war mein Biennium in Quarta und Tertia. Wir hatten da unser sechs
eine Art Tabakskollegium gegründet, das seine Sitzungen unter freiem
Himmel abhielt. Durch den Wiesengrund am östlichen Ende der Stadt
strömte ein Bach, von Erlen und anderem Dickicht umsäumt. Selten nur
verirrte sich eines Menschen Fuß an dieses trauliche Ufer -- und hier
saßen wir geschart und ließen in feierlichem Ernste den Qualm unserer
Zigarren zum Firmament aufsteigen. Mein Vater hatte damals von einem
bösen Schuldner zweitausend Zigarren an Zahlungs Statt empfangen, die
der Versicherung dieses Spekulanten zufolge unter Brüdern hundert
Taler wert sein sollten, in Wirklichkeit aber ein so niederträchtiges
Kraut waren, daß mein Vater sie schon auf den bloßen Geruch hin
beiseite stellte. Da mir um jene Zeit jede, auch die beste Zigarre ganz
abscheulich schmeckte, so waren mir diese Zahlungsobjekte trotz ihrer
Verwerflichkeit äußerst willkommen. Vor Beginn unseres Tabakskollegiums
füllte ich mir die Taschen und regalierte dann meine Genossen mit
echten Havannas. Schwarz, der sich viel auf seine Kennerschaft zugute
tat, wehte sich wiederholt mit den Fingern den Rauch in die Nase und
sagte bedeutsam: »Ja, die Zigarre ist gut!« -- »Ein feines Blatt«,
fügte Knebel hinzu. Und nun rauchten wir mit wütender Vehemenz -- etwa
dreimal so schnell als ein erwachsener Durchschnittsraucher. -- Knebel
ward immer blässer und blässer, aber er lächelte in stoischem Gleichmut
und wiederholte nur zuweilen mit halb verlöschender Stimme: »Wirklich,
ein sehr feines Blatt! Aber schwer!« -- Noch zwei Minuten, und der
Ärmste ließ die Zigarre sinken, beugte sich über das Wasser und erbrach
sich so heftig, daß ihm der Angstschweiß in großen Perlen auf die
fiebernde Stirn trat.
Trotz unseres kollegialischen Mitleids war uns diese Katastrophe
äußerst willkommen, denn sie bot uns die Möglichkeit, ohne ein
Geständnis der eigenen Schwäche die Zigarren zu beseitigen und dem
stöhnenden Knebel beizuspringen. Einer von uns trat weiter oberhalb an
den Bach und tauchte sein Taschentuch in die rieselnde Flut, um Knebel
die Schläfe zu kühlen. Ein zweiter und ein dritter faßten den Dulder
bei den Armen; ein vierter klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken.
Die Zigarrenstummel flogen ins Wasser; Knebel erholte sich, und stolz
im Selbstgefühle einer männlichen Tat begab man sich auf den Heimweg.
Unterwegs blies man sich verschiedene Male den Atem ins Gesicht und
fragte:
»Du, riecht man's?«
»Noch ziemlich ...«
Dann wurde Gras gekaut oder ein Apfel verzehrt, denn auch die Eltern
durften von unseren Orgien nichts wissen. Noch stundenlang trugen wir
die Empfindung einer gewissen Üblichkeit mit uns herum. Ja, zuweilen,
wenn Schwarz ein paar wirklich schwere Zigarren mitgebracht hatte,
waren wir förmlich berauscht, und alles, was um uns vorging, machte uns
den Eindruck eines beklemmenden Traumes ...
Und doch ertrugen wir diese Leiden mit Genugtuung, -- denn die herbe
Frucht war verboten!
Auch die Furcht, »abgefaßt« zu werden, steigerte unser Mißgefühl. In
Quarta und Tertia bebt man wie ein scheues Mädchen vor dem Gedanken,
wegen irgend einer Freveltat »eingesponnen« zu werden. Bei mir
persönlich kam noch hinzu, daß ich während des Jahres in Tertia um ein
Prämium kandidierte; eine »Abfassung« wegen Rauchens hätte aber dieses
Prämium im Keime erstickt.
Mit welcher Ängstlichkeit hielten wir selbst an dem verborgenen Strande
des Wiesenbachs Umschau, ob nicht irgend ein bedrohlicher Wanderer
nahe! Einmal überraschte uns der felder- und wälderdurchstreifende
Registrator Bieler so jählings, daß wir gerade noch Zeit hatten, den
Brand unserer Zigarren in die weiche Erde zu drücken. Der alte Herr
schien nicht wenig befremdet, hier am einsamen Quell eine Reihe von
Knaben zu finden, die sich nicht einmal Blumen zum Kranze wanden,
sondern in sichtlicher Verlegenheit aufsprangen und die Mützen zogen.
»Was macht Ihr denn hier?« fragte er argwöhnisch.
»Wir krebsen«, gab Schwarz mit großer Schlagfertigkeit zur Antwort.
»So, gibt's hier Krebse? Und was brennt denn da drüben?«
»Ach da«, sagte Schwarz ... »Wir haben vorhin ein kleines
Pulvermännchen gemacht, und da glimmt das Papier noch.«
Der Registrator entfernte sich, ohne sich über die Glaubhaftigkeit
dieser Bemerkung zu äußern. Tagelang schwebten wir in heilloser Angst,
er möge uns denunzieren; denn der Quartaner lebt der Meinung, die ganze
Welt sei gegen ihn verschworen, und die Bürgerschaft kenne kein höheres
Interesse, als ihn anzuzeigen.
So ging die Sache in Quarta und Tertia. In Sekunda wurden wir bereits
frecher. Des Abends nach Sonnenuntergang bummelten wir häufig mit
brennender Zigarre durch die Stadt. Anfangs gebrauchten wir die
Vorsicht, das glühende Ende mit der Hand zu bedecken; später ward auch
diese Reserve kühn über Bord geworfen. So begab es sich denn nicht
selten, daß ein Sekundaner wegen Tabakrauchens mit Strafe belegt wurde.
Wenn ich meinesteils diesem Schicksal entging, so lag das nur daran,
daß ich in Sekunda über die Freude am Rauchen so ziemlich hinaus war
und nicht den vierten Teil so oft »blotzte«, als in Quarta und Tertia.
Auch hatte ich, wenn ich ~extra muros~ gegen die Gymnasialgesetze
sündigte, allzeit Glück.
Ein einziges Mal wurde ich als Sekundaner wegen öffentlichen Rauchens
denunziert, aber nicht bei den Gymnasiallehrern, sondern bei dem
Stadtprediger, der uns den Konfirmanden-Unterricht erteilte.
Dieser Mann, der sehr ehrwürdige Kirchenrat Doktor Philipp Jakob Engel,
war in jeder Beziehung ein Original. Er hatte sich unter dem schwarzen
Talar ein frisches, fröhliches Herz bewahrt. Nichts lag ihm ferner
als Puritanertum und einseitiger Zelotismus. In der Weise des großen
Doktor Martinus Luther genoß er sein Leben, -- zum mindesten was Wein
und Gesang betraf. Im Punkte des Weibes war er allerdings vom Schicksal
mißhandelt, denn er hatte sich, vom Rausch der Minne verlockt,
eine Wirtstochter aus Bromskirchen zur Gattin erkoren, die ihm das
Dasein mehr mit Dornen als mit Rosen durchflocht. Er suchte dann in
der feierlichen Stille des Wirtshauses Trost für die Leiden seiner
Häuslichkeit. »Der Wind bläst heute wieder von Bromskirchen«, pflegte
er den Stammgästen zuzurufen, und dann wußte man, daß der Kirchenrat
nicht vor ein Uhr nachts den Heimweg antreten würde.
Doktor Engel leitete also den Konfirmanden-Unterricht, und zwar
abwechselnd in dem einen Jahre den der Knaben und in dem anderen den
der Mädchen. Ich hatte glücklicherweise +ihn+ zum Seelsorger! Wer es
irgend einrichten konnte, sparte sich für das Jahr Engels auf, denn das
Joch dieses Gerechten war sanft und schmerzlos. Der Unterricht fand
von elf bis zwölf statt. Kurz vor halb erschien der Herr Kirchenrat
langsamen Schrittes im Lehrsaale, wandelte wohl noch fünf Minuten lang,
in Gedanken verloren, auf und ab und begann dann mit einer kurzen
Wendung, deren feierliches Phlegma gegen sein sonstiges Feuer wunderbar
kontrastierte, die Gesangbuchverse zu überhören. Human wie er war,
nahm er nie den geringsten Anstoß daran, daß man diese Gesangbuchverse
einfach ablas. Nachdem die Aufgabe zur beiderseitigen Befriedigung
erledigt war, schritt er an das Abfragen der Katechismussprüche, die
wir ebenfalls ganz unverfroren vom Blatte wegstahlen.
»Nun, und was denkst Du Dir bei diesem Spruche?« forschte er dann wohl
gelegentlich.
Der Schüler gab eine Antwort, die mit einem langsamen »Ganz gut!«
belohnt wurde, wenn sie nur einigermaßen verdaulich war. Im andern
Falle meinte der Kirchenrat, das lasse sich wohl hören, sei aber
doch nicht so ganz richtig -- und nun lieferte er mit salbungsvollem
Behagen die korrekte Erklärung. Fünf Minuten vor drei Viertel sah er
zum erstenmal auf die Uhr, zwei Minuten später zum zweitenmal. Um drei
Viertel aber stemmte er die rundlichen Finger auf die Tischplatte und
murmelte durch die Zähne:
»So, ich habe jetzt noch ein Amtsgeschäft, und da wollen wir's denn für
heute gut sein lassen. Für das nächste Mal lernt Ihr mir den folgenden
Vers und die folgenden Sprüche.«
Und hiermit verließ er das Lehrzimmer.
Was das für Amtsgeschäfte waren, die so regelmäßig um drei Viertel auf
zwölf wiederkehrten, das habe ich nie in Erfahrung gebracht.
Bei diesem Kirchenrat, dessen echt christliche Milde aus der
vorstehenden Schilderung zur Genüge erhellen wird, hatten mich einige
der sogenannten Stadtschüler, auf die wir Gymnasiasten mit Verachtung
herabsahen, wegen öffentlichen Rauchens angezeigt.
Als ich den Saal betrat, riefen sie mir triumphierend entgegen:
»Heute wird er Dich vornehmen!«
So recht behaglich war mir bei dieser Eröffnung, trotz Engels bekannter
Nachsichtigkeit, nicht zumute. Doch beherrschte ich mich und gewärtigte
mit stoischer Ruhe der Dinge, die da kommen sollten.
Der Kirchenrat erschien, wie üblich, kurz vor halb. Sein Antlitz hatte
diesmal etwas ungewöhnlich Ernstes und Feierliches. Ja, ich glaubte
einen Zug von Schmerz zu entdecken, der elegisch um die herabgezogenen
Lippen spielte. So mußte der biblische Vater dreinschauen, wenn er des
verlorenen Sohnes gedachte ...
Gebeugten Hauptes schritt der Kirchenrat einige Male auf und ab. Dann
blieb er stehen und rief mich beim Namen.
»Komm einmal heraus«, sagte er mit einer Stimme, die mir ein tiefes
seelisches Weh zu atmen schien.
Die Stadtschüler rieben sich schmunzelnd die Hände.
Nicht ohne Verlegenheit trat ich zu dem Kirchenrate heran, der mich ein
wenig abseits führte und mir dann mit gedämpfter Stimme ins Ohr raunte:
»Eh' ich's vergesse, sag' doch Deinem Herrn Vater, ich könnte morgen
abend nicht zum L'Hombre-Kranz kommen.«
Frohe Enttäuschung!
»So,« fuhr er nun mit energisch dröhnender Stimme fort, »nun geh' auf
Deinen Platz und vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe!«
Es war der nachsichtigen und liebevollen Natur dieses Priesters
unmöglich, irgend jemanden zu verletzen. So ignorierte er denn
vollständig die schnöde Anzeige meiner Gegner und genügte nur in dieser
wahrhaft klassischen Weise dem Dekorum.
In Prima wichen unsere Lehrer insoweit von dem Wortlaute des
Gymnasialgesetzes ab, als sie ein Auge zudrückten, wenn die Schüler
innerhalb ihrer vier Pfähle zur Zigarre oder zur Pfeife griffen. Nur
das Rauchen auf der Straße war hier verboten. Aber gerade deshalb
ward es mit Vorliebe kultiviert. Wäre es dem Gymnasiasten wirklich
nur um das Kraut zu tun, so hätten wir unserem Rauchgelüste bei einer
so milden Praxis hinlänglich fröhnen können: aber jetzt hatten die
Zigarren im Hause ihren wesentlichen Reiz verloren. Die Sehnsucht des
Primaners galt der öffentlich gerauchten Straßenzigarre. Einige von
uns trieben die Sache so weit, daß sie vor dem Beginn der Lehrstunden
in dem Schulsaale rauchten, was hin und wieder zu gräßlichen
Untersuchungen führte, ohne daß jemals der Täter entdeckt worden wäre.
Als wir schließlich Studenten wurden, und der letzte Zwang wegfiel,
da hingen sehr viele unserer Matadore das Rauchen überhaupt an den
Nagel; wie denn zum Beispiel mein früherer Mitschüler, der Geheime
Medizinalrat ~Dr.~ Schwarz in Hamburg, noch bis auf den heutigen
Tag ein abgesagter Feind der Zigarre ist. Wenn ihm diese Zeilen
hier zu Gesicht kommen, widmet er vielleicht meinen abscheulichen
Tertianer-Glimmstengeln ein dankbares Lächeln der Erinnerung; denn
ihnen schuldet er die erkleckliche Summe, die er jetzt infolge seines
Nichtrauchens alljährlich zurücklegen oder für die Vervollständigung
seiner humoristischen Bibliothek aufwenden kann.
Die Lyrik auf dem Gymnasium.
Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner geworden,
als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl aus heiterm Himmel, der
Drang nach poetischer Selbstbespiegelung ergriff. Ich erinnere mich
noch des Tags und der Stunde ... Der Herbstwind strich klagend durch
die halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen
stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die
kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten im
Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege mit ihren
großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der Wind von Zeit
zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers und die triefende
Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier längst verlassen, um im
Hause gegen die Unbilden der Witterung Schutz zu suchen -- dies alles
machte einen unsagbar traurigen Eindruck. Drüben von der Landstraße
her, wo die drei vereinsamten Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst
hineinragten, tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles
wie ausgestorben ...
Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung zu. Ein
schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir den
Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche nicht zum
Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum bleigraue Nacht
geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück. Im Ofen brannte
ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische glänzte die Lampe, die
man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht hatte, und auf dem
Teppich vor dem Sofa lag mit allen Symptomen der Befriedigung und
des Wohlbehagens der treue vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen
Ausflüge. Ein wunderbares Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So
schnell als möglich ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich
an den Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang
ich in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen
Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne« und die
Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben! Und doch
war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes und Gemachtes, sondern
ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis, das mit zwingender Macht
nach Gestaltung rang. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier
Strophen mit »wenn« begannen, daß eine wahrhaft großartige Summe von
schmückenden Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse,
wo mir der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt
ließ. Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst
später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft Schönes
und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner subjektiven
Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie viele, sonst sehr
achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind und nicht in Sekunda
sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum! Was man dem Sekundaner
verzeiht, das macht den Erwachsenen einfach lächerlich. Aller
Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung. Der Dilettant trägt
ganz wie der Dichter eine Welt voll Poesie in der Seele: aber während
der schöpferische Poet seine Empfindungen dergestalt in dem Medium der
Sprache zu verkörpern weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild
nachschafft, gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt
ihm nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von
seinem Gestalteten trennt -- und dies ist die Regel --, so ist der
Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe befindet,
hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn selbst das größte
Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch aber erfährt mit Recht
die strengste Beurteilung, denn in der Sphäre der Kunst gibt es keine
christliche Milde, wie in der Sphäre der Ethik.
Das war also mein erstes Gedicht, -- wenigstens das erste, dessen
Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch aufeinander
die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die furchtbarsten
Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir ein schönes
Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«, chronologisch
geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses Kopieren zu umständlich.
Ich dichtete gleich frisch drauf los in den Prachtband hinein, wobei
es denn wesentlich darauf ankam, keiner Korrektur zu benötigen. Vom
Anlegen der Feile war ich überhaupt damals kein Freund. Ich hatte so
viel Stoff zu verarbeiten, daß ich immer wieder nach Neuem drängte.
Es ist unglaublich, was ich alles in den Bereich meiner rhythmischen
Betrachtungen zog. Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die
Leiden eines Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen
geraubt wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen
und nun am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über
den bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der
Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die Freuden
einer nächtlichen Kahnfahrt: -- dies alles war mir gleichmäßig
untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und einen Hymnus auf
das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn. Ich philosophierte
über die Unsterblichkeit der Seele und über den niederträchtigen
Nationalcharakter der Punier.
Das währte so ein halbes Jahr. Dann kam ein neues Motiv hinzu: das
»Ewig-Weibliche«. Die schwarzen Locken und flammenden Augen brausten
jetzt nur so durch meine Verse, und an Purpurwangen und Rosenlippen war
kein fühlbarer Mangel.
Bis dahin hatte ich meine poetischen Regungen durch unverbrüchliches
Schweigen gedeckt. Namentlich in der Schule, wo der Begriff des
Verses jenseits aller Erfahrung zu liegen schien, war mir niemals
eine verräterische Silbe über die Lippen geglitten. Ich hatte die
dunkle Empfindung, als treibe ich etwas Verbotenes. Sobald ich das
Wort »Gedicht« aussprechen hörte, erinnerte ich mich eines Vorfalles
aus meiner Quintanerzeit. Der Lehrer gab uns damals zwei verschiedene
Aufsatzthemata. Zuerst las er uns eine Gellertsche Fabel vor, die
wir in Prosa nacherzählen sollten, -- und dann eine Anekdote in
Prosa. Ich fragte nun in aller Harmlosigkeit: »Die sollen wir wohl in
Verse bringen?« Eine geringschätzige Zurechtweisung war die Antwort,
und einige meiner hochweisen Herren Mitschüler lachten aus vollem
Halse. Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, als sei alles
Rhythmische unziemlich, und so war ich denn äußerst zurückhaltend.
Nur einem einzigen Freunde teilte ich ab und zu etwas mit. Und da
dieselbe Elisabeth, deren Rosenwangen ich poetisch verherrlichte, auch
ihm als Ideal alles weiblichen Liebreizes erschien, so beschlossen
wir gemeinsam, einige dieser Lieder sauber abzuschreiben und dem
Gegenstande unserer Neigung auf dem Wege der Stadtpost zu übermitteln.
Als wir den Brief eben gesiegelt hatten, trat mein Vater ins Zimmer.
Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, recht gleichgültig dreinzuschauen,
-- aber vergebens. Nach einigem Hin- und Herfragen sahen wir uns
schmählich entlarvt. So kam denn nicht nur unsere phantastische
Verliebtheit zutage, -- nein, auch das Geheimniß, daß ich dichtete,
wurde ans Licht gezogen. Tiefe Beschämung. Nach langem Widerstreben
lieferte ich mein Album aus. Es war mir zumute, wie einem Mädchen, das
beim Baden von Männern überrascht wird.
Indes die Sache lief noch verhältnismäßig befriedigend ab. Ich
wurde dringlich ermahnt, über diesen rhythmischen Versuchen meine
Schularbeiten nicht zu vernachlässigen: im übrigen möge ich nur
fortfahren. Dergleichen sei jedenfalls besser, als das sonst so fleißig
geübte Einwerfen von Fenstern oder Niederreißen der Zaunpfähle.
Während meines ganzen Aufenthaltes in Sekunda beobachtete ich die
strengste Reserve. Das Terrain war hier für poetische Anwandlungen
äußerst ungünstig. Kaum, daß ich ab und zu die Keckheit hatte, einen
deutschen Aufsatz mit der Wendung zu schließen: »Denn, wie der Dichter
sagt ...« und dann eine Strophe eigener Schöpfung einzuschmuggeln,
in der Voraussetzung, der Lehrer werde den Kunstgriff nicht merken.
Noch kürzlich ist mir einer dieser Aufsätze in die Hände gefallen.
Der Lehrer hätte, um sich täuschen zu lassen, geradezu ein Dummkopf
sein müssen, denn die Verse waren echt knabenhaft; aber großmütig ließ
er die Vermessenheit hingehen, ohne mich durch die Frage: »Wer ist
denn eigentlich der Dichter, dem Sie diese Strophe entlehnen?« in
Verlegenheit zu setzen.
Erst in Prima hatten wir offizielle Gelegenheit, unsere lyrischen
Talente vor der Korona der Mitschüler zu betätigen. Unser
Horaz-Interpret, ein feingebildeter Mann, der sich namentlich in
literarischen Dingen durch ein reges Interesse auszeichnete, forderte
uns jedesmal, wenn eine Ode genügend erklärt und verstanden war, zur
freiwilligen Leistung einer metrischen Übertragung auf. Natürlich gab
nur eine kleine Minorität diesem Ansinnen Folge; aber mit welchem
Stolzgefühl schwellte es die Brust, wenn man über diese wenigen
Mitbewerber den Sieg davon trug!
Der poetisch beanlagte Primaner steht zumeist unter dem Einflusse
Platens, dessen Formkorrektheit ihm naturgemäß imponiert. Erst später
entwickelt sich die Vorliebe für Heine und Goethe. Während meines
ersten Semesters in Prima waren es besonders die kunstvoll-fremdartigen
Ghaselen, die mich zur Nacheiferung entflammten. Keine Dichtungsform
schien mir so geeignet, die heterogensten Dinge ohne weitere
Kompositionsschwierigkeiten zusammenzuleimen, als dieses orientalische
Reimgeplänkel. Ohne zu ahnen, daß wir ganz im Sinne Heinrich Heines
(dessen Reisebilder uns damals noch unbekannt waren) die Ghaselform
nach ihrer bedenklichen Seite hin persiflierten, wählten wir die
sonderbarsten Ausklänge. Sie waren das Primitive, Ursprüngliche:
die Gedanken und Verse wurden erst nachträglich wie Arabesken
herumgeschlungen. So dichteten wir Ghaselen aus Braun-Dur, die also
begannen:
Im Glase schäumt das quellenfrische Bier braun:
Natur, Du färbst den Pelz so manchem Tier braun.
Braun blickt das Auge meiner süßen Amrei,
Und um ihr Haupt schmiegt sich der Zöpfe Zier braun u. s. w.
Oder wir wählten als Refrain eine ganze Phrase, wie: »Doch der
Schickung Groll verbeut's«, und intonierten nun folgendes Carmen:
Gerne schritt' ich durch die Wiesen, doch der Schickung Groll
verbeut's,
Und besonders mit Elisen, doch der Schickung Groll verbeut's.
Alles, was die Erde spendet, was der Himmel uns geschenkt,
Alles möcht' ich froh genießen, doch der Schickung Groll verbeut's.
Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte Herz
alles möchte ... Es sähe gern ... die Bächlein fließen ... die Blumen
sprießen ... den Jäger die Rehlein schießen usw. Aber überall tritt
ihm das Fatum entgegen; überall dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der
Schickung Groll verbeut's!«
Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber, wie
gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern«
verwerten können.
Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein wenig
kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen,
zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen auf die
Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte besitze ich
noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition, als Samuel
Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung über das
Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete:
Unsere Lehrer.
Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch,
Doch jede Störung ist ihm antipathisch.
Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären,
Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch.
Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor:
Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch.
Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich,
Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch.
Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir,
Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch.
Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren?
Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch!
Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne,
Sei unser Wappen bayrisch oder badisch:
Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, --
Und Prima fühlt entschieden demokratisch!
Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die
Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme auf
die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel eine hervorragende
Rolle spielten, ward auch das sentimentale Genre redlicher Begeisterung
kultiviert. Es entstanden glühende Liebeslieder, die mit ängstlicher
Scheu im Pulte verwahrt blieben, denn jeder fremde Blick wäre ja eine
schnöde Entweihung gewesen ... Und dann entschloß man sich gleichwohl,
wenigstens eines der »herrlichen Lieder« hinauszusenden in die kalte,
lieblose Welt ...
Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines lyrisch
produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul Heyse in
seiner »Lottka«.
Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein Freund, ein
achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen in Musik, mit
einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen des Weltgerichts
über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« andeuten sollte.