuschritt.

»Keine Wäderrede!«

»Aber ich wollte ja nur ... ich dachte ...«

»Seien Sä ställ, sag' äch Ähnen!«

»Aber erlauben Sie gütigst ...«

»Knäbel, schreiben Sä ein: ›Rompf wägen wädersetzlichen Betragens mät

einem weiteren Tage Karzer belägt.‹ -- Äch bän's möde, mich äwig mät

Ähnen heromzoschlagen. Schämen sollten Sä säch in den Grond Ährer Sääle

hänein! Pfoi, und abermals pfoi!«

»~Audiatur et altera pars~, Herr Direktor. Haben Sie uns diese Lehre

nicht stets ans Herz gelegt ...?«

»Goot! Sä sollen nächt sagen, daß äch meinen Pränzäpien ontreu wärde.

Was haben Sä zo Ährer Entscholdigong anzoföhren?«

»Ich kann nur versichern, Herr Direktor, daß ich durchaus nichts

Unziemliches beabsichtigte. Ich gedachte mich lediglich ein wenig in

der Mimik zu üben.«

»Öben Sä Ähren lateinischen Stäl und Ähre grächische Grammatäk!«

»Das tu' ich, Herr Direktor. Aber neben der Wissenschaft hat doch auch

die Kunst ihre Berechtigung.«

»Das habe äch nä in meinem Läben geleugnet. Wollen Sä ätwa Ähre

Albernheiten för Konst ausgäben? Jädenfalls äst däse Konst sähr

brotlos.«

»O, bitte, Herr Direktor!«

»Seien Sä ställ. Wänn Sä so fortfahren, so wärden Sä öber korz

oder lang Schäffbroch leiden. Knipcke, sehn Sä einmal nach, wo der

Heppenheimer mit dem Pedellen bleibt.«

Gesammelte Schulhumoresken · 第 12 / 18 段