Eine Salve des tollsten Gelächters belohnte dieses neue Capriccio.

»Ich will sagen,« verbesserte Brömmel stirnrunzelnd, »wir müssen

schleunigst den Pedellen zitieren ... Boxer, gehn Sie ans Fenster und

rufen Sie!«

»Recht gern, Herr Professor«, erwiderte Boxer zuvorkommend.

Er öffnete einen Flügel:

»Herr Quaddler! Herr Gymnasialpedell! Herr Karzerverwalter! Herr

Leberecht Gottlieb Quaddler! Sie möchten doch gleich mal heraufkommen!

Hören Sie nicht? Quaddler! Der Herr Professor ruft!«

»Lassen Sie Ihre Glossen«, zürnte der Lehrer, heftig aufstampfend.

»Rufen Sie einfach: Herr Quaddler! und damit basta!«

»Herr Quaddler! und damit basta!« schrie Boxer aus vollem Halse.

»Ich komme ja schon«, erklang die Stimme des ehrlichen Hausverwalters,

der eben mit einer Ladung von Kienspänen aus dem Holzstalle trat. »Was

wollen Sie denn von mir?«

»Herr Quaddler! Sie sollen gleich mal herauf kommen! Hören Sie, Herr

Quaddler? Der Herr Professor ruft! Wir sind eingeschlossen, Herr

Quaddler! Eilen Sie sich, Herr Quaddler, sonst wird der Kaffee kalt!

Hören Sie, Herr Quaddler?«

»Lassen Sie Ihr verdammtes ›Herr Quaddler‹!« rief Brömmel entrüstet.

»Aber der Mann heißt doch so! Ich soll nicht Herr Gymnasialpedell

sagen, ich soll nicht Herr Karzerverwalter sagen ...«

»Sie sollen das Maul halten!« schrie der Professor außer sich.

»Auch gut«, versetzte Boxer demütig.

Nach zwei Minuten ertönten auf dem Korridor Schritte. Gleich darauf

pochte es schüchtern ans Türgetäfel.

»Herein!« rief der Professor zerstreut.

Quaddler drückte zur größten Erheiterung von zweiundfünfzig übermütigen

Sekundanern auf die Türklinke.

»Sie müssen den Schlüssel herumdrehen«, sagte Brömmel verdrießlich.

»Irgend ein frecher Wicht hat uns hier eingeschlossen.«

»Was?« fragte Quaddler.

»Den Schlüssel sollen Sie umdrehen!« schrie der cholerische Pädagoge.

»Sie scheinen heute wieder infam schwerhörig!«

»Schwerhörig? Gewiß nicht, Herr Professor, aber da drüben in der Prima,

wo von vier bis fünf Englisch ist, wird ergebenst so laut gelacht, daß

man sein eigenes Wort nicht versteht.«

»Enthalten Sie sich aller Bemerkungen und schließen Sie auf!«

»Ja, Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wenn ich mir ganz ergebenst

erlauben darf zu vermerken, so wird das mit dem besten Willen nicht

möglich sein, weil der Schlüssel nicht steckt.«

»Was? Auch das noch? Es ist empörend!«

»Warten Sie mal, Herr Professor,« begann jetzt Boxer, indem er mit

der rechten Hand seine Tasche durchsuchte, »ich habe da meinen

Hausschlüssel bei mir, vielleicht paßt der ...«

»Was? Ihren Hausschlüssel? Mit welchem Recht tragen Sie einen

Hausschlüssel bei sich? Wissen Sie nicht, daß Sie Punkt neun Uhr in

Ihrer Wohnung zu sein haben?«

»Gewiß, Herr Professor! Aber man kann sich doch einmal wider Willen

verspäten. Wenn man zum Beispiel einen Onkel an die Bahn zu begleiten

hat ...!«

»Ihre Onkels können bei Tag reisen. Dieser Hausschlüssel wirft ein sehr

bedenkliches Licht auf Ihre Gewohnheiten.«

»Das ist wohl zu schroff geurteilt! Aber darf ich einmal die Probe

machen? Ich wette, er schließt!«

»Meinetwegen, versuchen Sie's!«

Boxer begann nun sehr geräuschvoll zu operieren. Natürlich erfolglos.

»Herr Professor!« rief Hutzler nach einer Weile. »Ich muß schleunigst

hinaus! Ich fühle mich unwohl.«

»So? Was fehlt Ihnen denn?«

»Wir hatten Gurkensalat zum Rindfleisch, -- und jedesmal, wenn ich

Gurkensalat esse ...«

»Gedulden Sie sich! Ich kann um Ihretwillen die Tür nicht eintreten

lassen!«

»So erlauben Sie mir, daß ich durchs Fenster ...«

»Ich glaube, Sie sind verrückt!«

»Keineswegs, Herr Professor! Ich klettere einfach am Rohr der

Dachtraufe hinab.«

»Und brechen den Hals!«

»Nun, da wär' auch nichts weiter verloren! Sie haben mir ja so manchmal

gesagt ...«

»Sparen Sie Ihre Worte! Sie bleiben hier, bis geöffnet ist! Quaddler!

sorgen Sie jetzt dafür, daß dieser Unfug ein Ende nimmt!«

»Erlauben der Herr Professor ... Soll ich sozusagen den Schlosser

holen?«

»Natürlich! Mit Ihren Fingern werden Sie bei der Sache nichts

ausrichten!«

»Schön, Herr Professor. Welchen Schlosser soll ich denn holen?«

»Das ist mir gleichgültig.«

»Vielleicht den Kreiling?«

»Himmelkreuzdonnerwetter, holen Sie, wen Sie wollen!«

»So will ich den Kreiling holen. Der Burkhardt wohnt zwar bedeutend

näher ...«

»Selbstverständlich holen Sie dann den Burkhardt.«

»Belieben der Herr Professor ganz ergebenst vermerken zu wollen, der

Schmelzer wohnt aber noch näher!«

Doktor Brömmel schlug mit der geballten Faust auf die Kathederfläche.

»Sie sind ein Schafskopf! Augenblicklich machen Sie, daß Sie

fortkommen!«

»O, Herr Professor ... Ich gehe ja schon«, sagte Quaddler beleidigt.

Und hiermit tappte er langsam über den Korridor und die Stiege hinunter.

Doktor Brömmel setzte sich, kreuzte nach Art Walthers von der

Vogelweide ein Bein mit dem andern und heuchelte eine wahrhaft stoische

Ruhe.

»Ich werde die Frist benutzen, um Ihnen ein kurzes lateinisches

Exerzitium zu diktieren. Rüsten Sie sich zum Schreiben!«

»Was?« rief Boxer pathetisch. »Das steht nicht im Schulprogramm!«

»Wenn Sie sich noch ein einziges freches Wort erlauben, so schick' ich

Sie nach dem Karzer!«

Boxer erhob sich.

»Frech zu sein ist meine Gewohnheit nicht; aber in aller

Bescheidenheit ...«

»Sie lernen mir zur Strafe den ersten Gesang der Odyssee auswendig. Ich

will Sie lehren, meine pädagogischen Maßnahmen Ihrer unreifen Kritik zu

unterwerfen! -- Still jetzt dahinten! Ich beginne mit dem Diktat!«

Er legte die Arme gleichmütig vor die Brust und hub an, wie nachstehend:

»Gönne die Reichtümer den Reichen und ziehe die Tugend den Reichtümern

vor!«

»Wie?« fragte Knebel. »Was soll man vorziehen?«

»... Und ziehe die Tugend den Reichtümern vor«, wiederholte Brömmel mit

eisiger Kälte.

Die Federn kritzelten hastig übers Papier.

»Wenn ich die Lehren der Weisheit verschmähe und noch im reiferen Alter

wie ein Kind nach den Zerstreuungen des Augenblicks hasche, so bin ich

albern ... Das letzte Wort geben Sie mit ~ineptio~, ~ineptire~.«

»So bin ich was?« fragte Knebel.

»Albern sind Sie,« versetzte Brömmel, -- »im höchsten Grade.«

»Gehört das mit ins Diktat?«

»Ja, +Sie+ können sich's mit ins Diktat setzen! Heppenheimer, warum

schreiben Sie nicht?«

»Ich bin fertig.«

»So? Zeigen Sie einmal her!«

Mit siegesgewissem Lächeln reichte Heppenheimer sein Blatt hin.

»Was ist das für eine erbärmliche Schmiererei?«

»Das ist Stenographie.«

»So? Stenographie? Auch wieder so ein Mittel, um den Lehrer zu

hintergehen! Ich muß Ihnen sagen, daß ich von solchen Geheimschriften

absolut kein Freund bin. In meinen Stunden wird so geschrieben, daß es

jedermann lesen kann!«

»Das kann jedermann lesen, -- vorausgesetzt natürlich, daß er's gelernt

hat. Auch die gewöhnlichste Schrift ist nur dem leserlich, der sie

versteht.«

»Lassen Sie Ihr Geschwätz, und schreiben Sie weiter!«

Noch drei oder vier Sätze brachten wir so zu Papier. Dann fingen wir

an, die denkwürdigen Phrasen ins Lateinische zu übertragen.

»Boxer, warum schreiben Sie nicht?«

»Ich habe Kopfweh! Sechs Stunden Gymnasium sind mir gerade genug.«

»Sie lernen mir jetzt auch den zweiten Gesang der Odyssee auswendig!«

»Damit sich mein Kopfweh noch steigert? Damit ich schließlich eine

Gehirnentzündung bekomme?«

»Kein Wort mehr, oder ich weise Ihnen die Tür!«

Die Klasse begann wieder zu lachen. Auch Boxer konnte nicht umhin, sich

trotz seines Kopfwehs aufrichtig zu beteiligen.

»Was? Sie wollen mir hier Gesichter schneiden? Augenblicklich gehn Sie

hinaus!«

»Gern, Herr Professor, sobald der Quaddler mit dem Schmelzer gekommen

ist.«

»Ja so ... Der Mensch bleibt in der Tat über alle Begriffe lang'!

Heppenheimer, sehen Sie mal nach ... Das heißt ... Ich will sagen ...

Es ist gut! Halten Sie sich an die Arbeit!«

So verstrich eine Viertelstunde. Da knarrte es auf den Dielen des

Korridors.

»Herr Professor, der Schmelzer war nicht zu Hause, und damit Sie nicht

so lang warten müssen und denken, ich bin etwa nachlässig im Dienst,

so wollte ich mir erlauben, Ihnen dies kurz zu melden. Ich gehe jetzt

gütigst zum Burkhardt.«

»Sie sind der bornierteste Mensch, der mir je vorgekommen!« wetterte

Brömmel in heller Verzweiflung. »Denken Sie, ich habe Lust, hier bis

morgen früh Quarantäne zu halten?«

»Aber der Herr Professor werden so frei sein ... insofern Sie mir doch

gesagt und vermeldet haben, und der Schmelzer doch ganz in der Nähe

wohnt ...«

Brömmel verließ den Katheder und stürmte in ohnmächtigem Zorn nach der

Tür. Mit geballter Faust schlug er wider die Bretter.

»Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß die Tür uns trennt«, ächzte er, kaum

noch der Sprache mächtig.

»Gott verzeih' mir die Sünde, der Herr Professor sind ja furchtbar

erregt! Da will ich mich doch recht beeilen, damit ich ja zur

pünktlichen Zeit wieder da bin!«

Und fort war er, ehe Brömmel etwas erwidern konnte.

Wilhelm Rumpf hatte sich bis dahin abseits im Hofe herumgetrieben und

die Situation auskundschaftet. Er benutzte den günstigen Moment, um

unbemerkt den Schlüssel wieder ins Schloß zu stecken.

Brömmel saß inzwischen, von heftigen Gemütsbewegungen hin und her

geschüttelt, auf dem Lehrstuhl. Sein ganzer Habitus verriet, daß

er alle moralische Kraft aufwenden mußte, um nicht in schäumende

Wut auszubrechen. Mit den Fingern der rechten Hand trommelte er in

heftigem Dreivierteltakt auf die Kathederfläche. Ab und zu nickte er

verzweiflungsvoll lächelnd vor sich hin, als wollte er sagen: »Sehr

gut, wirklich, ganz ausgezeichnet! So etwas kann auch nur in Sekunda

passieren!« Dann warf er wieder den Kopf in den Nacken und zuckte die

Achseln. »Die ganze Sache«, so ließ sich diese Geste interpretieren,

»ist mir zu erbärmlich, um mich darüber zu ärgern. Dumme Jungens seid

Ihr allesamt, den Quaddler mit eingerechnet! Wenn ich doch endlich

einmal dieses Gymnasium mit seinen fatalen Auftritten los wäre! -- Aber

die Professur an der Hochschule will noch immer nicht kommen, trotz

meiner epochemachenden Studie über das griechische Medium! Das wahre

Verdienst wird niemals erkannt! Fluch über dies Zeitalter!«

Endlich, endlich erschien Quaddler mit dem sehnsuchtsvoll erwarteten

Burkhardt.

Der Schlossermeister war im höchsten Grad ungehalten.

»Sie denken, ich kann um jede Lumperei abkommen«, sagte er noch im

Treppenbau. »Es ist jetzt verdammt schlimme Zeit: die Gesellen sind

fort, und der Lehrbub versteht nichts. Um ein Schloß aufzumachen, läuft

man nicht so ohne weiteres drei Meilen weit. Die paar Kreuzer machen

die Suppe nicht fett!«

»Aber erlauben Sie gütigst,« erwiderte Quaddler, »das gehört doch

sozusagen in Ihr Geschäft, und wo die Pflicht Ihres Amtes ...«

»Ach was,« versetzte Burkhardt, »ich habe kein Amt, und der Teufel

soll's holen, wenn ich alle Naselang aus der Werkstatt geholt werde!

Das nächste Mal setz' ich Ihnen zwei Gulden auf Rechnung. Ich danke

dafür, den halben Nachmittag zu vertrödeln, wenn die Leute einmal einen

Schlüssel verlegen.«

So traten sie vor die Tür.

»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« schrie Burkhardt, den armen

Quaddler wütend am Arme schüttelnd. »Da steckt ja der Schlüssel!

Himmelschockmillionendonnerwetter, denken Sie vielleicht, Sie können

mich hier, wie ein böser Bube, zum Narren halten?«

»Ja, aber bester Herr Burkhardt, das geht nicht mit rechten Dingen zu!

Vorhin stak der Schlüssel nicht, das kann ich beeidigen.«

»So? Können Sie das beeidigen? Na, mir sollen Sie wieder kommen mit

Schlösseraufmachen! Einen alten Hund werde ich tun, aber nicht wieder

mit Ihnen herlaufen, Sie alter, versoffener Pfannenschmied!«

Der Schlossermeister eilte fluchend die Treppe hinab. Quaddler aber

stand wort- und regungslos da, eine männliche Niobe.

»Nun, wird's bald?« rief Doktor Brömmel, an der Türklinke rüttelnd.

Der Pedell seufzte. Dann drehte er in völlig geknickter Stimmung den

Schlüssel um.

»Hören Sie,« begann Doktor Brömmel in strafendem Tone, »ich glaube,

Sie selbst haben in Ihrer bodenlosen Zerstreutheit den Schlüssel da

abgezogen! Ich hasse nichts mehr als die Zerstreutheit. Wiederholt sich

dergleichen, so werde ich dafür sorgen, daß Ihnen von höchster Stelle

aus ein Verweis erteilt wird.«

»Herr Professor, so wahr ich hoffe, dereinstens selig zu werden ...«

»Das kann jeder sagen.«

»Das finde ich auch«, meinte Boxer. »Wie die Dinge liegen, kann nur

Herr Quaddler die Tat verübt haben.«

»Da hören Sie's«, eiferte Brömmel.

»Aber ich will augenblicklich des Todes sterben ...«

»Schweigen Sie! Nur von außen kann der Schlüssel herumgedreht worden

sein, und Sie allein sind draußen gewesen. Ihr hartnäckiges Leugnen ist

geradezu abgeschmackt. Ich werde dem Herrn Direktor nunmehr sofortige

Anzeige machen.«

Wilhelm Rumpf, der diese Verhandlungen aus einer Ecke des Korridors mit

anhörte, verspürte bei den strengen Worten des Professors etwas wie

Mitleid. So trat er denn plötzlich ins Schulzimmer und rief atemlos:

»Ach, Herr Doktor, ich bin rein außer mir! Wie ich vorhin das Zimmer

verließ, war ich so in Gedanken, daß mir ein Unglück passierte. Ich

glaubte, ich wäre daheim. Denn wissen Sie, Herr Professor, Sie sprechen

gerade so, wie mein Hauswirt ... Ich weiß selbst nicht, wie es gekommen

ist ... In der Zerstreutheit zog ich den Schlüssel ab ...«

»Knebel, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Rumpf wegen groben Unfugs mit

einem Tage Karzer bestraft‹. Wenn Sie wieder ein Märchen aushecken, so

lügen Sie weniger ungeschickt!«

»Ein Märchen?« rief Wilhelm im höchsten Pathos. »Ich rede die Wahrheit!

Wer sich schuldig fühlt, der bleibt im Verborgenen! Ich aber trete kühn

vor Sie hin, um den Quaddler vom Verdacht zu befreien ...«

»Ach ja, Herr Rumpf,« murmelte Quaddler gerührt, »das ist wirklich

recht schön von Ihnen! Ich hab's ja immer gesagt, der Rumpf ist gar so

kein übler Schüler nicht.«

»Es bleibt dabei«, sagte Brömmel, den Hut aufsetzend. »Wenn Sie

wirklich so über alle Begriffe zerstreut sind, wie Sie behaupten, so

geben Sie künftighin besser acht! Ich kann die Zerstreutheit nicht

leiden! Und Sie, Quaddler, werden von jetzt ab den Schlüssel inwendig

stecken lassen. Wenn uns dann jemand einschließt, können wir wenigstens

öffnen, ohne den Schlosser zu rufen. Adieu!«

»Seien Sie ruhig, Herr Rumpf,« flüsterte Quaddler beschwichtigend, »ich

will Ihnen die zwölf Kreuzer Pedellengebühren für den Tag Karzer nicht

anrechnen!«

Eindrücke aus dem Karzer.

Noch in Tertia hatte das Wort Karzer für unsere Ohren etwas

Dämonisch-Furchtbares. Wir glaubten synonyme Anklänge an »Schafott«

oder »Bagno« herauszuhören. Die wenigsten von uns hatten die

geheimnisvollen Räume, die der Pedell Quaddler mit seinen riesigen

Schlüsseln verwahrte, auch nur zu Gesicht bekommen, denn die

Karzerstrafen gehörten in Tertia zu den größten Seltenheiten. Man

züchtigte unsere kleinen Vergehen einfach durch sogenanntes Nachsitzen,

d. h. man sperrte uns nach Schluß der Unterrichtsstunden in ein

Schulzimmer. Diese Methode ward bei leichteren Vergehen auch in Sekunda

noch angewendet. Nur Prima besaß das Privilegium der ausschließlichen

Karzerverbüßung; daher denn in Sekunda diejenigen Schüler, welche

»hinauf« unter die Botmäßigkeit des Pedells wandelten, mitleidig auf

die bloßen Nachsitzer herablächelten.

In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine eigentümliche

Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte hier seine

antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte alles aufböten,

um die Schüler zu demoralisieren, so könnten sie keine praktischere

Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit. Sexta,

Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von nur einem Jahre

berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu Ostern die Tertianer

als Untersekundaner ein, während die bisherigen Untersekundaner

zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht fand gemeinsam in

demselben Raume statt. ~In litteris~ ward durch diese Verschmelzung

manches gewonnen: schon der Umstand, daß man auf diese Weise dem

Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren ein weites Feld eröffnete,

darf nicht unterschätzt werden. ~In moribus~ aber verhielt sich die

Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere Kluft, als die zwischen dem

respektvollen Tertianer und dem kecken, krawallsüchtigen Schüler

Sekundas. Mit Staunen und Neid sah der zum Untersekundaner avancierte

Tertianer die edle Ungebundenheit seiner neuen Mitschüler, und schon

nach wenigen Tagen regte sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer,

der auf dem Gebiete der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem

des Betragens die unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die

Phrase: »Sie gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von

geradezu niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne

Einfluß auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb.

Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten,

an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben. Und

so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur jener

Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte. Der

Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen lernt,

hört auf, vor dem ~Jupiter tonans~ zu bangen; die Vertrautheit, welche

der Astronom mit den Problemen der Verfinsterungen bekundet, tötet

die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs. So verloren

auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die Erfahrung gemacht

hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz behaglich mit diesem

Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe den Nachen Charon-Quaddlers

bestiegen.

Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft, als

ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach« verbannt wurde.

Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von »vier bis fünf« im Arrest

behalten, diese Zeit der Knechtung dazu benutzt, in Gemeinschaft mit

zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken des Schulzimmers um

ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der mit einer radikalen Zerstörung

identisch war. Noch begreife ich nicht, wie unsere Naivität hoffen

mochte, die Tat werde unbestraft bleiben. Denn Quaddler, der

gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts, hatte uns sorgfältig

eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit, einen unbekannten ~Quidam~

für die Zerstörung des Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen,

jeder logischen Natur einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit

existierte, der wir unseren Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst,

der jedesmal nach Entlassung der Arreststräflinge das Lokal reinigte.

Dieser höchst unwahrscheinliche Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb

hinreichend bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische

Abdrehung ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt,

und mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer

Haft zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der

brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen

gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal geläutet

hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten wir, unser

Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu fest in der

Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis bezweifelt hätte.

So räumten wir denn endlich ein, was nicht länger zu leugnen war, und

ernteten als Lohn die beregte sechsstündige Karzerstrafe.

Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge Treppe

hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß gestrichenen Eingänge

der Zellen erblickte!

Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter Höflichkeit.

»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er mit einer

chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir gütigst erlauben,

daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen der Störung, weil

nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den Unterricht erteilen, bei

fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.«

Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum er die

Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von jeder Stunde,

die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer süddeutscher Währung,

und ich versichere feierlichst, er stand sich nicht übel bei diesem

Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er jeden Verstoß gegen die

Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein Frevler gezüchtigt war,

kannte seine moralische Entrüstung keine Grenzen. Sobald aber der

Mund des Lehrers die Strafe diktiert hatte, sobald war das sittliche

Bewußtsein im Busen Quaddlers befriedigt, und er kehrte die volle

Schönheit seiner Humanität heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für

seine Sträflinge; nur mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn

in diesem Punkte war er Pedant.

Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der stummen

Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein besonderes Lokal; denn

gerade durch das System der Einzelhaft unterschied sich der Karzer von

dem milderen Arrest.

Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten sich um --

fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken --, Quaddler

tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur, schloß auch diese

und eilte die Treppe hinunter.

Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das Krachen des

Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit gewesen.

Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit

entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten.

Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken benutzt

hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit behaglichem

Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das einzige Fenster hoch

an der Decke befand, war diese Zerstreuung um so weniger zu erreichen,

als das Fenster durch ein starkes Gitter vor unseren Zudringlichkeiten

geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung unserer Zelle erschien

minder behaglich als die Räume Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes

Stübchen, dessen einziges Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch

und einem Stuhle bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war

noch härter! Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir

mitgebracht hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze

Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen ...

Eine Weile übte dieser erste Eindruck auf unsere Lebensgeister seine

abdämpfende Wirkung aus; nach und nach jedoch erwachten wir zum frohen

Bewußtsein, daß sechs Stunden keine Ewigkeit sind, und das erste

Symptom dieser neu sich regenden Elastizität war ein Ruf an die Adresse

des Nachbars.

»Du, Knebel, hier ist's äußerst gemütlich! Wie ist's bei Dir?«

»Famos«, antwortete Knebel.

Jetzt vernahm ich auch die undeutliche Stimme des dritten Dulders,

dessen Zelle von der meinen durch die Knebels getrennt war. Es gewährte

mir eine besondere Genugtuung, mit diesem fernen Freunde durch das

Medium Knebels zu korrespondieren.

»Du, Knebel!«

»Was?«

»Frag' mal den Scholz, was er treibt.«

Alsbald telegraphierte Knebel weiter:

»Du, Scholz, was treibst Du eigentlich?«

Ein dumpfer Klang war die Antwort, und alsbald gab mir Knebel zurück:

»Nichts.«

»Ganz mein Fall«, sagte ich freudig erregt.

Pause.

»Du, Knebel!«

»Was?«

»Ich klingle jetzt!«

»Gut!«

Und nun zog ich die Klingel.

Es dauerte einige Minuten; dann klirrte die Tür der Vorflur, und

Quaddler erschien vor den Zellen.

»Wer hat geklingelt?« fragte er unwillig.

»Ich, Herr Quaddler, ich«, rief ich, an die Tür pochend.

»Ich bin ja kaum zehn Minuten drunten«, gab Quaddler zur Antwort. »Was

wünschen Sie?«

»Ach, Herr Quaddler, mir ist auf einmal so schlecht geworden. Bitte,

lassen Sie mich gleich mal hinaus.«

Quaddler brummte etwas in den Bart und drehte den Schlüssel um.

»Ich sag' Ihnen, Herr Quaddler, ich hab' ein solches Leibweh bekommen!

Ich kann den Geruch der Tünche nicht recht vertragen. Sie täten

wirklich besser, wenn Sie die Karzerzellen tapezieren ließen.«

Gesammelte Schulhumoresken · 第 10 / 18 段