unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem verschollenen
Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme würdigte, über die
mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln zucken konnte. An
ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich anonym, in der festen
Überzeugung, schon in der nächsten Nummer Text und Komposition
erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die unbekannten Einsender,
die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen Früchten ihres
Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, trotz unseres Inkognitos,
betraten wir die Konditoreien, in denen Journale gehalten wurden, und
forschten errötend nach unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne
daß sich unsere Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal
nachdem wir noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich
vornehmem Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu
werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg
so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren Gedichte
der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf die gerechtere
Nachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung des fehlgeschlagenen
Unternehmens vermied und von Bastel (der ehrliche Name meines Freundes
war Sebastian) verlangte, er solle auch die Melodie nicht mehr summen,
die mir sogleich die ganze leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis
rief.«
Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen
ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den Lyriker in die
Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte Probe niemals
hinaus. Ist der Betroffene in der Tat ohne dichterische Begabung, so
darf er eine möglichst baldige Zerstörung seiner Illusionen als ein
Glück betrachten. Aber gleichviel, es schmerzt. Sah man nicht bereits
im Geiste einen prachtvoll gebundenen Oktavband, der in jedem Jahr eine
Neuauflage erlebte und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen
aller Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe
Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an
der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat sich
vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife angezündet!
Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende Hand des
Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen das Gedicht, A. O.
oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des Anzeigers erscheint, --
wie steigt dem glückseligen Primaner die Glut ins Angesicht, und mit
welch' unsäglichen Gefühlen des Stolzes nimmt er überall, wo es möglich
ist, das Blatt zur Hand, um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig-
und vierzigmal wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da
drüben der Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die
Börsen-Kurse und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich
von dem Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte
die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? Das
ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« In jedem
Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, daß man ihn mit
den Worten überfalle: »Haben Sie's denn auch schon gelesen? ›Die Klage
der Sehnsucht!‹ Wunderbar! Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben
sich's in ihr Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig,
und mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik
setzen!«
Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, die so
eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen das
phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen und
Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen Gang. Auch
hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.
Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich empor
an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst nach langen
Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt seine ganze Hoffnung auf
das nächste Gedicht, das bereits an die Redaktion unterwegs ist usw.
Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der folgenden Szene:
Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil ihm
bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem
Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.
Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein
schäumendes Glas.
Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr ... Unter dem
Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme Gedicht.
»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er mit
wegwerfender Gebärde.
Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden aus
vollem Halse belacht wird.
Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen Kraft,
um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft er auf
den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist, einen
unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten Herrn sind ein
»trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige Böotier, der die
Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil ihm der Aktenstaub
die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die seinen abgeschmackten
Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre Persönlichkeit prägt sich
für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein ... Nach Jahren noch, wenn wir
ihnen begegnen, denken wir in einer Anwandlung von Bitterkeit und
Geringschätzung: »Aha, das ist ja auch einer von jenen Vandalen, die
sich an meinem Kleinod vergingen!«
Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten und
einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann erkennt man, daß jenes
Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war. Und wenn auch der Stadtrichter
keine Ursache hatte, sich über diese Mangelhaftigkeit zu mokieren (er
würde dasselbe Gedicht, wenn er es in den Werken eines Klassikers
gefunden hätte, pflichtschuldigst bewundert haben), so dürfen wir ihm
doch aus hundert Gründen seine Unart verzeihen ... Und in der Tat,
wir verzeihen ihm, zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der
Stadtrichter zu den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen
gehört.
Die Primanerliebe.
Die oberen Gymnasialklassen sind der eigentliche Schauplatz für die
platonische Liebe. Die Primanerliebe ist sogar sprichwörtlich geworden,
und in akademisch gebildeten Kreisen gehört es zum vornehmen Ton, über
dieses erste Aufflackern des erotischen Prinzips geringschätzig zu
lächeln. Man vergißt eben im rastlos wiederkehrenden Kampf des Lebens,
was man zu einer Zeit fühlte, da sich Herz und Geist erst für diesen
Kampf vorbereiteten. Wie kalt und verständig schrieb der herangereifte
Goethe über Lili, die den jungen Goethe so magisch gefesselt, so
unwiderstehlich hingerissen und bezaubert hatte! Der Mensch wird
nüchterner und erblickt dann die Vergangenheit durch die Brille seiner
philiströsen Alltagsstimmung.
Unter Primanerliebe versteht man gemeinhin eine jugendliche Dummheit,
die in schauderhaften Sonetten und tausendfach wiederholten
Fensterpromenaden gipfelt, eine Landpartie als Perihel des Entzückens
und die Abreise der Geliebten in das Pensionat als schrecklichste
Katastrophe kennt, häufige Einschnitzungen in die Subsellien
hervorruft und beim Abgang nach der Universität in Bier, Paukereien
und wohlgewachsenen Schenkmädeln ertränkt wird. Dergleichen mag sich
ereignen; aber wenn der Verlauf der normalen Primanerliebe in der Tat
mit dem Vorgeschilderten buchstäblich übereinstimmt, so folgt daraus
lange nicht, daß eine unwichtige Lächerlichkeit vorliegt.
Was ist überhaupt eine Kleinigkeit? Was ist geringfügig? Nur die
engherzigste Arroganz kann hier den Maßstab der eigenen Subjektivität
anlegen. Was mir sehr geringfügig und wertlos erscheint, ist einem
anderen vielleicht das halbe Leben. Das Kind, dem seine Puppe ins
Wasser fällt, ist nicht etwa zum Schein, sondern ernstlich und im
tiefsten Grunde seines Herzens unglücklich; der Knabe, der zu Anfang
des neuen Semesters nicht versetzt wird, fühlt nicht etwa einen
Miniaturschmerz, sondern sein ganzes Ich ist unter Umständen so sehr
von der Qual seines verletzten Ehrgefühls durchdrungen, daß ihm jede
Hoffnung zu Grabe geht; daher es denn keineswegs unerhört ist, daß
Schulknaben sich aus solchen »geringfügigen« Anlässen den Tod gegeben.
Nirgends ist der Begriff der Größe und der Kleinheit so relativ
als in dem, was unser Gemüt angeht. Jede Sorge, jede Neigung, jede
Leidenschaft wird einen gesellschaftlich oder philosophisch höher
Stehenden finden, der sie von seinem Standpunkt aus belächeln darf.
Der Professor, der außer sich gerät, weil ihm ein Exemplar seiner mit
so heißer Liebe gepflegten Schmetterlingssammlung ruiniert wurde,
kommt dem ernsten Forscher in gewissem Sinne komisch vor; der Dandy,
den der plötzliche Verlust seines Handschuhknopfs in Erregung bringt,
scheint dem Denker geradezu unbegreiflich; die Hausfrau, die über
einen häßlichen Fleck in ihren frisch gescheuerten Dielen in Tränen
ausbricht, erweckt vielleicht unseren Hohn: und doch liegt in allen
diesen Fällen ein wirklicher Schmerz vor. Würde nicht etwa ein Heros,
ein Gott, der unser ganzes Tun und Treiben aus der Vogelperspektive
betrachtete, selbst die ernstesten Obliegenheiten unseres Staatslebens
komisch finden? Die ganze irdische Geschäftigkeit mit ihrem
anspruchsvollen Eifer unterscheidet sich von dem krabbelnden Treiben
der Milben, die das Mikroskop in einem Stückchen Käserinde entdeckt,
durch kein wesentliches Kriterium. Hier wie dort finden wir ein
mühsames Hasten im Interesse der Ernährung und Fortpflanzung; hier wie
dort lauert im Hintergrunde der Tod, der die ganze Komödie hinwegfegt.
Daß wir dem Treiben der Menschen eine höhere Wichtigkeit beilegen als
dem der Milben, kommt nur daher, weil wir zufällig Menschen sind. Wären
wir Milben, so schwärmten wir vielleicht für die großen Fragen des
Milbentums.
Es wäre eine blöde Verkennung der Tatsachen, wenn wir leugnen wollten,
daß die sogenannte Primanerliebe nicht selten die einzige wahre Liebe
ist, die ein menschliches Herz auf Erden zu fühlen bekommt. Alphonse
Karr sagt einmal sehr bezeichnend: »Wenn die Mädchen wüßten, welch'
einen Schatz von Liebe das Herz eines solchen jungen Menschen, der zum
erstenmal liebt, in sich birgt! Wenn sie ein Verständnis hätten für
diese Hingebung, diese Vergötterung! Wenn sie ahnten, daß sie für einen
solchen Jüngling das Leben mit all seiner Wonne, das Paradies mit all
seinem geheimnisvollen Zauber darstellen ...! Aber in ihrer törichten
Geringschätzung für diesen Jüngling, in ihrer noch törichteren
Bevorzugung blasierter und verkommener Geschöpfe lassen sie sich diese
erste Liebe von Grisetten oder Kammermädchen hinwegschnappen!«
Wenn die Primanerliebe selten zu einem praktischen Resultat führt, so
liegt dies vorzugsweise in der Natur unserer sozialen Verhältnisse.
Auch sind es wiederum nur diese sozialen Verhältnisse, die der
Primanerliebe in den Augen des wohlbestallten Bürgers eine so überaus
komische Färbung verleihen. Ein achtzehnjähriger Fischerbursche auf
Capri, der seine fünfzehnjährige Teresina liebt und sie nach zwei
Jahren eines mehr oder minder romantischen Brautstandes zum Altare
führt, erscheint uns poetisch: ein achtzehnjähriger Primaner im
gleichen Fall erregt beinahe unsere Mißbilligung. Und doch waltet hier
wie dort das gleiche Naturgesetz ob. Die Komik, die einem verliebten
Primaner innewohnt, erwächst nur aus dem Umstand, daß der Weg von
dem Abiturientenexamen bis zur Würde eines vom Staat besoldeten
Kreisrichters ein sehr langer und unerquicklicher ist. Leider kümmert
sich Eros um solche Äußerlichkeiten nicht; am wenigsten aber hat er
Respekt vor den Gymnasialgesetzen. Es gibt Lehrer, die kindisch genug
sind, jede Regung der Liebe, die vor Beendigung des Gymnasialkursus
eintritt, als eine strafbare Neigung für Allotria zu betrachten;
ja, ich erinnere mich, daß einer dieser kurzsichtigen Pedanten mit
Karzerstrafen vorging, weil ein jugendlicher Leander keine nur irgend
denkbare Gelegenheit versäumte, an gewissen Fenstern vorüber zu
wandeln. Dieser Versuch, das Sonnenlicht mit der Nachtmütze zu fangen,
berührte mich schon damals so kläglich, daß ich mit dem unverständigen
Cato fast Mitleid empfand. Was sind drei Tage Karzer gegen einen
freundlichen Blick aus geliebten Augen?
Ich verwahre mich hier gegen ein Mißverständnis! Nicht im Traume fällt
es mir ein, jede erotische Bummelei des deutschen Primaners für eine
Haupt- und Staatsaktion des Herzens zu halten; ich erhärte nur, daß
solche ernstlichen und tiefen Empfindungen ungleich häufiger sind,
als die Schulweisheit selbst der liberalsten Pädagogen sich träumen
läßt. Man darf sich hier nicht durch die Außenseite beirren lassen.
Die glühende, das ganze Wesen durchleuchtende Liebe tritt in diesem
ersten Jugendalter oft ganz in derselben kindischen Gewandung auf,
wie die müßige Tändelei. Die Fensterpromenade ist keineswegs nur der
Zeitvertreib des koketten Flaneurs: auch der echte, im tiefsten Grund
der Seele entflammte Romeo wählt dieses Mittel, -- und nur die Musik
oder die Dichtkunst vermöchte zu schildern, was er dabei empfindet. Die
Mutter des jungen Mädchens, die meist nach langer Blindheit dahinter
kommt, daß dieses ewige Vorüberziehen ihrem Töchterchen gilt, zankt
(nicht ohne eine stille Befriedigung ihrer geschmeichelten Eitelkeit)
über die »dummen Jungen«, die etwas Besseres tun könnten, als so ihre
Zeit zu vertrödeln: aber sie ahnt nicht, daß hier eine reinere und
gewaltigere Leidenschaft vorliegt, als die halb aus Wohlgefallen, halb
aus Berechnung zusammengesetzte, bürgerlich abgestempelte Salonliebe,
die nach einer Reihe hochachtbarer Begegnungen zu einer Erklärung und
schließlich zu einer respektablen Ehe führt. Diese Verkennung ist um so
weniger begreiflich, als die Menschen doch alle einmal jung und mehr
oder minder in dem gleichen Falle gewesen sind.
Wenn wir auf der einen Seite nicht leugnen können, daß die äußeren
Allüren der Primanerliebe nicht selten den Eindruck einer naiven
Ungelenkigkeit, ja einer kindischen Fadheit machen, -- alles natürlich
vom Standpunkte des gesetzten Familienvaters, -- so dürfen wir auf der
anderen Seite nicht verhehlen, daß es gerade die herrschende Sitte
mit ihren verknöcherten Regeln ist, die den Primaner so lange in dem
Zustande der gesellschaftlichen Unreife und Torheit erhält. In gewissem
Sinne ist das Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren das unglücklichste
des ganzen Lebens.
»Ich war«, so schildert Paul Heyse den Zustand des Halbwüchsigen, »ein
lang aufgeschossener, blasser junger Mensch, in jenem verlegenen Alter,
wo man den Knabenschuhen sich entwachsen fühlt und noch sehr unsicher
in die Fußstapfen der Männer zu treten versucht. Mit einer tollkühnen
Phantasie und einem blöden Herzen, zwischen trotzigem Selbstgefühl
und mädchenhafter Empfindlichkeit hin und her geschaukelt, zupft man
grübelnd an allen Schleiern, die die Geheimnisse des Menschenlebens
sterblichen Augen verdecken, weiß heute das letzte Wort über die
letzten Dinge, gesteht sich morgen, daß man noch im +ABC+ stecke, und
gebärdet sich überhaupt so unbehaglich widerspruchsvoll, daß man sich
selbst unerträglich werden würde, wenn man nicht von Leidens-, das
heißt Altersgenossen umgeben wäre, die es nicht besser machen und doch
auch darum nicht aus der Haut fahren.«
Es ist vornehmlich der +deutsche+ Jüngling, der dies Mißbehagen
auskostet, und zwar zunächst und in erster Linie aus dem betrübenden
Grunde, weil ihm die Gesellschaft absolut keine Stellung anweist.
Der Verkehr eines sechzehnjährigen jungen Menschen mit den übrigen
Mitgliedern der Gesellschaft und insbesondere mit den gleichalterigen
und älteren Mädchen entbehrt jeder vernünftigen Basis und Norm. Er
mag der geistreichste und geweckteste Kopf sein: die Damen rechnen
ihn nicht für voll, und die Herren erst recht nicht. Ja, vielfach
deutet man seine Anwesenheit im Salon als Zudringlichkeit. In
Deutschland ist es eine Sünde, nicht vollständig erwachsen zu sein. In
Frankreich, in England ist das anders. Ich habe in Paris hundertmal
den ungezwungenen, graziösen und doch keineswegs allzu vertraulichen
Ton bewundert, in welchem selbst Knaben von vierzehn und fünfzehn
Jahren mit älteren Leuten verkehren. Da waltet nicht eine Spur von
Befangenheit ob, da herrscht nicht jene blöde Verschämtheit, die nicht
weiß, wo sie mit den langen Beinen und Armen hin soll. Wohl aber hat
sich gerade infolge dieser Freiheit und Leichtigkeit eine bescheidene
Reserve ausgebildet, die sehr wohltätig mit der vorlauten Keckheit
kontrastiert, die als anderes und nur zu begreifliches Extrem den
halbwüchsigen Deutschen charakterisiert. Wo soll ein deutscher Jüngling
eigentlich seine gesellschaftliche Schule durchmachen? Bis zu einem
gewissen Alter verbietet man ihm -- entweder direkt, oder indirekt
durch die unfreundliche, verletzende Behandlung -- den Zutritt in die
Gesellschaft. Dann mit einemmal werden ihm die Pforten geöffnet, und
nun verlangt man die Manieren eines Gentleman. Aber dergleichen erlernt
sich nicht über Nacht. Ich erblicke in der Liebenswürdigkeit, mit
der die Franzosen ihre jungen Leute behandeln, ein Hauptmoment ihrer
geselligen Überlegenheit. Der gebildete Franzose hat sich von jung
auf jene gefälligen Manieren angewöhnt; sie sind ihm in Fleisch und
Blut übergegangen. Der Deutsche dagegen soll sie seinem fast fertigen
Menschen nachträglich aufkleben. Daher braucht man denn später nur ein
wenig zu kratzen, um die Politur wegzubröckeln und den ungeleckten
Bären hervorschimmern zu sehen.
Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verlebt, die ungleich
beträchtlichere Chancen für die Geselligkeit bot, als etwa Leipzig
oder Berlin; aber ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich in irgend
einem Kreise unseres Gemeinwesens einem vernünftigen und natürlichen
Verkehr zwischen den Schülern und Schülerinnen begegnet wäre. Schon als
Quintaner spielten wir stets nur »unter uns«. Wenn sich ab und zu eine
»Emanzipierte« in unsere Gesellschaft wagte, so wurde sie von ihren
Freundinnen bedenklich schief angesehen, denn die Mütter behaupteten,
so etwas schicke sich nicht. Später, als das Spielen aufhörte, erstarb
auch dieser letzte Rest von Beziehung, und es war fast ein Zufall,
wenn irgendwo einmal eine Begegnung statthatte. Die Folge dieser
eigentümlichen Klausur war natürlich ein vollendeter Mangel an ~savoir
vivre~. Beide Teile kamen bei einem solchen zufälligen Rencontre nicht
aus der Befangenheit heraus, und das Resultat war eine gründliche
Verstimmung. Man fuhr, wie Paul Heyse sagt, nur deswegen nicht aus der
Haut, weil so und so viele Leidensgefährten gleichfalls drin stecken
blieben.
Was bleibt also einem Primaner, der in solchen Verhältnissen
aufgewachsen ist, übrig, als schließlich seine Zuflucht zu
Fensterpromenaden und ähnlichen Albernheiten zu nehmen? Er wäre
vielleicht der verständigste Mensch von der Welt, er würde vielleicht
mit verdoppeltem Fleiß arbeiten, wenn er nur ab und zu einmal
Gelegenheit hätte, die knospende Göttin, die er verehrt, zu sehen
und zu sprechen: so aber vertrödelt er seine Zeit, um das mühsam und
flüchtig zu erhaschen, was die Gesellschaft ihm -- der Himmel mag
wissen aus welchem Grunde! -- für die Regel vorenthält.
Übrigens zeigt sich das Aufkeimen unverstandener Liebesempfindungen,
wie jedermann weiß, schon im frühesten Knabenalter. Nur sind sich
diese Regungen ihres Zieles so völlig unbewußt, daß hier Kombinationen
möglich sind, die späterhin bei einer voll entwickelten Liebe zu
schmerzlichen Katastrophen führen. Noch in Untersekunda liebte ich mit
meinem besten Freunde gemeinsam eine und dieselbe Adorata. Arm in Arm
zogen wir an ihrem Fenster vorbei, ohne daß sich jemals ein Gefühl
von Eifersucht in uns geregt hätte. Auch raubte uns diese ätherische
Huldigung weder den Appetit noch den Schlaf. Das Ganze war in der Tat
eine Kinderei, ein erstes, harmloses Vibrieren der Seele, und als uns
schließlich der Vater des gefeierten Mädchens ohne Verständnis für
unsere Ritterlichkeit bei dem Ordinarius der Klasse verdächtigte, so
überwog unsere Entrüstung, und wir beschlossen ohne jeden Herzenskampf,
die Tochter eines so barbarischen Vaters mit Verachtung zu strafen.
Ganz derselbe Freund hatte später in Prima eine Leidenschaft, die ihn
auf Jahre hinaus tief unglücklich machte und schließlich seinen Tod
herbeiführte.
Es gilt hier also, zu unterscheiden und nicht vornehm ablehnend die
ernstesten Dinge, die ein Menschenherz zu bewegen imstande sind, mit
dem Leichten und Nichtigen über einen Kamm zu scheren. Das herrlichste
Mittel, die Leidenschaften zu lenken, ist ihr Verständnis.
Aus dem Schuldbuche Wilhelm Rumpfs.
Es war in Sekunda. Die letzte der nachmittäglichen Unterrichtsstunden
neigte sich ihrem Ende zu. Da erhob sich mein Freund Wilhelm Rumpf aus
Gamsweiler -- derselbe, der später als neugebackener Primaner jenes
denkwürdige Rencontre mit dem Direktor Heinzerling zu bestehen hatte --
und bat den Lehrer in der hergebrachten Weise um die Erlaubnis, »mal
hinausgehen zu dürfen«.
Es fiel mir auf, daß Wilhelm, als ihm die Bitte gewährt wurde, ganz
gegen seine Gewohnheit nach der Mütze griff; -- bald aber sollte ich
den Grund dieser Maßregel erfahren ... Denn als Doktor Brömmel die
lateinischen Stilübungen glücklich beendet hatte und sich verabschieden
wollte, fand er die Tür des Schulzimmers von außen verschlossen.
Wilhelm Rumpf hatte, gleichsam als Vorstudie für sein künftiges
Attentat auf Samuel Heinzerling, ganz sachte den Schlüssel herumgedreht
und war dann, im Hochgefühl einer bedeutsamen Tat, schmunzelnd von
dannen gewandelt.
In den Räumen Sekundas herrschte infolge dieser unerwarteten
Einkerkerung großer Tumult. Alles drängte sich eifrig heran und
versuchte zu öffnen. Die Schwächeren wurden in dem Gedränge zu Boden
geworfen, die Kecken und Rücksichtslosen teilten Püffe und Stöße aus,
und der Lehrer selbst geriet in Gefahr, von dem brandenden Ozean der
erregten Schuljugend mit fortgerissen zu werden. Nur mühsam und mit
Aufbietung aller Körper- und Geisteskräfte gelang es ihm, die Ordnung
so weit wieder herzustellen, daß er zum Worte kam. Zerstreut, wie er
war, hielt er uns folgende Ansprache:
»Vor allen Dingen bitt' ich mir Ruhe aus! Ruhe, sage ich, oder es
geschieht ein Unglück! Boxer, der ganze Unfug scheint mir wieder von
Ihnen auszugehen! Ich rate Ihnen freundschaftlichst, treten Sie etwas
gelinder auf!«
Boxer versuchte zu remonstrieren.
»Gehn Sie auf Ihren Platz«, rief Brömmel mit Donnerstimme. »Ich will
mal sehen, ob ich den Urheber solcher Streiche nicht ausfindig mache!
Hutzler, Sie sollen sich setzen! Es ist unerhört, was man in dieser
Klasse erleben muß! Kurz und bündig: Wer hat die Tür da zugeschlossen?
Der Betreffende möge sich melden!«
»Aber Herr Doktor,« versetzte Hutzler im Ton einer milden
Zurechtweisung, »der Schlüssel steckt ja von außen.«
Allgemeines Gelächter.
»Das ist wahr,« brummte der Lehrer, »daran dachte ich nicht. Nun, es
ist wahrlich nicht Ihr Verdienst, wenn Sie diesmal wider Erwarten
unschuldig sind. Jedenfalls ist der Täter ein ganz erbärmlicher Junge,
den ich exemplarisch bestrafen werde.«
»Herr Professor,« begann Kleemüller, »das hat ganz bestimmt einer von
den nichtsnutzigen Primanern getan!«
»Unsinn! die Primaner sind ernste, gesittete Leute! Ich wollte, Ihr
hättet halb so viel Anstand und Ehrgefühl!«
»Dann war's einer aus Tertia!« rief Gildemeister.
»Das ist hier zunächst indifferent. Vorläufig müssen wir zusehen, daß
wir hinaus kommen. Heppenheimer, gehn Sie mal hinunter und rufen Sie
den Pedellen!«
Wir unterdrückten nur mühsam eine diabolische Heiterkeit. Heppenheimer
erhob sich und schritt mit komischer Grandezza der Tür zu.
Jetzt erst erkannte Brömmel, wie seltsam er sich geirrt hatte.
»Ja, so«, rief er in wachsendem Unwillen. »Wahrhaftig, man wird ganz
irre in dieser Umgebung. Setzen Sie sich, ich werde selbst gehen!«