augenblicklicher Wirkung.
»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn ich in der
Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines Onkels aus
Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum besten gab, wagte er
die überraschte Bemerkung:
»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«
Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen als
möglich:
»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«
Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten in
gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es sich,
von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls man die
Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische Krämpfe in Ansatz
zu bringen.
Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in
Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser
häuslicher Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors:
»Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:
»Mein Waschwasser war gefroren.«
Oder:
»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«
Oder:
»Meine Uhr ging falsch.«
Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« --
ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die Mär von dem
gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.
In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden Bartes zu
verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein Barbier habe sich
verspätet.
»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter brauchte
man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, dachte äch
nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben ja noch Ähren ganzen
Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo haben Sä säch denn rasären
lassen?«
»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben nicht rasieren
lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute war mein Rasiertag.
Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich rasieren.«
»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll in Zokonft
zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«
Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.
Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden
an:
»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.« --
»Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der Kreuzstraße mit einer
eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« -- »Ich bekam eine Ohnmacht.«
-- »Auf dem Sandwege war die Passage durch drei ineinander gefahrene
Wagen versperrt. Ich mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und
den Kommandantenplatz nehmen.« -- »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« --
»Ich habe mir den Fuß verstaucht.« -- »Es war Glatteis.«
Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß wundern, daß
er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung nichts gemerkt habe.
»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«
Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu bejahen.
»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, »nur an
einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg und am Rathaus
vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der Regel um einige Grad
höher als in den feuchteren Gegenden an der Seltersgasse und dem
Waldtore.«
Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März
und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, diese klimatologische
Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.
Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst
zuzuschreiben, wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im
Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger
Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? Gern
hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen Viertels eingelassen;
aber da sich die Gymnasialregierung absolut weigerte, uns auch nur auf
dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, so sahen wir uns genötigt,
unsere Zuflucht zu dem Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu
nehmen, der höheren Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt,
dennoch aus Opportunitätsgründen respektiert wurde.
Der entrüstete Oberlehrer.
Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse!
Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch?
Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier,
Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität!
Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »~etypson~«!
Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht!
Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas:
Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch!
Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren,
Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt?
Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »~etypson~«
Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein.
Wer da »~etypson~« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!«
Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab.
Wer da »~etypson~« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak;
Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht.
Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel?
Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein:
»Schmelzer, weil er »~etypson~« als Imperfektum gebildet
Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut,
Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden,
Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus!
So -- jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke!
Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll!
Der Bierparagraph.
Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen von
den Schulgesetzen ~in abstracto~ und ihren einzelnen Lehrern ~in
concreto~ behandelt werden, hat, streng genommen, etwas Naives, denn
sie basiert auf Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis
der tatsächlichen Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der
himmelschreiendste Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor.
Die ernsten Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte
die Zusammenstellung jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben,
verstanden sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig
von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz verwechselt den
Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur zu gewissen Stunden
besucht wird, mit dem eines Pensionats, das die Schüler sozusagen mit
Leib und Seele aufnimmt und nicht allein ihren Unterricht, sondern
ihre moralische und gesellschaftliche Erziehung leitet. Es ist
lächerlich, die Befugnisse des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung
zu erweitern, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel
nicht zur Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles
Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich also
damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden im Zaume
zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden einzuprägen und
die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie einen öffentlichen Skandal
erregst, gleichviel durch welche Handlung, so wanderst du auf den
Karzer, -- anstatt sich dieser klugen Reserve zu befleißigen, mischt
sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur über seine vernunftgemäßen
Befugnisse, sondern in der Regel sogar über die Möglichkeit einer
Beaufsichtigung weit hinausgehen.
So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern
für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr oder
minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem Verbot
beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch an sich,
sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man hintertreiben.
Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte diesen
Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber sie haben nur eins
erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich harmlosen Instituts
ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der unanständige Gebrauch,
der Mißbrauch, ernstlich verringert würde. In der Tat läßt sich nicht
absehen, warum es für den achtzehnjährigen Primaner eine Sünde sein
soll, gelegentlich ein Glas Bier zu trinken, während der Kommis schon
in früheren Jahren das gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner
Mitbürger einzubüßen. Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein,
wenn das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt
Euch anständig!« -- ohne weiter auf die Details einzugehen. In jedem
einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers darüber
entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des Gymnasiasten
befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell an das Taktgefühl
der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung ihrer unbedingten
Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich günstigeren Erfolgen
sein, als die alberne und demütigende Methode, die jetzt noch vielfach
im Schwunge ist.
Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner Gymnasiastenschaft
ein fortwährender Grund des Verdrusses und der Erbitterung. Wenn ich
so an heißen Juliabenden bei den Hecken des Lohseschen Felsenkellers
vorüber kam und den Direktor Samuel Heinzerling erblickte, wie er
im Kreise seiner zahlreichen Familie ein Seidel nach dem andern
hinter die schwarze Krawatte goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser
Vorstadtbewohner, der im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne
schlendert und die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain
vorbeieilen sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen,
während ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand
und meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die
Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine Töchter
Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der braun gestrichenen
Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt, so war mein Schicksal
besiegelt. Am andern Morgen hätte der strenge Autokrat mich in
folgender Weise apostrophiert:
»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller! Sä
haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit geträben, daß Sä
sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben, einen Schnätt bestellten.
Sä gehen mer zwei Tage auf den Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns
Tagebooch: Eckstein, weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen
Schnätt bestellte, mit zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen
Sä den Pedellen!«
Das sieht fast wie ein ~tableau chargé~ aus, aber es ist eine
Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte nur
selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen,
denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren pflegte, und
vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte der ~rector
illustrissimus~ in der oben geschilderten Weise Justiz, und die Form
seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur wenig. Niemals ist es
erhört worden, daß er einem kneipenden Schüler die Strafe erlassen
hätte; es war, als fürchte er, der Durst seiner Primaner könnte die
Befriedigung seines eigenen Durstes in Frage stellen, wie er denn in
der Tat stets in den Herbstmonaten, wenn das sogenannte Salvatorbier
ausgetrunken und durch eine geringere, später gebraute Sorte ersetzt
war, düsterer und grämlicher dreinschaute als in der eigentlichen
Saison.
Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir schon in
Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe, deren Inhaber, von
der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im tiefsten Innern durchdrungen,
alles anstrebte, um uns das Joch unserer Schülerschaft nach Möglichkeit
zu erleichtern. Leider bot sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da
sich mitunter auch ein Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der
alte Lorenz wußte uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden
Gefahr zu verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten
an den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und grinste.
Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein. War Lorenz
nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen das Amt des
Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten jenes
orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als der Vater; daher es sich
denn hin und wieder ereignete, daß wir unseren Peinigern ahnungslos in
die offenen Arme liefen.
Eines Nachmittags -- es war im August des Jahres 18** -- hatte uns
Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung über
das Wesen des lateinischen Konjunktivs gemartert und am Schlusse
seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen Aufsatz gegeben:
»~Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne.~«
Am Schlusse der Lehrstunde verspürte ich einen unwiderstehlichen
Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf teilte diese Empfindungen, so
daß er meinen Vorschlag, in der Schenke des alten Lorenz ein Seidel
zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte. Arm in Arm schritten wir über
den Ludwigsplatz. Vor der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns
Wilhelm Rumpfs angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr,
der gern seinen Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte,
uns mit einer scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar
die humoristischen Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber
die selbstgefällige Freude, mit der er sie immer und immer wieder
vortrug, verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm
der anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß
ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema auf
dieses Bonmot abzulenken. -- Als er uns nach längerer Kauserie wieder
freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen, und im
Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft gegen die
Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten.
Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal wieder
»dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand vor dem
Schenktische.
Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so schritten
wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener prüfenden
Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach einem Tische,
um uns niederzulassen.
Da -- wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, als wir in der
entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers die nur allzu
wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings wahrnahmen! Der Vortrag über
den lateinischen Konjunktiv schien nicht allein uns durstig gemacht zu
haben, denn das Seidel, das der Direktor vor sich stehen hatte, war
bis auf einen traurigen Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte
in dunkler Röte. Ich schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des
Augusttages oder dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben
sollte: beide Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben.
Ich ergab mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage
Karzer dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem Delinquenten, der
unter dem Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling
schien von der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt
spielte um seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses
Lächeln, und mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen
Brille.
Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. Ehe ich noch
ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und sagte mit einer
Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen Genugtuung widerklang:
»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich doch nicht
getäuscht.«
Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit Rumpfs
ihn versteinert.
»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und verneigte
sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr Direktor, verzeihen
Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«
»Rompf, was onterstehn Sä sich?«
»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem Lächeln.
»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, was för
Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«
»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir nur die
ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »~Quaeritur utrum
Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne~« auch in Dialogform
behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet, nein; ich aber bin in der
Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders für ein derartiges Thema
eignet, denn, sagen Sie selbst, Herr Direktor: wenn man so die Tugenden
und die Laster Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so
ergibt es sich ganz natürlich, daß man jede dieser verschiedenen
Auffassungen eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in
seinem Gespräche über Freimaurerei ...«
»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling.
»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm Rumpf fort.
»Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen Sie da eben
hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute Abend an die
Disposition zu gehen ...«
»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen, Sä haben
säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer höbsch draußen, bäs
äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre Däsposätion wohl Zeit. Kennen
Sä nächt dä Vorschräft des Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern
onserer Anstalt verboten äst, öffentläche Lokale zo besochen?«
»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone eines
Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein zu
besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale einen
Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint es mir den
Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu laufen, wenn man in
der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage ...«
»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er schon äst! Äch
wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen, ond non wäll äch
Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber
nor +ein+ Glas: von där däalogischen Form wollen wär än däsem Falle
absehen.«
»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir dachten
durchaus nicht ...«
»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal drei
Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig Rompf,
wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des börgerlichen Lebens so
väl Geistesgegenwart an den Tag legen, wä jetzt bei Ähren leider nor
zo oft wäderholten Lompenstreichen, so werden Sä ein beröhmter Mann
werden.«
Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen Umständen
erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von zehn Minuten erhob
sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom Sitze, was für uns
natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun. Draußen vor dem Tore
trennten wir uns. Nach zehn Schritten machte Heinzerling Kehrt.
»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der däalogischen
Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch nächt so große Eile
hat, wä Sä vorgeben?«
»~Qui tacet, consentire videtur~«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher
Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet gelassen, also
schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen. Die Grundzüge des
Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier überlegt.«
»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er den
breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch än acht! Äch
för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer ab ond zo selbst eine
kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie ond attischem Salz gewörzt
ist. Äch känne jedoch Leute, dä för dä Reize der Komäk ongleich weniger
empfänglich sänd! Da könnten Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr
öbel anlaufen! Danken Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom
Beispiel mein Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so
hätten Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!«
Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen Laren zu.
Vom Rauchen.
Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem neu
aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor überreicht
und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen Paragraphen über
das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte bezeichneten dieses moderne
Kulturlaster als »überaus schädlich für die Gesundheit und obendrein in
hohem Grade kostspielig«, daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte«
verpflichtet sei, ein Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen.
Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich der kompetenten
Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend ernstlich zu
tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase unter die
Gesetzessammlung mit aufzunehmen:
»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen Privatstudien
sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation untersagt.«
»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt von Stumpfsinn
und wird daher dringlich verbeten.«
»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele,
wie schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist:
›Wer niemals einen Rausch gehabt ...‹ Daher sich denn jeder
Schüler mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen,
augenrollenden Wahnsinns befinden muß.«
Und so weiter.
Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg wahre
Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen Schülern
erziehen.
Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, daß
es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste und in
die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, daß ich ein
stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung trank, denn es
schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter Milch wäre mir
hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im Bier das Kriterium
der Männlichkeit, und so bezwang ich mein Widerstreben und sündigte
ohne jeden Genuß. Hätte man uns damals täglich drei Seidel als Pensum
diktiert, ich hätte mich lieber einsperren lassen, als daß ich mich
diesem Zwange in Demut gefügt hätte.
Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen. Mit wahrer
Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere Zigarren -- nur weil es
verboten war! Keinem von uns wäre es im Traum beigefallen, eine so
unerfreuliche Summe von Beschwerden und Üblichkeiten durchzumachen,
wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen die Überzeugung
geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen doch irgend ein verborgener
Zauber innewohnen, der sich durch fortgesetztes Studium entdecken
ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten würde auf ganz bescheidene
Dimensionen beschränkt werden, sobald jener verhängnisvolle Paragraph
hinwegfiele. Man gebe die Sünde frei, -- und sie hört auf, zu verlocken.