Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen stets von

augenblicklicher Wirkung.

»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn ich in der

Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines Onkels aus

Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum besten gab, wagte er

die überraschte Bemerkung:

»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«

Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen als

möglich:

»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«

Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten in

gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es sich,

von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls man die

Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische Krämpfe in Ansatz

zu bringen.

Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in

Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser

häuslicher Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors:

»Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:

»Mein Waschwasser war gefroren.«

Oder:

»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«

Oder:

»Meine Uhr ging falsch.«

Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« --

ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die Mär von dem

gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.

In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden Bartes zu

verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein Barbier habe sich

verspätet.

»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter brauchte

man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, dachte äch

nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben ja noch Ähren ganzen

Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo haben Sä säch denn rasären

lassen?«

»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben nicht rasieren

lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute war mein Rasiertag.

Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich rasieren.«

»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll in Zokonft

zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«

Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.

Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden

an:

»Ich fiel, zerriß mir die Beinkleider und mußte wieder umkehren.« --

»Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der Kreuzstraße mit einer

eigentümlichen Flüssigkeit begossen etc.« -- »Ich bekam eine Ohnmacht.«

-- »Auf dem Sandwege war die Passage durch drei ineinander gefahrene

Wagen versperrt. Ich mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und

den Kommandantenplatz nehmen.« -- »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« --

»Ich habe mir den Fuß verstaucht.« -- »Es war Glatteis.«

Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß wundern, daß

er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung nichts gemerkt habe.

»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«

Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu bejahen.

»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, »nur an

einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg und am Rathaus

vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der Regel um einige Grad

höher als in den feuchteren Gegenden an der Seltersgasse und dem

Waldtore.«

Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März

und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, diese klimatologische

Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.

Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst

zuzuschreiben, wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im

Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger

Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? Gern

hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen Viertels eingelassen;

aber da sich die Gymnasialregierung absolut weigerte, uns auch nur auf

dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, so sahen wir uns genötigt,

unsere Zuflucht zu dem Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu

nehmen, der höheren Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt,

dennoch aus Opportunitätsgründen respektiert wurde.

Der entrüstete Oberlehrer.

Traun, jetzt bin ich es müde! Beim Zeus, das schändet die Klasse!

Flink auf den untersten Platz! Schmelzer, was träumen Sie noch?

Vorwärts! Hören Sie nicht? Dem Besonnensten reißt die Geduld hier,

Wo sich das Nichtstun frech paart mit der Stupidität!

Bildet der schreckliche Mensch mir ein Imperfektum »~etypson~«!

Wahrlich, die Muse verhüllt schaudernd ihr Göttergesicht!

Nie ward gleiches gehört in den würdigen Räumen Sekundas:

Kaum ein Quartanergemüt wagte so schnödes Gewäsch!

Soll ich den Otto vielleicht, das winzige Knäbchen, zitieren,

Daß mit korrektester Form stolz es den Vetter beschämt?

Gehen Sie in sich, Schmelzer! Dies Imperfektum »~etypson~«

Flößt für die Zukunft mir trübste Befürchtungen ein.

Wer da »~etypson~« sagt, der sagt auch: »Lasset uns kneipen!«

Feist in bavarischem Bier schlemmt er die Gelder hinab.

Wer da »~etypson~« sagt, der schwänzt und wütet im Tabak;

Selbst auf erotischem Feld weckt er gerechten Verdacht.

Wie? Sie trumpfen noch auf? Sie zucken die störrische Achsel?

Holt den Pedellen mir her! Piesecke, tragen Sie ein:

»Schmelzer, weil er »~etypson~« als Imperfektum gebildet

Und den kymmerischen Bock nicht, wie es billig, bereut,

Sondern Gebärden gewagt, die empörende Frechheit bekunden,

Stracks auf den Karzer geschickt!« Marsch nun zur Türe hinaus!

So -- jetzt fahren Sie fort! Ja, ja, so fügt es Ananke!

Freundlich im schweren Beruf stärke mich, Meister Apoll!

Der Bierparagraph.

Die Art und Weise, wie die Schüler der oberen Gymnasialklassen von

den Schulgesetzen ~in abstracto~ und ihren einzelnen Lehrern ~in

concreto~ behandelt werden, hat, streng genommen, etwas Naives, denn

sie basiert auf Voraussetzungen, die eine merkwürdige Unkenntnis

der tatsächlichen Verhältnisse bekunden. Es waltet hier teils der

himmelschreiendste Irrtum, teils der unbegreiflichste Optimismus vor.

Die ernsten Männer, die in ihrer Eigenschaft als Oberstudienräte

die Zusammenstellung jener Gesetzesparagraphen beaufsichtigt haben,

verstanden sehr viel von der theoretischen Pflicht, aber sehr wenig

von dem praktischen Leben. Das moderne Gymnasialgesetz verwechselt den

Begriff einer öffentlichen Lehranstalt, die nur zu gewissen Stunden

besucht wird, mit dem eines Pensionats, das die Schüler sozusagen mit

Leib und Seele aufnimmt und nicht allein ihren Unterricht, sondern

ihre moralische und gesellschaftliche Erziehung leitet. Es ist

lächerlich, die Befugnisse des Gymnasiums in der angedeuteten Richtung

zu erweitern, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil seine Mittel

nicht zur Durchführung ausreichen. Wo die Kontrolle fehlt, da ist alles

Befehlen und Verbieten ein zweischneidiges Schwert. Anstatt sich also

damit zu begnügen, den Gymnasiasten während der Lehrstunden im Zaume

zu halten, ihm gelegentlich die christlichen Tugenden einzuprägen und

die Norm aufzustellen: Sobald du irgendwie einen öffentlichen Skandal

erregst, gleichviel durch welche Handlung, so wanderst du auf den

Karzer, -- anstatt sich dieser klugen Reserve zu befleißigen, mischt

sich das Gymnasium in Dinge, die nicht nur über seine vernunftgemäßen

Befugnisse, sondern in der Regel sogar über die Möglichkeit einer

Beaufsichtigung weit hinausgehen.

So erklärt die Gymnasialordnung das Besuchen von Wirtshäusern

für unmoralisch und ahndet die Zuwiderhandlung mit mehr oder

minder beträchtlichen Freiheitsstrafen. Was man bei diesem Verbot

beabsichtigt, liegt klar zutage: nicht den Wirtshausbesuch an sich,

sondern den daraus erwachsenden Mißbrauch wolle man hintertreiben.

Naiv und idealistisch wie sie sind, glauben die Oberstudienräte diesen

Zweck durch ein Radikalverbot zu erreichen; aber sie haben nur eins

erreicht: der anständige Gebrauch eines an sich harmlosen Instituts

ward zum Verbrechen gestempelt, ohne daß der unanständige Gebrauch,

der Mißbrauch, ernstlich verringert würde. In der Tat läßt sich nicht

absehen, warum es für den achtzehnjährigen Primaner eine Sünde sein

soll, gelegentlich ein Glas Bier zu trinken, während der Kommis schon

in früheren Jahren das gleiche leistet, ohne darum die Achtung seiner

Mitbürger einzubüßen. Weit richtiger und wirkungsvoller würde es sein,

wenn das Gymnasium den allgemeinen Grundsatz aufstellte: »Benehmt

Euch anständig!« -- ohne weiter auf die Details einzugehen. In jedem

einzelnen Falle würde dann das freie Ermessen des Lehrers darüber

entscheiden, ob dieses erste und vornehmste Gebot des Gymnasiasten

befolgt oder verletzt worden wäre. Ein solcher Appell an das Taktgefühl

der jungen Leute bei theoretischer Anerkennung ihrer unbedingten

Selbständigkeit müßte auch moralisch von ungleich günstigeren Erfolgen

sein, als die alberne und demütigende Methode, die jetzt noch vielfach

im Schwunge ist.

Der Bierparagraph war auch mir in den Tagen meiner Gymnasiastenschaft

ein fortwährender Grund des Verdrusses und der Erbitterung. Wenn ich

so an heißen Juliabenden bei den Hecken des Lohseschen Felsenkellers

vorüber kam und den Direktor Samuel Heinzerling erblickte, wie er

im Kreise seiner zahlreichen Familie ein Seidel nach dem andern

hinter die schwarze Krawatte goß, so war mir zu Mut wie einem Pariser

Vorstadtbewohner, der im zerlumpten Kittel durch das Bois de Boulogne

schlendert und die prunkvollen Equipagen des Quartier Saint Germain

vorbeieilen sieht. Warum schwelgte dieser graue Epikuräer im vollen,

während ich, ein Kind der Entbehrung, fernab an der Böschung stand

und meine Sehnsucht bändigen mußte? Wäre ich jetzt kühnlich auf die

Plattform gewandert, hätte ich unbekümmert um Samuel und seine Töchter

Ismene, Winfriede, Laura und Vitriaria vor einem der braun gestrichenen

Tische Platz genommen und einen Schnitt bestellt, so war mein Schicksal

besiegelt. Am andern Morgen hätte der strenge Autokrat mich in

folgender Weise apostrophiert:

»Eckstein! Sä waren mer gestern wäder mal auf dem Felsenkeller! Sä

haben dä Ongeböhrlichkeit Ähres Benehmens so weit geträben, daß Sä

sogar, ohngeachtet Sä mäch bemerkt haben, einen Schnätt bestellten.

Sä gehen mer zwei Tage auf den Karzer! Knebel, schreiben Sä änmal äns

Tagebooch: Eckstein, weil er än einem öffentlichen Bärlokal einen

Schnätt bestellte, mit zwei Tagen Karzer bestraft. Heppenheimer, rofen

Sä den Pedellen!«

Das sieht fast wie ein ~tableau chargé~ aus, aber es ist eine

Photographie, streng nach der Natur. Samuel Heinzerling hatte nur

selten das Glück, einen Schüler wegen »Wärtshausbesochs« abzufassen,

denn wir kannten die Lokale, die er zu frequentieren pflegte, und

vermieden sie: aber wenn er einen ertappte, so übte der ~rector

illustrissimus~ in der oben geschilderten Weise Justiz, und die Form

seines »Eintrags« im »Tagebooch« variierte nur wenig. Niemals ist es

erhört worden, daß er einem kneipenden Schüler die Strafe erlassen

hätte; es war, als fürchte er, der Durst seiner Primaner könnte die

Befriedigung seines eigenen Durstes in Frage stellen, wie er denn in

der Tat stets in den Herbstmonaten, wenn das sogenannte Salvatorbier

ausgetrunken und durch eine geringere, später gebraute Sorte ersetzt

war, düsterer und grämlicher dreinschaute als in der eigentlichen

Saison.

Trotz dieser exklusiven Richtung unseres Direktors zechten wir schon in

Sekunda ganz wacker. Wir hatten eine Stammkneipe, deren Inhaber, von

der Ungehörigkeit der Gymnasialgesetze im tiefsten Innern durchdrungen,

alles anstrebte, um uns das Joch unserer Schülerschaft nach Möglichkeit

zu erleichtern. Leider bot sein Lokal nicht unbedingte Sicherheit, da

sich mitunter auch ein Lehrer in diese traulichen Räume verirrte. Der

alte Lorenz wußte uns in solchen Fällen rechtzeitig von der drohenden

Gefahr zu verständigen. Es war hergebracht, daß wir vor dem Eintreten

an den Schalter klopften. Lorenz zog dann die Klappe weg und grinste.

Dieses Grinsen bedeutete so viel als: die Luft ist rein. War Lorenz

nicht am Faß tätig, so versah einer von seinen Söhnen das Amt des

Schenkwirts interimistisch, und diese Söhne bewerkstelligten jenes

orientierende Grinsen weit unzuverlässiger als der Vater; daher es sich

denn hin und wieder ereignete, daß wir unseren Peinigern ahnungslos in

die offenen Arme liefen.

Eines Nachmittags -- es war im August des Jahres 18** -- hatte uns

Samuel Heinzerling durch eine furchtbare Auseinandersetzung über

das Wesen des lateinischen Konjunktivs gemartert und am Schlusse

seiner Rede ein neues Thema für den lateinischen Aufsatz gegeben:

»~Quaeritur utrum Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne.~«

Am Schlusse der Lehrstunde verspürte ich einen unwiderstehlichen

Durst, und mein Freund Wilhelm Rumpf teilte diese Empfindungen, so

daß er meinen Vorschlag, in der Schenke des alten Lorenz ein Seidel

zu schlürfen, ohne weiteres genehmigte. Arm in Arm schritten wir über

den Ludwigsplatz. Vor der Engelhardtschen Buchhandlung begegnete uns

Wilhelm Rumpfs angeheirateter Onkel, ein liebenswürdiger alter Herr,

der gern seinen Spaß mit uns trieb und auch heut nicht umhin konnte,

uns mit einer scherzhaften Phrase dingfest zu machen. Wir kannten zwar

die humoristischen Redensarten des Onkels seit lange auswendig; aber

die selbstgefällige Freude, mit der er sie immer und immer wieder

vortrug, verfehlte nie ihre Wirkung. Besonders tiefsinnig schien ihm

der anachronistische Scherz von den Kanonen des Hannibal, und er besaß

ein bewundernswürdiges Talent, von jedem beliebigen Gesprächsthema auf

dieses Bonmot abzulenken. -- Als er uns nach längerer Kauserie wieder

freigab, hatte unser Durst gewaltige Dimensionen angenommen, und im

Geschwindschritt eilten wir der Stätte zu, wo wir so oft gegen die

Paragraphen des Gymnasialgesetzes gefrevelt hatten.

Wir klopften an den Schalter. Der alte Lorenz war diesmal wieder

»dienstlich verhindert«, und sein ältester Sohn Fritz stand vor dem

Schenktische.

Der Bursche warf uns einen beruhigenden Blick zu, und so schritten

wir denn ahnungslos ins Lokal und suchten mit jener prüfenden

Unsicherheit, die jedem Neueintretenden eigen ist, nach einem Tische,

um uns niederzulassen.

Da -- wer beschreibt unser Erstaunen, unsere Verwirrung, als wir in der

entferntesten Ecke des langen, bandartigen Kneipzimmers die nur allzu

wohlbekannte Gestalt Samuel Heinzerlings wahrnahmen! Der Vortrag über

den lateinischen Konjunktiv schien nicht allein uns durstig gemacht zu

haben, denn das Seidel, das der Direktor vor sich stehen hatte, war

bis auf einen traurigen Rest ausgeschlürft. Samuels Angesicht glühte

in dunkler Röte. Ich schwankte, ob ich dies Echauffement der Glut des

Augusttages oder dem Zorn über unser vermessenes Eintreten zuschreiben

sollte: beide Umstände mochten in gleicher Weise mitgewirkt haben.

Ich ergab mich schon stillschweigend in mein Schicksal. Die zwei Tage

Karzer dünkten mir ebenso unvermeidlich, wie dem Delinquenten, der

unter dem Fallbeil liegt, die Enthauptung. Auch Samuel Heinzerling

schien von der Notwendigkeit dieser Lösung durchdrungen, denn jetzt

spielte um seine Lippen ein halb verdrießliches, halb siegesgewisses

Lächeln, und mit grimmigem Finger rückte er an der großen rundglasigen

Brille.

Aber wir hatten die Rechnung ohne Wilhelm Rumpf gemacht. Ehe ich noch

ahnte, was er vor hatte, faßt er mich am Arm, und sagte mit einer

Stimme, in der die Fülle der höchsten seelischen Genugtuung widerklang:

»Komm, da sitzt ja der Herr Direktor! So habe ich mich doch nicht

getäuscht.«

Samuel Heinzerling starrte uns an, als habe die Vermessenheit Rumpfs

ihn versteinert.

»Wälhelm« aber schritt kühn auf ihn zu, zog die Mütze und verneigte

sich mit einem artig gelispelten: »Guten Tag, Herr Direktor, verzeihen

Sie gütigst, wenn wir Sie stören!«

»Rompf, was onterstehn Sä sich?«

»Entschuldigen Sie gütigst«, stammelte Rumpf mit verbindlichem Lächeln.

»Was haben Sä här zo sochen? Äch kann mer schon denken, was för

Nächtsnotzigkeiten Sä wäder auf'm Korn haben!«

»Ich habe Sie auf dem Korn, Herr Direktor. Ich wollte mir nur die

ganz ergebene Frage erlauben, ob wir den Aufsatz: »~Quaeritur utrum

Alexander dignus fuerit cognomine Magni necne~« auch in Dialogform

behandeln dürfen. Mein Freund da behauptet, nein; ich aber bin in der

Ansicht, daß diese Form sich ganz besonders für ein derartiges Thema

eignet, denn, sagen Sie selbst, Herr Direktor: wenn man so die Tugenden

und die Laster Alexanders des Großen gegeneinander abwägen will, so

ergibt es sich ganz natürlich, daß man jede dieser verschiedenen

Auffassungen eine Person substituiert. Hat nicht z. B. Lessing in

seinem Gespräche über Freimaurerei ...«

»Schon goot!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling.

»Wir dürfen's also in Dialogform behandeln?« fuhr Wilhelm Rumpf fort.

»Ich wollte mich doch gleich vergewissern. Wir sahen Sie da eben

hereintreten, und da ich die Absicht habe, noch heute Abend an die

Disposition zu gehen ...«

»Rompf, Sä sänd ein Schelm; aber es läßt säch nächt leugnen, Sä haben

säch got herausgebässen. Än Zokonft warten Sä mer höbsch draußen, bäs

äch wäder hänaus komme. So lange hat Ähre Däsposätion wohl Zeit. Kennen

Sä nächt dä Vorschräft des Gämnasialgesetzes, daß es den Schölern

onserer Anstalt verboten äst, öffentläche Lokale zo besochen?«

»Entschuldigen Sie, Herr Direktor,« sagte Rumpf im Tone eines

Gekränkten, »es ist den Schülern verboten, die Lokale allein zu

besuchen; wenn sie aber wissen, daß sie innerhalb dieser Lokale einen

Lehrer oder gar den Direktor der Anstalt treffen, so scheint es mir den

Gesetzen des Gymnasiums durchaus nicht zuwider zu laufen, wenn man in

der Absicht einer wissenschaftlichen Anfrage ...«

»Schwätzen Sä säch den Hals nächt noch trockener, als er schon äst! Äch

wäderhole Ähnen, Sä haben säch got herausgebässen, ond non wäll äch

Ähnen erlauben, daß Sä mät Anstand än Glas Bär tränken. Hören Sä? Aber

nor +ein+ Glas: von där däalogischen Form wollen wär än däsem Falle

absehen.«

»Herr Direktor sind zu gütig, aber ich versichere Sie, wir dachten

durchaus nicht ...«

»Frätz!« unterbrach ihn Samuel Heinzerling, »brängen Sä mal drei

Seidel! So, ond non lassen Sä säch's got schmecken. Wahrhaftig Rompf,

wenn Sä änmal später än den Verhältnissen des börgerlichen Lebens so

väl Geistesgegenwart an den Tag legen, wä jetzt bei Ähren leider nor

zo oft wäderholten Lompenstreichen, so werden Sä ein beröhmter Mann

werden.«

Wir nahmen Platz und ließen uns das unter so gefährlichen Umständen

erworbene Bier trefflich munden. Nach Verlauf von zehn Minuten erhob

sich unser jovial-liebenswürdiger Direktor vom Sitze, was für uns

natürlich das Signal war, ein gleiches zu tun. Draußen vor dem Tore

trennten wir uns. Nach zehn Schritten machte Heinzerling Kehrt.

»Non, Rompf. Sä haben ja noch keine Antwort wägen der däalogischen

Behandlung? Es scheint, daß Ähre Däsposätion doch nächt so große Eile

hat, wä Sä vorgeben?«

»~Qui tacet, consentire videtur~«, sagte Rumpf mit unerschütterlicher

Gelassenheit. »Sie haben meine Frage unbeantwortet gelassen, also

schließe ich daraus, daß Sie meine Ansicht billigen. Die Grundzüge des

Aufsatzes habe ich mir bereits beim Bier überlegt.«

»Nochmals, Sä sänd ein Schelm,« lachte Samuel, indem er den

breitkrempigen Hut in die Stirne zog. »Aber nähmen Sä säch än acht! Äch

för mein Teil habe Sänn för Humor, und lasse mer ab ond zo selbst eine

kleine Dommheit gefallen, wenn sä mät Grazie ond attischem Salz gewörzt

ist. Äch känne jedoch Leute, dä för dä Reize der Komäk ongleich weniger

empfänglich sänd! Da könnten Sä mät Ähren olämpischen Konstgräffen sehr

öbel anlaufen! Danken Sä Gott, daß äch här gesässen habe: wäre äch zom

Beispiel mein Schwägersohn, der Ordänarius von Obersekunda gewäsen, so

hätten Sä kein Bär, sondern Cachot gekrägt! Märken Sä säch das!«

Und mit würdevoller Gelassenheit schritt er den heimischen Laren zu.

Vom Rauchen.

Das zierlich broschierte Heft der Gymnasialgesetze, das jedem neu

aufgenommenen Schüler persönlich vom Herrn Direktor überreicht

und ans Herz gelegt wurde, enthielt auch einen Paragraphen über

das Tabakrauchen. Die Oberstudienräte bezeichneten dieses moderne

Kulturlaster als »überaus schädlich für die Gesundheit und obendrein in

hohem Grade kostspielig«, daher denn jeder Schüler der »Pflanzstätte«

verpflichtet sei, ein Gelübde der Enthaltsamkeit abzulegen.

Die Wirkungen dieses Paragraphen waren der Art, daß ich der kompetenten

Behörde, falls es ihr um die Förderung der Jugend ernstlich zu

tun ist, den Vorschlag mache, künftighin folgende Ukase unter die

Gesetzessammlung mit aufzunehmen:

»Die in hohem Grade zeitraubenden und gesundheitswidrigen Privatstudien

sind jedem Schüler des Gymnasiums bei Relegation untersagt.«

»Das schweigsame Verhalten während der Lehrstunden zeugt von Stumpfsinn

und wird daher dringlich verbeten.«

»Fortgesetzte Nüchternheit schädigt die Elastizität der Seele,

wie schon der uralte christlich-germanische Wahlspruch beweist:

›Wer niemals einen Rausch gehabt ...‹ Daher sich denn jeder

Schüler mindestens dreimal wöchentlich im Zustande eines schönen,

augenrollenden Wahnsinns befinden muß.«

Und so weiter.

Nach den bisherigen Erfahrungen würde man auf diesem Weg wahre

Musterbilder von fleißigen, aufmerksamen und nüchternen Schülern

erziehen.

Kein Kenner der einschlägigen Verhältnisse wird mir bestreiten, daß

es nur das Verbot ist, was den Quartaner an die Regaliakiste und in

die Kneipe führt. Ich weiß mich sehr wohl zu erinnern, daß ich ein

stark gebrautes Lagerbier mit einer wahren Überwindung trank, denn es

schmeckte mir heillos bitter, und eine Tasse gezuckerter Milch wäre mir

hundertmal lieber gewesen: aber ich erblickte im Bier das Kriterium

der Männlichkeit, und so bezwang ich mein Widerstreben und sündigte

ohne jeden Genuß. Hätte man uns damals täglich drei Seidel als Pensum

diktiert, ich hätte mich lieber einsperren lassen, als daß ich mich

diesem Zwange in Demut gefügt hätte.

Noch entschiedener und allgemeiner gilt dies vom Rauchen. Mit wahrer

Todesverachtung qualmten wir in Tertia unsere Zigarren -- nur weil es

verboten war! Keinem von uns wäre es im Traum beigefallen, eine so

unerfreuliche Summe von Beschwerden und Üblichkeiten durchzumachen,

wenn wir nicht aus jenem Gymnasial-Paragraphen die Überzeugung

geschöpft hätten, es müsse dem Rauchen doch irgend ein verborgener

Zauber innewohnen, der sich durch fortgesetztes Studium entdecken

ließe. Das Rauchen der Gymnasiasten würde auf ganz bescheidene

Dimensionen beschränkt werden, sobald jener verhängnisvolle Paragraph

hinwegfiele. Man gebe die Sünde frei, -- und sie hört auf, zu verlocken.

Gesammelte Schulhumoresken · 第 7 / 18 段