»Machen Sie jetzt nur mal, daß sie fertig werden und wieder
hineinkommen. Ich habe dringende Geschäfte.«
»Ja, Herr Quaddler, das ist alles ganz gut, aber ich kann doch
unmöglich ...«
»Ach, die Herren Sekundaner haben allzeit eine Ausrede ...«
Ich blickte mich jetzt auf der Vorflur um und sagte dann wohlwollend:
»Die Schränke da gehören wohl Ihnen? Sehr schöne Schränke, wirklich
ganz ausgezeichnete Schränke. Es sind wohl Kleiderschränke?«
»Sozusagen teilweise«, erwiderte Quaddler sichtlich geschmeichelt.
»Aber machen Sie jetzt nur rasch. Ich habe sehr wenig Zeit ...«
Ich trat an einen der Schränke heran und befühlte ihn.
»Echtes Eichenholz«, sagte ich mit Kennermiene. »Wirklich, Herr
Quaddler, ich beneide Sie. Wo haben Sie die Schränke eigentlich her?«
»Erlauben Sie gütigst, die Pflicht meines Amtes ... Ich kann mit dem
besten Willen nicht zugeben ... Wollen Sie jetzt ... oder wollen Sie
nicht ...?«
»Aber ich werde doch einmal Ihre Schränke betrachten dürfen ...«
»Wenn Sie heute abend Ihre Strafe verbüßt haben, will ich mir gütigst
erlauben, Ihnen die Schränke in allen Einzelheiten zu zeigen. Aber
jetzt, inwofern Sie wirklich die Absicht haben ...«
»Es ist hier draußen viel bessere Luft als drinnen«, sagte ich, auf ein
anderes Thema ablenkend.
»O, da drinnen ist ganz gute Luft; und wenn die Herren Sekundaner die
Haken abreißen, so ist die Luft längst schön genug, und ich muß jetzt
in allem Ernste bitten, sich gefälligst beeilen zu wollen. Da schlägt's
schon ein Viertel ...«
»Ein Viertel! Wahrhaftig! Man soll's gar nicht sagen, wie doch die
Zeit vergeht! Überhaupt, wenn man bedenkt ... Wissen Sie noch, Herr
Quaddler, wie ich in Quarta saß ... Ich meine, das wäre erst gestern
gewesen!«
»Wie Sie in Quarta saßen, hatten Sie gütigst viel weniger tolle
Streiche im Kopfe, und wenn Sie ergebenst meinen, Sie könnten mich hier
zum Narren halten, so werde ich dem Herrn Professor mitteilen, daß Sie
immer sagen, Sie hätten Leibweh und könnten die Tünche nicht vertragen,
und nachher von Quarta sprechen und doch nicht hineingehen.«
Mit diesen Worten trat er an die Tür der Zelle.
»Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht?«
»Es ist wirklich merkwürdig, Herr Quaddler,« sagte ich, tief Atem
holend, »die kühle Luft hier draußen hat mich auf wunderbare Weise
gestärkt. Es ist mir gar nicht mehr übel, und wenn Sie erlauben,
verfüge ich mich wieder in meine Zelle.«
»Sie werden ja sehen, was Sie sich anrichten.«
»Aber zum Donnerwetter, wenn sich mein Leibweh doch gebessert hat! Soll
ich denn nur, um Ihnen einen Gefallen zu tun ...«
»Was? Donnerwetter wollen Sie sagen? Ei, zum Donnerwetter, das laß ich
mir nicht gefallen. Wofür halten Sie mich? Marsch in die Zelle!«
»Quaddler, Quaddler, werden Sie nicht unangenehm.«
»Ach, ich bin's müde, mich von Ihnen hänseln zu lassen!« Und krach!
flog die Tür zu, und brummend schlich der ehrliche Schließer von dannen.
Abermals ein kurzes Zwiegespräch mit dem trefflichen Knebel.
»In zehn Minuten ist die Reihe zu schellen an mir«, rief er jauchzend.
»Der Quaddler soll doch wissen, wofür er das schwere Karzergeld
einheimst.«
Ich benutzte die Frist bis zur nächsten Quaddler-Episode, um mich im
Innern meiner Zelle etwas gründlicher umzusehen.
Wenn ich die Mauern meines Verließes vorhin »weiß getüncht« nannte,
so war dies insofern inkorrekt, als die ursprüngliche Reinheit des
Kolorits längst einem Zustande schwarz gesprenkelter Unsauberkeit
Platz gemacht hatte. Da existierte kaum ein Fleckchen, wo nicht ein
Tintenklex, eine Inschrift oder eine groteske Zeichnung prangte, so daß
einzelne Partien der Wandfläche den Eindruck einer fast regelmäßigen
Marmorierung hervorriefen.
Ich trat näher herzu: Hunderte von Vorgängern hatten hier eine beredte
Erinnerung an durchlittene Stunden zurückgelassen ... Ich bekenne, daß
mich dieser augenscheinliche Beweis von dem ~socios habuisse malorum~
äußerst behaglich anmutete. Und dabei ersah ich aus den meisten dieser
Ergüsse, daß die Schmerzen des Karzers keineswegs den guten Humor
schädigten: eine Wahrnehmung, die sofort in meinem eigenen Busen
verwandte Regungen weckte.
Da stand z. B. in großen lateinischen Lettern, fast unmittelbar an der
Decke:
Weil ich den Schmidt am Haar gezerrt,
Hat Bosheit mich ins Loch gesperrt.
+Meier.+
Und gleich daneben von derselben Hand:
O Heinzerling, Du schuldest meine Pein, --
Die Götter mögen gnädig Dir verzeihn!
Ein Ungenannter verstieg sich zu folgendem Stoßseufzer:
Führt denn gar kein Weg,
Führt denn gar kein Steg
Aus der Prima schnödem Tartarus,
Wo der Herr Scholar,
Weil er kneipen war,
Ganze Tage stumm verschmachten muß!
Darunter in schöner Frakturschrift:
~Vae victis!~
Und hiervon links:
~Illi robur et aes triplex circa pectus erat, qui primus
fragilem discipulum carceri commisit.~
Ein gewisser Ittmann, künftiger Philologe von Fach, hatte einen Vers
des Tyrtäus in den Kalk eingekratzt und dann die Vertiefungen mit
Rotstift bemalt, so daß da fast in der Weise einer pompejanischen
Mauerinschrift zu lesen war:
Ὥσπερ ὄνοι μεγάλοις ἄχδεσι τειρόμενοι.
Zu deutsch:
Wie die Esel seufzen wir unter den schrecklichsten Lasten.
Auf der entgegengesetzten Wand las ich die schwungvollen Verse:
Mein Schicksal war ein Zechgelag,
Nun schmacht' ich in des Karzers Kette;
Doch wärst Du hier, geliebte Henriette,
Des Orkus Nacht verklärte sich zum Tag.
Ganz ähnlich hatte sich mein Mitschüler Schwarz vernehmen lassen, der
ausnahmsweise bereits in Tertia »unter das Dach« geschafft worden war.
Er schrieb:
O Fanny, himmlisches Mädchen, wenn Du, Engelgleiche, mich
lieben wolltest, ich ließe mich gern Zeit meines Lebens hier
einsperren.
Dein treuer Seelsorger
+G. Schwarz+.
In kecken Lettern prangte unmittelbar darunter folgender Passus:
Wilhelm Rumpf, weil er dem ~Dr.~ Klufenbrecher Kirschkerne
unter den Stuhl gelegt hat, mit acht Stunden Karzer bestraft.
Gott, wie wenig!
Ein Jüngling namens Fresenius ließ sich also vernehmen:
O Karzer, stiller Raum,
Du meiner Sehnsucht Traum,
Du Wiege meiner Leiden,
Um sieben müssen wir scheiden.
E. P. aus L. schrieb das Nachstehende:
Wie, schnöder Quaddler, Du weigerst Dich, zu öffnen, wenn ich
klingele? Wahrlich, ich klingele nicht aus Übermut, sondern aus
Not ... Nun, ich spreche mit einer leichten Variation des Horaz:
~+Aquam+ memento rebus in arduis servare.~
Das waren so die pikantesten und witzigsten Scherze dieser
Wandliteratur. Andere Aufzeichnungen entbehren der Pointe, wie z.
B. die echt sekundanerhafte Lobrede auf des Pedells liebreizendes
Töchterlein:
~Anny Quaddler est virgo venustissima, dulcissima,
placentissima. Basia ei dare velim quam plurima. Pedes habet
elegantissimos, genua rotundissima et cetera.~
Natürlich fehlten auch die gröberen Lästerungen, Zynismen und
Cochonnerien nicht. Es hat von jeher eine stark verbreitete Sorte
von Schülern gegeben, die den Mangel an Esprit und Humor durch
einen scharf ausgeprägten Kultus der Zwei- und Eindeutigkeiten zu
ersetzen suchen, geistlose Zotenjäger, die in jedem Kleiderhaken
einen Phallus erblicken, ohne imstande zu sein, ihre Sottise in ein
erträgliches Epigramm zu kleiden. Auch diese Dunkelmänner hatten
reichlich zur Beklecksung der Karzerwände beigetragen; aber es fehlte
ihren Skripturen auch jene bescheidene Dosis von Salz, die man einem
christlich-germanischen Sekundaner zumuten darf.
Ich wurde aus meinen Betrachtungen durch Knebels Geklingel jählings
emporgeschreckt. Drei Minuten später ertönten auf dem Korridor wieder
die Schritte Quaddlers. Knebel begann ein entsetzliches Ächzen und
Stöhnen.
»Ach, Herr Quaddler, ach, um Himmels willen, was ist mir so schlecht!
Machen Sie schnell auf! Ich muß mich fürchterlich übergeben! Schnell,
schnell! Ach du lieber Gott, ist mir schlecht!«
»Herr Knebel,« begann Quaddler mit einer Stimme, aus der man sein
olympisches Stirnrunzeln hervorlas, »ich sage Ihnen, ohne Scherz, wenn
Sie mir so kommen, so werden Sie sich ergebenst täuschen.«
Knebel stieß einige ganz entsetzliche Würgtöne aus und bat dann von
neuem in kläglichster Melodie um Öffnung der Zelle.
Wütend stieß Quaddler die Tür auf.
»Gott sei Dank! Das war gerade zur rechten Zeit. Ach, Herr Quaddler,
was ist mir so schlecht! Lassen Sie mich nur ein Viertelstündchen
hinaus.«
»Das geht nicht«, versetzte der Pedell, durch die Naturwahrheit, mit
welcher Knebel seine merkwürdige Rolle spielte, stutzig gemacht.
»So holen Sie mir rasch etwas frisches Wasser«, stöhnte der Heuchler,
von neuem glucksend und gröhlend. »Ach, wenn das meine Mutter wüßte!
Ach Gott, wie ist mir so schlecht!«
»Gut, das Wasser sollen Sie haben. Aber das sag' ich Ihnen, treiben Sie
mir nicht die Sache zu weit, und ulken Sie mich nicht alle Augenblicke
herauf. Ich bin nicht zu Ihrer Bedienung da, das müssen Sie sich nicht
einbilden.«
Mit diesen Worten entfernte er sich. Die Zelle Knebels hatte er offen
gelassen; der Verschluß des Korridors genügte ja! Knebel aber hatte
nichts Eiligeres zu tun, als mir und unserem Kameraden Scholz das
Verließ zu öffnen und so auf der geweihten Domäne Quaddlers eine
Dreimännerversammlung höchst revolutionärer Art ins Leben zu rufen.
Unsere Verabredungen waren in Kürze getroffen. Scholz versteckte sich
hinter einem der Schränke, nachdem wir vorher seine Zelle sorgfältig
verschlossen hatten. Ich selbst begab mich in mein Gefängnis zurück
und wartete, bis Knebel seine Übelkeitsangelegenheiten geordnet hatte.
Dann, um der Möglichkeit einer Visitation bei Scholz vorzubeugen,
klopfte ich und bat mir ebenfalls ein Glas frisches Wasser aus, wobei
ich durch allerlei gekünstelte Phrasen die Ungeduld Quaddlers so sehr
steigerte, daß er schwur, er werde nicht mehr heraufkommen, und wenn
wir die Klingel abrissen.
Weiter wünschten wir nichts.
Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem Versteck
heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und siegesfroh
sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen. Ein brillanter Skat
(Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte uns für den Rest
unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit. Einmal noch hatten
wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen getroffen, den Pedell
herauf zitiert; unsere dauernde Ruhe hätte seinen Verdacht erregt.
Im übrigen blieben wir unbehelligt. Und so endete denn unser erstes
Karzererlebnis in jeder Hinsicht befriedigend.
* * * * *
Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht mir
nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin haben
die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen« Tage
wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle dieses
Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte. Damals
aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich, daß
selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur zurückließ.
Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft. Ich
hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in Gemeinschaft
mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel aller deutschen
Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale war nicht die gleiche.
Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung des zart organisierten
Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht, ich aber war, so seltsam
es klingen mag, ein Opfer meines früh entwickelten Patriotismus
geworden.
Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit des
Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens einer von
den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern wirkliches
Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die französische
Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen mit den
terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus Frömmig-,
teils aus Zeitvertreib -- wie die berühmte Dame des deutschen
Volksliedes --, ich will sagen, halb aus Liberalismus, halb aus
Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und erklärte dem
»großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir leider unmöglich,
seine politischen Anschauungen zu teilen. Der Ordinarius von Sekunda
zähle ja persönlich zu den Mitgliedern des Nationalvereins, ohne daß
man behaupten könne, derselbe habe Ähnlichkeit mit Robespierre oder
Marat. Das war nun freilich eine für den Lehrer sehr unangenehme
Gegenrede, denn die Tatsache von der Mitgliedschaft des Ordinarius
ließ sich nicht abstreiten. Der Herr Professor mochte überdies der
berechtigten Ansicht huldigen, meine Opposition habe etwas von der
prinzipiellen Feindseligkeit der »Unversöhnlichen«. Er schritt zur
Gewalt und verbannte mich wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins
Gymnasialgefängnis.
Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die Verbüßung
der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal bedeutend
erschwerte.
Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen des
Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den Sonntagsmorgen
so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht ohne eine gewisse
Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen, deren geschlossene
Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten sie sagen: Ei, schon so
frühe? Wir beginnen unser Tagewerk noch lange nicht! Wohin denn mit
deinen Büchern und deiner Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch
heute keine Lektionen ...?
Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen;
und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen Buden
vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt sich erst der
Meister! ... Ich werde dem Schicksal beweisen, daß die Freiheit selbst
in dem Kerker wohnt!
Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein
bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich ihn
grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches,
halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich
still vor sich hin ... Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige
Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen Ernst
eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher stets am
Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren.
Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude.
Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo sonst das
lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter chronisch und das
Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die dumpfe Majestät einer
Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel! Nichts ist trauriger
als der Kontrast zwischen dem belebten und dem unbelebten Raum! Ein
Schauspielhaus sieht nach beendigter Vorstellung weit trübseliger, ja
in gewissem Sinne erschütternder aus, als die ödeste Heide ... Nun, das
Gymnasium ist ja auch eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten
hier gleichzeitig das Publikum abgeben.
Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen des Dachstuhls
... Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten unsere Tritte durch den
weiten, schläfrigen Raum. Ich sprach keine Silbe. Mit einer Art von
wollüstigem Grausen sog ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde
in mein Gemüt ein.
So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später kam Wilhelm
Rumpf, -- ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die Tür fiel hinter ihm
zu: wir waren allein, -- durch das gemeinsame Schicksal verbunden und
doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte Wand.
Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte.
»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus.
Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität des Geistes
wieder.
Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch, das
endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst etwas
arbeiten, da ja der Tag lang und das ~dolce far niente~ gerade in
diesen Räumen am wenigsten ~dolce~ sei.
Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere und Bücher.
Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische Seeluft,
die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte,
paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer Frist das
Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück blauen Himmels
sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte Luke herein
glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz, als zwischen
jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit den lieben Genossen
die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und mir, dem gefesselten
Sekundaner, der in den Karzerräumen eines deutschen Provinzgymnasiums
für den Nationalverein büßte!
Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen, die
sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo der
deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der Karzer
für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand mehr als
ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im Druck erschien,
hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man nicht anmerkte, daß
er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch die Primanerliebe fand
die glücklichsten Momente ihrer lyrischen Gestaltungskraft auf dem
prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar, aber es ist so ...
Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen
Papier vor mich hin und ergriff die Feder.
Was schrieb ich?
Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«!
Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch Paul Heyse
in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat, daß die Jugend, die
eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit reden kann, mit Vorliebe
ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten Hoffnungen nachweint. So
singt der achtzehnjährige Paul in der tränenreichen Melodie des »~long,
long ago~«:
Ich glaube, in alten Tagen,
Da liebt' ich ein Mägdelein ...
Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn
man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen
wehmuterfüllten Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden
Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde.
»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und in bester
Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung eines
Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit dieser
Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten suchte.
Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute
Erinnerung an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder
Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim
Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage
»am« Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr
weltlichen Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln
zu sehen. Die Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten
uns zwar vielfach Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner
~Anti-young-men-before-the-church-standing-association~ gehalten
und uns schließlich gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser
Unsitte ablassen könnten, so möchten wir doch wenigstens +nach+
stattgehabter Revue auch das Innere des Tempels besuchen; aber
diese Mahnungen blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die
Schwelle. Nicht als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste
Anhänger von Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob
wir jeder Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein
anderer Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die
Lehrer sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch
vermerkten. Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger
oder augendienerischer Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser
unglückseligen Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den
»Besonderen Bemerkungen« das herrliche Lob: »~NB.~ Besuchte fleißig die
Kirche ...«
Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft. Ich
glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden hätte, ich würde
meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der Kirche, sondern auch mit
der Emporbühne im Innern vertauscht haben, selbst auf die Gefahr hin,
als kirchenfleißig notiert zu werden.
Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit einemmal rief
er mir sonderbar gähnend zu:
»Du, es ist doch verflucht langweilig!«
»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit. Es ging
aber nur sehr mangelhaft!
Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig vollgültigen
Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es entspann sich
ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder verschwand,
ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert hätte. Der
ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie Wind
bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns Wasser zu holen,
solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand. Deprimiert hörten wir seine
nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts poltern. Für diesmal schien aus
unserer Partie Piquet, auf die wir so zuverlässig gerechnet hatten,
nichts werden zu sollen.
Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war nicht in die
Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer Art Rost, die man
mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte. Ein köstlicher Gedanke
zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns gelang, diese Schrauben zu lösen,
so konnten wir die Kommunikation, die auf normalem Wege durch die
Türen unmöglich war, über das Dach bewerkstelligen. Die Neigung der
schiefergedeckten Fläche war eine sehr mäßige -- eine Gefahr also nicht
vorhanden. Und überdies, was fragt ein deutscher Sekundaner nach der
Gefahr, sobald es gilt, einen lustigen Streich auszuführen ...!
Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der sie
alsbald feurig ergriff.
Ans Werk also!
Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl in
die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf. Der
improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den Bereich
meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der eiserne Rost
sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren bewegte, während
die andere Seite mit vier großen Schrauben an der Rampe des Fensters
haftete. Wenn man diese vier Schrauben herauszog, so mußte das Gitter
ganz nach Art einer Lukenklappe heruntersinken und die Fensteröffnung
frei geben. Die Einrichtung hatte überdies den Vorteil, daß man die
Spuren dieser rechtswidrigen Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine
einzige Schraube, nur zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter
in der Schwebe zu halten, -- ein Umstand, der nicht unterschätzt werden
durfte. Der Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser
Klingeln erschien, mitunter Besuche aus dem Stegreif ab.